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Full text of "Gesammelte Abhandlungen aus dem Gebiete der öffentlichen Medicin und der Seuchen-lehre"

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• I • 


19607 



ls-(^ 


d. <\ 



GESAMMELTE ABHAM)LÜNGEN 


AUS DEM GEBIETE DER 


ÖFFENTLICHEN MEDICIN 


UND DER 


SEÜCHENLEHRE 


VON 


RUDOLF VmCHOW. 


IN ZWEI BANDEN. 

MIT 4 LITHOGRAPHIRTEN TAFELN 



ERSTER BAND. 


BERLIN, 1879. 

VERLAG VON AUGUST HIRSCHWALD. 

NW. UNTER DEN UNDEN «8. 


Alle Rechte vorbehalten. 


Vorwort. 

JJie Reihe von Abhandlungen, welche in der nachfolgenden Samm- 
lung enthalten sind, legt ffir einen Zeitraum von mehr als 30 Jah- 
ren eine Seite meiner Studien und zugleich meiner öflFentlichen Thä- 
tigkeit dar, welche Vielen nur wenig bekannt geworden ist. Eine 
nicht geringe Zahl dieser Abhandlungen ist in Journalen, welche 
wenig verbreitet, oder in officiellen Schriften, welche dem grossen 
Publikum ganz verschlossen oder doch nur schwierig zugänglich sind, 
veröffentlicht worden. Manche von den Zeitschriften, welche ich 
einst zur Veröffentlichung wählte, haben längst zu erscheinen aufge- 
hört. Zum Mindesten sind die Abhandlungen so weit zerstreut, dass 
es für mich selbst aufmerksamen Nachsuchens bedurft hat, um alle 
wieder aufzufinden. Manches ist nicht einmal im eigentlichen Sinne 
Abhandlung, ja nicht einmal von mir selbst geschrieben, sondern 
nach gesprochenen Vorträgen von Anderen aufgezeichnet; Vieles habe 
ich aus den Protokollen gelehrter Gesellschaften herausgenommen, 
und ich bin sogar einigemal, um verständlich zu werden, genOthigt 
gewesen, die gesammte Discussion, also auch die Anführungen an- 
derer Personen, mit aufzunehmen. 

In dieser Eeihe tritt Manches in einen näheren Zusammenhang, 
als es selbst aufmerksamen Lesern in der vereinzelten Abhandlung 
sich darstellen mochte. Man wird erkennen, wie gewisse Richtungen 
der Forschung sich durch ein Menscfaenalter hindurch, wenn auch 
oft unterbrochen, fortsetzen, und nach langen Zwischenstationen end- 
lich zu einem wissenschaftlichen Abschluss oder zu praktischen Ge- 


IV Vorwort. 

staltungen führen. Nicht nur für das Verständniss und die Würdi- 
gung der einzelnen Abhandlungen, sondern auch fOr die genetische 
Betrachtung des allgemeinen Wissens, des Ganges unserer Erkennt- 
niss dürfte diese Zusammenstellung einigen Yortheil gewähren. 

Wo es weiterer Erläuterungen bedurfte, da sind sie, in ähnlicher 
Weise, wie in meinen 1856 veröflfentlichten „Gesammelten Abhandlun- 
gen zur wissenschaftlichen Medicin**, in besonderen Anmerkungen dem 
jedesmaligen Abschnitte angefügt. Der Text der Abhandlungen selbst 
ist, bis auf redaktionelle Verbesserungen, unverändert abgedruckt 
worden. In die Anmerkungen sind manche kleinere Mittheilungen 
und Abhandlungen, welche sich dem Gegenstande anschliessen oder 
zum Verständniss nothwendig erschienen, mit aufgenommen worden. 
Hier habe ich auch einige wörtliche Wiedergaben fremder Veröffent- 
lichungen, auf welche die im Text gegebenen Abhandlungen Bezug 
nehmen, zugelassen; indess habe ich nur solche gewählt, welche 
schwer aufzufinden sind, und auch dann nur solche, welche keinen 
zu grossen Umfang haben. 

Diese Art der Behandlung hat hauptsächlich da Anwendung ge- 
funden, wo es sich um polemische Artikel handelt. Zu meinem Be- 
dauern habe ich es nicht vermeiden können, auch solche Artikel auf- 
zunehmen, da sie in dem Gesammtgange der zeitlich auf einander 
folgenden und sich gegenseitig aufnehmenden Erörterungen nicht aus- 
fallen durften. Wer mich kennt, wird wissen, dass ich nichts nach- 
trage. Die Reproduktion dieser Artikel soll am wenigsten den Zweck 
haben, alte Wunden wieder aufzureissen, und ich bitte die betroffenen 
Herren, soweit sie noch leben, meine Veröffentlichung nicht persön- 
lich auffassen zu wollen. Diese Polemik gehört der Geschichte an, 
aber sie hat einigen Werth, weil sie den Gang der Wissenschaft dar- 
legen hilft. Wo der Friede wiederhergestellt ist, da kann die Ge- 
schichte des Krieges nicht mehr als ein Ausdruck des Fortbestehens 
von Stimmungen betrachtet werden, welche den Krieg hervorriefen. 

Die Sprache in den hier gesammelten Abhandlungen ist viel- 
fach lebhafter, als es meist in der wissenschaftlichen Literatur ge- 
bräuchlich ist. Es erklärt sich diess zum Theil aus dem Umstände, 
dass nicht wenige dieser Arbeiten einer Zeit angehören, wo ich selbst 


Vorwort. V 

jung und wo zugleich die Bewegung der Geister eine erregte war. 
Der erste Abschnitt gehört zu einem grossen Theile den Jnhren 1848 
und 1849 an. Ich bin nicht mehr in der Lage, jedes Wort, welches 
ich damals geschrieben habe, aufrecht zu erhalten. Sowohl in der 
wissenschaftlichen Auffassung, als in der praktischen Anwendung habe 
ich in dieser langen Zeit Fortschritte gemacht, die meine Ueberzeu- 
gungen und Meinungen über Einzelheiten in fühlbarer Weise geän- 
dert haben. Aber ich habe mich meiner unvollkommneren Auffassung 
um so weniger zu schämen, als es mir in nicht wenigen Punkten 
durch eigene Forschung und Erfahrung gelungen ist, einen meiner 
Vorstellung nach höheren Standpunkt zu erreichen. Auch den Irr- 
thum zu bekennen scheue ich mich nicht, in dem ich durch Andere 
corrigirt worden bin. Vielleicht ist es für manchen der jüngeren 
Leser, welche die Sammlung finden wird, lehrreich und zur Abwehr 
eigener IrrthOmer nützlich, mein Beispiel vor Augen zu haben. 

Eine Zeit lang habe ich geschwankt, ob ich auch diese Abhand- 
lungen abdrucken lassen sollte. Entscheidend für die positive Ent- 
schliessung war hauptsächlich die Erwägung, dass die Mehrzahl der 
Fragen, welche in denselben behandelt wurden, noch jetzt nicht aus- 
getragen ist, dass sogar manche von ihnen gerade in der neuesten 
Zeit erst wieder in den Vordergrund des Interesses getreten sind. 
Sind es doch meistens sehr grosse und schwierige Fragen, welche 
mir als Vorwurf der Erörterung dienten. Durch eine Reihe beson- 
derer Umstände wurde ich frühzeitig berufen, an der Lösung solcher 
Fragen theilzunehmen. Bald im amtlichen Auftrage, bald durch 
den Zufall der Ereignisse, bald in freiwilliger Entschliessung Ange- 
sichts bedeutender Erscheinungen, kam ich dahin, eine Reihe ver- 
wickelter Probleme zum Gegenstande meiner Studien zu machen, 
welche mit meinen sonstigen Arbeiten manchmal einen sehr losen 
Zusammenhang hatten. Eine ganze Reihe der schwersten Epidemien 
ist unter meinen Augen verlaufen. Harte Calamitäten, von denen 
ganze Bevölkerungen heimgesucht wurden, habe ich als officieller 
Berichterstatter zu erforschen gehabt. Krieg, Hunger und Pestilenz 
wurden der Gegenstand meiner Betrachtungen. Diese Studien haben 
einen entscheidenden Einfluss ausgeübt auf die Stellung, welche ich 


VI Vorwort. 

im öffentlichen Leben eingenommen habe. Sie waren es, die mich 
zuerst in die praktische Politik fnhrten; sie lenkten die Aufmerksam- 
keit meiner Mitbürger auf mich, als es sich darum handelte, grosse 
Aufgaben der communalen Thätigkeit zu lösen; sie brachten mich in 
amtliche Stellungen, durch welche ich die Pflicht flbemahm, in man- 
cherlei Geschäften der Verwaltung und der Gesetzgebung einen Ein- 
fluss zn Qben. 

Ob dieses ein Vortheil oder ein Nachtheil für mich und fOr die 
von mir im engeren Sione vertretenen Wissenschaftszweige war, mag 
dahin gestellt sein. Freunde sowohl, als Gegner haben diese Frage 
in sehr verschiedenem Sinne beantwortet. Ich habe mich als Borger 
und als Mensch för verpflichtet gehalten, mich nicht zurückzuhalten. 
Thatsache ist es, dass meine Arbeit in viel höherem Maasse, als ich 
selbst beabsichtigt hatte, dem öffentlichen Leben zugewendet, und 
dass meine Stellung in der Welt dadurch in höchstem Maasse be- 
stimmt wurde. Was mich gegen alle Vorwürfe tröstet und weshalb 
ich mich dieser Veröffentlichung mit steigendem Interesse unterzogen 
habe, das ist der Umstand, dass jede dieser Arbeiten einen wissen- 
schaftlichen Charakter bewahrt und dass keine derselben ausser Zu- 
sammenhang mit der fortschreitenden Forschung steht. Es wäre 
vielleicht noch nützlicher gewesen, die Ergebnisse in zusammenhän- 
gender, neuer Darstellung zusammenzufassen und sie zugleich überall 
durch Beziehung auf die neuesten Erfahrungen abzurunden. Leider 
fehlt mir zu solchen Arbeiten, welche, nebenbei gesagt, eine Jahre- 
lange Müsse erfordern dürften, die Zeit, und ich muss es mir in die- 
sem Augenblicke, vielleicht für immer, versagen, eine solche, sonst 
gewiss dankbare Aufgabe in Angriff zu nehmen. Wahrscheinlich 
wird es ja auch an denen nicht fehlen, welche das, was hier zer- 
legt und zerstreut geboten wird, in bequemerer Form verwerthen 
werden. 

Seit Jahren bin ich gewohnt, dass Andere von meiner Arbeit 
mit geniessen. Die Klage, welche ich im Jahre 1856 aussprach 
(S. 430), hätte jetzt, 22 Jahre später, noch viel mehr Grund. Zahl- 
reiche Schüler, welche aus meinen mündlichen Vorträgen die Ergeb- 
nisse meiner Studien kennen gelernt haben, sind in ihren Veröffent- 


Vorwort. VII 

lichungen sich nicht immer der Quelle ihres Wissens so bewusst ge- 
blieben , dass sie dieselbe anzuführen sich veranlasst sahen. Ich bin 
fem davon y diess durchweg bösem Willen zuzuschreiben. Wir Alle 
leben in der Bewegung des Tages und nehmen vielerlei in uns auf, 
was wir nachher als unser eigen betrachten, ohne uns noch des Ge- 
bers zu erinnern. Wer viele Jahre hindurch viele Schüler um sich 
sah, muss darauf gefasst sein, seine Gedanken als fremde zu sich zu- 
rückkehren zu sehen. Indess hat es auch einige Bedeutung, sie als 
die seinigen nachweisen zu können, und auch in dieser Beziehung 
wird diese Sammlung einigen Werth haben. 

Dass die Sammlung nicht Alles bringen kann, was ich über 
öffentliche Medicin — ich fasse unter diesem Namen in altherge- 
brachtem Sinne sowohl die öffentliche Gesundheitspflege, als die ge- 
richtliche Medicin zusammen — und über Seuchenlehre gearbeitet 
habe, ist wohl nicht nöthig, besonders hervorzuheben. Vieles ist in amt- 
lichen Akten enthalten, über welche ich nicht verfügen kann. Noch 
Mehreres ist in anderweitigen Separatabhandlungen oder grösseren 
Werken veröffentlicht und daher für jeden, der darnach sucht, leichter 
zugänglich. Vielleicht der grössere Theil der praktischen Aufgaben, 
an deren Lösung ich mitgewirkt habe, ist in mündlichen Verhand- 
lungen von Commissionen und Körperschaften, deren Protokolle ent- 
weder sehr unvollständig geführt, oder in Registraturen der Behörden 
vergraben sind, erörtert worden, und ich muss darauf verzichten, ihn 
hier zur Erscheinung zu bringen. 

Schliesslich ist zu erwähnen, dass die Einfügung der einzelnen 
Abhandlungen in die grösseren Hauptabschnitte, \velche nöthig er- 
schien, um eine gewisse Uebersichtlichkeit herbeizuführen, den Schein 
erwecken könnte, als sei alles auf den Gegenstand des einzelnen Ab- 
schnittes Bezügliche vollständig in diesem Abschnitte enthalten. Diess 
ist keineswegs der Fall. Nicht wenige Abhandlungen späterer Ab- 
schnitte stehen mit Abhandlungen früherer Abschnitte in innigem Zu- 
sammenhange, ja sie schieben sich zeitlich zwischen dieselben ein. 
Nichtsdestoweniger musste ich sie trennen, um sie an die Stelle zu 
bringen, wohin sie ihrer Haupttendenz nach gehören. Eine rein chro- 
nologische Ordnung würde in Bezug auf das genetische Verständniss 


VIII Vorwort. 

den Vorzug verdient haben, aber sie würde in jeder anderen Bezie- 
hung den Gebrauch des Buches erschweren. 

Nach allen diesen Seiten hin habe ich die Nachsicht der Leser 
in Anspruch zu nehmen. Ich thue es in dem Bewusstsein, dass trotz 
aller Mängel im Einzelnen die Sammlung einigen Nutzen stiften werde. 

Berlin, am 24. November 1878. 

Rudolf Virchew. 


Inhalts - Verzeichniss. 


Die iu diesem Werke zam ersten Mal veröffentlichten Abhandlungen oder An- 
merkungen sind in nachstehender Uebersicht cursiv gedruckt 


6«ito 

L tefeBtlieke fieraidkeitsplege mmi Medieiialreftni. 

I. Was die «medicinische Reform" will (1848) 3 

11. Das Medicinal-Ministerium (1848) 6 

III. Die öffentliche Gesundheitspflege (1848) 14 

IV. Radicalismus und Transaktion (1848) 30 

V. Der Armenarzt (1848) 34 

VI. Die Anstellung von Armenärzten (1849) 38 

VII. Der Staat und die Aerzte (1849) 50 

VIII. Die ärztliche Prüfung (1849) 72 

IX. Schluss der ^raedicinischen Reform" (1849) 74 

X. Die Verwaltungs- Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege im 
Norddeutschen Bunde. 

1) Gutachten der Wissenschaftlichen Deputation für das Medicinal- 
wesen (1872) 78 

2) Bemerkungen über das Reichsgesundheitsamt (1872) 82 

3) Noch einmal das Reichsgesundheitsamt und Hr. Dr. G. Varren- 
trapp (1872) 86 

4) Dritte Antwort an Hm. Varrentrapp (1872) 92 

XI. Uebcr die neueren Fortschritte in der Pathologie, mit besonderer Be- 
ziehung auf öffentliche Gesundheitspflege und Aetiologie (1867) . . 96 

Anmerkungen: Die ^medicinische Reform!' S. 108. Vertheidigungsschrift 
des Geheimen Medicinalraths Dr. Jos. Herrn. Schmidt über das Medi- 
cinal- Ministen um (1848) S. 108. Conflikt mit der Charit^ -Verwaltung 
(1848) S. 110. Petitionen über die Verwaltungs - Organisation im Nord- 
deutschen Bunde (1872) S. 111. Artikel des Hrn. Varrentrapp. S. 113. 
Da» Reichsgeaundheitsamt, S. 113. 


IL VfiktkrtikkeiteB iid Seickei. 

l. Die Epidemien von 1848 (1849) 117 

II. Die Volkskrankheitcn (1849) 123 


Inhalts- Verzeichniss. 

Seit« 

III. Die Cholera. 

1. Die Epidemie von 1848 (1848) 128 

Aus den Verhandlungen der Gesellschaft für wissenschaft- 
liche Medicin zu Berlin (1848) 129 

2. Die Epidemie von 1849 (1849) 147 

3. Kritik einer populären Schrift von Dr. C. Müller (1848) .... 149 

4. Kritische Besprechung von N. Pirogoff, Anatomie pathologique 

du Chol6ra-Morbus. Atlas. St. Petersbourg. 1849. (1852) . . 151 

5. Abdominaltyphus und Choleratyphoid (1853) 184 

6. Offenes Schreiben an Schönlein (1855) 195 

7. Etiologie du Cholera (1856) 200 

8. Choleraähnlicher Befund bei Arscnikvergifiung (1869) 203 

9. Gutachtliche Aeusserung der Köiiigl. Wissenschaftlichen Deputa- 
tion für das Medicinalwesen, betreffend die Aufstellung eines Pro- 
gramms lür die Ueberwachung des Schiffsverkehrs in Bezug auf 

die Verbreitung der Cholera (1873) 206 

IV. Mittheilungen über die in Oberschlesien herrschende Tvphus-Kpi- 
demie (1848) * 214 

V. Kritisches über den obersch lesischen Typhus (1849) 335 

VI. Tuberkulose und ihre Beziehungen zu Entzündung, Scrofulosis und 

Typhus (1850) 363 

VII. Die Noth im Spcssart (1852) 368 

Vm. Die Hunger-Epidemie von 1771—72 in Unterfranken (1852) .... 416 
IX. Ueber die Beziehungen des Typhus zur Tuberkulose. Aus dem patho- 
gischen Curse des Prof. Virchow in Würzburg, bearbeitet von Ernst 

Häckel. (1856) 418 

X. Offener Brief an den Redakteur der „Wiener medicin ischen Wochen- 
schrift", die Beziehungen des Typhus zur Tuberkulose betreffend (1856) 429 

XI. Ueber den Hungertyphus und einige verTi'andte Krankheitsformen. (1868) 433 

XII. Kriegstyphus und Ruhr (1871) • 464 

XIII. Diphtheritis und Croup. 

1. Aus den Verhandlungen der Gesellschaft für Geburtshülfe in 
Berlin (1855) 496 

2. Aus den Verhandlungen der Berliner medicin ischen Gesellschaft 
(1864) 500 

XIV. Pocken (1858) 507 

Anmerkungen: Cholerabe richte von 1S4S, Ä .jfJU. Platzen der DannfoUikel 
nach dem Tode. S. ftOU, Katarrhalische und diphtheritische Schleimhaut- 
entzundungen, S. ötO. Häringsmilchähnliche iSchweltung der Mesenterial- 
dritsen. S. ÖIO, Die Nieren bei Cholera und die katarrhalischen und 
croupösen Entzündungen der Harnwege. S. .')10. Nachtheile der Canthari- 
den-Pffaster (1849). S. 511. Katarrhe der Harnwege nach Arzneigebrauch 
(1849). S. 512. Pseudomeustrualer Zustand der Eierstöcke. S. 512. Aus- 
trocknung des Herzbeutels, S. 012. Lymphatische Speckhaut. S. 513. 
Faulige Injektion. S. 513. Mikrorganismen in CluUeraausleerungen, S. 613. 
Rosige Färbung der Stuhlausleerungen durch Salpetersäure. S. ''tlS, Kör- 
nige Abscheidungen in der Leber und im Darm. S. Ö17, Der Streit über 
die Grundwassertheorie. S. ölS. Darminhalt bei Arsenikvergiftung. S. 'j20. 
Bodentheorie d^r Cholera, S. 020. Hausepidemie von Cholera (1871). 
S. 521. Schiffsepidemie von Cholera an Bord der Franziska. S. 523. Der Zu- 
stand von Oberschlesien. S. .j2S. Alexander r. Frantzius. S. '»23, Dümmler 
(1849) und A. Hein (1848). S. 524. Riecke über Kriegs- und Frie- 
denslyphus (1849). S. 525. Natur der oberschle.uftfhen Typhus- Epidemie. 
S. 521. Tuberkelartige Metamorphose. S. o2S. Ideale Tuberkulose, S. .'»28. 
Die unitarische Tuberkellehre, S o2^. Die kat/iolische Hierarchie und das 
Eilend, S. 'YJt). Cretinismus am Rande des Spessarts. S. ö2tf. Verhältniss 
der Tuberkel zu den Gefässen, S. .i^.9. Tuberkulose der Lymphdrüsen. 
S. 'j2fJ. Fettmetamorphose und Verkäsung, S, Ö2U. Recurrens, S, SSO. 
Alveolarcroup und Pneumonie, S. öSO. Diphtherischer Croup, S, 530. Pha- 
ryngitia fibrinosa. S. 53 L 


Inhalts- Verzeichniss. XI 

Seite 

m. Iraikkeito- mmi SterhUekkeito-Stttisttk. 

I. Beiträge zur Statistik der Stadt Würzburg (1860) 535 

II. Ueber die Sterblichkeitsverhältnisse Berlin's (1872) 561 

III. Ueber ärztliche Terminologie (1875) 576 

IV. Ueber Recrutirungs-Statistik (1863) 577 

Y. Die Morbilität, Invalidität und Mortalität der Militärbevölkerung (1863) 585 

VI. Zur Tagesgeschichte der Krankheiten (1849) 596 

VII. Zur Gfschwulst-Statistik (1863) 597 

Anmerkungen: Die Organisation der physikalisch^medicinischen Gesellschaft 
zu Würaburg (1852). S. 604. Würzburyer SUiHstik. S, 606. Die Mortalitäts- 
statistik auf dem internationalen statistischen Ccngress zu Paris (1855). 
S. 607. Die puerperale Endocarditis. S. 610. Secundäre Natur der meiaten 
Leberkrrbse. S. 6Ifß. Abhängigkeit der Krebaerkrankung von den Ober- 
ßächen. S. 611, Methode der Grundwasser beobachtung (1873). S. 611. 
Das Berliner Schema für die Todesursachen. S. 612. Der Berliner inter- 
nationale Congreaa für Statiatik. S. 617. Reihenfolge der herrschenden 
Krankheiten (1854). S. 618. Vorlesungen über die krankhaften Ge- 
schwülste. S. 618. Der Einflusa der Jahreazeiten auf die Geachwulat-Mor' 
talität. S. 618. 



L OEFFEBTUCHE aESUMHEITSPFLEGE 


UND 


MEDICnAIEEFOM. 


B. Virehov, OelTeiitl. Medichi. 


I. Was die „medicinische Reform" will'). 

(Medieinisehe Reform No. 1 vom 10. Juli 1848.) 


Uie „medicinische Reform^ tritt zu einer Zeit ins Leben, wo die Um- 
wälzung unserer alten Staatsverhältnisse noch nicht vollendet ist, wo 
aber von allen Seiten schon Pläne und Steine zu dem neuen Staats- 
bau herzugebracht werden. Welche andere Aufgabe könnte ihr da- 
her näher liegen, als die, gleichfalls bei dem Abräumen des alten 
Schutts und dem Aufbau der neuen Institutionen thätig zu sein? 
Politische Stürme von so schwerer und gewaltiger Natur, wie sie jetzt 
ober den denkenden Theil Europa's dahinbrausen, alle Theile des 
Staats bis in den Grund erschütternd, bezeichnen radicale Verände- 
rungen in der allgemeinen Lebensanschauivng. Die Medicin kann 
dabei nicht unberührt bleiben; eine radicale Reform ist auch bei ihr 
nicht mehr aufzuschieben. 

Eine Reform überhaupt war ja schon lange als eine der drin- 
ii^endsten Aufgaben der Gesetzgebung anerkannt. Das Ministerium 
Eichhorn hatte bekanntlich diesen Gegenstand mit einem unerwar- 
teten Ernst in Angriff genommen und durch Hm. Schmidt mit einer 
liebenswürdigen Offenheit die officiellen Grundsätze der öffentlichen 
Kritik blossgestellt. Viele Vorschläge waren darauf laut geworden, 
aber noch mehrere waren unterdrückt worden, denn wozu hätte es 
nützen sollen, in dem christlich -germanischen Staat, dessen Bureau- 
kratie das Vollgefühl ihrer Allmacht und Erbweisheit gegenüber dem 
beschränkten und unmündigen Unterthanen -Verstände beim besten 
Willen doch nie ganz verläugnen konnte, Principien der öffentlichen 
Gesundheitspflege zu entwickeln, welche dem Princip von Gottes 
Gnaden zuwider liefen, oder Einrichtungen zur Entwicklung unserer 
Wissenschaft und Kunst zu verlangen, durch welche die medicinische 
Hierarchie in der Behaglichkeit und Selbstzufriedenheit ihres „Seins** 
hätte gestört werden können. 

Jetzt, wo die Macht des Volks willens die „breitesten Grund- 
lagen"*, das demokratische Princip zur Anerkennung gebracht hat, ist 
es an der Zeit, überall und ohne Rückhalt dessen Consequenzen 
durch das freie Wort, geschriebenes und gesprochenes, geltend zu 
machen. Schon treten aller Orten die Aerzte in Versammlungen zu- 
sammen, die Bedürfnisse ihres Standes, ihrer Kunst und Wissenschaft 


4 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

durch gemeinschaftliche Berathungen festzustellen und ihre Interessen 
aus der Hand von ^Vorgesetzten** zu nehmen, welche leider nur zu 
oft die Roccoco- Systeme ihrer Akten tische für den natürlichen Aus- 
druck des Rechts hielten oder gar die äusserste Z&higkeit der Selbst- 
sucht den gerechten Wünschen ihrer Zeitgenossen entgegenstellten. 
Aber auch die Presse hat eine neue Stellung eingenommen. Es ge- 
nügt nicht mehr, in monographischer Form die Wünsche Einzelner 
zur allgemeinen Kenntniss gelangen zu sehen; es sind periodische 
Organe nöthig, welche die Wünsche Vieler, ja wenn möglich Aller 
darzustellen und gegenseitig auszugleichen suchen, welche die Schritte 
der gesetzgebenden Gewalt (also jetzt der Volksvertretung) verfolgen, 
insbesondere aber die Maassregeln der ausübenden Gewalt über- 
wachen, nicht weil wir ein historisches Recht haben, ihr zu miss- 
trauen, sondern weil es sich für freie M&nner von selbst versteht, 
dass sie ihre Angelegenheiten auch selbst in Acht nehmen. 

Die ^medicinische Reform'' wird versuchen, diese Aufgabe durch 
leitende und discutirende Artikel, durch Berichte über die ärztlichen 
Reform- Versammlungen, durch Besprechung der neuen Reformschrif- 
ten, durch Mittheilungen über die Schritte der gesetzgebenden und 
ausübenden Gewalt, soweit sie ihr bekannt werden, zu erfüllen. Sie 
wird diesen Zweck mit der Strenge, welche die hohe Bedeutung des 
Gegenstandes erfordert, aber auch mit der Mässigung, welche das 
Gefühl der Freiheit jedem verleiht, anstreben. Sie eröffnet in diesem 
Sinne ihre Spalten allen denen, welche im Sinne des entschiedenen 
Fortschritts die Reformfrage auffassen, und sie hofft, dass es ihr ge- 
lingen werde, für die Bestrebungen der Aerzte, welche sonst immer- 
hin, auch wo locale Vereinigungen zu Stande gekommen sind, ver- 
einzelt bleiben würden, ein einheitliches Band bilden zu können, wel- 
ches Gew&hr leiste, dass die erwartete General -Versammlung einen 
kräftigeren und mehr selbstbewussten Körper bilden werde, als wir 
es jetzt leider an anderen Versammlungen erleben. 

Wenn damit die nächste Aufgabe der ^Reform'' ausgesprochen 
ist, so versteht es sich von selbst, dass dabei die Interessen deijeni- 
gen, für welche die neuen Institutionen recht eigentlich geschaffen 
werden sollen, auch besonders berücksichtigt werden müssen. Die 
Medicinal- Reform soll doch nicht sowohl der Aerzte, als der Kran- 
ken willen geschehen; die Aerzte sind dabei persönlich lebhaft be- 
theiligt, aber ihre Stellung gegenüber der Frage von der öffentlichen 
Gesundheitspflege ist eine andere, als die der Volksschullehrer gegen- 
über der Frage von dem öffentlichen Unterricht,, nur insofern, als die 
Aerzte unabhängiger und daher mehr berechtigt sind, gehört zu wer- 
den. Die Aerzte sind die natürlichen Anwälte der Armen und die 
sociale Frage fällt zu einem erheblichen Theil in ihre Jurisdiction. 
Die periodische medicinische Presse in Frankreich hat diese Aufgabe 
unmittelbar nach den Tagen des Februar begriffen und die sociale 
(nicht die socialistische) Medicin an die Spitze ihrer Artikel gestellt; 
in Deutschland hat sie den alten Zopf weiter wachsen lassen, als ob 
in diesem Jahre gar kein Monat März gewesen wäre. Die „medici- 
nische Reform"^ wird sich bestreben, auch hier ein altes Unrecht gut 


Was die ^medicinische Reform** will. 5 

zu machen, und wenn sie sehr wohl die Schwierigkeit davon einsieht, 
8o muss doch endlich einmal der Anfang gemacht werden. 

In einer politisch so bewegten Zeit und bei so armseligen medi- 
cinischen Institutionen, wie die unserigen sind, wäre es verwegen, 
einem periodischen Blatte sogleich auch die Aufgabe zu stellen, die 
Reform der medicinischen Wissenschaft mit zu verfolgen. Allein bei 
so grossen Hoffnungen auf radicale Veränderungen, wie wir sie hegen, 
wäre es auch thöricht, einer solchen Au%abe von vornherein zu ent- 
sagen. Sollte die „Reform** Theilnahme genug unter den Aerzten 
finden, um ihr Bestehen Qber die nächste Zeit hinaus als ein ver- 
bürgtes betrachten zu können, so wird sie sich bemühen, in der Art, 
wie es die englischen und französischen Wochenschriften thun, ein 
Organ för die Tagesereignisse der medicinischen Erfahrung zu wer- 
den. Schon jetzt erbietet sie sich den medicinischen Gesellschaften 
zur Aufnahme von Berichten über ihre Sitzungen, den einzelnen 
Aerzten zur Aufnahme kleinerer Originalmittheilungen; schon jetzt 
wird sie den Raum, welchen ihr die Reform -Angelegenheiten lassen, 
für Mittheilungen über neue Erfahrungen aus der medicinischen Lite- 
ratur, fftr kritische Besprechungen der wichtigsten Werke u.s.w. zu ver- 
werthen suchen. Alle diese Gegenstände waren längst dringend noth- 
wendig und hätten unter günstigen äusseren Verhältnissen schon vor 
Jahren Befriedigung finden müssen. Wenn wir es jetzt, wo die 
äusseren Verhältnisse für Unternehmungen solcher Art noch miss- 
licher geworden sind, dennoch wagen, uns diese Aufgabe zu stellen, 
so müssen wir um so mehr erwarten, dass alle diejenigen, welche es 
mit der Entwicklung unserer schönen Wissenschaft, dem höchsten 
Inbegriff menschlicher Erkenntniss, gut meinen, unsere Kräfte durch 
thätige Theilnahme stärken und stützen werden. Wohin die Zersplit- 
terung, die Theilnahmlosigkeit, die Isolirung führen, davon giebt der 
Zustand unserer Medicin ein sprechendes Zeugniss; versuchen wir 
jetzt einmal, wohin Einheit, Enthusiasmus und Verbindung uns brin- 
gen können. Möge die „grosse** Medicin nicht vergessen, dass ein 
Princip der Perfektibilität in der Welt ist, dem sie sich nicht für 
immer wird entziehen können; mögen diejenigen, welche bisher das 
medicinische (gelehrte und praktische) Proletariat bildeten, sich an 
das Wort des Dichters erinnern: 

Pauli um sepultae distat inertiae 
Celata virtus. — 


B OelTentlirhe Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

n. Das Medicinal-Mmisterium. 

(Medicinischo Rerorm No. 3 ii. 4 vom 21. u. 28. Juli 1848.) 


Wir sind über die Zeil hinaus, wo man die 
Weisheit bloss bei den Behörden suchte. 

(Rede des Min. Kühlwetter in 
der const. Versammlung.) 

Auch in den ärztlichen Kreisen ist in den letzten Wochen von 
Selbstregierung und Bevormundung viel die Rede gewesen, aber leider 
sind die Vorstellungen, welche darüber laut geworden sind, gerade 
bei denen, in deren Hand unsere Verwaltung ruht, so seltsam, dass 
es uns an der Zeit scheint, Qber diesen Gegenstand ein offenes und 
durch seine Offenheit entscheidendes Wort zu sagen. 

Sehen wir zunächst, welche Stellung die medicinische Central- 
behörde bisher eingenommen hat und welche Resultate daraus hervor- 
gegangen sind, und zeigen wir sodann, welche Stellung sie künftig 
einnehmen muss und welche Resultate davon zu erwarten sind. 

Für die Periode unseres Staatslebens, welche mit dem 18. März 
zu Ende gegangen ist, war die Bevormundung von Seiten des Staats 
Lebensbedingung; Preussen konnte nur ein selbständiger Staat sein 
als polizeiliche und militärische Institution. Als Friedrich Wil- 
helm L die königliche Krone übernahm, welche sein Vater aus per- 
sonlichem und dynastischem Ehrgeiz durch diplomatische Kunst, 
nicht in Folge des natürlichen Laufes der Ereignisse seinen zer- 
stückelten Besitzungen beigefügt hatte, so fiel ihm die Aufgabe zu, 
diese künstliche und unnatürliche Errungenschaft durch ein ebenso 
künstliches und unnatürliches System der innem Politik zu sichern 
und zu stärken. Es handelte sich darum, die ^ Krone ^ mit dem Lande 
(dem Territorium, nicht dem Volke) innerlich zu verbinden. Mit 
schwerer Hand wurde daher jede Regung des Eigenwillens im Volke 
zurückgehalten, die ständische und städtische Oligarchie in ihrer Selb- 
ständigkeit gebrochen, und der Anfang gemacht, „die Souveränität 
der Krone auf einen roclier von Bronze zu begründen.** Die Gren- 
zen, innerhalb welcher das Volk es sich wohl sein lassen, bis zu 
welchen es sein häusliches und bürgerliches, ja sogar sein geistiges 
Glück ausdehnen durfte, wurden durch den königlichen Willen be- 
stimmt, der zuweilen gar freundlich und patriarchalisch war; der end- 
liche Zweck blieb aber immer die Ansammlung eines Staatsschatzes 
und einer Armee, gross genug, um den Anspruch auf auswärtige 
Bündnisse und damit die Sicherung des zerstreuten Ländergebiets zu 
verbürgen. Die Politik Preussens war damit auf länger als ein Jahr- 
hundert in ihren Grundzügen festgestellt, und bis 1848^haben die 
preussischen MSouveraine** immer jene beiden Hauptau%aben verfolgt, 
einerseits durch ein grosses und wohldisciplinirtes Kriegsheer (wozu 
denn natürlich auch Aerzte von entsprechender Natur gehörten) ihre 
unnatürliche Stellung unter den europäischen Grossmächten zu be- 
haupten und ihre Gelüste nach der deutschen Hegemonie zu verfol- 
gen, andererseits durch ein wohlgeschultes, polizeilich organisirtes Be- 


Das Medicinal-Ministeriuoi. 7 

aintenheer die Selbständigkeit der in ihren Interessen so verschie- 
denartigen Provinzen, die Regungen des Volkswillens darnieder zu 
halten. 

Die preussische Medicinalgesetzgebung basirt bekanntlich ihrer 
Hauptsache nach auf dem ^allgemeinen und neugeschärften'' Medicinal- 
Edict von 1725, erlassen gleichfalls von Sr. Majestät, Friedrich Wil- 
helm I., von Gottes Gnaden König in Preussen. Von da an hat sie 
sich entwickelt, wie die ganze preussische Staatsverfassung, zu einem 
kOnstlichen System, welches in einem starren und unfruchtbaren Ge- 
Bchäftsfonualismus, in einer vielfach abgestuften und gegliederten Be- 
amtenkette seine Starke, in einer dem königlichen (männlichen und 
weiblichen) Sonderwillen entsprechenden Bevormundung seinen Aus- 
druck fand. Natürlich, als die Zeit es mit sich brachte, die brutalen 
Principien des Polizei- und Militärstaates wenigstens äusserlich zu 
humanisircn und durch den täuschenden Glanz des historischen Rechts 
und des christlichen Dogmas zu adeln, mit einem Worte das christ- 
lich-germanische Princip in der ganzen Glorie seiner jesuitischen So- 
phismen aufzubauen, da wurde auch die Medicinalgesetzgebung ge- 
zwungen, den äusserlich sentimalen, innerlich inhumanen christlich- 
germanischen Standpunkt einzunehmen. Hr. Schmidt'^), der medici- 
nische Vertreter der früheren Verwaltung, hat diess sehr schön so 
ausgedrückt: ^die Combination des Medicinal- Ministeriums mit den 
Ministerien des Cultus und des öffentlichen (?) Unterrichts zu einer 
organischen Tripel- Alliance ist einer der glänzendsten Lichtpunkte 
unserer Staatsverfassung", und er findet darin „für unseren Stand- 
punkt zunächst eine doppelte Garantie: 1. dass das Licht des Christen- 
thums in der medicinischen Wissenschaft niemals einen rohen Em- 
pirismus und todten Materialismus aufkommen lassen*), und 2. dass 
die Wärme des Christenthums den armen kranken Landmann in seiner 
einsamen Hütte nicht erfrieren lassen wird.'* 

Welche Früchte hat nun die Triple- Alliance faktisch getragen? 
Hr. Schmidt, der darin ^die beinihigende Gewähr findet, dass die 
medicinische Verwaltung nichts anderes als ein Spiegel der medici- 
nischen Wissenschaft sein werde "*, meint, wir hätten „gerade dem 
bisherigen Verhältnisse die freie Entwickelung und den Flor der 
medicinischen Wissenschaft in unserem Staate zu danken **, und seien 
dabei zugleich „sicher vor jeder allzu grob körperlichen Auffassung 
des Medicinal Wesens. " Allein Hr. Schmidt sieht den Wald vor den 
Bäumen nicht. Allerdings ist der von ihm so sehr gefOrchtete Ma- 
terialismus, d. h. die naturwissenschaftliche Medicin, in Preussen offi- 
ciell nicht aufgekommen, aber weil er nicht aufgekommen ist, trotz- 
dem dass seit Jahren alle Naturwissenschaften und unter ihnen die 
medicinische durchaus materialistisch geworden sind, so folgt daraus 
ganz einfach, dass die medicinische Verwaltung vor dem 18. März 
nicht der Spiegel der Wissenschaft war. Wir machen ihr daraus 


•) Diess ist dasselbe Princip, wie es Ilr. von Wildenbruch in der schleswig- 
holstcinschen Frage ausführt: man führt Krieg mit Dänemark, damit Schleswig-Hol- 
stein nicht eine Republik werde! 


S OelTrnilii'li»' <it'sninili(^ils|iflo;^f' uml Mo(iiciii;tlreroriu. 

keinen Vorwurf; t^ie hat ilir Prinrip mit ziemlich viel Congeciuenz 
verfolgt und das war nun einmal i^e^en den Materialismus. Wir 
wollen weder den Minister, noch seine Käthe anklai^en desshalh, weil 
sie iTute Minister und ii:ute Käthe in dem christlich-i»eniianischen Stuat 
waren; sie haben gegen ihren König ihre Pflicht getlian und ihr le- 
iritimes Unterthanen- Gewissen wird sie trösten. Wir wollen Urnen 
endlieh die Anerkennung nicht versagen, dass sie zuweilen der öfl'ent- 
lichen Meinung und dem persönlichen Woldwollen die Consecjuenzen 
ihres Principe und die Wünsche des Nepotisnuis geo})l"ert liaben. 

Aber fern sei es . von uns, von der Triple-Alliance die freie 
(leiderl) Entwickelung und den Flor der medicinischen Wissenschaft 
in unserem Staate abzuleiten. Die gefeierten Namen, welche Preussen 
an seinen Hochschulen zählt, gehören noch dem Ministerium Alten- 
stein an, welches bekanntlich das christlich - germanische Princip 
schlecht vertrat, mit der gräulichen Ilegelei liebäugelte und daher in 
den letzten Jahren als ketzerisch desavouirt wurde, so dass man die 
daraus stammenden legitimen Käthe durch wenigstens nicht legitime 
bei Seite schob. Die jungen Kräfte, w eiche jetzt in der medicinischen 
WiiJsenschaft Kaum gewinnen, haben sich nn'ihselig und mit grossen 
Kraftanstrengungen zu Tage gearbeitet; sie haben bei der Verwaltung 
reale Anerkennung nur mit geringen Ausnahmen gefunden, und wenn 
diese letzteren dadun-h einzelnen Verwaltungsbeamten persönlich 
verpflichtet sind, so haben sie docli ihr gutes Kecht nicht aufgegeben, 
sowohl dem Princip, als der Verwaltung des Ganzen gegenüber eine 
Opposition zu behauj)ten, welche sie durch ihre Stellung in der Wis- 
senschaft keinen Augenblick verläugnet hatten. — Die eigentliche 
Medicin, die Klinik und die pathologische Physiologie, waren und sind 
weit davon entfernt, in Preussen hn Flor zu stehen. Mit jedem Jahre 
sind sie mehr heruntergekommen inid mit jedem Hall)jahr haben mehr 
junge Leute ihre Bildung im Auslande suchen nn'issen. Diejenigen, 
welche in der Ileimath etwas gelernt und geleistet haben, verdanken 
es äusserem Zufall oder innerer Kraft, nicht den Einrichtungen des 
Medicinal-Ministeriums. Zwischen ihnen und der älteren Medicin 
lieurt dalier ., selbstredend " eine so ^rosse Kluft der Anschauun- 
i:i,(in, dass sie kaum noch auszufüllen sein möchte. — Für die spätere 
praktische Auslnldung hat man nichts, gar nichts gethan. Trotz des 
reichen Materials und trotz des grossen \ Orsprunges, welchen der 
Besitz der norddeutschen Kritik unseren jungen Aerzten gewährte, 
hat es nie eine eigentliche Berliner ärztliche Schule gegeben, welche 
durch die Schärfe ihrer Methode sich eine allicemeine Anerkennunix 
gewonnen hätte; die einzige, welche ül)erhaupt den Namen einer 
Schule verdient, die Kust'sche, flel nnt ihrem Schöpfer, denn ihr 
Princip w^ar die Willkür, ihre Wafl'e der Schematismus, ihre Stütze 
die Autorität. Statt dass man durch gute Eirn-ichtunuen eine Reihe 
grosser Kliniker hätte erziehen können, beschäftigte man sich damit, 
den ärztlichen Einfluss in den Krankenliäusern durch „moralische" 
Direktionen zu brechen, die Spitäler zu Ileerden der Propaganda zu 
machen, die Pfuschereien der Homöopathen und Hydropathen zu le- 
galisiren ; — Deutschland hatte ja immer noch abgenutzte Kräfte mit 


Das Medicinal-Ministerium. 9 

historischen Namen genuf^, uiu sie herbeizuholen, wenn wieder einer 
der „Heroen** zu den Altvätem der Medicin versammelt war. 

Und dennoch hat das Licht des Christenthums es nicht verhin- 
dern können, dass der ^todte Materialismus** in der Medicin aufge- 
kommen ist, und die Wärme des Christenthums, ja sogar die W&rme 
des katholischen Christenthums hat nicht ausgereicht, zu verhindern, 
dass im Jahre des Heils 1847 im Kreise Pless 907 Menschen, d. h. 
1 . 3 pCt. der Bevölkerung einfach erfroren und verhungert sind. O, 
es ist doch sehr wahr, was der Apostel Paulus an die Kömer schrieb: 
«Das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude; auch ist das nicht 
eine Beschneidung, die auswendig im Fleisch geschieht. Sondei'n das 
ist ein Jude, der inwendig verborgen ist, und die Beschneidung des 
Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben 
geschieht."* 

Das Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal- An- 
gelegenheiten hatte also, wie wir gezeigt haben, nicht bloss seine hu- 
manen und natürlichen Aufgaben verfehlt, sondern es hatte selbst die 
Zwecke nicht erreicht, die es sich vorgesetzt hatte. Dagegen hatte 
es die freie Forschung soweit unter geistliche Censur gestellt, dass es 
endlich sogar die Bekämpfung des Materialismus in der Medicin, der 
naturwissenschaftlichen Methode, sich zum Ziel zu setzen wagte; die 
freie Thätigkeit der Einzelnen, Grossen und Kleinen, in knechtische 
Indolenz zu verwandeln, dazu hatte es durch das papierne Regiment 
auch seiner Beamten redlich beigetragen. 

Endlich kamen die Tage des März. Der grosse Kampf der Kritik 
gegen die Autorität, der Naturwissenschaft gegen das Dogma, des 
ewigen Rechts gegen die Satzungen menschlicher Willkör, dieser grosse 
Kampf, der schon zweimal die europäische Welt durchtobt hatte, ent- 
brannte zum drittenmal und der Sieg ward vorläufig unser. Schon 
am 18. hatte man uns die constitutionelle Monarchie versprochen, aber 
erst, nachdem der eherne Mund der Kanonen vergeblich gesprochen 
hatte, erst am 20. fßgte man dazu die „breitesten Grundlagen*", das 
demokratische Princip, den souveränen Volköwillen. 

Herrn Eichhorn 's Portefeuille ward in die Hand des Grafen 
Schwerin gelegt, auf dass er die Demokratie in den geistlichen, 
Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten zur Geltung bringe. Was 
hatte er demnach zu thun? Da die Demokratie keine Staatskirche, 
keine vom Staat anerkannte und keine mit dem Staat in irgend einer 
Verbindung stehende Kirche kennt, so mussten sofort die geistlichen 
Angelegenheiten an die Gemeinden und Confessionen zurückgegeben 
und die absolute Trennung von Staat und Kirche, von Kirche und 
Schule ausgesprochen werden. Dem Minister blieb nur die Thätig- 
keit, den öffentlichen Unterricht und die öffentliche Gesund- 
heitspflege demokratisch zu organisiren. Der Theil der alten 
Beamten, der die Demokratie nicht begrifif, war auf Wartegeld zu 
stellen und durch Männer der neuen Zeit zu ersetzen; die Weisheit, 
welche jetzt nicht mehr bei den Beamten allein gesucht wurde, musste 
in grossen Versammlungen der Erfahrenen und Verständigen erlangt 
werden, welche man in jeder Beziehung von dem Einflüsse der Bu- 


10 HrtToritlicIi«* (it*smnllieils(»ll»'j^r und Meiüfiiiali^^lnriu. 

reaiikratie inul Ilicrarcliie frei zu linltcn stivhcii inusstc. Hoi den 
Lehrorn versuchte innii solche Vers.imnihmiceii, ahor oliiie die ange- 
führte Cautel; hei den Aerzten versuelite mau .'•ie i^ar nicht. Denn 
der Graf Schwerin hatte andere Din^e zu fluni, als sich un» chis 
Wohl des Volkes zu künunern, da das Wohl diM- Knme auf dem 
Spiele stand. In dem Auicenhlicke, wo der Polizei- und Militärstaat, 
wo die l^ureaukratie und das PfaiVenthum auf^'(*hört hatten, in Preus- 
sen zu herrschen, war es klar ii;eworden, dass Preussen in Deutsch- 
land aufii;ehcn nu'isse. Der Könii^, einen grossen (iedanken verfolti;end, 
versuchte es, „sich an die S})itze von Deutschland zu stellen", allein 
Deutschland — i^eruhte seinen eigenen Willen zu hal»en. 

Der Graf Schwerin fi'ddtc l)ald, dass er den Schwierii^keitm 
seines Amtes nicht gewachsen war. Kathlos hatte er si<h initer die 
Käthe i^cstellt, die er in seinem Ministerium vorfand, und die Aerztc 
hatten schon am 27. Mai Gelci^eidieit i;ehal>t, durch den hekainiton 
Artikel im Staatsanzeiger zu erfahren, dass das antediluvianische Mini- 
sterium noch immer da sei luid si<"h nur einen neuen Hut auf don 
alten Kopf ij;esetzt hal)e. - Dem Al)tritt lU^^^ (irafen fol^tci hald der 
des ganzen Ministeriums des Ueheru'ani's glorreichen Andenkens, und 
das Ministerium der That erschien auf der politi>~chen Schjnd)rdnie. 
Auch für das Ministerium des Unterrichts und der (iesundhcitspfleirc 
schienen jetzt die Thaten hei^innen zu sollen. Herr Kodbertus, (?iii 
Mann von (ieist und Herz, der sich innner schon für KraidvenhäuscM- 
interessirt haben sollte, erkainite sofort <lie Nothwendii^keit eines me- 
dicinischen Congresses d. h. der Demokratie Lj:ei;-enMl)er der alten Bii- 
reaukratie an. Allein 

/wischfii Ij'i»]»' tiihl l\«I<'lirsian«l 
."•^r'hwcln der diistrrn M;irhii- Hand. 

Herr Kodbertus scheiterte soi^leich an d(»r deuts<'hen Fratze: Herr 
Kosch, der als Arzt und als Führei* einer Partei im linki'n Centruni 
manche Chancen für sich hatte, war we^en seines rludenthums un- 
möglich (I); der vielersehnte Eintritt des Hrn. Kosenkranz ins Mi- 
nisterium wurde wiederum durch die deutsche Praije liiniiezouen. 

Mittlerweile war Hr. von Ladenberir Aimwcscm- des Ministt^riuins 
geblieben, das sich inmitten der allgemeinen Bewegung nach dem 
ersten Schreck für stabil erklärt hatte. Ein neuer Artik<d im Staats- 
anzeiger vom 10. »Juli zeigte triumjdiirend, <lass die alten T^rincipien 
und daher auch .,sell)stre<lend'' die alten TiCiite immer noch geltend 
seien. Hr. Schmidt hatte freilich mit grosser Bonhommie nach dem 
18. von seinem radical-al)solutistiscIien >>tandpunkt, dessen er sich 
früher so oft ixerühmt hatte, eine Scliwenkun!^ zu dem alt-constitutio- 
nellen gemacht, und seine Ansichten darül)er in einem n<»uen Hundert 
von A})horismen (über Staat, Kirche und Schule *)) dargelegt, wel- 


*) DtT Vrrf. hat sirh frt'ili«'h ni«dit m'iiamit. allein wenn man in so «iiirntluiin- 
lirluT Form ^cistiricli ist. so niilzl dir Anonyniilät nichts. .\ii(di ist uns dir Phras-- 
Von drr l)liil\>ärini' und flcin Ncrvonlitdil aus d<r 1»» Ixannt- n. .il>s..|uiisi ix h.-n \l>>\i' 
drs Vrrf. der Tausend A]diori.sni<*n, die er auf der- vorj.ihiiuen .Natiirlorsi hei-Vrr- 
saiiunlunR in Aachen hielt, noch zu wohl erinn'-rlieh. 


Das Medicinal-Ministerium. 11 

ches selbst die Aiifnierksamkeit der Yossischen Zeitung einen Augen- 
blick fesselte. Er hatte sich darin ein Kartenhaus gebaut, an dem 
die ^breitesten Grundlagen** als Schnörkelwerk im „untersten Stock- 
werk** angebracht waren. Demgemäss sagte er auch in jenem Artikel 
den Aerzten, dass das Ministerium sie durch die Berufung eines Con- 
gresses, den sie selbst gefordert hatten, nicht „bevormunden" 
wolle! Man bevormundete sie also, indem man ihnen sagte, dass man 
sie nicht bevormunden wolle! die alten, wohlbekannten Sophismen! 

Vorläufig können wir also von dem Minister- Verweser nichts 
hoffen. Wir erwarten aber, dass die Verwesung endlich einmal zu 
Ende gehen werde, und dass aus der Asche ein neuer Minister er- 
stehen werde, der die Berufung eines Congresses von Sachver- 
ständigen für die Reform der öffentlichen Gesundheits- 
pflege als seine erste Pflicht erkennen wird. Diesem Congress wird 
er den neuen Gesetz-Entwurf zur Begutachtung vorlegen, bevor er an 
die gesetzgebende Versammlung gebracht wird. 

Sodann halten wir es für dringend nöthig, dass die ausübende 
Gewalt anders gestaltet werde, denn eine Menge administrativer Ver- 
änderungen sind nothwendig, welche eine freiere Gesinnung, ^ ein leben- 
digeres Bewusstsein der Zeit voraussetzen, als wir es jetzt in dem 
Ministerium erblicken. Späterhin wird diess Bedürfniss noch grösser 
sein, und da sich gerade hier die Frage von der Stellung der Behör- 
den, von der Selbstregierung und Bevormundung entscheidet, so wer- 
den wir unsere Ansicht darüber genauer aussprechen. 

Die Einrichtung eines eigenen preussischen Medicinal-Ministeriums, 
wie es von dem Verein der Aerzte des Siegkreises in der Versamm- 
lung des Vereins der Aerzte der preussischen Rheinprovinz zu Bonn 
am 13. Juni d. J. vorgeschlagen ist, halten wir nicht für nothwendig, 
da das Ressort dieses Ministeriums nicht den Umfang hat, um die 
dadurch bedingte, zu grosse Theilung der ausübenden Gewalt zu recht- 
fertigen. Dagegen verlangen wir die Einrichtung eines deutschen 
Reichsministeriums für die öffentliche Gesundheitspflege. 
Schon ist in Frankfurt davon die Rede gewesen, eine Commission 
von Aerzten für die Reform des Medicinalwesens einzusetzen; schon 
hat man die öffentliche Gesundheitspflege in dem Entwurf über die 
Rechte der definitiven Central-Gewalt (Art. IX. §. 29.) erwähnt. 
Allein diess genügt nicht. Dieselbe bildet eine so grosse Aufgabe, 
einen so integrirenden Theil der socialen Frage, deren Entscheidung 
man doch endlich einmal vorzubereiten anfangen muss, dass sie die 
ganze Thätigkeit eines Ministefts erfordert. Soll das allgemeine deutsche 
StaatsbOrgerrecht, das Recht der Freizügigkeit und der freien Aus- 
übung jeder Kunst in jedem Landestheile eine Wahrheit werden, so 
muss auch die ärztliche Praxis durch ganz Deutschland frei sein und 
e« muss eine einige Medicinalgesetzgebung für ganz Deutsch- 
land geschaffen werden. Wir werden darauf später zurückkommen; 
wir haben es hier nur hervorgehoben, um die Nutzlosigkeit eines be- 
sonderen preussischen Medicinal-Ministeriums zu zeigen. Ein preus- 
sisches Ministerium für den öffentlichen Unterricht und die öffentliche 
Gesundheitspflege scheint uns vollkommen ausreichend. Diese Ver-« 


1*2 OolT»Mitlich»' ( rp^iniillieiNptlf'i:»' nml M^*<iiciiialr«»rorni. 

l)in<limi; ist eine nntiirlielie, deiiii <lie Interessen der Wissenscliatt unr] 
des })raktisclien Ijei)ens, des Iiölieren Unterrielits nnd der ausübenden 
Knnst berfdiren und durelidrini^en sieli nirgend so innii^: die ireistiiie 
nnd körperliche P>rzieluing inid J>ildnnix laufen in einer vernünftiLTen 
Dijitetik so vollständiti; in einander, dass zumal l)ei einer weiteren, 
socialen Kntwiekeluni; der Naturwissenschaften eine Treruiunir irar 
nicht mehr moulich sein wird. Dai^eiren würden wir eine Verbindunir 
der öffentlichen Gesundheitspfleite mit dem Ministerium des Innern 
oder der Arbeit weni^^er biHii^^en. Beiden lieirt der nuMÜcinische Unter- 
richt zu fern und doch häni^t dieser so inniii; mit der ])raktischen Aus- 
bilduni^s <lem Prnfinii:;swesen inid der eigentlichen Praxis zusammen, 
dass eine Trennung*, wie wir sie jetzt zum Tlieil haben, nur nacli- 
theilic^ wirken kann. Wir verlani^en daher im (ie^entheil, dass auch 
diejeniLcen Zweii^e der ^ledicin, welche bis jetzt noch im Ministerium 
des Inneren vertreten waren, an den Minister der öfTentlichen Ge- 
sundheitspflege abgei^eben werden. — Was endlich einen tcchniseben 
Minister betrifft, so würden wir ihn mit Hrn. Schmidt für unü^eciirnet 
halten, weil wir nicht wunsdien, <lass in einer Wissenschaft, welehe 
an unglücklichen Svstematikern so i-eich ist, wie die Medicin, uiöi^- 
licherweise ein bestimmtes Svstem durch einen jirztlichen Politiker zur 
Ilcrrschjift konune. 

Es handelt sich vielmehr darum, die Freiheit der Wissenschaft 
LCanz luid uni^eschmälert zu erhalten und die mcdicinisehe Verwaltunir, 
die Ori^ane, durch welche der Minister als (ilied der ausübenden (ie- 
walt wirksam wenlen soll, volksthümlich zu i^estalten. Dass das Pa- 
pierregiment, das grosse Heer von geheimen und nicht geheimen Unter-, 
Ober- und Mittelräthen, von Kreisphysikern undKrciswundärzten u.s. w. 
in der bisherigen Weise nicht fortbesteluMi kann, versteht sich von 
selbst; es fragt sich mir, was für Beamte man braucht und welche der 
Minister sich bestellen soll. 

Zunächst «gebraucht man keine forensischen Beamten oder Be- 
hörden mehr. Von <lem Augenblick an. wo die Rechtspflege demo- 
kratisch organisirt wird, wo nur das von dem Volk durch seine Ver- 
treter gegebene (lesetz Geltung hat und das Volk selbst in dem pein- 
lichen Recht durch (.Teschworne das l^rtheil fällt, da ist jeder von dem 
Staat einmal anerkamite Sachverständige i-leichberechti^t. ]\Iag das 
Gericht, mögen die Parteien zum Zeugniss auffordern, wen sie wollen ; 
der Staat hat keine besonderen Beamten dazu zu besolden. Alle fo- 
rensischen Obliegenheiten, welche bis jetzt den Kreisphysikem imd 
Kreiswiuidärzten, den Medicinal-Collegien, der wissenschaftlichen De- 
putation zufallen, hören damit auf. 

Sodann das Bedürfniss, administrative Medicinalbeamte zu 
haben, wird sich ganz nach den allgemeinen Eiiu'ichtungen der Ver- 
waltung richten, luid wir köimen daher jetzt noch nicht speciell darauf 
einjj^ehen. Es würde sich aber von selbst verstehen, dass, wenn den 
Gemeinden und Kreisen vollständiire Selbst re^ierunü: und Sell)stver- 
waltung nach Maassgabe der allgemein(M) Staatsgesetzgebung und unter 
blosser Ueberwachung durch die Staatsbehörden (ohne direkten Ein- 
fluss) zugestanden wird, auch die öffentliche (lesundheitspflege (i?pe- 


Das Medicinal-Ministeriam. 13 

ciell SanitAtspolizei, Armenkrankenpflege u. s. w.) ihnen von selbst zufällt, 
da«ä also auch die Kreis- und Gemeindeärzte, wie alle Qbrigen Beam- 
ten, aus der freien Wahl, aus dem Vertrauen der Insassen hervorgehen 
müssen. Der Staat kann besondere Kriterien für die Tüchtigkeit der 
Candidaten aufstellen, aber damit muss seine Einwirkung auf hOren. — 
Anders ist es mit der Bezirksverwaltung, für welche die ausübende 
Gewalt sich eine Bestimmung über die Anstellung der Beamten vor- 
behalten kann. Allein auch bei den Bezirksärzten (Regierungs-Medi- 
cinalräthen!) würde die ministerielle Willkür zu beschränken sein, in- 
dem man der ausübenden Gewalt nur das Recht lässt, aus einer ge- 
wissen Zahl von der Gesammtheit der im Bezirk wohnenden Aerzte 
präsentirter Candidaten zu wählen. — Was endlich die Ministerial- 
Aerzte, die unmittelbaren Organe des Ministers betrifft, so kann ihm 
hier keinerlei Beschränkung auferlegt werden. Seine persönliche Ver- 
antwortlichkeit verlangt, dass ihm die Wahl seiner Räthe ohne irgend 
eine Einschränkung freistehe. Er muss sie wechseln können, so oft 
es ihm beliebt; er kann sie aus seinen politischen Anhängern, aus seiner 
Verwandtschaft wählen, wie es ihm gefällt. Die öffentliche Meinung, 
besonders die Presse, wird ihn schon überwachen. 

Die Einrichtung der wissenschaftlichen, consultativen Be- 
hörden muss eine ganz neue werden. Sowohl die ^ rein- wissenschaft- 
lichen und technisch-berathenden'' Provinzial-Medicinal-Collegien müs- 
sen aufgelöst werden, wie es die Breslauer Denkschrift verlangt, als 
auch die wissenschaftliche Deputation, die bei ihrer Zusammensetzung 
aus fast lauter Universitätslehrern und bei ihrer Aufgabe, wissen- 
schaftliche Arbeiten mit allerlei Commissorien, Prüfungen u. s. w. zu ver- 
binden, eine der nachtheiligsten Cumulationen gebildet hat. Wir ver- 
langen dafür zwei neue Institute: eine sich durch freiwillige Wahl 
ergänzende Akademie der Medicin als höchste Instanz in der 
Wissenschaft und einen durch zusammengesetzte Wahl gebildeten und 
in regelmässigen Perioden zu erneuernden Gesundheitsrath als 
technisch-berathende und commissarisch-verwaltende Behörde. An seiner 
Wahl hätten unserer Ansicht nach die gesetzgebende Versammlung, 
der ärzliche Congress und die medicinischen Fakultäten Theil zu 
nehmen, so dass jede dieser Körperschaften eine bestimmte Anzahl 
von Mitgliedern des Gesundheitsrathes zu wählen hätte. Auf diese 
Weise, wie wir auch einen Erziehungsrath gebildet zu sehen wünsch- 
ten, entstände eine unabhängige, von dem Minister- Wechsel unbe- 
rührte, dem ministeriellen Einfluss möglichst entzogene und zugleich 
der politischen Majorität des Landes entsprechende Behörde, in der 
sowohl die medicinische Wissenschaft, als die medicinische und poli- 
tische Erfahrung vertreten wären, welche sich durch ihre zeitweise 
Erneuerung stets thatkräftig, in dem Niveau der Wissenschaft zu er- 
halten vermöchte und den Minister bald controlirte, bald durch ihren 
volksthümlichen Charakter unterstützte. 

Endlich die Aussicht auf alle Stellen, deren Inhaber dazu berufen 
sind, die Wissenschaft und Kunst durch neue Erfahrungen zu 
fordern, muss soviel als möglich dem Streben aller Befähigten gleich 
offen stehen. Alle eigentlichen Lehrstellen, sowie die Secundär- und 


14 OcHViullclio Gosunilheitspfloire und Mo<lirin;ilroform. 

Tertiilrarztstellen an den öffentlichen Krankenliäiisern mus.<en durch 
Concufs vor einer aus Mitgliedern der Fakultäten und aus praktischen 
Aerzten zusanuneni^esetzten Jury erworhen werden; nur die Besetzunix 
der DiriiTentenstellen an den Krankenanstalten niaii: der Minister durch 
Wahl aus einer vom (xesundheitsratli aus der Zahl der Secundänlrzte 
zusanuneiii^estellten Candidatenliste vornelunen. 

Das sind unsere Ansichten von Sell)strei;ieruni^ und Selbstver- 
waltung. — 


m. Die öffentliche Gesundheitspflege. 


I. 

(Medicinische Uulorm No. .'» vom 4. Aui^UHt l>»4t<.) 

Das eine Wort „öffentliche Gesundheitspfiei^^e** sai^^t dem, welcher 
mit Bewusstsein zu denken versteht, die ijjanze und radicale Verände- 
rung in unserer Anscliauung von dem Verhältniss zwischen Staat 
und Medicin; diess eine Wort zeigt denjenigen, welche da gemeint 
liaben und noch meinen, die Medicin habe mit der Politik nichts zu 
thun, die Grösse ihres Irrthums. Wir wissen wohl, dass das Wort 
niclit neu ist, dass man von öft'entlicher Gesundheitspflege (medicina 
publica) sclion seit sehr vielen Jahren gedruckt, geschrieben und ge- 
sprochen hat, aber wir wissen auch selir wohl, dass sie real trotzdem 
nicht dairewesen ist. Was in aller Welt hatten wir denn? Wir hat- 
ten eine Sanitätspolizei — in den Akten, wie Hr. Schmidt sehr 
gut gesagt liat, und wir hatten eine Armen -Kranken pflege — in 
einigen grossen Städten, und auch da mehr als Armenkrankenbehand- 
lung, denn als Armen-Krankenpflege. 

Dieser Zustand muss si(!h jetzt ändern, und zwar entsprechend un- 
serer politisch-socialen Entwickelung? Wie aber ist diese Entwickelung? 
Wir können darauf nicht schöner als mit Julius FröbeTs Worten ent- 
i^ei^nen: „Die Ableitunü: der Souveränität aus den) Willen Aller ist der 
welthistorische sittlit^he Fortschritt unserer Zeit. Die Menschheit fängt an, 
sich selbst als ihren eiirenen Herrn uiul Meister zu fiilden, und in ihrer 
eigenen Natur die Normen der sittliclien Ordnung zu Hnden. Dies ist 
die eigentliche und tiefe Bedeutung des Gedankens der Volkssouve- 
ränität. Dieser Gedanke ist nicht aus dem oberfläclilichen Boden 
des formalen Staatsrechtes erwaclisen; — seine Wurzebi ruhen in 
dem tiefsten (i runde einer neuen sittlichen Weltanschauung, die all- 
mählicli in den Gemüthern an die Stelle der bisherigen getreten ist. 
Machen wir es uns so klar wie nur möglich, und vergessen wir es 
in unserem Wirken keinen Augenblick, dass die Umwandlungen, 
welche in der europäischen Menschheit begoimen haben, mindestens 
so wichtig sind, wie die, welche vor sich gingen, als auf den Trum- 


Die öffentliche Gesundheitspflege. 15 

mem des Alterthums die christliche Weltanschauung entstand.^ In* 
der Thaty eine Bewegung, deren Gleichen die Weltgeschichte nicht 
kennt, hat uns von dem Standpunkt der dynastischen und territorialen 
Politik, dem rein politischen zu dem social-politischen, dem der na- 
tionalen und demokratischen Politik geführt; ihre endliche Ruhe wird 
sie aber erst dann finden, wenn wir auf dem kosmopolitischen Stand- 
punkt, dem der humanen, naturwissenschaftlichen Politik, dem der 
Anthropologie oder der Physiologie (im weitesten Sinne) angelangt 
sein .werden. Und einer solchen Bewegung gegenüber wül man uns 
noch sagen, die Medicin habe mit der Politik nichts zu thun? in 
einer solchen Bewegung kann man uns, die wir uns unserer Kleinheit 
und Endlichkeit gerade hier und von unserem materialistischen Stand- 
punkte aus bewusst sind, persönlicher Leidenschaften zeihen, wenn 
wir es versuchen, die Consequenzen des grossen Gedankens von dem 
Fortschritt im Menschen- Geschlecht an den einzelnen Institutionen 
des Staates zu ziehen? Wir beklagen diese Gemüther tief, die in der 
ängtlichen Umklammerung zunftmässiger oder persönlicher Zustände 
den Sturm der Weltgeschichte zu überstehen hoffen und jedes Stre- 
ben derer, die ihr Schiff in den Sturm zu steuern wagen, von dem 
kleinlichen Standpunkt ihrer Zunft oder ihrer Person zu beurtheilen 
versuchen. 

Der demokratische Staat will das Wohlsein aller Staatsbürger, 
denn er erkennt die gleiche Berechtigung Aller an. Indem die all- 
gemeine gleiche Berechtigung zur Selbstregierung führt, so hat der 
Staat auch das Recht zu hoffen, dass jedermann innerhalb der Schran- 
ken der vom Volk selbst errichteten Gesetze sich einen Zustand des 
Wohlseins durch eigene Arbeit zu erringen und begründen wissen 
werde. Die Bedingungen des Wohlseins sind aber Gesundheit und 
Bildung, und die Angabe des Staats ist es daher, die Mittel zur Er- 
haltung und Vermehrung der Gesundheit und Bildung in möglich 
grosstem Umfange durch die Herstellung öffentlicher Gesundheitspflege 
und öffentlichen Unterrichts zu gewähren. Da nun der Staat die 
sittliche Einheit aller gleich berechtigten Einzelnen darstellt und die 
solidarische Verpflichtung Aller für Alle bedeutet, so versteht es sich 
von selbst, dass es die Aufgabe des Staats ist, die Leistungsfähigkeit 
jedes Einzelnen in dem Maasse fTir seine allgemeinen Zwecke in An- 
spruch zu nehmen, als er dessen bedarf, und sich auf diese TV eise 
die Mittel zu verschaffen, den Bedür&iissen jedes Einzelnen wenig- 
stens in dem Maasse zu genügen, dass der Zweck des Staats, die 
Realisirung des Wohlseins Aller, nicht eine Illusion wird. 

Es genügt also nicht, dass der Staat jedem Staatsbürger die 
Mittel zur Existenz überhaupt gewährt, dass er daher jedem, dessen 
Arbeitskraft nicht ausreicht, sich diese Mittel zu erwerben, beisteht*); 
der Staat muss mehr thun, er muss jedem so weit beistehen, dass er 


♦) Der neue französische Verfassungsentwurf lässt dem Bürger durch die Con- 
stitution das droit a Tassistance garantiren, und definirt es so : celui qui appartient 
aux enfans abandonn6s, aux infirmes et au'x vieillards, de recevoir de T^tat les 
moyens d'exister. 


IG OelTentliche Gesundheitspflej^c und Medioinalreform. 

• eine iifesundlieitsrre müsse Existenz ]ial>e. Das folfft einfach aus 
dem Bei^rift" des Staats als der sittliclien Einlieit aller Einzelnen, aus 
der solidarischen Verpflichtung Aller für Alle; es ist falsch, die christ- 
liche Barmherzii^^keit Einzelner für die Erfüllung einer Pflicht Aller 
zu suhstituiren, wie die Schriftsteller des christlich-germanischen Staats 
gethan hahen, und es ist nicht nothig, aus dem Recht Aller auf stiuit- 
liche Garantie des Eigenthums das Recht auf dieselbe Garantie des 
Körpers als des ersten und natürlichsten Eigenthums herzuleiten, wie 
es Hr. Neumann zur Zeit der Censur gethan hat. Wenn der vStaat 
es zulässt, dass durch irgend welche Vorgänge, sei es des Himmels, 
sei es des täglichen Lebens, Bürger in die Lage gebracht werden, ver- 
hungern zu müssen, so hört er rechtlich auf, Staat zu sein, er lega- 
lisirt den Diebstahl (die Selbsthülfe) und beraubt sich jedes sittlichen 
Grundes, die Sicherheit der Personen oder des Eigenthums zu wah- 
ren. Dasselbe ist der Fall, wenn er zulässt, dass ein Bürger ge- 
zwungen wird, in einer Lage zu beharren, bei der seine Gesundheit 
nicht bestehen kann. Nehmen wir nur das famose und nicht genug 
zu würdigende Beispiel von Obcrschlesien. In seinem berühmten Be- 
richt an den Minister von Bodelschwingh sagt der Oberpräsident 
von Wedell: ,,Die schlechte Nahrung erzeugt Krankheiten aller Art, 
der Typhus fordert in jedem Jahre seine Opfer, und man nennt ihn 
vorzugsweise Hungertyphus, weil der durch schlechte Nahrungsmittel 
und Mangel entkräftete Körper der Krankheit am meisten ausgesetzt 
ist." Dem Mani^el und der schlechten Ernähruno: kann sich aber der 
Arme selbständig nur entziehen, wcim er lohnende Arbeit findet 
und ausführen kann. Letzteres war aber in Oberschlesien nicht mög- 
lich, weil, wie der Geh. Regierungsrath Ileitfeld in der Kreisver- 
sammlung zu Rybnik am 8. November 1847 erklärte, „die Arbeits- 
kla."5se vor Krankheit und Schwäche der Trägheit verfallen war**, 
und es blieb daher nichts übrig, als, wie der Oberpräsident v Wedell 
in einer öffentlichen Bekanntmachung vom 8. Februar 1848 sagte, 
„durch Maassregeln, welche mit Opfern (!) für die Staatskasse ver- 
bunden waren, auf die Beseitigung des Mangels an Lebensmitteln 
hinzuwirken.^ Diese Beseitigung geschah nun aber so, dass eine 
ganz einseitige, nach den ersten Grundsätzen der Physiologie unzu- 
längliche Nahrung gereicht wurde. ]Man gab bloss Mehl und über- 
liess es den Leuten, sich daraus Speisen zu bereiten. Welcher Art 
diese Ernährung war, möge man aus meiner Abhandlung über den 
oberschlesischen Typhus entnehmen. Den Staatsbehörden selbst ent- 
ging es nicht, dass diese Art des Beistandes nicht ausreichte. Statt 
nun aber die Verpflichtung des Staates, anders einzuschreiten, anzu- 
erkennen, appellirten der 01)er]>rä.'^ident der Provinz Schlesien und 
der Präsident des Regierungsbezirkes Oppeln an die christliche Barm- 
herzigkeit, sie forderten die mildthätigen Herzen zu Almosen auf, und 
glaubten ihrer Pflicht genügt zu haben, indem sie der Association 
(dem Breslauer Comitc) überliessen, was des Staates Sache war. Sie 
realisirten damit in gewisser Beziehung die Rathschläge, welche in 
dem bekannten ministeriellen Entwurf der Medicinal-Reform aufge- 
stellt waren; sie handelten im Sinne des alten Staats. — Dieses Bei- 


i)ie öffentliche Gesundheitspflege. if 

spiel wird genfigen, um den principiellen Unterschied zwischen Sonst 
und Jetzt zu zeigen. 

II. 

(U edieinisehe Reform No. 7 vom 18. Aug. 1848.) 

Wir haben in einem früheren Artikel zu zeigen gesucht,- dass 
aus der Bedeutung des Staats als der solidarisch verpflichteten, sit^ 
liehen Einheit aller gleich Berechtigten der Begriff der gleichmässigen 
Berechtiguug Aller auf gesundheitsgemässe Existenz folge. Die Be- 
strebungen des Staats, diese Berechtigung zu realisiren, gehören zum 
grossen Theil in die öffentliche Gesundheitspflege. Wollen wir nun 
diese zeitgemäss, also demokratisch organisiren, wie es von den Ge- 
neral-Versammlungen der Aerzte Berlins, Schlesiens und des Regie- 
rungsbezirks Merseburg schon ausgesprochen ist, so müssen wir uns 
zunächst über den Umfang derselben und dann über die Mittel dazu 
klar werden. 

Was zunächst den Umfang der öffentlichen Gesundheitspflege be- 
trifft, so hat also die Gesammtheit die Verpflichtung, dem Rechte der 
Einzelnen auf Existenz und zwar auf gesundheitsgemässe Existenz 
nachzukommen (Vgl. Archiv f. path. Anat. u. Phys. Bd. IL S. 317.). 
Freilich versteht es sich von selbst, dass die Gesammtheit den Ein- 
zelnen weder die Existenz, noch die Gesundheit gewährleisten, dass 
sie weder den Tod, noch die Krankheit abschaffen kann; sagt doch 
schon die Salemitanische Regel: 

Cur moriatur homo, cui salvia crescit in horto? 
Contra vim mortis non est medicamen in hortis. 

Die Gesammtheit kann weiter nichts versprechen, als was mensch- 
liche Kräfte zu leisten vermögen, allein das Mögliche muss sie unbe- 
denklich gewährleisten. Möglich ist es ihr aber, dafür zu sorgen, 
dass jeder die Mittel, ohne welche sein Leben nicht bestehen kann, 
erlange und dass Niemandem die Möglichkeit der Existenz positiv 
entzogen oder negativ vorenthalten werde. Diese Möglichkeit ist das 
Recht der Einzelnen, die Pflicht der Gesammtheit, denn in einem so- 
lidarischen Verbände ist das Recht des einen „selbstredend"^ die Pflicht 
des anderen. 

Daraus folgt unmittelbar, dass die Gesammtheit auch von den 
Einzelnen wiederum die Mittel ihrer Existenz verlangen darf. Wir 
meinen damit nicht etwa, dass alle Einzelnen (nach ihren Kräften) die 
Mittel zur Existenz aller Einzelnen aufbringen müssen, was sich von 
selbst versteht, sondern dass der Staat, die sittliche Einheit der Ein- 
zelnen, zu seiner Existenz als Ganzes unter gewissen Umständen jede 
Aufopferung der Einzelnen fordern darf. Bei dem jetzigen Zustande 
der Politik muss bekanntlich der Staat darin soweit gehen, dass er 
sogar über das Leben der Einzelnen zu verfügen sich vorbehält, nehm- 
lich im Kriege. 

Wir gehören weder zu den Optimisten, noch zu den Pessimisten; 
wir glauben weder, dass sofort ein allgemeiner und ewiger Frieden 

R. Virchow, Ooffentl. Uediciii. 2 


18 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

hergestellt werden könne, noch dass ftir alle Zeiten ein ^ bewaffneter 
Friede", diese Missgeburt der Gleichgewichts -Politik, gepflegt wer- 
den müsse. Wir sind einfach Naturforscher und als solche verlangen 
wir nicht nur, dass jeder Einsichtige dazu beitrage, den allgemeinen 
Naturgesetzen, welche sich aus der Phänomenologie des Menschen 
ergeben, Anerkennung zu verschaff'en, weil nur unter der Herrschaft 
dieser Gesetze ein befriedigender Zustand Aller möglich ist, sondern 
wir erwarten auch zuversichtlich, dass die Menschheit dahin kommen 
werde, sich selbst als den Zweck ihrer Handlungen zu begreifen. Der 
grosse Gedanke, dem Arnold Rüge in der Frankfurter National- 
versammlung, freilich vergeblich, Ausdruck gegeben hat, dass die in- 
ternationalen Verhältnisse auf Völkercongressen geordnet und eine all- 
gemeine Entwaffnung der Heere vorgenommen werde, dieser Gedanke 
wird sich Bahn brechen, denn die Menschheit hat noch jedem wahr- 
haft menschlichen Gedanken Geltung verschafft. Nur so lange 
also, als die mangelhafte Bildung der Völker noch den alten Zustand 
unterhalt, gestehen wir es der Gesammtheit zu, dass sie für ihre Selbst- 
erhaltung in blutigen Kämpfen das Leben und die Gesundheit der 
Einzelnen in Anspruch nimmt. 

Nach der bisherigen Gesetzgebung hatte sich der Staat noch 
einen anderen Fall vorbehalten, in welchem er über Sein oder Nicht- 
sein der Einzelnen disponirte, nämlich in der Strafgesetzgebung. Allein 
alle gebildeten Nationen überzeugen sich allmählich, dass für die Bei- 
behaltung der Todesstrafe kein vernünftiger Grund existirt, dass alle 
bisherigen Theorien des Strafrechts unsinnig oder barbarisch waren 
und dass es sich künftig nur darum handeln könne, die Verbrecher 
jeder Art zu bessern. HecrFröbel konnte daher sagen: „das ganze 
Gebiet des sogenannten Strafrechts gehört gar nicht dem Rechte, son- 
dern der Schule und zum Theil wohl auch der Heilkunde an"*, 
und mit vollem Rechte zeigte Herr d' Ester (Sitzung der const. Ver- 
sammlung vom 4. d. M.) von dem naturwissenschaftlichen Standpunkte, 
den er als Arzt einnehmen muss, wie der Mensch bedingt und her- 
vorgegangen ist aus Umständen und Verhältnissen, denen er sich 
nicht entziehen kann („ein Produkt der Verhältnisse), und wie es 
daher unrecht sei, an ihm die Fehler seiner Entwickelung und Bil- 
dung zu strafen; wir hätten gewünscht, dass er noch hinzugesetzt 
hätte, wie der einzige, vernünftige Zweck des Staats der sein könne, 
den „Schuldigen^ so lange in seine Erziehung zu nehmen, bis jene 
Fehler corrigirt oder doch unschädlich gemacht worden seien. Sehr 
richtig war unserer Meinung die Forderung des Abgeordneten Köhler 
(Sitzung vom 8. d. M.), dass in die Verfassungsurkunde die Bestim- 
mung aufgenommen werde: das Leben des Menschen ist unverletz- 
lich, die Todesstrafe ist abgeschafft; sehr richtig war seine Bemer- 
kung, dass das nicht mehr eine strafrechtliche, sondern eine sociale 
Frage sei. 

Betrachten wir daher die Todesstrafe als principiell unmöglich, 
den Krieg nicht als ein nothwendiges, sondern als ein aus dem schlech- 
ten Bildungszustande der Völker hervorgehendes und daher mit zu- 
nehmender Cultur allmählich zu beseitigendes Uebel, so können wir 


Die Öffentliche Gesundheitspflege. 19 

von dem Staate erwarten, dass er die Möglichkeit der Existenz als 
ein Recht seiner Burger anerkenne. Auf den ersten Blick scheint 
das ganz natürlich zu sein, allein sobald man die Fi*age weniger ab- 
stract auffasst, so tritt ihr socialer Charakter in seiner ganzen Bedeu- 
tung sehr bald hervor. Es liegt nehmlich auf der Hand, dass die 
Existenzfrage nur für diejenigen Bedeutung gewinnt, denen die Exi- 
stenzmittel fehlen. Diese Bedürftigen zerfallen wiederum in zwei 
Ilauptklassen: Arbeitsfähige und Arbeitsunfilhige, und es fragt sich 
also im concreten Falle, wie der Staat sich diesen beiden Klassen 
gegenüber verhalten soll. Das allgemeine preussische Landrecht hat 
die Grundsätze dafür ganz im Geiste seiner radicalen, von den Men- 
schenrechten ausgegangenen Verfasser entschieden. Es heisst im Th. U. 
Tit. 19. §. 1. Dem Staate kommt es zu, für die Ernährung und Ver- 
pflegung derjenigen Bürger zu sorgen, die sich ihren Unterhalt nicht 
selbst verschaffen, und denselben von andern Privatpersonen, welche 
nach besonderen Gesetzen dazu verpflichtet sind, nicht erhalten kön- 
nen. §. 2. Denjenigen, welchen es nur an Mittel und Gelegenheit, 
ihren und der Ihrigen Unterhalt selbst zu verdienen, ermangelt, sol- 
len Arbeiten, die ihren Kräften und Fähigkeiten gemäss 
sind, angewiesen werden. §. 3. Diejenigen, die aus Trägheit, 
Liebe zum Müssiggang oder andern unordentlichen Neigungen die 
Mittel, sich ihren Unterhalt selbst zu verdienen, nicht anwenden wol- 
len, sollen durch Zwang und Strafen zu nützlichen Arbeiten unter 
gehöriger Auüsicht angehalten werden. — Der Staat soll also den 
Arbeitsunfilhigen die Mittel zur Existenz, den Arbeitsfähigen die 
Mittel zur Arbeit gewähren, die Arbeitsscheuen zur Arbeit zwingen. 
Das allgemeine Landrecht hat demnach diese Frage schon längst im 
Sinne des neueren Socialismus entscliieden, und ist darin sogar weiter 
gegangen, als die jetzigen Gesetzgeber zu gehen gewillt sind. Der 
französische Verfassungsentwurf garantirt im Art. 9. das Recht auf 
Beistand, im Art. 7. das Recht auf Arbeit*), allein er spricht nicht 
von Arbeiten, die den Kräften und Fähigkeiten der Arbeiter gemäss 
sind; er lässt es also unentschieden, ob jeder seine einmal erlernte 
Arbeit garantirt haben soll. Dies verlangen nicht einmal unsere Ar- 
beiter. In dem Einladungs- Programm der in Berlin versammelten 
Deputirten verschiedener Arbeitervereine vom 26. Juni d. J. zu dem 
in Berlin vom 20. — 26. August abzuhaltenden Arbeiter-Parlament 
wird nur gefordert: §. 1. Der Staat verpflichtet sich, einem Jeden, 
der arbeiten will, eine den menschlichen Bedürfnissen ange- 
messene Existenz zu geben. (Garantie der Arbeit.) §. 2. Ver- 
pflichtung des Staats zur Unterstützung und Förderung selbständiger 
gewerblicher oder industrieller Arbeiter- Associationen. §. 3. Der 
Staat versorgt alle Hiflosen und also auch die Invaliden der Arbeit. 
§. 4. Regelung und Beschränkung der übermässigen Arbeitszeit. — 


*) Art. 7. Le droit au travail est celui qu'a tont homme de vivrc en travaillant. 
— La socict^ doit, par les moyens productifs et generaux dont eile dispose, et qui 
scront Organ ises ulterieurement, fournir du travail aux hommes valides qui ne 
peuveut s'en procurer autrement. 

2* 


2Ö ' Oeffenlliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

Wir wollen hier nicht auf diese Fragen weiter eingehen; es war 
nur nothig, sie scharf hinzustellen, um daran den Umfang der öffent- 
lichen Gesundheitspflege zu zeigen. Mögen sie immerhin rein staats- 
Okonomische zu sein scheinen » so haben sie doch eine sehr nahe Be- 
ziehung zur Medicin. Wäre diess nicht der Fall, so wäre es jeden- 
falls falsch, die Medicin eine sociale Wissenschaft zu nennen, denn 
die sociale Frage dreht sich wesentlich um die Fragen von der Exi- 
stenz, der (lohnenden) Arbeit und dem Unterricht 

FQr die bedürftigen Arbeitsunfähigen, also, wie der französische 
Verfassungsentwurf sagt, fQr v^lassene Kinder, Sieche und Greise 
muss der Staat unzweifelhaft sorgen. Der öffentlichen Gesundheits- 
pfle.i^e fällt hier zunächst die Entscheidung zu, ob man dieser Sorge 
in eigenen Anstalten (Gebär-, Findel-, Waisen-, Kranken-, Siechen-, 
Invaliden-Häusern) oder in einer dem Familienleben sich anschliessen- 
den Weise nachkommen soll; sodann wie weit in jedem dieser Fälle 
die Verpflichtungen des Staates gehen und durch wen sie vertreten 
sein sollen, in welcher Art sie auszufuhren sind u. s. w. — Für die 
bedürftigen Arbeitsfähigen muss der Staat in irgend einer Weise 
gleichfalls sorgen. Meint er, und diese Ueberzeugung scheint unter 
den Gesetzgebern in diesem Augenblick fast überall vorzuherrschen, 
dass er nicht jedem eine seinen Kräften und Fähigkeiten gemässe Arbeit 
gewährleisten kann, so bleibt nichts weiter übrig, als entweder direkt 
durch Geld oder Verabreichung der noth wendigsten Lebensbedürfnisse 
(Nahrung, Kleidung, Wohnung) dem Mangel abzuhelfen, oder eine 
totale Veränderung in den Lebensverhältnissen ganzer Klassen des 
Volks herbeizuführen, oder endlich sich die Leute vom ^Halse zu 
schaffen.^ In jedem Falle kann die Medicin sehr lebhaft betheiligt 
sein. Bleiben wir vorläufig nur bei dem letzten stehen, wo scheinbar 
die Medicin am wenigsten in Frage kommt, so handelt es sich dabei 
um Beförderung der Auswanderung und der Colonisation. Wollte 
man nun aber glauben, das seien nicht Fragen der öffentlichen Ge- 
sundheitspflege, so würde man allen Grundsätzen der Humanität 
geradezu ins Gesicht schlagen. Nehmen wir einige Beispiele: Im 
Jahre 1847 wanderten aus Grossbritannien 65,353 Menschen nach 
Canada aus; davon starben auf der Ueberfahrt und kurz nach der 
Ankunft 13,365 = 20.4 pCt. aus Mangel an Schiffsärzten, an Raum, 
ordentlicher Nahrung u. s. w. Von deutschen Auswanderern stehen uns 
keine Zahlen zu Gebote, weil sich Niemand darum gekümmert hat, 
allein es ist bekannt, dass sie oft genug, vom Typhus decimirt, in 
Amerika ankommen. — In diesem Augenblick liegt der französischen 
National -Versammlung ein Projekt vor, nach dem 20,000 Arbeiter 
und 1000 Familien nach Algier zur Colonisation geschickt werden 
sollen. Nun hat sich aus statistischen Thatsachen herausgestellt, dass 
die Mortalität unter der europäischen Bevölkerung Algier's bis jetzt 
durchschnittlich 44,5 pCt., d. h. das Doppelte von der in Frankreich 
beträgt, und es scheint also ziemlich sicher, dass man jenen Coloiiisten 
das Leben direkt durch ihre Ueberführung verkürzt. Hr. Boudin 
hat geradezu zu zeigen gesucht, dass europäische Ackerbau-Colonien 
nur nördlich und südlich von den entsprechenden Isothermenlinien 


Die öffentliche Gesundheitspflege. 21 

von 18® C. gedeihen. Soll man also Algier aufgeben oder die Colo- 
nisation versuchen? Das ist gewiss mehr eine Frage der öffentlichen 
Gesundheitspflege, als der Politik, geradeso, wie die bei uns auf- 
geworfene Frage von den Colonisationen in Mittel- Amerika, bei deren 
Projektirung an jene Erfahrungen gar nicht gedacht ist. 

Die öffentliche Gesundheitspflege hat aber gegenüber den Ar- 
beitern noch ganz andere und nähere Angaben. Schon die Bres- 
Isuer Denkschrift, sowie Hr. Leubuscher (No. 3.), hat es ange- 
deutet, dass ein Gesetz über die Arbeitszeit der verschiedenen Alters- 
klassen von der Medicin ausgehen muss; sie hat deutlich gezeigt, in 
welcher Vernachlässigung sich unsere Gesetzgebung über nachtheilige 
Gewerbe befindet. Nehmen wir auch hier ein Beispiel: In England 
stirbt durchschnittlich jährlich 1 aus 45 Menschen, in den Fabrik- 
distrikten (Cheshire, Lancashire, Yorkshire) 1 aus 39.8, in Edmburg 
1 aus 29. In Liverpool war 1840 die durchschnittliche Lebensdauer 
der höheren Klassen 35, die der Geschäftsleute und besser gestellten 
Handwerker 22, die der arbeitenden und dienenden Klassen 15 Jahre. 
Und doch, trotzdem dass zwei Drittheile der englischen Bevölkerung 
durch die Industrie in Anspruch genommen werden, hat England 
nach der Zählung von 1843 nur eine Mortalität von 21.85 p. Mille, 
während Frankreich 23.61 und Preussen 27.09 p. M. aufwies! Wel- 
ches ist der Grund dieser viel grösseren Mortalität? Hr. Hecker 
sagt in einem sehr wahren Aphorismus: „An allen Yolkskrankheiten 
hat der Culturzustand der Völker, d. fa. ihre Lebensweise und ihre 
Krankenbehandlung einen entschiedenen Antheil und wiederum wirken 
die Volkskrankheiten auf beide zurück.** Was hier von den Volks- 
krankheiten (En- und Epidemien) gesagt ist, gilt ebenso für die übri- 
gen Krankheiten. Nun ist aber die Krankenbehandlung (Therapie) 
nicht gerade die stärkste Seite der deutschen Medicin, und was* die 
Lebensweise anbetrifft, so ist es hinlänglich anerkannt, dass ^e deut- 
schen Arbeiter unendlich viel schlechter leben, als die grosse Menge 
der englischen, Haben wir also nicht hier würdige Aufgaben für die 
öffentliche Gesundheitspflege? Gewährt nicht die jetzige Lebensweise 
unseres Volkes die vielfachsten Anknüpfungspunkte für grosse Ver- 
besserungen? Ist nicht in Kleidung, Nahrung und Wohnung unend- 
lich viel zu reformiren? 

Schon hat der Hr. Minister des Innern einen Aufruf erlassen, 
Vorschläge zur Gefängniss-Reform zu machen; schon hat Hr. Riecke 
die öffentliche Au&nerksamkeit auf den Zustand unserer Kasernen ge- 
lenkt. Wir selbst haben uns bemüht, an dem Beispiel von Ober- 
schlesien die Nothwendigkeit gründlicher Veränderungen in der Hy- 
giene der ländlichen Wohnungen, in der Regulirung des Stromlaufs, 
der Entwässening von Sümpfen und Wiesen u. s. w. zu zeigen. So 
verheerende Krankheiten, wie Typhus, Tuberkulose und Wechsel- 
fieber, müssen aufhören, in einer solchen Ausdehnung, wie bisher, 
unter unserem Volke zu herrschen. 

Sollen wir endlich noch an die Beziehung der öffentlichen Ge- 
sundheitspflege zu dem öffentlichen Unterricht erinnern? Nicht bloss 
die physische Erziehung, die Gymnastik in ihrer weitesten Ausdeh« 


22 OetTentliche Gesundheitspflege und Medicinalrefonn. 

nun^, die Bestimmung der Unterrichtszeit gehören hierher, sondern 
der Unterricht selbst muss gewisse Impulse von der Medicin erhalten. 
Populäre Unterweisungen, die eine allgemeine, vernünftige Diätetik, 
eine allgemeinere Prophylaxe u. s. w. begründen, müssen sich auf 
eine, durch den Unterricht allgemeiner verbreitete Kenntniss des 
menschlichen Körpers und seiner Verrichtungen stützen; die Sittlich- 
keit muss aus einer gründlicheren Anschauung von dem Wesen der 
Naturerscheinungen, von der Bedeutung der ewigen Naturgesetze und 
von ihrer Geltung im eigenen Leibe neue und sicherere Stützen ge- 
winnen. 

Das ist ein kurzer und nicht einmal ganz umfassender Ueberblick 
von dem Umfange der öffentlichen Gesundheitspflege. 


m. 

(Mediclnltche Reform No. 8 Tom 25. Aagust 1848.) 

Wir haben bisher zu zeigen gesucht, wie die öffentliche Gesimd- 
heitspflege, indem sie in ihren Forschungen den Lebensverhältnissen 
der verschiedenen Volksklassen nachgeht und die feinen, gleichsam 
geheimen Schwankungen des Massenlebens verfolgt, bei den meisten 
socialen Schwierigkeiten eine entscheidende Stimme hat. Allein darauf 
beschränkt sich ihre Wirksamkeit nicht. Von Zeit zu Zeit werden 
jene Schwankungen grösser, zuweilen ungeheuer, indem einzelne Krank- 
heiten in epidemischer Verbreitung auftreten. In solchen Zeiten wird 
die öffentliche Gesundheitspflege souverän, der Arzt gebietend. Die 
Geschichte hat es mehr als einmal gezeigt, wie die Geschicke der 
grössten Reiche durch den Gesundheitszustand der Völker oder der 
Heere bestimmt wurden, und es nicht mehr zweifelhaft, dass die Ge- 
schichte der Volkskrankheiten einen untrennbaren Theil der Cultur- 
geschichte der Menschheit bilden muss. Epidemien gleichen grossen 
Warnungstafeln, an denen der Staatsmann von grossem Styl lesen 
kann, dass in dem Entwicklungsgange seines Volkes eine Störung ein- 
getreten ist, welche selbst eine sorglose Politik nicht länger über- 
sehen darf. 

Mit Vergnügen haben wir daher gesehen, dass diese Erkennt- 
niss endlich auch in der Versammlung unserer Volksvertreter zu tagen 
anfängt, dass man einzusehen beginnt, wie die Fragen von der Exi- 
stenz und der Gesundheit tiefer ergriffen werden müssen, als es unsere 
Regulative vorschreiben. In der Sitzung vom 16. d. M. kam ein 
Antrag des Abg. Baumstark zur Debatte, wonach gemischte Kreis- 
commissionen (in denen auch ein auf dem Lande praktisirender Arzt 
sitze) zur Erörterung der gesammten Verhältnisse der bäuerlichen Be- 
völkerung gebildet werden sollten. Bei dieser Gelegenheit bemerkte 
Graf Reichenbach, ^die Roboten und Frohnden seien der Haupt- 
grund der Verarmung, da sie zwängen, für einen Lohn zu arbeiten, 
bei dem die Arbeiter absolut verhungern nulssen; daher komme auch 
der oberschlesische Hungertyphus. ** Obwohl wir diese Auffassung 
des Abgeordneten von der radicalen Linken für eine einseitige halten 


Die öffentliche Gesundheitspflege. 23 

mOssen, insofern, wie wir zu zeigen gesucht haben, eine ganze Reihe 
von Ursachen concurrirt haben, unter denen allerdings die Roboten 
eine bedeutende Rolle spielten, so können wir doch nicht umhin, 
die ministerielle Anschauung als eine ganz verfehlte, und noch dazu 
als ein bedenkliches „Missverstftndniss^ zu bezeichnen. „Die Hungers- 
noth in Oberschlesien **, demonstrirte der Hr. Minister Milde mit dem 
Anschein der tiefsten Localkenntniss, „ist vorzüglich durch den schlech- 
ten Boden der Gegend, durch Misswachs und Typhus veranlasst. "" 
Gewiss, die Hungersnoth war zunächst durch Misswachs bedingt^ der 
Misswachs konnte wenigstens durch schlechten Boden bedingt sein, 
allein weiss der Hr. Minister nicht, dass Misswachs nur bei armen 
und unwissenden Völkern absolute Hungersnoth herbeiführt und dass 
Cultur auch schlechten Boden in fruchtbringenden umwandeln kann? 
Wie aber gar die ministerielle Logik die Hungersnoth auf den Typhus 
zurückfahren kann, vermögen wir durchaus nicht einzusehen, denn 
Hungersnoth war schon 1846 vorhanden, als noch keine Typhus-Epi- 
demie existirte; endemischer Typhus aber war immer vorhanden, auch 
als keine Noth herrschte. Wir können es daher nur billigen, dass 
der Abg. Müller (Wohlau) sich durch eine solche Argumentation 
nicht befriedigt erklärte. „Was man auch sagen mag,^ sprach er, 
„die Roboten haben dem Typhus den Boden bereitet," und er schloss 
mit dem socialen Satze: „jeder muss von seiner Arbeit leben 
können. "" 

In dieser Discussion, auf welche wir für den Augenblick nicht 
weiter eingehen wollen, sind alle die Saiten angeschlagen, welche wir 
in unserem letzten Artikel berührt haben. Die öffentliche Gesund- 
heitspflege lässt sich gar nicht mehr isolirt betrachten, sie ist nicht 
mehr eine unpolitische Wissenschaft, die Staatsmänner bedürfen des 
Beistandes einsichtsvoller Aerzte. Und wenn es nun wahr ist, dass 
in dem Leben der Völker Momente eintreten, wo die öffentliche Ge- 
sundheitspflege souverän wird, wo der öffentliche und private Verkehr 
durch grosse Seuchen unterbrochen werden, ist es da nicht die erste 
Pflicht der Staatsgewalt, für solche Momente grosse und weise Maass- 
regeln zu ergreifen? Müssen da nicht die Staatsmänner aus der ge- 
wesenen Epidemie lernen und sich gegen die vielleicht kommende 
rüsten? Müssen da nicht die hohen Beamten die Warnungstafeln lesen, 
welche ihnen vor Augen gestellt werden ! Aber leider ist es sehr wahr, 
was Herr Davidson bei Gelegenheit des Typhus sagt: „Obgleich 
unsere Philantropen während des Bestehens einer Epidemie sehr thätig 
sind, so verfallen sie doch, sobald dieselbe aufhört, in eine verglei- 
chungsweise Ruhe, und unsere Armen in ihre früheren Gewohnheiten, 
in Schmutz und Unmässigkeit. "" 

Wiederum erscheint jetzt die Cholera unter uns, wenn auch noch 
nicht in ungeheurer Ausbreitung, so doch mit einem sehr mörderischen 
Charakter; sie erscheint bei uns, die wir schon zweimal von ihr heim- 
gesucht waren. Was aber haben unsere Behörden aus der Vergan- 
genheit gelernt? was haben sie in der Zwischenzeit gethan? 

Die beiden praktisch bedeutsamsten Fragen über die Cholera, die 
nach ihren Ursachen, namentlich nach ihrer Contagiosität, und die 


24 Oeffenlliche Gesundheitspfleg:e und Medicinalreform. 

nach ihrer Behandlung, waren bekanntlich bei den frOheren Epidemien 
ungelöst geblieben. Allein einerseits hatte die öbergrosse Mehrzahl 
der Aerzte sich mittlerweile f&r dieselbe Ansicht entschieden, welche 
die indischen Aerzte schon seit langer Zeit vertheidigten, dass nehm- 
lieh die Cholera nicht ansteckend sei ; die kleine Alinorität, welche an 
der Contagiosit&t festhielt, konnte wenigstens nicht leugnen, dase die 
Cholera in einer ganz anderen Art ansteckend sein müsse, als die be- 
kannten ansteckenden Krankheiten. Andererseits konnte man nicht 
bezweifeln, dass unter allen Methoden der Behandlung, welche aus 
der früheren Epidemie bekannt geworden waren, die durch Kftlte be- 
sonders günstige Resultate geliefert hatte. — Was geschieht nun? 
Man wirft eine populäre Anleitung unter das Volk, welche aus Sätzen 
zusammengeklebt ist, die eine eben so bigotte, als verstockte Conta- 
gien-Manie vor 13 Jahren aufgestellt hatte, und welche von einer 
Theorie der Behandlung ausgeht, die praktisch die allerzweifelhaftesten 
Resultate gewährt hatte. Und nicht bloss die Contagiosität war, wie 
Hr. von Puttkammer sehr bezeichnend sagt, Staatsdogma, sondern 
auch die warme Behandlung, und nicht bloss die Contagiosität über- 
haupt, sondern die Uebertragung durch einen «flüchtigen Krankheits- 
stoff, "* der an Menschen, an Effecten und Utensilien haftet! Unmittel- 
bar, nachdem man (d. h. also besonders die Aerzte) einen Cholera- 
kranken verlassen hat, soll man sich die Hände und das Gesicht 
waschen, den Mund ausspülen, die Nase schnauben und das Haar 
auskämmen! (Warum soll man denn nicht jedesmal ein ganzes Bad 
in Chlorkalklösung nehmen und sich die Kleider ausklopfen? und 
warum wird nicht gesagt, ob der «flüchtige Krankheitsstoff"* schon 
durch einen groben Kamm hinweggenommen wird oder ob man einen 
,, feinen^ nehmen muss?) Während man bei dem Kranken ist, soll 
man eingemachten Ingwer, Kalmus oder Pomeranzenschaalen kauen. 
Um sich vor der Krankheit zu sichern, soll man sich ^angemessene 
zerstreuen, aber man soll den Besuch von Orten meiden, wo ein gros- 
ser Zusammenfluss unbekannter Personen stattfindet und eine nahe 
Berührung mit denselben nicht zu vermeiden ist. Man soll für eine 
„angemessene** körperliche Bewegung sorgen, aber sich vor übermäs- 
sigen Anstrengungen hüten u. s. w. 

Von der populären Instruktion, die 1832 in Paris publicirt wurde, 
konnte Louis Blanc*in seiner klassischen Schilderung jener Epidemie 
wenigstens sagen: „Gewiss waren diese Vorschriften sehr zweckmässig, 
aber für den Theil des Volkes, dem eine unbillige Civilisa- 
tion Brod, Wohnung, Kleidung und Ruhe in so spärlichem 
Maasse zugetheilt, waren sie lächerlich. ** Leider müssen wir 
selbst den ersten Theil dieses Satzes noch streichen, aber wir sind ja 
daran gewöhnt, Frankreich einen Schritt vor uns vorauf zu sehen. 
Haben wir doch eben ein neues Beispiel vor uns: Seit fast 3 Jahren 
ist die Cholera jetzt wieder auf dem Wege zu uns, und was haben 
wir gethan? Die wissenschaftliche Deputation hat einige Paragraphen 
des Sanitäts-Regulativs geändert, welche überhaupt nie hätten gesdirie- 
ben werden sollen. Und was hat die französische Regierung gethan? 
Schon im vorigen Jahre sahen wir die Aerzte durch Berlin passiren. 


Die öffentliche Gesundheitspflege. 25 

welche zam Studium der Krankheit nach Russland gingen, und in 
diesem Augenblick beschäftigt sich die Regierung damit, die von die- 
sen Aerzten gesammelten Beobachtungen über die Natur, Verhütung 
und Behandlung der Krankheit zu veröffentlichen. — Aus Tiflis wird 
uns ein ganz sicheres, schnell wirkendes Heilmittel ohne allen An- 
schein von Charlatanismus empfohlen, aber wir haben es nicht in un- 
seren Officinen! Aus Kasan wird uns die Anwendung der Kälte ge- 
rühmt, und unsere Sanitäts-Commission bleibt auf dem gesetzlichen 
warmen Boden! 

Staatsdogma und gesetzlicher Boden — christlich -germanisches 
Principl Will und kann man denn nicht einsehen, dass bestimmte 
Principien nur für bestimmte Cultui*8tufen der Völker sind und dass 
Revolutionen die Bedeutung haben, dass neue Principien, welche in 
den Köpfen grosser Denker schon lange festgestellt waren, plötzlich 
allgemeine Anerkennung gewinnen? Ist es so schwer einzusehen, dass 
der Staat weiter nichts ist, als der lebendige Ausdruck des wissen- 
schaftlichen Zeitbewusstseins, und dass die jetzige Wissenschaft das 
Dogma bekämpft, und nicht das historische, sondern nur das natür- 
liche Recht anerkennt? Ist es so unklar, dass unsere Bewegung eine 
sociale ist und dass man nicht Anleitungen zu schreiben hat, um die 
Inhaber von Melonen und Lachsen, von Pasteten und Eistorten, kurz 
den wohlhäbigen Bourgeois zu beruhigen, sondern dass man Anstal- 
ten treffen muss, um den Armen, der kein weiches Brod, kein gutes 
Fleisch, keine warme Kleidung, kein Bett hat, der bei seiner Arbeit 
nicht mit Reissuppen und Chamillenthee bestehen kann, den Armen, 
der am meisten von der Seuche getroffen wird, durch eine 
Verbesserung seiner Lage vor derselben zu schützen? Mögen die Her- 
ren im Winter sich erinnern, wenn sie am geheizten Ofen sitzen und 
ihren Kleinen Weihnachtsäpfel vertheilen, dass die Schiffsknechte, 
welche die Steinkohlen und die Aepfel hierher gebracht haben, an 
der Cholera gestorben sind! Ach, es ist sehr traurig, dass immer Tau- 
sende im Elend sterben müssen, damit es einigen Hunderten wohl geht, 
und dass diese Hunderte, wenn wieder ein neues Tausend an die 
Reihe kommt, nur eine Anleitung schreiben! 

Man hat dieses Verhältniss Papierregiment genannt 


IT. 

(Medlciolsche Reform No. 9 Tom 1. September 1848.) 

Die Zeitungen vom 27. August brachten einen Aufruf für die 
Nothleidenden im schlesischen Eulengebirge, unter dessen Unterzeich- 
nern der Hr. Staatsminister Milde obenan steht. „Gestörte Handels- 
verbindungen und das Missrathen der Emdte,^ heisst es darin, „führ- 
ten diesen Theil der Bevölkerung schon im vorigen Winter an den 
Rand des Verderbens. Schon damals fing der Typhus zu herrschen 
an. Das Stocken des Verkehrs seit den letzten Monaten steigei-t die 
Noth von Tag zu Tage. Der Winter naht und mit ihm das unüber- 


26 OefTentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

sehbarste Elend.** Also wiederum Hungersnoth und Seuche! wie- 
derum die Sorge um Leben und Gesundheit! wiederum die Elemen- 
tarfragen der Staats Weisheit! Und was thut der Staatsmedicus? Hilft 
nun der Handelsminister den ^gestörten Handels- Verbindungen** auf, 
beseitigt er das ^Stocken des Verkehrs?^ Hat er bei Zeiten Vorraths- 
häuser eingerichtet und öffnet er dieselben jetzt seinen hungernden 
Landsleuten? O nein. ^An das Mitgefnhl aller Menschenfreunde in 
weiteren Kreisen wenden wir uns vertrauensvoll mit der herzlichen 
und dringenden Bitte um Beiträge zur Unterstützung jener Unglück- 
lichen. Auch die kleinsten Gaben werden deren Thr&nen trocknen 
helfen.** Also auch der constitutionelle, verantwortliche Minister weiss 
keine andere Hülfe, als die Wohlthätigkeit, das Mitgefühl, die christ- 
liche Barmherzigkeit in ^weiteren Kreisen*" d. h. in dem- ganzen, eini- 
gen Deutschland und wo möglich bei den deutschen Brüdern am Ohio 
und Michigan-See; auch er schlägt den Weg ein, den vor der Sünd- 
fluth der Oberpräsident von Schlesien und der Regierungspräsident 
von Oppeln betraten, als der oberschlesische Jammer ^unübersehbar** 
zu werden drohte. Auch er glaubt also, die Regierung könne mit 
diesen Incompetenz-Erklärungen gegenüber der Krankheit xmd dem 
Tode ruhig fortfahren, und sie könne wieder das frivole Wort aus- 
sprechen, das vor der ersten französischen Revolution gesprochen ward: 
aprh naus le delugef 

Gewiss, solche Erfahrungen können einem die Hoffnung verleiden, 
dass die öffentliche Gesundheitspflege* eine Wahrheit werden solle. 
Allein verlieren wir die Geduld nicht. Jeder grosse Gedanke, bevor 
er zur Erscheinung kommt, muss unter Schmerzen gross gezogen wer- 
den; seine ersten Träger fallen oft genug einem dunklen Geschick 
zum Opfer, aber jedes Opfer ist ein Schritt vorwärts und aus den 
Reihen der Todten erhebt sich endlich der Sieg. Auch der Ge<lanke 
von der gleichen Berechtigung aller Einzelnen wird noch manches 
Opfer, sei es im blutigen Kampf, sei es im Kerker, auf dem Kran- 
kenbett oder im Hause des Hungers, fordern, bevor er sich siegreich 
darstellt, aber es wird fürder kein Moment der Geschichte mehr 
geben, wo nicht für seine Verwirklichung gekämpft wird. Und wie 
könnte der Sieg zweifelhaft sein, wo man auf der einen Seite pro 
(triff et focin^ auf der andern pro vi'ta et sanitate kämpft! 

O es ist viel zu spät, so viel Thränen durch ^kleinste Gaben** 
mitfühlender Seelen zu trocknen. Wenn das eines der Resultate der 
viel gerühmten Studien ist, welche unser Bourgeois -Minister in Eng- 
land gemacht haben soll, so müssen wir bedauern, dass er seine Bour- 
geoisie verkennt. Das Schicksal der freiwilligen Anleihe hätte ihm 
zeigen können, dass die englische (jentry bei uns keine Analoga hat, 
und wiedenim die Erfahrungen dieser fjentry hätten ihn lehren kön- 
nen, dass die Privatwohlthätigkeit nicht mehr ausreicht, um die so- 
cialen Leiden zu heben. In London allein werden 33 Hospitäler, 
4 Irrenhäuser, •J3 Dispensi ranstalten und 10 Gebärhäuser mit bedeu- 
tenden Fonds durch Privatwohlthätigkeit unterhalten, und doch ver- 
schwinden diese Anstalten in dem Elend des Proletariats. „Wenn 
wir all9 Institutionen aufzählen wollten,** sagt ein französischer Be- 


Die öffentliche Gesandheitspflege. 27 

richterstatter, „ welche von der Privatwohlthfttigkeit London's ehren- 
voll zeugen, so würden wir zu weitläuftig werden. Aber es ist leicht, 
daran zu zeigen, dass, wenn die sociale Frage durch das Princip der 
Barmherzigkeit gelöst werden könnte, der Pauperismus in England 
längst dem Zusammenwirken von so aufrichtigen, mächtigen, gross- 
mOthigen und auf so weiter Stufenleiter wirkenden Kräften hätte 
weichen müssen. Statt dessen erhebt er sich jeden Augenblick von 
Neuem und beweist durch eine so schlagende Erfahrung, dass man, 
um ihn zu besiegen, zu anderen Heilmitteln und zu radicalen Refor- 
men greifen muss."^ 

Auch bei uns hat die Privatwohlthätigkeit, zwar nicht von dem 
Standpunkt des Besitzes gegenüber dem Proletariat, sondern von dem 
christUch - germanischen Standpunkte aufrichtige und grossmüthige, 
wenn auch nicht mächtige Anstrengungen gemacht, um dem Elend 
der Armen aufzuhelfen, und insbesondere in der Krankenpflege hat 
sie, wenn auch häufig auf barocken Umwegen, zum Theil Resultate 
erlangt, welche die Staatsmänner beschämen sollten. Allein alles das 
hilft nicht dauernd. Auch die Gemeinden haben nicht unbedeutende 
Mittel aufgewendet, wie namentlich das ruhmvolle Beispiel von Berlin 
zeigt, das feist eine halbe Million zur A menpflege verbraucht. (Im 
Jahr 1846 wurden allein in den 409 Krankenanstalten des Staats 
87,792 Kranke aufgenommen; von diesen kamen auf die 18 Anstalten 
Berlin's 11,335, also mehr als der achte Theil.) Allein auch das ge- 
nügt nicht Die ersten Erfordernisse für eine dauernde Hülfe sind 
eine gerechte Vertheilung der Staatslasten, ein allgemeiner, zweck- 
mässiger Unterricht, endlich eine vollkommen freie, demokratische 
Gemeinde-, Kreis- und Bezirks-Ordnung. Der Staat, die grosse Ge- 
sammtheit, kann unmöglich so weit in das Einzelleben der Gemein- 
den und Kreise eingreifen, dass er die Specialsorge für die Ai*men 
zu übernehmen hätte, allein er ist gehalten, beizusteuern, wo die 
Kräfte der kleineren Association nicht ausreichen, und er ist ver- 
pflichtet, die Oberaufsicht darüber zu führen, dass diese localen Asso- 
ciationen auch dem realen Bedürfnisse der Einzelnen genügen. Denn 
der Satz: jedem nach seinem Bedürfnisse stellt sich nirgend so 
klar und scharf heraus, wie in der öffentlichen Gesundheitspflege; er 
bildet das eigentlich leitende Princip derselben. 

Bleiben wir nun zunächst bei der Krankenpflege stehen, so kann 
es sich im einzelnen Falle fragen, durch welche Mittel derselben zu 
genügen sei, namentlich ob man sie in eigenen Anstalten oder, wie 
wir früher gesagt haben, in einer dem Familienleben sich anschlies- 
senden Weise ausüben solle. Die Antwort darauf kann nur die sein, 
ila£^s das Bedürfniss der Einzelnen entscheiden muss. Kann jemandem 
in seiner Wohnung nicht die nöthige Pflege geboten werden, so muss 
man ihn in eine Anstalt aufnehmen. Die Aufnahme in ein Kran- 
kenhaus muss demnach jedem Kranken, der dessen bedarf, 
frei stehen, gleichviel ob er Geld hat oder nicht, ob er Jude oder 
Heide ist. Meldet sich jemand zur Aufnahme, so handelt es sich nur 
darum, ob er krank ist und ob seine Verhältnisse die Aufnahme in 
ein Krankenhaus verlangen. Bis jetzt war es aber umgekehrt; man 


28 OefTontliche G«'S unfllieits])flrü»' uihI Mi'tür'ijialrt'fnrm. 

fragte zuerst, ob der Mensch bezahlen könne oder ob ein anderer für 
ihn zu bezahlen die Verpflichtunir hai)e; und nur im äussersten Noth- 
falle, wo es geradezu negativer Moni gewesen sein wurde, jeinan<len 
abzuweisen, entschied man sich zuweilen für „voiläufig"* unentgeld- 
liche Aufnahme. Wie in dem Armenwesen überhau])t, so suchte auch 
in dem Krankenhauswesen einer seine Verpflichtungen immer dem 
anderen zuzuschieben, und die Anmeldungs-Burenu's der Kranken- 
häuser haben leider den üiden Ruf, den sie besitzen, verdient, weil 
in ihnen nicht die christliche Barmherzigkeit, nicht die sociale Brü- 
derlichkeit, nicht das natürliche Recht, sondern nur der starre Akten- 
formalismus zu Hause war. 

Es versteht sich natürlich von selbst, dass das Gesagte sich nicht 
auf Privatkrankenhäuser i)ezielit. Es kaiui z. B. eine uewerbliche 
Association oder eine confessionelle sich ein Krankenhaus gründen 
und darin aufnehmen, wen sie will, und al)weisen, wen sie will. 
Allein es darf nicht vorkonmien, dass der Staat im confessionellen 
Interesse Krankeidiäuser errichtet, wie wir es an Bethanien erlel>t 
haben, dessen blosser Bau desswegen so viel kostet, als das jährliche 
Amien-Budget der Stadt Berlin beträgt, fast [ ., Million, während es 
nur einer geringen Zahl von Kranken nützt. Es darf ferner nicht 
vorkommen, dass Communal- Krankenhäuser im cxclusiv ])articularen 
Interesse unterhalten werden, dass jeder von der Aufnahme ausire- 
schlössen wird, der nicht zur Gemeinde geliört und kein Geld hat. 
Das müssen r?/y7/<' jßo.sferio/'i's sein: liegt bei einem Kranken das Be- 
dürfniss vor, in ein Krankeidiaus aufgenommen werden zu nn**issen, 
so muss das entscheiden, wol)ei natüilich Bedürfnis? nicht gleich 
Lebensgefahr gesetzt werden darf. Reicht die Gemeinde dann mit 
ihren Mitteln nicht aus, so muss der grössere Verband des Kreises 
oder Bezirkes oder der Staat dafür eintreten. 

Diese Verj)flichtnng des Staates ist auch i)isher schon bei einer 
Art von Anstalten, die unserer Anschauung nach zu den Krankon- 
häusern gehören, in ganz ausgedehnter AVeise anerkannt worden, nehni- 
lich bei den Criminal-Gefängniss(Mi (Besserungsanstalten, Cor- 
rektions- und Zuchthäusern). Wie wir früher gezeigt ]iai)en, so gel- 
ten uns Verbrechen nur als der Ausdruck einer felderhaften Entwick- 
lung. Der Verbrecher ist demnach einem Geisteskranken gleich zu 
setzen und wir l)etrachten die Statistik der Verl)n'clien als ein Kri- 
terium für den i^eistiu^en Entwickelunu^szustand der Völker. Die Auf- 
gäbe des Staates, welclu» bisher durch das Strafrecht zu lösen ver- 
sucht worden ist, wird daher künftig eine ])ädagogische sein, gerade 
so, wie man sich allmälig ül)erzeugt, dass der Blödsirm nur bei einer 
streng logischen Erziehuii'^ Aussicht auf Ileilunn: bietet. Die Psv- 
chiatrie ist eben weiter nichts an de ani'ewen<lete Psvcholoüie, ah*^ 
die feinste Art von Pädagogik, und es gibt hier zwischen dem eigent- 
lichen Schulmann und dem Arzt eine so «n'^sse Menge neutraler 
Punkte, dass eine Grenze nicht mehr zu finden ist und dass schon 
das alte Regiment diesi* Punkte mit contVssioncllen Mämiern zu be- 
setzen anfinii:. An die Stelle ilaa Stnif rechts nuiss jetzt die Psvclio- 
logie treten, wie die Politik durch die Anthropologie zu ersetzen ist. 


Die öfTentliche Gesundheitspflege. 29 

denn die Geisteskrankheiten der Völker, die psychischen Epidemien 
können nur anthropologisch geheilt werden. Es ist mehr als ein blosses 
Spiel mit Worten, wenn man so häufig von der parlamentarischen 
Tribüne und von dem Ministertisch von Krankheiten des Staats und 
politischen Arzneien reden hurt; alle diese Herren haben ein dunkles 
GefQhl von der Wahrheit, aber sie sind leider in der Mehrzahl an- 
thropologische Pfuscher. Wir befürchten daher auch, dass es mit der 
angekündigten Geßlngniss-Reform nicht viel werden wird; wir wollen 
aber unserem Gewissen genügt haben, indem wir es öffentlich aus- 
sprechen, dass dabei von Rechts wegen der Psychiatrie die erste 
Stimme gebührt. 

Wenden wir uns nun zu den eigentlichen Krankenanstalten, so 
müssen dieselben überall unter einem dreifachen Gesichtspunkte be- 
trachtet werden. Zunächst sind sie bestimmt für die Pflege von Kran- 
ken, sodann für die praktische Ausbildung von Aerzten, endlich für 
die Pflege und Erweiterung der Wissenschaft. In ersterer Beziehung 
sind sie hauptsächlich Gemeinde- Anstalten , in den anderen beiden 
Staatsanstalten, denn die Sorge für die Einzelnen ist im demokrati- 
schen Staate wesentlich Gemeinde-Sache, während die Ausbildung von 
Sachverständigen für die Gesundheitspflege, sowie die Cultur dieser 
Wissenschaft selbst Staatsangelegenheit sein muss. Je grösser daher 
eine solche Anstalt ist und je mehr in ihr die letzteren Interessen in 
<len Vordergrund treten, um so grösser wird die Vei-pflichtung des 
Staates, an den Lasten derselben Theil zu nehmen. 

Das erste Erfordemiss einer guten Krankenanstalt ist demnach, 
dass sie so eingerichtet sei, dass das Wohl der Kranken in jeder 
Weise gefördert werden kann. Es darf also gar nicht in Frage kom- 
men^ wie viel Geld eine solche Anstalt kostet. Entweder erkennt 
man die Verpflichtung der Gesammtheit, des Staats und der Gemeinde, 
an, und dann muss auch das Geld geschafft werden, oder man erkennt 
sie nicht an, aber dann sage man nicht erst, dass eine öffentliche Ge- 
sundheitspflege existire. Bis jetzt sind das freilich pia desideria. In 
dem gröBSten Krankenhause, das wir besitzen, in der Charit^'), besteht 
z. B. immer noch die Einrichtung, dass in dem jährlichen Etat eine 
bestimmte Geldsumme für „ Extra-Diät "" d. h. für solche Speisen und 
Getränke, welche nicht in dem gewöhnlichen, engen Wechsel der ein 
für allemal festgestellten Speiseordnung enthalten sind, ausgeworfen 
wird, und die Direction der Anstalt prätendirt, dass die Aerzte, deren 
sachverständigem Urthed es vorbehalten ist, dergleichen Extra-Diät zu 
verordnen, die Etats-Grenzen nicht überschreiten sollen. Gleichviel, 
wie gross die Zahl der in einem Jahre aufgenommenen £j-anken ist, 
gleichviel, ob ihr Zustand mehr oder weniger Extra-Diät erfordert, 
mehr als 1460 Thlr. sollen nicht ausgegeben werden! Und das in 
einer Zeit, wo man eingesehen hat, dass der Arzt durch diätetische 
Verordnungen häufig mehr zu wirken vermag, als durch Arzneimittel. 
— So bestehen fenier in der Charit^, wie in den Militärlazaretten 
gewisse beschränkende Verordnungen über den Arzneigebrauch, wo- 
durch kostbarere Arzneimittel nur unter gewissen Bedingungen, nicht 
nach dem einfachen Ermessen des Arztes verabreicht werden können. 


30 Oeff entliche Gesundheitspflege und Medicinalrefonn. 

— Alle solche rein pekuniären Fragen dürfen m einem wohl einge- 
richteten Staate gar nicht aufgeworfen werden. Eine billige Sparsam- 
keit ist gewiss fiberall zu empfehlen, allein es darf nicht mehr vor- 
kommen, dass man den Kranken die nothwendigen Erfordernisse einer 
zweckmässigen Behandlung vorenthält, um fftr die Einrichtung von 
geschmackvollem Exterieur oder für die Gratifikation von Schreib- 
maschinen Geld zu ersparen, wie es in unseren Civilkrankenhäusem 
geschieht, oder dass man an den Kranken geizt, um den Gesunden 
allerlei glänzende Spielereien auf die Kleider zu nähen, wie es bei 
unserem Militär der Fall ist. Dieser äussere Glanz bei innerem Elend 
war aber der eigentliche Charakter des alten Regiments; wir werden 
darauf zurückkommen, um auch hier die neuen Principien allmählich 
zur Geltung zu bringen. 


IV. Radicalismus und Transaktion. 

(Medicinifiche Reform No. 14 vom 6. Oetober 1848.) 


Als wir vor nunmehr drei Monaten das erste dieser Blätter in 
die Welt hinaussendeten, sprachen wir es aus, dass eine radicale 
Reform in der Medicin nicht mehr aufzuschieben sei. Und hatten wir 
nicht vollen Grund, auf eine baldige Erfüllung unserer Hoffnungen 
zu rechnen? Die deutsche Einheit war in aller Munde und wie es 
schien, in aller Herzen; die Einleitungen zur Begründung gleichmäs- 
siger Institutionen durch das ganze Vaterland waren geschehen, und 
in allen Gauen erhoben auch die Aerzte ihre Stimmen für eine Um- 
gestaltung der öffentlichen Gesundheitspflege. Ueberall sprach es sich 
aus, dass der Geist der neuen Zeit auch hier durchgreifende Verän- 
derungen verlange, dass das Monopol, die Falschheit und die Bevor- 
mundung auch hier vernichtet, die gesetzlich anerkannten Principien 
der gleichen Berechtigung Aller auch hier endlich zur Geltung ge- 
bracht werden müssten. Keine Partei wagte es mehr zu läugnen, 
dass der neue Staat nur durch demokratische Einrichtungen ge- 
sichert werden könne, und wir durften es wohl erwarten, dass end- 
lich ein freisinniges Ministerium des öffentlichen Unter- 
richts und der öffentlichen Gesundheitspflege es begreifen 
würde, wie es nie eine andere Aufgabe haben könne, als den grossen 
Gedanken des Humanismus Gestalt zu geben. Die sociale Frage 
war der Gegenstand aller Berathungen; niemand schien es vergessen 
zu wollen, dass die politische Gestaltung des Staats nur das Aeusser- 
liche, die Form hervorbringen werde, innerhalb welcher die innere, 
wesenheitliche Umgestaltung der Gesellschaft in friedlicher und huma- 
ner Weise vor sich gehen könne, gleichsam das offene Gefess, in wel- 
chem der grosse Gährungsprocess der widerstreitenden Bedürfnisse 


Die öffentliche Gesundheitspflege. 31 

naturgemftss vor sich gehen und die schädlichen Stoffe, welche mit 
jeder Gährung neu entstehen, von dem Geistigen abgeschieden wer- 
den konnten. Und welchem Ministerium lag diese Frage näher, als 
demjenigen, welchem die demokratische Organisation des öffentlichen 
Unterrichts und. der öffentlichen Gesundheitspflege anvertraut war, 
demjenigen, in welchem gewissermaassen alle die höchsten Fragen der 
Zeit ihren Vereinigungspunkt suchten? welchem war die Sache leichter 
i^emacht als diesem, welchem die Lehrer und Aerzte unaufgefordert 
ihre freie Mitwirkung anboten? 

Drei Monate vergehen sehr schnell in einer bewegten Zeit, und 
doch wie lang sind sie! Welche Erfahrungen concentriren sich in die- 
sen drei Monaten! und was haben sie zu Stande gebracht! Die deutsche 
Einheit ist ein Spott der Eander und der Fremden geworden; der 
Demokratie, die man klüglicherweise als eine solidarisch verpflichtete 
Einheit hinstellte, ist erst die Verdächtigung, dann der offene Hass, 
endlich die rohe Gewalt gegenüber getreten; die socuale Frage ist in 
der politischen untergegangen. Und das Ministerium des öffentlichen 
Unterrichts und der öffentlichen Gesundheitspflege? Wöchentlich gehen 
dem Staatsanzeiger „Mittheilungen aus dem Ministerium der geistlichen, 
Unterrichts- und Medicinal- Angelegenheiten^ zu, worin der Herr 
Minister- Verweser versichert, dass er das Beste wolle und das Gute 
nicht könne. Die dringendsten Angelegenheiten sind ihm von allen 
Seiten an's Herz gelegt, die Mittel zur Veränderung vorgeschlagen, 
aber die Bittsteller haben nicht einmal eine abschlägliche Antwort 
erlangt. 

So ist die Lage der Dinge. Und in diesem Wirrwarr, welche 
Stellung nehmen die ^wohlmeinenden^ Liberalen ein? Von dem 
frischen Badicalismus des revolutionären Volks sind sie zu Trans- 
aktionen mit der alten Gewalt übergegangen. Im Princip freilich 
sind sie noch Alle radical, aber ^ unter den gegenwärtigen Verhält- 
nissen ist das Princip noch nicht durchführbar.^ Die Kleinmüthigen! 
Als ob der Geist je von der rohen Gewalt gebändigt werden könnte! 
als ob der Gedanke, dass der Mensch menschlich sein wolle, dass 
das Wohlsein Aller der neue Staatszweck ist, je wieder den Völkern 
entrissen werden könnte! Die Kurzsichtigen! Wenn zehn oder hun- 
dert Proletarier im Kampfe für diesen Gedanken der menschlichen 
Existenz fallen, so schreien sie Zeter über die Wühler, welche sie 
dazu angetrieben haben. Aber wenn die Proletarier zu Tausen- 
den durch Typhus oder Cholera weggerafft werden, da sehen sie 
nicht die Wühler, welche im egoistischen Interesse die Freunde der 
Ruhe, des Besitzes, der Gesetzlichkeit aufreizen, den alten Zustand 
zu erhalten, welcher das Proletariat gemacht hat, und an die be- 
stehenden Verhältnisse anzuknüpfen, zu denen ja auch das Proletariat 
gehört. Die Hunderttausende, welche jährlich der Schwindsucht als 
vorzeitige Opfer fallen, die sehen sie nicht. Dass der Hunger, die 
Krankheit, der Kummer, der Durst nach Bildung mächtigere Wühler 
sind, als alle ^ Volksbeglücker'*, das wollen sie nicht sehen, denn sie 
hassen und verfolgen diejenigen, welche die Bedürfhisse des Volks 
aussprechen und ihm das Bewusstsein seiner Lage desshalb 


32 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalrefomi. 

enthüllen, weil sie überzeugt sind, dass ohne Bewusstsein 
kein geordneter Fortschritt möglich ist. 

Man gebe nur dem Volke die gesetzlichen Mittel, seine vernünf- 
tigen Forderungen mit Aussicht auf Erfolg geltend zu machen; man 
gewähre ihm eine freie Entwicklung, seinen Bedürfhissen gemäss, und 
man hat von den Wühlereien nichts zu fürchten. Mochten doch die- 
jenigen, welche, wenn es auf Beschränkungen ankommt, so gern auf 
England hinweisen, in diesen Dingen dem englischen Beispiel folgen, 
und erkennen, dass das Volk ein Bewusstsein seiner Lage haben 
muss. Der Verein für die Gesundheitspflege in den Städten (Health 
of towns association), dem der Marquis von Normanby vorsitzt und 
zu dessen Mitglieder zahlreiche Herren vom Parlament, von der Hier- 
archie und Aristokratie gehören, besorgt selbst die Agitation, die 
Wühlerei. Er hält Meetings, bei denen ausgezeichnete Gelehrte, wie 
die HH. Williams A. Guy und Grainger vor einem grossen Zu- 
hörerkreise aus dem Volk Vorträge über die Ursachen der Leiden 
im Volk und über die Mittel zu ihrer Beseitigung halten; er lässt 
nachher diese Vorträge drucken und verbreiten. Und was erfthrt das 
Volk daraus? Die HH. Playfair und Guy zeigen ihm nach den 
officiellen Listen des Registrar generale dass in dem vereinigten König- 
reich jährlich 60,000 Menschen vorzeitig an Krankheiten sterben, die 
unter den gewöhnlichen Lebensverhältnissen hätten vermieden werden 
können» dass jährlich 1,700,000 Menschen mehr, als im gewöhnlichen 
Lauf der Dinge, erkranken, und dass das Land durch diese Erkran- 
kungen jährlich 140 Millionen Thaler an Arbeitskraft, Unterstützun- 
gen u. 8. w. verliert Ist das nicht wühlerisch? 

Hr. C asper hat einmal eine Zusammenstellung von der Mortalität 
in den deutschen fürstlichen und gräflichen Familien einerseits und bei 
den Berliner Almosenemp&ngern andererseits gemacht. Er sagt: «Von 
beiden Endpunkten der bürgerlichen Gesellschaft tausend gleichzeitig Ge- 
borene annehmend, sehen wir vom zehnten Jahre ab fortdauernd mehr als 
die Hälfte überlebend unter den Reichen, von denen grade noch 
einmal so viel^ als unter den Armen, das siebenzigste Jahr, 
das sogenannte natürliche Lebensziel, erleben, während zu 
85 Jahren noch dreimal, ja zu 90 Jahren fast viermal so viel Wohlhabende 
am Leben sind, als von den Armen. Oder mit anderen Worten: die 
mittlere Lebensdauer der Fürsten und Grafen -betrug fünfzig, die 
der Almosenempfänger nur zweiunddreissig Jahre, und der Zufall, der 
ein Kind auf den Polstern des Begüterten geboren werden Hess, gab 
ihm ein Geschenk von achtzehn mehr zu durchlebenden Jahren mit 
auf den Weg, als dem anderen Kinde, das auf dem Strohlager der 
Bettlerin zur Welt kam!"* Nicht wahr, wenn sich Jemand in eine 
deutsche Volksversammlung hinstellte und diese Stelle vorläse, so wäre 
er ein Roth-Republikaner vom reinsten Wasser? Und wenn einer unter 
den Zelten aufträte und zu dem Volk spräche: »In Berlin macht die 
Schwindsucht mehr als den neunten Theil aller Todesfälle und von 
den an der Schwindsucht Gestorbenen gehören fast 80 pCt. den ar- 
beitenden Klassen an,"^ nicht wahr, das wäre eine verabscheuenswerthe 
Wühlerei? Das muss Alles fein verschwiegen werden, damit das Volk 


Kadicalismus und Transaktion. 33 

nicht zii störrisch werde und auch etwas von dem Wohlsein und dem 
langen Leben der Wohlhabenden verlange. Sie sollen täglich beten: 
«Und gieb uns unser täglich Brod und — ein langes Leben auf 
Erden*', aber sie sollen nicht wissen, dass das lange Leben ein Mono- 
pol der Fürsten und Grafen und der Fanatiker der Kühe ist. Aber 
das Volk hat nun lange genug geharrt, geduldet, gefastet und ge- 
*betet; sein Vertrauen auf die Fürsten und Grafen hat sich in Miss- 
trauen und zum Theil in Grimm verwandelt, sein Glaube an den 
Ilimmel ist erschüttert, und es denkt ernstlich an das alte Sprüchwort, 
dass jeder seines Glückes eigener Schmied sein muss. Aide-toi et le 
ciel faidera! 

Täusche man sich doch darüber nicht: die Bewegung unserer 
Tage ist eine rejn materielle. Es ist wahrlich keine Spielerei, dass 
die heutige französische Republik die Brüderlichkeit zu der Freiheit 
und Gleichheit von vordem hinzugefugt hat, und es war gewiss eine 
tiefe Ueberzeugung, wenn Struve noch einen Schritt weiter gegan- 
gen ist und die deutsche Republik mit dem Motto: Wohlstand, Bil- 
dung und Freiheit für Alle ! verkündigt hat. Es kommt wenig darauf 
an, ob die Republik oder die Monarchie diese PriAcipien zur Aus- 
führung bringt, aber das muss man einsehen, dass keine Staatsform 
bei uns als gesichert betrachtet werden kann, die nicht mit Ernst und 
Entschlossenheit an die Ausführung derselben geht. Man kann diese 
versuchen, ohne damit anzufangen. Alles auf den Kopf zu stellen; 
man kann die öfifentliche Gesundheitspflege, den öflfentiichen Unter- 
richt und den demokratischen Staat sofort gestalten, wenn man nur 
will, ohne etwas anderes als einige Persönlichkeiten zu verletzen. 
Will man aber nicht, so kann man im besten Falle für einen Augen- 
blick siegen, aber die Geschichte und nicht bloss das kommende, son- 
dern schon das jetzige Geschlecht wird ein schweres Gericht halten 
und die Bewegung von Neuem und im grösseren Umfange auf- 
nehmen. 

Für einsichtsvolle Staatsmänner ist die Zeit der Transaktion vor- 
über. Man kann transitorische Maassregeln treflfen, um den Ueber- 
gang von dem alten zu dem neuen Zustande weniger schmerzhaft zu 
machen, aber diese müssen nicht auf viele Jahrzehnte oder gar Jahr- 
hunderte berechnet sein. Sei man gegen die Privilegien nachsichtig 
und gnädig, wo das allgemeine Wohl es zulässt, aber wolle man nicht 
mit ihnen transigiren. Erst stelle man die neuen Principien scharf 
und klar hin, und dann sehe man zu, wie viel man mit ihnen conce- 
diren kann. Die Commission für die Reformen im Militär-Medicinal- 
wesen hat uns eben erst wieder gezeigt, was bei solcher in der Heim- 
lichkeit betriebenen Transaktion herauskommt; im besten (oder schlimm- 
sten) Fall wird ihr Werk einige Jahre vorhalten. 

Die Medicinal-Behörden mögen machen, was sie wollen, die de- 
mokratische Organisation der öffentlichen Gesundheits- 
pflege wird sich allenfalls auch ohne sie durchsetzen und 
dann gewiss auch auf demokratischem Wege. Nichts steht den Staats- 
behörden entgegen, ihrerseits gleichfalls diesen Weg zu betreten und 
sich damit die Theilnahme aller Wohlmeinenden zu sichern; wenn sie 

B. Virehow, Oeffentl. Uediein. 3 


34 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

es mit sich selber gut meinen, so werden sie eine so günstige Gelegen- 
heit, sich durch die Macht der öffentlichen Meinung, durch einen 
ärztlichen Congress zu stärken, nicht vorübergehen lassen. Denn 
es ist noch heute wahr, was Sallust gesagt hat: Non exercifus neque 
fhesauri praemiia regni tnint, verum amici: quos neque cogere, neque 
auro parare queas: officio et fide pariunfur, — 


V. Der Annenarzt 

(Medidnisehe Reform No. 18 vom 3. NoTember 1848.) 


Die bisherige Einrichtung der Armen -Krankenpflege oder, wie 
man immer nur sagen sollte, der Armen -Krankenbehandlung schloss 
zwei grosse Ungerechtigkeiten in sich: eine gegen die Kranken, die 
andere gegen die Aerzte. 

Die armen Kranken zwang man, sich von einem von oben her 
bestimmten Arzte behandeln zu lassen, denn es blieb ihnen nur die 
Wahl, unbehandelt zu bleiben oder sich an den der Autorität geneh- 
men Arzt zu wenden. Die Aerzte zwang man durch eine maaslose 
Concurrenz, eine Stellung anzunehmen, welche ihnen den ihrer An- 
strengungen würdigen Lohn vorenthielt. 

Und doch mussten die Kranken, welche einen so aufgezwunge- 
nen Arzt erhielten, und die Aerzte, welche eine so undankbare Stel- 
lung erlangten, darüber froh sein, denn es gab ganze Landstriche, 
wo die Kranken sich vergeblich nach einem Arzte umsahen, und zahl- 
reiche Aerzte, welche in der Concurrenz um eine so miserable Stelle 
nach jahrelangem Kampf gegen Nepoten aller Art endlich ermüdeten! 

Diese Verhältnisse mussten nothwendig die Armen und die Aerzte 
erbittern; beide mussten allmählich mehr und mehr von der Ueber- 
zeugung durchdrungen werden, dass sie die Opfer falscher gesell- 
schaftlicher Grundsätze waren. Die Gesellschaft schuf sich selbst ihre 
Feinde. Das Proletariat wurde von Tag zu Tag unruhiger; unklare 
Gedanken von Menschenwohl und Menschenwürde begannen sich in 
ihm zu regen, und wurden von wühlerischen Elementen zu immer 
allgemeinerer Agitation benutzt, einer Agitation, der gegenüber, wie 
man sagt, die europäische Civilisation auf dem Spiele steht. Und wer 
kann sich darüber wundem, dass die Demokratie und der Socialismas 
nirgend mehr Anhänger fand, als unter den Aerzten? dass überall 
auf der äussersten Linken, zum Theil an der Spitze der Bewegung, 
Aerzte stehen? Die Medicin ist eine sociale Wissenschaft, und die 
Politik ist weiter nichts, als Medicin im Grossen. — 

Nicht genug, dass die Armen und die Aerzte in die politisch- 
sociale Opposition gedrängt wurden, es gestaltete sich auch ihr gegen- 
seitiges Verhältniss oft genug sehr ungünstig. Die armen Kranken 
stellten an den Arzt, den man ihnen aufgezwungen, den man officiell 


Der Armenarzt. 35 

zu ihrer Disposition gestellt hatte, Forderungen, wie kaum ein Reicher 
sie ohne das Versprechen sehr grosser Belohnungen zu machen ge- 
wagt haben wQrde, sie begegneten ihm misstrauisch , barsch, brutal. 
W&hrend sie nicht selten seine Verordnungen unterliessen oder miss- 
achteten, verlangten sie doch von ihm jede Aufopferung bei Tag und 
Nacht, jede Hingebung des Körpers und des Geistes. Der Arzt seiner- 
seits, mit Geschäften und wohl auch mit Nahrungssorgen belastet, 
ohne hinreichende Mittel zur wirklichen Pflege der armen Kranken, 
fast ohne Aussicht auf persönliche Anerkennung seiner Mühen, abge- 
gespannt und missmuthig, kam nur zu leicht dazu, seine Pfleglinge 
zu vernachlässigen, ihren übertriebenen Forderungen kaltes Phlegma 
entgegenzusetzen, und in einer dankbareren und einträglicheren Praxis 
Ersatz für seine Entbehrungen zu suchen. Was war einfacher und 
natürlicher? 

Und welches war das Resultat für den Staat? Die Zahl der Sie- 
chen vermehrte sich, wie die Zahl der Armen überhaupt stieg; das 
Proletariat wurde mehr und mehr das Opfer von Krankheiten und 
Seuchen; seine Kinder starben entweder vorzeitig, oder sie entwickel- 
ten sich krüppelhaft. Mochte immerhin in den Händen Einzelner 
i^rösserer Reicbthum aufgehäuft werden, der National -Wohlstand im 
Ganzen erhielt immer schwankendere Grundlagen, und ein immer- 
fort wachsendes feindliches Heer von Besitzlosen sammelte sich inner- 
halb der Gesellschaft. Das Proletariat weiss, dass es nichts hat, und 
wenn auch die Finanzmänner und Statistiker ihm noch glänzender, 
als Hr. Thiers, beweisen, dass der Preis der Lebensbedürfnisse seit 
50 Jahren immer mehr gesunken ist, was hilft es jenen, denen die 
^Ctt^l zum Erwerb aller jener so billigen und schönen Sachen fehlen? 
Hätte Hr. Thiers, der wohlhäbige Bourgeois, dessen Schwiegervater, 
wenn wir nicht irren, so lange General-Steuereinnehmer in Lille war, 
sich nur in dieser Stadt umgesehen, so würde er bald gefunden haben, 
wem die niedrigen Preise zu Nutze kommen. Die statistischen Ar- 
beiten, welche zwei Mitglieder des dortigen Gesundheitsrathes , die 
HH. Gos seiet und Loiset, geliefert haben, würden ihm gezeigt 
haben, dass von 25 Kindern der Armen nur eines das fünfte Lebens- 
jahr erreicht, dass 1841 bei der Rekrutirung 95 pCt. wegen Klein- 
heit zurückgestellt und, um 300 kräftige Leute zu finden, 537 Con- 
scribirte untersucht werden mussten. Solche Zahlen beweisen mehr, 
als dicke Bücher über das Eigenthum; sie beweisen zur Genüge^ dass 
der Staat, der solche Zustände duldet, den grössten Gefahren ent- 
gegengeht. Mit der steigenden Verarmung vermehrt sich in gerader 
Proportion die Mortalität, die physische und moralische Entkräftung 
der Bevölkerung. Nun liegt es aber auf der Hand, dass dabei kein 
Staatsverband auf die Länge bestehen kann. Die Arbeitskraft ist die 
Quelle des National -Wohlstandes, die Arbeitslust der Ausdruck des 
moralischen Zustandes der Bevölkerung; es kann demnach Ruhe und 
Gesetzlichkeit nur in dem Staate gesichert werden, wo der Einzelne 
im Volk ein gewisses Maass von physischer und moralischer Kraft 
besitzt. Weniger einfach möchte es erscheinen, dass auch das Mor- 
talitäte-Verhältniss in civilisirten Staaten einen Maassstab für die 


8() Oi-nViiiliclie Gesundlieitsjitlege und Medicinalrefonn. 

Sicli(3rmii^^ der öflentliclien ZiL^^tände abgiebt. Allein abgesehen davon, 
dass die VeniiehriiiiiJ: der Mortalität auf abnorme Bedintjuniren im 
Volksleben liiiiweist, welche über kurz oder lang dem Volksbewusst- 
sein klar \ver<len müssen, so liegt eine noch direktere Gefahr In dem 
schnellen Wechsel der Generationen. Die Erfahrung der ver- 
schiedensten Länder, namentlich die Untersuchung der irischen Ein- 
Avanderung in P^ngland, zeigt uns, dass unter derartigen Verhältnissen 
die Zahl der (ieburten mit der Kürze der Lebensdauer steigt; Ge- 
neration folgt schnell auf Generation, jedes conservative Element ver- 
schwindet in der fortsclireitendcn Aufh'isung der Familie aus dieser 
Bevölkerung von Eintagsmenschen, denen ihr kurzes Leben gleich- 
gültig wird, und die Gesellschaft hegt in ihrem eigenen Schoose die 
wuchernden Keime ihrer Vernichtung. — 

Wir sind über diesen Punkt vielleicht weitläuftiger gewesen, als 
es an dieser Stelle gerade nöthig gewesen wäre, allein wir müssen 
darauf später (h)ch noch zurückkonunen und wir haben gewünscht, 
das Bild der Gefahren, welche der Allgemeinheit aus den unvollkoni- 
menen Einrichtungen der Armenpflege erwachsen, von dem medicini- 
schen Standpunkt aus klar hinzustellen. 

Kehren wir jetzt zu dem Armenarzte, der eines der wesentlich- 
sten Glieder der ArmenpHege sein soll, und zu seiner Stellung gegen- 
über den armen Kranken zurück, so zeigt sich uns alsbald ein erheb- 
licher Unterschied zwischen dem Bedürfniss verschiedener Oertlicli- 
keiten. In den Städten, namentlich in den grossen, Ueberhäufuntr 
mit Aerzten, von denen viele gar nichts zu thun haben: auf dem 
platten Lande, besonders in den östlichen Provinzen, grosser Mangel 
an Aerzten. Der Schaden lieut oft'en vor. 

Schon Hr. S. Neumann (Die öffentliche Gesundheitspflege un<l 
das Eigenthum S. 8'2) hat darauf aufmerksam gemacht, wie günstig die 
Zahl der Aerzte auf die Mortalitätsverhältnisse einwirkt, und wie falscli 
es ist, zu glauben, die Aerzte vermehrten die Sterblichkeit. In den 
östlichen Provinzen Prcussens sterben an inneren akuten Krankheiten 
fast ebensoviel Menschen, als an chronischen, während das Verhält- 
niss in den westlichen und mittleren wie 1 : 2 ist. Daraus folirte für 
die öffentliche Meinunü; sofort die Forderumr, dass dafür uesorirt 
werde, dass in jenen Gegenden die Zahl der Aerzte vermehrt, und 
denselben auf öffentliche Kosten ein ausreichendes Einkommen irarari- 
tii't werde, da die Arnuith und L^nwissenheit der Einwohner die Aus- 
sicht auf eine durch die Praxis unmittell)ar gesicherte' Existenz ab- 
schneidet. Daraus hat sich weiterhin der Gedanke angestellter 
Distriktsärzte ergeben, und es blieb nur die Frage zu entscheiden, 
ob man dicsell)en aus Staats- oder Gemeindemitteln besolden solle. — 
Man wünschte also für das ])latte Land und die kleinen Städte eine 
Wicderholuiiii; desselben Verhältnisses, wie es in den tfi'ossen Städten 
und in einzelnen ländlichen Geicenden faktisch schon bestand: be- 
stimmte Aerzte sollten den Kranken aufij:ezwunii:cn werden. 

Das Verlangen mancher .Verzte i'ing nun freilich in Verfolijfunir 
ihrer Sonderinteressen noch weiter, und man forderte consecjuent, dass 
überhaupt alle Aerzte angestellt würden. Ohne auf diese Frage, die 


Der Armenarzt. 37 

wir in einem späteren Artikel discutiren werden, fftr jetzt weiter ein- 
zugehen, wollen wir bloss diejenigen widerlegen, welche, während sie 
die freie Praxis, das freie Niederlassungsrecht vertheidigten, doch 
überall bestimmt angestellte und besoldete Armenärzte (Gemeinde- 
oder Distriktsärzte) verlangten. 

Die praktischen Nachtheile, welche das bisherige System der an- 
gestellten Armenärzte wegen des damit verbundenen Heilzwanges, wenn 
man so sagen darf, mit sich gebracht hat und bringen musste, haben 
wir schon oben auseinandergesetzt. Wenigstens eben so nachtheilig 
sind aber die principiellen Fehler jenes Systems. Wie nehmlich die 
ganze bisherige Armenpflege wesentlich als ein Ausfluss der öflFent- 
lichen Wohlthätigkeit erschien, ihren naturrechtlichen Charakter mehr 
beiläufig durchblicken liess und den politischen, staatswirthschaftlichen 
geradezu verläugnete, so erschien auch die Armenkrankenpflege haupt- 
sächlich als eine exceptionelle und exclusive, für einen bestimmten 
Theil der Bevölkerung aus Gründen der Barmherzigkeit oder der 
blossen Nothwendigkeit eingesetzte Institution. Man fügte sich, weil 
einem das Herz gerührt wurde oder weil man um seiner eigenen 
Sicherheit willen nicht anders konnte, aber wartete nun auch immer 
ruhig ab, bis der Arme absolut arm geworden war. Alle seine An- 
strengungen, sich vor der totalen Verarmung zu bewahren, waren ver- 
geblich; erst musste er Proletarier sein, und dann überreichte man 
ihm in bureaukratischer Weise eine Reihe von Legitimationspapieren, 
welche sein Elend für immer garantlrten. Der Arme musste seine 
Misere nicht bloss ganz und gar fühlen, nein, er musste sie auch 
schwarz auf weiss in der Tasche tragen. Dann war für ihn gesorgt; 
sein besonderer Armenarzt war ihm in Voraus gesichert. 

Die praktischen Nachtheile gingen also aus dem principiellen 
Fehler hervor, und es zeigte sich auch hier, wie immer, dass das 
Vernünftige auch zweckmässig, wenigstens, dass das Unvernünftige 
immer unzweckmässig ist. Will man aus der öflFentlichen Gesund- 
heitspflege, die aus dem gesetzlich anerkannten Princip der gleichen 
Berechtigung Aller, wie wir früher gezeigt haben, folgt, eine Wahr- 
heit machen, so muss man auch den Armen aus seiner Ausnahms- 
Stellung befreien und ihm die Unfreiheit, in welche er durch seine 
Bedürftigkeit gerathen ist, nach Kräften abnehmen. Freilich kann 
diess nicht durch die öffentliche Gesundheitspflege allein bewirkt wer- 
den, sondern nur dadurch, dass man ihm Bildung und Wohlstand in 
grösserer Ausdehnung, als bisher, zu erwerben möglich macht, allein 
die öffentliche Gesundheitspflege muss wenigstens das ihrige dazu bei- 
tragen, die individuelle Selbständigkeit möglichst ungeschmälert zu 
erhalten. Wir wollen daher überall, wo es sich irgend ausführen 
lässt, gar keine besonderen Armenärzte. In den grösseren 
Städten und in wohlhabenden Gegenden bedarf man derselben durch- 
aus nicht; in ärmeren und wenig bevölkerten Landstrichen wird man 
ohne dieselben vielleicht nicht auskommen können, obwohl sich hier 
auch wiederum für die angestellten Distriktsärzte Schwierigkeiten er- 
geben, welche eine ausreichende Wirksamkeit aufs höchste erschweren. 

Wir werden nächstens auf diesen Gegenstand zurückkommen. 


38 OvITciiilirlie Gcsiiiiillicits|illo;;e und Mcilicinalrefonu. 


VI. Die Anstellung von Armenärzten. 


I. 

fMotti<iiii-ilu' Reform No. ."»0 M)in 2*'». «Famiar lS4y.) 

Nac'lulcMii wir In ehier untrerer früheren Niimniern (18.) den Grund- 
satz aui'iicstellt Iiatt(Mi, dass wenn niöglicli, i^ar keine besonderen Ar- 
nicnärztr* mehr existiren sollten, liaben die Herren Stich und Leu- 
l)uselier ilire Ariiuniente für die Anstellunü: solcher Aerzte beii^c- 
l)raeht (No. "JG. u. '24.). Bevor >vir auf eine weitere Besprechung 
dieser Ani-eleireidieit eingehen, ^ilauhen wir eine Stelle aus der mit 
irrosser Wärme und Sachkenntniss i'esrhriel)enen Brochüre des Hrn. 
(jeh. Sanitäts-K;iths Keiche (Ueher den ärztlichen Stand und die 
n(>thweiidii;e Keform der ärztlichen Verhältnisse. Magdeb. 1848) an- 
führen zu müssen. Es heisst darin S. 15. von den besoldeten Armen- 
ärzten: 

„Diess ist kein ])eneidenswerthes Amt. Abicesehen davon, dass 
mir solche besoldete Helfer der Arnnith innner vorkommen wie Solche, 
die sich herbcidränL:,en, weini die Beköstiii^uni;* oder Ilerijeischaftiuii^ 
s(»nstiLi"cr, unentbehrlicher Lebensbedürfnisse iri:;end emer üenieinnütz- 
lu'hcn oder sonstigen Versoriiuniisanstalt an den Mindestfordernden 
in Kntrej)rise i;('i;el)en werden, so verliert durch die ohnehin höchst 
i^a'rinuc Besoldung!,' anscheinend das am Werth, was der Arzt leistet, 
inid das ist w:dn-haitii'- nicht unbedeutend. Unter den Annen irlebt 
es <lie nu'isten Undankbaren, und sie erkennen es um so weniücr, was 
für sie i;cschieht, sobald sie wissen, dass eine Rennuieration für das 
Geleistete i;c\vährt wird. (Tcwölndich sind es anstellende, noch unbe- 
schäffiiite Aerzte, welche sich diesem nn'ihevollen und undankbaren 
(leschät't imtcrzichen, mehr der Beschäfti^uni^, als des «jeriniien Ge- 
winnstes we^aMi. Allein die Ausbeute, welche sie für iJir Wissen, für 
ihre ])raktische Ausbildiniü; aus dieser Thäti.ukeit ziehen, ist eine höchst 
uiil)e<b'Ut('nd(*. Unfolüsamkeit, fast iränzliche Vernachlässii^unic ihrer 
Anordiuui^en, marht ihr Wirken um so mehr nutzlos, als es ihnen 
unniü^ürh ist, ausser i\L'n verordneten Medicamenten, die übri<zen zur 
Heiiuiiii' notlnvcndiiTen Bediniiuniien, namentlich ein zwecknuL^siues 
Regimen, zu bewirken. Den älteren, mehr beschäftiiiten und dalier 
einen siösscicn Kinflnss auf das wohlhaljcndere Publicum besitzenden 
Aerzlcn wird es leichter, dessen AVoldthätiiikeitssinn für die Aenneren 
in .Viis])ruch zu nehmen, und können sie daher eher das ^lanuehnle 
heibcisrhatb'u. Desshall) scdlte man die besoldeten Armenärzte «ranz 
abscIiaffVii, sämmtlicJie Aerzte des Orts für «lie Armen-Krankenpf1ei!;e 
deriicstidt iiircrrssircn. dass sännntliche Stadtarmen hinslchtlicli iJirer 
ärztlichen Bchinidlnnu: «i'leichmässii^ unter ihnen vertheilt würden. Sehr 
betaute AeivJe möücn von diesem Zwanue verschont und es ihrem 
Ermessen aidieim uestcllt werden, wie weit sie ilu'e Kräfte noch die- 
sem Gottes-Dicnst zu weihen im Stan<le wären. Die Summen, welche 
bisher an Aerzte für die Behandlimn; der Armen gezahlt werden, 


Die Anstellung von Armenärzten. 39 

könnten zu einem Fond fbr Verbesserung oder Hinstellung der all- 
gemeinen Heilanstalten des Ortes benutzt werden.^ 

Diese Worte, welche von einem ebenso erfahrenen, als einsichts- 
vollen, in der Praxis und in der Verwaltung erprobten Manne ge- 
schrieben worden sind, gewähren unserer, allerdings auch von den 
faktischen Verhältnissen ausgegangenen, aber dann unserem Princip 
conform gestalteten Ansicht eine Stütze, welche wir gegenüber den 
scheinbar praktischen Angriffen unserer Freunde nicht gering an- 
schlagen. 

Hr. Stich basirt seine Beweisführung gegen uns hauptsächlich 
auf die Existenz von Pöbel. Weil in den grossen Städten der meiste 
Pöbel sei, darum seien gerade hier besondere Armenärzte erforderlich. 
Denn der Pöbel sei unwissend und unverständig, und desshalb müsse 
er um seiner selbst und der Gemeinde willen gezwungen werden, 
sich von einem bestimmten Arzt befehlen zu lassen. 

Wir leugnen es keinen Augenblick, dass Pöbel (peuple) existirt, 
dass er in grossen Städten sehr reichlich vorhanden ist und dass ihm 
Einsicht und Bildung leider nur zu häufig fehlen. Wir sind uns des- 
sen um so mehr bewusst, als wir gerade in der Existenz dieser Volks- 
klasse, die sich täglich vergrössert, die grössten Gefahren für den 
Staat und die Gesellschaft erblicken und die Maassregeln, um diese 
Gefahren zu beseitigen, fast den ganzen Inhalt unserer letzten poli- 
tischen Entwicklung ausmachen. 

Proudhon sagte in seiner berühmten Rede vom 31. Juli 1848: 
L'objet de la r^volution de F^vrier s'est formule tour k tour de dif- 
f^rentes maniferes: Extinction du paup^risme, Organisation du 
travail, accord du travail et du capital, ^mancipation du 
Proletariat; tout r^cemment, droit au travail ou garantie du 
travail. Und man erinnere sich an unsere März-Kevolution, an die 
ungeheure Bewegung unter unserem „Pöbel": was war der Inhalt 
dieser Revolution, der Zielpunkt dieser Bewegung? Die Lösung der 
socialen Frage. 

So oft man diese Frage auch zurückschiebt, sie tritt immer wie- 
der und immer drohender hervor. Der Staat, die Gesellschaft, ja die 
Familie fangen an zu fürchten und man beginnt hier und da einzu- 
sehen, dass man mit Kartätschen und Säbeln allein die ungeheure 
Frage nicht zu lösen vermag. Sie ist nicht wie der Gordische Knoten, 
den man mit einem Hiebe trennen kann: „kühne Griffe" verwirren sie 
mehr und mehr. 

Die Lösung der socialen Frage ist die Vernichtung des Pöbels. 
Und wie kann man den Pöbel vernichten? Nur dadurch, dass man 
ihn in die Gesellschaft aufnimmt, dass man ihn an den staatlichen, 
bürgerlichen, familienhaften Rechten und Genüssen Theil haben lässt. 
Mit dem Pöbel kann die Ruhe und Ordnung nie garantirt sein; das 
Interesse des Stiiats und der Gesellschaft verlangen in gleicher Weise 
die Auflösung des Pöbels, die Unmöglichkeit einer, wenn auch nur 
vorübergehend wieder auftauchenden „Pöbelherrschaft". So fällt denn 
die sociale und die politische Frage zusammen. 


40 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

Von diesem Gesichtepunkte haben wir von vornherein die öffent- 
liche Gesundheitspflege als ein Glied der socialen, sowie der politischen 
Frage betrachtet. Möglich, dass man uns darüber belächelt, daß« 
man uns desshalb fiir phantastisch hält, denn es giebt Menschen ge- 
nug, welche nicht sehen wollen. Wir meinen es ehrlich mit dem 
Staat, der Gesellschaft und der Familie; wir wollen dauernde Grund- 
lagen für dieselben und wir tragen die Ueberzeugung in uns, dass 
dless „breiteste" sein müssen. Desshalb haben wir immer die Demo- 
kratie als die erste Bedingung zur Lösung der socialen Frage, zur 
dauernden Sicherstellung von Staat, Gesellschaft und Familie betrachtet; 
vor Allem das gleiche politische Recht, die Vernichtung der Vor- 
rechte, die Emancipation der Person. 

Die Anweisung des einzelnen Armen auf einen bestimmten Arzt 
ist eine Beschränkung dieser Forderung. Wie? ich soll genöthigt 
sein, meinen Leib in die Hände eines Mannes zu geben, zu dem ich 
kein Vertrauen habe? Allerdings, es können Umstände eintreten, unter 
denen diese Nothwendigkeit eintritt. Der Soldat auf dem Marsche 
oder im Felde, der Seemann auf der Fahrt, der Landmann in wenig 
bevölkerten, annen Gegenden kann genöthigt sein, einen bestimmten 
Arzt anzunehmen, wenn er überhaupt behandelt sein will; ja der Staat» 
die Gesammtheit kann sich in der Lage befinden, ihn zu zwingen, 
sich den Anordnungen dieses Arztes zu fügen. 

Allein man vergesse nicht, dass in diesen Fällen die Nothwendig- 
keit für Alle eine gleiche ist. Der General wie der Gemeine, 
der Adrairal wie der Schiffsjunge befinden sich ganz in derselben 
Latre: keiner ist bevorzugt, keiner hat vor dem anderen etwas voraus. 
Alle fügen sich dem bittem Gesetze der Nothwendigkeit. 

Allein in einer bevölkerten Stadt, in einer reichen Gegend, wo 
Aerzte im Uebei-fluss vorhanden sind, da besteht diese Nothwendigkeit 
nicht. Jeder sucht sich hier den Mann seines Vertrauens, jeder weiss 
sich hier als den Herrn seines Leibes, und nur der Arme soll von 
diesem allgemeinen Recht ausgeschlossen sein? Das Gesetz vindicirt 
jedem, auch dem Aermsten, das Kecht, über seine einzelnen Glied- 
maassen zu bestimmen; kein Arzt darf einem Kranken ohne seine 
Genehmigung einen Arm oder ein Bein abschneiden, und die Ge- 
meinde glaubt das Kecht in Anspruch nehmen zu dürfen, über das 
Ganze zu disponiren, während das einzelne Glied ihrer Verfügung 
entzogen ist? Freilich kann man einwenden, das Verhältniss sei ein 
ähnliches. Wenn nehmlich einer sein Bein nicht abschneiden lassen 
wolle, trotzdem dass der Arzt diess für nöthig hält, so könne er auch 
seinen Körper demselben entziehen und unbehandelt bleiben. Allein 
abgesehen davon, dass in dem Falle, dass ich mein krankes Bein be- 
halten will, die Behandlung desselben nicht sistirt wird, so wäre es 
auch eine seltsame Art von Freiheit, wo man mir gestattet, krank zu 
bleiben, wenn ich mich nicht ganz bestimmten Befehlen einer Behörde 
unterwerfen will. Das erinnert lebhaft an die Verfassung vom 5. Decbr., 
wo es §. 17. heisst: die* Wissenschaft und ihre Lehre ist frei, und 
§. 19. Unterricht zu ertheilen und Unterrichts- Anstalten zu gründen, 
steht Jedem frei, — wenn er seine sittliche, wissenschaftliche und 


Die Anstellung von Annenärzten. 41 

technische Befähigung den betreffenden Staatsbehörden nachgewiesen 
hat. Seltsame Art von Freiheit! Und doch, um wie viel grösser ist 
dieselbe, als die Freiheit des Armen, der seine Armuth und seine 
Krankheit den betreflfenden Staats- oder Gemeindebehörden nachge- 
wiesen hat und der nun genöthigt wird, sich einem prädestinirten 
Arzte hinzugeben. 

Aber Hr. Stich will die Freiheit der Gemeinde gegenüber der 
Freiheit des Annen gewahrt wissen, er will diese beiden Freiheiten 
mif einander vereinbaren. Was ist denn aber die Gemeinde? Selbst 
der ministerielle Entwurf der neuen Gemeinde-Ordnung weiss nichts 
mehr von dem. Unterschiede zwischen Bürgern und Schutz verwandten; 
die Gemeinde ist die Gesammtheit der Gemeindeglieder. Die Frei- 
heit dieser Gesammtheit ist daher nur ein idealer Begriff; ihre Reali- 
tät erlangt sie nur durch die Freiheit jedes einzelnen Gliedes. Die 
Frage dreht sich also nur darum, wie weit die Freiheit der Einzelnen 
durch die gleichen Eechte der Anderen beschränkt werden muss, da- 
mit jeder Einzelne einen gleichen Antheil von Freiheit erlangen kann. 
Darauf, dass einer arm ist, der andere reich, darauf kann es nicht 
ankommen. Will man also Gemeinde- Aerzte bestellen, so muss man 
entweder so weit gehen, wie es in einzelnen deutschen Ländern ge- 
schehen ist, dass man gar keine Aerzte ohne bestimmte Anstellung 
zulässt, dass man einen Praxisbann einführt, wie in Bayern, oder Di- 
striktsärzte bestellt, wie in Nassau, oder man muss jedem das Recht 
gewährleisten, sich seinen Arzt nach Belieben zu suchen. Der Reiche 
kann ihn vermöge seines Geldes gewinnen; dem Armen muss man 
von Gemeindewegen zu Hülfe kommen. Das erfordert die concrete 
Freiheit; um die abstracte verlieren wir kein Wort. 

Wollte man die concrete Freiheit durch die Anweisung auf einen 
bestimmten Arzt realisiren, so würde man sofort wieder auf einen 
idealen Standpunkt gelangen. Man kann den Armen auf einen be- 
stimmten Schneider, auf einen bestimmten Koch, einen bestimmten 
Baumeister verweisen, aber nicht auf einen bestimmten Arzt. Der 
Arzt hat eine durchaus exceptionelle Stellung, wie sie durch die eigen- 
thümliche Natur seines Berufs begründet ist. Der Arzt ist we- 
sentlich ein Vertrauensmann. Von dem Augenblick, wo er die- 
sen Charakter verliert, hört seine Bedeutung auf. Wäre die prak- 
tische Medicin d. h. die Therapie eine exakte Wissenschaft, ja wäre 
sie überhaupt erst eine Wissenschaft, so würde sich diess Verhältniss 
sehr bald ändern. Jeder Mediciner, der sich ehrlieh klar ist, wird 
aber zugestehen, dass wir von einem solchen Zustande noch weit ent- 
fernt sind. Der praktische Takt, das Individualisiren, oder wie man 
sonst sagen will, sind Eigenschaften von so eigenthümlicher, und doch 
von so noth wendiger Art, dass sie nicht übertragen werden können, 
eben weil sie keinen positiven Inhalt haben, sondern auf mehr oder 
weniger unklaren Combinationen beruhen. So lange aber diese Com- 
binationen durch eine ausgedehnte Bearbeitung desjenigen Theiles der 
pathologischen Physiologie, welcher die Bedingungen für die einzelnen 
krankhaft veränderten Lebensvorgänge darstellen soll, nicht eine exakte 
Grundlage gewonnen haben, darf man auch den Arzt nicht den übri- 


42 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

gen, von der Gemeinde zu bestellenden Beamten gleichsetzen; er hat 
nur eine Aehnlichkeit mit denjenigen Vertrauensmännern, deren prak- 
tischem Takt und deren Erfahrung man das Wohl der Gesammtheit 
anvertraut, d. h. mit den Volks- und Gemeinde-Vertretern. So wenig 
man verlangen kann, dass octroirte oder wie sonst ernannte Abgeord- 
nete das Vertrauen des Volks ohne Weiteres ffir sich haben sollen, 
so wenig kann es auch mit den Aerzten der Fall sein. Es bleibt 
nur die Wahl flbrig und hier kann unseres Erachtens nur die Frage 
aufgeworfen werden, ob diese Wahl von den einzelnen Armen oder 
von einer grösseren Zahl von Gemeinde-Gliedern geschehen soll. 


n. 

(Medicinisrhe Refurm No. 31 vom 2. Februar 1849.) 

Wir hatten in unserer letzten Nummer zu zeigen gesucht, da«? 
die Armenärzte nur aus der Wahl hervorgehen können, wenn sie 
ihren Charakter als Vertrauensmänner bewahren sollen. Es fragt eich 
nun, in welcher Weise diese Wahl veranstaltet werden kann. Hier 
bleiben verschiedene Wege: Entweder wählt sich jeder Arme seinen 
Arzt, oder ein ganzer Bezirk thut diess, oder die aus dem Vertrauen 
desselben hervorgegangenen Vertreter thun es. 

Gehen wir diese Wahlmodi einzeln durch: 

Die bisherigen Gemeindeordnungen (Städteordnung u. s. w.) 
kannten keine aus dem Vertrauen Aller hervorgegangenen Vertreter; 
namentlich in den Städten waren ja die Stadtverordneten und Magi- 
stratspersonen nur der Ausdruck des Minoritäts- Willens der Pri- 
vilegirten. Auch die neue, von dem Ministerium Brandenburg - 
Ladenberg entworfene Gemeindeordnung erkennt das Princip der 
gleichen Berechtigung aller Gemcindeglieder nicht an, sondern bindet 
da« Gemeinde-Kecht an einen gewissen Besitz. Weder ein solcher 
Gemeinderath, noch ein solcher Gemeindevorstand ist eine Vertrauens- 
behörde Aller und wir möchten ihnen das Eecht zur Anstellung von 
Armenärzten nicht zugestehen. Nur der von unserem CoUegen Herrn 
d'Ester verfasste Entwurf der Linken bietet eine wirkliche, aus dem 
Vertrauen der Mehrheit gebildete Gemeinde -Vertretung dar, so da^« 
hier allerdings von einer Wahl in dem oben angedeuteten Sinne die 
Rede sein konnte. Auf diese Weise wurde auch die Analogie zwi- 
schen den beiden Arten von Verti-auensmännem, die wir früher an- 
gedeutet haben, nämlich den Aerzten und den Volksvertretern ge- 
wahrt bleiben, vorausgesetzt, dass die erste Kammer, wie es die Ver- 
fassung vom 5. Decbr. aufstellt, aus den Kreis-, Bezirks- und Pro- 
vinzial- Vertretern gebildet würde. 

Allein auch diese Art von Wahl ist eine unvollkommene, weil 
uni?er ganzes Kepräsentativ-System unvollkommen ist. Unsere Reprä- 
sentation beruht auf dem Princip von der Herrschaft der Majoritäten, 
welche die Minoritäten so lange knechten, bis diese Majoritäten ge- 
worden sind. Die besten Köpfe unserer Nation haben sich daher längst 
das Problem gestellt, ober dieses System hinaus die Möglichkeit jener 


Die Anstellung von Armenärzten. 43 

noblen Anarchie zu construiren, welche, indem sie das Königthum 
jedes Einzelnen begründe, nur die Herrschaft der Vernunft, die ab- 
stracte Herrschaft noch zuliesse. Leider ist es bis jetzt noch nicht 
gelungen, die Basen solcher Einrichtungen zu finden, und die An- 
archie muss daher vorläufig noch der gefürchtete Zustand der Gesetz- 
losigkeit bleiben. — Wenn sich nun aber die Anarchie in der Politik 
ideal als die höchste Aufgabe des Menschengeschlechtes stellt, so folgt 
daraus nicht, dass wir in der öffentlichen Gesundheitspflege an der 
Hern'chaft der Majoritäten festhalten mOssten. Hier kann wirklich 
jeder Herr sein; hier ist es möglich, die Herrschaft des Einzelnen über 
Leib und Leben zu sichem, und warum sollte man anstehen, diese 
Möglichkeit zu realisiren? 

Wir können uns daher nicht für die Wahl eines Armenarztes 
durch irgend welche Art von Gemeinde -Repräsentanten aussprechen. 
Manche haben die Schwierigkeit dadurch zu beseitigen gesucht, dass 
sie das Princip des Concurses auch hier anerkannt wünschten. Das 
neue französische Gesetz über die Organisation des öffentlichen Bei- 
standes in Paris (vgl. No. 28. 30.), das von demselben Grundsatze 
ausgeht, dient ihnen dabei als Stütze. Trotzdem müssen wir die An- 
wendung des Concurses in diesem Falle für eine fehlerhafte halten. 
Unserer Ansicht nach zeigt sich hier dieselbe unglückliche Methode 
des Generalisirens, welche in der medicinischen Wissenschaft so ver- 
derblich gewesen ist, und wir sind sehr erstaunt, dass von den vielen 
Aerzten, welche in der französischen National -Versammlung sitzen, 
nicht entschiedener die Methode der Anschauung vertreten worden ist, 
welche sie in der Wissenschaft mit so vielem Erfolge geltend gemacht 
haben. Einer von diesen ärztlichen Deputirten, Hr. Trousseau, 
sagte 1828 in einer Abhandlung über die Melanose, die er gemein- 
schaftlich mit Hrn. Leblanc publicirte: C'est une source d'erreurs 
bien commune en m^decine que cette fureur de g^n^raliser, tandis 
que rien peut-Ätre n'est plus f^cond en r^sultats pratiques et en con- 
clusions rigoureuses, que d'^tudier isoMment les faits, et de les rap- 
procher seulement quand ils pr^sentent des analogies telles, qu'on se 
voit comme forc^ de les assembler dans le mSme cadre. 

Der Concurs ist eine vorzügliche Einrichtung für die Besetzung 
wissenschaftlicher Stellen; er ist ganz verwerflich für die Besetzung 
von Verwaltungsämtem. Darüber kann wohl kaum ein Zweifel sein. 
Bei der Medicin speciell wäre diess eine ganz ungehörige Cumulation 
der Prüfungen. Der Staat verlangt von demjenigen, welcher die 
Legitimation eines Arztes von ihm wünscht, den Nachweis seiner Be- 
fähigung durch eine Prüfung. Wenn diese Prüfung bis jetzt so 
schlecht eingerichtet ist, dass ein ausreichendes ürtheil über die Be- 
fähigung nicht gewonnen wird, so ist es Sache des Staates, seine Prü- 
fung»- Anstalten zu verbessern. Ist dies geschehen, giebt die Prüfung 
wirklich eine Garantie der ausreichenden Befähigung, so sehen wir 
nicht ein, wie eine Gemeinde noch einen neuen Nachweis verlangen 
kann. Die Gradationen des Gut -Seins, welche die bisherigen PrO- 
fungsatteste unterscheiden, sind im Allgemeinen falsch, weil sie von 
dem Gesichtspunkt der Universalität des Gut -Seins ausgehen. Nun 


44 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medinalrefonn. 

steht es aber fest, dass nicht jeder giite Chirurg ein ebenso guter 
Geburt«?helfer, nicht jeder gute Arzt gleich gut für jede Art von 
Krankheiten ist. Die Zufälligkeit der Erfahrung, der Gelegenheit, 
der Neigung u. s. w. bestimmt darüber. Der Staat kann daher nur 
Eine allgemeine Befähigung attestiren, und die Gemeinde kann sich 
über die Gradationen der einzelnen Kenntnisse nicht in noch weitere 
Untersuchungen einlassen. Jeder, der seine Befähigung zum Behan- 
deln von Kranken nachgewiesen hat, muss auch als berechtigt ange- 
sehen werden. 

Von diesem Gesichtspunkte ist man bisher auch officiell ausge- 
gangen, obwohl man privatim dafür meist den Nepotismus und die 
Connaissance hat eintreten lassen. Man notirte alle, die sich melde- 
ten, und beforderte sie nach der Anciennität der Meldung. Diess 
war das richtige, das logisch consequente Princip, so lange der alte 
Beamtenstaat zu Recht bestand. — 

Wenn wir uns daher nicht für die Besetzung von armenärztlichen 
Stellen durch die Gemeindevertreter ent<?cheiden können, so bleibt uns 
nur die Wahl einzelner Armen oder ganzer Bezirke. Gegen die 
letzteren müssen wir uns aus demselben Grunde erklären, wie gegen 
die Wahl durch Vertreter, weil diess immer auf das traurige Majori- 
täts-Princip herauskommt. Es erübrigt also nur noch die Vertheidi- 
gung der Einzel -Wahl gegen die sogenannten praktischen Einwen- 
dungen. 

Die HH. Stich und Leubuscher haben zunächst den Kosten- 
punkt hervorgehoben. Abgesehen davon, dass Herr Stich selbst 
durch Zahlen die Armseligkeit der bisherigen Besoldung der Armen- 
ärzte hervorgehoben hat (vgl. No. 19), woraus doch folgen würde, 
dass man mehr Geld auf dieselbe verwenden muss, als bisher geschah, 
so leidet diese Argumentation an dem Fehler, dass man die alten Zu- 
stände als feststehend annimmt. Allerdings wenn die Zahl der Armen 
sich in dem Maasse steigert, als es in den letzten Jahren geschehen 
ist, so würden die Mittel, ihnen zu helfen, sehr bald zu Ende sein. 
Der Fehler unserer bisherigen Armenverwaltung hat aber eben darin 
gelegen, dass man der steigenden Verarmung nicht entgegen arbeitete, 
und nur dann erst einschritt, wenn einer vollkommen arm geworden 
war (vgl. No. 18). Von dem Augenblick an, wo man erfolgreiche 
Maaflsregeln gegen die Steigerung des Pauperismus treffen wird, 
müssen sich diese Zustände anders gestalten, und sobald die Asso- 
ciation der arbeitenden Klassen selbst unter dem Schutze des Staats 
und der Gemeinde eine gewisse Ausbreitung gewonnen haben wird, 
so steht nicht zu bezweifeln, dass die Anforderungen an die Gemeinde 
und den Staat um ein Erhebliches vermindert werden. Was hat denn 
auch der Staat bis jetzt Besonderes für die Armenpflege gethan? Das 
Budget für 1848 enthält für Armen- und Wohlthätigkeits- Anstalten 
192,778 Thlr., das für 1849 zeigt die Chiffre 195,668, also eine Zu- 
nahme um 2890 Thlr. Nimmt man dagegen die enormen Ausgaben 
für das Heer, die grossen Summen fi\r die Rechtspflege, den Aufwand 
für die Polizei, so wird man wohl zugestehen können, dass eine Un- 
gleichheit der schreiendsten Art besteht und dass in unserem Finanz- 


Die Anstellung von Aimenärzten. 45 

wesen der Gegensatz zwischen Besitzenden und Arbeitenden in der 
Hchroflfsten Weise festgehalten worden ist. 

Wenn wir aber zeigen sollen, dass der Nutzen, den wir von un- 
serm Vorschlage erwarten, nicht mit unverhältnissmässigen Opfeim 
erkauft werden niuss, so ist es noth wendig, dass wir zunächst an- 
geben, wie wir uns die Anordnung dieser Sache denken. 

Die Gemeinde wird zunächst durch eine öffentliche Aufforderung 
zu ermitteln haben, welche von den in ihrem Bereich wohnhaften, 
vom Staate anerkannten Aerzten sich mit der Armenkranken-Behand- 
lung beschäftigen wollen. Diese Aerzte werden zu einer Association 
zusammentreten. Zwischen dieser Association und der Gemeinde wird 
durch einen Vertrag (Vereinbarung) ein Pauschquantum von Honorar 
für die Behandlung der Armenkranken festgestellt. Jedes Mitglied 
der Association verpflichtet sich, die armen Kranken, welche seine 
Hülfe verlangen, zu behandeln. Die Association vertheilt das Honorar 
unter die Mitglieder nach dem Maasstabe der geleisteten Arbeit. 

Jeder arme Kranke, der behandelt zu sein wünscht, giebt dem 
Gemeinde-Beamten, bei welchem er die Anweisung auf unentgeltliche 
Behandlung (den Legitimations-Schein) nachsucht, den Namen desjeni- 
gen ]VIitgliedes der ärztlichen Association an, dessen Hülfe er in An- 
spruch zu nehmen wünscht. Wendet sich sein Vertrauen später einem 
anderen zu, so ist eine neue Anzeige bei dem Gemeinde-Beamten 
nOthig. Dieser kann die neue Anweisung verweigern, wenn er Grund 
hat zu vermuthen, dass der E^ranke aus blosser Petulanz die Ver- 
änderung suchte. In diesem Falle müssen zwei andere Mitglieder der 
Association zur Consultation gezogen werden, von denen der eine 
durch den Kranken, der andere durch den Gemeinde-Beamten be- 
zeichnet wird. Ihre Entscheidung ist gQltig. 


III. 

(Medicinigche Reform No. 33 vom 9. Februar 1S49. 

Wenn wir in unserm letzten Artikel zu dem Resultat gekommen 
waren, dass die Armen-Kranken behandln ng einer armenärztlichen 
Association übertragen werden solle, so könnte es scheinen, als ob 
wir damit dem früher (No. 18.) von uns ausgesprochenen Grundsatze, 
dass es keine besonderen Armenärzte mehr geben solle, untreu ge- 
worden wären. Man wird sich aber leicht überzeugen, dass das nicht 
der Fall ist. Wir halten es für vollkommen ungerecht, wenn der 
Staat, die Allgemeinheit den einzelnen Arzt verpflichten will, jedem, 
der seine Hülfe begehrt, diese zu bringen. So verstehen wir den 
freien Staat nicht. Allerdings erwarten wir von der Humanität der 
Aerzte, dass sie Hülfe bringen, wo sie irgend können, aber freiwillig 
und nicht gezwungen durch ein Ausnahme-Gesetz, das nur auf sie 
Anwendung findet. Wenn daher Herr Reiche vorschlägt, sämmt- 
liche Aerzte des Orts für die Armen-Krankenpflege dergestalt zu 
interessii*en , dass die Stadtarmen gleichmässig unter ihnen vertheilt 
werden, so können wir uns diesem Vorschlage nicht so anschliessend 


46 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

wie dem negirenden Theil seiner D<ar8tellung. Eine solche Einrichtung 
würde auf der einen Seite den alten Zwang der Armen, sich von den 
bestimmten Aerzten behandeln zu lassen, denen sie zugetheilt sind, 
auf der andern einen neuen Zwang ffir die Aerzte einschliessen. Ebenso 
wie wir verlangen, dass es jedem Arzte frei stehen soll, diejenigen 
Privatkranken zurückzuweisen, die ihm aus irgend einem Grunde nicht 
anstehen, wollen wir auch, dass kein Arzt gegen seinen Willen zur 
Armen-Krankenbehandlung genöthigt werden soll. Lasse man jeden 
sich darüber erklären und bilde man aus diesen die Association. 

Ist auf diese Weise die Association gebildet, so haben wir weiter 
vorgeschlagen, dass dieselbe sich mit der Gemeinde über eine runde 
Summe von Honorar vereinbare. Allerdings, wenn jeder Arme zu 
jedem Arzt laufen und dieser für jeden Besuch, jedes Recept beson- 
ders liquidiren konnte, so würde eine für die Gemeinde unerschwing- 
liche Summe herauskommen. Die Gemeindebehörden können aber 
aus ihren statistischen Tabellen die Zahl der Annen genau wissen, 
sie können femer ziemlich annähernde Zahlen über die Erkrankungen 
unter den Armen gewinnen, und es wird daher nicht schwer fallen, 
die Durchschnitts-Summe der Arbeit festzustellen, welche die Asso- 
ciation zu leisten, die Grösse des Lohns zu berechnen, welchen die- 
selbe zu beanspruchen hat. Der letztere wird jedenfalls nicht so hoch 
ausfallen, dass nicht die Gemeinde im Stande sein sollte, ihn zu be- 
willigen; er wird aber auch nicht in einem so schreienden Missver- 
hältniss zu der geleisteten Arbeit stehen, wie es bei den jetzigen Ar- 
menärzten der Fall ist. 

Bei einem Freigeben der armenärztlichen Praxis hat man aber 
besonders das Aufkommen des Charlatanismus befürchtet; man hat 
dann ganz richtig weiter geschlossen, dass mit dem Steigen des Char- 
latanismus die Ausgaben der Gemeinde, besonders für Arzneien, und 
die Vernachlässigung der armen Kranken zunehmen werde. Diese 
Bedenken galten aber nur bei einer absoluten Freiheit der armenärzt- 
lichen Praxis. Nichts ist dem Charlatanismus hinderlicher als die As- 
sociation, ja wir möchten behaupten, dass die Association das 
einzige Präservativ dagegen ist. Die ärztliche Association wird 
und muss sich hier verhalten, wie jede andere gewerbliche Association. 
Die Association schliesst unmittelbar in sich ein Genossenschafts- 
gericht, eine Jury, ein Ehrengericht oder wie man sonst sagen will, 
denn es liegt in dem Interesse der Association, ihre Gesammt-Ehre 
durch die Ehrenhaftigkeit und Zuverlässigkeit jedes einzelnen Mitglie- 
des zu hegen und zu befestigen. 

Wäre die absolute Freiheit, die unorganisirte Freiheit da, so 
würde eine Controle, eine Garantie über die Arbeitsleistung der ein- 
zelnen Aerzte ganz unmöglich sein. Die Association wird diese Con- 
trole ganz natürlich und von selbst übernehmen, weil jedes einzelne 
Mitglied interessirt ist; die Controle wird eine gegenseitige und all- 
gemeine sein. Wo der Charlatanismus, der feinere oder gröbere Be- 
trug auftauchen wollte, da würde die gegenseitige Ueberwachung der 
Asflociations-Mitglieder denselben bald aufdecken und beseitigen. Da- 
f&r wird sich ein grösserer Wetteifer, eine schon durch das materielle 


Die Anstellung von Armenärzten. 47 

Interesse gesteigerte Concurrenz eröffoen, und wir ho£Pen, dass Nie- 
mand diese gering anschlagen wird. 

Die freie Concurrenz in der Association, das ist unsere 
Gewerbe fr eiheit. Freie Concurrenz ohne Association führt zum 
allgemeinen Charlatanismus , zur Depravation der sittlichen und phy- 
sichen Fähigkeiten, zur Demoralisation, zum Ruin der Gewerbe, der 
Kunst und der Wissenschaft. Association ohne freie Concurrenz ist 
die Knechtung des Finzelnen unter die Masse, der Communismus des 
Lohns, aber nicht der Arbeit, die Bedingung der allgemeinen Träg- 
heit Hüten wir uns vor beiden Extremen. Die Geschichte der 
ZQnfte, der Gewerbefreiheit und der socialistischen Theoreme bieten 
Beispiele des traurigen Erfolges genug dar. Nur die Verbindung der 
freien ConcuiTcnz und der Association gewährt segensreiche Resultate. 
Hier findet das Interesse, der Ehrgeiz, der materielle Wunsch seine 
Zielpunkte und seine Befriedigung, aber hier findet er auch zugleich 
die Schranken, welche die Freiheit überall bedarf, wenn sie als die 
Mutter der Cultur, als die Begründerin der allgemeinen Wohlfahrt 
henrortreten soll. 

Die Association soll keine Corporation sein. Zu keiner Zeit 
^i sie ein abgeschlossener, ein abschliessender Körper. Möge heraus- 
nnd hereintreten, wer von den Aerzten will; weder in dem einen, 
noch in dem anderen Falle können wir einen Zunftzwang anerkennen. 
Dadurch allein wird die individuelle Freiheit gewahrt und zugleich 
dem nachwachsenden, strebsamen Geschlecht die Möglichkeit gewähr- 
leistet, zur rechten Zeit den Wirkungskreis zu finden, welcher für die 
junge Kraft der mächtigste Hebel der weiteren Entwickelung ist. 

Die Association soll aber kein loses Aggregat freier und verein- 
zelter Individuen sein. Die absolute Zersplitterung, welche jetzt be- 
rteht, wo jeder Armenarzt in seinem Viertel wie ein kleiner Satrap 
regiert, muss aufhören. Die Association muss die Kräfte concentriren 
und durch die Concentration steigern. Sie wird die wissenschaftliche 
Seite der ärztlichen Thätigkeit, welche jetzt leider so oft in dem rein 
handwerksmässigen Betriebe der „Kirnst^ zu Grunde geht, wieder 
hervortreten lassen. Sie wird die sittlichen Elemente, welche jetzt 
jeder Auftnunterung von aussen her entbehren, entwickeln und die 
hnmanistische Aufgabe des Arztes in dem Bewusstsein jedes Einzelnen 
feststellen. Sie wird endlich in Verbindung mit den anderen Ge- 
meinde-Assodationen in Kreisen der Gesellschaft, welche bis jetzt ver- 
nachlässigt und gering geschätzt waren, die Ansprüche auf materielles 
Wohlsein, welche ein natürliches Recht aller Staatsbürger ausmachen, 
zur Geltung und Beftiedigung gelangen lassen. 

Das ist unsere Ansicht von der Gestaltung der armenärztlichen 
Verhältnisse. — 

IV. 

(Medicini«ehe Reform No. 34 Tom 23. Februar 1849.) 

Wir haben früher ausdrücklich bemerkt, dass unsere Ansichten 
von der Uebertragung der Annenkrankenpflege an die armenärztliche 


48 OefTentliche Gesundheitspflege und Medicinalreforni. 

Associaüon nur för <lie Orte und Gegenden passend seien, wo die 
Zahl der Aerzte gross genug ist, um dem Bedürfniss mit Leichtig- 
keit zu genügen. Wir haben ferner besonders hervorgehoben, da^s 
es ländliche Bezirke mit so wenig Aerzten irebe, dass die besoldete 
Anstellung besonderer Armenärzte nothwen<lig erscheine. 

In diesem Augenblick hat die Regierung, welche momentan eine 
80 allseitige Thätigkeit entwickelt, auch diese Sache in die Hand ge- 
nommen und für 9 oberschlesische Kreise die Anstellung^ von "26 Di- 
striktsärzten angeordnet. Gewiss war diess eine dringende Nothwen- 
digkeit und wir müssen der Regierung unsera Dank sagen, dass sie 
endlich einen Theil ihrer Pflicht gethan hat. Jene 9 Kreise reprä- 
eentiren einen Flächenraum von beinahe 148 Quadratmeilen mit etwa 
einer halben Million Einwohnern. Wie das Verhältniss der Armen 
zu den Wohlhabenden sich dort gestidtet, vennögen wir nicht genau 
anzugeben; wenn man sich aber der Schilderung erinnert, welche wir 
in unseren Mittheilungen über die oberschlesische Tjphus-Epidemie 
von 1847 — 48 möglich sachgetreu geliefert haben, so wird man ein- 
sehen, dass dasselbe ein sehr ungunstiges ist. Vergleichen wir unter 
der Voraussetzung, dass die Zalü der Armen in Oberschlesien noch 
grösser ist, als in Berlin, diese beiden Orte mit einander, so finden 
wir, dass fast dieselbe Einwohnerzahl, welche in BerUn auf einem 
kleinen Raum concentrirt ist, in jenen 9 Kreisen auf 148 Quadrat- 
meilen zerstreut lebt. Wenn nun Berlin 3*2 Armenäi-zte hat und ge- 
wiss Niemand deren Zahl zu gross finden wird, so darf man wohl 
sagen, dass die 26 Distriktsärzte eine kleine Abschlagszahlung für 
Oberechlesien sind. Die Zahl der Erkrankungen wird wahrscheinlich 
nicht sehr erheblich diflFeriren, denn was in Berlin die Tuberkulose 
(und Skrofulöse) und der complicirte (abdominale) Typhus hinraffen, 
das ersetzen in Oberschlesien die Endemien von Ruhr, Wechselfieber 
und einfachem Typhus. 

lieber die Stellung der Distriktsärte gegen einander, gegen die 
Kreisphysiker und gegen die freien Aerzte ist in dem Ministerial- 
Erlass nichts gesagt. In dieser Beziehung wäre dasjenige wohl zu 
berücksichtigen, was die Herren Abarbanell, Deutsch und Moll 
im Namen von 12 in der vorjährigen Typhus -Epidemie in Ober- 
schlesien stationirten Aerzten über die Einrichtung des bezirksärzt- 
lichen Instituts im Sinne der Association gesagt haben. (Ein AVort 
über die Typhus-Epidemie im Plesser Kreise^ bis Ende Mai 1848 S. 29.) 
Lässt man die Bezirksärzte in einer durchaus isolirten Stellung jeden 
einzeln seinen Beschäftigungen nachgehen, so wird man nur zu leicht 
wieder eine Zahl angestellter Beamten bekommen, deren Hauptthätig- 
keit in ücriptis et agendis besteht. 

Und doch erwartet das Ministerium überschwänglich viel von 
dieser neuen Einrichtung. Die Distriktsärzte sind ganz besonders be- 
stimmt „zur Verhütung der neuen Entwickelung und weite- 
ren Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten.** Die armen 
Distriktsärzte! Ihnen wird es also das Ministerium zur Last legen, 
wenn eich wiederum Ruhr und Typhus in der entsetzlichen Ausbrei- 
tung , wie in den letzten Jahren, entwickeln! Haben wir dai-um so 


Die Anstellung von Armenärzten. 49 

weitläuftig zu zeigen uns bemQht, dass die socialen Verhältnisse Ober- 
Schlesiens den Grund dieser Epidemien enthalten, dass jetzt Distrikts- 
ärzte als das grosse Universalmittel gegen dieselben hingestellt wer- 
den? Man setzt Menschen dahin, wo Einrichtungen nothwendig sind! 
Aber das ist ja das Princip des Polizeistaates. Statt durch zweck- 
mtoige Institutionen Ruhe, Ordnung und Freiheit zu gewährleisten, 
glaubt man mit Constablem und Soldaten auszukommen. Sicherlich 
hat niemals einer so viel Grund gehabt, als wir jetzt, auszurufen: 
Oleum et operam perdidi. 

Endlich ist uns noch ein Punkt aufgefallen, nämlich der von der 
Qualifikation der Candidaten. Wir wollen nichts davon sagen, dass die 
Regierung zu Oppeln über die Anstellung zu entscheiden hat, obwohl 
wir darüber viel schreiben könnten, wir wollen nur das hervorheben, 
däss man wieder Zeugnisse über die moralische Führung in den Vor- 
dergrund stellt. Wir sind fem davon, den moralischen Gehalt eines 
Mannes für gleichgültig zu halten, im Gegentheil wünschten wir, dass 
unser ganzes bürgerliches und staatliches Leben sich nur auf sitt- 
lichen Grundlagen und mit sittlichen Persönlichkeiten aufbauen möchte. 
Allein wir bestreiten die Competenz derjenigen, welche jetzt über die 
moralische Führung zu entscheiden haben. Hätten wir ärztliche Asso- 
ciationen mit Ehrengerichten oder Ehrenräthen, so würde sich Alles 
von selbst, machen; wenn aber das Moralitäts-Zeugniss ein bureau- 
kratisches oder polizeiliches sein soll, so bestreiten wir aus allen Kräf- 
ten seine Zuverlässigkeit. 

Wir unsererseits würden eine ganz andere Forderung mit auf- 
genommen haben. Bekanntlich besteht die oberschlesische Bevölke- 
rung, namentlich in den angeführten Kreisen, fast ausschliesslich aus 
Polen, welche der deutschen Sprache durchaus unkundig sind. Wir 
haben desshalb (Arciiiv f. path. Anat. u. Phjs. 11. S. 310) die na- 
tionale Reorganisation des Volkes als das erste Culturmittel vorge- 
schlagen, und wir brauchen nur daran zu erinnern, dass in der 
Sitzung der constituirenden Versammlung vom 24. August v. J. der 
Abgeordnete Hr. Schaffranek Petitionen von mehr als 200 Vor- 
ständen oberschlesischer Gemeinden zum Schutz ihrer polnischen 
Muttersprache überreichte. Wäre es da nicht zweckmässig gewesen, 
anzufahren, dass besonders solche Aerzte, welche der polnischen 
Sprache mächtig sind, bei der Meldung berücksichtigt werden sollten? 
Oder hält das Ministerium es für gleichgültig, dass sich der Arzt mit 
seinen Patienten unterhalten kann? 

Solche Missgriffe werden aber nimmer ausbleiben, so lange das 
Regieren und Verwalten von oben herab geschieht. Wir haben mit 
gutem Grimd Selbstregienmg und Selbstverwaltung verlangt, als das 
einzige Mittel, um den selbst empfundenen Uebeln wirklich zweck- 
entsprechende Mittel entgegenzustellen. Sollen wir die Hoffnung auf- 
geben, dass allmählich diese Ueberzeugung so mächtig wird, dass sie 
sich selbst Geltung verschafft? — 


B. Virehov, Oeffentl. llediein. 


50 Oeffentliche Gesundheitspflege and Medicinalreform. 


Vn. Der Staat und die Aerzte. 


I. 

(Uedicinische Reform No. 37 vom 16. Min 1849.) 

Die Stellung, welche die Aerzte dem Staate gegenüber könftig 
einnehmen werden, wird wesentlich abhängig sein von der Haltung, 
welche der Staat gegen die Aerzte behaupten wird. So lange es 
noch Staaten geben wird, muss es auch eine Aufgabe derselben sein, 
' die öffentliche Gesundheitspflege zu handhaben, und es kann sich nur 
darum handeln, bis zu welchen Grenzen dieselbe ausgedehnt werden soll 
und bis zu welchem Maasse man die freie Selbstbestimmung der ein- 
zelnen Staatsbürger gewähren lassen will. Die Frage von der Stel- 
lung der Aerzte im Staat ist also die Frage von der Selbstregiening. 
auf den einzelnen Fall angewendet; es ist die Frage, bis zu welcher 
Ausdehnung die zu einem Staate constituirte Gesammtheit die Gel- 
tendmachung des Einzelwillens mit ihrem Wohl verträglich findet. 

Man könnte dagegen einwenden, dass aus der öffentlichen Ge- 
sundheitspflege als Pflicht der Gesammtheit eine Reihe von Rechten 
der einzelnen Staatsbürger fliesst, welche bei dei Betrachtung der 
Stellung der Aerzte, als der öffentlichen Gesundheitspfleger, doch von 
wesentlichster Bedeutung seien, und dass es also nicht sowohl auf die 
Grenzen der Selbstbestimmung der Einzelnen, als vielmehr auf den 
Umfang ihrer Rechte, ihrer Ansprüche an den Staat ankomme. Dar- 
auf bemerken wir, dass es sich um diese Frage hier jedenfalls nicht 
handelt. Man muss genau auseinanderhalten, sonst geräth man in 
eine Verwirrung, welche leider den Schriftstellern über diesen Gegen- 
stand oft genug passirt ist. Die Ansprüche, welche Einzelne an die 
Gesundheitseinrichtungen des Staats machen djTirfen, werden durch 
besondere Organe, sei es der Gemeinde, sei es der Regierung zu 
befriedigen sein; die Grenzen, innerhalb welcher es dem Einzelwillen 
gestattet sein darf, sich in dem Staat geltend zu machen, betreffen 
die Gesammtheit der Aerzte, den ganzen Stand. Hierbei müssen 
wir stehen bleiben, wenn wir nicht in den groben Irrthum verfallen 
wollen, der so oft begangen worden ist, dass wir als erste Forderung 
aufstellen, alle Aerzte müssten Staatsbeamte sein. Wir werden auf 
diesen Punkt zurückkommen, glauben aber zunächst die von uns ah* 
cardinale betrachtete Frage von den Grenzen der freien Selbstbestim- 
mung erledigen zu müssen. 

Von einem beschränkteren Gesichtspunkte aus hat man died^ ge- 
wöhnlich als die Frage von der Pfuscherei bezeichnet, und sich 
darüber gestritten, ob es Pfucherei- Gesetze geben soll oder nicht. 
Diess ist aber erst ein secundärer Punkt, denn bevor man fragt, ob 
Pfuscherei gestattet sein solle, muss man erst feststellen, ob überhaupt 
vom legislatorischen Standpunkte ärztliche Pfuscherei anerkannt wer- 
den soll oder nicht. Denn was ist Pfuscherei? Die Handhabung der 
Medicin durch einen Unwissenden oder Ungeschickten. Und wer ist 


Der Staat und die Aerzte. 51 

anwissend und ungeschickt? Offenbar sind diess nur relative Begriffe. 
Wäre die Medicin eine positive Wissenschaft, so könnte man bestimmt 
sagen, was einer wissen und können muss, um die ärztliche Kunst 
mit Erfolg zu treiben. Allein von einem solchen Standpunkte sind 
wir noch weit entfernt, so weit, dass sich der Gesichtskreis der Wis- 
senschaft in jedem Jahre in dem Maase erweitert, dass Mancher, der 
vor 10 Jahren vollkommen als ein Wissender gelten konnte, heute 
für unwissend und demgemäss für einen Pfuscher erklärt werden 
kann. Es genügt gar nicht, sich einmal im Leben von der Wissen- 
schaft eines Arztes zu überzeugen; man müsste es periodisch thun, 
wie man wiederholt vacciniren lässt. Auf diese Weise wäre es denk- 
bar, dass jemand, der vom Staate eben noch als Lehrer oder Exami- 
nator anerkannt war, 20 Jahren nach seiner ersten Prüfung der 
Pfuscherei angeklagt werden konnte. 

Die bisherige Praxis war jedenfalls so unvollkommen, als mög- 
lich. Die Ausübung der Arzneikunst durch nicht approbirte Per- 
sonen, die Medicinal-Pfuscherei ist in Preussen schon seit dem Medi- 
cinaledict von 1685 verboten. Keine Art von Verboten hat aber 
wohl geringere Früchte getragen, als dieses, und wir haben es bis in 
die letzten Tage erleben müssen, dass gerade von den Regionen aus, 
von wo dem Volke das strengste Beispiel für die Aufrechthaltung der 
Gesetze gegeben werden sollte, die gröbsten Uebertretungen der 
Pfuscherei-Gesetze ausgegangen sind. Nichts ist aber der Autorität 
des Gesetzes überhaupt nachtheiliger, als die schlaffe Handhabung 
desselben 9 und schon diess allein wäre ein Grund-, die Pfuscherei- 
Gesetze aufzuheben y wenn sich herausstellt, dass sie nicht zu hand> 
haben sind. 

Die Pfiischerei-Gesetze sollten für die Aerzte einen Schutz ihrer 
Sonderinteressen, ihres Kurprivilegs bilden; die Kranken wurden 
unter die Curatel des Staats, des bevormundenden, polizeilichen Staats 
gestellt Der moderne Staat, der die gleiche Berechtigung der freien 
Staatsbürger feststellen soll, muss also von selbst gegen die Aufrecht- 
erfaaltung der Pfuscherei-Gesetze sein. 

Wir sind damit an die ursprüngliche Frage zurückgekehrt, wo 
die Grenzen der freien Selbstbestimmung liegen sollen. Soll der 
Staat es jedem frei stellen, zu kuriren, und jedem gestatten, sich, von 
wem er will, kuriren zu lassen? Soll der Staat sich um diejenigen 
Aerzte, welche nicht als besondere Organe der Regierung oder der 
Gemeinde angestellt sind, überhaupt noch bekümmern? 

In der französischen Revolution hob man, wenn wir nicht irren, 
im Jahr 1793 alle beschränkenden Gesetze auf und stellte es jedem 
anheim, sich für eine massige Geldsumme ein Patent zu lOsen und 
darauf hin zu kuriren. In Amerika fehlt es an allen gesetzlichen 
Prohibitionen und die Pfuscherei ist universell. In England ist man 
wenigstens sehr wenig sorgfältig in der Begrenzung der zum Kuriren 
Berechtigten. — Was hat nun in diesen Ländern die praktische Er- 
fahrung gelehrt? In Frankreich ist man wieder zu Pfuscherei- 
Gesetzen zurückgegangen und wir haben es noch sehr wohl in der 
Erinnerung, wie der »grosse Märtyrer" der Februar- Revolution, 

4* 


52 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

Hr. Raspail, wie die Wittwe von Hahnemann vor Gericht stan- 
den und wegen Pfuscherei verurtheilt wurden. Von Amerika be- 
hauptet Hr. Fränkel (Skizze des Entwurfes zur Mediclnal-Ordnung 
für die Herzogthümer Anhalt-De.'?sau und Köthen. 1849, S. 40), da^s 
diese Freiheit des Kurirens den westlichen Freistaaten jährlich fast 
eben so viel Borger koste, als das Sumpf-Miasma. In England end- 
lich sehen wir die neueren Reform-Bestrebungen auf eine festere Re- 
gulirung der Praxisfreiheit gerichtet. 

Die Erfahrung scheint daher ebenso sehr, wie gegen die Auf- 
rechterhai tung der Pfuschereigesetze, auch gegen die absolute Kurir- 
frelheit zu sprechen. Das Princip des fi-elen Staats ist mit Pfuscherei- 
Gesetzen, mit Beschränkungen der Kurirfreihelt durch Gesetze unver- 
träglich. Es bleibt daher nichts weiter übrig, als solche Beschrän- 
kungen aufzufinden, welche mit dem Princip, welches wir nicht ver- 
letzen wollen und dürfen, zu vereinbaren sind und doch den EÖ'ect 
haben, den Nachtheilen der absoluten Freiheit vorzubeugen. Auf diese 
Weise wird das erreicht, was wir in einem früheren Aufsatze al« 
Organisation der Freiheit bezeichnet haben und was wir als die 
einzige Garantie gegen die Anarchie und den Despotismus betrachten. 
Hr. Fränkel formulirt in seinem Entwurf der Anhaltinischen 
Medicinal-Ordnung folgende zwei Paragraphen: 

§. 13. Jedem dispositionsfähigen, zu einer Criminalstrafe noch 
nicht verurtheilten Einwohner des Landes ist es unbenommen, 
kranken Menschen oder Thieren unentgeltlich medicinische 
Hülfe zu leisten, vorbehaltlich der Verantwortlichkeit für den 
durch Begehung oder Unterlassung etwa gestifteten Schaden. 

§. 14. Wer ohne Erlaubniss der zuständigen Behörde kranken 
Menschen oder Thieren um Lohn medicinische Hülfe leistet, 
wird, vorbehaltlich der Verantwortlichkeit für den durch Be- 
gehung oder Unterlassung etwa gestifteten Schaden, zuerst poli- 
zeilich, bei hartnäckiger Wiederholung criminell bestraft. 
Hr. Fränkel legt also den Hauptaccent auf den Lohn; erst in zweite 
Linie stellt er die Verantwortlichkeit für den Schaden. In der Praxi? 
ist dless jedenfalls als das Richtige befunden, denn es ist bekannt, wie 
selten es möglich ist, einem Pfuscher den durch ihn angerichteten 
Schaden rechtsgültig zu beweisen, während es ungleich leichter iiacli- 
welsbar ist, dass jemand die Pfuscherei gegen Entgelt betreibt. Allein 
man vergesse nicht, dass diese Erfahrung unter der Herrschaft des 
Polizeistaates gemacht werden ist, wo die ganze Angelegenheit der 
Quacksalber Sache der Medicinalpolizel oder auch wohl der gew^öhn- 
lichen Polizei war. Wenn wir erst einen Rechtsstaat haben werden, 
mu88 sich diess anders gestalten. Auch Pfuscher werden dann nur 
repressiv, nicht mehr präventiv belangt werden können, und hier 
möchte denn doch wohl die Aufstellung strenger Strafgesetze, wo- 
durch jeder für den durch ihn angerichteten Schaden verantwortlich 
gemacht wird, grösseren Nutzen bringen. 

Das Verbieten der medicinischen Hülfe gegen Entgelt för alle 
nicht von den Behörden anerkannten Personen ist eine reine Cultur- 
frage. Ist das Volk gebildet genug, um Ober alle, welche Arznei- 


Der Staat und die Aerzte. 53 

konde zu verstehen behaupten, ein Urtheil zu haben, so werden der- 
gleichen Verbote nicht mehr nothig sein; so lange man aber diese 
Bildung bei dem Volk nicht voraussetzen und andererseits die Be- 
nutzung der Kurirfreiheit nicht als ein nothwendiges Bil- 
dungsmittel betrachten darf, ist es vollkommen mit dem Princip 
der Freiheit verträglich, den Betrug durch ein solches Mittel abzu- 
wenden. Es fragt sich nur, ob mit einem solchen Verbot etwas Er- 
hebliches erreicht wird, denn der praktische Erfolg kann hier allein 
entscheiden. Möge man diess immerhin versuchen. Der Entwurf der 
Aerzte des Merseburger Regierungsbezirks (vgl. No. 6.) verlangt nur 
die periodische Veröffentlichung der vom Staate anerkannten Aerzte 
und die Beibehaltung der Strafbestimmungen filr positive Beschädi- 
gungen des Leibes, und es scheint uns, als ob diess vollkommen aus- 
reichend sein müsste. 

Diejenigen, welche die Staatsbehörden nach sorgfätiger Prüfung 
ftir fähig erklären, die ärztliche Praxis anzutreten, werden von dem- 
selben Augenblicke an dem Publikum gegenüber eine gewisse Auto- 
rität besitzen, vorausgesetzt, dass die Prüfungs-Commission in den 
Augen des Publikums — und dieses sieht dieselbe durch die Augen 
der Aerzte — eine competente Behörde ist. Das ist eine Haupt- 
sache. Wenn sich der Ruf von der trostlosen Beschaffenheit des 
preussichen Staatsexamens durch alle Gauen von Deutschland drängt, 
wenn man überall, wo von medicinischen Curiositäten die Rede ist, 
Anekdoten von preussischen Examinatoren hören muss, so liegt es 
freilich nahe, dass ein junger Arzt durch seine Approbation eine 
immerhin nur sehr bedingte Legitimation bekommt. Mag sich in der 
neueren Zeit in dieser Beziehung auch Manches gebessert haben, so 
bleibt doch das Meiste noch zu thun. 

Wir sind also dafür, dass auch fernerhin die Staatsbehörden sich 
mit der ärztlichen Prüfung beschäftigen, dass es auch fernerhin ^vom 
Staate anerkannte** Aerzte gebe, aber wir wünschen, dass die Maass- 
regeln zum Schutz derselben so viel als möglich in den Garantien 
liegen, welche ihre eigene Bildung, welche die Sorgfältigkeit der Prü- 
fung gewähren. Auch diese anerkannten Aerzte müssen vor dem 
Gesetz verantwortlich sein für den Schaden, den sie anrichten, allein 
ihre Bestrafung muss ungleich milder sein, als die der nicht aner- 
kannten, der Pfuscher und Quacksalber. Machen sie Fehler, welche 
aus einer mangelhaften Bildung hervorgehen, so wird es sich darum 
liandeln, ob sie diese mangelhafte Bildung erst durch eine mangel- 
hafte Verfolgung der sich entwickelnden Wissenschaft nach der Zeit 
ihres Examens verschuldet haben oder ob die Prüfungskommissarien 
unvollkommen geprüft haben. Im letzteren Falle müsste sich 
das Strafverfahren gegen diese Examinatoren richten. Viel- 
leicht erscheint das neu und desshalb seltsam, aber wenn man be- 
^lenkt, dass es im freien, im rechtlichen Staat keine unverantwort- 
lichen Beamten mehr geben darf, so wird man sich vielleicht mit 
dem Gedanken befreunden, auch einen schlechten Examinator zu be- 
strafen. 


54 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

II. 

(Uediolnische Reform No. 38 vom 23. M&ra 1849.) 

Der bisherige, polizeiliche Staat ging, wie wir gesehen haben, 
bei der Beurtheilung der Pfuscherei von der logisch unrichtigen, aber 
seinen vormundschaftlichen Prämissen entsprechenden Ansicht aus, 
daßs alle diejenigen Pfuscherei trieben, welche sich nicht ihm gegen- 
über in Beziehung auf ihre Kenntnisse ausgewiesen hatten. Statt die 
Unwissenden und Ungeschickten für Pfuscher zu erklären, denuncirte 
man die Ungeprüften. 

Wenn man jetzt die Pfuschereigesetze aufhebt, so fragt es sich, 
wie der Staat (unter welcher Bezeichnung wir natürlich immer nur 
die Gesammtheit der Staatsbürger, nie die Regierung verstehen) der 
Pfuscherei vorbeugen solle und könne. Denn es lässt sich nicht leug- 
nen, dass es in dem Interesse der Gesammtheit liegt, die Behandlung 
Kranker durch Unwissende möglichst zu beschränken. 

Nach den Principien des freien Staatslebens dürfen wir diese 
Beschränkung nicht in der präventiven Ausschliessung aller derjeni- 
gen, welche die festgesetzte Prüfung nicht bestanden haben, suchen, 
sondern wir müssen der einen demokratischen Einrichtung eine andere 
demokratische als Gegengewicht gegenüber stellen. Auf diese Weise 
ist der bewunderungswürdige Organismus des nord - amerikanischen 
Staatslebens zu der Macht gekommen, welche durch das Gleichge- 
wicht aller einzelnen Kräfte die innere und äussere Sicherheit ge- 
währleistet. 

Das Hauptmittel der Demokratie ist die Bildung. Stei- 
gern wir die Bildung der Aerzte und die Bildung der Laien, so wird 
die Pfuscherei immer seltener werden. Je vollkommener die medi- 
cinischen Unterrichtsanstalten des Staats, je mehr naturwissenschaft- 
lich und demonstrativ der medicinische Unterricht, je strenger und 
sorgfältiger die medicinischen Prüfungen sein werden, um so zuver- 
lässiger werden die „vom Staate anerkannten**, die den Laien officiell 
empfohlenen Aerzte sein, und um so grösseres Vertrauen werden sie 
vorfinden und erwerben. Wir erinnern zum Beweise dieses Satzes 
nur an die allgemeine Erfahrung, dass die preussischen Militärärzte 
gerade aus den angeführten Gründen fast überall mit einem präexi- 
stirenden Vertrauen aufgenommen werden und dass man nicht sehen 
Civilärzte, welche ihnen vollkommen gleichstehen oder vielleicht gar 
eine bessere Ausbildung haben, ihnen nachsetzt. Unsere Militärärzte 
gebrauchen gar kein Privileg, um gesuchte Praktiker zu werden; im 
Gegentheil, unsere Civilärzte beanspruchen oft genug ein Monopol, 
welches jene ausschliessen soll, weil die Concurrenz der Militärärzte 
ihnen verderblich wird. 

Eben so sehr und vielleicht noch mehr wichtig ist aber die Bil- 
dung der Laien. So lange unsere Schulen ihre Hauptthätigkeit in 
der Uebertragung gewisser Kenntnisse und Doctrinen entwickeln, 
welche den Autoritätsglauben befestigen und im besten Falle eine 
unfruchtbare Gelehrsamkeit hervorrufen; so lange der Unterricht von 
der Volksschule bis zur Hochschule nicht überall auf die sinnliche 


Der Staat and die Aerzte. 55 

Anflchauang basirt und durch die Kritik , durch die selbständige 
Denklhätigkeit den gesunden Menschenverstand in seiner ganzen 
Reinheit und Unverfälschtheit neben einem reichen Material positiver, 
naturwissenschaftlicher und historischer Kenntnisse zu erhalten und 
zu steigern strebt: so lange wird freilich die Grundlage fehlen, welche 
den Laien befähigt, über die Aerzte und Afterärzte ein eigenes Ur- 
theil zu haben. Nicht bloss die ungebildeten, sondern auch die ge- 
bildeten Laien, der gemeine wie der vornehme Pöbel werden so lange 
auch der medicinischen Autorität knechtisch untergeben sein, und ein 
klingender Titel, ein Hof- oder Sanitätsrath, ein Geheimer Rath oder 
gar ein Geheimer Ober-Medicinal-Rath wird ein sehr lucratives Aus- 
hängeschild auch für den medicinischen Pfuscher sein. 

Auch die Anatomie und Physiologie dürfen künftighin keine eso- 
terischen Wissenschaften mehr sein, die bloss den „Wissenden", den 
Eingeweihten zugänglich sind. Wenige Generationen — und das, 
was sich jetzt als logisches Postulat, als pium desiderium hinstellt, 
ymd als eine faktische Nothwendigkeit, als eine Cultur-Errungenschaft 
erscheinen. Ist es doch in allen übrigen Disciplinen eben so gegan- 
gen, so sehr sich auch die Pedanten und die Staats-Künstler da- 
gegen gesträubt haben. Neben den alten Sprachen drängen sich 
immer kategorischer die neuen hervor; die Geographie, welche früher 
in Asien und Polynesien herumschweifte, hat sich endlich dazu ver- 
standen, auch von dem Yaterlande, von der Provinz, dem Kreise, ja 
eogar der Stadt oder dem Dorfe, wo die Schule liegt, Notiz zu neh- 
men; die Geschichte schneidet nicht mehr bei der französischen Re- 
volution ab, und die Religion ist als ein Anhängsel der humanen 
Staatsschule declarirt worden. Freilich rufen die Zöpfe in den kläg- 
lichsten Tönen: Eheu nefas! allein vergeblich. Die Naturwissenschaf- 
ten, die Prodrome und Grundlagen des Humanismus, haben sich in 
die Schulen hineinzuschieben angefangen, und die Zeit, die Mutter 
der kommenden Generationen, wird nicht zögern, einen Zustand her- 
beizufbhren, wo das Transscendentale, das Unmenschliche ganz aus 
dem geordneten , aus dem öffentlichen Staatsleben verschwindet *). 
Dann wird auch die Anatomie und Physiologie ein Glied des Volks- 
unterrichts werden und die Aerzte werden aus der exceptionellen 
Stellung herauskommen, in welche sie der verkehrte Zustand unseres 
Culturganges gebracht hat. 

Freilich von unseren Aerzten werden nicht viele den Beruf in 
v^ich fühlen, ihre wunderthätige Stellung gegen eine wahrhafte Cultur- 
stellung aufzugeben. Mancher Praktiker wird sein gewichtiges Haupt 
schütteln, und es unbegreiflich, ja lächerlich finden, dass er, statt an 
den Puls zu fassen, an die Zunge zu tasten und auf seine Schnupf- 
tabacksdose zu klopfen, von den ewigen Gesetzen der Natur nicht 
bloss Kenntniss nehmen, sondern sie auch Anderen überliefern und 
beweisen soll. Er beweisen! er, der seine Recepte, ohne Widerspruch 
zu dulden, mit souveräner Miene octroirte! Ja freilich, es ist lächer- 

•) Man vergleiche dasjenige, was wir über die in Oberschlesien nothwendigen 
Institutionen gesagt haben (Archiv f. pathol. Anat u. Phys. Bd. II. S. 314.) 


r)() OelTtintlichc Gosundhoitspnojre und Modirinalreforni. 

lieh, (Hci^eri Herren ij^ei^^cnüber zu ^hiuhcn, duss die Aerzte dereln&t 
i\U die oii^eutliclien Trailer der wahren Cultnr auftreten sollen. 

Es ist lan^e lier, dass die Aerzte Priester waren. Als die Völ- 
ker noch in iiatiirlicheri A'^erhältnissen lebten, da waren seine obersten 
Hüter und T^enker die Naturkundigen und die Naturkundigen waren 
natürlich Aerzte. Die Gesetze der Natur, mehr durch einen ur- 
sprünglichen Takt, durch eine ungetrübte, vorurtheilsfreie An- 
schauung, durcli gesunden Menschenverstand errathen oder geahnt, als 
durch scharfsinnige und exakte Forschung festgestellt, nmssten eben 
durch den Gang der Krkenntniss in einem geheimnissvollen, myste- 
riösen Gewände erscheinen, und indem sie si<di allmählich zu Kräf- 
ten, zu persönlichen Gestalten, zu (jottheiten umbildeten, wurden 
auch die Aerzte Priester. Erst als das hierarchische Element sich in 
den Vordergrund drängte, als die Medicin ein Anhängsel der Reli- 
gion wurde und diese die medicinische Legislation übernahm (Gesetze 
des Manu, des Moses u. s. w.), da l)egaim die Verwirrung. 

Mit Mühe hat sich im Laufe der Jahrhunderte die Medicin von 
der Religion emancipirt, und erst als die neuen (ledanken von der 
Gleichberechtigung Aller in den Decennien vor der ..grossen^ fran- 
zösischen Revolution sich zu verl)reiten l)e^aTmen, da iini^^en auch die 
Aerzte wieder an, ilu'e culturhistorisclie Auficabe zu bcirreifen. Göthe 
sagt darüber (Wahrheit und Dichtung Th. H. Buch 7.): „Nach dem 
Vorijranixe eines Ausländers, Tissot, finijen nunmehr auch die Aerzte 
an, auf die allgemeine Bildung zu wirken. Sehr grossen Einfluss 
hatten Haller, Unzer, Zimmermann, und was man im einzelnen 
gegen sie, besonders gegen den letzten auch sagen mag, sie waren zu 
ihrer Zeit sehr wirksam.'' Der grosse Einfluss, den namentlich Tis- 
sot auf die Bildung des Volks gehabt hat, ist bekannt genug; in 
wenig Monaten war sein berühmtes Werk in fast alle europäischen 
S])rachen ül)ersetzt und in zahlreichen Ausgaben durch alle Klassen 
der Gesellschaft verbreitet. Haben doch nachher Werke von einem 
ungleich geringern Gehalt, wie die Makrobiotik von Hufeland, den 
allergrössten Success gehabt. 

Das Terrain ist also günstii»; i^enuix: es liei^t nur an den Aerz- 
ten, wenn sie ihre Wissenschaft nicht exoterisch machen. Freilich 
hat die neuere Zeit in ihrer abstrusen, naturpliilosophischen und ro- 
mantischen Richtung das Meiste wieder verwischt, was durch jene 
Schriften geleistet war und wir haben auf dem Boden der medicini- 
schen Volksschriftstellerei in den letzten Jahren nur eine Reihe der 
unsittlichsten und gefährlichsten Brochüren erscheinen sehen, denen 
der gute Polizeistaat nie die Censurscheere angelegt hat, da sie ja 
das Autorltätsprincip nicht nur nicht gefährdeten, sondern vielmehr 
befestiicten. Erst in der neuesten Zeit haben wir einen unserer be- 
deutendsten Gelehrten, einen unserer hervorragendsten Politiker, Hrn. 
Carl Vogt durch seine „Physiologischen Briefe den würdigen und 
nützlichen Standpunkt wieder erobern sehen. Dasjenige, was Hr. 
Lieb ig für die Cliemie gethan hat, ist aber für die eigentliche Me- 
dicin noch zu erfüllen. 

Diese Art von Bildung ist unser Gegengewicht gegen die Frei- 


Der Staat und die Aerate. 57 

gebung der Pfuscherei, und wir sind überzeugt, dass es sich in eini- 
gen Generationen von selbst herausbilden wird. Hätten wir keine 
Gefahr davon, könnten wir es ruhig abwarten, so würde es sich eben 
90 sicher finden, wie es in Amerika der Fall gewesen ist. Wie man 
in den Strassen von New- York ohne Beeinträchtigung durch Polizei- 
Mannschaften physiologische Brochüren ausruft und kauft, so würde 
es auch bei uns geschehen. Allein wir haben nicht so viel Geduld. 
Wir meinen, dass es angenehmer ist, selbst zu geniessen, als sich mit 
dem Genuss seiner Enkel zu trösten. Wir müssen daher mit einer ge- 
Mrissen Künstlichkeit das heranziehen, was ohne Pflege erst spät und 
kümmerlich wachsen würde; die Gesammtheit, der Staat hat diese 
Aufgabe der Cultur zu erfüllen. 

Wir verlangen daher zunächst eine Verallgemeinerung der 
physiologischen Bildung. Die Physiologie muss ein Theil der 
aligemeinen Univei*sitätsbildung der Studirenden aller Facultäten wer- 
den und ihre Basen müssen durch eine vernünftige Behandlung der 
Zoologie schon jetzt tief in die Gymnasialbildung herübergetragen 
werden. 

Wir fordern zweitens, dass die Regierung grosse Preisauf- 
gaben für populäre physiologische und pathologische Schrif- 
ten und Abhandlungen aussetze, welche die Bildung in allen 
Klassen des Volks hineintragen, die Vorurtheile bekämpfen und die 
Lebensverhältnisse reguliren helfen. 

Wir erwarten drittens, dass die Regierungsorgane jede Gelegen- 
heit benutzen, um an einzelnen Beispielen das allgemeine Ur- 
theil ober medicinische Gegenstände zu bilden. Bei Ge- 
legenheit des Wunderkindes haben wir schon darauf hingewiesen und 
diess hat den Erfolg gehabt, dass Hr. Milay eine Brochüre „im 
amtlichen Auftrage ** darüber veröffentlicht hat, denn soviel wir wissen, 
ist dieser amtliche Auftrag erst ein nachträglicher gewesen. Dazu 
sind ja aber die officiellen Regierungsorgane da und nicht die Privat- 
ärzte. Oder sind etwa die Regierungs-Medicinalräthe blosse Bureau- 
arbeiter? Es fehlt uns nicht an Beispielen, wo direkt der Wunder- 
glaube von dieser Seite her, gewissermassen officiell, unterstützt wor- 
den ist, wo man Flugschriften im theokratischen oder hierarchischen 
Interesse erlassen hat. Wie ganz anders meint es Tissot! Er sagt 
{Avis au peuple sur sa sante, Paris 1766. T. L p. 495): Ort donne 
le Signalement des voleiirs qui s^introduisenf dans le pcnjs; tl serait au- 
fant ä souhaiter quofh eüt un role de Ions res favx medecins de Fun et 
de Tatitre sexe^ et qtion en publidt la description la plus exarte^ accom- 
pagnee de la liste de leurs exploits sanglants. Von impirerait peut- 
etre par-lä une frayeur %alutaire au peuple, qui ne s^exposerait plus ä 
etre la victime innoncente de ces hourreaux. 

Der Gang der Cultur des Menschengeschlechts ist ein höchst 
eigenthümlicher, aber immer gleicher. Von der Natur ausn^egangen, 
entfernen wir uns immer mehr davon, bis wir plötzlich unserere Ver- 
iming erkennen und zurücklenken. Aber die Schwierigkeiten, welche 
die Mangelhaftigkeit unserer Kenntnisse von der Natur uns ent- 
gegenstellt, treiben uns immer von Neuem wieder auf Umwege und 


58 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

Abwege. Zuerst gelingt es Einzelnen, sich zurecht zu finden; all- 
mählich folgen Mehrere und erst spät wird die neue Errungenschaft 
Allgemeingut. So hat das Christenthum die Sklaven, die Reforma- 
tion die Burger, die Revolution die Bauern emancipirt und eben be- 
schäftigen wir uns damit, die Arbeiter, die Besitzlosen in die grosse 
Culturbewegung aufzunehmen. Das ist der lange Kampf des Men- 
schen gegen das Unmenschliche, der Natur gegen das Unnaturliche, 
des Rechts gegen das Vorrecht. 

So muss auch die Medicin zur Natur zurück. Innerlich hat sie 
diesen Process vollendet, seitdem sie erkannt hat, dass auch die Pa- 
thologie weiter nichts als Physiologie ist. Es handelt sich jetzt um 
den grösseren Schritt der äusserlichen Emancipation. Aus den Aerz- 
ten waren Priester geworden, welche die Medicin knechteten. Allein 
die Medicin emancipirte sich, wie sich der Staat und die Schule 
emancipiren, bis der Process mit der Emancipation der Gesellschaft 
beendigt sein wird. Zunächst müssen dann die Aerzte wieder Prie- 
ster werden, die Hohenpriester der Natur in der humanen Gesell- 
schaft. Aber mit der Verallgemeinerung der Bildung muss diese 
Priesterschaft sich wiederum in das Laienre^iment auflösen und die 
Medicin aufhören, eine besondere AVissenschaft zu sein. Ihre letzte 
Aufgabe als solche ist die Constituirung der Gesellschaft auf physio- 
logischer Grimdlage. — 


III. 

(Mcdicinische lloforrn No. 39 vom 3U. März 184'.».) 

Montesquieu sagt (KsprH de loi^i Licr, 29, chap, /i.); „Die 
römischen Gesetze wollten, dass die Aerzte für ihre Nachlässigkeit 
oder für ihre Unerfahrenheit bestraft werden könnten. In diesem 
Falle verurtheilten sie zur Deportation einen Arzt von etwas höherer 
Stellung und zum Tode den, welcher sich in einer niedern Stellung 
befand. Bei unseren Gesetzen ist es anders. Die Gesetze Rom's waren 
nicht unter denselben Verhältnissen gegeben, wie die unsrigen: in 
Rom mischte sich in die Medicin, wer da wollte; bei uns dagegen 
sind die Aerzte genöthigt, Studien zu machen und gewisse Grade zu 
erlangen; man setzt also voraus, dass sie ihre Kunst ver- 
steh en.** 

In diesen Worten liecrt das tcanze Verhältniss der Strafiresetz- 
gebung zu der ärztlichen Thätigkeit beantwortet. Es folgt daraus 
die Nothwendigkeit, ungeprüfte Pfuscher härter zu bestrafen, als ge- 
prüfte. Ein solcher Unterschied in der (iesetzgebung des Staats ist 
eine Pflicht des letzteren, sowohl gegen die Aerzte, als gegen die 
Kranken, und zugleich eines der wirksamsten Mittel gegen die Pfu- 
scherei ungeprüfter Personen. Sobald der Staat sich darauf einliisst, 
ärztliche Prüfungen anzustellen und Aerzte zu approbiren, so autori- 
sirt er gewisse Personen, wenn auch durchaus nicht in ausschliess- 
licher Weise, zum Kuriren und empfiehlt sie den Staat*?angehörigen 
als besonders geeignet. Sowohl die Kranken, als die Aerzte selbst 


Der Staat und die Aerzte. 59 

werden also durch die PrQfungsbehörden des Staats inducirt, zu glau- 
ben, dass die Approbirten ^ibre Kunst verstehen.^ Leidet nun je- 
mand durch die Schuld eines Arztes Schaden, so kann letzterer, 
wie wir schon früher angaben, nur verantwortlich sein für solche 
Fehler, welche durch seine Nachlässigkeit oder durch eine mangelhafte 
Fortbildung nach der Prüfung herbeigeführt sind; für alle übrigen 
Fehler ist die autorisirende Gesammtheit und dieser sind wiederum 
die Examinatoren verantwortlich. 

Bei den ungeprüpften Pfuschern liegt das Verhältniss ganz an- 
ders. Bei ihnen besteht keine Voraussetzung, dass sie ihre Kunst 
verstehen, denn sonst hätten sie sich ja prüfen lassen können. Im 
Gegentheil, die Voraussetzung ist die, dass sie nichts oder doch nur 
sehr Unvollkommenes von der Medicin wissen, dass sie also absicht- 
lich oder unabsichtlich betrügen. Dem Betrug muss aber der wahre 
Staat mit aller Strenge entgegentreten, und hier, wo es sich um die 
ersten Güter des Menschen, um Leben und Gesundheit handelt, wür- 
den wir drakonische Gesetze für vollkommen berechtigt halten. Handelt 
es sich doch nicht bloss danmi, einem Verletzten zu seinem Rechte 
zu verhelfen, was ja häufig gar nicht einmal mehr möglich ist, son- 
dern auch darum, die sittlichen Grundlagen der Gesellschaft zu be- 
wahren, und den Schein, die Lüge, den Betrug aus den bürgerlichen 
Beziehungen zu verbannen. 

In dem Maasse, als sich die modernen Staaten von dem Schein- 
constitutionalismus abwenden werden, muss das Bestreben, alle Theile 
des Staatsverbandes mit einem wahrhaften, reellen und lebendigen 
Geiste zu durchdringen und zu entwickeln, die Aufgabe der Kegie- 
rungen werden. Dies kann aber nur verwirklicht werden, wenn einer- 
seits die vormundschaftliche Ueberwachung der Einzelbe- 
strebungen aufhört, andererseits alle Einzelbestrebungen mög- 
lichst zu gemeinschaftlichem Zusammenwirken veranlasst 
werden. Das sind die beiden Gegengewichte, aus deren Gleichheit 
die vernünftige Selbstregierung hervorgeht. 

Bei den Aerzten gab es bisher nur vormundschaftliche Ueber- 
wachung und Einzelbestrebungen. Ueberall in unserem Vaterlande 
ist dieser Zustand aufs schmerzlichste empfunden worden. DieTVürde 
de« „Standes** ist zum grossen Theile verloren gegangen, das Ver- 
trauen stark erschüttert, der schmutzigste Eigennutz in den Vorder- 
grund getreten. Kein Stand hat vielleicht die Noth wendigkeit, nach 
Beseitigung der Patriarchie des Staats die Einzelbestrebungen zu ge- 
meinschaftlichem und fruchtbringendem Wirken zusammenzufassen, 
tiefer gefühlt, als der ärztliche. Denn während die Handwerker, bei 
einer unorganisirten, also schädlichen Gewerbefreiheit von der Ein- 
wirkung der Staatsorgane, gegen das ganze Princip des Polizeistaats, 
fast vollständig losgelöst waren, hatten die Aerzte immer noch eine 
Art von officiösem Verhältniss zu der Regierung. Wie aber ausser- 
dem die Zustände ziemlich gleichartig lagen, so machten sich auch, 
während die Handwerker die Keaction zum Zunftzwange zu agitiren 
anfingen, unter den Aerzten corporative Gelüste geltend. 

Wir wollen nicht die formlose Gewerbefreiheit. Wir gebrauchen 


\ 


60 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalrefonn. 

nicht die banale Phrase „maasslose"^ Gewerbefreiheit, denn es kommt 
uns, wie wir schon öfter gesagt haben, nicht darauf an, der Freiheit 
ein bestimmtes, also willkürliches Maass zu stecken, sondern wir hal- 
ten nur die Form für wichtig, weil ohne sie das Organische aus dem 
Staatsleben und damit alles Dauerhafte und Entwicklungsfähige weg- 
feUt. Diess verwechselt man insgemein. Freilich reden unsere Staats- 
männer viel vom Staats-Organismue, allein Hr. Carl Vogt hat ihnen 
in Frankfurt schlagend bewiesen, dass sie keinen BegriflF von dem 
Inhalt dieses Wortes haben. Der St?iat ist freilich und wird nie ein 
Organismus sein, sondern nur ein Complex von Organismen. Da er 
aber als Complex immer nur etwas Ideales, Unkörperliches darstellt, 
so muss natürlich das Gesetz der einzelnen Organismen, das physio- 
logische Gesetz der einzelnen Körper für den Complex bestimmend 
sein. Der sogenannte Staatsorganismus gedeiht daher am besten, 
wenn die Entwickelung der Einzelnen am meisten garantirt ist, und 
diese als eine organische setzt nothwendig bestimmte Formen voraus, 
unter denen sie am besten zur Erscheinung kommen kann. 

Wenn wir uns daher wiederholt für die Nothwendigkeit einer 
Organisation der Freiheit ausgesprochen haben, so wollen wir sie auch 
für die Aerzte. Allein wir weisen die corporative, die zünftige 
zurück, weil aus den vielen Einzelnen auf natürlichem Wege doch 
kein einiger Körper entstehen kann, der in dem Staatscomplex als ein 
nützliches Glied aufzutreten berufen wäre. Die Corporation ist immer 
exclusiv gewesen und wird immer exclusiv sein. Sie beansprucht 
das Vorrecht und das Vorrecht ist die Knechtschaft der Einen, die 
Despotie der Anderen. 

Der Gedanke unserer Zeit ist die Association. Association 
bedeutet für uns die freie Innung, welche ohne alle Exclusion in der 
selbständigen Entwickelung ihrer Glieder die Basis der Selbstregie- 
rung sucht, welche demnach die Einzelbestrebungen ohne Beschrän- 
kung der natürlichen Berechtigung derselben, „maasslos** zulässt, aber 
sie durch die Gegenseitigkeit der Verpflichtungen in diejenige Form 
leitet, die der organischen Entwickelung Aller zuträglich ist. 

Mit Vergnügen sehen wir, wie unsere Anschauungen in dieser 
Beziehung mit den Bestrebungen vieler CoUegen zusammentreffen. 
Die Aerzte des Mereeburger Regierungsbezirks haben ihre Vorschläge 
schon formulirt (vgl. No. 31 — 33.). Der Central-Ausschuss des Ver- 
eins schlesischer Aerzte und Wundärzte hat in seinem eben ausge- 
gebenen Programm die Association aufs bestiramtete anerkannt; die 
Fünfzehner -Comniission der Berliner General -Versammlung hat sich 
gleichfalls dafür entschieden. Zur besseren Uebersicht theilen wir die 
Vorschläge neben einander mit: 

Die Berliner Commission sagt §. 28. ihres Entwurfs: „In 
jedem Bezirke treten die Aerzte zu einer Association behufs Wahr- 
nehmung und Förderung ihrer wissenschaftlichen und Standes -Inter- 
essen freiwillig zusammen. Die Association hält jährlich eine Ge- 
neral-Versammlung und ernennt für das Jahr einen Ausschuss, der 
sser den §. 11. angegebenen Funktionen (als technisch-bera- 
mde und begutachtende Behörde des Bezirks) die eines 


Der Staat und die Aerzte. 61 

Ehrenraths hat. Derselbe schlichtet die Streitigkeiten der Mitglie- 
der der Association und hat das Recht, Mitglieder, welche sich eines 
unehrenhaften Betragens schuldig machen, zu ermahnen und nOthigen- 
falls ihren Ausschluss aus der Association bei der General- Versamm- 
lung zu beantragen. 

Der Schlesische Central-Ausschuss sagt in der fünften 
Abtheilung: §. 1. Die Aerzte treten zu innungsmässigen Bezirks- Ver- 
einen zusammen. Dieselben werden vom Staate sanctionirt. §. 2. 
Jeder Arzt muss sich bei dem Vereine des Bezirkes, in welchem er 
sein Domicil wählt, einschreiben lassen. §. 3. Die Inscription kann 
einem Arzte, welcher die vorschriftsmässigen Prüfungen bestanden 
hat, nicht verweigert werden. Sie soll ihm jedoch überall verweigert 
werden, wenn und so lange ihm die Concession zur ärztlichen Praxis 
auf dem Disciplinarwege entzogen ist. §. 4. Die ärztliche Praxis 
ist nur den Mitgliedern der Bezirks-Vereine gestattet. 
§. 5. Die Wundärzte, ohne active Mitglieder der Bezirks- Vereine zu 
sein, sind der Leitung derselben in gleichem Maa^se, wie die zuge- 
hörigen Aerzte unterworfen. Bei allen Angelegenheiten, welche sie 
betrefifen, werden sie durch Collektiv-Stimmen vertreten. §. 6. Die 
Bezirks- Vereine verwalten ihre eigenthümlichen Angelegenheiten selb- 
ständig durch einen Vorstand, den sie erwählen. §. 7. Sie haben 
das Recht, Beiträge zu gemeinnützigen Zwecken, namentlich zu Hülfs- 
kassen für nothleidende Aerzte, in einer bestimmten Höhe zu be- 
schliessen und von den Mitgliedern zu erheben. §. 8. Die Bezirks- 
Vereine üben die Disciplinargewalt über ihre Mitglieder oder in 
zweiter Instanz über die Mitglieder der anderen Vereine in dem 
bisher der Staatsregierung zustehenden Umfange durch ge- 
wählte Ausschüsse aus. Das Verfahren derselben wird durch ge- 
setzliche Vorschriften geregelt, doch soll hierbei dem im Stande 
lebendigen Bewusstsein der ärztlichen Pflicht und Ehre der nuthige 
Spielraum gelassen werden. §. 11. Die Bezirks -Vereine wählen 
Schieds- und Ehrengerichte, welche die Streitigkeiten der Stan- 
desgenossen unter einander und ihr Verhältniss zum Stande, wenn es 
verletzt ist, beurtheilen. §. 12. Den Centralpunkt für die wissen- 
schaftlichen Interessen und ihre Verwaltung innerhalb der Bezirks- 
Vereine bilden gewählte Ausschüsse von Sachverständigen. §. 13. 
Sie ordnen den Hospitalunterricht, participiren an den Prü- 
fungen, event. an den Ausschüssen für die Concurse, die- 
nen den Regierungen ex officio als technische Rathgeber. 
§. 14. Die wissenschaftliche Deputation für das Medicinalwesen , die 
Examinations-Commission , die Medicinal-Collegien huren nach Ein- 
richtung der Bezirks- Vereine ganz oder zum Theil auf. §. 15. Die 
Bezirks- Vereine treten durch ihre Vorstände mit einander in eine ge- 
ordnete Verbindung. 

Der Anhaltinische Entwurf des Hm. Fränkel verlangt die 
Corporation (§. 46 — 52.), deren genaue Bestimmungen zu weitläuftig 
sind, als dass wir sie wörtlich mittheilen könnten. Die Hauptpunkte 
sind folgende: Sämmtliche approbirte Aerzte, Thierärzte und Apo- 
theker des Landes bilden die Corporation der Medicinalpersonen. 


62 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

Niemand darf die ärztliche, tierärztliche und pharmaceudsche Kunst 
im Herzogthum selbständig ausüben, der nicht Mitglied der Corpo- 
ration ist. Die Aufnahme kann keinem Ai*zt versagt werden, der in 
einem deutschen Staate bereits zu selbständiger und unbeschränkter 
Praxis berechtigt war, der sich durch ein Zeugniss ausweist, dass er 
in keiner Criminal- oder Disciplinar-Sache angeklagt oder verurtheilt 
ist, und der den Antrittsbeitrag zahlt. (§. 46.) Die Corporation be- 
steht aus 3 Abtheilungen, dem Collegio der Aerzte, Thierärzte und 
Apotheker (§. 47.) Sie stellt ihre Statuten selbst fest; die Regierung 
hat nur den Einklang derselben mit den bestehenden Gesetzen zu 
überwachen. Die Corporation muss durch einen allgemeinen Vor- 
stand und eine Hauptversammlung sämmtlicher Mitglieder vertreten 
sein. (§. 48.) Die Corporation setzt ein Schieds- und Ehrengericht 
ein. Gegen das Erkenntniss des ersteren bei Streitigkeiten und In- 
juriensachen steht beiden Theilen frei, auf civilrechtliche Entschei- 
dung anzutragen. Gegen das Erkenntniss des Ehrengerichts über 
Pflichtverletzungen steht der Recurs an die Regierung offen. Das 
Schieds- und Ehrengericht darf auf folgende Strafen erkennen: 1. Ver- 
weis unter vier Augen; 2. öffentliche Rüge vor der Corporation; 
3. Verlust der Ehrenrechte der Corporation; 4. Verlust des Rechts 
der collegialischen Berathung. (§. 50 b.) Femer hat die Corporation 
folgende Befugnisse und Obliegenheiten: 1. in allen auf das Medici- 
nalwesen sich beziehenden Gesetzgebungssachen, Verfügungen und 
Verordnungen von allgemeinem Inhalte, sowie neuen Einrichtungen, 
hat die Corporation ihr Gutachten abzugeben; 2. in allen die Civil- 
und Criminalgerichtspflege betreffenden Angelegenheiten ist die Cor- 
poration verpflichtet, das durch Vermittlung der Regierung von ihr 
geforderte medicinisch-technische Gutachten gegen taxmässige Gebühr 
abzugeben; 3. in allen über einzelne oder mehrere ihrer Mitglieder 
verhängten Disciplinaruntersuchungen hat die Corporation das Urtheil 
über den Thatbestand des angeschuldigten Vergehens zu fällen; 4. in 
allen das Medicinalwesen betreffenden Angelegenheiten ist die Cor- 
poration befugt, von sich aus Vorschläge, Gutachten und Beschwer- 
den bei der Regierung einzureichen, die von der letztem nicht ohne 
Angabe specieller Gründe abgewiesen werden dürfen; 5. die Corpo- 
ration hat die ärztlichen, thierärztlichen und pharmaceutischen Can- 
didaten unter Aufsicht des ärztlichen, resp. des pharmaceutischen Re- 
giemngs-Medicinalbeamten zu prüfen, den zu Assistenzstellen berech- 
tigten Candidaten selbige anzuweisen, auch die zur Einrichtung oder 
Uebemahme von Apotheken zu concessionirenden Pharmaceuten vor- 
zuschlagen, sowie die Niederlassungsgesuche von Aerzten und Thier- 
ärzten zu begutachten; 6. die Apotheken des Landes unter Aufsicht 
des betreffenden Kreisphysikus zu revidiren; 7. zur Besetzung der 
medicinisch- technischen Stellen bei der Regierung, beim Militär, bei 
den Staats-Medicinalanstalten , bei den KreissanitätsbehOrden Einen 
Bewerber vorzuschlagen, auch hinsichtlich der zu bestätigenden Com- 
munalärzte ihr Gutachten abzugeben. — Ferner steht der Corpora- 
' ^ zu 8. die Theilnahme an der obem Verwaltung der Kranken-, 
ndungs-, Irren- und sonstiger vom Staate erhaltener Medicinal- 


Der Staat und die Aerzte. 63 

Anstalten; 9. die Theilnahme an der obem Verwaltung des Schul- 
wesens, sowie des Schul- und Universitäts-Stipendienwesens; 10. die 
Kenntnissnahme von den durch die Regierung an das Staatsministerium 
jahrlich zu erstattenden Berichten über das Medicinalwesen; 12. die 
Verwaltung des Corporationsfonds unter jährlicher Rechnungsablegung 
an die Regierung; 13. die Benutzung des Lokales bei der bisherigen 
Medicinalcommission, sowie die Benutzung und Verwaltung der dem 
Staate gehörenden medicinischen Bücher -, Instrumenten- und Prä- 
paraten-Sammlung. (§. 51.) 


IV. 

(Ifediclnische R«form No. 40 vom 6. April 1849.) 

Wir haben in der letzten Nummer den Berliner, Schlesischen 
und Anhaldnischen Entwurf über die Organisation der Aerzte zu 
Associationen oder Corporationen mitgetheilt. Wir schliessen daran 
heute den Entwurf, welcher von dem Vorstande des Ausschusses der 
sächsischen Aerzte, bestehend aus den HH. Küttner, Grenser, 
Richter, Seidenschnur und Siebenhaar, ausgearbeitet worden 
ist (Med. Reformblatt für Sachsen 1849, No. 8). Dieser Entwurf ist 
der ausführlichste, und, wir müssen diess besonders hervorheben, der- 
jenige, welcher die politische Bedeutung der Angelegenheit am schärf- 
sten auffasst. Wir dürfen wohl nicht erst hervorheben, dass wir 
gerade diesen Theil zu wiederholten Malen in ganz ähnlichem Sinne 
besprochen haben. Der sächsische Ausschuss schlägt die Errichtung 
ärztlicher Gremien und einer ärztlichen Kammer vor. Die 
ersten sollen folgendermaassen ausgefCihrt werden: 

§. 1. Das Land wird in Medicinalbezirke getheilt. — 
Als leitender Grundsatz hierbei wird weniger der Flächenraum, als 
(fie Bevölkerungszahl anzunehmen sein und vielleicht die zu erwar- 
tende neue Eintheilung der Gerichtsbezirke und Verwaltungsämter 
benutzt werden können. 

§. 2. Sämmtliche im Bezirke wohnhafte Aerzte bilden 
eine ärztliche Gemeinde. Alle Gemeindeglieder sind wahl- 
berechtigt und wählbar für die Gemeindeämter. — Ange- 
nommen ist hierbei die zu erwartende Einheit des ärztlichen Standes. 
Die vorläufig noch übrigbleibenden Chirurgen sind in Bezug auf die 
ärztlichen Gemeindeverhältnisse als völlig gleichberechtigt mit den 
übrigen Gemeindemitgliedern zu betrachten. Die geprüpften Thier- 
ärzte und Apotheker bilden eigne Genossenschaften, gehören als solche 
aber gleichfalls der ärztlichen Gemeinde an. Die Hebammen und 
das übrige ärztliche Hülfspersonal sind Schutzverwandte der ärzt- 
lichen Gemeinde und ohne Wahlrecht. 

§. 3. An der Spitze jeder ärztlichen Gemeinde steht 
ein Bezirksausschuss — Gremium — , welcher aus dem Be- 
zirksarzte, zwei Aerzten, einem geprüften Thierarzte und 
einem Apotheker zusammengesetzt ist. Der Bezirksarzt wird 
von der otaatsregierung aus drei ihr durch die ärztliche Gemeinde 


CA OefTentllche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

präi^entirten Candidaten auf eine Zeit von 6, 8 bis 10 Jahren, nach 
deren Ablauf er von Neuem wälübar ist, ernannt*) Er darf glach 
allen andern Gemeindemitgliedem die ärztliche Praxis üben und ge- 
nieflflt fOr seine staatlichen Functionen einen festen, seine Leistungen 
wo möglich besser lohnenden Gehalt, als bisher. Im Falle die bis- 
herige lebenslängliche Anstellung der Bezirksärzte fortbestehen sollte, 
sind demselben alle Rechte der Staatsdiener zu gewähren. Die zwei 
anderen ärztliclien Mitglieder des Gremium werden jährlich auf einem 
fcHtzustellenden Gemeindetage durch Urwahlen, wobei auch die Ein- 
sendung gehörig beglaubigter Stimmzettel zulässig ist, nach relativer 
Majorität gewählt. Jeder Ausscheidende ist sogleich wieder wählbar. 
Jibenso erfolgt jährlich eine Neuwahl des thierärztlichen und phar- 
maceutischen Beisitzers durch die betreffenden Genossenschaften nach 
den gleichen Normen. Das Gremium ernennt aus seiner Mitte einen 
Geschäftsführer (wozu natürlich auch der Bezirksarzt wählbar ist), 
dem die Führung der Registrande, die Zusammenberufung der Mit- 
glieder zu den Sitzungen, die Leitung dieser letzteren, die Vortrags- 
erstattungen und die Ausfertigungen obliegen. Die Protokollführung 
bei den Sitzungen übernimmt ein Mitglied nach freiem Uebereinkom- 
men. Die Berathungen und Beschlussfassungen des Gremium erfol- 
gen theils in Versammlungen desselben, theils zu deren thunlichster 
Ersparung durch Umlaufsch reiben. Sobald jedoch ein Mitglied auf 
die Berathung in einer persönlichen Zusammenkunft anträgt, muss eine 
solche zusammenberufen werden. Alle Beschlüsse werden durch 
Stimmenmehrheit gefasst, wobei keinem Mitgliede eine entscheidende 
Stinmie zusteht. Dagegen kann die Minorität ein Sondergutachten 
geben. Ebenso steht es dem Gremium frei, sich in zweifelhaften oder 
sonst geeigneten Fällen ein Gutachten von anderen oder selbst von 
allen Mitgliedern der Gemeinde, sowie insbesondere von der thier- 
ärztlichen und pharmaceutischen Genossenschait zu erbitten. 

§. 4. Die Thätigkeit des Gremiums hat sich nach drei 
Richtungen zu verbreiten, indem es a) als wissenschaft- 
liches, b) als administratives und c) als schiedsrichterliches 
Organ der Bezirksgemeinde zu betrachten ist. Es wird dem- 
nach ad a) Gutachten über alle Punkte des Sanitätswesens und der 
gerichtlichen Medicin geben, auch die Frage über Kunstfehler der 
Aerzte zu beantworten haben. Dagegen bleibt es den Gerichten 
Oberlassen, zur Ermittelung des Sach- und Thatbestandes auch fer- 
nerhin bestimmte Aerzte zu verpflichten und anzustellen. Ad b) ge- 
hört dem Gremium die Beaufsichtigung der Einrichtung und Ver- 
waltung der öffentlichen Krankenanstalten des Bezirks, die Anord- 
nung der sanitätspolizeilichen Maassregeln bei ausbrechenden Epide- 
mien u. dgl., die Vermittlung für hinreichende Versorgung des Be- 
zirks mit Aerzten. Ebenso liegt ihm die Wahrung der Interessen 
der Gemeinde, die Belebung und Förderung des wissenschaftlichen 
und collegialischen Sinnes unter den Berufsgenossen ob. Endlich sind 


•) Mindcrhfitsan sieht: Die Ernennung des Bezirksarztes erfolgt auf Lebens- 
■»oiU Grcnsor und Sie benhaar. 


Der Staat und die Aerzte. 65 

die Mitglieder der Gremien zugleich die WahlmÄnner für die ärzt- 
liche Kammer. Ad c) dient das Gremium als Jury bei den Bewer- 
bungen oder Concursen um die ärztlichen Stellen im Bezirk (aus- 
jichliesslich der Anstellung des Bezirksarztes), als entscheidende Be- 
hörde bei Kunstfehlern der Aerzte und bei Streitigkeiten über 
Honorarforderungen, als Schieds- und Ehrengericht unter den Col- 
legen, so wie überhaupt als Richter in allen, durch die positive Ge- 
setzgebung nicht zu entscheidenden Fragen. 

Die Einrichtung der ärztlichen Kammer wird in folgender Art 
proponirt: 

§. 1. Als oberste sachverständige Behörde in Medici- 
nalangelegenheiten und als oberstes Organ der ärztlichen 
Kurperschaft wird unter dem Namen ^^arztllehe Kammer^^ ein 
CoUegium gebildet, welches aus Mitgliedern des ärztlichen 
Standes nebst Vertretern der mit demselben verbundenen 
Genossenschaften der Thierärzte und Apotheker besteht. 
Die Aufnahme der geprüften Thierärzte und Apotheker in die ärzt- 
liche Körperschaft (vgl. den Efitwurf für die Errichtung der ärzt- 
lichen Gremien §. 2.), sowie deren besondere Vertretung in den Gre- 
mien und in der ärztlichen Kammer rechtfertigt sich durch mehrere 
Grunde. Erstens stehen beide in Bezug auf ihr Wirken in nächster 
V'^erwandtschaft mit dem ärztlichen Stande, indem sie, wie dieser, dem 
Zwecke der Gesundheitspflege dienen und mit ihm gemeinschaftlich 
der Medicinalverwaltung angehören. Sodann aber erscheint es zweck- 
mässig, für die bei der Verwaltung des Medicinalwesens noth wendig 
vorkommenden, eine speciell sachverständige Beantwortung durch einen 
Thierarzt oder Apotheker fordernden Fragen die nöthigen Organe 
jenen CoUegien selbst einzuverleiben, und dadurch eine bedeutende 
Vereinfachung und Beschleunigung des Geschäftsganges zu erzielen. 
Endlich ist die Zahl der Thierärzte und Apotheker eine verhältniss- 
mässig so geringe, dasa deren Gestaltung zu besonderen Körperschaf- 
ten und namentlich die Bildung selbständiger thierärztlicher und phar- 
maceutischer CoUegien wohl kaum zweckmässig erscheinen dürfte. 
(Uebrigens ist natürlich hinsichtlich dieses Punktes zunächst die An- 
ü^icht der geprüften Thierärzte und Apotheker zu hören.) 

§. 2. Die ärztliche Kammer ist zusammengesetzt aus: 
sechs von der ärztlichen Körperschaft durch Wahlmänner 
(die Mitglieder der Gremien) auf eine Zeitdauer von sechs Jah- 
ren erwählten Aerzten, dem mit der obersten Leitung des 
Militär medicinalwesens beauftragten Militärarzte, einem 
geprüften Thierärzte und einem Apotheker, welche beiden 
letzteren gleichfalls von den Standesgenossen (durch ihre 
Mitglieder in den Gremien) auf sechs Jahre ernannt werden. 
Aus den sechs von der ärztlichen Körperschaft erwählten Aerzten 
ernennt die Staatsregierimg zwei zu ihren Organen bei der ärztlichen 
Kammer. Dieselben müssen ihren wesentlichen Aufenthalt in Dres- 
den als dem Sitze der obersten Regierungsbehörden nehmen, und 
sind die Geschäftsführer des CoUegiums. Die Dauer ihrer Function 
bleibt dem Ermessen der sie ernennenden Behörde überlassen. Ausser- 

U. YircUo«, OclTci;tl. Milkiii. j 


()(> OelTcntliche GesuiKlIn'itspflpü^p und Medicinalreform. 

(lein Rteht es der Staatsregienmür natürlich frei, für besondere Fälle 
bestimmte Sachverständige zu den Sitzungen der ärztlichen Kammer 
als Connnisearien abzuordnen, welche je<l()ch als solche kein Stunm- 
recht ausüben. Von den übrii^en vier ärztlichen Beisitzern scheidet 
alle drei Jahre die Hälfte aus. Diese vier, sowie der thierärztliehe 
und phannaceutische Beisitzer können in jedem beliebigen Theile des 
Landes wohnen und wohnhjift bleiben. (Ihre Wahl durch Wahl- 
männer ist nicht bloss zur Erleichterung dieses Actes, sondern auch iin 
Interesse des Wahlergebnisses selbst und um allzugrosse Stimmenzer- 
splitterungen zu vermeiden, der direkten Wahl vorzuziehen, um so 
mehr, als der öffentlichen Stimnie dabei hmreichende Gelegenheit ge- 
boten bleibt, sich durch die Presse auszusprechen.) 

§. 8. Die ärztliche Kammer ist bestimmt: eines Theils 
der Staatsregierung als sachverständiges Organ für die 
öffentliche Gesundheitspflege und Medicinalverwaltung zu 
dienen, ihr Gutachten über alle Zweige der ärztlichen 
Wissenschaft zu geben und die auf Medicinalangelegen- 
heiten bezüglichen Gesetzentwürfe zu bearbeiten, andern 
Theils aber den Mittelpunkt und die Aufsichtsbehörde der 
Gremien, sowie die oberste Instanz für die Verwaltungs- 
angelegenheiten der ärztlichen Körperschaft und deren 
obersten Schiedsgerichtshof zu bilden. In ersterer Beziehung 
ist es wünschenswert!!, dass die ärztliche Kammer in rein technischen 
und wissenschaftlichen Angelegenheiten die Verwaltung der öflFent- 
lichen Gesundheitspflege selbständig leite, wie dies auch bei andeni 
technischen Fächern, z. B. dem Berg-, Zoll-, Forst- und Postwesen 
der Fall ist, wne dies femer Seitens des ehemaligen Sanitätscollegium 
in Dresden geschah, und gegenwärtig bei den Gesundheitscollegien in 
Schweden und Dänemark geschieht. Sie wnlrde in dieser Beziehung 
namentlich Anordnungen an die Bezirksärzte und Gremien zu er- 
lassen haben, auch die Belehrungen für das Publikum veröflFentlichen, 
für alle derartigen Schritte aber natürlich der Staatsregierung verant- 
wortlich sein. 

§. 4. Die Geschäftsführer haben (entweder in gegenseitiger 
Stellvertretung, oder in bestimmten Zeiträumen abwechselnd, oder, wo 
dioss wünschenswerth erscheint, als Referent und Correferent) die 
Eingänge in Empfang zu nehmen, die Gegenstände zum 
Vortrage vorzubereiten, die Versammlungen des Colle- 
giums zu berufen und mit Beihülfe eines Kanzleipersonal:« 
die von der Kammer ausgehenden Schriften zu fertigen. 

§. 5. Die Berathungen und Beschlüsse der ärztlichen 
Kammer erfolgen theils in für den einzelnen Fall zu be- 
rufenden oder im voraus festzustellenden Sitzungen, theils 
durch Umlaufschreiben. Doch genügt der Antrag eiies Mit- 
gliedes, um die mündliche Berat hung eines Gegenstandes zu 
veranlassen. Bei allen Beschlussfassungen entscheidet die 
einfache Majorität, Gleichheit der Stimmen gilt als ver- 
neinend. 

§. in (legen die Aussprüche der ärztlichen Kammer 


Der Staat und die Aerzte. 67 

findet eine weitere Berufung nicht statt. Es versteht sich, 
dass darunter keineswegs die §. 3. erwähnten administrativen Anord- 
nungen inbegriffen sind, gegen welche natürlich der Recura an das 
Ministerium den Betheiligten offen bleiben muss. 

§. 7. Durch Errichtung der ärztlichen Kammer erledi- 
,:,'en sich die bisherigen Einrichtungen für die oberste Lei- 
tung der Medinalangelegenheiten. Es bedarf wohl kaum der 
Erwähnung, dass die ärztliche Kammer an die Stelle der gegen wär- 
tii(en Abtheilung für Medicinalangelegenheiten im Ministerium des 
Innern zu treten bestimmt ist, und dass daher ein Fortbestehen dieser 
neben jener unstatthaft erscheint. 


Alle diese verschiedenen Entwürfe stimmen also darin überein, 
dass sie das Zusammentreten der Aerzte in mehr oder weniger aus- 
f^edehnten topographischen Grenzen zu grösseren Vereinigungen for- 
dern, welche das Gesammt- Interesse des Standes in möglichst selb- 
ständiger Weise in die Hand nehmen sollen. Dass und wie sehr diess 
nothwendig ist, darf nicht erst noch einmal dargethan werden; ebenso 
wenig, dass diese Vereinigungen nicht isolirt stehen dürfen, sondern 
^wohl unter sich, als mit dem Staatsganzen in eine organische Ver- 
bindung treten müssen. — Es fragt sich nur, wie sich die Vereini- 
j;mng, das „CoUegium^ gegen die einzelnen Aerzte und gegen den 
Staat als Ganzes verhalten solle. 

Was die erste Frage betrifft, so stehen sich der Berliner Ent- 
wurf einerseits, der Schlesische und Anhaltinische andererseits in der 
Formulirung am schroffsten gegenüber. Jener will eine freiwillige 
Vereinigung, diese verlangen, dass jeder, der kuriren will, in den 
Verband eintreten muss. Wenn die Sätze so gestellt werden, so 
können wir uns freilich nur für den ersteren entscheiden. Wenn man 
die Pfuscherei -Präventivgesetze aufhebt, die Staatsprüfungen dagegen 
beibehält, so kann man unmöglich jemand zwingen wollen, dass er 
sich an einer Vereinigung betheiligt, die seine Person gegenüber der 
grossen Masse der Staatsbürger exceptionell trifft. Hält man, wie 
der Schlesische Entwurf es thut, die Pfuscherei -Prävention aufrecht 
und stellt dazu die zwangsweise Betheiligung auf, so ist man freilich 
oonsequent; aus unseren früheren Aufsätzen wird man aber leicht er- 
sehen, dass wir uns einer solchen Consequenz nicht anschlicssen 
wollen. 

Nichtsdestoweniger würde man zu keinem Ziele kommen, wenn 
man die ganze Frage der Vereinigungen dem freien Ermessen der 
F^inzelnen, der privaten Agitation überlassen wollte. Ein gewisser 
Zwang muss stattfinden, aber dieser muss nicht ein polizeilicher, son- 
dern ein persönlicher, wenn wir so sagen dürfen, sein; das eigene 
Interesse muss die Einzelnen zusammenführen und die Staatsgewalten 
müssen ihnen den Weg dazu eröffnen. Wir sind daher für eine Be- 
schränkung der Selbstbestimmung; nur muss man sich den Ausfüh- 
ningsniodus conform den allgemeinen Gedanken der Freiheit, die 


5* 


08 OelTentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

Formulirung des Gesetzes von einem der demokratischen Riclitunn: 
entsprechenden Standpunkte zu gestalten suchen. 

Wenn man, wie es der Sächsische Entwurf vorschlägt, die Aerzte 
nach gewissen Bezirksgrenzen abtheilt und von Staatswegen zu grös- 
seren Vereinigungen zusammenfasst, so ist damit eigentlich Alles ent- 
schieden. Wie jeder, der sich in einem Orte niederlässt und die all- 
gemeinen gesetzlichen Bestimmungen erfüllt, Mitglied der entspreclien- 
den Gemeinde ist, so wird auch jeder, der sich in einem bestimmten 
Medicinalbezirk habilitirt, sofort zum Mitgliede der entsprechenden 
ärztlichen Gemeinde oder Association. Als solches wird er freilich 
gewisse Pflichten mitübernehmen, er wird bis zu einem gewissen 
Maasse unter die Herrschaft der Majorität seiner Collegen gei-athen, 
allein er wird sich dem gern fügen, da er überwiegende Rechte ein- 
tauscht und ihm die Möglichkeit, seinen Ansichten die Majorit&t all- 
mählich zuzuführen, ungeschmälert bleibt. Die Pflichten werden zu 
den Rechten in gar keinem Verhältnisse stehen, denn indem er die 
materielle, geistige und moralische Unterstützung der Association ge- 
winnt, indem er an ihren Unterstützungs- und Wittwenkassen, an 
ihren Berathungen und Untersuchungen, an ihren Schieds- und Ehren- 
gerichten Theil hat, so gewinnt er immer mehr, als er an persön- 
licher Freiheit oder besser gesagt, Willkür aufopfert. Eine wirkliche, 
nicht bloss scheinbare Majoritätenherrschaft ist ja immer erträglich, 
weil die Aussicht auf Sieg in der Thätigkeit und Intelligenz der 
Minorität vollkommen verbürgt ist. 

Auf diese Weise ist denn auch die Stellung des Staats gegen- 
über der Association vollkommen einfach. Der Staat sanctionirt die- 
selbe nicht,, wie der Schlesische Entwurf will, sondern er setzt sie 
geradezu ein, als eine zu der Gliederung des Ganzen noth wendige 
Institution. Eine Association, die sich freiwillig, ohne bestimmte 
Bürgschaften der Dauer und Stärke bildete, konnte ja von dem Staate 
in keiner Weise die Uebertragung derjenigen Funktionen verlangen, 
welche in Breslau dem Bezirks -Verein zugeschrieben worden sind. 
Wissenschaftliche Gutachten, Prüfungen u. s. w. darf der Staat nur 
einer in ihm selbst wurzelnden und lebenden Vereinigung als ein 
bleibendes Attribut beilegen. Die Selbstregierung in einem solchen 
Umfange, wie er in allen Entwürfen vorgeschlagen ist, muss doch 
immer ihren natürlichen Zusammenhang und Rückhalt an dem ge- 
sammten Staatsleben finden; davon abgelöst, einancipirt, läuft sie nur 
zu leicht Gefahr, in Conflikte zu gerathen, welche immer einem von 
beiden Theilen gefährlich sind. 

Wir würden daher ganz dem Sächsischen Entwürfe beistimmen, 
dass nach gewissen natürlichen Abschnitten das Land in ärztliche 
Bezirke eingetheilt und alle Aerzte in denselben zu Associationen 
vereinigt werden, welche bei staatlicher Anerkennung die Unter- 
stützung des Staates beanspruchen können, welche aber ihre Ange- 
legenheiten in möglichster Freiheit selbst betreiben. Bis zu einem 
gewissen, bestimmt durch Gesetze abzugrenzenden Maasse müssen die 
einzelnen Aerzte sich dem Majoritätswillen der Vereinigung fügen; 
ausserhalb derselben mögen sie sich so frei bewegen, als es ihnen 


Der Staat und die Aerzte. 69 

beliebt. Wollen sie eich an den Beschlossen und Berathungen der 
(u*:«aninitheit nicht betheiligen, so mag es ihnen freistehen; jedenfalls 
^ind sie durch dieselben mitgebunden, sobald nicht etwa das Gesetz 
durch die Bezirks-Gesammtheit übertreten wird. — 


V. 

(Medicioische Reform No. 41 vom 13. April 1849.) 

Da die Freiheit ohne Organisation durch die Anarchie zur Knecht- 
r^chaft führt, so muss, wie wir gezeigt haben, auch der ärztliche Stand 
organisirt werden in der freien Association. Diese kann aber nicht 
der absoluten Willkür der Einzelnen überlassen werden, weil es zu 
lange dauern würde, ehe jeder sich durch eigene bittere Erfahrung 
von der Nothwendigkeit der Vereinigung überaeugte. Indem wir uns 
daher dem sächsischen Entwürfe anschlössen, welcher die Aerzte nach 
i^ewissen, rein geographischen Bezirksgrenzen in ärztliche Gemeinden 
eintheilt, sprachen wir es aus, dass der Staat diese Angelegenheit in 
die Hand nehmen müsse, um von vornherein die nöthige Verbindung 
der ärztlichen Gemeinden mit dem Staatsganzen herzustellen. Der 
sächsische JJntwurf ist «auch hierin consequent gewesen, indem er 
durch eine ärztliche Kammer die anerkannte Centralisation schafft, in 
welcher die Selbstverwaltung ihre Culmination erreicht, zugleich aber 
in das allgemeine Rädei'werk des Staatsmechanismus eingreift. 

Bei einer früheren Gelegenheit (vgl. No. 17.) haben wir gezeigt, 
dass sowohl die Volksvertretung, als die Ministerien für die medici- 
nische Special-Gesetzgebung nicht competent sein können, und dass 
täglich mehr das Bedürfniss eines staatlich anerkannten sachverständi- 
gen Organs sich herausstellt. „Wir kommen damit,** hatten wir ge- 
sagt, ^an die ganz allgemeine Frage, in welcher Weise der demo- 
kratische Staat den Einzelbedürfnissen Gelegenheit geben soll, auf die 
Gesetzgebung durch anerkannte, officielle und doch freie Organe ein- 
wirken zu können, um dieselbe vor Fehlgriffen zu bewahren. Diese 
Frage hängt aufs innigste zusammen mit der vom königlichen Veto, 
von dem Zweikammersvstem, von dem Volks-Veto und von dem 
Stiuit^rath.^ Diese Ansicht theilen wir noch heute und wir wollen 
daher, abgesehen von den Vetofragen, welche in diesem Augenblicke 
zu den unpraktischen gehören, über die anderen einige Worte hinzu- 
fügen. 

Zu der Zeit, als man sich noch über Ein- und Zweikammersystem 
j^tritt, glaubten die wirklich Wohlmeinenden unter den gemässigten 
Freisinnigen sich für ein Zweikammersystem aussprechen zu müssen, 
in welchem die erste Kammer wesentlich als Vertreterin der grossen 
Sonderinteressen, die nun einmal faktische Berücksichtigung verlang- 
ten und erheischten, wirke. Andere, welche sich mehr der in der neuen 
französischen Verfassung angenommenen Anschauung zuneigten, er- 
klärten, dass man die erste Kammer entbehren könne, wenn man da- 
für eine begutachtende Behörde von Sachverständigen, einen Staats- 
rath kreire. — Beide Theile übersahen dabei, dass weder eine solche 


70 OelTentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

erste Kammer, noch ein solcher Staaisrath das gewünschte Resultat 
herbeifuhren könne; sie vergassen, das^s die einzelnen Interessen sich 
gegenüber der Majorität der übrigen Interessen doch jedesmal in der 
Minorität befinden müssen. Viele sind daher von diesen Ansichten 
zurückgekommen, und die Mehrzahl der Wohlmeinenden hat sich da- 
hin geeinigt, dass, mag man sich einem Ein- oder Zweikammersystem 
anschliessen, doch in beiden keine Particular-Interessen vertreten sein 
dürfen, sondern alle Abgeordnete als Abgeordnete des gesammten 
Volkes gelten. Die allgemeine Volksvertretung bildet dann die letzte 
legislative Instanz, wo die Einzelinteressen mit ihren Wünschen von 
dem Gesichtspunkt der Gesammtheit gerichtet werden. 

Gesteht man diess zu, so ergiebt sich das Bedürfniss von sach- 
verständigen, legalen Organen der Einzelinteressen, welche als vor- 
berathende Körper neben der Volksvertretung stehen und ohne deren 
Beirath kein allgemeines Gesetz erlassen werden darf, von selbst 
Wie der reine Absolutismus der Könige zuerst durch „ständischen** 
Beirath beschränkt wurde, so wollen wir auch den Absolutismus der 
Volksvertretung, die Deputirten - Souveränität durch den Beirath der 
wirklichen, nicht jener alten, gemachten Stände in die vernunftigen 
Schranken gebracht wissen. Die Volksvertretung mag beschliessen, 
ob die Wünsche der einzelnen Stände mit dem Gesammtinteresse des 
Staats vereinbar sind, aber die legitimen Organe der einzelnen Stände 
mögen auch darüber gehört werden, ob die Beschlüsse der Gesammt- 
vertretung mit dem Wohl der einzelnen Stände Hand in Hand gehen. 

Erst bei solchen Institutionen werden die Vorrechte wirklich 
schwinden und die natürlichen Bedürfnisse zu ihrem Rechte kommen. 
Erst auf diese Weise wird dasjenige Gleichgewicht der Interessen 
gewonnen werden, welches, indem es die Entwicklungsbedingungen 
Aller garantirt, dem Staate überhaupt Stärke und Dauer gewährt. 
Es ist diess ein Theil der socialen Frage, ja vielleicht der Ilaupttheil, 
denn darin wird man wohl heutzutage übereinkommen, dass ihre 
Lösung hauptsächlich in der zweckmässigen Organisation 
der Selbstverwaltung beruht. 

Das Drängen der Aerzte nach Reform ist aus dem faktischen 
Bedürfniss hervorgegangen: Nahrungssorgen und Entwürdigung des 
Einzelnen, wie des Standes haben hier eben so, wie bei den Hand- 
werkern und Arbeitern, die Agitation wachgerufen. Aber wie die 
Handwerker und Arbeiter, so sind auch die Aerzte über die Mittel, 
wodurch sie sich materielle und moralische Geltung verschaffen sol- 
len, sehr im Unklaren gewesen. Die Extremen sind zu der Forde- 
rung gekommen, dass der Staat alle Aerzte als Beamte anstellen 
solle. Allein die Frage von der Beamtung der Aerzte ist die Frage 
von den National Werkstätten der Handwerker und Arbeiter; die Ge- 
schichte hat sie gerichtet, sie hat uns gezeigt, dass diess nur der Weg 
zum Absolutismus der Knechtschaft, zur Despotie Aller gegen Alle 
ist. Andere haben die Corporation, die Zunft gefordert; sie haben 
vergessen, dass ihr Mittel die Rückkehr zum Privileg, die Resurrek- 
tion des Mittelalters ist. Das Einzige, was die Freiheit, die Entwick- 
lungsfähigkeit, die Gegenseitigkeit und das gleiche Recht verbürgt, 


Der Staat und die Aerzte. 71 

18t die mit der Zustimmung und durch den Willen der Ge- 
sammtheit gegründete, in ihrem Innern frei und selbstän- 
dig thätige, nach aussen kräftig gegliederte Association. 

Mit einer solchen Association kann aucli der Staat in ein dauern- 
des Verhältniss treten, ohne ungerecht, unbillig oder unwirksam zu 
handeln. Stellt es sich z. B. heraus, dass die Association nicht im 
Stande ist, die pekuniären Sorgen für die Existenz der einzelnen 
Mitglieder zu erfüllen, so wird die Gemeinde oder der Staat helfend 
eintreten, ohne doch damit ein Beamtungs-Princip anzuerkennen. Die 
Erfahrung langer Jahre hat uns gelehi-t, dass wir Kassen brauchen, 
um CoUegen, welche durch ihre eigene Thätigkeit ihren Lebensunter- 
halt nicht gewinnen können, namentlich solche, welclie im Laufe ihrer 
Thätigkeit körperlich unbrauchbar geworden sind, zu unterstützen; 
Kassen, um die Wittwen und Waisen der arm verstorbenen Collegen 
zu unterhalten; Kassen, um die wissenschaftliche Thätigkeit der Un- 
vermögenden zu fördern. Zeigt es sich also, dass die vereinigten 
ärztlichen Gemeinden durch ihre Beiträge, durch eine selbstvotirte 
Steuer diese Unterstützungs-, Kranken-, Invaliden-, Waisen-, Witt- 
wen- u. s. w. Kassen nicht hinlänglich füllen können, dann erst wird 
es an der bürgerlichen Gemeinde, an dem Staate sein, Theil zu neh- 
men an den Lasten des ärztlichen Standes. Jetzt, wo noch fast gar 
nichts versucht ist, um durch eigene Kraft jenes Ziel zu erreichen, 
jetzt schon an den Staat oder die Gemeinde Anforderungen zu stel- 
len, welche, wenn sie von allen Ständen wiederholt würden, zu einer 
Auflösung nicht bloss des Staats und der Gemeinde, sondern auch 
der Gesellschaft überhaupt führen würden, das erscheint uns etwas 
vorzeitig und unbesonnen. — 

Schon im Juli v. J. (vgl. No. 4.) hatten wir die Bildung eines 
obersten Gesundheitsraths, als einer von dem Minister Wechsel 
unabhängigen, aus Wahlen der Aerzte und der Volksvertretung her- 
vorgegangenen Behörde, als wünschenswerth hingestellt. Wir wollen 
diesen Vorschlag nur von Neuem erwähnen, ohne uns für jetzt auf 
eine Abwägung der Vortheile einzulassen, welche ein so zusammen- 
gesetzter Körper gegenüber der von dem sächsischen Central-Aus- 
schuss geforderten ärztlichen Kammer darbietet. Unser Vorschlag 
enthält die Elemente der ärztlichen Kammer und des constitutionellen 
ätaatsraths gleichzeitig. Möge man sich für den einen oder den an- 
dern Entwurf entscheiden, das muss wenigstens festgehalten werden, 
dass die Selbstverwaltung ohne solche Spitze eine Illusion, die Kraft 
der Association ohne Centralisation ein Traum sein wird. 


7^> 


72 OelTpnlliche GosundhciLspflege und Medicinalreform. 

Vm. Die arztliche Prüfung. 

(MedieiniBche Reform No. 42 vom 20. April 1849.) 


Bisher verlangte man von jedem, welcher sich mit der ärztlichen 
Praxis in ihrem ganzen Umfange l^eschäftigen wollte, zwei Prüfungen: 
die Staatsprüfung und die Falkultätsprüfung, und um wiederum zu 
diesen zugelassen zu werden, mueste man die Gymnasialprüfung und 
die philosophische Fakultätsprüfung abgelegt haben. Die öffentliche 
Meinung hat sich über die Nützlichkeit einer solchen Cumulation der 
Prüfungen hnilänglich ausgesprochen; insbesondere kann darüber kein 
Zweifel mehr obwalten, dass man die medicinische Fakultätsprüfung, 
das sogenannte Doktor-Examen, neben der Staatsprüfung für über- 
flüssig hält. 

Diese Ansicht war längst festgestellt, als noch der absolute Staat 
ungeschwächt bestand. Die Gründe, welche man dagegen beibrachte, 
waren zu patriarchalisch, als dass sie irgend welchen Eindruck machen 
konnten. Alle liefen beinahe in gleicher Weise darauf hinaus, dass 
die Würde des Standes und des Einzelnen durch den feierlichen 
Titel des Doktors gehoben werden mfisste. Nun hat freilich niemand 
geläugnet, dass der autoritätsgläubigen Menge gegenüber der Titel 
wirklich etwas Imponirendes hatte, allein man übersah, dass der Titel 
nur desshalb, weil er die volle Anerkennung des Staats für den Trä- 
ger aussprach, einen Inhalt hatte, nicht deshalb, weil er von einer 
gelehrten Körperschaft in vollkommen autonomer Weise als eine Be- 
zeichnung wissenschaftlicher Bedeutung verlielien werden sollte. Es 
hatte sich demnach auch ziemlich allgemein die Ansicht befestigt, 
dass der Doktortitel beibehalten, aber als eine Folge der Staatsprü- 
fung ertheilt werden möchte. 

Mit der officiellen Anerkennung des constitutionellen Staats Ist 
der bisherige Gebrauch logisch vernichtet: der constitutionelle 
Staat darf die medicinische Fakultätsprüfung gerechter- 
weise nicht mehr als Postulat für die Zulassung zur vollen 
Praxis hinstellen. Diese Forderung widerspricht dem Princip 
von der Rechtsgleichheit, wie es selbst in der octroirten Verfassung 
vom 5. December ausgesprochen ist. Wie? die Aerzte allein sollen 
gezwungen sein, eine Förmlichkeit zu erfnllen, welche zu den kost- 
barsten Illusionen trehört, die uns das Mittelalter hinterlassen hat? 
In allen Fakultäten ist die Prüfung eine Wahrheit für die Exami- 
nanden vom Fach, und nur die Mediciner werden gezwungen, sich 
Operationen zu unterwerfen, welche an sich inhalts- und zwecklos 
sind? Wenn jemand von den Staatsbehörden ein Zeugniss verlanirt, 
dass er das Kecht, die Sprachen, die Geschichte oder was sonst ver- 
stehe, so unterwirft man ihn einer Prüfung und stellt ihm nach dem 
Ausfalle derselben eine Bescheinigung aus; will er das Zeugniss für 
einen besbndem Zweck, so prüft man ihn in Bücksicht auf diesen 
und attestirt ihm dann, dass er für diesen Zweck brauchbar sei. In 
der Medicin ist es ganz anders. Es meldet sich jemand zur ärzt- 


Die ärztliche Prüfung. 73 

liehen Staatfiprßfung, er besteht dieselbe genügend, und nun sollte 
man erwarten, dass man ihm das Zeugniss ohne Einschränkung aus- 
stellen werde. Mit Nichten: erst fragt man ihn, ob er die Doktor- 
Fonnalit&t überstanden habe, und wenn dies nicht der Fall ist, so 
beschränkt man sein Recht auf Praxis. Diess ist eine Rechts- 
ungleichheit, welche gegen die Grundrechte des constitu- 
tionellen Staats ist. Wir behaupten, dass schon jetzt jeder das 
Doktoriren verweigern und doch alle aus der Staatsprüfung hervor- 
stehenden Rechte beanspruchen kann. Wir fordern daher auch in 
diesem Punkte die Regienmg aufs dringendste auf, den Forderungen 
der neuen Zeit Rechnung zu tragen. 

Wir wissen es wohl, dass das Prüfiings-Reglement gewisse Un- 
terschiede macht zwischen den Doktoren und den Titellosen, allein 
wir wissen auch aus eigener Erfahrung, wie gering in der Praxis der 
Unterschied in den Anforderungen, welche man an beide stellt, ge- 
wohnlich ausfallt. Wäre es nicht auch gewissenlos, wenn die Exa- 
minatoren wesentliche Differenzen machten in der Prüfung derjenigen, 
welche unter allen, und derjenigen, welche nur unter gewissen Um- 
ständen zur vollen Praxis berechtigt sind? Der Wundarzt erster 
Klasse kann nach preussischem Gesetz in zahlreichen Fällen sich in 
der Lage befinden, ebenso ausgedehnte Verantwortlichkeit gegen die 
Kranken übernehmen zu müssen, als der sogenannte praktische Arzt. 
Und wo das Gesetz noch Schi*anken aufbaut, da reisst sie das Be- 
dnrfhiss des täglichen Lebens nieder, so dass wir deeist sagen kön- 
nen, daes häufig zwischen der Thätigkeit der Wundärzte erster Klasse 
und derjenigen der praktisclien Aerzte gar keine Verschiedenheit aufge- 
funden werden kann. Das Gesetz wird demnach illusorisch, und wir 
haben schon bei der Pfuscherei gezeigt, wie böse es ist, wenn ein 
f»chlechtes Gesetz selbst die Achtung vor dem Gesetze untergräbt und 
die Uebertretung nicht bloss zu übersehen gezwungen wird, sondern sie 
ireradezu provocirt. 

Die Forderung der Doktorpromotion ist in diesem Augenblicke 
eine reine Frage des Census. Die meisten Wundärzte erster Klasse 
wurden alsbald den grossen Titel gewinnen können, wenn sie das 
nöthige Geld hatten. Die Cultur hat den Census gerichtet, seitdem 
es sich gezeigt hat, dass die Bildung kein Attribut des Besitzes ist, 
und wir, die wir den Census in den grossen politischen Angelegen- 
heiten verworfen haben, wir sollten ihn in der Medicin festhalten? 
Es ist unzweifelhaft, die Forderung des Doktorats für das 
Staats-Examen ist eine Verletzung des constitutionellen 
Rechts, und für Alle, welche die Verfassung vom 5. December als 
rechtsgültig anerkannt haben, eine Verletzung dieser Verfossung. 

Nun giebt es freilich viele, welche bei der Revision der letzteren 
das allgemeine Wahlrecht ganz beseitigen und überall einen Census 
einführen wollen; viele, welche befürchten, dass \vir nächstens eine 
solche Verfassung mit Census-Wahlen und Census-Geschworenen be- 
sitzen werden. Nichtsdestoweniger kann niemand die Berechtigung 
von Census-Prüfungen länger vertheidigen. Will man Census-Wahlen, 
60 sagt man doch, dass man sie nur desshalb wolle, um die Un- 


74 OofTentliche Gesund heitsfifleg^e und Medicinalreform. 

wissenheit und die Leidenschaft möglichst aus den Wählerversanim- 
lungen zu entfernen; man gesteht also zu, dass die Census-Frai^^e 
überhaupt eine Culturfrage ist. Ist sie diess, und wir sind durchaus 
dieser Ansicht, obwohl wir den daraus gezogenen Schluss für unlo- 
gisch halten, so folgt daraus, dass nur da, wo die Wahrscheinlichkeit 
besteht, dass die Besitzenden allein die Träger der Cultur sind, der 
Census eine Berechtigung findet, dass aber fiberall, wo auch die Be- 
sitzlosen oder die weniger Besitzenden sich als intelligent und be- 
fähigt ausweisen, der Census verdammt werden muss. Stelle man 
also eine fOrAlle gleiche Prüfung auf und gebe man nach dem 
Ausfall derselben die Befähigungs-Zeugnisse ohne Einschränkung. In 
einer Zeit, wo man die Staaten auf die Intelligenz ihrer Bürger und 
nicht auf die Zufälligkeiten der Geburt und des Besitzes Einzelner 
begröndet, wird man hoffentlich die Ansicht mancher Professoren, 
dass nur diejenigen, welche Geld haben, Medicin studiren sollten, nh 
ein trauriges Zeichen der mangelhaften Entwickelung^ welche auch in 
einer so hochgeehrten Classe in gewissen Richtungen sich findet, be- 
trachten; man wird hoffentlich begreifen, dass nicht die Herkunft oder 
die Umgebungen, sondern nur das Wesen die staatliche und humane 
Bedeutung des Einzelnen bedingen. 


IX. ScUuss der medicinischen Reform. 

(Medicinische Reform No. 52 vom 2^. Juni 1841^.) 


^Ein Jegliches hjit seine Zeit,** sagt der Prediger Salomo, „und 
alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. "* 

Auch die Medicinische Reform hat ihre Zeit gehabt und da.'= 
Vornehmen der öffentlichen Gesundheitspflege geschah zu seiner 
Stunde. 

Als vor einem Jahre die erste Nummer der Reform erschien, 
sagten wir: „Die Medicinische Reform tritt zu einer Zeit in's Lel>en, 
wo die Umwälzung unserer alten Staats Verhältnisse noch nicht voll- 
endet ist, wo aber von allen Seiten schon Pläne und Steine zu dem 
neuen Staatsbau herzugebracht werden. Welche andere Aufgnl)e 
könnte ihr daher näher liegen, als die, gleichfalls bei dem Abräumen 
des alten Schutts und dem Aufbau der neuen Institutionen thätii: 
zu sein?** 

Diese Aufgabe haben wir keinen Augenblick verläugnet; wir 
haben für sie gekämpft unter jedem Wechsel der Verhältnisse, ?<> 
lange als noch ein Schimmer von Hoffnung durchdrang, dass wir In- 
stitutionen erlangen könnten, welche unseren Ueberzeugungen von 
den Motiven der Revolution, unseren Anschauungen von den Bedürf- 
nissen des Volks auch nur annähernd eine Verwirklichung hätten ge- 


Schluss der medicinischen Reform. 75 

währen mögen. Der achte Monat' hat begonnen, seitdem wir unter 
dem Belagerungszustände schreiben. Unsere Freunde und wir selbst 
sind verleumdet, verfolgt und angefallen worden. Eine Verfassung 
ist octroyirt, zweimal sind die Vertreter des Volks zerstreut worden, 
das selbstgegebene Wahlgesetz hat man umgeworfen und ein neues, 
noch gebrechlicheres an seine Stelle gesetzt. Die Contrerevolution 
hat faktisch gesiegt. 

Dass wir den Muth einer Meinung behalten haben, wird uns 
Niemand abstreiten. Dass wir den Glauben an den endlichen Sieg 
der volksthOmlichen Sache nicht verloren haben, dafQr bürgt unsere 
Anschauung von der Weltgeschichte. Dass wir den Mangel an 
Gleichgesinnten nicht zu beklagen haben, beweist die rege Theil- 
nahme, welche die „Reform" im ganzen deutschen Vaterlande und 
Ober seine Grenzen hinaus gefunden hat. 

Wenn die „Reform** trotzdem mit diesem Blatte ihr Erscheinen 
einstellt, so geschieht es nur im Hinblick auf die politische Lage un- 
seres Volks und die dadurch bedingte Unmöglichkeit einer vernünf- 
tigen Reorganisation der öffentlichen Gesundheitspflege, des medicini- 
schen Unterrichts und der ärztlichen Verhältnisse. 

Blicken wir einen Augenblick zurück. 

„Die März -Revolution war vor den Thronen stehen geblieben." 
Sie hatte das Volk in einem Zustande der Naivetät vorgefunden , wo es 
die Gefahren seiner Zukunft nicht einmal ahnte. Sie war so plötz- 
lich auf einem seit Jahren allmählich vorbereiteten Boden erschienen, 
so unmittelbar in die Erscheinung getreten, dass sie einem Wunder 
i;lich. Ein unschuldiges, vertrauensvolles, ja kindliches Volk hatte 
die jungfräuliche Freiheit bei sich aufgenommen und erwartete nichts 
sicherer, als dass der liebe Gast von selbst bei ihm gross und hei- 
misch werden würde. Die Diplomatie schien verschwunden. Die 
trrossen Principien der Philosophie und der Naturwissenschaft wurden 
unmittelbar behandelt und das Volk in seiner Unmittelbarkeit fasste 
sie mit eeltener Leichtigkeit und Schnelligkeit. Es schien nur nöthig 
zu sein, sie praktisch in Anwendung zu bringen, Ueberall sah man 
fruchtbares Ackerland; zunächst einige Blockhäuser und die Saaten 
bestellt, dann die erste Erndte und allmählich die bleibenden und be- 
quemen Neubauten! 

Das Ackerland war wohl fruchtbar. Aber Disteln und Unkraut 
waren in Menge darauf, und als der Herbst kam, waren sie, die im 
Frühjahr klein und bescheiden, einige weiche und spärliche Blätter 
anV Licht gesendet hatten, gross, hart und wuchernd geworden. Die 
Saaten verkümmerten unter ihnen; Licht, Luft und Wasser drangen 
inmier weniger zu den jungen Pflanzen, und noch bevor der Winter 
mit seinen Frösten nahte, waren sie erstickt und verdorrt. 

Die Diplomatie war wieder aufgestanden. Anfangs leise, behut- 
j*am, mit väterlicher Milde, hatte sie allmählich einen festen Schritt, 
eine drohende Haltung, einen befehlenden Ton angenommen. Das 
Schwert hatte sie umgethan, in Eisen hatte sie sich gekleidet, das 
Blei sollte ihre Sprache sein. Aber Alles in den Formen des Ge- 
setzes, mit dem Ansehen des constitutionellen Wesens, im Namen 


76 Oeffentliche Gesundheitspflcj^^e und Medicin.ilreform. 

der Cultur, des Wohlstandes und der Ordnung, von Gottes und 
Rechts wegen. 

Und die Diplomatie war in ihrem Recht und sie handelte von 
Gottes wegen. Denn die Freiheit ist keine Jungfrau, die ihren Schutz 
in ihrer Keuschheit, in einem instinktiven Trotz, in der unbewussten 
Würde ihrer Natürlichkeit findet, und die freien Volker sind nicht 
naiv und vertrauensvoll um ihrer ursprünglichen Rechtlichkeit und 
Sittlichkeit willen. Auch der Charakter der Völker bildet sich er?t 
in dem Sturm der Zeit. Die schmerzhaften und gefährlichen Kämpfe, 
aus denen bei dem Einzelnen das Selbstbewusstv^ein, die Erkenntnis^ 
und Schätzung seiner Kraft und seiner Mittel hervorgeht, können 
auch der Gesammthcit, die sich ja nur aus vielen Einzelnen zusam- 
mensetzt, nicht erspart werden. Sie sind eine pädagogische Nothwen- 
digkeit in der Culturgeschichte der Menschheit; sie sind das Bildungj^- 
mittel der Freiheit. Wer das grosse Tableau der englischen Ent- 
wickelung liest, welches Thomas Babington Macaula y seiner 
Geschichte England's seit dem Regierungsantritt Jacob's II. vorauf- 
geschickt hat, wird sich überaeugen, welchen Weg die Freiheit En;:- 
lands genommen hat, bevor die constitutionellen Gewalten ihre heu- 
tige, gesicherte Position erningen haben. Von den 9 Königen, wcIoIk' 
in den 160 Jahren, die der Vereinigung der beiden Rosen vorauf- 
gingen, regierten, wurden 6 abgesetzt, 5 verloren ihr Leben mit ihr 
Krone. Dann kam die Revolution, die Enthauptung des Königs, die 
Republik, Cromwell, die Verjagung der Stuarts — eine Reihe der 
bittersten und hartnäckigsten Kämpfe, aus denen die Nation gereift, 
voller Bewusstsein und Selbsterkenntniss hervorging. Generationen 
sind darüber hingestorben; mancher zarte und viel versprecheinl«' 
Schössling ist in den Sand getreten; manches wanne Ilei^zblut ist 
verspritzt worden, aber die Uebrigbleibeiiden waren gestählt und ge- 
wappnet, sie hatten die Garantien ihrer Freiheit gesichert. 

Die Gestaltung der modernen Staaten ist seit mehr als zwei 
Jahrhunderten an die Frage von den stehenden Heeren geknüpft ge- 
wesen, und nur das englische Volk hat diese Frage bis jetzt «re- 
nOgend gelöst. „Die Politik,** sagt Macaulay, ^welche die pnr- 
lamentarischen Versammlungen Europa's zu befolgen hätten, war: 
sich mit Festigkeit auf ihr verfassungsmässiges Recht zu stützen, wo- 
nach sie das Geld verwilligen oder verweigern konnten, und mit 
Entschlossenheit die Fonds für den Unterhalt von Armeen 
abzulehnen, bevor nicht weite Bürgschaften gegen Despo- 
tismus erwirkt waren. Diese Politik wurde nur in unserem Lande 
befolgt. ** 

Auch die nächsten Entwicklungsstadien des europäischen Conti- 
neiits werden sich in der Lösung dieser Frage erschöpfen. Die Jli- 
litär-Reform und die Bürgschaften der Verfnssungr^rechte gegen die 
stehenden Heere werden den Inhalt unserer politischen Kämpfe auj=- 
machen. Denn, .,wo ein grosses stehendes Heer besteht, da ist'% wie 
Macaulay sagt, „der Souverän auf einmal von der wichtigsten Be- 
schränkung seiner Macht entbunden, und wird unvermeidlich absohit, 
wenn er nicht solchen Zügeln unterworfen wird, wie sie in 


Schluss der medicinischen Reform. 77 

einer Gesellschaft überflQssig sein würden, wo Jeder ge- 
legentlich und Keiner beständig Soldat ist.^ 

In diesen bevorstehenden Kämpfen wird es die Hauptaufgabe 
der volksthnmlichen Partei sein, das Rech tl ich keits- und Sittlichkeits- 
(iefnhl des Volkes vor den Gefahren zu retten, in welche die immer 
wietlerholte Willkür der Octroyirungen dasselbe versetzt. Inmitten 
der Gräuel des Bürgerkrieges, zwischen dem Gewühl der Parteien 
wird der Humanismus gross gezogen, die sociale Reform vorbereitet 
werden. So ist es immer gewesen, so lange die Welt steht. Das 
Christenthum hat seine weltgeschichtliche sociale Reform mit Feuer 
und Schwert durchgesetzt; die Reformation mit ihren ungeheuren 
Umwälzungen in der Gesellschaft, die erste franzosische Revolution 
mit ihren grossen Veränderungen in den Besitz Verhältnissen haben 
die halbe Welt in Brand gesteckt. 

Wir hatten an die Macht der Vernunft gegenüber der rohen 
Gewalt, der Cultur gegenüber den Kanonen zu viel geglaubt; wir 
haben unsere Irrthümer eingesehen. Die Nation wird sich erst in 
den Kämpfen der nächsten Zeit unter harten Schmerzen zum Selbst- 
))ewusstsein durchringen; unsere Principien werden zum Gesammtgut 
werden durch den grossen pädagogischen Gang der Ereignisse. Dann 
ert<t wird es möglich sein, von Neuem die Neubauten aufzunehmen, 
welche im friedlichen Wege durch die Initiative der Re- 
i^nerung im vorigen Jahre möglich waren. Dieses Letztere 
haben wir von Anfang an lebhaft gefühlt, und desshalb ist unser 
ernstes Streben immer dahin gegangen, die Regierung zu bestimmen, 
die Bewegung in ihre Hand zu nehmen und für die Reorganisation 
tler öffentlichen Gesundheitspflege durch einen ärztlichen Congress 
die Selbstverwaltung und den humanen Weg anzubahnen. Kurz vor 
dem Ziel sind wir durch die Gewalt der politischen Ereignisse ge- 
scheitert; ohne diese, würden wir das Ziel erreicht haben. Statt 
dessen ist die informatorische Conferenz gekommen und hat im 
Wesentlichen beschlossen, dass es beim Alten bleiben solle. Einige 
^ucialistische Utopien, die sie zu Tage gefördert hat, werden vergeb- 
lich auf ihre Verwirklichung warten. 

Als die Juden aus Aegypten gezogen waren, wo sie als das 
Culturvolk der damaligen Zeit, als die Träger des vorgriechischen 
und vorchristlichen Humanismus den Widerstand des Despotismus 
i^efunden hatten, führte sie Moses 40 Jahre lang in der Wüste um- 
her, um sie an Entbehrungen und Kämpfe zu gewöhnen. Keiner der 
Ausgezogenen sah das gelobte Land, Moses selbst starb im An- 
schauen desselben auf dem Berg Nebo, gegen Jericho über. Aber 
er hatte ein streitbares Volk gebildet und mit seinen Principien durch- 
drungen, jenen Principien, in denen noch heutzutage die Philosophie 
die Anfänge unserer heutigen Cultur erkennt. 

Auch wir müssen in der Wüste umherziehen und kämpfen. Un- 
sere Aufgabe ist die pädagogische: wir müssen streitbare Männer er- 
ziehen, welche die Schlachten des Humanismus kämpfen. Wir haben 
von den Regierungen jetzt auf dem Wege der periodischen Presse 
nichts mehr zu erwarten. Unter den Aerzten bedürfen die Bildungs- 


78 Oeffentliche Gesurulheitspfleire und Medicinalreform. 

fähigen keiner fortlaufenden Leitung; die trägen, böotisehen Naturen 
werden von Gründen nie getroffen werden. Wir können daher nur 
noch die Aufgabe anerkennen, die Fragen der öffentlichen Gesund- 
heitspflege, die Fragen von dem täglichen Brod und der ge- 
sundheiti^gemässen Existenz in das Volk hineinzutragen, und 
ihnen durch immer neue Apostel die breitesten Grundlagen für ihre 
endliche Durchkampfung zu erringen. Die medicinische Reform, 
die wir geraeint haben, war eine Reform der Wissenschaft 
und der Gesellschaft. Wir haben ihre Principien entwickelt; ?ie 
werden sich ohne das Fortbestehen dieses Organs Bahn brechen. 
Aber jeder Augenblick wird uns beschäftigt finden, för sie zu arbei- 
ten, bereit, für sie zu kämpfen. Wir wechseln nicht die Sache, son- 
dern den Raum. - Es wäre nicht bloss nutzlos, sondern thöricht, junge 
Saat auf Felsgrund zu streuen oder im Winter in die Erde zu brin- 
gen. .„Jegliches Ding hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem 
Himmel hat seine Stunde.** 


X. Die Verwaltungs-Organisation der öffentlichen Gesund- 
heitspflege im Norddeutschen Bunde. 


1) Gutachten der wissenschaftlichen Deputation für das INedicinaiweseu. 

Erster Referent: Virchow. 

(Vierteljahreischrift ffir gericlitl. Medidn' ii. üfreiitl. Sanitätswesen. l»Ti. Neue Folge. Bd. XVH. 6. M'.; 

Unter dem 10. März v. J. ist der gehoi-samst unterzeichneten 
Wissenschaftlichen Deputation för das Medicinalvvesen im Auftrage de? 
Kanzlers des Norddeutschen Bundes eine im Reichstage eingereiclite 
Petition der Herren IL E. Richter, Spiess sen., G. Varrentrapp, 
II. Wasserfuhr und Hobrecht zugewiesen worden, welche die 
Verwaltungs-Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege im Nonl- 
deutHchen Bunde betrifft. Indem wir nachstehend das von uns einfor- 
derte Gutachten darüber erstatten, berichten wir zugleich über eine 
andere, denselben Gegenstand betreffende Petition des ärztlichen 
Zweigvereins zu Leipzig, welche uns am 20. April v. J. zugefertiirt 
ist, sowie Ober eine Druckschrift des Geheimen Medicinalniths 
Dr. Benecke zu Marburg, welche am 31. März v. J. an uns ge- 
wiesen wurde *). 

Es muss zugleich bemerkt werden, dass die erste Petition aucli 
dem jetzigen Reichstage von Neuem in unveränderter Gestalt unter- 
breitet ist, ohne dass aus derselben irgendwie hervorgeht, ob die 
Petenten ihre Wunsche nunmehr auf das ganze Deutsche Reich aus-- 


Die Verwaltungs-Orf?an. der öfTentl. Gesundheitspflege im Nordd. Bunde. 79 

(lehnen, oder, wie wenigstens der Wortlaut besagt, sie nur auf 
die Grenzen des ehemaligen Norddeutschen Bundes beschränken. In 
<lie^^er Beziehung glauben wir bemerken zu sollen, dass unserer Auf- 
fassung nach kein Grund vorhanden ist, eine Organisation, welche 
für die .«ämmtlichen Staaten des Norddeutschen Bundes zweckmässig 
wäre, nicht auch auf die neu hinzugetretenen Staaten auszudehnen, 
dass vielmehr die Nichtannahme dei'selben Seitens der süddeutschen 
Staaten ein entscheidender Grund sein wurde, auch für die norddeut- 
schen Staaten davon abzusehen. 

Wir enthalten uns jeder Discussion der Frage, inwieweit die 
Verwaltungs-Organisation der gesammten öffentlichen Gesundheits- 
pflege nach der Verfassungsurkunde, welche sich nur mit Maassregelii 
der Medicinal-Polizei beschäftigt, der Competenz des Reichs zuge- 
wiesen ist. Unsere Aufgabe kann nur darin bestehen, zu untersuchen, 
oll eine derartige Organisation zweckmässiger Weise dem Reiche vin- 
dicirt werden soll. 

Die Petenten fuhren zwei Gründe dafür an. Einerseits haben 
sie das Vertrauen, dass die Behörden des Bundes die ihnen ange- 
sonnene Aufgabe besser lösen werden, als die Behörden der Einzel- 
staaten; andererseits sind sie der Meinung, dass die wichtigsten medi- 
(*inal-polizeilichen Maasregeln, insofern sie Verhütung oder Beschrän- 
kung epidemischer und anderer ansteckender Krankheiten bezwecken, 
nur von einer Ceijtralgewalt in wirksamer Weise zur Durchführung 
;;ebracht werden können. 

Der erste dieser Gründe ist so sehr individuell, dass er sich un- 
serer Erörterung fast ganz entzieht. Wir glauben nur einen gewissen 
Widerspruch darin zu finden, dass die Petenten, trotz ihres grossen 
Vertrauens in die Bundesbehörden, die Vorarbeiten für das zu ent- 
werfende Organisationsgesetz nicht diesen Behörden, sondern einer 
mmz ausserhalb derselben zu bildenden Commission von Sachverstän- 
digen übertragen wissen wollen. Die erste Petition will unter den 
Sachverständigen Aerzte, Techniker und Verwaltungsbeamte. Die 
Leipziger Petition protestirt gegen die Heranziehung der Techniker 
und Verwaltungsbeamten, und verlangt ausschliesslich Aerzte als Mit- 
;j:lieder der Commission. 

Der zweite Grund ist sachlicher Natur, indess bezieht er sich 
nur auf epidemische und andere ansteckende Krankheiten, keineswegs 
auf das gesammte Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege. Er trifft 
in der That mit der Bestimmung der Bundesverfassung zusammen, 
welche von Maassregeln der Medicinal-Polizei handelt. Es lässt sich 
nicht verkennen, dass gegenüber ansteckenden Krankheiten, welche 
sich der Reichsgrenze und namentlich den Seehäfen nähern, gewisse 
Maassregeln der Desinfection, der Quarantäne oder der Sperre nöthig 
werden können, welche am zweckmässigsten von einer Behörde aus 
i^eleitet werden und für deren Anordnung allgemeine Vorschriften 
erförderlich sind. Wenn man indess erwägt, wie geringe Erfolge bis 
jetzt die Einführung von Sperren und Quarantänen an der Landes- 
i^nze geliefert hat, wenn man ferner in Betracht zieht, dass die 
Pest aufgehört, das gelbe Fieber uns in grösserer Ausdehnung nie 


80 OeiTentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

£^etroffen hat, von den Obrigen ansteckenden Krankheiten, die zur 
See eingeschleppt werden, eigentlich nur die Cholera Bedeutung hat, 
so wird man zugestehen müssen, dass es keines so grossen Apparates 
bedarf, um die nöthigen, immerhin sehr einfachen Maassregeln anzu- 
ordnen und zu überwachen. 

Die Petenten gehen freilich sehr viel weiter. Sie wollen von 
Bundes wegen eine innere Organisation schaffen, welche sowohl die 
peripherischen, als die centralen Behörden herstellt, dieselben unter 
einander in ständige Verbindung setzt und jeder einzelnen wirksame 
Eigenschaften, um nicht zu sagen, Gewalten verleiht. Die Aeusse- 
rungen der ersten Petition sind leider *so skizzenhaft, dass es uns 
nicht möglich ist, mit Sicherheit zu erkennen, welche Stellung gegen- 
über den einzelnen dieser Behörden die Gemeinde, der EinzelsUiat 
oder der Bund haben soll. Wenn indess nicht bezweifelt werden 
kann, dass die Centralbehörde eine Bundesbehörde sein soll, da.<s 
diese nicht bloss für die Heranbildung und Prüfung, sondern auch 
für die Anstellung tüchtiger Gesundheitsbeamten zu sorgen hat, das.-i 
sie die allgemeinen Gesetze und Verordnungen über die öffentliche 
Gesundheitspflege sowohl vorzubereiten und zu berathen, als auch die 
Ausführung derselben als oberstes Verwaltungsorgan zu überwachen 
und zu leiten hat, so ist damit eine Reihe von Forderungen gestellt, 
wie sie bisher nur für das Heerwesen in Anspruch genommen wor- 
den sind. Je einflussreicher und bedeutungsvoller im Sinne der Pe- 
tenten die Thätigkeit der Gesundheitsbehörden gedacht wird, um so 
tiefer würde die Verwaltung des Bundes hier in die innere Verwal- 
tung der Einzelstaaten bis zu den Kreisen und Gemeinden herunter 
eingreifen müssen. Auch sprechen die Petenten in der Motiviruni^ 
ihrer Forderungen von zahlreichen Einzeldingen. Schutz der Fabrik- 
arbeiter und der Schulkinder, Baupolizeiordnungen, Entwässerung und 
Reinhaltung der oberen Bodenschichten in den Städten, Wasserbeschaf- 
fung, Einrichtung des Unterrichts an Universitäten, S.chullehrersemi- 
narien, höheren und niederen Schulen werden namentlich aufgeführt. 
Wir verkennen gewiss nicht, diiss in allen diesen Richtungen Auf- 
gaben für die öffentliche Gesundheitspflege liegen, aber wir mOsi^en 
es für unmöglich halten, diese Aufgaben so sehr zu schematisiren, 
dass sie, ohne Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse und auf die 
sonstigen Verwaltungs-Einrichtungen der Einzelstaaten, zum Gegen- 
stande der Reichgesetzgebung gemacht werden könnten. Nicht einmal 
wissenschaftlich sind die einschlagenden Fragen so sehr geklärt, da^s 
es als wünschenswerth erscheinen könnte, durch allgemeine Verord- 
nungen der Autonomie und der fortschreitenden Erfahrung der Ein- 
zelstaaten Schranken zu setzen. Eine glückliche Erfahrung, die aus 
der Initiative einer Gemeinde hervorgeht, wirkt hier mehr, als eine 
Schaar von Verordnungen, zu deren Durchführung es dem Reiche 
noch viel mehr an Local- Organen gebricht, als nach den bisherigen 
Leistungen den Einzel-Regierungen. 

Diejenigen Forderungen, welche die erste Petition unter No. HI. 
aufführt, sollen in Ermangelung einer klaren Auseinandersetzung da- 
durch an Gewicht gewinnen, dass sie als Resolutionen der vereinigten 


Die Verwallungs-Organ. der öffentl. Gesundheitspflege im Nordd. Bunde. 81 

Sectionen fßr öflfentliche Gesundheitspflege und für Medicinalreform 
in der 43. Versammlung deutscher Aerzte und Naturforscher zu Inns- 
bruck 1869 (und der 44. zu Rostock 1871) angekündigt werden. 
Mit Recht wendet der Leipziger Verein dagegen ein, dass weder die 
Natur dieser Berathungen, noch die wechselnde Zusammensetzung 
dieser Versammlungen eine Bürgschaft für das Gewicht solcher Re- 
solutionen darbiete. Das Plenum der Naturforscher -Versammlung 
hat diess auch wiederholt anerkannt. In Innsbruck wurde, gerade mit 
Rücksicht auf die hier berührten Resolutionen, in der zweiten allge- 
meinen Sitzung am 21. Septbr. 1869 (Tageblatt No. 5. S. 100) ein 
neuer Paragraph in die Statuten aufgenommen, welcher lautet: „Eine 
Fassung von Resolutionen über wissenschaftliche Thesen findet in den 
allgemeinen sowohl als in den Sections-Sitzungen nicht statt." In 
Rostock ist derselbe von Neuem bestätigt worden. Wollte man da- 
ü^egen einwenden, dass es sich hier nicht um wissenschaftliche, son- 
dern um administrative Aufstellungen handelt, so dürfte die Legiti- 
mation einer beliebig zusammengetretenen Versammlung doch nur 
nach der Bedeutung der von ihr gesammelten Gründe und nicht nach 
der Stellung der gesammten Naturforscher -Versammlung, an welche 
sie sich nur äusserlich anlehnt, bemessen werden. 

Wir unsererseits halten eine administrative Zusammenfassung der 
i^esammten öffentlichen Gesundheitspflege im Deutschen Reiche für 
unmöglich, so lange nicht die Centralisation der öffentlichen Gewalten 
noch viel weiter geführt ist, als die gegenwärtige Verfassung vor- 
i«ch reibt. Demnach erachten wir auch eine Centralbehörde mit exe- 
cutivischer Gewalt für unangemessen. Handelt es sich dagegen um 
Maai»8regeln der Gesetzgebung für Einzelheiten, z. B. für die Abwehr 
v<m ansteckenden Krankheiten, so wird es gewiss sehr zweckmässig 
sein, wenn für jede einzelne Angelegenheit besondere Sachverständi- 
iren-Commissionen zusammengerufen werden, wie es jetzt für die 
Pharmakopoe geschehen ist. Auch scheint es uns ganz angemessen, 
wenn dazu im Sinne der Leipziger Petition und des Geh. Medicinal- 
raths Dr. Benecke Delegirte der ärztlichen Vereine herangezogen 
werden. 

Anders stellt sich die Frage, ob es wünschenswerth wäre, ein 
w^issenschaftliches Centralorgan für die Bearbeitung der medicinischen 
Statistik und der allgemeinen Gesundheitsberichte zu schaffen. Wir 
wurden eine solche Instanz mit Freuden begrüssen, wenn wir sicher 
wären, dass ihr das Material in ausreichendem Maasse zur Verfügung 
gestellt werden könnte. Allein es ist bekannt, dass bis jetzt, mit Aus- 
nahme der Mortalitäts-Tabellen, jeder Versuch, sei es auf amtlichem, 
P€i es auf privatem Wege das Material zu sammeln, fehlgeschlagen 
ist. Das Buch des Geh. Med.-Raths Be necke handelt weitläufig 
über die vergeblichen Bestrebungen, auf dem Wege der Association 
zum Ziele zu gelangen, und wenn der Leipziger Bericht das in mehr 
amtlicher Weise organisirte Associationswesen der sächsischen Aerzte 
mit Recht hervorhebt, so fehlt doch leider etwas Aehnliches in dem 
«rrössten Theile von Deutschland, und es ist unserer Meinung nicht 
Sache des Reichs, sondern Sache der Einzelregierungen, zunächst in 

R. Vir e hon, Odffeotl. Hedicin. 6 


82 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

ihren Territorien die Vorbedingungen f&r die Betheiligung der Ge- 
sammtmasse der Aerzte an allgemeinen Aufgaben herzustellen. Mögen 
die Reichsbehörden, möge der Reichstag in dieser Richtung Anregun- 
gen geben, aber glaube man nicht, durch eine gänzlich in der Luft 
schwebende Centralbehörde eine schöpferische Kraft zu gewinnen, 
welche im Stande wäre, überall ärztliche Associationen zu zeugen 
und sie mit eigenem Leben zu versehen. 

Die Leipziger Petition verlangt nur eine Centralbehörde mit 
rein wissenschaftlichen Attributen, indem sie die eigentliche Me- 
dicinal -Verwaltung als innere Angelegenheit den Einzelstaaten über- 
lassen wissen will. Sie weist diesem Centralorgan nur die Aufgabe 
zu, die allgemeine medicinische Statistik zu reguliren und allgemeine 
sanitätliche Maassregeln in Hinsicht auf Entstehung und Verbreitung von 
Krankheiten anzuregen. Ein solches Organ ist gänzlich verschieden 
von der Centralbehörde der ersten Petition. Es ist nicht einmal 
nöthig, die Mitglieder ständig zu ernennen; sie könnten nach Art der 
preussischen statistischen Central-Commission je nach der Zeit oder 
den Verhältnissen zusammenberufen und gewechselt werden. Denn 
für eine anhaltende, regelmässige Thätigkeit würde ihnen der Stoff 
mangeln. 

Die praktische Entwicklung und die wissenschaftliche Pflege der 
öffentlichen Gesundheits-Einrichtungen wird daher unserer Meinung 
nach Aufgabe und Pflicht der Einzelstaaten sein, und wenn wir zu- 
gestehen müssen, dass in dieser Beziehung Vieles versäumt worden 
ist, so glauben wir doch zugleich darauf hinweisen zu dürfen, dass 
die administrative Organisation der Kreise und Bezirke die erste Vor- 
bedingung für eine wirkungsvolle Organisation der öffentlichen Ge- 
sundheitspflege ist und daher zunächst erledigt sein muss, ehe es 
möglich ist, genaue AusfQhrungen über die Stellung der Sanitäts- 
beamten zu geben. 

Berlin, am 15. November 1871. 

Die Königl. Wissenschaftliche Deputation für das 

Medicinalwesen. 

(Unterschriften.) 


2) Bemerkungen fiber das Reicbs-Gesundbeits-Amt. 

(Vierteljahraschrift f. geriehtl. Medicin u. offentl. SaniUtawesen. 1879. Nene Folge. Bd. XVH. 6. 88.) 

Hr. Georg Varrentrapp hat in dem neuesten Hefte der Deut- 
schen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege (Bd. IV. 
Hft. 1. S. 140 — 145) sich bemüssigt gesehen, das Gutachten der K. 
Wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen über die Or- 
ganisation der öffentlichen Gesundheitspflege im Norddeutschen Bunde, 
beziehungsweise im Deutschen Beiche einer Kritik zu unterziehen, 
noch bevor dasselbe veröffentlicht war. Er erzählt, dass er in das- 


Bemerkungen über das Reichs-6esundheits-Amt. 83 

selbe oder, wie er sagt, von demselben nicht selbst habe Einsicht 
nehmen können, dass er vielmehr an vielerlei Orten etwas Genaueres 
habe zu erfahren suchen müssen, und dass er auf Grund, von man- 
cherlei Nachfragen den hauptsAchlichsten Inhalt desselben angeben zu 
können glaube. Er unterzieht sodann dieses Gutachten einer herben 
Kritik, wobei er kein Bedenken tr9gt, mich als einen der Referenten 
persönlich verantwortlich zu machen f&r ein Schriftstück, welches die 
Unterschrift der gesammten Deputation trägt. So ungewöhnlich dieses 
Verfahren auch ist, so ist es doch noch wohl mehr ungewöhnlich, 
dass Hr. Varrentrapp erklärt, es würde ihn („uns" sagt er) mit 
lebhafter Freude erfüllen, wenn er („wir") darüber falsch berichtet 
worden wäre; „wir würden dann unter bedauernder Anerkennung 
unseres Irrthums unsere Opposition zurückziehen." 

Es mag sein, dass Hr. Varrentrapp keine Ahnung davon hat, 
in welcher Weise eine coUegialisch wirkende Behörde arbeitet, und 
dass es keinem Mitgliede derselben, auch nicht dem ersten Referen- 
ten, freisteht, Gutachten oder Berichte derselben ohne Autorisation 
zu publiciren. Sonst hätte ihm doch wohl klar werden müssen, welche 
Illoyalität dazu gehört, ein solches Gutachten und einen solchen Re- 
ferenten zum Gegenstande der heftigsten Angriffe zu machen, ehe 
auch nur der Wortlaut des Gutachtens bekannt war. Wie sollte sich 
ein solcher Referent vertheidigen? 

Indess so untergeordnete Rücksichten des literarischen Anstandes 
braucht wohl der Anwalt der grossen Sache der Reichs-Gesundheits- 
pflege nicht zu nehmen. Der Zweck heiligt die Mittel. Man kennt 
diess Verfahren ja aus den Sitzungen der Section für öffentliche Ge- 
sundheitspflege auf den Naturforscher- Versammlungen, an denen Theil 
zu nehmen mehr und mehr für Jeden, der nicht Hrn. Varrentrapp 
blind anhängt, eine unleidliche Aufgabe geworden ist. 

Nachdem nun das Gutachten der K. Wiss. Deputation für das 
Medicinalwesen im Wortlaute vorliegt, dürfte Hr. Varrentrapp sich 
zunächst davon überzeugen, dass darin von irgend einer Feindschaft 
gegen das Reich ebensowenig die Rede ist, als von einer Kritik der 
Competenz desselben. Persönlich wiU ich ihm zugleich bemerken, 
dass ich oder meine Partei weder jemals dem Deutschen Reiche als 
solchem feindlich waren, noch eine Erweiterung der Competenz des- 
selben als etwas Besorgniss Erregendes betrachtet haben. Im Gegen- 
theil, wir waren schon 1866 der Meinung, dass es besser wäre, den 
ganzen Preussischen Landtag daran zu geben, freilich vorausgesetzt, 
dass dafür dem Reichstage alle diejenigen Bürgschaften gegeben wür- 
den, welche eine wahrhaft constitutionelle Regierung in Aussicht stell- 
ten. Nachdem diese Bürgschaften nicht erreicht worden sind, so hat 
sich allerdings unsere Freude an dem Reiche sehr getrübt; nichts- 
destoweniger haben wir den durch die Verfassung gegebenen Boden 
betreten, nicht um das Reich zu bekämpfen, sondern im Gegentheil, 
um dazu zu helfen, ihm die noch fehlenden Bürgschaften zu erringen. 
Ob zu diesen Bürgschaften auch das Reichs-Gesundheits-Amt 
gehört, ist mir noch immer sehr zweifelhaft. Hr. Varrentrapp und 
Genossen, die Petenten von 1869 und 1870, haben leider nicht dazu 

6* 


84 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

beigetragen, diese Zweifel zu zerstreuen. Denn eine schlechter aus- 
geführte und motivirte Petition, als die ihrige, ist wohl selten vorge- 
legt worden. Sie ist so unklar in ihren Forderungen, dass die Ver- 
fasser selbst nicht zu Avissen scheinen, was sie eigentlich wollen. 
Hr. Varrentrapp versichert jetzt (S. 144), er lege das Hauptgewicht 
auf die Ortsgesundheitsräthe. Davon war gewiss in der Petition nichts 
zu merken. In dieser war im Gegentheil das Hauptgewicht gelegt 
auf die Centralbehörde , welche für die Heranbildung, Prüfung und 
Anstellung tüchtiger Gesundheitsbeamten sorgen sollte, womit dann 
die Forderung übereinstimmte, dass diese Behörde sogar die Einrich- 
tung des Unterrichts an den Universitäten zu überwachen haben 
müsse. Diese Centralbehörde sollte nicht bloss die allgemeinen Ge- 
setze und Verordnungen über die öffentliche Gesundheitspflege vor- 
bereiten und berathen, sondern auch deren Ausführung überwachen 
und leiten. Wie denken sich denn die Petenten eine solche Centrali- 
sation eines grossen Zweiges der inneren Verwaltung der Einzelstaaten 
durch das Reich? Wenn alle Gesundheitsbeamten durch die Central- 
behörde angestellt werden, so werden sie doch Reichsbeamte sein. 
Wie sollen diese Reichsbeamten im Verhältniss zu den Ortsbehörden 
der Einzelstaaten und der Gemeinden gestellt werden? Das zu er- 
fahren, wäre gewiss sehr noth wendig. Welche Befugnisse sollen sie 
haben? welche Gewalt soll ihnen eingeräumt werden? und welche 
Zahl von Beamten ist dazu nöthig? Hr. Varrentrapp (S. 142) 
nimmt mit Unrecht an, dass die Wissenschaftliche Deputation von 
einem Heere von Beamten gesprochen habe. Er tröstet damit, dass 
es sich vorläufig nur um ein oberstes Gesundheits-Amt mit einem 
halben Dutzend Beamten handle. Diess wäre ein ostensibler Wider- 
spruch, wenn das Wörtchen „vorläufig'' nicht wäre. Es ist aber in 
der That eine starke Zumuthung für einen denkenden Menschen, dass 
man übersehen soll, was „nachläufig** gefordert werden wird, und 
nach den Aufstellungen der Petition auch gefordert werden muss. 
Auch lässt Hr. Varrentrapp darüber nicht im Zweifel, dass In- 
spectoren und Kreisbeamte bald nachfolgen werden. • Wäre es denn 
da so unrichtig gewesen, von einem Heere von Beamten zu sprechen? 
Hr. Varrentrapp citirt als Analogon die Postbeamten, ohne auch 
nur zu ahnen, wie wenig dieses Beispiel zutrifft. Die Post hat ihren 
ganz besondem, abgeschlossenen Wirkungskreis; die Gesundheits- 
beamten dagegen würden in der Lage sein, täglich und stündlich in 
die Verwaltungseinrichtungen der Einzelstaaten einzugreifen und deren 
Wirkungskreis bald nach dieser, bald nach jener Seite hin zu be- 
schränken. Bald wäre es eine Schule, bald eine Fabrik, bald eine 
Wasserleitung, bald die Anlegung von Häusern oder Strassen, welche 
sie ihrer Competenz unterwerfen könnten. Und wenn sie endlich auch 
zur Exeoution schritten, so würde die Verwirnmg der Gemeinde- 
und Staatsverwaltung bald einen hohen Grad erreichen. 

Liegt es denn nicht auf der Hand, dass eine Petition, welche so 

Grosses fordert, wenigstens ein klares Bild entwerfen müsste, nicht 

^on, was sie ^vorläufig" will, sondern davon, wonach sie als nach 

eigentlichen Endziele strebt? Wäre es nicht nothwendig, die 


Bemerkungen über das Reichs-Gesundheits-Amt. 85 

gesammte Organisation, welche sie anstrebt, deutlich vorzuzeichnen 
un<l namentlich anzugeben, welches im Einzelnen die Amtsbefugnisse 
der Orts-Gesundheitsbeamten, welche das Reich durch die Central- 
behörde anstellt, sein sollen? Wer nur irgend einen Einblick in den 
Gang der Local- Verwaltung hat, der muss sich doch sagen, dass diese 
Maschine unter anhaltenden und schliesslich unerträglichen Friktionen 
arbeiten würde. 

Darum hat das Gutachten der Wissenschaftlichen Deputation, wie 
mir scheint, mit vollem Recht hervorgehoben, dass eine derartige ad- 
ministrative Zusammenfassung der öffentlichen Gesundheitspflege eine 
viel weiter gehende Centralisation der Gewalten im Reiche voraussetzt, 
als sie gegenwärtig besteht. Vor allen Dingen wäre eine gleiche Cen- 
tralisation der Polizei nöthig. Oder sollen die Polizeibehörden der 
Einzelstaaten einfach den Reichs- Gesund heitsbearoten unterstellt wer- 
<len? Mit dem gleichen Rechte könnte man verlangen, dass alle 
Justizbeamten von einer Reichs -Centralbehörde erzogen, geprüft und 
angestellt werden müssten, weil sie unter Anderem nach Reichs- 
i^esetzen zu erkennen haben. 

Die Wissenschaftliche Deputation hat es bei dem gegenwärtigen 
Stande der Verfassungs-Gesetzgebung für genügend gehalten, für be- 
stimmte Fälle, wo die Centralgewalt eines sachverständigen Rathes in 
Angelegenheiten der öffentlichen Gesundheitspflege bedarf, besondere 
Commissionen von Sachverständigen zusammenzuberufen, wie es flQr 
die Gebiete der Rechtspflege, der Veterinärpolizei u. s. w. schon ge- 
schehen ist. Diess genügt den Petenten nicht und Hr. Var rentrapp 
wahrt sich sehr ernstlich dagegen. Ich will ihm nicht verhehlen, dass 
dieser Umstand mir liöchst befremdlich ist und dass ein Verdacht, 
den mir die Oberaus fremdartige Zusammensetzung der Section für 
öffentliche Gesundheitspflege bei den Naturfoi-scher- Versammlungen 
öfters eingeflösst hat, dadurch sehr genährt wird. Alle diese Archi- 
tekten und Ingenieure, welche sonst auf der Naturforscher -Versamm- 
lung nicht zu sehen waren, woher haben sie plötzlich eine so innige 
Theil nähme für die öffentliche Gesundheitspflege? Sicherlich ist diese 
Theilnahme erst erwacht, seitdem es grosse Canal- und Bewässerungs- 
arbeiten in's Leben zu rufen galt. Und das Reichs-Gesundheits-Amt, 
welches ausser den Aerzten durchaus Techniker, d. h. Architekten, 
Ingenieure, Chemiker u. s. w. enthalten soll, hat es nur die plato- 
nische Liebe dieser Techniker erweckt? Oder verstehen sie sich so 
gut auf die Lehre von den epidemischen und contagiösen Krank- 
heiten, dass man meint, die Medicinalpolizei sei ohne sie nicht zu 
handhaben? 

Für die Medicinal-Statistik ein Reichsorgan zu gründen, hat das 
Gutachten der Wissenschaftlichen Deputation nicht zurückgewiesen. 
Es hat nur darauf aufmerksam gemacht, dass ausser den Mortalitäts- 
Tabellen nicht viel Material zu erlangen sein dürfte, wenn nicht die 
ärztlichen Vereine ganz anders organisirt sein würden. Und selbst 
dann ist es sehr fraglich, was zu erlangen sein möchte. Ich habe in 
diesem Punkt einige Erfahrung. In Würzburg bildete die physika- 
lisch-medicinische Gesellschaft nicht nur einen anerkannten Mittelpunkt 


86 OefTentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

aller solcher Bestrebungen, sondern es gehörten ihr auch hst ohne 
Ausnahme alle Aerzte der Stadt als Mitglieder an: trotzdem war es 
ganz unmöglich, auch nur annähernd vollständige Morbilit&ts-Ueber- 
sichten herzustellen. Der Verein für wissenschaftliche Arbeiten in 
Deutschland hat später dieselben Erfahrungen gemacht In Berlin 
hat der Magistrat sich mit den ärztlichen Vereinen sowohl, als mit 
den einzelnen Aerzten in Verbindung gesetzt, überall hin seine For- 
mulare vertheilt, die Ergebnisse amtlich publicirt; das Ende war, dass 
zuletzt eine nicht nennenswerthe Zahl von Aerzten die ausgefüllten 
Formulare zurücksendete und die ganze Unternehmung als hoffnungs- 
los aufgegeben werden musste. 

Angesichts solcher Thatsachen gehört doch eine starke Ueberwin- 
dung dazu, zu glauben, das Reichs-Gesundheits-Amt werde im Stande 
sein, eine grössere Thätigkeit für Morbilitäts-Statistik zu entfsdten. 
Das Gutachten der Wissenschaftlichen Deputation drückt daher 'den 
Wunsch aus, es möchten die Reichsbehörden und der Reichstag in 
dieser Richtung Anregungen geben, namentlich um die Bildung ärzt- 
licher Corporationen zu fördern. Hr. Varrentrapp ist auch darüber 
erzürnt; das sei, meint er, die verkehrte Welt. Die Anregung müsse 
von unten kommen. Nun meinetwegen; möge es ihm gelingen, sie 
zu schaffen. Er soll meiner lebhaftesten Sympathien versichert sein. 

Vorläufig möge er mir verzeihen, wenn ich meine Erfahrungen 
für mehr bestimmend halte, als seine Hoffnungen. Das indess kann 
ich ihm zum Tröste sagen, dass ich an meinem Theil fortfahren werde, 
für die Entwicklung der ärztlichen Thätigkeit zu wirken, wie ich es 
übrigens immer gethan habe. Auch hoffe ich, dass die Wissenschaft- 
liche Deputation ihre Aufgabe, für die weitere Organisation der öffent- 
lichen Gesundheitspflege zu arbeiten, nicht aus dem Auge verlieren 
wird. Als Preussische Behörde wird sie aber schwerlich früher etwas 
Durchgreifendes in dieser Richtung vorschlagen können, als bis die 
Ejreisordnung fertig ist und sich übersehen lässt, welche Stellung 
künftighin die Bezirks-Regierungen und die Provinzial-Behörden ein- 
nehmen werden. Für jetzt habe ich als Abgeordneter dafür gesorgt, 
dass durch ein Amendement zur Kreisordnung die öffentliche Gesund- 
heitspflege zu den Aufgaben des Kreisausschusses hinzugefügt wor- 
den ist. 


8) Noch einmal das Reicbs-Gesundlieitt-Aiiit und Hr Dr 6. Varmtrapp 

(Viert«ljahr8»chr. f. KerlchtL Mediein n. SffenÜ. SaniUtBweMn. 1873. Neue Folgr. Bd. XVU. 8. 136.) 

So eben erhalte ich das neueste Heft der Deutschen Vierteljah 
Schrift für öffentliche Gesundheitspflege (1872, Bd. IV. Heft 2). Der 
Redacteur, Hr. Dr. Georg Varrentrapp, hat darin (S. 312) das 
Gutachten der Wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen 
im Wortlaute mitgetheilt und wiederum hämische Anmerkungen hin- 
zugefügt. Gleichzeitig bringt er (S. 307) unter der Ueberschrift 
«Darlegung des Reichskanzlers an den Bundesrath, betreffend Verwal- 


Das Reichs-Gesundheits-Amt und Hr. Dr. G. Varrentrapp. 87 

tungs-Organisation der öfifentlichen Gesundheitspflege^ eine ähnliche 
Darstellung, wie die frühere über das Gutachten der Wissenschaft- 
lichen Deputation. Wieder hat er sich, wie er sagt, den Wortlaut 
dieser Vorlage nicht verschafifen können, dagegen versichert er, dass 
verschiedene Bl&tter (A. A. Zeitung, Pionier, National-Zeitung) aus- 
f&hrliche, meist wortgetreue Mittheilungen daraus gebracht haben. 
Hieraus und ^nach einigen sonst zu unserer Kenntniss ge- 
langten Mittheilungen^ habe er seinen Bericht zusammengestellt, 
der wesentliche Gedanken der Vorlage wohl kaum unerwähnt lassen 
dQrfte. 

Man sieht, der Redacteur der Deutschen Vierteljahrsschrift für 
öffentliche Gesundheitspflege setzt sein System fort. Er kann sich 
den Wortlaut der Schrift nicht verschafifen und doch weiss er, dass 
die Mittheilungen der politischen Zeitungen wortgetreu sind und dass 
seine Ergänzungen dazu keinen wesentlichen Gedanken der Vorlage 
unerwähnt lassen. Wie merkwürdig! Glaubt Hr. Varrentrapp, 
dass sein Publikum sich durch solche Spiegelfechterei täuschen lassen 
wird? Und hält er diess wirklich für eine würdige Art der Publi- 
cistik? Indess mag er so fortfahren; es genügt, seine Methode ge- 
kennzeichnet zu haben. 

Da mir nicht nur der Wortlaut des Schreibens des Beichskanz- 
lers, sondern auch der Inhalt desselben überhaupt unbekannt ist, so 
will ich einmal annehmen, die übrigens sehr weitläufige Mittheilung 
gebe den Inhalt desselben seinen wesentlichen Gedanken nach wieder. 
Hr. Varrentrapp ist mit dieser Vorlage höchlich zufrieden; er 
wünscht sich Glück zum ersten Schritt; obwohl nicht Alles erreicht 
sei, was die Petition forderte, so enthalte die Vorlage doch ^die 
Keime zu allen weiteren nöthigen Entwickelungen''. Diess ist in der 
That recht bescheiden. Denn in Wahrheit erklärt die Vorlage (nach 
den Mittheilungen des Hm. Varrentrapp) es als unthunlich, dass 
das Keich selbst die Verwaltung der öffentlichen Gesund- 
heitspflege übernehme. Weder der Landesgesetzgebung gegen- 
über, noch in Betreff der Verwaltung der Gemeinden oder der Privat- 
rechte der Einzelnen könne mit materiellen reichsgesetzlichen Vorschriften 
vorgegangen werden. Wenn auch ein Reichsgesetz eine gemeinsame 
Verwaltungs-Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege anordnen 
könne, ohne dass dadurch die Verwaltung den einzelnen Bundes- 
staaten entzogen zu werden brauche, so stellten sich doch selbst in 
dieser Beschränkung dem Einschreiten der Reichsgesetzgebung zur Zeit 
gewichtige Bedenken entgegen. 

Es wird freilich bemerkt, dass der Erlass eines Reichsgesetzes 
über die Verwaltungs-Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege 
nicht nothwendig voraussetze, dass das Reich selbst die Verwaltung 
übernehme, und es wird in dieser Beziehung auf die Gerichts -Orga- 
nisation verwiesen. Diese Möglichkeit ist nicht zu bestreiten, wenn- 
gleich die Petition der Herren Varrentrapp und Genossen gerade 
die Verwaltung durch das Reich forderte, und mit dem Wegfall der 
executivischen Befugnisse des Reichs-Gesundheits-Amtes wohl die Pe- 
tition des ärztlichen Zweigvereins in Leipzig, aber in keiner Weise 


88 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

diejenige der Herren Varrentrapp und Genossen ihre Erfiillung 
findet. Aber es durfte doch wohl in Erwägung kommen, dass Nie- 
mand eine gemeinsame Gerichts-Organisation fordern wurde, wenn 
nicht die wirkliche Einheit des Rechts gefordert würde. Wenn das 
Straf- und Civilrecht im Deutschen Reiche überall dasselbe sein wird, 
so wäre es nicht recht verständlich, dass die Rechtsprechung in den 
einzelnen Bundesstaaten auf verschiedene Weise ausgeübt würde. 
Denn die Gerichte sind keine bloss sachverständigen, berathenden 
oder theoretisirenden Behörden, sondern sie beschliessen und haben 
die Gewalt, ihre Beschlüsse ausführen zu lassen. Es scheint mir da- 
her, dass dieses Beispiel wenig passt für ein Gesundheits-Amt, dem 
keine einheitliche Gesetzgebung über die öflFentliche Gesundheitspflege 
zur Seite steht, welches nicht zu beschliessen und auszuführen hat, 
sondern welches eine rein berathende und beobachtende, wissenschaft- 
liche Stellung haben soll. Erst wenn das Reichs-Gesundheits-Amt 
eine wirkliche Instanz ist, wenn es nach englischem Muster eine Art 
von richterlicher Gewalt erhält, wenn man an dasselbe appelHren, 
dasselbe zur Anordnung wirksamer Maassregeln anrufen und die Aus- 
führung solcher Maassregeln durch dasselbe erzwingen kann, — erst 
dann wird es auch nach dem Vorbilde der Gerichtsbehörden beur- 
theilt werden dürfen. 

Was Hm. Varrentrapp mit so grosser Befriedigung erfüllt, ist 
freilich nicht die abweisende Haltung, welche der Reichskanzler gegen- 
über der Frage der Verwaltungs-Organisation der öflFentlichen Ge- 
sundheitspflege einnimmt, sondei-n die Thatsache, dass der Reichs- 
kanzler eine „CentralbehörtlC, bestehend aus einem Verwaltungs- 
beamten und zwei Aerzten (oder — statt der beiden Aerzte — aus 
einem Arzte und einem Statistiker) vorschlägt. Nachdem Hr. Var- 
rentrapp in seiner vorletzten Auseinandersetzung eben erst behauptet 
hatte, er lege das Hauptgewicht auf die Ortsgesundheitsräthe, also 
auf die Localbehörden, so gehört allerdings ein nicht geringer Grad 
von Entsagung dazu, sich mit der Centralbehörde zufrieden zu geben. 
Natürlich bleibt dabei vorbehalten, da«s diese Behörde von dem 
Augenblick ihrer Einsetzung an einen agitatorischen Charakter an- 
nimmt und nicht eher zufrieden sein wird, als bis sie die ganze, auch 
die peripherische Organisation in ihrer Hand hat. 

Was Hm. Varrentrapp aber noch mehr befriedigt, ist der 
Umstand, dass „der Reichskanzler direct ausspricht, den rein negiren- 
den Charakter des Gutachtens der Wissenschaftlichen Deputation 
nicht theilen zu können." Nach dem, was Hr. Varrentrapp be- 
richtet, müsste der Reichskanzler allerdings in einen solchen Irrthmn 
gefallen sein. Ich verstehe diess nicht. Die Wissenschaftliche De- 
putation hat vielmehr erklärt, dass sie „ein wissenschaftliches Centnil- 
organ für die Bearbeitung der medicinischen Statistik und der allge- 
meinen Gesundheitsberichte** „mit Freuden begrüssen würde*". Sie 
hat nur ihre Bedenken hinzugefügt, ob bei dem gegenwärtigen Zu- 
stande der ärztlichen Verhältnisse, namentlich bei dem Mangel ge- 
ordneter ärztlicher Vereine, ein solches Organ überhaupt eine ent- 
sprechende Thätigkeit werde entfalten können. Trotzdem hat sie 


Das Reichs-Gesundheits-Amt und Hr. Dr. G. Varrentrapp. 89 

dasselbe nicht a limine zuröckge wiesen. Im Gegentheil hat sie auf die 
Leipziger Petition verwiesen, weiche ein solches rein wissenschaftliches 
Centralorgan verlangt, und sie hat hervorgehoben, dass, so lange 
nicht, wie in Sachsen, die ärztlichen Vereine wirklich organisirt seien, 
eine Conimission mit wechselnden Mitgliedern und periodischem Zu- 
sammentritt derselben vollständig ausreichen würde. 

Der Unterschied in dem Vorschlage des Reichskanzlers würde 
also nur darin liegen, dass er die Mitglieder der Centralbehörde fest 
anstellen will. Diess mag für einzelne Personen recht angenehm sein 
und ich gönne ihnen eine solche Anslellung von Herzen. Dass da- 
mit aber keine „Verwaltungs-Organisation der öffentlichen Gesund- 
heitspflege** geschaffen ist, das werden künftig die 3 angestellten Be- 
amten wohl selbst hervorheben. Wie Hr. Varrentrapp sich jetzt 
aut^drückt, „sie werden über ihre eigene Institution ihre Meinung 
äussern** (S. 313, Anm.). Sollte unter ihnen in der That nur ein 
einziger Arzt vorhanden sein, so würde begreiflicherweise den Gut- 
achten dieser Behörde nicht einmal die Voraussetzung der Sachver- 
stä^ndigkeit zukommen, und es ist nicht recht abzusehen, wie sie alle 
die ihr von dem Reichskanzler zugedachten Geschäfte (Aufsicht über 
die raedicinal- und veterinärpolizfeilichen Angelegenheiten, Kenntniss- 
nahme von den dafür bestehenden Einrichtungen der Einzel Staaten, 
Vorbereitung der Reichsgesetzgebung, Beachtung der Wirkung der 
im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege ergriffenen Maassnah- 
men, Auskunftertheilung an Staats- und Gemeindebehörden, Verfol- 
i^ng der Medicinalgesetzgebung in ausserdeutschen Staaten, Herstel- 
lung einer genügenden medicinischen Statistik für Deutschland) er- 
ledigen sollte. Allerdings ist vorgesehen, dass auch ausserordentliche 
Mitglieder ausserhalb Berlins existiren sollen, und hier sind hinter 
<Ien Gemeindebeamten grösserer deutscher Städte auch Professoren 
der Medicin und Staatsmedicinalbeamte, sowie Chemiker und Archi- 
tekten genannt. Eine etwas bunte Mischung, welche nicht recht er- 
kennen lässt, was sich der Verfasser der Vorlage eigentlich als Auf- 
gabe dieser Körperschaft, die keine Executive haben soll, gedacht hat. 
Dazu kommt, dass diese ausserordentlichen Mitglieder sich nur von 
Zeit zu Zeit zu gemeinsamen Berathungen in Berlin versammeln, dass 
sie sich aber im Uebrigen auf P^rfordem des Vorsitzenden, also wahr- 
scheinlich des Verwaltungsbeamten, über einzelne Fragen gutachtlich 
äussern sollen. 

Es ist etwas auffallend, dass die ausserordentlichen Mitglieder 
alle ausserhalb Berlins gesucht werden, da man doch meinen könnte, 
gerade Berlin besässe unter seinen zahlreichen Gemeindebeamten, Pro- 
fessoren, Medicinalbeamten, Chemikern und Architekten manche ge- 
eignete Persönlichkeit, und da es am Ende doch wohl immer vorzu- 
ziehen sein dürfte, wissenschaftliche Fragen in mündlicher Verhand- 
lung und nicht in schriftlichen, auf Erfordern des Vorsitzenden er- 
statteten Gutachten zu erledigen. Indess auch das ist im Sinne des 
Hm. Varrentrapp. Denn er fragt, wie es komme, dass aus der 
Initiative Berlins (welches er, nebenbei gesagt, wahrscheinlich zur 
bessern Abnindung seiner Phrase, jedoch leider irrthümlich als meine 


90 Oeffentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

Vaterstadt bezeichnet) mit seinen 800,000 Einwohnern seit 1835 oichte 
auf dem Gebiete der öflFentlichen Gesundheitspflege geschaffen worden 
sei? „Die Antwort", setzt er sofort hinzu, ^.lautet, eben weil keine Or- 
ganisation, weder eine centrale, noch eine locale vorhanden gewesen ist.** 

Für die Verwirrung, welche sich im Kopf des Hm. Varren- 
trapp ausbildet, ist diese Ausführung sehr lehrreich. Dass Berlin, 
welches 1872 bis auf 800,000 Einwohner angewachsen ist, diese Zahl 
im Jahre 1835 noch nicht besass, ist auch ihm hofifentlich bekannt, 
aber er scheint auch zu wissen, was mir unbekannt ist, dass aus der 
Initiative der damals lebenden Bevölkerung (nebenbei gesagt, 265,000) 
etwas Besonderes auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege 
geschaffen worden sei. Mit bestem Willen finde ich nichts Andere« 
heraus, als das Regulativ von 1835 über die Maassregeln bei an- 
steckenden Krankheiten und über die Bildung der Sanitäts-Commip- 
sionen, aber ich bin ausser Stande zu entdecken, welchen Einfluss die 
damalige Bevölkerung Berlins, selbst wenn es meine Vaterstadt wäre, 
auf den Erlass dieses Regulativs ausgeübt haben soll. Und doch 
spricht Hr. Varrentrapp an dieser Stelle ausdrücklich von der 
Stadt^emeinde ; denn seine Note knüpft an einen Satz des Gutachtens 
der Wissenschaftlichen Deputation an, welcher lautet: ^Eine glück- 
liche Erfahrung, die aus der Initiative einer Gemeinde hervorgeht, wirkt 
hier mehr als eine Schaar von Verordnungen.** Dazu schreibt 
Hr. Varrentrapp: „Ganz vollkommen einverstanden", und fÄhrt 
dann mit der oben angeführten Frage fort, worin Berlin mit seinen 
800,000 Einwohnern angeklagt wird, seit 1835 für die öffentliche 
Gesundheitspflege nichts geschaffen zu haben. 

Es gab eine Zeit, wo die Bevölkerung Berlins und mit ihr ein 
grosser Theil der Aerzte aus eigener Initiative die Organisation der 
öffentlichen Gesundheitspflege in die Hand nahm. Das war in den 
Jahren 1848 — 49. Die damaligen Gesundheitspflege -Vereine waren 
nicht bloss auf Behandlung der Kranken, sondern im weitesten Sinne 
auf Erforschung und Abwehr der Krankheiten gerichtet. Hr. v. Hin- 
keid ey hat diese Vereine gewaltsam unterdrückt und seitdem ist nie- 
mals wieder eine ähnliche Bewegung mit gleich ernsten und grossen 
Zielen bei uns eingetreten. Hr. Varrentrapp möge mir jedoch die 
Frage erlauben, ob denn irgendwo sonst in Deutschland oder ausser 
Deutschland, etwa Nordamerika und die Schweiz ausgenommen, die 
freie Initiative der Bevölkerungen für die öffentliche Gesundheitspflege 
etwas Besonderes geschaffen hat? Die Bureaukratie , sei es die staat- 
liche, sei es die städtische, hat es fast überall gehindert. 

Seitdem bei uns die communale Freiheit wieder mehr Boden ge- 
wonnen hat, sind unsere städtischen Behörden rüstig vorgegangen. 
Sie haben grosse Strassen durchbrü che gemacht, sie sind nicht müde 
geworden, immer neue Gemeindeschulen und Gymnasien mit Immer 
voUkommneren Gebäulichkeiten zu errichten, sie haben durchaus muster- 
gültige Einrichtungen für die Waisenpflege geschaffen ; die neu heran- 
wachsenden städtischen Krankenhäuser werden hoffentlich dauernde 
Zeugen des Geistes sein, in welchem die jetzige Generation ihre Auf- 
gaben zu lösen sucht. Gewiss sind auch bei uns viele Fehler ge- 


Das Reichs-Gesundhelts-Amt und Hr. Dr. G. Varrentrapp. 91 

macht worden, imd bekanntlich haben „wir" die Eigenschaft, von un- 
seren Fehlem mehr zu sprechen, als von unseren guten Eigenschaften. 
Hr. Varrentrapp als richtiger Frankfurter nimmt den Mund etwas 
voller; nachdem es ihm gelungen ist, die Behörden seiner Vaterstadt 
auf sonderbaren Umwegen dahin zu bringen, Schwemmkanäle zu 
bauen und diese in den Main zu leiten, glaubt er allen deutschen 
Städten auf dem Wege des Reichs-Gesundheits- Amtes dieselbe Wohl- 
that octroviren zu müssen. Er weiss recht wohl, dass die städtischen 
Behörden Berlins aus eigener Initiative eine Deputation zum wissen- 
schaftlichen und praktischen Studium aller hier einschlagenden Fragen 
niedergesetzt haben, in der ihrer Wichtigkeit wegen auch die Staats- 
regierung sich hat vertreten lassen und zu deren Ausgaben sie mate- 
rielle Mittel freiwillig angeboten hat. Er weiss wahrscheinlich, dass 
die Untersuchungen dieser Deputation sich ihrem Ende nähern und 
dass ihre Ergebnisse eine entscheidende Wichtigkeit haben werden, 
da schon jetzt einzelne ihrer Vorarbeiten, z. B. über die Desinfection 
der Abwässer, über die Berieselung, einen grossen Einfluss auf die 
öffentliche Meinung ausgeübt haben. Aber gerade der vorsichtige und 
durchaus wissenschaftliche Gang dieser Arbeiten scheint ihm zuwider 
zu sein. Man soll sich Hals über Kopf zu dem grossen Sprunge 
entscheidenTund für eine Bevölkerung von 800,000 Einwohnern ohne 
Weiteres ein Experiment unternehmen, welches schon bei dem zehn- 
ten Theile die höchste Verantwortlichkeit mit sich bringt. 

Dass es Männern von so unruhiger und verworrener Denkungs- 
art, wie Hr. Varrentrapp sich darstellt, gelungen ist, den Reichs- 
kanzler so weit zu treiben, als es wirklich geschehen zu sein scheint, 
ist ein Zeichen dafür, dass die Organisation des Deutschen Reiches in 
ihrer gegenwärtigen autokratischen Zuspitzung in der That recht grosse 
Bedenken hat. Dass diese Bedenken sich nicht gegen das Reich als 
Reich richten, will ich Hm. Varrentrapp noch einmal wiederholen, 
da er auch jetzt wieder behauptet, es sei diess der Fall. Was ich 
f&rchte, ist die Gründung einer neuen unverantwortlichen Behörde, 
deren Thätigkeit der schon jetzt seinen vielen Aufgaben gegenüber 
auf die Autorität untergeordneter Personen angewiesene Reichskanzler 
zu fiberwachen und zu leiten kaum im Stande sein dürfte. 

Natürlich erwarte ich nicht, durch diese Bemerkungen die An- 
sichten und die künftigen Aeusserungen des Hrn. Varrentrapp be- 
einflussen zu können. Er wird fort&hren, mich als Reichsfeind und 
als tadelsüchtigen Referenten zu schildern. Wie er jetzt findet, dass 
es ein Widerspruch des Gutachtens der Wissenschaftlichen Deputation 
war, von den Petenten genauere Angaben über das Einzelne der ge- 
forderten Organisation zu verlangen, zugleich aber das geforderte 
Maass von Befugnissen für die zu schaffenden Reichsbehörden als auf 
zu vielerlei Einzeldinge gerichtet nachzuweisen, so wird er auch künftig 
grossen Staub aufwirbeln lassen, um die Unklarheit seiner Organisa- 
tions-Gedanken und die Zurückweisung der wesentlichen Theile der- 
selben durch die Vorlage des Reichskanzlers nach Möglichkeit zu ver- 
hüllen. Für Jeden, der sehen will, ist schon gegenwärtig die Sach- 
lage hinlänglich klar gelegt. 


9*2 Ot iTi-iillii-lii' rirsuii«ilM'!tsj>llcLr«' iiml Mf^tiiciiialrcforin. 

4) Dritte Antwort an Hrn. Dr. Varrentrapp. 

('Vi<rr»lj;ilir«»<rlir. f. '^irirlitl, Nh-diciii ii. <",tl.>ntl. Saiuf;it>\vest'n. l<7'_*. Nouo Fol;;o. K«l. XVII. 8. i^T^^ . 

Hr. Vji i'i'cvnt rn ])]) boirliint seine voranstehonde VertIiei(1iL,ain;r<- 
sclirift •') mit eiiitM* Unwahrheit. Kr belianptet, ich liätte auf seine in 
der l)ents<'lien AMerteljalirsscIirilt fi'ir ("»{'i^'ntl. (lesundheitspflei^e (l^d. IV. 
lieft 1.) Lfelieferte Kritik des Gntaehtens der Wissenschaftlichen De- 
putation „zweimal ^(»antwortet". Es •^•ennirt wohl, auf den KiniraTiic 
meiner zweiten Antwort zu vtM'weisen, in dem ausdrücklich ani^efuhrt 
ist, dass sich dieselbe auf die Dentsche Vierleliahrsschrift Bd. IV. 
Ilet't '2. iKv.ieht, d. h. auf einen z\\(Mt(Mi, mit hämischen Bemerkunir'.*H 
ü-espickten Aufsatz (h^^ llvu. Va rrent ra {»p. 

In meiiKMi beiden Antworten habe ich Ilrn. Varrentrapp zwei 
A ovw ürfe ;^a^macht: 

l) den ihn' Illo valit.'i t, 

•J) den der Verworrenheit. 

Ich halte beide aufrecht, obwohl ich nach dem Lesen der vor- 
stehenden Auseinandersetzungen des Hrn. Varrentrap}> zweifelhaft 
ü('\\(>r«!en war, ob ich nicht auch seine Illovalität als eine blosse Foli^e 
seiner Verworrenheit aul'fassen sollte. Hei genauerer Erwäirunix nniss 
ich jedo( h bei meiner ersten Anffassuni;- stehen blcMben, wie aus fol- 
iXcnden Krörternnucn herv(»ruehen winl: 

ad 1. Ich hatt(» es für illoyal erkhirt, einen Kefereuten öffent- 
licli v(M'ant\\ ortlich zu machen für ein Aktenstück, Avelches die Unter- 
schrift eines Collei^iums träii:t, und z\\ar noch bevor dasselbe über- 
haupt seinem Wortlaute nach vcM'öffent licht worden ist. Hr. 
A a rren t i-a j)p sucht diesen Vorwurf dadundi zu beseitii^en, dass er 
die Irai^liche An^ele^eidieit zu einei' jjolitischen macht und mich al< 
Politiker fra^^t, ol) (»s nicht die l^flicht ieder irewissenhaften, aufnierk- 
Samen j)oli tischen Zeitschrift sei, die zu erwartenden Kei^ieruni'svor- 
la^'en zu bes])rechen, S(dbst ehe sie noch officiell ihrem Wortlaut 
na(di veröftentüclit seien. Darauf erwidere ich zunächst, dass A\eder 
ich, als iKcferent, noch das C'olleiiium der Wissenschaftlichen Deputa- 
tion die Auirele^enheit als eine p(»litisch(* behan<lelt hatte, dass vi(d- 
melir eine ifanz objective, sachliche Erörterung; ohne alle Bezieiuimr 
auf politische Hintergedanken in dem (iutachten LCeüvben ist. Z\Nar 
hat Hr. Varrent rapj), und das halte ich für mehr als illoyal, in 
seinen z\vei frühei'en Ani»ri[i[en mich zuirh^ioh als Keichsfeind <lar- 
i:(\stellt und sicji nicht entblödet, von diesem (Tesichtsjmnkte aus auch 
das (iutachten (]i'i^ Colle-^iums, dessen Eeferent ich war, als 
ver<lächtiu- zu l)ezeichnen. Erst dit* ernstliche Zurück>>eisun«j:, flie 
ich ihm ertheilt habe, maic mich jetzt vor einer Erneuerunir dieser 
A lisch wäi'zunir «j:eschntzt hal)en. 

Aber interessMiit ist es doch, da<s Hr. Varrentrap]) jetzt be- 
hauptet, dass es sich füi* ihn um eine j»olitische ^laassrei^el ban<lelt. 
Also es handelt sich darum, auf einem Umwende eine klcMue Erweite- 
run^i- der Uom]>et(mz des Keiches herbeizuführen? Ich verstehe. Das 
ist das Ariiument, womit man di«' Sa<*he im Keichskanzler- Amt 
und bei iSational-Libei-alen numd^crecht macht. Aber ich furchte. 


Dritte Antwort an Hrn. Dr. Varren trapp. 93 

man täuscht sich hier. Mit dieser Competenz-Erweiterung wird nichts 
gewonnen werden, als eine neue Schreibmaschine. Denn nachdem der 
Reichskanzler selbst in seinem Antrage an den Bundesrath, wenigstens 
nach den Mittheilungen der Vierteljahrsschrift für öflFentl. Gesundheits- 
pflege, für das zu gründende Reichs-Gesundheits-Amt die Executive 
zurückgewiesen hat, so wird nichts übrig bleiben, als eine bureaukra- 
tische Einrichtung vom reinsten Wasser, welche einigen versorgungs- x 
bedürftigen Personen angenehme Stellungen sichert. Weiter hat es 
nichts zu sagen. 

Lassen wir nun aber Politik und Privatinteresse bei Seite, so 
fragt es sich immer noch: ist es loyal, einen Referenten anzugreifen, 
der sich nicht vertheidigen darf? Hr. Varrentrapp umschifift 
iliesen Punkt in höchst eigenthümlicher Weise. Er behauptet, „die 
Erfahrung eines langen Lebens als Mitglied gar vieler wissen- 
schaftlicher und politischer Collegien" zu haben, und „diese Erfah- 
rung gehe dahin, dass, wenn ein CoUegium über gewisse Schlussfol- 
gerungen einig ist oder sie durch Majorität angenommen hat, dem 
Referenten in BetrefiF der Motivirung ein sehr weiter Spielraum ge- 
lassen wird und werden muss, und dass somit er die volle Verant- 
wortlichkeit des Gutachtens nicht von sich weisen könne.** Davon 
spricht Hr. Varrentrapp gar nicht, dass es in Collegien, welche der 
Staatsverwaltung untergeben und blosse Organe derselben sind, fast 
überall Gebrauch, in Preussen aber geradezu Vorschrift ist, dass die 
Namen der Referenten ausserhalb des CoUegiums ohne Autorisation 
nicht genannt werden dürfen, und dass dem entsprechend der Referent 
nicht berechtigt ist, das 'von ihm verfasste Gutacliten oder sonstige 
Schriftstücke ohne besondere Ermächtigung, sei es im Ganzen, sei es 
in einzelnen Stücken, zu veröflfentlichen oder öffentlich zu besprechen. 
Hr. Varrentrapp hätte sich, falls ihm dies bekannt war, denn doch 
sagen sollen, dass ein Referent, dessen Name durch Indiscretion 
bekannt geworden ist, gänzlich vertheidigungslos ist, wenn er auf 
Grund eines Aktenstücks, dessen amtliche Veröffentlichung noch nicht 
geschehen oder beschlossen ist, dessen Inhalt also nur durch eine 
weitere Indiscretion bekannt geworden sein kann, öffentlich 
angegriffen und verantwortlich gemacht wird. 

Ich bin gewiss fem davon, eine Verantwortlichkeit von mir ab- 
zulehnen, wenn es sich um meine Arbeit handelt. Hr. Varrentrapp 
weiss, dass ich seine Kritik nicht fürchte. Aber es setzt freilich keine 
grosse Kühnheit voraus, mich zu einer Zeit anzugreifen, wo Hr. Var- 
rentrapp wissen konnte, dass ich mich nicht vertheidigen durfte. 

Er sucht- sich dadurch zu schützen, dass er nach seinen Erfah- 
rungen in „gar vielen wissenschaftlichen'* (welchen?) Collegien be- 
liauptet, nachdem ein Collegium gewisse Schlussfolgerungen angenom- 
men habe, werde dem Referenten in Betreff der Motivirung ein sehr 
weiter Spielraum gelassen und er könne daher die volle Verantwort- 
lichkeit nicht von sich weisen. Es liegt auf der Hand, dass dieser 
Satz die vorher erörterte Frage gar nicht betrifft, und ich könnte mich 
daher auch darauf beschränken zu constatiren, dass Hr. Varrentrapp 
den von mir erhobenen Vorwurf im Grunde nicht einmal zu ent- 


94 OelTentliche Gesundheitspflege und Medicinalrefonn. 

kräften versucht hat. Was aber die ^Erfahrungen"^ anbetrifft, so über- 
sieht Hr. Yarrentrapp, dass ein wissenschaftliches Collegium das 
Referat früher hört, als es seine Schlussfolgerungen zieht, und nicht 
umgekehrt. Wenigstens ist in den mir zugänglichen Collegien immer 
dieses Verfahren üblich gewesen, was auch meiner unmaassgeblichen 
Ansicht nach mit der gemeinen Logik im Einklänge steht. Nicht 
bloss die Schlussformel des Gutachtens oder Berichts, sondern der ge- 
sammte Wortlaut und Inhalt desselben unterliegt der Besprechung und 
Beschlussfassung des Collegiums, und es wird dem Referenten für eine 
nachträgliche beliebige Motivirung durchaus gar kein Spielraum ge- 
lassen. Das Aktenstück ist in jedem seiner Worte von der Majorität 
angenommen und, da nicht selten auch einzelne Worte in der Sitzung 
geändert werden, so ist nachher das Collegium (die Majorität) und 
nicht der Referent personlich verantwortlich. 

Hielt Hr. Yarrentrapp als Politiker es nun für nützlich, mich 
als persona ingrata statt des Collegiums verantwortlich zu machen, 
so ^4ll ich ihm zugestehen, dass er in diesem Verfahren Vorgänger gehabt 
hat. Indess das kann ich als Politiker ihm nicht zugestehen, dass in 
einer Angelegenheit, welche sich so parteilos behandeln lässt, wie die 
Öffentliche Gesundheitspflege, politische Rücksichten vorhanden sein 
könnten, welche über die Gebräuche des gewöhnlichen bürgerlichen 
Anstandes hinaus ein in der gelehrten Welt ganz ungewöhnliches, ja 
unerhörtes Verfahren rechtfertigen. 

ad 2. die Verworrenheit anlangend, so fürchte ich, dass jede 
meiner Auseinandersetzungen bei meinem Gegner resultatlos bleiben 
wird. Was will er? Ortsgesundheitsräthe öder Centralbehörde? Er 
sagt. Beides. Der Reichskanzler erkennt an, dass die örtliche Ge- 
sundheitspflege Sache der Einzelstaaten ist. Was soll nun die Central- 
behörde? Hr. Yarrentrapp ist mit ihr ganz zufrieden, obwohl er 
früher die Ortsgesundheitsräthe für das Wesentliche erklärte. Die an- 
gestrebte Centralbehörde ist eine executivische , die jetzt in Aussicht 
gestellte eine rein theoretisirende. Eine solche Instanz ist aber für 
Niemand weniger werth, als für Hm. Yarrentrapp, der gar keine 
deutsche Theorie mehr braucht, sondern in der Anbetung der eng- 
lischen so fanatisch ist, dass er nichts sehnlicher wünscht, als durch 
Umschreibung der englischen Gesetzgebung in's Deutsche uns zu be- 
glücken. Wenn Hr. Yarrentrapp trotzdem die Miene eines Trium- 
phators annimmt, als ob es ihm gelungen sei, das Reichskanzler- Amt 
für seine Meinung zu gewinnen, so ist das entweder bewusste Täu- 
schung, die ich nicht annehmen wollte, oder totale Verwirrtheit 
Letztere hielt ich für wahrscheinlich, und es bestärkt mich darin, dass 
Hr. Yarrentrapp jetzt behauptet, es müsse ein sachverständiges und 
(wie ich in seinem Sinne wohl hinzusetzen muss) ständiges Central- 
amt geschaffen werden , um ein Gesetz für ganz Deutschland auszu- 
arbeiten, welches den Ortsgesundheitsräthen, denen er auch jetzt noch 
die Hauptthätigkeit zuweist, die Machtvollkommenheit zum Handeln, 
zur Anstellung von Gesundheitsbeamten u. dgl. zu verleihen 
hat. Ist diess nicht der Gipfel der Verwirrung? Die Wissenschaft- 
liche Deputation hatte vorgeschlagen, für SpecialfUle besondere sach- 


Dritte Antwort an Hrn. Dr. Varrentrapp. 95 

versiilndige Commissionen von Beichs wegen berufen zu lassen. Wftre 
eine solche Commission nicht ganz geeignet, ein Gesetz Ober die Or- 
ganisation der Gesundheits -Verwaltung zu berathen? Bedarf es dazu 
einer ständigen Behörde? Aber sicherlich würde eine solche Comis- 
sion niemals den Vorschlag machen, dass von Reichs wegen die Orts- 
gesundheitsrftthe, die doch auch erst von Reichs wegen zu 
schaffen wären, mit Machtvollkommenheit zum Handeln ausgestattet 
wilrden. So lange es noch irgend etwas von Einzelstaaten, von 
selbständigen Provinzen, Kreisen oder Gemeinden in Deutschland 
giebt, so lange wird man sicherlich weder die Anstellung der Gesund- 
beitsbeamten, noch das Recht der Besteuerung in die Hände von Orts- 
gesundheitsräthen legen. Gegen eine solche Centralisation der Reichs- 
gewalt würde ich allerdings auch als Politiker Einspruch thun, nicht 
aus Parteirücksichten, sondern weil ich eine grosse Gefahr für das 
Volk und seine Gesundheitspflege in der Herstellung so autokratischer 
KOrper erblicken würde. 

Zum Schluss bemerke ich noch mit Rücksicht auf die von Hm. 
Varrentrapp aufgeworfene Frage seiner Wahrhaftigkeit, dass er nicht 
nöthig gehabt hätte, mit so viel Pathos mich aufzufordern, ihm auch 
nur einen einzigen, von ihm falsch citirten, verdrehten oder sonst irrig 
wiedergegebenen Satz aus dem Gutachten der Wissenschaftl. Deputa- 
tion jetzt oder später anzugeben. Ich habe ihm einen solchen Satz 
längst bezeichnet. Auf S. 84. habe ich eine Stelle aus dem ersten 
Angriffe des Hm. Varrentrapp angeführt, wo er die Wissenschaftl. 
Deputation von einem Heere von Beamten sprechen lässt. Diese 
letztere hat jedoch (S. 80.) ausgesagt, es seien in der Petition des 
Um. Varrentrapp und Genossen Forderungen gestellt, „wie sie 
bisher nur für das Heerwesen in Anspruch genommen seien. "" Hr. 
Varrentrapp hatte aber gerade die von ihm behauptete Uebertrei- 
bung des Gutachtens zum Gegenstande seiner Beschwerde gemacht, 
da er vorläufig nur „ein halbes Dutzend Beamte "^ verlange. 

Ganz besonders muss ich ihn aber der Verdrehung zeihen, wenn 
er das Gesammtresultat des Gutachtens der Wissenschaftl. Depu- 
tation als ein negirendes hinstellt. Dieses Gutachten hat vielmehr aus- 
drücklich erklärt: 

1) „Eine (Zentralbehörde mit executi vis eher Gewalt halten 
wir für unangemessen.^ 

2) „Für Einzelheiten sind besondere Sachverständigen- Commis- 
sionen zusammenzuberofen."^ 

3) „Ein wissenschaftliches Centralorgan für die Bearbeitung 
der medicinischen Statistik und. der allgemeinen Gesundheits- 
berichte" ist wünschenswerth, aber wird nicht früher wir- 
kungsvoll werden können, ehe nicht das ärztliche Vereins- 
wesen besser oiganisirt ist. 

Die Er&hrung wird lehren, ob die Wissenschaftl. Deputation 
oder Hr. Varrentrapp Recht hatte. In Beziehung auf die ersten 
beiden Punkte hat schon gegenwärtig der Bericht des Reichskanzlers 
an den Bundesrath zugestimmt, während er in Beziehung auf den 
letzteren Punkt hofihungsvoUer ist und sich daher Hm. Varrentrapp 


9G Of'lT<*ntlirhe Gesunilheit^ptl^^L'e und Mv>ii<Mnalrpform. 

naluM-t. Weiter ist Letzterer aber trotz allen Triuraphlrens noch nicht! 
Warten wir das Weitere ruhiij: ah. Nach Zeitunirsberichten ist Hr. 
Varren trapp ja jetzt als ^Sachvei'Standiger*' einbei-ufen, und da kann 
er iiacli Ilerzeiislust und am besten Ort seine Meinung vortragen^*). 


XL Ueber die neueren Fortschritte in der Pathologie, mit 
besonderer Beziehung auf öffentliche Gesundheitspflege und 

Aetiologie. 

(Rede, gehalten in der zweiten allgemeinen Sitzung der 
Deutschen Naturforscher- Vervsammlung zu Frankfurt a. M. 

am 20. September 18()7.) 


Wenn ich es ftberaehme, heute über die Fortschritte der Patho- 
logie zu sprechen, so geschieht es wesentlich, um auch meiner Seits 
zu zeigen, dass ich das vorige Mal in Hannover nicht bloss für An- 
dere Wünsche ausgesprochen habe, nicht bloss Andere habe veran- 
lassen wollen, sich in den allgemeinen Versammlungen den Collegen 
der anderen Sectionen zu nähern, sondern auch meiner Seits dazu so- 
viel beitragen will, als ich kann. Der Gegenstand, über den ich zu 
sprechen habe, ist vielleicht unter allen, die in ähnlicher Weise hier 
verhandelt werden konnten, der schwierigste, weil alle anderen Zweigt? 
der Naturwissenschaften sich einander etwas näher stehen, als der Me- 
dicin und speciell der Pathologie; alle anderen verstehen sich etwas 
leichter, alle anderen haben eine grössere Menge von gemeinsamen 
Voraussetzungen und gemeinsamen Kenntnissen. Die Pathologie be- 
findet sich auf einem ungleich weiter entfernten Gebiet. Daher muss 
ich den Versuch, Ihnen einen Ueberblick über die einzelnen positiven 
Gewinne, welche die l^athologie allerdings in grosser Zahl im Laufe 
der letzten Jahre gemacht hat, zu geben, von vornherein als einen 
vergeblichen betrachten; ich müsste Stunden verwenden, um alle Vor- 
aussetzungen klar zu legen, die meiner Meinung nach den Mitgliedern 
der anderen Sectionen uns gegenüber abgehen. Es hat sich ja im 
Laufe der allgemeinen Cultur-Entwicklung die sonderbare Erscheinung 
ergeben, dass, während vor noch nicht sehr langer Zeit die Medicin 
gewisseiTnaassen alle anderen Naturwissenschaften in sich schloss, die 
Medicin die Trägerin der Naturwissenschaft, der Arzt in der That der 
Physikus war, von dem jetzt nur noch der Titel übriggeblieben ist, 
gc^genwilillg umgekehrt die Physik und alle die anderen mehr physi- 
kalischen Theile der Naturwissenschaften vornehm auf Pathologie und 
Medicin überhaupt herabblicken und nicht wenig dazu beitrsigen, 
unter dem Laien-Publikum Vorurtheile zu nähren, welche durch den 


Üeber die neueren Portschritte in der Pathologie u. s. w. 97 

i^^e^enwärtigen Zustand unserer Wissenschaft nicht berechtigt sind. Es 
liegt das zum Theil in einer gewissen Bequemlichkeit, welche die Mit- 
glieder der anderen Disciplinen der Pathologie gegenüber sich zu- 
sprechen zu dürfen glauben, während sie umgekehrt an die Mediciner 
die allerhöchsten Anforderungen stellen, in allen anderen Gebieten des 
Naturlebens wo möglich vollständig zu Hause zu sein und keinen 
einzigen Fehler zu machen. Von den gegenwärtig immer schwieriger 
werdenden Zuständen der Forschung auf unserm Gebiete machen sich 
die meisten übrigen Naturforscher keine so klare Vorstellung, wie sie 
ihrerseits verlangen, dass wir sie uns machen von den Gegenständen 
ihrer Forschungsthätigkeit. Wäre dies anders, so würde auch der 
Medicin diejenige nothwendige Unterstützung nicht fehlen, deren sie 
bedarf, um in gleichmässiger Weise mit den übrigen Zweigen sich zu 
entwickeln. Wenn ich gerade heute diesen Punkt berühre, so ge- 
schieht es desshalb, um die Herren von den anderen Sectionen auf 
die Noth wendigkeit hinzuweisen, sich ein klein wenig mehr um Dinge 
zu bekümmern, die ihren eigenen Leib angehen, von denen sie in 
ihren nächsten Angehörigen betrofien werden und über die sie wenig- 
stens ebenso naturwissenschaftlich denken lernen sollten, wie sie es 
innerhalb ihrer besonderen Disciplin thun. 

Unser Ziel in der Pathologie, und das meinige ganz besonders, 
15t nicht etwa jenes beschränkte, das Hr. Prof. Wundt vorher in 
Erinnerung brachte, — die Zelle. Allerdings habe ich vor einem 
Decennium oder mehr die Forderung erhoben, dass die Aerzte sich 
entschliessen sollten, nicht immer den ganzen menschlichen Leib zum 
Gegenstande ihres Denkens zu machen, sondern die einzelnen Theile 
desselben und zwar vornehmlich diejenigen, welche als die letzten 
selbständigen Glieder erscheinen. Aber auch damals habe ich 
keineswegs gesagt, diess wäre die Grenze des Denkens, keineswegs 
gemeint, es wäre die eigentlich physikalische Form des Denkens von 
iler Pathologie auszuschliessen; nein, im Gegentheil, indem ich die 
Aufinerksamkeit auf die Zelle lenkte, hatte ich gerade den Wunsch, 
damit die Forscher zu zwingen, die Vorgänge innerhalb der Zelle, 
das, was innerhalb dieser kleinsten Elementar-Organismen ge- 
schieht, genau zu präcisiren, und es verstand sich ganz von selbst, 
dass dieses weitere Präcisiren nichts Anderes beabsichtigen konnte, als 
die physikalischen und chemischen Grundlagen zu finden, auf welche 
die Lebensäusserungen, auf welche die Thätigkeiten der Zellen sich 
begründen. 

Gegenwärtig, wo die Forschungen auf den anderen Gebieten sich 
noch mehr vertieft haben, werden auch war unzweifelhaft immer drin- 
gender gemahnt, die physikalische Form des Denkens, das Denken 
nach wohlverstandenen mechanischen Gesetzen immer weiter auszu- 
dehnen. Nichts destoweniger muss ich noch heutigen Tags behaupten, 
dass ftir die Pathologie die Forderung immer bestehen bleiben wird, 
dieses Denken zu knüpfen an die feinsten Elementar-Organismen, aus 
welchen der menschliche Körper sich zusammensetzt. Soweit man 
auch kommen wird in der Erkenntmss der feinen physikalischen und 
chemischen Hergänge, welche innerhalb dieser Elementar-Organismen 

R. VirehoVf Oeff«uU. Medicin. 7 


U^ fiiil*'U\\'\f\ f G*-5uridlieits{»flefre and Med icinalre form. 

sich vollziehen, w> ^-ird meiner Meinumj nach keine Forschung uns 
jemals flarfiher hinaut?f obren, die Zelle al« die ei»jentliche und wesent- 
lifrlie GriindlaLre für unsere me*licinische AufiaÄSuntj zu betrachten. 
Denn pie i?t ep, innerf.alb deren sich eine einheitliche Aeusserung 
<ler Lebensvoriränire uns darstellt, und welche uns daher erscheint 
als der Trflger der einheitlichen Functionen des Lebens. 

Vertrleichen wir, um diese Verhältnisse an einem grösseren Bei- 
spiele zu erläutern, nur einmal das, was in der vorigen Sitzung von 
Herrn von Pettenkofer Ihnen an das Herz njeleirt wonlen ist Die 
öffentliche Gesundheitspflege muss nothwendiger Weise mehr und 
mehr auf physikalische, auf chemische, überhaupt auf exakte For- 
schungen hinausgehen, und Herr von Pettenkofer hat nicht ohne 
(irund das Bedenken erhoben, ob nicht durch die Verbindung der 
öffentlichen Gesundheitspflege mit der Staats-Arzneikunde, also gerade 
<lurch ihre natürlichste Verbindung, die öffentliche Gesundheitspflege 
benachtheiligt und ihre Entwickelung gehindert werde. Es ist die- 
selbe Frage, die in Beziehung auf die Medicin überhaupt gestellt 
wird. Nun kann ich an sich vollkommen mit Herrn von Petten- 
kofer übereinstimmen in dem Gefühl der Anerkennung, dass man in 
Bayern an drei Universitäten die öffentliche Gesundheitspflege den 
Professoren der Chemie übergeben hat, dass man also statt der frü- 
heren Personal -Union mit der Staats-Arzneikunde eine Personal- 
Union mit der Chemie hergestellt hat; allein ich kann mit ihm nicht 
übereinstimmen, wenn er meint, es sei wünschenswerth, dass die 
öffentliche Gesundheitspflege überall eine Dependenz der chemischen 
Lehrstuhle werde. Im Gegentheil, ich halte es für nützlich und 
zweckmässig, dass sie in der Verbindung mit der Staats-Arzneikunde 
verbleibe. Es ist der natürliche und regelmässige Zustand, dass die 
Aerzte, welche der Staat anstellt, um die öffentlichen Interessen wahr- 
zunehmen, nach beiden Richtungen hin ausgebildet seien. Allein 
ich kann nicht leugnen, dass heutzutage die Professoren der Chemie 
in vielen Stücken besser unterrichtet sind über daß, was für die 
öffentliche Gesundheitspflege zuträglich und nützlich ist, als manche 
Professoren der Staats-Arzneikunde, — ich will kein Hehl daraus 
machen. — Daraus folgere ich, dass die letzteren mehr Chemie und 
Physik lernen müssen. Ich folgere für sie, was ich für alle Aerzte 
folgere. Ich verlange in der That, dass alle Aerzte mehr davon 
lernen. Ich wünsche, dass auf den Uni vei*si täten von vornherein 
Physik und Chemie, diese beiden wichtigsten Grundlagen nicht bloss 
der Medicin, sondern überhaupt aller Anschauung, alles Denkens, 
alles vernünftigen, menschlichen Wissens, besser gelernt werden. Ich 
gehe sogar noch ein Stück weiter. Ich behaupte: So lange, als man 
von den Studenten verlangt, sie sollen das Maass von Physik und 
Chemie, welches sie später im Leben brauchen werden, ganz und 
gar auf der Universität lernen, so lange man also auf die Uni- 
versitäten den Anfang der naturwissenschaftlichen Studien ver- 
bogt, so lange werden wir nicht dahin kommen, das Resultat zu 
erzielen, dass ein durchgebildetes chemisch-physikalisches Wissen allen 
Einzelnen innewohne. Ich verlange und werde bei jeder Gelegen- 


üeber die neueren Portschritte in der Pathologie u. s. w. 99 

heil darauf zurückkommen, dass man schon in unseren 8chulen den 
naturwissenschaftlichen Unterricht verständig organisire. Ich verlange 
nicht etwa, dass man viel mehr Zeit darauf verwende, als bisher, 
dass man die Kinder noch mehr quäle mit Naturwissenschaften, als 
e« schon jetzt geschieht; ich verlange nur, dass diese Wissenschaften 
hesser betrieben werden, dass dasjenige mehr gelehrt werde, was das 
Wichtigere ist, was die eigentliche Grundlage auch der philosophi- 
schen Anschauungen der Neuzeit werden muss, dass man also sich 
daran gewohnt, Physik und Chemie in den Vordergrund zu 
schieben. Man soll liicht etwa die Kinder mit Mineralogie und 
syt<tematischer Botanik ermüden, sondern sie frühzeitig daran gewöh- 
nen, die Vorgänge in der Natur kennen zu lernen. Damit kann 
in langsamer und regelmässiger Weise frühzeitig begonnen werden. 
Denn, meine Herren, die Schwierigkeit, der Physik und Chemie auf 
ihren lorbeergekrönten Pfaden zu folgen, beruht nicht darin, dass es 
l>esonders schwer ist, physikalisch oder chemisch zu denken; sie be- 
ruht nur in der unvollkommenen Methode des Denkens, welche unser 
Schulunterricht bevorzugt, darin, dass viele Leute ihr ganzes Leben 
lani^ nicht lernen, überhaupt zu sehen und ihre Sinne zu gebrauchen. 
Wenn wir nachforschen, wie viele Menschen überhaupt wirklich 
sehen, d. h. die Dinge betrachten können, wie sie sind, an ihnen 
das zu sehen, was wirklich an ihnen zu sehen ist, nicht was man 
an sie heran oder in sie hinein sieht, nicht was man schon vorher von 
ihnen denkt imd weiss, sondern was man an ihnen lernen und ihnen ab- 
sehen kann, was ihre wirklichen Eigenschaften sind, so finden wir, 
daßs die Zahl solcher Leute überhaupt klein ist. Wenn wir dahin 
kommen, dass die Kinder vorurtheilsfrei betrachten, beobachten, im 
grossen und ganzen Sinne sehen lernen, so werden sie eine solche 
Leichtigkeit, in physikalischen und chemischen Dingen weiter zu ar- 
beiten, erlangen, dass meiner Meinung nach die weiteren akademischen 
Studien sich bequem daran werden anknüpfen lassen. 

Kehren wir nach dieser Abschweifung zu der öflfentlichen Ge- 
sundheitspflege zurück, so meine ich. Niemand wird sich verhehlen 
können, dass, so viel Physik und Chemie und Geologie und Meteoro- 
loge und was sonst Alles man auch in dieselbe hineinbringen mag, 
sie es doch immerfort mit den Mensclien zu thun haben wird, mit 
einzelnen Personen; mit diesen wird man rechnen müssen als den 
eigentlichen Factoren. Es mag die Physik die äusseren Vorgänge bis 
in den inneren Menschen hinein verfolgen, es mag untersucht werden, 
wie ein gewisser schädlicher Einfluss, der im Grossen an die Menschen 
herantritt, auf die Einzelnen wirkt. Aber immer wird der öflFentliche Ge- 
sundlieitspfleger sich sagen müssen: ich beschäftige mich mit dem einzel- 
nen Imlividuum, der einzelne Bürger ist der Gegenstand meiner Unter- 
suchung. Genau so hat innerhalb des einzelnen menschlichen Leibes 
meiner Meinung nach auch der Arzt den einzelnen Bürger, der die- 
sem Staat angehört, d. h. die einzelne Zelle zum Ausgang seiner Be- 
trai'htung zu macheu. Die Zelle ist so gut der eigentliche Bürger, 
der berechtigte Repräsentant der Einzel-Existenz, wie jeder von uns 


100 Oeffentliche Gesundheitspflege and Medicinalreform. 

beansprucht, es in der menschlichen Gesellschaft, in dem Staate, wie 
er eben konstituirt ist, zu sein. Soviel über diese Grund- und Prin- 
cipienfrage. 

Allein, wenn man sich auch einigt über die Principien der For- 
schung, über die allgemeinen Gesichtspunkte, so bietet die Patholoi^e 
doch noch eine andere, überaus grosse Schwierigkeit. Jedes Gebiet 
des natürlichen Wissens, welches sich zu einer Wissenschaft gestalten 
will, beginnt gewöhnlich damit, das vorhandene thatsächliche Material, 
wie man sagt, wissenschaftlich zu ordnen. Man macht eine Classifi- 
cation, man macht gewisse generelle Abtheilungen, die man nach und 
nach immer weiter eintheilt. Auch mit den Krankheiten hat man be- 
gi*eiflicherweise schon früh angefangen, ffle zu classificiren ; lange Zeit 
hindurch war es eine ernsthafte Au%abe der Aerzte, die Einordnun^r 
des thatsächlichen Materials in wissenschaftliche Kategorien in mög- 
lichst vollständiger Weise zu Stande zu bringen. Beinahe das ganze 
vorige Jahrhundert in der Medicin hat seine Kräfte erschöpft in Ver- 
suchen, eine Classification herzustellen, welche als dauerhafte Grund- 
lage angesehen werden könne. Selbst noch in diesem Jahrhundert 
haben mit die bedeutendsten Männer, diejenigen, welche den grössten 
Einfluss ausgeübt haben auf ihre Schüler, ihren höchsten Stolz darein 
gesetzt, ein System der Pathologie zu schaffen. Man ist von den 
künstlichen zu den natürlichen Systemen übergegangen; man hat ver- 
sucht, eine den übrigen Naturwissenschaften ebenbürtige Ordnung der 
Pathologie herzustellen, aber niemals ist es gelungen, ein ganz be- 
friedigendes System zu schaffen. Nach solchen Erfahrungen könnte 
man sagen, die Pathologie sei noch nicht einmal dahin gekommen, wo 
die anderen Naturwissenschaften längst waren, dass sie ein anerkanntes 
wissenschaftliches System, eine allgemein verständliche Grundlage hätte. 
Ich kann das zugestehen, ja ich bekenne vor Ihnen mit einem gewis- 
sen Gefühle des Stolzes, dass wir uns von den Systemen emancipirt 
haben, dass wir davon zurückgekommen sind, in den Versuchen einer 
generellen Classification irgend etwas Wesentliches und Erhebliches 
zu sehen. Wir haben das abgethan und damit zugleich abgethan den 
letzten Kest dessen, was uns als hemmende Fessel von den früheren 
Generationen übertragen war, nehmlich das dogmatische Wesen, die 
blosse Tradition. Wir haben eingesehen, dass manche Vorstellung, 
die in einer früheren Zeit der Ausdruck ehrlicher üeberzeugung war, 
in einer späteren nichts anders bedeutete, als eine fühlbare Fessel des 
Denkens. Denn, was das Dogma überall ist, dass es in der Zeit, in 
welcher es entsteht, den höchsten Ausdruck der üeberzeugung dar- 
stellt und nach einigen Jahrhunderten die schwerste Fessel der Wei- 
terentwicklung bildet, das hat keine Wissenschaft schwerer empfunden, 
in keiner hat es länger nachgewirkt, als in der Pathologie. Sie wer- 
den sich erinnern aus der Geschichte der Wissenschaften, dass noch 
tief im Mittelalter und zwar hervorgegangen aus den kirchlichen 
Schulen, versehen mit der Autorisation der alleinseligmachenden Kirche, 
die galenische Lehre wie die aristotelische festgehalten worden ist, als 
die Forschung schon lange über sie hinausgegangen war; vereinigte 
sich doch in diesen Lehren Alles, was die Verehrung eines der besten 


üeber die neueren Fortschritte in der Pathologie u. s. w. 101 

Beobachtungen fähigen Alterthums und die hohe Autorität der Eii-che 
gemeinsam stützten. 

Mit den Versuchen, ein System zu schaffen, haben wir den letz- 
ten Rest der dogmatischen Fesseln, die uns anhingen, abgestreift, und 
wir stehen nun frei auf dem Gebiete der Forschung da, wie alle übri- 
gen Naturwissenschaften. Ja, ich darf mit Stolz daran erinnern, dass 
noch gegenwärtig die Medicin immer wieder in der Lage ist, abgeben, 
auch den übrigen Zweigen der Naturforschung mit Männern aus- 
helfen zu können, welche in diesen Zweigen mit zu den grössten 
Autoritäten gezählt werden. Es ist gewiss ein für uns ehrenvolles 
Zeugniss, dass gerade die Physik aus den Keihen der ärztlichen Den- 
ker Jn unserer Zeit die allerkräftigste Unterstützung gewonnen hat, 
indem Physiker ersten Ranges aus den Kreisen der Mediciner hervor- 
gegangen sind. Die Grenze zwischen der strengen Wissenschaft und 
der praktischen Medicin ist keineswegs so scharf, wie Viele von Ihnen 
sich vielleicht vorstellen; es bedarf nur des guten Willens, um sie 
mehr und mehr verschwinden zu lassen. Ich kann auch das gerade 
als einen der schönsten Vorzüge der Medicin hinstellen, dass, indem 
eine Reihe von bedeutenden Männern den Schritt zurückgethan hat 
von der Physik, von der Physiologie zur eigentlich praktischen Wis- 
senschaft, sie mit diesem Schritte sowohl für die praktische Medicin 
als auch für ihre specielle Disciplin den höchsten Gewinn erzielt 
haben. Ich erinnere nur daran, dass die unglaublichen Fortschritte, 
welche die Ophthalmologie im Laufe der letzten 15 Jahre gemacht 
und vermöge deren sie sich erhoben hat zu dem Rang einer der vor- 
züglichsten Wissenschaften, die gegenwärtig existiren, zum Theil da- 
durch bedingt gewesen sind, dass gerade Vertreter der physikalischen 
Physiologie sich mit praktischer Ophthalmologie beschäftigen und es 
nicht verschmähen, einzelnen Kranken als Helfer an die Seite zu tre- 
ten und das Gebiet ihrer Forschung nicht abzuschneiden da, wo es 
anfängt, nützlich zu werden. Dieser Schritt der Ophthalmologen, der 
mit so viel Erfolg gemacht worden ist, dieser Schritt hat die alte 
Baconische Forderung zur Wahrheit werden lassen, welche bekannt- 
lich dahin ging, dass die Wisenschaft nützlich sein müsse. Freilich 
iinssen wir, dass keine Art des Wissens nutzlos ist, dass schliesslich 
jede Art des wirklichen Wissens auch nützlich wird; aber es ist doch 
ein grosser Unterschied, ob der Nutzen, den ein wissenschaftlicher 
Fortschritt bringt, sich erst nach Decennien, vielleicht erst nach Ge- 
nerationen, oder ob er sich schon nach Monaten vollzieht, ob die Männer 
der Wissenschaft, die ein neues Gesetz entdecken, einem beliebigen Dritten 
überlassen, dieses Gesetz anzuwenden, oder ob sie sich selbst die meist 
viel kleinere Mühe machen, zu überlegen, ob die Sache nicht vielleicht 
dem grossen Ganzen Nutzen bringen könne. So ist es eben in der 
Ophthalmologie gewesen, wo sich in wenigen Jahren ein Fortschritt 
des Wissens vollzogen hat, wie er meiner Erfahrung nach kaum auf 
irgend einem andern Gebiete sonst statt gefundeu hat. Diess ist 
hauptsächlich dem Umstände zuzuschreiben, dass Männer der stren- 
gen Wissenschaft es nicht verschmäht haben, auch Männer der 
nützlichen Wissenschaft zu sein. 


10*2 OclTciuliclie Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

Wenn ich, hier anknüpfend» noch einmal auf die Zelle zurück- 
kommen darf, so möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es kein 
Gebiet der Pathologie gibt, wo gerade die Zelle so sehr der Mittel- 
punkt alles Denkens geworden ist, als in der Ophthalmologie. In 
der That sind wir hier so weit, dass wir die Vorg&nge in den ein- 
zelnen Zellen direct beobachten, dass wir während des Lebens im 
Auge selbst, ja im dunklen Hintergrunde des Auges Vorgänge an den 
einzelnen erkrankten Zellen wahrnehmen und ein Bild uns machen 
können, wie gross die Zahl der kranken Elemente ist, welche den 
.krankhaften Hergang begründen, und aus deren Störung sich da« zu- 
sammensetzt, wa« wir nachher in dem Collectiv-BegriflF Krankheit 
zusammenfassen. 

Mit dieser Verändemng der Auffassung, welche die Krankheit 
auf das Zellenleben zurückfuhrt, ist allerdings ein wesentlicher Punkt 
verloren gegangen, welcher gerade die ältere Wissenschaft beherrschte 
und welcher die Nothwendigkeit der Classification am meisten nahe 
brachte, nehmlich der Begriff von der Einheit der Krankheit, 
die Vorstellung, dass die Krankheit gewissermaassen ein Wesen für 
sich sei, eine Form der Existenz, welche wie etwas Fremdes und zu- 
gleich Selbständiges in den Körper eingedrungen sei und sich neben 
den Theilen des Körpers als etwas Besonderes geltend mache. Wir 
haben diesen Begriff allmählich aufgegeben. Niemand denkt mehr 
daran, Krankheit und Leben als neben einander hergehend aufzu- 
fassen; im Gegentheil, wir wissen jetzt, dass die Vorstellung von der 
leiblichen Natur der Krankheit, von ihrer Wesenheit eben nur aus 
dem L^mstande hervorgegangen ist, dass man die einzelnen kran- 
ken Theile d. h. die kranken Elemente (Zellen) noch nicht 
kannte, sie noch nicht nachzuweisen im Stande war. Vermöge einer all- 
gemeinen Abstraktion ent^^-ickelte man den mehr philosophischen Begriff 
von der Wesenheit der Krankheit, von ihrer Ontologie, während wir 
jetzt die wirkliche materielle Existenz des Krankheits-Leibes in den 
lebenden elementaren Einzeltheilen des Körpers darthuen. 

In dem Maasse, als wir im Stande gewesen sind, der Klrankheit 
ihren Sitz anzuweisen, als immer mehr Seden morbi gefunden worden 
sind, ist die Schwierigkeit der Classification grösser geworden. Ich 
habe liier einen Punkt zu bezeichnen, wo ich mich nicht bloss an die 
anderen Naturforscher zu wenden, sondern wo ich auch ganz speciell 
meinen nächsten Collegen in das Gewissen zu reden habe. Man muss 
sich nehmlich klar machen, dass nicht ein einziger Gesichtspunkt der 
Eintheilung, nicht eine einzige Form, die Sachen anzusehen, als aus- 
reichend erscheinen kann in einem Gebiet, welches an sich eine so 
ausserordentlich grosse Mannichfaltigkeit und Complication der Er- 
scheinungen bietet. Die krankhaften Vorgänge vollziehen sich immer 
innerhalb eines grösseren Organismus, der neben- den kranken Thei- 
len mit dem gesunden Rest seine gewohnte Thätigkeit ausübt. Daher 
ist die Gesammterscheinung keine einfache, vielmehr einer Missdeu- 
tung in liohem Grade ausgesetzt. 

Ich bezweifle die Berechtigung der pathologischen Forscher ge- 
wiss nicht, ihr Streben auf die iSeden morbi als auf den anatomischen 


L'cber die neuerea Fortschritte in der Pathologie u. s, w. 103 

Grund der Krankheit zu richten; am allerwenigsten bezweifle ich, dass 
es richtig ist, Krankheiten mit anatomischen Namen zu bezeichnen nach 
ihrem Sitze. Aber ich kann nicht sagen, dass ich diess für ausrei- 
chend halte. Obschon die neuere Medicin den pathologisch-anatomi- 
schen Forschungen am meisten zu verdanken hat, so habe ich doch zu 
allen Zeiten behauptet, man könne damit nicht auskommen. Die patho- 
logisch-anatomische Forschung ist nicht das einzige Mittel der Erkennt- 
niss. Man muss sich nur klar machen, wie die Untersuchung vorzu- 
gehen hat. Die wissenschaftliche Betrachtung muss immer auf das 
Anatomische gehen, gleichviel, ob sie an dem Krankenbette oder an 
dem Sektionstische geübt wird. Denn auch die Vorgänge, auch die 
Funktionen knüpfen an anatomische Grundlagen an. Jede Art von 
Veränderung, die \vir wahrnehmen, tritt an bestimmt gegebenen Thei- 
len des Körpers ein; sie ist nicht überall im Körper, sondern irgendwo, 
an einer Stelle. Da hat sie ihren Sitz und von da geht sie aus; sie 
mag noch so sehr physiologisch und lebendig sein, immer haben wir 
die Verpflichtung, sie auf einen bestimmten Theil zurückzuführen, sie 
zu localisiren auf einen bestimmten Heerd der Wirksamkeit. 
In diesem Sinne, meine ich, bedeutet die Forderung anatomischer 
Grundlagen nicht, dass nur das Besultat der pathologisch-anatomi- 
schen Untersuchung die Basis des ärztlichen Wissens sein solle; auch 
der Kliniker, wenn er physiologisch denken will, muss auf die anato- 
mische Grundlage zurückgehen, aber er thut diess häufig nur in der 
Betrachtung, nur im Geiste, nicht, wie der patliologische Anatom, in 
Wirklichkeit. Man kann verlangen, dass auch die Vorgänge an dem 
anatomischen Theil physikalisch oder chemisch erforscht werden, aber 
die erste Forderung bleibt, dass jeder Arzt anatomisch denke, dass er 
nachforsche, wo die Krankheit lokalisiil ist. 

Nun sehen wir freilich, dass nicht wenige krankhafte Verände- 
rungen vor sich gehen, welche nicht bloss an einer Stelle, sondern an 
vielen Stellen Veränderungen hervorbringen, wo gleichzeitig vier, fünf, 
sechs Theile des Körpers afficirt sind. Allein auch hier ist die Krank- 
heit lokal; niemals ist das Ganze krank. Finden wir, dass vier, fünf 
oder noch mehr Organe erkrankt sind, so haben wir keine Möglich- 
keit mehr, das anatomisch kurz zu bezeichnen. Solche Conij>licationen 
können wir nicht ausdrücken durch anatomische Namen. Wenn wir 
in jedem Krankheitsfall alle Organe aufzählen wollten, die betheiligt 
sind, so würden die vorhandenen Bezeichnungen nicht ausreichen, 
vielmehr müssten die Termini aufs Aeusserste vermehrt werden. Da- 
her wurde es zu allen Zeiten als ein natürliches Bedürfniss emjifun- 
den, einerseits die Namen der einfachen Krankheiten, welche auf ein- 
zelne Punkte des Körpers beschränkt sind, von diesen Punkten her- 
zunehmen, andererseits besonders Bezeichnungen zu wählen für die 
zusammengesetzten, mehrere Ileerde gleichzeitig befallenden Affec- 
tionen. Für ihre Bezeichnung würde unzweifelhaft derjenige Gesichts- 
punkt, welcher auch in anderer Beziehung die höchste Wichtigkeit 
besitzt, der genetische, den grössten Nutzen bieten. Denn jeder 
fragt zunächst: wie ist der complicirte Vorgang zu Stande gekom- 
men? was hat die verschiedenen Theile veranlasst, sich so und so zu 


104 Oi'ffcntlifhc Gesundheitsptlege und Medicinalreform. 

verändern? Wir kommen damit zur Lehre von den Krankheits- 
ursachen. Unzweifelhaft wflrde es ausserordentlich vortheilhaft sein, 
wenn wir in der Lage wären, jedesmal zu sagen: die Beihe von Ver- 
änderungen, die wir vor uns haben, ist von der und der Ursache her- 
vorgebracht. In der That, wo wir die Ursache klar erkennen, da tra- 
gen wir keinen Augenblick Bedenken, auch den ganzen Complex von 
Störungen, gleichviel welches ihr Wesen ist, nach der Ursache zu 
benennen. Gerade in dieser Beziehung kann ich einen der wesent- 
lichsten Fortschritte bezeichnen, welche unser Wissen neuerlichst ge- 
macht hat, nehmlich die Erkenn tniss der Wirkungsart vieler Gifte, 
und zwar gerade solcher Gifte, die in Beziehung auf die Natur ihres 
Wirkens am meisten zweifelhaft waren und denen gegenüber am häu- 
figsten eine gewisse Unsicherheit in der Deutung Platz griff. 

Dasjenige Gift, von dem nach der anatomischen Seite hin die 
moderne Bewegung ausgegangen ist, war der Phosphor. Während 
man bis dahin die Vorstellung hatte, dass bei den Vergiftungen mit 
Phosphor, die jetzt immer häufiger werden, es sich um eine Art 
Aetzung handle, welche der Magen und die nächst anstossenden 
Organe erlitten, so hat man sich immer mehr überzeugt, dass Fälle, 
wo Aetzung vorkommt, zu den grössten Seltenheiten, ja zu den 
Ausnahmen gehören, und dass die Wirkung des Phosphors in ganz 
anderer Weise auftritt, nehmlich in feinen Veränderungen der Zellen. 
Viele der wichtigsten Organe, die zum Theil weit auseinander liegen, 
nicht bloss der Magen, der unmittelbar betroffen wird, sondern auch 
die Leber, die Nieren, das Herz, die Muskeln zeigen höchst charak- 
teristische Veränderungen, so charakteristische, dass man schon 
durch den blossen anatomischen Anblick auf den Verdacht der 
Vergiftung gelenkt werden kann. In dem Augenblick, wo sich 
die Ueberzeugung feststellte, dass ein Gift, welches man bis dahin 
als ein wesentlich lokal wirkendes angesehen hatte, über einen grossen 
Kreis von Organen Veränderungen hervorbringt, wo man fand, dass 
diese Veränderungen grobe anatomische Veränderungen waren, die 
sich mit der grössten Leichtigkeit und Bestimmtheit auf zellige Ele- 
mente zurückführen lassen, in diesem Augenblick haben sich neue 
Gesichtspunkte unserer Betrachtung für eine Menge von Giften und 
den Giften nahestehenden Substanzen ergeben, welche durch das Blut 
vertheilt zu den Organen gelangen und in diesen Organen eine ähn- 
liche Wirkung entfalten, wie sie der Phosphor zuerst in klar nach- 
weisbarer Form kennen gelehrt hat. 

Hier haben wir also Gruppen von Veränderungen, welche sich 
auf bestimmte Ursachen zurückführen lassen. An die Seite der anato- 
mischen Gruppen treten hier ganz bestimmte ätiologische Gruppen, 
Gruppen, bei denen die Veränderungen der einzelnen Theile sogar 
in ganz verschiedene Gebiete hineingehören können, gar nicht mehr 
ihrem Wesen nach übereinzustimmen brauchen, sondern je nach 
der Natur der einzelnen Theile verschieden sein können, und bei 
denen nichtsdestoweniger der gemeinschaftliche Ausgangspunkt uns 
die Berechtigung giebt, das Ganze in eine einzige ätiologische Gruppe 
'isammen zu schliessen und mit einem Namen zu belegen. 


l efjcr flio uoueren ForLschrittc in der Pathologie ii. s. w. 105 

Bei einer grossen Reihe von anderen und zum Theil sehr schwe- 
ren Krankheiten haben wir längst diess Zusammen&ssen zu Gruppen 
ausgeübt, ohne zu wissen, welches ihre eigentliche Ursache war. Bei 
der Cholera, bei dem Typhus, bei den Pocken, bei dem Scharlach 
und einer ganzen Reihe der allerschwierigsten Exankheitszustände 
glaubte man früher, sie seien einfacher Natur. Man meinte, es handle 
sich bei dem Scharlach, bei den Pocken bloss um Haut-Exankheiten, 
bei der Cholera und bei dem Typhus bloss um Darm-Exankheiten, 
während man sich jetzt fiberzeugt hat, dass neben der Haut im Schar- 
lach und in den Pocken, neben dem Darm bei der Cholera und dem 
Typhus eine grosse Zahl von anderweitigen Organ-Erkrankungen vor- 
kommt, nicht bloss in späterer Zeit der Krankheit, sondern auch in 
sehr frfiher. Es folgt daraus, dass es sich dabei nicht um die Elrank- 
heit eines einzelnen Theiles handelt, sondern um einen Complex, um 
eine ätiologische Gruppe. Leider sind wir noch sehr zurfick in der 
Erforschung der eigentlichen Ursachen. Wir fassen die Cholera in 
einen Complex zusammen, nicht weil wir genau wissen, welches die 
Choleraursache ist, sondern weil wir beobachten, dass dieser Complex 
sich immer wieder in derselben Art reproducirt, dass er immer wie- 
der so auftritt. Es ist also ein rein empirischer Beweis, den wir 
führen. Wir schliessen, dass, weil es immer so gewesen ist, es auch 
künftig so sein wird, ohne dass wir mit Bestimmtheit sagen können: 
die und die Substanz ist es, welche wirkt und sich verbreitet. Ich 
bin fem davon, bei dieser Gelegenheit einen Angriff machen zu wol- 
len auf diejenigen, welche glauben, das Cholera-Ens schon gefun- 
den zu haben, — ich meinerseits bin nicht in der Lage gewesen, 
neuerlich die vorliegenden Angaben zu prüfen. Ich enthalte mich 
also jeden Urtheils darüber, nur kann ich nicht sagen, dass ich durch 
die blosse Behauptung, man habe dieses Ens nun beim Wickel, schon 
überzeugt bin. Ich sage nur, die ganze Erfahrung der bisherigen 
Zeit, die Geschichte, wie wir unser Wissen geordnet haben, hat es 
mit sich gebracht, dass wir die Cholera als Eins und den Typhus als 
Eins aufgefasst haben, gleichviel, welche Ueberzeugung man ober 
das Cholera- oder Typhus-Agens hatte. 

Es ist aber diese Art der Gruppirung, der empirischen Erfah- 
rung gemäss gewisse zusammengehörige Veränderungen mit einem 
einzigen Namen zu nennen, nur eine provisorische. Denn sie wird 
erst in dem Augenblicke zur unzweifelhaften Wahrheit, sie erlangt 
erst da volle Bedeutung, wo wir von dem blossen empirischen Zu- 
Hammenfassen zur Bildung einer wissenschaftlichen Gruppe fortschrei- 
ten durch den Nachweis, wie die Dinge zusammenhängen. Die blosse 
Beobachtung, dass eine Reihe von Veränderungen gleichzeitig vor- 
handen ist, entscheidet nicht darfiber, dass ein einziger ursächlicher 
Faden durch alle diese Veränderungen hindurch zieht. Daher nannte 
ich die Bildung von Krankheitsbezeichnungen ohne den Nachweis ihrer 
ätiologischen Einheit provisorisch. Das ist eine UnvoUkommenheit 
der Medicin, der Pathologie. Niemand wird das bestreiten, aber ich 
glaube nicht, dass irgend eine andere Seite der Naturforschung ein 
Recht hat, daraus einen Vorwurf abzuleiten für die Pathologie oder 


106 OelTentliche Gesundheitspflege und Medicinalreform. 

fiir die Medicin überhaupt. Ich behaupte im Gegentheil, in jeder 
anderen Naturwipsenschaft gibt es dieselbe Methode, gewisse Dinge 
zunächst einer empirischen Gruppe zuzuweisen und mit einem Namen 
zu benennen, während man es der spätem Zeit vorbehält, den ge- 
nauen Grund, die Interpretation dieser empirisch gefundenen That- 
Bache zu suchen. Es ist schon ein ausserordentlich grosser, zuweilen 
ein colossaler Fortschritt, wenn man dahin kommt, diese empirischen 
Gruppen zu haben. Wenn wir gegenwärtig mit jedem Jahr eine 
gewisse Zahl neuer Gruppen dieser Art aufstellen und, wie ich glaube, 
mit vollem Rechte aufstellen, wenn kein einziges Jahr vergeht, wo 
nicht der Fortschritt der Pathologie sich äusserlich dadurch kund 
gibt, dass wir sagen können: da ist eine neue Krankheit; wo wir also 
aus dem grossen Kreise von Thatsachen einzelne ausscheiden und für 
sich in einem besondem Erfahrungskreise zusammenfassen, — ich sage, 
so lange wir das können, so lange wird man zugestehen mQssen, da^s 
wir so gut, wie die Anderen, geraden Wegs auf das Ziel losgehen, 
dass wir immer mehr und mehr die Fragen stellen, welche durch 
die fortgesetzte Beobachtung unserer und der kommenden Ge- 
neration gelöst werden sollen. Nicht, dass wir ein System machen 
und das ganze Wissen unter einen Hut zu bringen uns bemühen; 
nein, im Gegentheil, indem wir immer unser altes Wissen scheiden, 
immer neue Erfahrungskreise feststellen, so thun wir, was in anderen 
Zweigen der Naturforschung auch geschieht, und ich möchte behaup- 
ten, dass in dieser Beziehung kaum eine grössere Aehnlichkeit exi- 
stirt, als die zwischen der heutigen Pathologie und der heutigen Geo- 
logie. Beide sind meiner Meinung nach genau in derselben Lage. 
Was die Geologen thun, dass sie immer wieder innerhalb der geolo- 
gischen Perioden neue Abtheilungen, neue Abschnitte machen, daj^s 
sie neue Besonderheiten, die zusammengehören, auffinden und damit 
immer wieder den Kreis des sicheren Wissens erweitern, damit auch 
das Wissen von der Bildung der Erde und die Geschichte der 
Menschheit fortschreiten lassen, dasselbe machen die Pathologen. 
Daher können beide sagen: die Systeme tangiren uns nicht; denn die 
Systeme machen auch der Geologie gegenwärtig keinen grossen 
Kummer; wenigstens so weit ich das von Aussen zu beurtheilen im 
Stande bin, scheinen mir die Geologen zu der Ansicht gekommen zu 
sein, dass nicht viel darauf ankomme, was für ein System herrsche. 
Es wächst die bescheidenere Auffassung, dass die Geologie noch nicht 
so weit sei, die ganze Geschichte der Erde systematisch darstellen zu 
können, und dass es viel nützlicher und lehrreicher für die Mensch- 
heit und förderlicher für die philosophische Bildung sei, einzelne Er- 
fahrungsgruppen zunächst herauszugreifen, welche sich klar und be- 
stimmt beobachten lassen. Auch noch in einer andern Beziehunir 
zeigt sich eine Aehnlichkeit. Wie heute die Geologen nicht bloss 
die fertigen Zustände in der Tiefe der Erde zum Gegenstand ihrer 
Beobachtungen machen, sondern es sich herzlich angelegen sein lassen, 
die^'gegenw artigen Vorgänge sowohl an der Oberfläche, als in der 
Tiefe zu beobachten, um aus dem, was in der Gegenwart geschieht, 
das Frühere zu begreifen, und umgekehrt, so machen es auf die aller- 


Ueber die neueren Fortschritte in der Pathologie u. s. w. 107 

ernsteste und angestrengteste Weise wir Mediciner. Auf der einen 
Seite treiben wir Paläontologie an dem Leichnam, auf der andern 
treiben wir die Geologie des Lebens in der Klinik. Das sind die 
beiden Felder, die beiden Wege der Forschung, die sich gegenseitig 
ergänzen, mit einander und durch einander. 

So steht es mit der Pathologie der Gegenwart. Daher möchte 
ich Sie bitten, dass Sie, die anderen Naturforscher, uns als ebenbürtig 
anerkennen und uns nicht immer schlechte Methode vorwerfen, nicht 
immer glauben möchten, wir dächten noch, wie viele von Ihnen, im 
Sinne Galens und der galenischen Scholastik. Diesen Plunder, so- 
weit er Plunder war, haben wir über den Haufen geworfen, während 
wir die wahren, richtigen Thatsachen herübemehmen, die uns in der 
alten Medicin in reicher Fülle geboten werden. Alles systematische, 
alles bloss dogmatische Wesen haben wir abgestreift, und daher hoffe 
ich auch, dass Sie uns freudig begrüssen werden als Mitkämpfer auf 
gemeinsamem Boden. 


AiwerkiiMgeM. 


1) Zu S. 3. Die ^Medicinische Reform" erschien als Wochenschrift vom 
10. Juli 1848 bis zum 29. Juni 1849, und zwar bis zum 1. Januar 1849 unter 
der gemeinsamen Redaktion von R. Leubuscher und mir, nachher unter meiner 
alleinigen Redaktion. Die aus derselben mitgetheilten Artikel sind, ausgenommen 
einzelne rein redaktionelle Aenderungen, ganz unverändert abgedruckt worden, ob- 
wohl selbstverständlich nach einem Menschenalter voll praktischer Erfahrungen 
nicht mehr jeder Satz eines Redaktionsartikels von 1848 von mir vertreten werdt-n 
kann. Es freut mich, dass ich in der Hauptsache diese Artikel auch noch heutigen 
Tages anerkennen kann. Nicht ohne einige Befriedigung habe ich selbst bei dieser 
Gelegenheit aus ihnen ersehen, dass mir auch während der Revolutionszeit der 
Staatsgedanke nie verloren gegangen ist. Die „Medicinische Reform** ist langst 
vergriffen und auch in den Bibliotheken eine Seltenheit j ich habe daher diejenigen 
Redaktionsartikel hier wieder zum Abdruck gebracht, welche die Fragen der öffent- 
lichen Gesundheitspflege und der Med icinalre form unmittelbar zum Gegenstand 
hatten, und welche meine Gedanken darüber in einem gewissen Zusammenhange 
hervortreten liessen. 

2) Zu S. 7. Diese Ausführungen ga^en dem damaligen Referenten im Mini- 
sterium der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten, Geh. Medici- 
nalrath Dr. Jos. Herm. Schmidt Veranlassung, das Ministerium und sich selbst 
in einer besondem Schrift zu vertheidigen. Dieselbe führt den Titel: ,,Das Medi- 
cinal-Ministerium. Eine Antwort an Herrn Dr. Rudolph Virchow von Dr. Joseph 
Hermann Schmidt. Berlin 1848.** Ich habe darüber in No. 11 der Medicini- 
schen Reform S. 74 Folgendes gesagt: 

„In dieser Brochüre hat Hr. Schmidt meinen leitenden Artikel in No. 3 u. 4. 
dieser Wochenschrift, in Verbindung mit verschiedenen, öffentlich oder privatim von 
mir geschriebenen und gesprochenen Sachen, zum Gegenstands einer sehr heftigen 
und leidenschaftlichen Kritik gemacht. Wenn ich Hrn. Schmidt Unrecht getlian 
habe, und ich gestehe offen, dass ich in der Heftigkeit des Principienkampfes in 
No. 4 zu einer Form der Darstellung geführt worden bin, welche ich unter anderen 
Umständen vielleicht nicht gewählt haben würde; ich sage, wenn ich ihm in dieser 
Heftigkeit Unrecht gethan habe, so vergilt er es mir reichlich. Da es sich meiner- 
seits nicht um Personen, sondern nur um Principien handelt, so übergehe ich die 
zum Theil sehr gehässigen Einzelheiten gern; nur drei Stellen muss ich berühren, 
weil mir bei ihnen ein Missverständniss besonders unlieb wäre. Hr. Schmidt 


Anmerkungen zum eisten Abschnitte. 109 

erwähn t„ dass ich meine Bildung dem Friedrich- Wilhelms-Institut zu danken habe, 
^abgesehen von einem kurzen Aufenthalte bei Rokitansky, der dafür natür- 
lich gerechten Dankes gewiss sein kann.'' Ich bemerke dazu, dass ich am 
Abende des 27. Sept. 1846 in Wien ankam und am Morgen des 5. Octbr. dessel- 
ben Jahres von da abreiste^ so dass ich 8 Tage lang den Sektionen in der Leichen- 
kammer beiwohnen konnte; ausserdem habe ich Rokitansky nie gesehen, noch 
mit ihm in irgend einer näheren Beziehung gestanden. — Hr. Schmidt bemerkt 
ferner, dass, wenn wirklich der christlich-germanische Staat so böse gewesen wäre, 
es die Pflicht der damaligen Wissenschaft, nicht der jetzigen, hätte sein müs- 
sen, ihm die Spitze za bieten. Ich verweise desshalb auf das Archiv für pathol. 
Anat, u. PhysioL, namentlich Bd. I. S. 216 — 17, und füge nur hinzu, dass es 
damals gewiss genug war, die principielle Opposition in der Wissenschaft aufrecht 
zu erhalten. — Wenn Hr. Schmidt endlich, um meine persönlichen Verpflich- 
tungen gegen die alten Yerwaltungsbeamten darzulegen, aus den Min isterial- Akten 
einen Brief von mir abdrucken lässt, worin ich dem Hrn. Minister Eichhorn mein 
lebhaftes Dankgefühl ausdrücke , weil er mir das fällige Gehalt der damals interi- 
mistisch und unentgeltlich von mir verwalteten Prosector-Stelle als ausserordent- 
liche Remuneration bewilligt hatte , und worin ich mein'bn Vorsatz ausspreche , für 
sein Vertrauen durch Arbeiten zu danken, so hoffe ich, dass mich niemand dess- 
halb des Widerspruchs zeihen wird. Für amtliche Handlungen des Ministers oder 
des Ministeriums existirt nur eine adäquate Dankbarkeit, die der That, der wissen- 
schafllichen Arbeiten , und ich darf wohl sagen , dass kein Mediciner in Deutsch- 
land in einer gleichen Zeit mehr gearbeitet hat, als ich. Sicherlich würde es mir 
nie eingefallen sein, einzelne Räthe oder das gesammte Ministerium Eichhorn 
nach seinem Sturze einer bittem Kritik zu unterwerfen , wenn nicht die eigen- 
thümÜche Entwickelung unserer Angelegenheiten seit der Revolution allmählich 
einen so heftigen Conflikt der bis dahin nur in der Wissenschaft kämpfenden Prin- 
cipien auch im praktischen Leben hervorgerufen hätte, dass es schimpflich gewesen 
wäre, nicht öffentlich zu reden. Habe ich nun geredet und verdiene ich um meiner 
Redeform willen Tadel, so will ich den ohne Widerrede auf mich nehmen, denn 
ich ging nicht davon aus, die alten Personen zu stürzen, sondern nur die alten 
Principien. Wollten die alten Personen nun aber von den alten Principien nicht 
lassen, so blieb, wie es mir scheint, nichts weiter übrig, als entweder sie desshalb 
anzugreifen oder überhaupt stillzuschweigen und sich um den Lauf der Dinge nicht 
zu bekümmern, was, denke ich, niemand verlangen wird. Ich habe aber weder 
..unumwunden noch- durch Umschreibung einen Missbrauch der amtlichen Stel- 
lang'' Seitens des Hrn. Schmidt ausgesprochen, noch seinen „ehrlichen Namen ** 
irgendwie angetastet. Nirgends habe ich es, was leider Hr. Schmidt vollkommen 
verwischt hat, mit dem Verwaltungsbeamten Hrn. Schmidt, sondern überall nur 
mit dem Ministerium Eichhorn und dem Schriftsteller Hm. Schmidt zu 
thun gehabt; nirgends habe ich von Hm. Schmidt auch nur das geringste Titel- 
chen angegriffen , das nicht schwarz auf weiss gedruckt vor Aller Augen läge. — 
Die seltsamen Versuche, welche Hr. Schmidt macht, meinen Materialismus anzu- 
greifen, kann ich vollkommen übergehen, da es ihm noch nicht gelungen ist zu 
erkennen, dass auch der Materialismus mit „den Augen des Geistes'' auffasst, dass 
er nicht verneinend, sondern bejahend ist, da er den Humanismus setzt gegenüber 
dem Christenthum , welches den irdischen Menschen negirt, ja dass er sogar poe- 
tisch, wenn auch nicht phantastisch sein kann. — Endlich weise ich auf das Ent- 
schiedenste das Hereinziehen von Männern, welche mit der vorliegenden Sache 


110 Anmerkungen zum ersten Abschnitte. 

nichts zu thun, sondern nur das Unglück haben, mit mir befreundet zu sein, als 
unverantwortlich zurück.** 

3) Zu S. 29. Die Charite -Verwaltung, welche damals gar kein ärztliches 
Mitglied hatte, deren ärztlicher Direktor vielmehr durch einen pensionirten Major 
(eine sogenannte moralische Direktion) ersetzt war, fühlte sich durch diese Aus- 
einandersetzungen so verletzt, dass eines Tages das ökonomische Mitglied dersel- 
ben, Rechnungsrath Esse mit zwei seiner Bureau beamten , von denen einer ein 
Offizier a. D. war, auf meinem Zimmer erschien und Genugthuung verlangte. Ob- 
wohl ich in der That, wie ich auch jetzt bezeugen kann, weder eine persönliche 
Verletzung, noch eine Verletzung der Wahrheit beabsichtigt hatte, und obwohl ich 
daher gern zu jeder Richtigstellung der Thatsachen die Spalten der ^Reform* zur 
Verfügung stellte, so musste ich doch, namentlich gegenüber der Form, in welcher 
mir das Ansinnen gestellt wurde, den von mir geforderten Widerruf ablehnen. Wir 
verständigten uns endlich dahin, dass Hr. Esse mir eine schriftliche Auseinander- 
setzung über die streitigen Punkte zugehen Hess und dass ich daraus die wirklich 
berichtigenden Theile veröffentlichte. Diess geschah in derselben No. 1 1 der Re- 
form, in welcher der gleichzeitig geschehene Angriff des Hm. Schmidt abgeschla- 
gen wurde, am 15. Septbr. 1848. S. 75 in folgendem Artikel: 

„(Die Charit^- Verwaltung.) Unser leitender Artikel in No. 9 hat uns mehrfache 
Reclamationen von Seiten der Charite -Verwaltung zugezogen. Hr. Rechnungsrath 
Esse, ökonomischer Oberinspector der Charite, hat uns berichtigende Angaben 
über einige Punkte gemacht, namentlich über die Extradiät und den Arznei- 
gebrauch. Wir geben diese Berichtigungen um so lieber, als wir durchaus nicht 
die Absicht hatten, die jetzige Charite- Verwaltung, sondern nur die aus der alten 
Zeit in die neue hinübergenommenen Principien der Verwaltung überhaupt anzu- 
greifen. Unsere Angaben hatten wir aus einem amtlichen Cirkular des Direktors 
der Anstalt, Hm. Oberstlieutenant Hirsch vom 17. Juli d. J. geschöpft. In dem- 
selben hiess es nehmlich wörtlich: „Für die Extraverordnungen sind nach der letz- 
ten Bestimmung jährlich 1460 Thlr. ausgeworfen" und ferner: „Ebenso 
überschreiten die Ausgaben für Medicamente und namentlich (V) für Blutegel den 
Etat noch bedeutend.** Hr. Esse bemerkt uns dagegen, dass allerdings Rust 
„die Summe von 1460 Thlr. als Maximum für die Extradiät ermittelt und festge- 
setzt hatte, ** allein dass der jetzige Etat für die gesammte Verpflegung der Kran- 
ken nur eine runde Summe enthalte, und dass nur angeordnet sei, dass „übertrie- 
bener Luxus vermieden und von den Aerzten das Bedürfniss eingehalten 
werde.** Die Bestimmung, welche die Aerzte im Gebrauch von Medicamenten be- 
schränkt, sei nicht mehr in Kraft; sie sei von der frühem ärztlichen Verwaltung 
der Anstalt gegeben, um die in der Anstalt fungirenden und auszubildenden Mili- 
tärärzte „an das Verordnen nach der Militärpharmakopoe zu gewöh- 
nen.** Hr. Esse verwahrt seine Verwaltung ferner davor, dass auf Kosten der 
Kranken das Exterieur der Anstalt prachtvoll gestallet und an Schreibmaschinen 
Gratificationen vertheilt seien. Letzteres sei überhaupt nicht vorgekommen; an 
„meistentheils nur gering besoldete Beamten seien Gratificationen und Unter- 
stützungen nur aus disponiblen Gehältern oder aus hierzu ausdrücklich bestimmten 
Fonds nach dem Bedürfniss und nach Würdigkeit verliehen worden.** Die Erspar- 
nisse für das Exterieur seien an ganz anderen Orten geschehen ; die Verbesserun- 
gen in demselben kämen eben so den Kranken wie den Aerzten zu Gute, welche 
letzteren „nicht mehr Gefahr liefen, dass ihre Wagen bei der Charite im Kothe 
oder in den Lachen stecken blieben.'' — Wir glauben durch diese Mittheüung der 


Anmerkunf<en zum ersten Abschnitte. 111 

Charitö -Verwaltung gezeigt zu haben, dass wir keinen persönlichen Angriff gegen 
sie intendirt haben, ja wir stehen nicht an, unsere Ueberzeugung auszusprechen, 
dass, wenn ein eben so tüchtiger ärztlicher Direktor da gewesen wäre, als Hr. Esse 
ein thätiger und kräftiger Lenker der Verwaltung war, wahrscheinlich die Kran- 
ken, die Aerzte and die Wissenschaft in der Ctiarite sich in einer gleich glück- 
lichen Lage befinden würden. Eine grosse Krankenanstalt muss nothwendig einen 
ärztlichen Vorstand haben, und was speciell die Charite angeht, so sind ihre Ver- 
hiiltnisso gerade durch die seltsamen Beziehungen, in denen sich das an ihr ange- 
stellte ärztliche Personal befindet, in einer so eigenthümlichen Lage, dass nur 
durch eine radicale Reform zu helfen ist. Wer unsere Artikel über die öffentliche 
Gesundheitspflege aufmerksam liest, wird sich überzeugen, dass es uns nur darum 
zu thun ist, in die Gesetzgebung und Verwaltung überhaupt andere umfassendere 
Grandsätze einzuführen. Wir können die Verwaltungsbeamten der Charit^ einfach 
darauf verweisen und sie können sich versichert halten, dass, wo wir ihre persön- 
liche Geschäftsführung anzugreifen haben sollten , wir es offen und ohne Rückhalt 
thun würden. Wir haben daher auch mit dem Ausdruck „Schreibmaschinen^ 
keinerlei Art von Beleidigung gegen die Verwaltungsbeamten der Charit^ sagen 
wollen, wie diese angenommen haben, und wir erklären auf ihren Wunsch aus- 
drücklich, dass jeder persönliche Vorwurf uns fern gelegen hat. Das System ver- 
werfen wir und das werden wir bekämpfen. Gewiss, es wäre höchst angerecht, 
irgend jemandem darum einen Vorwurf zu machen , dass er Gratificationen bekom- 
men hat. denn, wie Hr. Esse sagt, man gab sie meisten theils nur an gering be- 
soldete Beamten, aber es ist gewiss billig, ein System anzugreifen, welches so ge- 
ring? besoldete Beamten anstellte, dass die Billigkeit, ja die Gerechtigkeit es er- 
be isclite, ihnen Gratificationen,. d. h. Gnadenbewilligungen za geben. Statt der 
Gnade wollen wir das Recht!** 

4) Zu S. 78. Ich habe seiner Zeit die beiden Petitionen, welche die Veran- 
lassung des Berichts der Wissenschaftlichen Deputation bildeten, nebst ihren Mo- 
tiven in der Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medicin und öffentliches Sanitäts- 
wesen (1872, Neue Folge, Bd. XVIL S. 93 u. folg.) mitabdrucken lassen. Zum 
Verständniss der Verhandlungen lasse ich hier den Wortlaut der Petitionen folgen; 
wegen der Motive, die hier zu viel Raum erfordern würden, muss ich auf die citirte 
Qaelle verweisen. 

Die Petition der Herren H. E. Richter, Spiess sen., G. Varrentrapp, 
H. Wasser fahr und Hobrecht lautete: 

„Der Reichstag wolle bei dem Bundesrath des Norddeutschen Bandes 
beantragen : 

^I. Die Vorlage eines Gesetzes, betreffend die Verwaltangsorga- 
nisation der öffentlichen Gesundheitspflege im Norddeutschen 
Bande; 

„IL Zu den Vorarbeiten für dies Gesetz die Einsetzung einer mit dem 
Rechte der Cooptation ausgestatteten Commission von Sachverständigen 
(Acrzten, Technikern und Verwaltungsbeamten) aus den Staaten des Nord- 
deutschen Bundes; 

,,111. Als Grundlage des Gesetzes die Berücksichtigung folgender, 
von den vereinigten Sectionen für öffentliche Gesundheitspflege 
and für Medicinalreform in der 43. Versammlung deutscher Aerzte 
und Naturforscher zu Innsbruck 1869 einstimmig gefasster Reso- 
lutionen: 


112 Anmerkangen zum ersten Abschnitte. 

„Es sind in jeder städtischen Gemeinde wie in Landbezirken entspre- 
chende, bis zu einem gewissen Grade selbständige Gesundheitsaus- 
schüsse (Sanitätscommissionen) zu bilden, die anter Beaufsichtigung, be- 
ziehungsweise Leitung , höherer staatlicher Organe die nächste Sorge für 
Alles, was das öffentliche Gesundheitswohl ihrer Gemeinde und ihres Land- 
bezirks betrifft, zu übernehmen haben. 

„Die Gesundheitsauszchüsse bestehen aus Gemeinde beamten und Burgera, 
Aerzten und Technikern (Chemiker, Architekt und Ingenieur), nnd lehnen 
sich überall an die politischen Behörden der entsprechenden Gemeinden und 
Bezirke an. 

«Die Beaufsichtigung, beziehungsweise Leitung der örtlichen Gesundheits- 
pflege ist Sache eines vom Staate für jeden grösseren Verwaltungsbezirk zu 
ernennenden öffentlichen G esund he its beamten. der neben diesem seinem 
Amte keine andere Beschäftigung treiben, namentlich — wenn Arzt — 
weder ärztliche Praxis üben, noch Gerichtsarzt sein darf. Derselbe ist 
gleichberechtigtes Mitglied der betreffenden staatlichen Verwaltungsbehörde. 
In seinem Bereiche übt er aber auch volle Initiative, und verfügt in Verbin- 
dung mit den Gesundheitsausschüssen nach Maassgabe der bestehenden ge- 
setzlichen Vorschriften über die vorhandenen Polizeimittel zur Abstellung 
der ermittelten üebelstände. Derselbe ist der staatlichen Centralbehörde 
für das öffentliche Gesundheitswesen untergeordnet. — 

„Die aus Verwaltungsbeamten, Aerzten und Technikern bestehende Cen- 
tralbehörde bildet bei der obersten Verwaltungsstelle eine besondere Ab- 
theilung, und hat folgende Funktionen zu übernehmen. Sie hat: 

a. für die Erhebung einer fortlaufenden Statistik der Gesundheits- 
und Sterblichkeitsverhältnisse zu sorgen; 

b. jährlich einen ausführlichen Bericht über den Gesundheitszustand, 
sowie über den Fortgang der Werke der öffentlichen Gesundheits- 
pflege zu veröffentlichen; 

c. die die öffentliche Gesundheitspflege betreffenden allgemeinen 
Gesetze und Verordnungen vorzubereiten und zu be- 
rathen, die Ausführung der erlassenen gesundheitspolizeilichen 
Gesetze als oberstes Verwaltungsorgan zu überwachen und zu 
leiten, sowie 

d. für Heranbildung, Prüfung und Anstellung tüchtiger Ge- 
sandheitsbeamten zu sorgen. 

„Der Unterricht über die Erkenntniss von Krankheitsursachen und über 
Krankheitsverhütung ist an den Universitäten, Fach- und Volksschulen sorg- 
fältig zu pflegen.** 

Der Text der Leipziger Petition lautete: 

„Den hohen Reichstag bittet der unterzeichnete ärztliche Zweigverein zu 
Leipzig*): 

„Derselbe wolle bei dem Bundesrathe des Norddeutschen Bundes beantragen: 

„I. Die Vorlage eines Gesetzes, betreffend die Verwaltungs-Or- 
ganisation der öffentlichen Gesundheitspflege im Norddeutschen 
Bunde; 


*) Derselbe besteht jregenwärtig aus 63 Mitgliedern und ist eine Abtheilung der 
gesetzlich in Sachsen anerkannten ärztlichen Kreisvereine, welche zur Pflege des 
öffentlichen Gesundheitswesens, sowie zur Wahrung der Standesintercssen berufen sind. 


Anmerkungen tnrh ersten Abschnittte. 113 

„n. Zn den Vorarbeiten für diess Gesetz die Einsetzung einer 
mit dem Rechte der Cooptation ausgestatteten Commission von 
Sachverständigen, d. h. Aerzten, welche zu einem Theile von den 
Regierungsbehörden der Staaten des Norddeutschen Bundes er- 
nannt, zu einem andern, gleich grossen Theile von den in diesen 
Staaten wohnhaften Aerzten, bez. von den in denselben bestehen- 
den ärztlichen Vereinen, je nach deren Mitgliederzahl, als Abge- 
ordnete oder Vertreter derselben gewählt werden; 

„III. Die Berücksichtigung folgender Punkte in dem dieser 
Commission als Grundlage des Gesetzes vorzulegenden Entwürfe: 

1. Bezüglich der Medicinal-Beamten: 

a. Forterhaltung des jetzigen Instituts der Staatsärzte ; 

b. Gründung von Lehrstühlen für die öffentliche Gesundheitspflege auf 
allen norddeutschen Universitäten, um den Aerzten Gelegenheit zur 
vollständigen Ausbildung in diesem Fache zu bieten; 

c. Verbesserung der finanziellen Stellung der Staatsärzte , um dieselben 
von der Privatpraxis unabhängig zu machen; 

d. gesetzliche Gewährung des Rechtes der Initiative an die Staatsärzte 
und Gleichstellung derselben mit den Verwaltungsbehörden. 

2. Bezüglich der Betheiligung der Aerzte bei der öffentlichen 
Hygieine; 

a. officiell anerkannte Mitwirkung derselben am Öffentlichen Medicinal- 
wesen durch ärztliche Kammern oder Kreisvereine resp. durch Abge- 
ordnete zu Medicinal-Collegien; 

b. bevorzugte Betheiligung von nichtbeamteten Aerzten bei etwa zu 
gründenden Local-Gesundheits Ausschüssen. 

3. Bezüglich der Betheiligung von Laien bei der öffentlichen 
Hygieine: 

Zuziehung intelligenter Laien zu Local-Gesundheits- Ausschüssen , die 
jedoch keine Verwaltungs- Instanz bilden, sondern nur als Institute zur 
Unterstützung der Gesundheitsbehörden zu betrachten sind. 

4. Bezüglich der Begründung eines norddeutschen Central- 
Organs für öffentliche Gesundheitspflege: 

a. Bildung einer Behörde, welche die Aufgabe hat, die allgemeine me- 
dicinische Statistik im Norddeutschen Bunde zu reguliren, beziehent- 
lich allgemeine sani tätliche Maasnahmen in Hinsicht auf Entstehung 
und Verbreitung von Krankheiten anzuregen, — wogegen 

b. die eigentliche Medicinal- Verwaltung als untrennbarer Theil der Ver- 
waltung überhaupt, ebenso wie bisher, als innere Angelegenheit den 
Einzelstaaten des Norddeutschen Bundes zu belassen ist**. 

5) Zu S. 92. Hr. Varrentrapp hatte unter der Ueberschrift: „Darf ein 
von Hm. Prof. Virchow verfasstes Gutachten kritisirt werden?** in der Viertel- 
jahrsschrift für gerichtl. Medicin und öffentl. Sanitätswesen, 1872, Neue Folge, 
Bd. XVII. S. 370 eine Besprechung meiner unter No. 3 (S. 86) hier wieder abge- 
druckten Auseinandersetzungen veröffentlicht. 

6) Zu S. 96. Das Reichsgesundheitsamt. Es läge nahe, an dieser 
Stelle eine weitere Erörterung über das Reichsgesundheitsamt, wie es nunmehr 
l»esteht, seine Einrichtung und seine Thätigkeit einzufügen. Ich glau]>e diess jedoch 

B. Virehov, 0«ffentL Medicin. 8 


114 Anmerkungen zum ersten Abschnitte./ 

unterlassen zu sollen, da obne eine ziemlicb weitgreifende Kritik die Ausstellungen, 
welche ich zu machen hätte, wahrscheinlich wieder so gedeutet werden würden, 
als seien sie aus persönlichen Gründen gemacht. Um meine gegenwärtige Stellung 
zu der Frage der Verwaltungsorganisation der öffentlichen Gesundheitspflege in 
Preussen und im Deutschen Reiche klarzulegen , müsste ich überdiess auf neuere 
Verhandlungen der Wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen ein- 
gehen, welche ich in Substanz nicht vorlegen kann, da sie noch schwebende An- 
gelegenheiten betreffen. Nur einen Punkt möchte ich, um Missdeutungen zu ver- 
meiden, berühren. Schon im Jahre 1848 verlangte ich ein deutsches Reichsmini- 
sterium für die öffentliche Gesundheitspflege (S. 11), also eine wirklich verant- 
wortliche oberste Behörde, nicht eine unverantwortliche Unterbehörde. Neben der- 
selben erkannte ich jedoch die Kothwendigkeit eines preussischen Ministeriums für 
öffentlichen Unterricht und öffentliche Gesundheitspflege an. Diese Vorschläge 
basirten auf der Voraussetzung, dass es gelingen werde, ein wirkliches Reichs- 
ministerium und einen wirklichen deutschen Staat zu schaffen. Wenn jetzt meine 
Auffassungen in wesentlichen Stücken anders lauten, so erklärt es sich daraus, 
dass wir weder ein Reichsministerium, noch einen deutschen Staat, auch nicht 
einen Bundesstaat erhalten haben, und dass daher die Gompetenzfrage nach ganz 
anderen Voraussetzungen beantwortet werden muss. Durch eine blosse Erweite- 
rung der Competenz des Reichsgesundheitsamtes, ohne eingreifende Veränderungen 
der Reichsverfassung, würde meiner Meinung nach mehr Verwirrung, als wirkliche 
Lösung hervorgebracht werden. 


tt VOIKSKMMHEITM MQ SEUCHEI. 


L Die Epidemien von 1848. 

Uielf.scn in der JahrcsnitsanK der QeselUchaft fflr widsenschaftliche Medicin am 27. November 1B4^. 
Archiv t pathol. Anatomie u. Physiologie u. f. klin. Medicin [1849]. Bd. HI. Heft 1. 8. 3.) 


Ai 


8 ich der Gesellschaft vor einem Jahre an dieser selben Stätte 
meine Abhandlung über die naturwissenschaftliche Methode und die 
Standpunkte in der Therapie vortrug, schloss ich mit dem Satze von 
Cartesius, dass, wenn es überhaupt möglich sei, das Menschen- 
t^eschlecht zu veredeln, die Mittel dazu nur in der Medicin gegeben 
8eien. Ich fügte hinzu: ^Der Phjsiolog und der praktische Arzt 
werden, wenn die Medicin als Anthropologie einst festgestellt sein 
wird, zu den Weisen gezählt werden, auf denen sich das öffentliche 
Gebäude errichtet, wenn nicht mehr das Interesse einzelner Persön- 
lichkeiten die öffentlichen Angelegenheiten mehr bestimmen wird.^ 
(Vgl. d. Arch. Bd. II. S. 36.) 

Meine Herren! Mancher von Ihnen mag damals gelächelt haben 
über diese Gedanken; mancher mag sie ft\r utopisch gehalten haben, 
wenn er die Personen und die Zustände von damals betrachtete. 
AVeder die Physiologie noch die Praxis, weder der Staat noch die 
Gesellschaft entsprachen den Yoraussetziuigen, welche hier gemacht 
waren. 

Und doch waren kaum zwei Monate, zwei kurze Monate dahin- 
4^e<rangen, als die grosse psychologische Bewegung im Westen los- 
brach, welche in 24 Tagen ganz Mitteleuropa bis in seine Grund- 
festen erschütterte. Und kaum war der Sieg der Revolution ent- 
t^chieden, als die Medicin aller Länder begriff, dass diese Bewegung 
auch ihr gegolten habe, dass ihre Aufgabe, als einer socialen Wissen- 
Kchaft, fortan eine grössere, eine allgemeinere sein werde. Da wurde 
es plötzlich offenbar, dass der praktischen Anthropologen, der Män- 
ner von Herz und Kopf unter den Aerzten mehr waren, als wir ge- 
hofft hatten. Ueberall, wo die Sache des Volkes war, standen auch 
Aerzte unter den hervori*agenden Führern; überall, wo es galt, die 
ewigen Gesetze der Menschheit, die heiligen Rechte des Geschlechts 
zu wahren, da hielten Aerzte den ersten Stoss aus. Die Buchez, 
die Rdcurt, die Tr^lat, die Ducoux, diese ehrenhaften Republi- 
kaner de la veäUy übernahmen die Leitung der höchsten Staatsge- 


IIS \ nlKsKr.iiiKliciirii iind Sciiclion. 

:Mli;it'tL* in Fi'Miikrcicli. Nucs van Kseiibock, Jjicohv, d'Kster 
Ir.itru in (l:is vonlin'ste (.illc«! der äu.^seivten Linken liei uns. Voi^t, 
liöwe von C':ill)e, selbst Eisenniann kämpften in Frankfurt, Löli- 
11 er, Fis('lili(>f und Gold mark in Wien für das Volk. 

Was man kaum noeli zu denken ire\va«;'t hatte, schien plötzlich wirk- 
lich iicworden zu sein, l^nd warum hätte es denn nicht wirklich sein 
sollen? Iltitte nicht diese ü-J^nze l^ewci^unii; einen so rein mensch- 
li<'hen Charakter, so sittliche und natiirliclie Grundlagen, dass sie 
auch in dem weniijer li-eliildeten Theile des Volkes einen vorhereittv 
teil ßoden finden nnisste? Handelte es sich nicht um die einfachsten 
und alliremeinsten Culturfrai^cMi? Niemals hatte die Weltgeschichte 
eine BeweLTuni»* ireschen, wie diese, so tief und breit und schnell: 
niemals hatte die Gesellschaft sich so bereitwillig: fnr eine Umwälzuni^^ 
erklärt, welche doch nichts Geruii^eres besagte, als den Anfi\n«^ einer 
totalen Um,i!;estaltunLC der (Jesellschaft selbst. Warum hätte man also 
zweifeln sollen an dem Forti::aniie der Ikiwe^unt^? 

Viele, ja vielleicht die meisten von ims zweifelten in der That 
nicht daran. Waren wir darum schlechte Aerzte, dass wir eine gnn- 
stige Prognose stellten, wo alle Bedingungen der tienesung so voll- 
konnnen günstig zu sein schienen? Und doch hatten wir uns ge- 
täuclit, doch hatten wir ein Moment in der Kechnung vergessen, 
das nelmdich, dass es nicht in unsrer Hand lau", die günstigen Be- 
diniiuniien festzuhalten oder nach Bedürfniss zu rei^uliren. Plötzlich 
hat es Anderen und Mächtigeren gefallen, die äusseren Verliältnisse 
nach ilirtMu (futdünken zu verändern, und der eigentlich noble Theil 
der Bewciiunir ist vernichtet, l^ns, als ixuten Aerzten, bleibt nichts 
weiter übrig, als die Autopsie zu machen und für den nächsten ähn- 
lichen Fall die E])ikrise zu benutzen. 

Madien wir ehrlich die E])ikrise und suchen wir die Todes- 
ursache, so ist es, wie es mir scheint, nicht so schwer, das Richtige 
zu finden. jNIanche sprechen von Reaction, andere von Repu- 
blik, andere von Unmündigkeit des Volks; an alle dem ist etwas 
Wahres uiul doch ist es nicht die yanze Wahrheit. Man hätte sich 
der Reaction nicht unterworfen, man hätte die Republik nicht ge- 
fürchtet, man hätte die Uiunündigkeit des Volks nicht in den Vor- 
dergrund geschoben, wenn man nicht seine eigene Misere dunkel ge- 
fühlt hätte. Man machte es wie die Geisteskranken, man suchte 
ausser sich, was im Innern steckte, man täuschte sich selbst durch 
Vors[)iegelung äusserer Hindernisse. Ganz natürlich, denn man war 
in einen psychopathischen Zustand gerathen. 

Gerade in dieser Beziehung hat unsere letzte Geschichte ein 
sjK'cielles Interesse für den Irrenarzt, und es würde sich wohl der 
Mühe; verlohiuMi, sie von diesem Standpunkte etwas weiter zu verfol- 
gen. AVir begnügen ims hier damit, aufmerksam zu machen, wie 
dasjenige, was bei dem einzelnen Individuum als Unfähigkeit des con- 
scipienten Denkens, als Autoritätsgl:nd)en, kurz als Ilennnung der 
Gchirntl'ätigkeit erscheint, jetzt als [)s ychische Kpidem ie in gröss- 
ter Ausdehnung auftritt. 

Selten ist es wohl Aerzten mö^-lich uewesen, in einer so kurzen 


Die Epidemien von 1848. 119 

Zeit so grosse Anschauungen epidemischer Verbreitung von Volks- 
krankheiten zu erlangen, als in diesen Monaten. Viele von uns haben 
den Typhus in Oberschlesien und die Cholera bei uns gesehen ^ bei- 
des somatische Epidemien von einer Ausdehnung, dass sie in ge- 
wöhnlichen Jahren die halbe Welt auf lange Zeit hätten beschäftigen 
können. Und doch ist ihr Andenken fast verwischt durch die grosse 
psychische Epidemie, in der wir uns eben noch befinden. Unsere 
Gesellschaft ist vielleicht die einzige, welche den beiden somatischen 
Epidemien die gebührende Aufinerksamkeit geschenkt hat; es fehlt 
nur noch an einer Verknüpfung unserer Erfahrungen zu grösseren 
und för unsere künftige Thätigkeit bestimmenden Resultaten. Möge 
CS mir gestattet sein, in dieser Beziehung einige vorläufige Gesichts- 
punkte aufzustellen. 

Bei Gelegenheit einiger Betrachtungen über die öffentliche Ge 
eiundheitspflege (Med. Reform No. 8) habe ich gesagt: „Epidemien 
gleichen grossen Warnungstafeln, an denen der Staatsmann von gros- 
sem Styl lesen kann, dass in dem Entwickelungsgange seines Volkes 
eine Störung eingetreten ist, welche selbst eine sorglose Politik nicht 
länger übersehen darf." Wenn dieser Satz wahr ist, welche Störung 
muss in dem Leben unseres Volkes eingetreten sein, dass im Laufe 
eines Jahres zwei verheerende somatische und eine noch verheeren- 
dere psychische Epidemie über uns hereinbrechen konnten! Freilich, 
man kann die Wahrheit jenes Satzes ableugnen; man kann andere 
Krklämngen finden, als ich gefunden habe. Warum nicht? Der 
Geist ist biegsam und die Thatsachen fügsam. Warum soll es nicht 
Kpidemien von Gottes Gnaden geben, da es Könige von Gottes 
Gnaden giebt? Gewiss, schon vor mehr als 3 Jahrtausenden sprach 
die indische Medicin von Krankheiten, die von den Göttern stammten; 
die Epidemien in Hellas kamen von den brennenden Geschossen des 
zürnenden Sonnengottes, und die Erche des Gesalbten hat sich nicht 
veranlasst gefühlt, den Glauben an die Schickung von oben för ab- 
geschafft zu erklären, und was erst gar die Geisteskrankheiten an- 
betrifft, so wissen wir ja, dass zahlreiche Volksstämme, wie noch jetzt 
<lie Araber, die Verrückten als Heilige betrachten, die unter dem 
Specialschutz Gottes und seiner Abgesandten stehen. 

Unsere naturwissenschaftliche Anschauung ist freilich weniger 
poetisch. Wir betrachten die Krankheit nicht als etwas Persönliches 
und Besonderes, sondern nur als die Aeusserung des Lebens unter 
veränderten Bedingungen, aber nach denselben Gesetzen, wie sie zu 
jeder Zeit, von dem ersten Moment an bis zum Tode, in dem leben- 
den Körper gültig sind. Mag demnach jemand geistig oder körper- 
lich, was unserer Anschauung nach gleichfalls keine Differenz ist, er- 
kranken, immer sehen wir dasselbe Leben vor uns mit denselben 
Gesetzen, nur dass diese unter anderen Bedingungen sich anders 
manifestiren. Jede Volkskrankheit, mag sie geistig oder körperlich 
sein, zeigt uns daher das Volksleben unter abnormen Bedingungen, 
und es handelt sich für uns nur darum, diese Abnormität zu er- 
kennen und den Staatsmännern zur Beseitigung anzuzeigen. Können 
wir die sofortige Beseitigung nicht erwarten, so müssen wir wenig- 


120 Volkskranklieiten und Souclien. 

slens nach den ^Mitteln suchen, die Kranklieit selbst so günstijj; als 
möglich verlaufen zu machen. 

Die «grosse psychologische Beweguni:^, welche von Frankreich im 
Februar d. J. austring, führt, wie ihre ersten Leiter zum Theil selbst 
erklärt haben, in ihren bewegenden Ursachen auf die deutsche Philo- 
sophie zurück, zunächst auf Hegel, weiterhin auf Kant, zuletzt auf 
Luther. Das Denken ohne Autorität, der Drang nach Geistes- 
freiheit sind ilire Grundlagen, und daher die Pressfreiheit, die Rede- 
freiheit, die Vereinsfreiheit ihre nächsten und unmittelbarsten Con- 
sequenzen. Aber die geistige Freiheit kann ohne die körperlich«» 
nicht bestehen; der autoritätslose Denker will auch zum autoritäts- 
losen Menschen werden; die gleiche politische Berechtigung, die <le- 
mokratischen breitesten Grundlagen sind die weiteren politischen For- 
derungen. Und wiederum der autoritätslose Denker, der Denker von 
Gottes Gnaden und der politisch freie Staatsbürger, der Mensch von 
Gottes Gnaden, wollen auch die Mittel ihrer Existenz und Entwick- 
lung, sie wollen Bildung und Wohlstand; die socialen Forderungen 
knüpfen sich logisch consequent an die politischen, und wenn es in 
diesem Augenblicke so Viele giebt, welche diese Forderungen ver- 
leugnen, wenn für jetzt die sociale P^rage in der persönlichen, in der 
Frage vom Königthinn untergegangen ist, so zeigt das eben den psy- 
chopathischen Zustand, in dem wir uns befinden. Die Bewegung 
selbst war logisch so cose([uent, wie möglich; die normalen Denk- 
gesetze, wie sie die Philosophie und die naturwissenschaftliche Beob- 
achtung festgestellt haben, sind überall bestimmend gewesen, und nur, 
dass man sie gehindert hat, unter normalen Bedingungen zur Aeus- 
serung zu kommen, das hat uns eine psychische Epidemie gebracht. 
Wie aber bei dem einzelnen Individuum die psychische Erkrankung 
mit einem melancholischen Stadium beginnt, dann gewöhnlich zu einem 
furibunden fortschreitet, in ein depressives übergelit, sich allmählich 
zur Heilung oder zum l^lödsinn fortbildet oder von Neuem in ein 
furibundes Stadium umschlägt, so ist es auch mit unserer Volkskrank- 
heit ge^ani^en. Wir befinden uns naturwissenschaftlich richtiic in dem 
depressiven Stadium und dürfen uns nicht wundern, wenn Alles, was 
klein, niedrig und widerstandsunftiliig (schwacli) ist, jetzt zur Er- 
scheinung kommt. Die Prognose ist zweifelhaft, die Behandlung 
schwankend. Manche besonders kluge Aerzte wollen die deprimiren- 
den Mittel fortij^esetzt sehen und halten weder den Eintritt des blöd- 
sinnigen Stadiums, noch die Rückkelir des furil)unden für wahrschein- 
lich: andere wollen durch ein einziges, wie auch immer zusammen- 
gesetztes Recept die Krankheit helien, denn sie glauben, es komme 
l)ei der Behandlung von Geisteskranklieiten auf Recepte av. und nicht 
auf die Manifestation der organischen Gesetze, welche den Körper 
regieren. Diesem Allen halten wir den l)ekannten psychiatrischen 
Grundsatz entgegen, dass der Cieisteskranke mir durch sich selbst, 
bei einer mötclichst unl)emerkbaren ]):idai,^oi!:ischen Einwirkunn, ircsun- 
den kann, dass aber alle Recepte den normalen Zustand nicht sichern. 

Die von der Philosophie ausgegangene pyschologische Bewegung 
erreichte, wie wir gesehen haben, iliren Höhepunkt in der socialen 


Die Epidemien von 1848. l'il 

Frage. Dless war nicht bloss logisch cousequent, sondern auch ma- 
teriell nothwendig, und eben weil es so natürlich und so nothwendig 
war, darum hfttte es auch das ganze Volk leicht begreifen können, 
wenn man ihm nur einigermaassen die Sache klar gemacht hätte. 
Jetzt leidet es durch seine eigene Dummheit Schaden. Wozu ist 
denn der T3rphu8 und die Cholera dagewesen? wozu sind alle diese 
Tausende von Proletariern gefallen, während die wohlhabenden Klas- 
sen des Volks nur vereinzelte Opfer bringen mussten? Wahrlich, 
wenn die Epidemien von Gott kommen, so kann er sie doch nur 
geschickt haben, um den Menschen Erkenntniss zuzuführen, oder um 
eie zu strafen fbr ihre Dummheit. 

In England hat man es längst eingesehen, dass es eine unge- 
heure Menge von Erkrankungen und Todesfällen giebt, welche bei 
einer vernünftigen Einrichtung der öflFentlichen Gesundheitspflege zu 
vermeiden wären und welche, wenn sie vermieden würden, für den 
National-Wohlstand eine enorme Steigerung herbeiführen würden. 
Bei uns lässt sich eine ähnliche Berechnung auch annähernd noch 
nicht anstellen, weil uns alle statistischen Grundlagen fehlen, allein 
gerade die Epidemien zeigen uns, bis zu welchem Maasse unsere ge- 
sellschaftlichen Zustände einen ähnlichen ungünstigen Einfluss auf die 
Volksgesundheit ausüben, als es in England nachgewiesen ist. — Ja, 
wir müssen sogar glauben, dass wir noch ungünstigere Zahlen erhal- 
ten würden, wenn wir sehen, dass bei uns jährlich 6 von Tausend 
Menschen mehr sterben als in England, oder mit anderen Worten, 
dass von den 16 Millionen Menschen, welche in Preussen leben, 
jährlich 96000 weniger sterben würden, wenn sie in England lebten. 

Schon vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts stellte ein geist- 
reicher Denker in Frankreich, der Abb^ de St. Pierre (^Ouvra(/eft 
de pditique, T, V, Roterd, 1133)^ der sich vielfach mit staatsuconomi- 
schen Fragen beschäftigte, ähnliche Betrachtungen an. Er sagt: 
«Wenn man alle Jahre dem 40. Theile derer, welche (in Frankreich) 
sterben, d. h. 125000 Personen das Leben um 10 Jahre, einen auf 
den andern gerechnet, verlängern könnte, würde das nicht dem Staat 
einen sehr grossen Vortheil verschaffen?** Diese Verlängerung des 
Lebens hofft er von einer Vervollkommnung der Medicin und man 
muss zugestehen, dass er nicht ganz Unrecht hat; ungleich grosser 
würde aber jetzt der Erfolg sein, welchen eine Veränderung der ge- 
eellschaftlichen Zustände herbeiführen müsste. 

Denn sehen wir nicht überall die Volkskrankheiten auf Mangel- 
haftigkeiten der Gesellschaft zurüokdeuten? Mag man sich immerhin 
auf Witterungsverhältnisse, auf allgemeine kosmische Veränderungen 
und Aehnliches beziehen, niemals machen diese an und für sich Epi- 
demien, sondern sie erzeugen sie immer nur da, wo durch die schlech- 
ten socialen Verhältnisse die Menschen sich längere Zeit unter ab- 
normen Bedingungen befanden. Der Typhus würde in Oberschlesien 
keine epidemische Verbreitung gefunden haben, wenn nicht ein kör- 
perlich und geistig vernachlässigtes Volk dagewesen wäre, und die 
Verheerungen der Cholera würden ganz unbedeutend sein, wenn die 
Krankheit unter den arbeitenden Klassen nur soviel Opfer f&nde, als 


122 Volkskrankheiteii und Seuchon. 

unter den wohlhabenden. Denn warum haben sowohl die einzelneu 
Krankheiten, als die Epidemien durchgängig bei uns einen viel mil- 
deren Charakter, als im Mittelalter, wo Epidemie auf Epidemie folgte? 
Nur desshalb, weil Klassen der Bevölkerung zum Genüsse des Lebens 
gekommen sind, welche damals fast ganz ausgeschlossen davon waren, 
und weil die wohlhabenden Klassen jetzt unter wirklich hygienischen 
Bedingungen zu leben gewohnt sind, während sie damals in Schmutz, 
Völlerei und Unbequemlichkeit ihr Leben hinbrachten. Wo sind die 
Scorbut-Epidemien, wo die vielen arthritischen Erkrankungen geblie- 
ben; welche noch das vorige Jahrhundert erzeugte? Welche Aehn- 
lichkeit hat die Syphilis unserer Zeit mit der S3q)hilis des 16. Jahr- 
hunderts? Nun meine Herren, das ist die Aufgabe der Menschheit, 
die Tuberkulose zu Oberwinden, wie der Scorbut überwunden ist; 
der T3q)hus, die Intermittens, die Cholera müssen beschränkt werden, 
wie die Gicht, die Sjrphilis, die Pocken beschränkt worden sind. 
Lassen Sie uns nicht vergessen, dass in unserer Zeit alles schneller 
geht, als vor einigen Jahrhunderten, und dass wir nicht auf unsere 
Enkel zu schieben haben, was wir selbst als richtig anerkannt haben. 
Unsere Aufgaben sind viel klarer und bewusster, als je eine Gene- 
ration die ihrigen vor sich gehabt hat; jede neue Kevolution wird sie 
klarer vor sich sehen und schneller exekutiren. 

Mit Recht hat Julius Fröbel gesagt, daas ,,die Umwandlun- 
gen, welche in der europäischen Menschheit begonnen haben, minde- 
stens so wichtig sind, wie die, welche vor sich gingen, als auf den 
Trflmmern des Alterthums die christliche Weltanschauung entstand. "^ 
Aber wie ganz anders sind die Verhältnisse! Welche Verallgemeinerung 
und Verbreitung der Bildung, welche Verminderung der Vorurtheile, 
welche Mittel einer schnellen Mittheilung und welche Aussichten auf 
schnelles Verständnissl Die Perioden zwischen den grossen Revolu- 
tionen der Menschheit müssen sich in unglaublich grossen Verhält- 
nissen verkürzen. Wie lang ist der Zeitraum von der Begründung 
des Christenthums bis zur Reformation und wie kurz der von der 
Reformation bis zu uns: 15 Jahrhunderte und 3 Jahrhundertel Und 
welche ungeheuren Veränderungen sind in diesen 3 Jahrhunderten 
über die Welt gegangen! Und wieder, welche Aehnlichkeit hat jene 
Zeit mit der unsrigen! Nur, dass wir in Monaten erleben , was da- 
mals Jahre kostete. 

Wenige Jahre genügten im 16. Jahrhundert, die grosse psycho- 
logische Bewegung über alle civilisirten Theile von Europa zu führen. 
Deutschland wurde der Sitz der eigentlichen Kämpfe; in jedem, 
auch noch so kleinen Orte beinahe bildete sich der wüthendste Par- 
teihass aus; falsche Propheten erhoben sich; Mord, Brand, Bilder- 
stürmerei und Bauernkrieg verheerten unser Vaterland, und es ge- 
schahen Dinge, die niemand für möglich gehalten hatte. Alles wurde 
Luther zugeschoben; er war der Gegenstand der äussersten Anfein- 
dung von den Fanatikern der Ruhe und die Reaction rüstete sich, 
mit roher Gewalt die Errungenschaften des Geistes zu vernichten. 
Ueberall Fanatismus und Schreckensherrschaft! Und da, inmitten 
dieser Zeit der Aufregung, begann zum viertenmale jene geförchtete 


Die Epidemien von 1848. 1*23 

Epidemie, die an den Ufern der Themse und der 8evern ihren Ge- 
burtsort hatte, der englische Schweiss, sich auszubreiten. Eras- 
mus von Roterdam sagt von dieser Zeit: Ntisqiiam pax, nulhini Her 
titium esty verum cliantate, penu7*iay fame, pestilentia laboratur ubique, 
Jterffs dissecta sunt omnia: ad fanfam mcdof*um lerncmi accesait letalis 
mdor, multos inter horas octo tollens e media. Im Jahre 1526 er- 
schien die gefiihrliche Seuche, unaufhaltsam von West nach Ost vor- 
wärts eilend, in Deutschland, und bald verbreitete sie sich über den 
ganzen Osten Europa's. — Nichts gew&hrt eine grössere Aehnlichkeit 
mit unseren Zuständen, als diese Seuche in einer so aufgeregten Zeit, 
nber welche Heck er 's klassische Schilderung nachzulesen ist; keine 
Krankheit bietet eine grössere Analogie mit der Cholera, als der 
englische Schweiss, den man die umgekehrte Cholera nennen möchte. 
Denn während er von Ost nach West ging und die Haut sich in 
wässerigen Absonderungen erschöpfte, sah man auch ihn wie die 
Cholera sich springend in einer Richtung fortbewegen und neue 
Heerde bilden, von denen die Krankheit sich ausbreitete, während 
dahinter liegende Orte und Länder frei blieben oder erst ungleich 
später befallen wurden. Auch der englische Schweiss verlief in einer 
unglaublich kurzen Zeit, oft in wenig Stunden, höchstens in einem 
Tage; auch er brachte Cyanose, Dyspnoe, Angst, heisere Stimme, krampf- 
hafte Schmerzen, Erbrechen und endlich einen schlafsüchtigen Zustand; 
auch er befiel hauptsächlich Menschen in dem kräftigsten Alter, — kurz, 
wenn irgend etwas Aehnlichkeit hat, so sind es diese Zustände. — 
Und was erzeugten endlich diejenigen, welche sich der Bewegung 
entgegenstemmten? Lange klaubten sie an den symbolischen Büchern 
herum und suchten die alten Satzungen festzuhalten, bis der 30jährige 
Krieg kam und überall hin Schrecken, Demoralisation und Verarmung 
brachte, und als der vorüber war, da folgte ein Zeitalter der Verdum- 
mung und des Blödsinns. Aber der Geist der neuen Zeit war nicht 
gebändigt, und die, welche ihn gedrückt hatten, hatten keine Freude 
davon gehabt. — 


n. Die Yolkskrankheiten. 

(Medicinisclie Keform No. 51 yom 22. Jnni 1849.) 


Gesundheit und Krankheit sind natürlich immer das Eigenthum 
von Individuen, da das Leben nicht an den Massen, sondern nur <an 
den Einzelnen zu Stande kommt. Es gibt indess gewisse Verhältnisse 
des Lebens, welche ganze Völker oder grössere Bruchtheile von Völ- 
kern gemeinschaftlich treffen, und obwohl auch hier immer die Indi- 
viduen mit ihrem Sonderleben die Träger und der Ausdruck der 


124 Volkskrankheitoii und Seuchen. 

noriiialen oder abnormen Zustände und Bedingungen sind, so können 
die Lebenserscheinungen in ihrer durch räumliche oder zeitliche Be- 
dingungen veränderten Weise sich doch so massenhaft darstellen, da^s 
wir von der Gesundheit und Krankheit des Volkes, wenn auch in 
abstracter, so doch nicht in idealer Art sprechen dürfen. Die reale 
Sorge für die Gesundheit der Einzelnen wird immer den kleineren 
Kreisen der Freunde, der Familie oder der Gemeinde anvertraut 
bleiben müssen, und wir sind keineswegs der Meinung, dass diess 
Alles Sache des Staats, der Gesammtheit sein müsse, wie es manche 
Socialisten der neueren Zeit verlangen, da wir im Gegentheil der 
Centralisation des Lebens in der Hand der Staatsgewalten mit aller 
Kraft entgegenstreben, und jene Mannichfaltigkeit, jenen Reichthum 
des Einzellebens, welchen wir als die Aufgabe des Humanismus in 
dem Streben nach der Befriedigung der wahrhaft menschlichen Be- 
durfhisse erkennen, nur in der möglichsten Befreiung des selbstbewuss- 
ten Individuums erblicken. 

Die Medicina publica, die öffentliche Gesundheitspflege ist dem- 
nach in der Ausdehnung, wie sie in diesem Augenblicke und wahr- 
scheinlich noch Jahre lang bei uns aufgefasst werden muss, nur durch 
die bureaukratische Centralisation bedingt; sobald die Sclbstregierunix 
des Volks in seinen kleineren topographischen Theilen, in den durch 
die Mannichfaltigkeit der Interessen gesetzten natürlichen Abgrenzun- 
gen gewährleistet wird, muss auch die Staatsarzneikunde sich auf das 
Gebiet zurückziehen, welches jenseits des Gemeinde-Lebens liegt. Dann 
wird auch die socialistische Gestaltung, welche gegenwärtig dem öffent- 
lichen Unterricht nach den Erklärungen des Ministeriums gegeben 
werden soll und welche durch unsere verkehrten gesellschaftlichen 
Zustände gerechtfertigt werden kann, ihre Berechtigung verlieren. 

Von unserm Standpunkte aus, der der naturwissenschaftlich-ma- 
terialistische ist, sind die öffentliche Gesundheitspflege und der öffent- 
liche Unterricht .nicht zu trennen, da sie beide auf die Cultur, auf die 
normale Entwickelung und Erhaltung derselben, durch die Lebensvor- 
gänge einheitlich verbundenen Körpertheile hinauslaufen und sich, 
nicht gegenseitig bedingen, sondern durchaus einschliessen. An den 
Waisenhäusern tritt es so recht heraus, wie Beides nur dasselbe ist, 
und wenn man zwischen der Schule und dem Irrenhaus, dem Turn- 
platz und der Krankenanstalt noch einerseits Anstalten für Blödsin- 
nige und Taubstumme, Bewahmnstalten für verwahrloste Kinder, 
Besserungsanstalten für Verbrecher, andererseits gymnastisch-orthopä- 
dische Institute, Schwimm-, Bade- und Wasserheil-Anstalten einge- 
schoben hat, so drückt sich darin mehr das Bedürfniss nach einer 
Theilung der Arbeit, welches in unserer Zeit überall hervortritt und 
in seinem Gefolge wiederum das Associations-Bedürfniss hervorbringt, 
weniger eine wirklich innerliche j^Differenz aus. 

Wie die Individuen ihre somatischen imd psychischen Krankhei- 
ten haben, welche weiter nichts bedeuten, als die Aeusseiiingen der 
normalen Lebens- und Denkgesetze unter abnormen Bedingungen, so 
sehen wir auch somatische und psychische Volkskrankheiten in grosser 
Ausdehnung, und wie wir bei den Individuen keine Grenze zwischen 


l)ie Volkskrankheiten. 125 

der Geisteskrankheit und dem gewöhnlichen Denken, zwischen der 
veränderten Sekretion und Nutrition und dem gewöhnlichen Stoff- 
wechsel finden können, so sehen wir auch bei den Massen die all- 
mähliche und unmerkliche Steigerung von dem Einen zu dem Andern. 
Der Geisteskranke denkt an sich eben so normal, wie der sogenannte 
Gesunde, denn da die Bedingungen, unter denen die Bewegungsphä- 
nomene seines Gehirns hervortreten, abnorme sind, so müssen noth- 
wendig ihre^Manifestationen andere, als gewöhnlich, sein. Die Furcht 
der Besitzenden, welche jetzt als eine psychische Epidemie in Europa 
auftritt, ist allerdings ein Wahnsinn und hat das mit dem gewöhn- 
lichen Wahnsinn gemein, dass er zur Abwehr des Gefürchteten gerade 
<lie Mittel ergreift, welche seinen Zustand steigern und die äusseren 
Verhältnisse dennaassen zerrütten und verwirren, dass endlich das Ge- 
filrchtete wirklich wird. Allein dieser Wahnsinn ist durchaus gesetz- 
mässig unter den abnormen Bedingungen, unter denen sich die euro- 
päische Gesellschaft befindet, und wie man sich auch anstellen mag, 
so wird er seine Consequenzen ziehen, wenn die Bedingungen nicht 
ireändert werden. Die einfachste Prognose, wie sie die naturwissen- 
schafdiche und historische Auffassung der Entwickelung der Menschheit 
ire währt, muss uns lehren, dass der Wahnsinn sich vollendet, indem 
er seine Träger vernichtet und die kommenden Generationen durch 
seine eigene Vernichtung emancipirt. Im Alterthum hat man das 
Fatum genannt. Wie der blinde Oedipus, tastet sich die jetzige Ge- 
sellschaft immer tiefer in ihren beklagenswerthen Wahnsinn hinein, 
und indem sie sich selbst ihre Feinde schafft, dieselben stärkt und 
endlich zu extremen, also wiederum wahnsinnigen Mitteln treibt, so 
erzeugt sie selbst ihre Vernichtung, sie erfüllt das Geschick, welches 
das Orakel ihr prophezeit hat, und sie hinterlässt ihre Widersacher 
auf einem Standpunkte der Exaltation, der selbst wiederum deren Fall 
in sich schliesst. 

Wir, als die ruhigen, wenn auch nicht immer leidenschaftslosen 
Beoba.chter dieser weltgeschichtlichen Tragödie, sehen den Zeitpunkt 
vorübergegangen, wo eine Heilung, ein allmähliches Zurückführen zu 
normalen Lebensbedingungen möglich war. Wir haben die Geistes- 
krankheiten an Individuen zu oft beobachtet und wir wissen, welche 
Garantien die Heilung bietet, wenn die Krankheit eine gewisse Zeit 
lang mit Heftigkeit bestanden hat. Meist ist die Heilung täuschend; 
sie dauert eine kurze Zeit und gewöhnlich bringen bald neue Exal- 
tationen das melancholische Stadium mit grösserer Heftigkeit und fiu'i- 
bunden Intervallen. Die Vernichtung des Individuums beendigt end- 
lich die lange Reihe der Recidive, wie erst nach der Vernichtung 
ganzer Generationen die Leidensgeschichte der Menschheit durch 
kurze Jahre des Friedens und der Cultur unterbrochen wird. 

Gegenüber einer Geschichte, welche Jahrtausende umfasst, wäre 
es eine Thorheit, den politischen Aerzten, welche uns von Neuem in 
die Lage gesetzt haben, die Vernichtung, die spontane Auflösung einer 
Generation abwarten zu müssen, Vorwürfe machen oder ihnen in's 
Gewissen reden zu wollen. Ihre Absicht war vielleicht nicht bös- 
\^illig, aber sie hatten vergessen, dass in Zeiten grosser Bewegung 


126 Volkskrankheiten und Seuchen. 

stets die äussersten Consequenzen gezogen werden, dass die Bewegung 
ihre Wellen bis weit auf das Gestade wirft und dass noch niemals 
die Hand, welche sie erregt hatte, mächtig genug gewesen ist, ^e 
Brandung des Ufers zu Oberwinden. Auf der hohen See steuert es 
sich leicht; nahe am Ufer kommen die Sandbänke und aus der Tiefe 
erheben ungeahnte Riffe von Conülen sich an die Oberfläche, junge 
Geschlechter, welche neue Inseln, neues fruchtbares Land der alten 
Oberfläche hinzufügen werden. Die politischen Aerzte vergessen, dass 
man genötliigt wird, dem ersten falschen Schritt neue hinzuzufügen, 
dem ersten falschen Denken das neue anzureihen, dass die Ereignisse 
die Personen zu Consequenzen zwingen, an welche sie zuvor nicht 
gedacht hatten. 

Abnorme Bedingungen erzeugen immer abnorme Zustände. Krieg, 
Pest und Hungersnoth bedingen sich gegenseitig, und wir kennen 
keine grosse Periode in der Weltgeschichte, wo dieselben nicht in mehr 
oder weniger grosser Ausdehung neben oder kurz nach einander zur 
Erscheinung gekommen wären. Bei einer andern Gelegenheit haben 
wir eine Parallele zwischen den Zeiten der Beformation und der un- 
serigen gezogen. Auch damals der grosse Umschwung der Gemüther, 
die krasse Parteistellung, die wahnsinnigen Extreme, auch damals 
Bauernkrieg, Empörung, grosse Schlachten, auch damals Hungersnoth, 
Unsicherheit, Unruhe und endlich die grosse Epidemie des englischen 
Seh weisses. Heute — wo ist Buhe und Ordnung, wo ungestörter 
Verkehr und Wohlstand, wo Gesundheit? Innerhalb desselben Jahres 
hat die Cholera zum zweitenmal ihren Umgang durch die Städte be- 
gonnen. Halle ist in einer Weise decimirt, die an die schlimmsten 
Epidemien des Mittelalters erinnert. Breslau liefert aus allen Ständen 
reiche Opfer. In Berlin durchseucht die Krankheit einzelne Familien 
und Häuser in einer Art, welche f&r die Wiederkehr heisser Tage 
vielleicht in wenig Wochen eine ungeheure Niederlage anzuzeigen 
scheint. Wien leidet, ganz England ist befallen, in Paris wirft die 
Krankheit die sichersten Stützen der „Ruhe und Ordnung** zu Boden, 
in Russland ist sie seit zwei Jahren stationär geworden. Woher diese 
ungewöhnliche Heftigkeit und Dauer der Krankheit? woher dieses 
Auftreten gerade in diesen Zeiten, wo schon ohne eine Welt-Epidemie 
die Völker genugsam leiden? Se. Majestät Friedrich Wilhelm IV., 
von Gottes Gnaden König von Preussen, geruhten einmal im Laufe 
des vorigen Jahres zu äussern, die Cholera erreiche immer in den 
Jahren ihre grösste Heftigkeit und Verbreitung, wo die meisten Eide 
gebrochen würden. Wir vermögen nichts zu sagen, was dieses g^t- 
reiche uad bewusste Eingehen in die Geschichte, insbesondere der 
gegenwärtigen und nächstvergangenen Zeit, irgendwie erschüttern 
könnte. Gewiss ist nie mehr Treulosigkeit den Vertrauensvollen ent- 
gegen getreten, als in diesen Jahren; niemals sind Eide, und die feier- 
lichsten, so werthlos gewesen. Aber die Jahre, wo die Eidbrüche 
epidemisch werden, sind auch die Jahre des Wahnsinns im Grossen, 
die Jahre der abnormsten Bedingungen, und wir haben allerdings die 
Ueberzeugung, dass das Zusammentreffen solcher Cholera- Epidemien 
>it solchen zerrütteten Zuständen, wie jetzt, keine Zufälligkeit ist 


Die Tolkskrankheiten. 127 

Im vorigen Jahre war es das Proletariat und der niedere Börger- 
ptand, welche die meisten Opfer lieferten; gegenwärtig berührt die 
Epidemie schon die stolzen Träger der Wissenschaft, des Kriegs- 
ruhmSy der Politik. Die somatischen Krankheiten fangen an, ein Ge- 
i^enstand der hohen Politik zu werden. 

In Ungarn haben wir zwei feindliche Heere Wochenlang ein- 
ander gegenüber liegen gesehen; die Augen von ganz Europa waren 
auf diesen Punkt gerichtet, und manches Herz zitterte, wenn es dai*an 
dachte, dass an diesem Punkt die Geschicke von Millionen, von gan- 
zen Generationen entschieden, dass die Culturgeschichte der europäi- 
schen Völker hier auf Jahrhunderte bestimmt werden könnte. Sollte 
in dem slavischen Völkerleben die Freiheit begründet werden? soll- 
ten diese weiten Stämme in die Culturbewegung der Menschheit ein- 
treten? Die Geschichte der Medicin, d. h. die Geschichte der Stö- 
rungen, welche die Entwickelung, die Cultur unterbrochen haben, ist 
mit jenem Punkte wohl bekannt. Die Gegend zwischen Pressburg 
und Komom war es, wo die europäische Cultur zu wiederholten 
Malen der Barbarei, dem Despotismus, dem Fatalismus des Orients 
kriegerisch gegenüber stand. Hier und in der Nähe sind die grossen 
Felder, auf denen die Türkenschlachten geschlagen wurden, wo 
die Invasion der orientalischen Horden in das Herz Europa's von den 
Magyaren und den besten Männern Deutschlands zurückgeworfen ist. 
Aber hier ist es auch, von wo im 16. Jahrhundert die Krankheiten, 
welche fort und fort die ungarischen Niederungen durchziehen, der 
Tsömör und der Hagymatz, eigenthümliche typhöse, mit E^atarrhen 
verbundene Krankheiten, auf die deutschen Heere übergingen, sich 
zu den grossen Epidemien der sogenannten ungarischen Hauptkrank- 
heit entwickelten und von den heimkehrenden Heerschaaren weithin 
über das deutsche Land und über seine Grenzen hinaus verschleppt 
wurden. Schon das Reichsheer unter Kurfürst Joachim H. von Bran- 
denburg wurde durch eine solche Seuche total vernichtet und zer- 
streut. Aber im Jahre 1566 brach im Lager von Komom und bei 
Baab die grosse Epidemie aus, welche Thomas Jordanus beschrie- 
ben hat und die von den Söldlingen des aufgelösten Heeres nach 
Wien und von da über ganz Deutschland, Italien und Holland ge- 
tragen wurde. An diesen Punkten ist es, wo jetzt wieder das ver- 
einigte russisch-österreichische Heer durch Cholera und Typhus Nie- 
derlagen erfahren hat, welche verlorenen Schlachten gleichen; von 
hier wird vielleicht nochmals die deutsche Welt mit einem Produkt 
beschenkt werden, das man seit dem Mittelalter vergessen hatte. 
Warum sollte es nicht geschehen in einer Zeit, wo man die Politik 
des Servius Tullius wieder au%efrischt hat? 

Vielleicht werden uns diese grossen Epidemien der akuten Krank- 
heiten die ungleich grösseren der chronischen aus der Erinnerung 
bringen. Vielleicht werden wir in einer Zeit, wo die Nicht -Tuber- 
kulösen an Cholera und Typhus in hellen Haufen zu Grunde gehen, 
an die Hunderttausende nicht denken, welche alljährlich in unseren 
Städten einem vorzeitigen Tode durch Tuberkulose verÜEdlen. Man 
denkt ja so oft über dem neuen, ungewohnten Elend an das alte, 


128 Volkskrankheiten und Seuchen. 

i^rewohnte weniger; ja man wünscht sich zuweilen ein so recht akute> 
Elend, um das Jahrelange endlich loszuwerden. Die nächste Zeit 
wird darüber entscheiden. Das aber möge Niemand, weder der po- 
litische, noch der medicinische Arzt hoffen, dass wenn die Choleni 
und der Typhus beseitigt sein werden, die Tuberkulose, welche en- 
demisch ist, ohne Berücksichtigung bleiben darf, oder dass wenn der 
Aufruhr gebändigt, die psychische Epidemie ihre Erfüllung gefunden 
hat. Die abnormen Lebensbedingungen, welche beide bedingen, blei- 
ben auch nachher, und es ist nicht mit palliativen Mitteln zu helfen, 
es bedarf radicaler. Diese handelt es sich zu studiren und vorzube- 
reiten. In den Zeiten des Sturmes müssen die Vortheile der Wellen 
benutzt werden; wenn das Meer sich wieder ebnet, dann sind die 
kräftigen Strömungen der Luft mit vollen Segeln einzufangen. 


HL Die Cholera. 


1. Die Epideaie vor 1848. 

(Medicinische Reform von 1848.) 

Anfang der Epidemie: Berlin, am 31. Juli. (Medicinische Re- 
form No. 5. vom 4. August 1848. S. 28.) Nachdem unser wurmkundiger 
College, Hr. Dr. Ippel, die öffentliche Aufmerksamkeit vor einigen 
Wochen schon auf das Erscheinen der Cholera vorbereitet hatte, sahen 
wir dieselbe sich allmähUch mehr und mehr nähern. Endlich haben wir 
einen Fall vor Augen gehabt, der uns kaum noch an der Anwesenheit des 
gefürchteten Gastes unter uns zweifeln lässt. Ein Fuhrmann vom SchifT- 
bauerdamm, der in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag um 
2 Uhr plötzlich unter heftigem Durchfall, Brechen und krampfhaften 
Erscheinungen erkrankte, sehr bald ein cyanotisches Aussehen bekam, 
pulslos- und marmorkalt wurde, während er über brennende Hitze 
innen klagte, und um 9*, 2 Uhr (nach 7' 2 Stunden) in der Charit^ 
etarb, wurde heute im Leichenhause secirt. Es fand sich im ganzen 
Darmkanal kein Koth, sondern eine sehr reichliche, haferschleimartige, 
etwas flockige, wenig riechende, alkalische Flüssigkeit, welche Eiweiss, 
Natron-AIbuminat, Epithelialfetzen und zahh*eiche Vibrionen enthielt. 
Die Därme waren davon sehr ausgedehnt; die venösen Gefässe so- 
wohl der serösen, als der Schleimhaut längs des ganzen Dünndarm- 
traktus stark hyperämisch; die Schleimhaut succulenter, als normal, 
und die Darmfollikel , besonders die solitären, vom Magen bis zum 
After bedeutend vergrössert. Die Gekrösdrüsen waren etwas ver- 
grössert und an der Peripherie markig infiltrirt; die Milz um das 
4 — 5£ache vergrössert, sehr prall, die weissen Körperchen gleichfalls 
um das 3 — 4 fache vergrössert, die Pulpe dunkelroth und fester, als 
normal. Das Blut war im rechten Herzen und den Venen sehr 
reichlich angehäuft; es war schlecht geronnen, syrupartig, dunkel- 


Die Cholera. 129 

blauroth, mit sehr wenigen speckhftutigen Klumpen untermischt. Die 
mikroskopische Untersuchung zeigte die rothen Blutkörperchen nor- 
mal, die farblosen (welche stark granulirt, theils einkernig, theils 
mehrkernig, theils mit hufeisenförmig verwachsenen Kernen versehen 
waren) ausserordentlich vermehrt; fremde Beimischungen (z. B. Vi- 
brionen) waren nicht wahrzunehmen. Die venöse H3rperämie fand 
sich bis in die äussersten Verzweigungen der Venen, so dass sie an 
<ler äussern Haut, dem Netz, der Pia mater, der corticalen Hirnsub- 
stanz, den Nieren, ausserordentlich deutlich war. Die Leber war 
dunkel graubraun, die Galle ziemlich reichlich, dunkelgelbbraun; die 
Harnblase leer; die Lungen stark aufgebläht, blassröthlich, etwas öde- 
matos. Sehr bedeutende Todtenstarre, auch am Herzen. Ausserdem 
soll bereits in der Stadt ein zweiter Todesfall vorgekommen sein. 

Am 1. August. Heute ist ein neuer Cholerakranker in die 
Charit^ aufgenommen worden; derselbe ist von einem Kahn, der vor 
3 Wochen aus Stetün ankam und am Schiffbauerdamm liegt, und 
auf dem am Sonntag den 30. eine Frau unter denselben Erscheinun- 
gen in Zeit von einem halben Tage gestorben ist. Der Mann erkrankte 
Sonntag Abends mit Durchfall, am Montag gesellte sich Erbrechen, 
sehr bald Wadenkrämpfe hinzu. Als er heut in die Charit^ kam, 
war er fast pulslos, kalt, cyanotisch, die Haut, in Falten aufgehoben, 
blieb stehen, die Zunge weisslich belegt und kalt, die Stimme heiser, 
die Muskeln krampfhaft contrahirt. Die Stuhlgänge waren sehr zahl- 
reich, ganz dünn, leicht flockig, wie dünner Haferschleim, alkalisch, 
und enthielten viel kohlensaures Ammoniak, Epithelialfetzen und wim- 
pemde Monaden. Nach einem heissen Kalibade und Reizmitteln 
innerlich ist Schweiss eingetreten und der Zustand des Kranken 
bessert sich. 

Am 3. August. Heute ist. eine an der Cholera gestorbene Frau 
aus der Ackerstrasse secirt, ein neuer Kranker in der Charit^ gestor- 
ben. Auch der frühere Kranke ist heute gestorben. 


Aus den Verhandlungen der Gesellschaft für wissenschaft- 
liche Medicin zu Berlin*). 

Sitzung vom 4. September 184 8. (Medicinische Reform 
No. 10 vom 8. September 1848. S. 64.) Hr. Virchow beginnt 
einen weitläufigeren Bericht über die Resultate der von ihm bis 
jetzt gemachten 70 Cholera -Sectionen, namentlich in dem Sinne, 
um darnach die Frage nach der Natur der Cholera, ob local oder 
allgemein, zu einer grösseren Klarheit zu bringen. Er hebt im 
Eingange hervor, dass die HH. Pirogoff und Grub er in Peters- 
burg sich für die primär- locale Natur ausgesprochen haben, weil 
auch die frischesten Fälle bei der Autopsie schon die gewöhn- 
lichen Veränderungen am Darm zeigten; er zeigt, wie in diesem Falle 
die Veränderungen des Blutes und die Erscheinungen am Nerven- 
apparat als unmittelbare Folgen der am Darm geschehenden Vorgänge 

R. Virehow, OeffenÜ. Medicin. 9 


130 Volkskrankheiten und Seuchen. 

zu betrachten wären. Die Veränderungen am Darm bestehen wesent- 
lich in gleichmässiger Affektion der ganzen Schleimhaut, nicht der 
Danndrüsen. Allerdings sind die Solitärdrusen meistens, zuweilen 
auch die Peyer'schen erkrankt, allein ihre Veränderung ist nicht so 
constant, als die Veränderung der Schleimhaut. Was insbesondere 
das Platzen der Peyer'schen Follikel anbetrifft, so scheint diess nur 
ein Leichenphänomen zu sein; bei frisch secirten Leichen hat es sich 
nicht gefunden, dagegen hat es sich durch Einlegen der Därme in 
Wasser künstlich machen lassen ^). Es ist also Folge des Eintritts von 
Flüssigkeit in die Höhle des Follikels und der Maceration seiner Wan- 
dung, Die Veränderungen der Darmschleimhaut stehen den verschiedenen 
Graden der katarrhalischen und diphtheritischen ^) Schleimhautentzün- 
dungen gleich. Die letzteren haben sich namentlich in den letzten 
Wochen sehr häufig gefunden. Sie beginnen mit intensiven Hyper- 
ämien der Schleimhaut, denen bald Extravasationen in das Parenchvni 
und in die Darmhöhle (blutige Stuhlgänge) folgen. Dann geschieht 
in die oberflächlichen Schichten der Schleimhaut ein, anfangs geringe!«, 
grauweisses Exsudat, das bald zunimmt, weiss und undurchsichti:; 
wird, sich mit Gallenfarbstoff tränkt und einen schmutzig gelben 
Ueberzug bildet. In dieser Zeit zeigt es sich unter dem Mikroskop 
als eine amorphe, kömige Einlagerung in das Bindegewebe. Selir 
bald beginnt dann eine Nekrose der mit dem Exsudat gefüllten Theile, 
das Bindegewebe wird macerirt, fällt endlich ab und hinterlässt eine 
obei-flächlichere oder tiefere Erosion. Der Process gleicht also sehr 
dem dysenterischen, unterscheidet sich von ihm aber durch die Art 
seiner Verbreitung. Am exquisitesten fand er sich am untern Theil 
des Dünndarms, zuweilen in einer Ausdehnung von 4 — 6 Fuss. — 
Die während der Zeit des katarrhalischen Stadiums abgesonderte 
wässerige Flüssigkeit ist zuweilen eiweisshaltig, zuweilen, wie 
namentlich Hr. Güterbock beobachtet hat, bloss salzhaltig. — 
Die Gekrösdrüsen sind immer verändert, denn alle Fälle, wo ihre 
Veränderung nicht sehr bemerkbar ist, lassen sich auf bestimmte Be- 
dingungen zurückführen. Ihre Veränderung besteht darin, dass unter 
einer massigen Hyperämie sich vom Umfange her ein weissliches, 
unter dem Mikroskop kömig erscheinendes Exsudat infiltrirt, das zu- 
letzt die ganze Drüse erfüllt, und ihr ein gelblich weisses, homogene.*, 
glattes Ansehen (auf der Schnittfläche) giebt, so dass, wie Hr. Gru- 
ber sagt, sie der Häringsmilch gleicht. Diess ist ganz charakteri- 
stisch, zumal da die Hauptveränderung sich an den zum Duodenum 
gehörigen Drüsen vorfindet*). Dieser Zustand ist weniger, zuweilen 
fast gar nicht bemerkbar bei alten Personen, bei denen überhaupt 
die Gewebe nicht mehr so dehnbar sind, um bedeutende Anschwel- 
lungen zu erfahren, und merkwürdiger Weise bei allen Personen, 
welche viel Fett im Mesenterium haben. — lieber die Veränderun- 
gen der Milz ist der Redner noch zu keinem bestimmten Resulüit 
gekommen. Er hat akute Vergrösserungen der Milz bei einer ^o 
grossen Zahl, unter den verschiedenartigsten Verhältnissen erkrankter 
Personen gefunden, dass er sie nicht für eine Zufälligkeit halten kann. 
Auch bei Lebenden hat er wiederholt durch die Perkussion die be- 


Die Cholera. 131 

deutende Vergrusserung dieses Organs constatiren können; in einigen 
(lieser Fälle klagten die Kranken auch über Schmerz der linken Seite. 
Bei alten Personen hat sich niö eine Vergrusserung gefunden; in fast 
allen übrigen Fällen eine so schlafife und runzlige Milz, dass auf 
eine frühere Vergrusserung oder vielmehr auf eine vor Kurzem ge- 
schehene, schnelle Verkleinerung derselben, nach welcher die Kapsel 
pich noch nicht wieder vollständig contrahirt hat, geschlossen werden 
musste. Auch Farbenveränderungen, durch Pigment (verändertes 
Hämatin) bedingt, Hessen auf voraufgegangene Hyperämien schliessen. 

Sitzung vom 18. September 1848. (Medicinische Reform 
No. 12 und 13 vom 22. und 29. September 1848. S. 82 und 89.) 
Hr. Virchow &hrt in seiner Darstellung der pathologisch - ana- 
tomischen Resultate fort, und belegt seine Angaben durch frische 
Präparate. Die Zahl der von ihm angestellten Sectionen beträgt bis 
jetzt etw^a 120. Die früheren Erfahrungen über den Zustand der 
Darmschleimhaut, der Gekrusdrüsen und der Milz haben sich auch 
jetzt bestätigt. Die diphtheri tischen Entzündungisn der Darmschleim- 
haut fanden sich aber nicht zu allen Zeiten gleich häufig und gleich 
ausgedehnt; ihre grösste Intensität erreichten sie in der ersten Woche 
des September (3. — 10.), später fanden sie sich fast gar nicht, jetzt 
treten sie mehr inselfurmig imd meist nur im Dickdarm auf. Bei der 
Milz bestätigte sich die Ansicht, dass noch besondere Bedingungen 
hinzutreten müssen, um die grossen, akuten Schwellungen derselben 
(z. B. 9" lang, 6" breit, 3 — 4" dick) hervorzubringen; diese zeigen 
pich nehmlich vorzugsweise bei SchiflFem. 

Am Magen fanden sich keine constanten Veränderungen. Meist 
war derselbe sehr ausgedehnt, die Schleimhaut zuweilen stark hyper- 
ämisch, vermehrte Schleimabsonderung, selten Vergrusserung der 
Drüsen. Ausserordentlich häufig waren perforirende Geschwüre in 
allen Stadien der Vemarbimg, sowie chronische Katarrhe, so dass 
dadurch eine Prädisposition allerdings gegeben scheint. Am Duode- 
num immer sehr starke Epithelialablusung, häufig bedeutende Hyper- 
ämien der Zotten, die solitären Drüsen selten, die Brunner'schen nur 
ausnahmsweise vergrGssert; sehr häufig Infiltration der Zotten mit 
feinkörnigem Fett (Chylus). An den Gallengängen Hessen sich Ver- 
änderungen wegen der starken Färbung durch Gallenfarbstofif nicht 
nachweisen; die Galle war immer sehr reichlich angehäuft, nament- 
lich in der letzten Zeit in der Gallenblase stets dunkelgrün (wahr- 
>cheinlich durch eine saure Absonderung der Wandimgen), während 
sie in den Gallengängen hellgelb erschien; bei einem Druck auf die 
Gallenblase entleerte sich die Galle leicht aus der Mündung des 
Ductus choledochuB. Die Leber war wenig verändert, meist blass 
und schlaff, nur die grösseren Gef^sstämme enthielten Blut, so dass 
cbuiurch das Volumen des Organs nicht selten verkleinert erscliien; 
häufig war das Parenchym stark durch Gallenfarbstoff gefärbt. An 
den Harnwegen, namentlich an den Nierenkelchen und der Harnblase 
iand sich fast immer frischer E[atarrh mit sehr vermehrter Epithelial- 


132 Volkskrankheiten und Seuchen. 

absondening. Die Harnblase war Btets leer, stark contrahirt. Die 
Nieren zuweilen venös-hyperämisch ; sehr häufig von den Papillen au?^ 
verändert. Es fand sich nehmlich zuerst eine HyperÄnüe der Papillen, 
welche allmählich an der Pyramide heraufrückte, während die zuerst 
veränderten Stellen erblassten und ein weissliches, mehr homogene> 
Aussehen gewannen. Das Mikroskop zeigte dann ein dunkles, an- 
fangs körniges, später bröckliges Exsudat in den Hamkanälchen ^). Die 
Geschlechtsapparate boten keine constante Veränderung; nur fand 
sich bei Weibern sehr häufig der menstruale Zustand der EierstOeki^ 
und der Uterinschleimhaut: an den Eierstöcken frisch geplatzte Follikel 
mit Bluterguss, am Uterus starke Schwellung und Hyperämie der 
Schleimhaut mit Vergrösserung der Utriculardrösen. Auch ausser- 
halb der menstrualen Zeit waren nicht selten zahlreiche Extravai^ate 
in dem Peritonäal-Ueberzuge der Eierstöcke, so dass diese ein pur- 
puraartig-geflecktes Aussehen hatten ^). Die Oberfläche des Peritonäunis 
war stets ausserordentlich schlüpfrig, mit einem klebrigen, fadenzie- 
henden, gelblichen, häufig sauer reagirenden und stechend sauer rie- 
chenden Fluidum bedeckt, das beim Reiben leicht schäumte und sich 
als eine ganz concentrirte Eiweisslösung auswies. 

Die Lungen retrahirten sich nach Eröffnung des Brustkorbs fuj^t 
immer; nur wenn Oedem oder Bronchialkatarrh da waren, blieben 
sie aufgebläht. Meist war insbesondere der untere Lappen stark 
hyperämisch. In 7 Fällen fanden sich Rupturen der Luftwege mit 
Entstehung von interlobulärem Emphysem, das sich in 2 Fällen aut 
das Mediastinum und die Pleura diaphragmatica ausgedehnt hatte. 
Diese Personen hatten alle starke Dyspnoe gehabt. An der Pulnio- 
nalpleura häufig kleine Extravasate; fast immer leichte albuminöse 
Exsudation. — Der Herzbeutel war da, w^o ihn aufgeblähte Lunt^en 
bedeckten, trocken geworden'); sonst enthielt er gewöhnlich eine kleine 
Quantität concentrirter Eiweisslösung, die zuweilen auch sauer war. 
An dem Visceralblatt des Herzbeutels, besonders an der Basis des 
linken Herzens in der Mehrzahl der Fälle zahlreiche Extravasate. > 
Das Muskelfleisch des Herzens, wie die willkürlichen Muskeln, bla?>. 1 
schmutzig roth, stark contrahirt, mit exquisitem Rigor mortis; die 
Muskelbündel unter dem Mikroskop fast farblos, sonst nicht verändert. 
In dem Bindegewebe unter dem Endocardium, namentlich im Ihiken 
Ventrikel unterhalb der Aortenklappe, in mehreren FäUen flache 
Extravasate. 

Das Herz, insbesondere das rechte, immer strotzend ausgedehnt 
von dunklem Blut. Dasselbe war nur in denjenigen Fällen, wo der 
Tod plötzlich eingetreten war, flüssig, wie es auch bei anderen Lei- 
chen sich findet; sonst war es gewöhnlich klumpig geronnen, so d;i>> 
es einer dicken Heidelbeersuppe glich. Li diesen Fällen waren immer 
mehr oder weniger faserstoffreiche, speckhäutige Gerinnsel vorhanden, 
die sich vom rechten Herzen in die Lungenarterie, von der Lun^en- 
vene ins linke Herz und die Aorta erstreckten. Ganz constant ^v.ir 
eine ausserordentlich starke Vennehrung der farblosen Blutkörperchen, 
die an der untern Fläche der Speckhaut eine glatte oder knotiire 
oder maulbeerartige Schicht von sehr erheblicher Dicke bildeten uml 


Die Cholera. 133 

zuweilen so reichlich waren, dass der grösste Theil der 8peckhiiut 
davon undurchsichtig, weisslich, manchmal geronnenem Eiter ähnlich 
erschien*^). Eine Verftndemng an den rothen Körperchen war ebenso 
wenig, als irgend eine Spur von „Blutzersetzung** zu finden; die ana- 
tomische Anschauung Hess auch keinen sehr erheblichen Wassei^ver- 
lust deutlich erkennen. — In Beziehung auf die Oertlichkeit des 
Blutes bestätigte es sich immer, dass es in den Venen bis zu ihren 
Wurzeln hin aufgehäuft war, während die Arterien und Capillaren 
leer waren. Auffallend und mechanisch nicht recht recht zu deuten 
war die grosse venöse Hyperämie der Dünndärme bei der Blässe, 
welche gewöhnlich der Magen und Dickdarm zeigten. An den hyper- 
flmi^chen Zotten liess sich mikroskopisch die Injektion fast immer nur 
an Venen nachweisen. 

Am Gehirn und Rückenmark fanden sich eigentliche Substanz- 
veränderungen gar nicht vor; starke venöse Hyperämie, Oedem der 
Pia mater, zuweilen etwas vermehrte Flüssigkeit in den Ventrikeln. 
— So waren die Erscheinungen in dem akuten Stadium. 

Im typhoiden Stadium kamen Entzündungen in den verschieden- 
sten Organen, häufig mit nekrotisirenden Exsudaten vor. Dahin gehört 
<1ie schon erwähnte diphtheritische Entzündung der Darmschleinihaut, 
welche sich besonders im Anfang dieses Stadiums ausbildet. Nächst- 
dem ist am häufigsten eine diphtheritische Entzündung der Scheide 
I beobachtet, welche hauptsächlich mit Zuständen, wo die Emährungs- 
vorgänge an den Geschlechtswegen stürmischer vor sich gehen, ins- 
besondere bei Menstruation und im Wochenbett, zusammenfiel. Ihr 
Verlauf ist vollkommen der diphthe ritischen Darmentzündung gleich: 
im Anfang intensive Hyperämie, dann weissliche, trockene, unter dem 
Mikroskop kömige Exsudate in den oberflächlichen Bindegewebs- 
i«chiohten, die zuweilen 2 — 3'" hoch über das Niveau der normalen 
Theile hervorragen; später nekrotisirt das Bindegewebe, wird mace- 
rirt, fiült mit dem Exsudat ab und es bleiben oberflächliche Erosionen 
zurück. Der Process beginnt am Fundus vaginae und an den Lip- 
pen des Mutterhalses, geht dann nach unten, zuweilen bis zum Schei- 
(l<»neingang fort. — Eine ähnliche Entzündung findet sich an der 
Gallenblase, mit einer katarrhalisch-blennorrhoischen Absonderung be- 
ginnend, mit nekrotisirenden diphtheritischen Exsudaten endigend. — 
An den Lungen kommen hämorrhagische^ nekrotisirende Exsudate mit 
ronsecutiver Pleuresie vor. 

An anderen Organen, namentlich der Milz, den Nieren, den 
Lungen und der Haut finden sich Entzündungen mit einfachem Ex- 
sudat, die sich wieder zurückbilden. An der Milz, sowohl bei der 
irosohwollenen, als der freien, bilden sich dunkelrothe, harte, lobuläre 
Kntzündungsknoten, welche sich später mit einem trockenen, graurothen 
Expudat füllen. An den Nieren bildet sich schnell Morbus Brightii 
au?, beginnend von den horizontalen Theilen der corticalen Harn- 
kanälchen, mit den gewöhnlichen Veränderungen der Epithelialzellen 
und faserstoffigen cylindrischen Exsudaten. Der Harn ist dabei 
eiweisshaltig, wie es schon in der Hamburger Epidemie von 1831 
Hr. Apotheker Noodt gefunden hat. An den Lungen bildet sich 


134 VolksKraiikbeiten und Seuchen. 

entweder eine capilläre Bronchitis aus, die auf das Parenchym Ober- 
f^elit, oder es beginnt mit schwarzrother Hyjieräniie eine schlaflfe cn)U- 
pöse Pneumonie, die schnell in eiterige Infiltration fibergeht. Die 
eigenthümliche , schon von den HH. Dfimmler, Hoff mann und 
Simon erwähnte, mit Hyperämie anfangende und bald seröses Exsu- 
dat setzende Hautentzündung muss jedenfalls als Analogon betrachtet 
werden. Entzöndungen der Pia mater, wie Hr. Grub er sie gegen 
das Ende der Petersburger Epidemie fand, sind nicht gesehen wor- 
den; im Gegentheil fand sich selbst bei Personen, wo die Erschei- 
nungen bei Lebzeiten (Stupor, Congestionen zum Kopf, Sopor etc) 
auf eine Himaflfection hinwiesen, bei der Autopsie zuweilen gar nicht«, 
nicht einmal seröse Exsudate. 

Was Combinationen und Exclusionen anbetrifft, so hat sich die 
Cholera in jeder Zeit des menstrualen und puerperalen Zustandes, bei 
Krebs, Syphilis, Säuferdyskrasie, Wechselfieber, Rheumatismus, Cy{?ti- 
cercen u. s. w. gefunden, dagegen ist kein Erwachsener zur Sektion 
gekommen, der frische Tuberkulose gezeigt hätte, worauf Hr. Rom- 
berg u. A. aufinerksam gemacht haben. Nur bei Kindern, die in 
der Charit^ und in dem französischen Waisenhause erkrankten, vmnh 
frische Tuberkulose der Gekrösdrfisen , der Leber, der Lungen und 
des Darms beobachtet. Alte Cavernen, obsolete und veränderte Kno- 
ten, alte Narben waren auch bei Erwachsenen häufig. 

Sitzung vom 2. October 1848. (Medicinische Reform No. 15 
vom 13. October 1848. S. 105.) Hr. Virchow vei-vollständigt seine 
früheren Berichte: Am Magen fanden sich häufig kleine Hämorrha- 
gien, welche theils blutige Beimischungen zu dem Magenschleiin, 
theils hämorrhagische Erosionen der Schleimhaut selbst hervorbrach- 
ten. Das ausgetretene Blut verwandelte sich bald in schwärzliclie 
Bröckel, welche sich zuweilen in den bei Lebzeiten durch Erbrechen 
oder Stuhlgang entleerten Flüssigkeiten fanden und zuweilen so reich- 
lich waren, dass es aussah, als ob diese Flüssigkeiten mit Kohlen- 
pulver gemischt seien. Am Magen selbst waren die Erosionen be- 
sonders häufig nach Eisgebrauch. Bei einem Knaben fand eich eine 
frische, in Eiterung übergegangene Entzündung der Thymus und de? 
umliegenden Bindegewebes am Mediastinum im typhoiden Stadium. 
Die diphtheritischen Entzündungen der Darmschleimhaut wurden in 
der letzten Zeit im Lazareth No. 1 fast gar nicht gesehen, während 
sie in dem No. 3 öfters vorkamen, so dass also späterhin eine Zu- 
sammenstellung der Beobachtungen wird gemacht werden müssen. 
Bei einer am 1. October gemachten Autopsie fand sich' das merkwür- 
dige Verhältniss, dass die diphtheritische Entzündung sich auf die 
Solitärdrüsen und die Peyer'schen Haufen beschränkte, während e-? 
sonst gerade umgekehrt ist. Es hatten sich nun auf den meisten. 
stark angeschwollenen und hyperämischen Drüsen Erosionen der 
Schleimhaut gebildet, so dass eine gewisse Aehnlichkeit mit Typhus 
nicht zu verkennen war. Diese stieg noch dadurch, dass die Älesen- 
terialdrüsen , besonders am Cöcalstrang, bis zur Grösse von Wall- 
nüssen geschwollen, sehr hyperämisch und brüchig waren. 


Die Cholera. 135 

Hr. Virchow geht darauf zu der Beantwortung der Frage über, 
derentwegen er die weitläuftlgeren anatomischen Mittheil ungeii ge- 
macht haty ob die Cholera als eine locale Krankheit (des Darmkanals) 
oder als eine allgemeine (des Blutes) aufzufassen sei. Die Verände- 
rungen am Darm zeigten grosse Aehnlichkeit mit Katarrh und Dys- 
enterie. Nun sei aber die Frage nach der Wesenheit dieser beiden 
Vorgänge immer noch unentschieden. Die naturhistorische Schule 
habe bekanntlich auch die Katarrhe von einer allgemeinen Verände- 
rung des Blutes abgeleitet, die junge Wiener Schule mache es ebenso 
mit der Dysenterie. Nun lasse sich freilich nicht leugnen, dass 
manche Katarrhe durch allgemeine Veränderungen des Blutes bedingt 
wurden, allein alle neueren Erfahrungen sprächen dafOr, den localen 
Process von den allgemeinen Bedingungen zu trennen. Die Wesen- 
heit des localen Vorganges, des gestörten Emfthrungsprocesses sei 
dieselbe, möge die Bedingung der Veränderung eine allgemeine (in- 
nere) oder locale (äussere) sein; der Katarrh könne also immerhin 
bedingt sein durch eine humorale Veränderung, allein er beruhe 
immer auf einer localen, wenn man wolle, solidaren Veränderung. 
Wenn nun die Cholera mit katarrhalischen und diphtheri tischen Ent- 
zündungen der Darmschleimhaut auftrete, so könne man allerdings 
darin die Wesenheit des Processes setzen, gleichviel auf welche Weise 
er bedingt sei. Die consecutiven Erscheinungen, namentlich die am 
Herzen und den Extremitäten bemerkbaren Veränderungen am Ner- 
venapparat, sowie die Veränderungen des Blutes müssten dann aber 
auch aus dem localen Vorgang erklärt werden. Was die, ersteren 
betrifft, so wüssten wir allerdings, dass katarrhalische Entzündungen 
unter gewissen Verhältnissen dergleichen hervorriefen, wie die Brech- 
ruhr der Kinder (die sog. Gastromalacie), die sporadische Cholera, 
der Keuchhusten nnd andere, von der naturhistorischen Schule unter 
die Neurophlogosen gesetzte Katarrhe bewiesen. Allein auch diese 
Erfahrungen möchten kaum genügen, die schnelle Depression der 
Ilerzthätigkeit, welche zuweilen einen so entsetzlichen CoUapsus her- 
vorriefe, genügend zu erklären. Die Veränderungen am Blut liessen 
sich aber nicht alle auf den localen Vorgang zurückführen. Man 
müsse dreierlei unterscheiden: die von Lecanu, Wittstock u. A. ge- 
fundene Verminderung des Wassers im Blute, die von dem Redner 
nachgewiesene Störung in der Gewebsbildung des Blutes, und die 
von O'Shaugnessy gezeigte Zunahme des HamstoflFs. Die erstere, 
welche natürlich mit einer Volumsabnahme des Bluts, einer Vermin- 
derung des Blutquantums verbunden sein müsse, folge allerdings aus 
den starken wässerigen Entleerungen; die Zunahme des Harnstoffs 
aus der vielleicht wegen der Störung in der Capillarcirkulation ces- 
pirenden Nierensecretion, allein die Störung der Gewebsbildung (ver- 
mehrte Bildung nicht specifischer, farbloser Zellen und verminderte 
Bildung des Faserstoffs) wäre vorläufig wenigstens aus dem localen 
Vorgange nicht herzuleiten. Wenn man bedenkt, dass dieselbe sich 
schon in der ersten Zeit der Cholera finde, dass während dieser Zeit 
eher eine Verminderung in der Entstehung neuer Gewebsbestandtheile 
des Blutes eintreten müsse, da die Zufuhr des Chylus stocke, der ja 


136 Volkskrankhcilen und Seuchen. 

« 

iiiMlen Zotten sitzen bleibe; wenn man ferner diese Erscheinung mit 
den Beobachtungen des Redners Ober den obei'schlesischen Typhu:? 
von 1848, mit denen von Allen Thomson über das Edinburgher 
remittirende Fieber von 1843 vergleiche, so werde es sehr wahr- 
scheinlich, dass eine Störung in der Gewebsbildung des Blutes schon 
zu einer Zeit vorhanden sei, wo Symptome der Cholera noch gar 
nicht bemerkbar seien. Was endlich die Nachkrankheiten betreffe, so 
Hesse sich freilich ein Theil davon aus den localen Vorgängen her- 
leiten. Es sei z. B. sicher, dass grosse Verjauchungen, krebsige 2^r- 
störungen durch den grossen Substanz verbrauch (Säfleverhist) con- 
secutive Entzündungen (Pneumonie, Bright'sche Nierenkrankheit u. s w.) 
bedingten, indem das Blut sowohl an Volumen abnehme, als an 
festen Bestandtheilen und Blutkörperchen verarme, allein bei der 
Cholera träten diese consecutiven Entzündungen zu schnell auf, sie 
kämen an so eigenthOmlichen Organen (Milz, Gallenblase, Scheide, 
Haut) vor und hätten einen so auffallenden (nekrotisirenden) Charak- 
ter, dass es schwer sei, sich diese Ableitung als richtig vorzustellen. 
Sie sei aber geradezu abzuweisen, da, wenn die consecutiven Entzün- 
dungen ihre Bedingung in den bloss durch die Darmaffektion hervor- 
gerufenen Veränderungen des Blutes und der Ernährung fänden^ die- 
selben in einem so constanten Verhältniss zu denselben, namentlich 
zu den Ausleerungen stehen müssten, dass man ein einfaches progno- 
stisches Rechenexempel müsste machen können, was nicht möglich sei. 
Endlich sei nicht zu übersehen, dass fast constant gleichzeitig mit den 
gewöhnlichen katarrhalischen Erscheinungen an der Darmschleimhaut 
eine ähnliche Veränderung sich an den Hamwegen finde, ein Katarrh, 
der seine grösste Intensität . in den Nierenbecken und Kelchen finde, 
sich aber auch bis zur Blase fortsetze und auf die Papillen übergriffe. 
Die Gleichzeitigkeit und Aehnlichkeit dieser Vorgänge weise auf ein 
gemeinschaftliches ursächliches Moment hin, das am wahrscheinlich- 
sten im Blute zu suchen sei. Allerdings habe die Untersuchung bis 
jetzt dasselbe nicht zu zeigen vermocht, allein die experimentelle 
Pathologie gebe die besten Anhaltspunkte. Als der Redner nehmlich 
die Experimente über Injektion fauliger Substanzen in die Venen bei 
Hunden wiederholte^), sah er sehr schnell Erbrechen, Durclifall, Mus- 
kelschwäche, krampfhafte Erscheinungen, Sinken der Herztliätigkeit, 
zuweilen in wenig Stunden Tod eintreten, und die Autopsie ergab 
exquisite Hyperämie der Digestionsschleimhaut, selbst mit Schwellun- 
gen der Drüsen, Extravasate in dem lockeren Bindegewebe von Peri- 
und Endocardium, an den Pleuren, den Nieren u. s. w. Die Inten- 
sität dieser Erscheinungen sei nicht adäquat der Quantität eingebrach- 
ter Verwesungsprodukte, sondern vielmehr dem Grade der noch vor 
sich gehenden Verwesung. Das Blut selbst werde bei den Thieren 
nicht erheblich verändert und die chemische Untersuchung werde in 
den meisten Fällen schon wenige Stunden nach der Injektion keine 
Resultate mehr geben, da der grösste Theil der eingebrachten Sub- 
stanzen mittlerweile durch die Sekretionen u. s. w. entfernt sein 
könne. Es sei daher auch gar nicht unwahrscheinlich, wenn die 
Cholera als eine Vergiftungskrankheit, bedingt durch die Aufnahme 


Die Cholera. 137 

von organischer, in chemischer Uniöetzung begrifl'ener Substanz auf- 
i^efasst werde, trotzdem, dass eine solche Substanz weder im Blut, 
noch in der Atmosphäre, dem Wasser u. s. w. gefunden worden sei. 
Die Substanz, welche die Interraittens-Malaria bildet, sei auch noch 
nicht dargestellt. Einige hätten in der neuesten Zeit wieder von In- 
fusorien gesprochen, allein Hr. Pirogoff sei davon zurückgekommen 
und die Beobachtungen von Hm. Ehrenberg über das Vorkommen 
exotischer Infusorien bei uns bewiesen gar nichts; er, der Redner, 
halte überhaupt nichts von den infusoriellen Krankheiten, und was 
die Cholera anbetreffe, so fllnden sich bei ihr nur in den Stuhlaus- 
leerungen dergleichen Bildungen, die aber nichts für die Cholera 
charakteristisches hätten, sondern liur den Beweis des Eintritts der 
Fäulniss ausdrückten *o'). Die gleichzeitige Entwickelung von kohlen- 
saurem Ammoniak, die eigenthümliche rosige Färbung der Massen 
bei Zusatz von Salpetersäure **) bewiesen diess. Die bisherigen Beob- 
achtungen genügten aber keineswegs, die Aetiologie der Cholera auf 
j^anz bestimmte Faktoren zurückzuführen. — Was die Bedeutung 
dieser Ansicht von der Natur der Cholera für die Behandlung an- 
gehe, so berief sich der Redner auf seine Abhandlung über die Stand- 
punkte in der Therapie (Archiv f. path. Anat. Bd. II. Hft. 1.) und 
meinte, dass auch hier, wie bei den meisten übrigen akuten Krank- 
heiten, die Behandlung sich wesentlich auf die Störungen am Nerven- 
apparat beziehen müsste, während die Ernährungsstörungen sich von 
selbst regulirten. 

Sitzung vom 10. October 1848. (Medicinische Reform No. 15 
vom 13. October 1848. S. 106.) Hr. Virchow zeigt, dass die ana- 
tomischen Resultate, wenn man die Erfahrungen der verschiedenen 
Spitäler zusammen nimmt, zeitliche Verschiedenheiten nicht darbieten. 
Er erwähnt, dass manche ältere Aerzte behaupteten, die früheren 
Epidemien seien von der jetzigen in manchen Stücken verschieden 
gewesen, namentlich seien die diphtheritischen Entzündungen nicht 
dagewesen. Er halte diese Behauptung für ganz ungegründet. Man 
dilrfe nicht vergessen, welche Fortschritte die pathologische Anatomie 
seit jener Zeit gemacht habe, wie namentlich die Anwendung der 
mikroskopischen Erfahrungen auf die einfach-anatomische Anschauung 
erst die Erkenntniss einer Reihe von Zuständen möglich gemacht 
habe, welche nicht erkannt zu haben, den früheren Beobachtern nicht 
zum Vorwurf gereichen könne. Zwar sei die Diphtheritis der Mund- 
und Raschenschleimhaut von Bretonneau schon lange vorher be- * 
schrieben und ähnliche Entzündungen der Scheide, der Nasenhöhle, 
des Magens u. s. w. von anderen französischen Beobachtern sehr gut 
dargestellt, allein die Auffassung dieses Processes als einer eigen- 
thümlichen Form der Schleimhautentzündung überhaupt sei erst von 
ihm (dem Redner) ausgegangen und auf Processe angewendet, bei 
denen man früher von croupösen Exsudaten gesprochen hat, z. B. 
die Dysenterie. Wenn daher 1831 und 1837 der N^me „diphtheri- . 
tische Entzündung"^ noch nicht gebraucht sei, so wäre das nicht zu 
verwundem; dass aber der Zustand schon dagewesen sei, bewiesen 


138 Volkskrankheiten und Seuchen. 

die Arbeiten seiner Vorgänger, der HH. Phöbus und Froriep. 
Der erstere habe in seiner Monographie sehr gute Beschreibuni^en 
davon geliefert, bei dem zweiten fände sich sogar eine Abbildung. Auch 
Hr. Cruveilhier habe Beschreibung und Abbildung davon gegeben. 
Die diphtheritischen Entzündungen der Scheide, der Gallenblase, der 
Bronchen schienen allerdings unberQcksichtigt geblieben zu sein. Bei 
anderen Zuständen finde sich gleichfalls, dass sie früher ebenso vor- 
handen gewesen. So sei z. B. auf die Veränderung der Solitärdrflsen 
in Berlin wenig, auf die der Gekrosdrüsen gar kein Gemcht gelegt 
worden, während der damalige Professor der pathol. Anat. in Wien, 
Hr. Wagner, sie sehr schön beschrieben habe. Dass man einzelne 
Veränderungen, z. B. die Bright'sche Nierenkrankheit gar nicht be- 
rücksichtigt habe, sei sehr natürlich gewesen, denn obwohl BrightV 
Abhandlung schon 1827 erschien, so sei sie doch evet allmählich zu- 
gänglich geworden, und die leichten Formen der Krankheit wären 
nur nach mikroskopischen Untersuchungen erkennbar. Dass aber die 
AfFektion dagewesen sei, folge einfach aus den in der Hamburger und 
Berliner Epidemie gemachten Beobachtungen über den Eiweiesgelialt 
des Harns. Wolle man sich über solche Uebersehimgen wundern, 
so sei es doch viel auffallender, dass man das Exanthem nicht ge- 
sehen habe, das doch wahrscheinlich auch vorhanden gewesen sei. 
Die grosse Vermehrung der farblosen Körper im Blut, die auch ein 
unerfahrenes Auge ohne BewafiEnung leicht wahrnehmen könne, ^ei 
nirgends angedeutet; man müsse auf solche Dinge aufinerksam sein, 
um sie zu finden. Diess allein sei ja auch der Grund, warum ge- 
wisse seltene Affektionen meistens als Duplicitäten in den Anstalten 
beobachtet würden, nicht, wie Hr. Bochdalek gemeint habe, dass 
diese seltenen Affektionen zu bestimmten Zeiten häufiger zum Tode 
ffthrten. Er könne sich nicht überzeugen, dass die einzelnen Fälle 
dieser Epidemie sich von den früheren unterschieden. — In Bezie- 
hung auf den Morbus Brightii erwähnte Hr. Virchow noch, dass 
derselbe in 8 — 14 Tagen ohne erhebliche Störungen vorüberzugehen 
pflege, dass aber die Rückbildungen an der Nierensubstanz sehr deut- 
lich nachweisbar seien. Dass nie seröse Exsudationen, nicht einmal 
an den Knöcheln dadurch bedingt würden, käme wahrscheinlich von 
der grossen Verarmung an Wasser, welche das Blut durch die stjir- 
ken Ausleerungen erfahren habe. Die durch die Erkrankung der 
Nieren gesetzte Vermehrung des Blutwassers sei wohl eben nur ge- 
nügend, um den normalen Wassergehalt des Blutes zu ersetzen. 

Sitzung vom 23. October 1848. (Medicinische Reform No. IS 
vom 3. November 1848. S. 131.) Hr. Virchow bespricht einige 
Fälle, wo sich bei der Autopsie unzweifelhaft Cholera fand, ohne 
dass bei Lebzeiten die Erscheinungen darauf gedeutet haben. Na- 
mentlich war ein Fall sehr auffallend, wo sich bei einer Person, die 
frische Tuberkulose der Lungen und des Damis hatte, und die schon 
.längere Zeit in der Charitö behandelt worden war, ein lebhafter 
Durchfall ohne charakteristische Beschaffenheit, ohne Erbrechen, 
Krämpfe oder Asphyxie entwickelt hatte, und wo sich bei der Autopsie 


Die Cholera. 139 

rosige, veiiuöe Hyperämie des Düimdannä, ausgedehnte diphtheri tische 
Entzündung der Dünndarmschleimhaut, gelbliche Infiltration der Me- 
pcnterialdrOsen, diphtheritische Scheidenentzundung u. s. w. fand. In 
einem andern Fall war bei Lebzeiten nur Diarrhoe dagewesen, deren 
Ausleerungen ein röthliches, fleisch wasserartiges Ansehen gehabt hat- 
ten, so dass die Aerzte von Fluxus hepaticus redeten, und wo die 
Autopsie das ganze Ensemble der Cholera-Anatomie zeigte. — In der 
letzten Zeit sah der Redner auch einmal bei einem im Typhoid ge- 
Ftorbenen Kranken eine umgränzte akute Entzündung der grauen 
Ilimsubstanz und akute hämorrhagische Entzündung der Niere. Lo- 
buläre Milzentzündungen waren sehr häufig; in einem Falle zeigte 
tiich eine Erweichung dieser Heerde, während sie sich sonst zu festen, 
anfangs graurothen, später schmutzigweissen Knoten ausbildeten. In 
Beziehung auf die Vergrösserungen der Milz zeigte es sich, dass sie 
vorzugsweise bei SchiflFem und Waschfrauen vorkommen, und da sie 
immer als akute erschienen, so ist es immer noch wahrscheinlich, dass 
die Cholera unter prädisponirenden Verhältnissen in der That diese 
Veränderung bedingt. Katarrhalische und blenorrhagische Entzün- 
dungen der Gallenblase waren in der letzten Zeit sehr häufig, die 
diphtheritische sehr selten. 

Da der Parotiden-Geschwülste nach Cholera erwähnt war, so 
theilte Hr. Virchow mit, dass in der Louisenstrasse zwischen der 
Karls- und Schumannsstrasse eine Art kleiner Endemie von Mumps 
herrsche, bei welcher der Gedanke an Ansteckung sehr nahe liege. In 
einer Familie seien nach einander die 3 Kinder und die beiden Eltern 
erkrankt; in demselben Hause noch 2 Personen, in der Nachbarschaft 
mehrere. Meist trete die Affektion ohne Vorläufer auf, zuweilen mit 
«rastridchen Beschwerden. 

Sitzung vom 30. October 1848. (Medicinische Reform No. 18 
vom 3. November 1848 S. 132 u. No. 19 vom 10. November 1848 
S. 138.) Hr. Leubuscher bemerkt bei Gelegenheit der Milzver- 
grösserungen , dass er nach den Beobachtungen im Hospital in der 
Pallisadenstrasse dieselben nicht für constant halten konnte, dass sie 
auch nicht bloss bei Schiffern und Waschfrauen vorgekommen seien, 
und dass sie mit der Cholera nichts zu thun zu haben scheinen. 

Hr. Virchow beruft sich auf seine fipüheren Angaben, aus denen 
hervorgehe, dass er jene Vergrösserungen weder für constant, noch 
f&r ein besonderes Eigenthum der Schiffer und Waschfrauen halte; er 
habe sie aber thatsächlich bei diesen am häufigsten gefunden. Da 
aber die Schwellung sich stets als eine akute dargestellt habe und 
man sie sonst in dieser Weise nur bei akuten schweren Krankheiten 
finde, sie sich von dem Intermittens-Tumor unterschiede, so müsse 
doch angenommen werden, dass die Cholera im Stande sei, bei prä- 
disponirten Individuen eine akute Schwellung des Organes her- 
vorzubringen. Wolle man sich nur an die Constanz der Erschei- 
nung halten, so könne man die diphtheritischen Entzündungen der 
Scheide, Gallenblase u. s. w. auch nicht als Zubehör der Cholera 
betrachten. 


140 VoIksKraiikhriteu und Smrlieii. 

Hr. Leubuöcher meint, «Limit verhalte es «ch andei-s, da die^i 
in der diphtheritischen DarmeiitzCmdung ihre Analogie fanden, w;uj 
bei der Milz nicht der Fall sei. 

Hr. Virchow widerspricht dem, indem er die Analogie der 
Milz mit den Lymphdrüsen hervorhebt, die als analoge Organe be- 
trachtet werden müssten und in ähnlicher Weise, obwohl auch nicht 
constant, erkrankten. 

Hr. B. Reinhardt erklärt, dieselbe Schwellung mit homogener, 
gelblicher Färbung, wie sie an den MesenterialdrOsen erwähnt sei, auch 
an den Hals-, Leisten* u. s. w. Drüsen gesehen zu haben. 

Hr. Virchow bestätigt diese Beobachtung und führt an, d:L-j.< 
schon 1831 Professor Wagner in Wien dieselbe gemacht habe. 

Diphtheritische Entzündungen des Oesophagus sah Hr. Rein- 
hardt noch zweimal; Hr. Virchow erwähnt eines neuen Falles aus 
der Charit<5, wo gleichzeitig Diphtheritis der Scheide und des Rachen.« 
mit glücklichem Ausgange vorkam. 

Hr. Hoogeweg berichtet über zwei Fälle, wo die Galle auf- 
fallend blass und wässerig war. Hr. Reinhardt sah dies gleichfalls 
in drei Fällen, wo gleichzeitig Katarrh der Gallenwege vorhan- 
den war. 

Hr. Leubuscher hielt dann einen längeren Vortrag über die 
Prodrome der Cholera mit Rücksicht auf die Frage, ob die Cholera 
ein localer oder allgemeiner Process sei. Als der Termin, mit dein 
die Cholera als erklärt betrachtet werden müsse, sei das Eintreten 
reiswasserartiger Stuhlgänge zu betrachten. In diesen kämen häutig 
Epithelialfetzen vor, allein desshalb dürfe man doch nicht mit Hrn. 
Böhm in die Abstossung des Epitheliunis die Wesenheit der Cholera 
setzen; die Abstossung sei immer nur ein secundärer Process. Eigent- 
liche Cholera sicca habe er nicht gesehen, wenigstens habe die Sek- 
tion nichts für die Bestätigung einer solchen Annahme ergeben; in 
einem dahin zu rechnenden Fall fand sich bei der Autopsie reiswas- 
serartiger Inhalt des Darms. Man könne daher von Cholera sicca 
nicht sprechen, wenn auch der Kranke nur die übrigen Cholera- 
Symptome gehabt habe. Bei den Autopsien des Hrn. Virchow im 
Anfange der Epidemie habe es sich mehrmals gezeigt, dass im Dick- 
darm noch gallige, fäculente Massen waren, während im Dünndarm 
schon die weissliche Flüssigkeit allein gefunden wurde. Betrachte 
man nun die reiswasserartigen Entleerungen als Hauptmerkmal der 
Cholera, so glaube er, dass man von dem localen Process aus alle 
übrigen Symptome ableiten könne. Erbrechen sehe man bei Reizun- 
gen des Darms oft genug, Krämpfe seien nicht seltene Reflexerschei- 
nungen bei heftigen Durchfeilen, der Durst, die Hautkälte, das Sin- 
ken des Pulses, die Cyanose seien auf die Verminderung des Bhit- 
serums durch die Ausleerungen zu beziehen. Gehe man nun auf die 
Prodrome, so sei immer zuerst Diarrhoe vor den übrigen Erschei- 
nungen dagewesen; der Eintritt der reiswasserartigen Stühle kündigte 
sich durch Veränderung des Allgemeinbefindens an und sei oft mit 
einem eigenthümlichen Gefühl der Erschöpfung verbunden. Allmäh- 


bie Cholera. 141 

b'ch würden die StQhle häufiger. Das Erbrechen trat in den heftig- 
sten Fällen gleichzeitig mit den Reiswasser-Stühlen ein, meist jedoch 
ppäter, in einigen Fällen früher, besonders bei Personen, welche Cho- 
lerakranke gepflegt hatten. Die spastischen Erscheinungen waren in 
allen Fällen consecutive, nie Vorläufer. — Könne man demnach den 
Durchfall als erste Erscheinung der Cholera betrachten und aus ihrer 
Steigerung die übrigen Erscheinungen erklären, so müsse man die 
Ansicht von einer putriden Infection zurückweisen und die von der 
localen Natur anerkennen. Einen besondem Beweis liefere die Er- 
scheinung, dass die meisten Menschen während der Herrschaft enier 
Oholera-Epidemie allerlei Beschwerden (Kollern, Kneifen, Neigung 
zum Durchfall u. s. w.) hätten, dass sich also eine cholerische Con- 
i^Utution ausbilde. Diejenigen Personen, bei denen sich der Darm in 
einem solchen Zustande befinde, disponirten zur Cholera, obwohl die 
Disposition nicht von vornherein mit Sicherheit zu erkennen sei. 

Gegen die Angabe des Hm. Leubuscher, dass die Diarrhoe 
immer den übrigen Cholera-Erscheinungen voraufgegangen sei, theilt 
Hr. Paasch die Beobachtung von einem Manne mit, dessen Frau 
zuerst an der Cholera erkrankt war, und bei dem vor allen übrigen 
»Symptomen Wadenkrämpfe voraufgingen. Die HH. Wolff und 
Munter sahen ähnliche Fälle; letzterer hebt noch besonders hervor, 
dass während der Höhe der Epidemie viele Menschen, unter andern 
er selbst, die unangenehmsten Empfindungen in den Waden hatten, 
namentlich Ziehen, Schmerzhaftigkeit, bis zu krampfhaften Zuckungen. 
Ilr. J. Meier beobachtete zwei Fälle, die mit spastischen Contrak- 
tionen der Schlundmuskeln begannen imd in 5 Stunden tödtlich ver- 
liefen. Hr. Leubuscher bestätigte die Angabe des Hm. Munter 
durch eine Erfahrung an sich selbst: er hatte im Anfange der Epi- 
demie, als er genOthigt war, Unwohlseins halber das Cholera-Hospital 
zu verlassen, jeden Abend heftige Wadenkrämpfe; er glaubt aber, 
dass man auch diese Erscheinungen durch eine heftige Hyperämie 
der Darmschleimhaut erklären könne. Hr. Wegscheider schliesst 
sich der Ansicht an, dass die Localafiection des Darms der Aus- 
gangspunkt der Cholera sei, namentlich weil man die unmittelbarsten 
Uebergänge von gastrischen Beschwerden, Durchfällen und Brech- 
durch&llen zur Cholera sehe und man zwischen diesen Zuständen 
keine Abgrenzung machen könne; nur eine Erscheinung sei ihm dann 
unerklärlich, nehmlich die frühzeitige Steigerung der Pulsfrequenz, 
die er schon unter den Prodromen wahrgenommen habe. Hr. Gü- 
ter bock bemerkt dagegen, dass er mehrere Fälle gesehen habe, wo 
die normale Pulsfrequenz nicht überschritten wurde, und Hr. B. Rein- 
hardt macht darauf au&nerksam, dass eine Reihe localer Krankhei- 
ten, z. B. Katarrhe mit allgemeinen Symptomen aufträten, und zwar 
von vom herein aufträten, ohne dass man sie desshalb f&r allgemeine 
Krankheiten hielte. Hr. C. Hoff mann wirft gegen die Ansicht von 
der Oertlichkeit ein, dass man durch die angeführten Thatsachen die 
anatomischen Beweise, auf welche sich Hr. Virchow gestützt habe, 
nicht widerlegen könne, worauf Hr. Leubuscher erwidert, dass die 
pathologisch-anatomische Auffassung an sich eine einseitige sei und 


142 Volkskrankheiten and Seuchen. 

namentlich das Stadium der Prodrome vom pathologischen Standpunkte 
bearbeitet werden mfisste. 

Hr. Virchow erklärt, dass er durchaus nicht die Ansicht von 
einer putriden Infektion, die übrigens keine neue sei, mit Vorliebe 
umfasse, dass er vielmehr sich möglichst bemüht habe, die ganze 
Phänomenologie der Cholera auf die Localaffektion zurückzufuhren, 
und er erst, als ihm diess nicht gelungen sei, sich nach einer andeni 
Erklärung umgesehen habe. Der Gedanke, die epidemische und die spo- 
radische Cholera als identisch und nur quantitativ verschieden aufzu- 
fassen, Hege sehr nahe und viele Fälle könnten darauf führen, Ueber- 
gänge von der einen zur andern Form anzunehmen. Man dürfe aber 
nicht vergessen, dass sich solche Fragen pathologisch (klinisch) selten 
entscheiden Hessen. Früher sei es mit der Febris gastrica und 
gastrico-nervosa ebenso gewesen; später habe man den Katarrh des 
Magens und Duodenums von dem Abdominaltyphus bestimmt abge- 
grenzt, sei aber zunächst darauf verfallen, beide Affektionen als lo- 
cale aufzufassen, indem man namentlich den Typhus als Enteritis fol- 
liculosa bezeichnete, bis man endlich ziemlich allgemein dahin gekom- 
men sei, diese Krankheit als eine allgemeine anzunehmen. Granz 
ähnlich verhalte es sich jetzt mit der Cholera. Er selbst habe in 
einer frühem Sitzung hervorgehoben, dass sich ein grosser Theil der 
Cholera -Erscheinimgen im ersten Stadium aus dem Darmkatarrh er- 
klären liesse, allein einzelne schienen ihm nicht erklärlich. So vor 
Allem die enorme Depression der Herzthätigkeit, welche sich so früh- 
zeitig als verminderte Energie der Muskelcontraktion am Herzen, sehr 
bald als vollständige Paralyse darstelle und von der eben die Cyanose 
abhänge. Denn diese sei nicht, wie Hr. Leubus eher meine, von 
der Verminderung des Serums abhängig, sondern von der venösen 
Hyperämie der Haut, indem das Blut wegen der unvollkommenen 
Contraktion des rechten Ventrikels sich in diesem und den Venen 
bis zu ihren Wurzeln hin anstaue. Die Sistirung der Hamsecretion 
liesse sich kaum aus der Verminderung des Blutserums erklären, der 
Katarrh der Hamwege aber gar nicht, und doch sei er ebenso con- 
stant und ebenso frühzeitig, wie der Darmkatarrh, und müsse als ein 
ebenso wichtiges und gleichberechtigtes Moment in der Cholera-Ph«1- 
nomenologie angesehen werden. Wolle man aus den bei Lebzeiten 
beobachteten Prodromen Beweise für die Localität der Krankheit her- 
nehmen, so scheine ihm diess die all erzweifelhafteste Argumentation 
von der Welt; nirgends seien die verschiedenen Krankheiten unbe- 
stimmter, wechselnder und wiederum gleichartiger, als in dem Stadium 
der Vorläufer. Es zeige sich nun aber, dass in der That die Diar- 
rhoe nicht einmal immer die Symptomen-Reihe einleite; wenn man 
sich hier mit der Annahme einer heftigen Hyperämie helfen wolle, 
so sei das sehr willkürUch, da noch niemand sie gesehen habe, und 
analoge Zustände, z. B. ausgedehnte Corrosionen der Magen- und 
Darmschleimhaut durch ätzende Substanzen keine ähnlichen Erschei- 
nungen, z. B. am Herzen hervorbrächten. Die cholerische Constitu- 
tion, auf die Hr. Leubuscher ein so grosses Gewicht gelegt habe, 
betrachte er (der Redner) gerade als einen Beweis für seine Ansicht. 


Die Cholera. 143 

Wenn eine allgemein verbreitete Substanz, welcher Natur sie auch 
j^ei, vorhanden wäre, so mussten auch alle Menschen davon aufiaeh- 
men, und faktisch jeder in dem cholerischen Zustande sich befinden. 
Individuelle Verhältnisse, namentlich die Widerstandsfähigkeit des 
Xervenapparats, bestimmten dann, in welcher Weise sich jeder Ein- 
zelne afücirt fühle. Komme nun noch eine Gelegenheitsursache 
(Diätfehler, Erkältung u. s. w.) hinzu, so könne jeder erkranken; die 
wurden es aber am wenigsten, die sich unter den günstigsten Aussen- 
hedingungen befänden. Aehnlich sei es ja zur Zeit der Herrschaft 
von Pest-Epidemien, wo es eine alte Phrase sei, dass eigentlich jeder 
die Pest habe. — Am wichtigsten scheine ihm aber für die Entschei- 
dung der vorliegenden Frage das Studium der Nachkrankheiten, na- 
mentlich der diphtheritischen Entzündungen. Wie soll man diese aus 
dem Darmleiden erklären? Sie träten fast im ganzen Bereiche der 
Schleimhäute auf und zuweilen ganz gleichzeitig; sehe man sie doch 
sehr frühzeitig zu derselben Zeit am Darm und der Scheide, an der 
Scheide und dem Rachen u. s. w. Auf der andern Seite sprächen 
auch gerade sie direct für ein Allgemeinleiden und zwar für ein aus 
einer putriden Infection hervorgegangenes. Es sei bekannt, dass bei 
Personen, die an diphtheritischen und croupösen Entzündungen inne- 
rer Organe litten, Vesicator -Wunden sich zuweilen mit Exsudaten 
derselben Art bedeckten, was doch auf einen allgemeinen Zustand 
schliessen lasse, und wie sehr die diphtheritischen Entzündungen mit 
fauligen Vergiftungen zusammenhingen, beweise ja die Nosocomial- 
Gangrän, die eine Diphtheritis der Wundflächen sei. Man möge nur 
die Beobachtungen von Ollivier aus den spanischen Feldzügen lesen 
und sich des typhösen Zustandes (Wundtyphus) erinnern, der sich 
sehr bald entwickele. — Er könne daher nur seine frühere Ansicht 
festhalten. 

Sitzung vom 6. November 1848. (Medicinische Reform No.20 
vom 17. November 1848 S. 147 u. No. 21 vom 24. November 1848 
S. 150.) Hr. Virchow übergab das Herzblut eines Mannes, der in 
der Asphyxie gestorben war, an Hm. Dr. Heintz, um die Beob- 
achtung von O'Shaugnessy in Beziehung auf den Harnstoff con- 
Rtatiren zu lassen. Hr. Heintz fand in der That eine so reichliche 
Menge von Harnstoff darin, dass dessen Darstellung aufs leichteste 
gelang; eine genaue, quantitative Analyse wurde nicht gemacht, weil 
llr. Heintz diese überhaupt noch nicht für möglich hält Die Beob- 
achtung ist aber insofern von grosser Wichtigkeit, als daraus eine 
wirkliche Sistirung der Nierensecretion gefolgert werden muss. 

Es wird sodann die Debatte über die Natur der Cholera als 
locale oder allgemeine Krankheit wieder aufgenommen. Nachdem 
Hr. Leubuscher sich dahin verwahrt hat, dass, wenn auch nach 
seiner Ansicht die Darmaffektion bei der Cholera das Primäre sei, er 
doch nicht den Process als einen localen angesprochen habe, lenkt er 
zunächst die Discussion auf die Frage von dem Verhältniss der jetzi- 
gen Cholera zu der Cholera nostras. Hr. Virchow zeigt, dass diese 
Frage sich nicht erledigen lasse, wenn man sich bloss an die Sympto- 


144 Volkskrankheiten and Seuchen. 

matologie eines gewissen Stadiums halte, und doch sei die schon f^o 
oft aufgestellte Behauptung, dass beide Krankheiten im Grunde iden- 
tisch und nur quantitativ verschieden seien, nur dadurch motivirt 
worden, dass man eine Gleichartigkeit der Erscheinungen des akuten 
Stadiums festzustellen gesucht habe. Er erinnert dabei nochmals an 
das Verhältniss zwischen Typhus und Magen-Darmkatarrh (febri? 
gastrica nervosa und febris gastrica), wo man auch lange Zeit an 
bloss quantitative Differenzen geglaubt habe. Wolle man also z. B., 
wie Hr. Leubus eher gethan, die reiswasserartigen StQhle als patho- 
gnomisch fflr die eigentliche Cholera ansehen, so müsse man die Iden- 
tität derselben mit der sporadischen Cholera zugestehen. Billard 
fnhre einen Fall an, wo ein Kind an Brechdurchfall gestorben sei, 
nachdem die Stuhlausleerungen weiss, schaumig, genichlos geworden 
waren, und wo sich bei der Autopsie in dem DQnndarm eine schau- 
mige, weissliche, wässerige Flüssigkeit, eine durchgehende Anschwel- 
lung der solitftren und Peyer'schen Follikel fand, wo aber jede Rö- 
thung, namentlich die der epidemischen Cholera so eigenthömliche 
venöse Hyperämie fehlte. Es komme demnach darauf an, Fälle von 
sporadischer Cholera zu finden, welche der epidemischen in ihrem 
ganzen Verlauf gleich seien. — Hr. Körte bemerkt dazu, dass auch 
dann noch nicht folgen werde, dass beide denselben Ausgangspunkt 
hätten. Hr. Leubuscher citirt aus Peter Frank und Ayre Bei- 
spiele der vollständigen Gleichheit der Symptome, namentlich liest er 
eine Stelle aus Ayre, der 1817 in England eine Epidemie von Cho- 
lera nostras beobachtete, von der er selbst sagt, dass, wenn er da- 
mals schon die asiatische Form gekannt hätte, er keine Unterschiede 
würde haben machen können. Nichtsdestoweniger behaupte er (der 
Redner) nicht, dass beide Elrankheiten identisch seien, sondern nur, 
dass sie denselben Ausgangspunkt hätten; das Verhältniss des Typhus 
zum Magenkatarrh sei ein anderes. Auf die Frage des Hi*n. Vir- 
chow, warum denn Ayre die Epidemie von 1817 nicht nachträglich 
für eine wirkliche Cholera -Epidemie anerkennen wolle, wenn sie so 
ähnlich gewesen sei, erwidert Hr. Leubuscher, dass Ayre unter 
vielen milden Fällen nur einzelne schwere gesehen habe, so dass 
zwischen beiden Formen zahlreiche Uebergänge existirten. Hr. Körte 
wirft dagegen ein, dass die sogenannte asiatische Cholera immer wan- 
dernd auftrete, was 1817 nicht der Fall gewesen sei; Hr. Virchow 
beruft sich auf die Berliner Epidemie von 1837, wogegen die HIL 
Quincke und Heindl aus München das gleichzeitige Vorkommen 
dei*selben in Stettin, Wien und Baiem urgiren. Hr. Munter er 
wähnt dabei der Beobachtung des Prof. Koch, dass die Krankheit 
am Kaukasus gleichfalls endemisch sei und von da sich zuweilen aus- 
zubreiten scheine. Hr. Veit führt als Differenz zwischen beiden 
Choleraformen an, dass die eine hauptsächlich Erwachsene, die andere 
mehr Kinder ergreife; Hr. Jaffe sieht in der therapeutischen Ver- 
schiedenheit, besonders in der guten Wirkung des Opiums bei der 
Cholera nostras einen Grund der Trennung; Hr. Mor. Meyer macht 
darauf aufinerksam, dass die sporadische Form nur im Sommer, die 
epidemische auch im Winter vorkomme. 


Die Cholera. 145 

Hr. Virchow hslt das yorliegende Material für ungenügend, die 
aufgeworfene Frage zu entscheiden. Man könne ja sogar noch nicht 
einmal mit Bestimmtheit sagen, dass die Cholera aestiva eine locale 
Krankheit sei. Die Literatur sei, so weit sie ihm bekannt sei, zu 
ungenau, um jeden Punkt genau erwägen zu können; man müsse auf 
die meisten Punkte hin von Neuem beobachten. Namentlich fehle es 
an genauen anatomischen Daten für die sproradische Form. Er wolle 
daher die Frage aufstellen, ob die Nachkrankheiten der epidemischen 
Form, namentlich das Typhoid, auch bei der sporadischen gesehen 
seien? — Hr. Dümmler bemerkt, dass das nach der sporadischen 
Cholera vorkommende Hydrocephaloid grosse Aehnlichkeit mit dem 
Choleratjphoid habe; Hr. Körte bestätigt diess, indem er sogar die 
rosige Hyperämie des unteren Conjunctiva- Segmentes gesehen haben 
vnl\, Hr. Simon leugnet diese Aehnlichkeit, indem das Hydro- 
cephaloid unter den Erscheinungen des entschiedenen Himdruckes 
auhrete. Hr. Eulenburg hebt auch das Cholera-Exanthem als un- 
terscheidend hervor. — Hr. Leubuscher will die Frage von den 
Nachkrankheiten nicht als wichtig zugestehen; er habe ja nicht die 
Identität beider Formen behauptet, er halte vielmehr die Cholera für 
einen fortgehenden Process, und da könne das Ende ganz verschie- 
den sein, wenn auch der Anfang gleich sei. Ein Magengeschwür, 
das perforire, bringe ganz andere Erscheinungen hervor, als eines, 
das heile; man könne die secundären Erscheinungen also nicht für 
bestimmend halten. — Hr. Virchow gesteht die Richtigkeit dieser 
Argumentation nicht zu. Sei die Cholera ein localer Process, so 
müsse man ihre Wesenheit in eine katarrhalische Darmentzündung 
setzen, und wenn die Cholera nostras auch ein Darmkatarrh sei, so 
müssten beide im Grunde identisch, wenn auch in der Quantität ver- 
schieden sein. Eine Pneumonie bleibe eine Pneumonie, wenn sie auch 
„nervös** werde, und das Magengeschwür, das perforire, sei doch in 
der Wesenheit des Processes identisch mit dem, welches heile. Jede 
Pneumonie könne „nervös** werden, jedes runde Magengeschwür per- 
foriren; jeder krankhafte Process habe eine Reihe von möglichen 
Ausgängen, deren Verwirklichung nur von äusseren Bedingungen ab- 
hängig sei, ohne dass aber dadurch die Wesenheit des Processes, die 
Identität desselben alterirt werde. Wäre demnach der Ausgangspunkt 
der sporadischen Cholera derselbe, wie der der epidemischen, so 
müsste doch auch einmal unter günstigen äusseren Bedingungen der- 
selbe Ausgang eintreten. Hier seien aber schon im Anfang Diffe- 
renzen, z. B. in Beziehung auf die Hamorgane. — Hr. Leubuscher 
)>emerkt dazu, dass P. Frank auch bei der sporadischen Form Harn- 
retention gesehen habe. 

Die Debatte wendet sich jetzt auf die allgemeine Frage zurück. 
Hr. Virchow zeigt, dass ausser den Argumenten für die Annahme 
einer Infektion des Blutes, die er neu aufgestellt habe, ältere existir- 
ten, die er als bekannt vorausgesetzt habe. Er citirt zuerst die Aehn- 
lichkeit der Cholera mit der Arsenikvergiftung, die der schon von 
Hermann Boerhaave gefundenen Aehnlichkeit des Typhus mit der 
Belladonna-Intoxikation entspreche. Er hebt insbesondere heiTor, wie 

R. Vlrehov, Oeffenll. Mediein. 10 


146 Volkskrankheiten und Seuchen. 

die Erscheinungen am Darm bei Arsenikvergiftungen nicht von der 
localen Einwirkung des Gifts herrührten, sondern auch bei Injectionen 
in die Venen, bei Vergiftungen von Wunden aus einträten. Werde 
man durch diese Aehnlichkeit, welche bekanntlich so weit gehe, dass 
man gesagt habe, zur Zeit einer Cholera-Epidemie könne man unge- 
straft Arsenikvergiftungen vornehmen, auf die Annahme einer Intoxi- 
kation des Blutes geführt, so deute die Beziehung der Cholera zur 
Intermittens noch mehr darauf hin. Fast immer seien den Cholera- 
Epidemien Wechselfieber -Epidemien voraufgegangen; auch diessmal 
seien die Wechselfieber seit 2 Jahren in unerhörter Häufigkeit er- 
schienen. Dass aber das Wechselfieber aus einem Miasma hervoi^ehe, 
leugne niemand, wenn auch noch keiner das letztere dargestellt habe; 
es sei aber wahrscheinlich eine durch chemische Umsetzungen ent- 
stehende, in einer fortgehenden Umsetzung begriffene, flüchtige Sub- 
stanz. In Messina sei eine Epidemie ausgebrochen, als man das 
Strassenpflaster aufriss und den Boden umwühlte; in Texas seien die 
Ansiedler bösartigen Wechselfiebem ausgesetzt, wenn sie ihre Woh- 
nungen so anlegten, dass der Wind ihnen die Ausdünstungen des 
frisch umgeackerten Bodens zuführe; auf Corsica zeigten sich Inter- 
mittenten auf felsigem, hoch gelegenen Terrain, wenn der Wind über 
Sümpfe dahin komme. Bei der Cholera könne das Miasma vielleicht 
noch palpabler sein, denn manche Beobachter sprächen von auffallen- 
den Veränderungen der Atmosphäre, und es gäbe nicht wenig Men- 
schen, welche die Cholera riechen zu können behaupteten. Habe 
man so auf der einen Seite eine unzweifelhafte Vergiftung, welche 
die Symptomatologie der Cholera hervorbringe, auf der andern eine 
durch ein nicht direkt nachweisbares Miasma bedingte und mit der 
Cholera in einer bestimmten Beziehung stehende Krankheit, so wachse 
die Wahrscheinlichkeit einer Infektion doch wohl. — Hr. Quincke 
bestreitet die Beziehung zur Intermittens, da diese nicht erst 1831 
vor der Epidemie der Cholera aufgetreten sei, sondern schon seit 
1819 geherrscht habe. Hr. Virchow bemerkt dagegen, dass es ihm 
auf die Dauer der vorangegangenen Intermittens nicht ankonune, son- 
dern nur auf die Constanz des Vorangehens. Hr. Hein dl erwähnt, 
dass auch in München, wo sonst gar kein Wechselfieber vorkommt, 
in diesem Jahre sehr viele Fälle waren. — Hr. Leubuscher meint, 
dav^^s alle Analogien noch keine Beweise seien; weder Arsenik, noch 
faule Substanzen machten wirkliche Cholera; überdies wisse er nicht, 
welche dieser Analogien Hr. Virchow jetzt festhalten wolle. Hr. 
Virchow erklärt darauf, dass er beide festhalte und dass er sehr 
wohl wisse, da^ es nur Analogien seien. Allein alle menschliche 
Untersuchung bewege sich auf diesem Wege; ohne Analogien müsse 
man die Forschunij überhaupt aufgeben. Sein Gedankengang sei der: 
Eine unzweifelhafte Vergiftung (Arsenik) bringt eine der Cholera sehr 
ähnliche K^rankheit hervor; es entsteht also die Vermuthung, dass die 
Cholera auch eine Vergiftungskrankheit sei. Nun besteht eine Be- 
ziehung der Cholera zur Intermittens, welche gleichfedls als Vei^f- 
tungj^krankheit betrachtet werde und deren Miasma man ans der che- 
mischen Umsetzung organischer Substanzen herzuleiten gezwuni^en 


Die Cholera. 14? 

961 ; es entstehe also die weitere Vermuthung, dasd äucK das Cholera- 
Miasma eine ähnliche Entstehung habe. Die diphtheritischen EntzAn* 
düngen deuteten auf ein fauliges Miasma und die Experimente mit 
putriden Substanzen unterstützen diese Ansicht. Könne man damit 
bei Hunden keine wirkliche Cholera erzeugen, so möchte man auch 
nicht vergessen, dass bei diesen Thieren Oberhaupt noch keine Cholera 
beobachtet sei, und man nicht verlangen könne, dass man bei Thieren 
Krankheiten hervorrufe, denen sie überhaupt unzugänglich seien. 

Sitzung vom 20. November 1848. (Medicinische Reform 
No. 22 vom 1. December 1848. S. 154.) Hr. Virchow bemerkt 
mit Rücksicht auf die in der letzten Sitzung aufgeworfene Frage von 
dem Vorkommen der Cholera bei Thieren, dass nach einer Anfrage 
bei Hm. Prof. Hertwig während der jetzigen Epidemie gar keine 
Krankheiten bei den Thieren beobachtet seien, die auch nur die ent- 
fernteste Aehnlichkeit mit Cholera hätten. In der früheren Epidemie 
habe man eine Federviehseuche als mit der Cholera zusammenhängend 
betrachtet, allein sie habe gar keine Aehnlichkeit damit gezeigt und 
sie sei auch zu Zeiten vorgekommen, wo gar keine Cholera hier ge- 
herrscht habe. — Hr. Koch fügt hinzu, dass man in Indien davon 
s^e^prochen habe, dass der Bambus während der Cholera abstürbe, 
was auch nicht wahr sei. Hr. Munter erwähnt die von Hrn. Prof. 
Ehrenberg beobachteten Signacula. 


Z. Die Epidemie von 184B. 

(MedicinUehe Refoxm No. 51 vom 32. Jani 1849 S. 273 u. No. 53 vom 29. Juni 1849 S. 276.) 

Wieder haben wir die epidemische Cholera in unseren Mauern, 
zwei Spitäler sind im Gange, und wenn auch die officiellen Berichte 
über die Zahl der Erkrankungsfälle noch fehlen, so erfahren wir doch 
täglich von neuen und sehr schweren Erkrankungen. Namentlich 
tritt die Krankheit noch mehr, als früher, gruppenweise auf, so dass 
in derselben Familie nicht selten 4 — 5 Fälle hinter einander vorkom- 
men. Bei diesen liegt die Frage von der Ansteckung sehr nahe, 
allein fast jedesmal stösst man auf die grösste Schwierigkeit, wenn 
es sich um die Ableitung des ersten Falls handelt. Hier findet sich 
meist, dass Diarrhoen schon längere Zeit voraufgingen und dann 
durch irgend eine besondere, äussere Veranlassung (Gemüthsalteration, 
Diätfehler, Erkältung u. s. w.) der Ausbruch der Cholera in grosser 
Acuität hervorgerufen wurde. Der Verlauf der einzelnen Fälle ist 
zum Theil so rapid, dass 3 — 5 Stunden, nachdem die ersten schwachen 
Erscheinungen aufgetreten sind, schon der Tod erfolgt. Die anato- 
mischen Resultate sind in diesen akuten Fällen dieselben, wie in der 
vorjährigen Epidemie. Wir haben bis jetzt 4 derselben (3 in der 
Charit^, 1 im Choleraspital No. 1.) zu untersuchen Gelegenheit ge- 
habt. Diphtheritische Entzündungen fanden sich nirgends, dagegen 

10* 


14S N'nlk.skrankliciton un«l SmicIuMi. 

jiusiTtMlelinte kataiThnlisoho, sowohl an der Di^^estions-, als nn der Uro- 
^eiutal^chleinilmiit. Sowohl die Darnifollikel, als die GekrGsdrusen 
waren i^csclnvollen, Aveisslich und li()nioü:fMU ohne dass an den ersteren 
iri:end eine Spur von Ansstossunii" zu bemerken Avar; am hedeutend- 
sten war immer die Anschwellunii: der Dünndarmsohleimhaut, deren 
ZoitiMi sehr verlängert und verdii'kt erscliienen. Der Inhalt des Darms 
war in den oheren Theilen stets sehr schleimiix, zuweilen wie dicker 
^lehlbrei: im Ileum wurdt» er dünner und flockii»-, im Colon «gleich- 
mässii:; und reiswasserartii^^ Oben reagirte die Masse sauer, unten 
alkaliscli. Hier fanden sich Infusorien, d. h. Fäulniss, oben nicht. 
Das Filtrat der im Colon entlialtenen Flüssigkeit wurde durch Sal- 
jietersäure und Koclien stark gefällt, ebenso durch Zusatz von weniu: 
Kssigsäure. Die Salpetersäure brachte ausserdem jene schon rosen- 
rothe Färbung hervor, die schon von F. Simon und Heller beob- 
achtet und auf Gallcnfarbstofl* l)ezogen war; es bestätigt sich hier die 
schon von mir (Zeitschr. f. rationelle ]\Iedicin 1846. Bd. V. S. *2']S) 
ausg(N<proc]iene Vermuthung, dass die Färbung von verwester Pro- 
teinsubstanz herstamme. (Es ist dieselbe, welche sich nidit selten in 
al!)uminösem Harn vorfindet und auch hier falsch gedeutet ist.) Eine 
vollkonnnene Entblossung der Darmschleimhaut von Epithelien fan<l 
nicht statt, wo die Leiche nicht zu spät nach dem Tode untei*suchi 
wurde Daireu^en kamen in dem Inhalt des Darms stets »j-rosse Men- 
gen, si'lbst Fetzen von Ej)ithelien vor; in der verwesenden Masse des 
I)i(k(]:irms zerfielen auch die E])ithelialzellen und es blieben nur un- 
regchnä-^iue Haufen mit Kernen übrig. 

An <len Nieren fanden sich sowohl katarrhalische als croupf^se 
Entzündung (Veränderung der Epithelialzellen und FaserstoflVylinder); 
der Harn war eiweisshaltin* und bei einem Manne, der 5 Stunden 
narh dem Tode secirt wurde, zeigten sich in der Harnblase zahl- 
reiche, noch flimmernde Spermatozoiden. — Besonders in einem Falle 
waren alle serösen Häute mit einer sehr reichlichen, klebrigen, faden- 
ziehenden und beim Reiben stark schäumenden, in Wasser schwer 
loslichen Schicht von concentrirter Eiweisslösunic überzogen. Inter- 
lobuläres Lungenemphysem fand sich einmal: am Pericardium kleine 
Extravasate immer, am Endocardium i\i^^ linken Ventrikels einmal. 
Kosige Hyperämie des Dünndarms immer. Das Blut war in ein Paar 
Fällen Hüssig und fast ohne Sj)ur von Gerinnsel; in den anderen gut 
geronnen und s])eckhäutig; an den rothen Kör])erchen keine Verände- 
rung, namentlich kein Collapsus zu bemerken; die farblosen, mit 
einem oder mehreren Kernen versehenen Zellen erhel)lich vennehrt. 
Mit der Cholera «^Ij/iclizeiti^ herrscht unter den Thieren im zooloi/i- 
sehen Ciarten eine Art ej)idemisches Faulfieber. 


Die Cholera. 149 

3. Kritik einer populftren Schrift von Dr. C. Möller. 

(MedicinUcbe Reform No. 32 vom 1. Deoembor 1848. 6. 154.) 

Hr. Dr. C. Müller von Hannover, der von seiner Regierung 
zum Studium der Epidemie nach Petersburg geschickt war, hat vor- 
läufig ^Einige Worte Ober die asiatische Cholera fOr das gebildete 
Publikum** herausgegeben. Wir können dieses ansprechende Büch- 
lein in jedem Sinne empfehlen; es ist so ruhig, klar und würdig ge- 
gchrieben, dass es jedem populären Schriftsteller als Vorbild dienen 
kann. Gingen alle Aerzte einen so verständigen Weg, so würde das 
Ansehen ihres Standes, über dessen geringe Geltung man jetzt so 
häufig Klagen hört, bald wieder gehoben sein und die Furcht vor 
Charlatanen und Pfiischem würde schnell verschwinden können. Das 
heutige Publikum beansprucht ein gewisses Yerständniss der Medicin ; 
es will nicht immerfort gehänselt und durch inhaltslose Worte dupirt 
sein. Diejenigen, welche durch Charlatane verdrängt werden, haben 
es oft genug sich selbst zuzuschreiben. — Hr. Müller setzt seine 
Ansichten über die Ursachen, das Wesen und die Contagiosität der 
Cholera bündig und verständlich aus einander. Er nimmt einen 
schädlichen, der Luft und den obersten Wasserschichten beigemisch- 
ten Stoff als krankmachendes Moment an. Dieser Stoff wirkt zu- 
nächst auf die Organe . der Verdauung, besonders die Eingeweide, 
stört deren Thätigkeit und bedingt die Abstossung des Epitheliums, 
die Entwicklung der Darmdrüsen und Zotten u. s. w. In Folge 
dessen geht eine ungewöhnliche Ausschwitzung aller wässerigen Theile 
und des Ei weisses des Bluts in den Darmkanal vor sich, die dann 
rasch durch Erbrechen und Diarrhoe entfernt werden. Das in seiner 
Zusammensetzung bedeutend veränderte, in seiner Menge sehr ver- 
ringerte Blut übt nicht mehr den zum Leben nothwendigen Keiz 
auf die Nerven, diese werden nach und nach gänzlich gelähmt 
und so treten dann dieselben Erscheinungen, wie bei rascher Ver- 
hlutun«^: Eiseskälte, Pulslosigkeit, langsamer kalter Athem u. s. w. 
auf. Gegen die Ansicht von einer primären Verderbniss des Blutes 
!<pricht sich der Herr Verfasser aus, indem er die Vertheidiger der- 
selben fragt, wie es zugeht, dass bei einer allgemeinen Blutdis- 
snlution die wässerigen Bestandtheile des Blutes zu ihrer Aus- 
(«chwitzung nicht auch andere Organe wählen als den Darmkanal, 
und wie es zu erklären ist, dass als Vorboten der Cholera stets Stö- 
rungen der Verdauung vorausgehen? — Hier können wir dem Hrn. 
Verf. leider nicht beistimmen. Seine Fragen sind jedenfalls ungerecht. 
Zunächst kann es sich primär nicht um eine Blutdissolution, sondern 
nur um eine Blutvergiftung handeln, d. h. um die Zumischung des- 
jenigen schädlichen Stoffs, den Hr. Möller selbst in der Luft und 
dem Wasser annimmt, zji dem sonst unveränderten Blut. Es kann 
ako nur die Frage gestellt werden, warum dieser im Blut (hypothe- 
tisch) enthaltene Stoff gerade am Darm bestimmte Verändei-ungen 
hervorbringe. Darauf antworten wir, dass wir die Erklärung für die 
«[Hjcifischen Beziehungen gewisser Stoffe zu bestimmten Organen Ober- 
haupt noch nicht gefunden haben, wenn wir auch die Beziehungen 


100 Volkskrankhoiten und Seuchen. 

selbst sehr ^enau kennen. Oder glaubt Hr. Müller die Erklärung 
liefern zu können, warum Digitalis gerade die Herznerven in ihrer 
Thätigkeit alterirt oder warum Harnstoff gerade in der Niere abge- 
schieden wird? Glaubt er seinerseits erklären zu können, wie jener 
von ihm angenommene Stoff dazu kommt, gerade primär den Darm 
zu afficiren und die Bronchialschleimhaut und die anderen Atrien frei 
zu lassen? Alle unsere Erklärungen haben ihre endliche Grenze, 
und wenn wir genau sein wollen, so zeigt es sich, dass wir zuletzt 
über die Phänomenologie mit Sicherheit nicht hinauskommen. Wäre 
es daher wahr, dass der Cholera jedesmal Verdauungsstörungen vor- 
aufgehen, was die Erfahrung nicht bestätigt, so würde man ebenso- 
wenig von uns verlangen können, dass wir diess nothwendig erklären 
müssten, als man uns die Aufgabe stellen kann, zu zeigen, warum 
die meisten Wechselfieber von vornherein mit Verdauungsstörungen 
auftreten. Genau genommen, ist diese Frage übrigens mit der ersten 
identisch, denn die ganze Erscheinung fäUt wiederum unter die Kate- 
gorie von den specifischen Beziehungen gewisser ins Blut einge- 
brachter Substanzen zu gewissen Organen. Wbä die Ausschwitzungen 
insbesondere anbetrifft, so wollen wir noch hervorheben, dass aller- 
dings albuminose Exsudate mit reichem Wassergehalt nur im Dann 
abgesondert werden, dass aber, wie wir gezeigt haben, concentrirte 
albuminose Exudate sich fast in allen serösen Höhlen vorfinden und 
den klebrigen Ueberzug ihrer Eingeweide bilden. 

Weiterhin spricht sich Hr. Müller entschieden för die Nicht- 
ansteckungsfähigkeit der Cholera aus. Jeder Mensch trägt während 
der Epidemie den Keim der Krankheit in sich (vgl. No. 19) und es 
bedarf nur einer geringen, auf den Körper einwirkenden Schädlich- 
keit, um die Cholera zum Ausbruche zu bringen. Diese Gelegenheits- 
Ursachen sind vorzugsweise Diätfehler, Erkältungen und Gemüths- 
bewegungen; unter 10 Fällen lassen sich 7 Mal die erste, 1 Mal die 
zweite, 1 Mal die dritte, 1 Mal keine solcher Gelegenheits-Ursachen ermit- 
teln. Die erstere Fonn hat gewöhnlich die längsten Vorläufer und ist die 
günstigste für die Behandlung, liefert meist auch das reinste Krank- 
heitsbild; die zweite zeichnet sich durch sehr heftige Krämpfe aus; die 
dritte endlich tritt sehr rasch, oft ohne alle Vorboten auf und ist 
desshalb die gefährlichste, meist mit tödtlichem Verlauf endende. Ub&s 
die Vorläufer im Allgemeinen so wenig beachtet werden, schiebt Hr. 
Müller zum Theil auf den meist zur Nachtzeit, stets sehr plötz- 
lich geschehenden Ausbruch der Krankheit. Seine Schilderung der 
Krankheit selbst ist ein Muster des Styls und der Beobachtung. 

Bei den allgemeinen Vorsieh tsmaassregeln erwähnt Hr. Müller 
namentlich eine, die vielfach übersehen wird: ^Vor allen Dingen warne 
ich vor jeder Oi'ts Veränderung , vor unnöthigen Reisen, denn leider 
bestätigt sich die Beobachtung, dass veränderte Luft und Lebensweise 
sehr leicht den^Keim der Cholera rasch zur Entwickelung führt.- 
Bei den allgemeinen Staatsmaassregeln ist besonders das, was über 
Hospitäler aufgestellt ist, vortrefflich, und wir können daher schliess- 
lich wohl sagen, dass wir kein be!?seres populäres Büchlein über irgend 
eine Krankheit gesehen haben, als dieses. 


Die Cholera. 151 

4. Kritische Bespreciivig von N. Pirogofft Aiatonie patliologique du CliolAra* 

Morbus. Atlas. St PMersbourg. 1849. 

(Schmidt's Medieinitehe Jahrbfieher 1852. Bd. 73. Heft 3. 8. 359.) 

Unter den Errungenschaften, welche das Jahr 1848 der Patho- 
logie gebracht hat, wird das vorliegende Werk gewiss eine der schätz- 
barsten und dankenswerthesten sein. Während einer Zeit, wo in den 
meisten Ländern des eurpäischen Continents die Ruhe zu grösseren 
literarischen Productionen, ja fast zu ausdauernden Studien fehlte, wo 
die politische Bewegung und die an sie geknQpften socialen Bestre- 
bungen die eifrigen und erregbaren Aerzte so vielfach im Laufe ihrer 
Arbeiten unterbrachen, wo endlich die meisten Regierungen mit sich 
selbst zu viel zu thun hatten, um die Wissenschaft besonders zu för- 
dern und anzuregen, während dieser Zeit war es das Reich der Ord- 
nung und Ruhe, wo sich ein Kupferwerk von solcher Ausdehnung 
und Vortrefiflichkeit vollenden konnte. Pirogoff, der bekannte 
Chirurg und der erste Anatom Russlands, der die Cholera am Kau- 
kasus, in Moskau, Dorpat und den bedeutendsten Spitälern Petersburgs 
studirt hatte, dessen ausgedehnte Bildung ihn zu einem der compe- 
tentesten Richter über Gegenstände der Pathologie erhebt, brachte wäh- 
rend jener Zeit des Sturms einen Atlas der pathologischen Anatomie 
der Cholera zu Stande, wie wir etwas Aehnliches kaum für irgend 
eme andere Krankheit besitzen. Wie er selbst sagt, wurden die Tafeln 
mit einer scrupulösen Genauigkeit und mit dem grössten Luxus an- 
f^efertigt, und die bedeutenden Kosten, welche ihre Ausführung er- 
forderte, waren nur durch die Bereitwilligkeit der kaiserl. medico- 
chirurgischen Akademie aufzubringen. 

Dasjenige, was uns jetzt vorliegt, der Atlas selbst mit den noth- 
dürfdgsten Erklärungen, genügt freilich dem Unerfahrenen nicht, und 
es ist gewiss ein anerkennenswerther Akt der Bescheidenheit, dass der 
Autor gerade den Theil, an welchem er selbst die geringste direkte 
Thätigkeit äussern konnte, dessen Ausführung hauptsächlich den Künst- 
lern zugehört, ohne den Text, dessen Ausgabe er einer spätem Zeit 
vorbehalten hat, veröffentlichte. Die Kritik hat hier eigentlich nur die 
Aufgabe, die künstlerische Ausführung imd die Auswahl der abge- 
bildeten Gegenstände zu untersuchen; sie hat es häufig weniger mit 
dem Autor, als mit seinen HülÜBarbeitem zu thun, die freilich oft 
genug über dem Autor vergessen werden und sich mit dem unmittel- 
baren Lohne ihrer Arbeit begnügen müssen. Die VerfQhrung, hier 
selbst etwas Text zu schreiben und das dankenswerthe Unternehmen 
vor dem Autor selbst brauchbarer zu machen, läge nahe genug, allein 
wir wollen uns keineswegs anmaassen, den Text des Autors irgendwie 
überflüssig zu machen. Dagegen möchte eine kurze, provisorische 
Besprechung dem Yerständniss dieser schönen Tafeln wohl förderlich 
sein, zu denen der Herausgeber selbst nur ganz kurze Erläuterungen 
und eine das nosologische Schema ausführende Vorrede geschrieben 
hat; es möchte diese Besprechung auch für den Autor selbst um so 
wichtiger sein, als er bei Bearbeitung des definitiven Textes durch 
eme vorurtheilsfreie Kritik vor manchen Irrthümem bewahrt bleiben 


ir>"2 VolI\.sKi7inKliiM*(oii uml SriirlnMi. 

kjiiin, die nach unserer Meinunii: in den Erläuteiunixshlatlern auüe- 
deutet sind. 

Wir besitzen einii^e Mittheiluni''eTi rd)er die Erfaluuni^en «les 
Autors, welche er in Petersliuri;' seihst unter Beistand des unennudc- 
ten Prosectors der inedico-chiruri^ischen Akademie, AVenzel Gruber 
(von Praic), gesannnelt hat, in der verdienstlichen Schrift des Dr. 
C. Müller von Ilainiover: Einiire 13emerkuni::en iiber die asiatische 
Cholera für Aerzte, Ilainiover ltS48,'* in welcher namentlich S. 17 
bis '10 das anatomische Material von mehr als (JOO Sectionen von 
Cholera-Leichen summarisch abgehandelt ist. 

Kef. selbst hat seine Iieobachtuni,^en während der E])idemie von 
1848 und 184t) in den Berliner Spitälern <jjema(;ht und kann sich in 
seiner Kritik L>;leichfalls auf mehrere Hunderte eii^ener Autopsien 
stützen. Er hat dieselben in den SitzuuLfen der Gesellschaft für wis- 
senschaftlichen Medicin vorgetragen, und sie finden sich in den 
Sitzun«j;s]>erichten der Gesellschaft in der „^ledicinischen Keforiii"* 
übersichtlich zusammenict'stellt. Sie sind daraus in verschiedene an- 
dere Schriften überuei^an^en, z. B. in die '2. Ausgabe der patholo- 
irischen Anatomie von Bock S. 3)^4, von Lebert übersetzt in die 
Gazette mcdicale 184i\ No. 3. Diese Autopsien sind um so mehr in 
der Eriinieruni^ des Kef, als er sie frisch besprochen und im Fort- 
i^'ani'e unter fortwährender Kritik und immer erneuter Mittheilunix 
diu'chi^earbeitet hat, und wenn es sich namentlich um die Zahl voll- 
ständiuer und soricfältiiier anatomischer Untersuchuniren handelt, so 
möchten alle die aus den letzten Epidemien in Deuts(;hland public! r- 
ten Arbeiten an Breite des Materials der seini^en naclistehen. Nichts- 
destoweniij;er fühlt Kef., gerade ü:^'i<enül)er diesem vortrefflichen Atlas, 
das Unzureichende inid Unsicliere der ErinneruiiL!;, und ixlaubt von 
vorn herein das Bekenntniss ableiten zu müssen, dass eine ausreichende 
sichere Kritik dieser Tafeln nur wälirend einer neuen Epidemie, An- 
i^a^sichts frischer, neuer Präparate, inö;L^lich sein wird. Kef. findet die 
einziiie zuverlässiire Controle seiner Erinneruniren in seinen eiLrenen 
Aufzcichnuniren und in den unmittelbar aus den Anschauuniren i^e- 
zoirenen Schlüssen, deren Kichtiirkeit freilich nicht Jeder anerkennen 
wird; seine Kritik macht daher auch keinen Anspruch darauf, iranz 
unparteiisch zu sein, vielmehr kann sie sich nur die Aufirabe stellen, 
Amresichts «lieser Tafeln, <ler unmittel l)aren Erzeuirnisse «ler E[)i(leniie, 
von Neuem die alliremeinen Anschauuni>'(^n und die daraus abi^a^leite- 
ten Schlüsse über die Natur dieses Processes, welche ebenfalls un- 
mittell)are Erzeuirnisse der E|)idemie waren, zu prüfen und mit dem 
Autor über seine Auffassumr zu rei'htcn oder sie anzuerkennen. 

Es ist das ein Geständniss, welches in ähnlichem Falle wohl jeder 
Kritiker würde ableiren müssen, luid welches <len Leser nicht zu sehr 
erschrecken darf. Kef. fühlt sich fähii!^, ^^eir'enüber neuen Erfiihrun- 
iren, ireiremlber neuen Anschauunircn seine Ansichten zu ändern, alte 
Meinuniren, deren Unrichtiirkeit oder laivollständiirkeit empirisch dar- 
ireleirt wird, zu opfern, allein er fühlt sich unfähig, ohne diese neuen 
Erfahruniren nachzuirelxMi oder (Miie Kritik anders, als von seinem 
eiirenen, natürlich parteiischen Standpunkte aus, zu üben. Der Aus- 


Die Cholera. 153 

druck der hohen Achtung, welche er vor dem Talent, den grossen 
Kenntnissen, dem wirklich unermüdeten Eifer des Herausgebers, den 
er persönlich kennt, besitzt, wird an sich genfigen, seine Worte zu 
mildem, wo sie etwa nicht billigen sollten, und wenn er öfters gegen 
die Interpretationen, welche der Herausgeber seinen Tafel beigegeben 
hat, sich wird erklären mQssen, so wird hoffentlich Niemand darin 
eine z&he Vorliebe für eigene Sätze, sondern nur das Zeichen einer 
unveränderten, wissenschaftlichen Ueberzeugung sehen. In Erwägung 
der unmöglichen Leistungen, die man zuweilen von einem Kritiker 
verlangt, dOrfte es aber vielleicht nicht unzweckmässig gewesen sein, 
an diese Dinge erinnert zu haben. 

Wenn man in einer so grossen Stadt, wie St. Petersburg, über 
em so reiches Material, über so viel Mittel und über so viel Hände 
zu gebieten hat, wenn man alle Vortheile einer solchen Centralisation 
der Kräfte und der Anstalten geniesst, so hat man bei der Zu- 
rüstung zu einem Atlas, wie der vorliegende, nur zwei Hauptauf- 
i^^ben zu lösen, nehmlich die geeigneten Arbeiter zu finden und 
ihnen das geeignete Material zuzuweisen, — die beiden Sachen, 
die wir schon oben erwähnten, für die allein man* in solchen Ver- 
hältnissen verantwortlich und der Kritik zugänglich ist. Sehen wir 
also zunächst, wie Pirogoff diese Aufgaben gelöst hat. 

Die beiden Künstler, denen er die Ausführung seines Werkes 
fibertrug, waren die HH. Terebenieff und C. A. Meyer; die Stein- 
zeichnung besorgte Hr. Hesse, den Druck d'Harlingue. Was die 
Letzteren anbetrifft, so haben sie offenbar ihre Aufgabe aufs beste 
uelöst, die freilich die geringere war. Die Zeichnungen sind äusserst 
j^auber und zart gehalten, der Druck und die Colorirung mit einer 
Präcision und Genauigkeit ausgeführt, die in der That nichts zu wün- 
schen übrig lassen. — Die beiden Hauptarbeiter, welche die Zeich- 
nung nach der Natur besorgten (Terebenieff und Meyer) haben 
sich ungleich in das Material getheilt. Von den 17 Foliotafeln des 
Adas hat der erstere allein 9, mit Meyer gemeinschaftlich 2 gear- 
beitet. Er hat insbesondere auch alle frischen Zustände des Cholera- 
Darms abgebildet, so weit sie sich mit blossem Auge wahrnehmen 
liessen, während Meyer die Veränderungen des Magens, der Leber 
und Gallenblase, der Lungen, die unter Vergrösserung gezeichneten 
Darmaffectionen und die eigentlich mikroskopischen Abbildungen lie- 
ferte. So wenigstens rechnen wir aus den Unterschriften der einzel- 
nen Tafeln heraus, da bei dem Mangel des Textes Pirogoff noch 
keine Gelegenheit gefunden hat, seine Mitarbeiter besonders zu er- 
wähnen. 

In der künstlerischen Auffassung und Ausführung hat unseres 
Erachtens Hr. Terebenieff unzweifelhaft den Preis vor seinem Col- 
legen; mit dieser Sicherheit in der Wahl seiner Mittel, mit diesem 
(iescliick in der Behandlung der Form und der Farben, mit diesem 
Ueberblick und diesem Bewoisstsein des Totaleindrucks geht nur ein 
erfahrener Künstler ans Werk. Da ist nicht mehr das Suchen nach 
einer Methode, das Probiren mit Farben, die Aengstlichkeit in der 
Aufstellung des Objects, die Pedanterie in dem Detail, welche man 


154 Volkskrankheiton und Seuchen. 

eo oft erfährt, wenn man, wie vnr ^weniger glücklich situirte Klasse-, 
immer von Neuem mit An&ngem oder wenigstens mit unerfahrenen 
Arbeitern beginnen muss. Auf den Tafeln des Hm. Meyer (VI. 
Vn. Xn — Xiy. XVn. zum Theü X. u. XV.) ißt Manches mii 
grosser Schönheit und mit besonderer Liebe durchgeführt, und nament- 
lich die sechste Tafel gefällt uns recht wohl, allein wir Termissen die 
gleichmässige und freie Haltung, die uns in allen Darstellungen des 
Hm. Terebenieff so entschieden entgegentritt. Auch bei dem Letz- 
tem vermissen wir hier und da die Deutlichkeit, welche aus einem 
vollkommenen anatomischen Verständniss des Details hervorgeht, allem 
wir können dies um so weniger in die Wagschale legen, als Piro- 
goff selbst in der kurzen Erklärung der Abbildungen gewisse Zweifel 
nicht unterdrücken kann und für sich selbst nicht überall zu ebem 
definitiven Resultat über den Modus der Veränderungen gelangt ist. 
Meyer 's Bilder sind, wo sie mit genauer Wiedergabe des Details an- 
gefertigt sind, oft steif, und die pathologische Veränderung hebt sich 
aus dem normalen Grund in einer nicht natürlichen Abgeschlossenheit 
hervor; wo sie dagegen künstlerisch frei gehalten sind, da geben sie 
nicht dasjenige feinere Stmcturverhältniss, welches das geübtere ana- 
tomische Auge ohne Schwierigkeit und ohne Bewaffnung erkennt. 

Diese Beschränkung in der Anerkennung wird nur begründet 
durch die Gegensätze, die uns hier so unmittelbar entgegentreten. 
Wenn wir die anerkannt besten und vortrefflichsten Kupferwerke pa- 
thologisch-anatomischer Art, z. B. die von Cruveilhier, Ray er, 
Carswell, Hooper vergleichen, so ist kein Zweifel, dass der Atlas 
von Pirogoff in jeder Beziehung ihnen gleichsteht, in mancher sie 
übertrifft, und wenn wir speciell die pathologische Anatomie der Cho- 
lera berücksichtigen, wie sie bis jetzt nur in den Abbildungen \on 
Froriep, Cruveilhier, Mandt existirte, so ist der grösste Fort- 
schritt ohne alles Bedenken zuzugestehen. Was in dieser Hinsicht am 
meisten hei'vorzuheben ist, die Frische des Colorits und die Mannich- 
faltigkeit der Farben, welche bei der Ausgabe für das grosse Publikum 
gewöhnlich geopfert werden, so reichen nur einzelne der vortrefflichen 
Tafeln von Carswell an die vorliegenden. Freilich ist auch hier ein 
Vorwurf nicht zu verschweigen, nehmlich die Lebhaftigkeit, das zu- 
weilen wenigstens wirklich Grelle der Farben, allein dieser Vorwurf 
trifft alle Arbeiten in diesem Gebiete, und es ist die Frage, ob er 
jemals vollständig zu vermeiden sein wird. Wir erkennen gern an, 
dass die schnellen Uebergänge, das Abrupte und das Contrastirende 
hier möglichst gemildert sind, und daher der Totaleindruck immer ein 
günstiger ist, aUein es setzt eine ganz ungewöhnliche künstlerisolie 
Begabung imd technische Vollendung voraus, die Färbungen thieri- 
scher Gewebe in ihrer natürlichen Erscheinung, ohne Abschwächum,' 
oder Steigerung, wiederzugeben, da es sich hier fast niemals um Ober- 
flächen-Färbungen handelt, vielmehr die oft grellen und zuweilen faM 
schreienden Farben durch andere, durchsichtige oder durchscheinen<le 
Theile hindurchgesehen und so gemildert werden. Alle Künstler sind 
daher glücklicher in Wiedergabe von Durchschnitten, wo die Farben 
unmittelbar zu Tage treten, als von Oberflächen, die ihr Aussehen 


Die Cholera. 155 

zum Theil tieferen, gefärbten Schichten verdanken, und auch das vor- 
liegende Werk zeigt diess deutlich in der prächtigen Lungen -Tafel 
(XV). Die grosse Mehrzahl der übrigen Abbildungen sind aber 
gerade Flächen- Ansichten, und sie waren daher mindestens ebenso 
schwierig, wie es fQr die Künstler sonst die Behandlung der äussern 
Haut, des sogen. Fleisches zu sein pflegt. Allein die pathologische 
Anatomie würde wohl besorgt sein, w^enn sie für die übrigen Krank- 
heiten so prächtige und der Natur so nahe kommende Werke be- 
lasse; und wir dürfen daher unser Gesammturtheil über die künst^ 
lerische Behandlung dieser Tafeln dahin zusammenfassen, dass sie 
den Anforderungen vollständig entsprechen, die man billigerweise in 
gegenwärtiger Zeit an pathologisch-anatomische Abbildungen stel- 
len darf. 

Wir konmien jetzt zu dem zweiten Punkte unserer Kritik, zu der 
Frage nach der Auswahl des Materials. Pirogoff hat den grössten 
Theil seines Werkes der Anatomie des Digestionstractes gewidmet, 
wie er selbst in der Vorrede sagt, nicht weil er den Darm als den 
Hauptsitz (siige principal) der Cholera betrachtet, obwohl diesd in 
ge^iissen Beziehungen der Fall sei, sondern weil er den Digestions- 
kanal als den eigentlichen Heerd der Manifestation des Cholerapro- 
cesses ansieht. Die Behandlung des Gegenstandes wird am besten 
aus einer kurzen Uebersicht des Inhalts sich erkennen lassen: 

Tafel I. Aeusserer Zustand des Dünndarms. 

« n — in. Innerer Zustand der Därme. 

„ IV. Cholero-Djsenterie. 

^ V. Schorfbildung im Dickdarm. 

^ V. A. Varietäten. 

^ VI. Consecutive Veränderungen an den Därmen, meist 
bei schwacher Vergrösserung gezeichnet. 

^ Vn. Darm im* typhoiden Stadium. 

^ VIII. Chofero-Dysenterie. 

IX. Cholero-Tjphoid, nebst einigen späteren Verände- 
rungen des Darms. 

^ X. Besonderheiten der Form und Typhoid-Cholera. 

^ XI. Katarrho-Cholera. 

^ XII — Xm. Magen. 

„ XrV. Leber und Gallenblase. 

^ XV. Lungen. 

n XVI. Mikroskopische Abbildungen. 

Gewiss ist es gerechtfertigt, bei einer Krankheit, deren Erschei- 
nungen so überwiegend von dem Digestionstractus hervorbrechen, bei 
der die anatomische Untersuchung so überwiegend auf die Erforschung 
dieser Theile gerichtet war, auch den Haupttheil des Atlas ihren Ver- 
änderungen zu widmen. Allein es dürfte doch die Frage sein, ob 
eine so Oberwiegende Bearbeitung der Darmveränderungen und eine 
t«o stiefmütterliche Behandlung aller übrigen Apparate in einem Werke 
gebilligt werden darf, welches den stolzen Titel trägt: Anatomie pa- 
thologique du Cholera-Morbus. Ist das wirklich die pathologische 


156 VoIkskrankhoiU'ii und Smirhen. 

Anatrimie <ler Cholera? Beschränkt gich darauf das Wissent*- uiul 
»Sehens werthe, welches die Autopsie uns enthrdit? 

Piro^off »s^rt in der Vorrede: ^Ich habe die Veränderun«x»^n 
der Mil2, des Gehirns, des Rückenmarks nicht dargestellt, weil i\i\ 
obwohl constant, mir weder etwas Ausserge wölmliches, noch etw:i> 
Wesentliches, was dem Choleraproce.ss eigenthumlich wäre, dargeboten 
haben.** Er erwähnt also nur die Milz, das Gehini und das Röcken- 
mark, aber er spricht nicht mit einem einzigen Worte von den Hani- 
und Geschlechtsorganen, und ebenso wenig von dem Herzen und dem 
GefäsHsystem. Müller erzählt in seinem Petersburger Bericht ganz 
einfach: ^Das Harn- und Geschlechtssvstem wies nichts Besondei*e? 
nach.** Diese Fassung ist freilich so unbestimmt, dass sich daran 
keine Polemik knüpfen lässt. Legt man den Accent darauf, das- 
nichts „Besonderes,** nichts «Aussergewöhnliehei? und Wesentliclies, 
was dem Choleraprocess eigenthümlich wäre,** gefunden sei, so bleuet 
zunächst die Möglichkeit, dass doch etwas gefumlen ist, wie es anrh 
fOr Milz und Nervencentren besonders zugestanden wird, <lass die-? 
Gefundene aber nichts Besonderes oder Eigen thfmiliclies gewesen sei. 
Weiter ist aber nicht zu discutiren, da nicht angegeben Tv<t, was denn 
gefunden wurde. Am Darm, wo der Befund abgebildet und zum 
Theil beschrieben ist, hält P. die Veränrlerungen für besomlere uu«l 
eigenthftmliche; es ist das eine individuelle Ansicht, die wir <liscutiren 
können und werden. Objectiver und wissenscbaftli<!h wunscbenswerth 
wäre es daher wohl gewesen, wenn er auch die übrigen Organe un«l 
Apparate in den Kreis seiner Darstellungen gezogen und dafür 'lio 
Zahl der Darm- Abbildungen , was ohne Nachttheil hätte geschehen 
können, etwas verkleinert hätte. 

Ref. betrachtet das gerade als den wesentlichen Gewinn der letz- 
ten Epidemien, dass der Kreis der anatomischen Kenntnisse der Clii>- 
lera ober eine grössere Reihe von Organen ausgedehnt worden i-t, 
und er ist stolz damuf, zuerst die Aufmerksamkeit auf die Sturuni:(ii 
einer Reihe bis dahin unbeachtet gebliebener Organe gelenkt zu haben, 
unter denen er die Milz, die Nieren und die weil)liehen Geschleclit-- 
apparate, so wie die morj)hologischen Veränderungen des Blutes her- 
vorhebt. (Vgl. Med. Ref. 1848, No. 12 — 13.) Als er zum ersten 
Mal die Vaginitis diphtheritica in ihrer ganzen Ausbildung fand, deren 
Anwesenheit bis dahin noch niemals in der Cholera constatirt w:ir. 
und die sich gerade in diesem Falle in einer staunenswerthen Mäch- 
tigkeit zeigte, war er geneigt zu glauben, dass hier etwas ganz Spo 
cifisches vorliege, etwas wenigstens ebenso Specifisches, als die Di|iii- 
theritis des Magens und der Gallenblase, die P. abbilden Hess. Ki 
hat sich freilich seitdem (iberzeugt, dass eine solche Scheiden-Dij)}i- 
theritis auch ohne Cholera vorkommt, aber doch hat er sie niemals 
vor- oder nachher in einer solchen Ausdehnung wieder gesehen. Die 
eigenthümlichen Veränderungen der Nieren, welche vom Katarrh hU 
zum Croup fortgehen und sich nicht selten mit leichten Störuiiutn 
der Parenchvmbestandtheile verbinden, erschienen ihm im ersten Zelt- 
räume der Krankheit so besonders und specilisch, dass ei*st die Auf- 
merksamkeit auf solche Zustände, die er durch das Studium der 


Die Cholera. 157 

Cholera gewann, ihm später die Erkenntniss ähnlicher Veränderungen 
unter anderen Bedingungen erschloss. Allein noch jetzt muss er 
sagen, dass so prägnant, wie in der Cholera, er sie kaum je wieder- 
£Cefunden hat, und er wQrde glauben, dass, nachdem die Einsicht in 
den consecutiven Zustand von HamstoflF-Intoxication, von Urämie fest- 
irestellt ist, eine genaue Abbildung der concomitirenden Veränderun- 
iren des Nierengewebes doppelt wOnschenswerth sein möchte, zum 
wenigstens ebenso wönschenswerth, als die in ihrer specifischen Natur 
(loch ge^^ass viel mehr zweifelhafte Fettinfiltration der Leber, welche 
P. mit so grosser Sorgfalt, selbst mikroskopisch, hat abbilden lassen. 
Auch an der Milz hat Ref. im weitem Verlauf der Krankheit häufig 
grossere und kleinere hämorrhagische Heerde nachgewiesen, die ebenso 
charakteristisch waren, als die von P. gesammelten, analogen Zustände 
der Lungen. (Med. Ref. S. 89. 131.) 

Wir können daher die Ausschliessung aller dieser Veränderungen, 
wenn sie in der Petersburger Epidemie nicht etwa gefehlt haben soll- 
ten, was wir nicht wissen, aber auch nicht annehmen können, nicht 
billigen. Eine pathologische Anatomie der Cholera ist höchst unvoll- 
ständig, so lange ihr Abbildungen dieser Veränderungen abgehen, 
und wie f&r das emeto-diarrhoische, das algide Stadium die Darm- 
zustände, so sind doch gewiss für das typhoide, das urämische die 
Zustände des Hamapparats von Bedeutung. W^enn die besonderen 
Verhältnisse der Lungen manche Eigenthümlichkeiten im Gange der 
Nachkrankheiten interpretiren , so darf andererseits nicht vergessen 
werden, dass gewisse Eigenthümlichkeiten des weiblichen Geschlechts- 
lebens, die pseudomenstrualen Zustände insbesondere, ihre Interpre- 
tationen ebenso erst in der Besonderheit der Erkrankung der Ge- 
."»chlechtsapparate, insbesondere der Eierstöcke und des Uterus selbst 
finden. 

Wenden wir uns nun von dem, was ausgelassen, zu dem, was 
wirklich geliefert ist, so können wir nicht verschweigen, dass wir für 
den Darm mit etwas weniger zufrieden gewesen wären. Jede kleine 
Xuancirung wiederzugeben, ist doch unmöglich, und das, was uns 
vorliegt, entspricht keineswegs der ganzen Reihe der Möglichkeiten. 
Indess wollen wir darüber am wenigsten rechten; es ist schwer, hier 
die Grenze zu ziehen, und wir möchten nach der zuweilen etwas 
unsystematischen Anordnung, nach der Vertheilung zusammengehöri- 
ger Dinge auf verschiedenen Tafeln eher schliessen, dass die fiactische 
Succession der Objecte, die allmähliche Anfertigung und Ausstattung 
der einzelnen Tafeln hier eine gewisse Häufung bedingt hat. Es ist 
schwer, eine bessere Abbildung zu unterdrücken, wenn man auch 
Bchon früher eine ähnliche, nur weniger demonstrative zugelassen hat. 
Die Geschichte aller grösseren Kupferwerke, z. B. der schöne Atlas 
von Cruveilhier giebt uns Beispiele solcher Cumulation genug. 

Am meisten bedauern wir unter dem, was geliefert ist, die Man- 
icelhaftigkeit der mikroskopischen Abbildungen. Gerade hier, wo 
manches, das sonst vernachlässigt war, seine Stelle, wo z. B. die 
Vei-ändeningen der Nieren eine sehr zwekmässige Erwähnung und 
Darstellung hätten finden können, sehen wir fast nur das Gewöhn- 


158 Volkskrankheiten and Seuchen. 

liebste wieder. Die schwächeren Vergrösserungen sind weit hinter 
dem zurückgeblieben, was schon längst nach Abbildungen des ver- 
storbenen Prof. Czermak in dem Werk von Geradin und Gai- 
mard (Du Chol^ra-Morbus en Russie, en Prusse et en Autriche pen- 
dant les ann^es 1831 et 1832. Paris 1833. PI. 2) geleistet war. 
Manche feinere Verhältnisse hat Böhm in seiner Abhandlung fibcr 
die kranke Darmschleimhaut in der asiatischen Cholera. Berlin 18•>^^ 
ungleich plastischer und verständlicher dargestellt, und es ist ein 
massiges Verdienst, hier mehr geleistet zu haben, als das, was Gluije 
in seinem neuen Atlas der pathologischen Histologie Tat 9 für eine 
Darstellung des Zustandes der Drüsen und Epithelien in der Cholera 
ausgiebt. Gerade in einem Specialwerk, wie das von P. , wo die 
makroskopischen Anschauungen der Darmzustände in einer solchen 
Breite und Schönheit entwickelt sind, würde es wünschensw^erth j^e- 
wesen sein, für jede Form der Veränderung auch das mikroskopische 
Bild zu besitzen, da erst auf diese Weise das volle, wahre Verständ- 
niss der elementaren Störungen gewonnen werden kann. Manch»» 
Schwankungen in der Begriffsbestimmung der hämorrhagischen, diph- 
theritischen, dysenterischen, typhösen Zustände würde dadurch beseitiirt 
und die Erkenntniss des Zusammenhanges der einzelnen Veränderun- 
gen in ihrer graduellen Entwicklung mit ungleich grösserer Schärfe 
hervorgegangen sein. Soll man nicht an ein Werk von dieser Voll- 
kommenheit ungleich höhere Ansprüche stellen, als an kleine, einzehie 
Mittheilungen? — 

Wir gelangen endlich an den schwierigsten Punkt der Kritik, an 
die Interpretation der Tafeln. Pirogoff selbst hat uns in die- 
selbe eingeführt, indem er in einer kurzen Vorrede eine allgemeine 
nosologische Eintheilung der Cholera versucht, und danach die frei- 
lich sehr kurzen Noten zu den einzelnen Tafeln abgefasst und geord- 
net hat. Es wird daher vor Allem nöthig sein, diese nosologische 
Anschauung vorauszuschicken. Indem er die Cholera als aus einem 
eigenthümlichen und essentiellen Einfluss eines noch unbekannten 
krankmachenden Princips hervorgegangen darstellt, statuirt er fÖr tue 
verschiedenen Phasen der Krankheit (algide Periode, Reaction.*- 
Periode, typhoide Periode) verschiedene pathologisch-anatomische Ver- 
änderungen (die freilich in gewissen Fällen mangeln können), und 
adoptirt demgemäss verschiedene Gattungen, Arten und VarietAten 
des Processes. Er macht also eine Art von naturhistorischer Ein- 
theilung in Genera, Species und Varietäten. Sich stützend auf die 
pathologischen Gewebsstörungen, unterscheidet er 2 Haupt-Genera: 

I. Einfache Cholera, enthaltend 5 Species (Formen): 

a) Die Darmzotten sind verdickt, geschwollen, verschiedentlich 
mit Blut erfüllt, das Epithel in der Ablösung. 

b) Die isolirten und Peyer'schen Follikel und die GeknV- 
drüsen sind angeschwollen. — Dazu gehört eine Varietni. 
wo die Zotten durch eine cholerische Exsudation, zuweilen 
hämorrhagischer Natur, ent&rbt sind. 


Die Cholera. 159 

c) Es findet sich ein eigenthümlicher, zwischen Katarrh und 
Croup stehender Zustand. 

d) Es bilden sich im Dickdarm, besonders im Colon descendens, 
der Flex. sigm. und dem Kectum, durch Extravasation und 
Zersetzung von Blut in die Schleimhaut, die ihrer Ernährung 
und Vitalität beraubt wird, Schorfe. 

e) Es findet sich Diphtheritis. 

IL Gemischte Cholera (zusammengesetzte): 

a) Cholera-Dysenterie: Cholera unter dem Bilde der acuten 
Dysenterie. 

b) Dysentero-Cholera: wirkliche Complication. 

c) Cholero -Typhus: Cholera mit Ablagerung einer eigenthüm- 
lichen Materie in die Follikel, Anschwellung der Milz, Lun- 
genanschoppung, Oedem der Meningen u. s. w. 

d) Typho-Cholera: wirkliche Complication. 

e) Katarrho-Cholera; ebenso. 

f) Pneumonia cholerica, Meningitis, Peritonitis u. s. w. 

Von den consecutiven Veränderungen in der typhoiden Periode 
hat P. 3 Formen abbilden lassen: 

1) Die chakteristische cholerische ülceration der Peyer'- 
schen Plaques durch Erweichung der abgelagerten Materie. 

2) Die cholerische ülceration nach Abfallen der Schorfe (I. d.) 

3) Die Erweichung, Ertudtung, den reticulirten Zustand der 
Peyer'schen Plaques, die Ablösung und Trennung der Darm- 
zotten, die Veränderungen der isolirten Follikel, die dysen- 
terischen Exsudationen. 

Endlich ist noch besonders zu erwähnen die cholerische Lun- 
gen-Hepatisation, die wohl zu unterscheiden ist von der choleri- 
schen Pneumonie, d. h. Cholera zur Peripneumonie gesellt. In 
manchen Fällen wählt die Cholera gerade die Lungen als Haupt- 
sitz, wo sie sich im Parenchym und den Bronchialverästelungen 
äussert. 

Dieser Grundansicht entsprechend sind die Tafeln interpretirt. 
Ihr zu folgen, ist dadurch erschwert, dass die Erklärung nicht immer 
^nau der Reihenfolge der Tafeln, und noch weniger der Reihenfolge 
der Figuren nachgeht, sondern dieselben häufig durcheinander wii^, 
was gewiss leicht zu vermeiden gewesen wäre. Auch der Mangel 
specieller Bezeichnungen einzelner Theile der Figuren durch beigesetzte 
Zahlen und Lettern wird zuweilen recht fQhlbar, und muss das Stu- 
dium dieser Tafeln fQr Anfänger zuweilen fast unmöglich machen. 
Freilich sehen die Abbildungen reiner und netter aus, allein bei so 
umCingreichen Figuren ist es zu leicht, falsche Deutungen der man- 
nichCaltigen und oft schwer verständlichen Veränderungen zu acceptiren. 
— Es findet sich: 


lf)0 Volkskran kh ei ten und Seuchen. 

I. Die einfache Cholera: 

1. Species auf Taf. 111. Fig. 1 — 2. 

2. . . Taf. m. Fig. 3 — 5. H. Fig. 1—2. Varietät 

Taf. IX, Fig. 3. 

3. . „ Taf. n. Fig. 3—5. 

4. . „ Taf. V. Varietät Taf. VA. Fig. 3. 

5. . ^ Taf. VI. Flg. 4 und 6. Magen Taf. XU. Gal- 

lenblase Tat XIV. Fig. 4. 

II. Die zusp.mmengesetzte Cholera: 

1. Species auf Taf. IV. VA. Fig. 1—2. 

2. . . Taf. Vm. 

3. „ . Taf. IX. Fig. 1. (X. Fig. 2. XIV. Fig. 1.; 

4. . „ Taf. X. Fig. 3. 

5. . . Taf. XI. 

6. „ . Taf. XV. 

Die consecutiven Veränderungen: 

I. Einfache Form: 

1. Species auf Taf. VI. Fig. 3. Taf. VII. Fig. 3—5. 

2. . . Taf. VI, Fig. 1. Taf. VII. Fig. 1. 
4. n ^ Taf. VI. Fig. 5. 

II. Gemischte Form: 

l. Species auf Taf. VII. Fig. 2. 

Gewiss wäre es wlinschenswerth gewesen, wenn der Herausgeber 
durch einen vollständigen Text seine Eintheilung genauer niotivirt 
hätte; vielleicht dass er manches Moment hätte beibringen können, 
welches seine Art, diese Verhältnisse zu betmchten, gerechtfertiiri 
hätte. Wie jetzt die Sache liegt, sind wir nicht seiner Meinunir. 
Ref. hält es Oberhaupt i\^r misslich, die Krankheiten wie in sich abire- 
schlossene, concrete Naturobjecte zu behandeln, und er ist fast erstaunt, 
dass ein Gelehrter von der Einsicht P.'s gerade die naturhistorisclie 
Terminologie, die so viele IrrthOmer zulässt, gewählt hat. Unter aller 
dieser Classification geht zuletzt die Einheit ganz verloren, und wenn 
diese eben nur in die unbekannnte Ursache des Gesammtprocesse-? 
verlegt wird, eine Ursache, die doch immerhin noch in ihrer Existenz 
überhaupt, ganz abgesehen von ihren besonderen Qualitäten, Manchem 
zweifelhaft erscheint, so ist damit wenig gewonnen. Liesse es sich 
beweisen, dass die einzelnen Localaffectionen wirklich in sich ver- 
schieden sind, dass sie ganz verschiedene .Species bilden, oder, wa5 
damit doch gesagt sein soll, coordinirte, nicht in einander Obergehende, 
selbständig neben einander bestehende Formen darstellen, so wäre dies? 
insofern von grosser Bedeutung, als dann die Frage von der Noth- 
wendigkeit, eine entferntere oder im altem Sinne nähere Grundbeilin- 
gung anzunehmen, bestimmt entschieden worden wäre. Jene Differenz 
ist aber nicht bloss nicht bewiesen, sondern auch nicht durch die Ab- 
bildungen gezeigt; Ref. glaubt vielmehr, seinen früheren AufstellungeTi 
getreu, gerade die Uebergangsfilhigkeit der einzelnen Fonnen, die nur 
graduelle Verschiedenheit dei'selben festhalten zu dürfen. 


Die Cholera. 161 

«Die Veränderungen am Darm," sagte er froher (Sitz, der Ges. 
f. wiss. Med. V. 4. Sept. 1848, Med. Ref. S. 64), „bestehen wesent- 
lich in gleichmässiger Affection der ganzen Schleimhaut, nicht der 
Darmdrusen. Allerdings sind die SolitärdrQsen meistens, zuweilen 
auch die Peyer'schen erkrankt, allein ihre Veränderung ist nicht so 
constant, als die Veränderungen der Schleimhaut. Diese stehen den 
verschiedenen Graden der katarrhalischen und diphtheritischen Schleim- 
hautentzOndungen gleich.** In dieser Anschauung ist gegenüber der 
ätiologischen Einheit auch die Einheit der anatomischen Läsionen ge- 
wahrt: es handelt sich dann fQr alle Formen der Darmaffection um 
gewisse Formen des entzündlichen Processes, die auseinander hervor-, 
und ineinander übergehen, die je nach der Individualität des Kranken, 
nach der Intensität der krankmachenden Ursache, nach den besonde- 
ren Bedingungen des einzelnen Darms verschiedene Grade erreichen, 
und bald für sich, bald gleichzeitig neben einander bestehen können, 
ohne aber je in das Verhältniss von Genera oder Species zu treten. 
Niemals findet sich nach dieser Anschauung am Darm eine der Cho- 
lera eigenthümliche, primäre Veränderung, die nicht auf einen ent- 
zündlichen Zustand der Theile zurückzuführen wäre, und die Entzün- 
dung selbst ist danach nie specifisch verschieden, essentiell und eigen- 
thOmlich für den cholerischen Process, sondern sie schliesst sich in 
ihren verschiedenen Formen den bekannten einzelnen Formen der 
Schleimhautentzündung des Darms an 

Nach der Eintheilung der Schleimhautentzündungen, welche er 
im Archiv f. pathol. Anat. Bd. I. S. 251 folg. aufgestellt hat, glaubt 
Ref. auch für die cholerische Entzündung zwei Hauptformen festhal- 
ten zu müssen: die katarrhalische und die diphtheritische. Jene 
begreift dann aUe diejenigen Formen in sich, wo die Veränderungen 
an der Oberfläche der Schleimhaut, an den bedeckenden Epithelial- 
lagen, oder in besonderen freien fksudationen (schleimigen, serösen 
oder blutigen) zu Stande kommen; diese, die diphtheritische unter- 
scheidet sich dadurch, dass hier die Bindegewebsschichten der Schleim- 
haut selbst der Sitz der Veränderung, einer parenchymatösen Exsu- 
dation werden, während die Oberflächen -Veränderungen gegenüber 
diesen Zuständen nur eine geringere, secundäre Bedeutuug haben. 
Ein acuter Katarrh greift in .das Bindegewebe selbst nur unwesentlich 
ein, wenn auch geringere Veränderungen, namentlich bei der ödema- 
tosen und hämorrhagischen Form, nicht zu leugnen sind, aber er kann 
jeden Augenblick diesen Uebergang machen. Geschieht diess, während 
er noch acut ist, so ist damit die Diphtheritis gegeben. Diese ist also 
eine Steigerung des entzündlichen Vorganges, der mit ganz leisen 
Oberflächen- Veränderungen beginnen kann. 

Die Veränderungen der Darmfollikel sind, wie schon Cruveil- 
hier gezeigt hat, weit davon entfernt, für die Cholera specifisch zu 
sein. Jeder Katarrh kann sie in derselben Weise produciren. Wie 
und warum diess geschieht, ist für die Cholera nicht minder zweifel- 
haft, wie es für die einfachen Katarrhe ist. Einmal sind die An- 
schwellungen, die Auftreibungen, die Hypertrophien derselben da, das 
andere Mal fehlen sie, ohne dass es bis jetzt möglich ist, genau zu 

E. VIrehow, Oeffcutl. Uedirin. H 


162 Volkskrankheiton und Seuchen. 

sagen, worin diese aufftilHixe DiflFerenz begründet ist. Manchmal sieht 
es aus, als ob die Verhältnisse der Digestion einen besondem Einfluss 
darauf ausüben, doch ist diess nicht immer bestimmt nachzuweisen. 
Jedenfalls wird ein Katarrh, der Schwellungen der Follikel hervor- 
bringt, dadurch nicht zu einer neuen, abgegrenzten Species, noch 
weniger hört er auf, eine Entzündung zu sein, so wenig als eine 
Flächen-Entzündunix der Haut in der Wesenheit des Processes alterirt 
wird, wenn sie HautfoUikel oder Lymphdrüsen mit in Affection zieht. 

Indess ist diess von geringerer Bedeutung, da P. selbst seine 
Species der einfachen Cholera auf die Eintheilung der befallenen Ge- 
webe gründet. Allein die Bedeutung ist eine weit grössere, wo es 
sich um die zusammengesetzten, gemischten Formen handelt. Formen 
dieser Art kann man acceptiren, wo es sich um die Entwicklung des 
cholerischen Processes auf einer schon früher katarrhalisch, dysente- 
risch, tjrphös erkrankteu Schleimhaut handelt, wie es P. zum Theil 
gethan hat. Wir würden diese Zustände noch nicht als katarrho-, 
dysentero-, typho-cholerische bezeichnen, so wenig als wir die Gleich- 
zeitigkeit von Krebs und Cholera, die wir gesehen haben, als carci- 
nomato-cholerisch aufstellen möchten. Ref. er^'ähnte besonders der 
grossen Häufigkeit, in der sich perforirende Magengeschwüre in allen 
Stadien der Vemarbung, so wie chronische Magenkatarrhe in Choleni- 
Leichen fanden, allein er sah darin nur ein prädisponirendes Moment, 
keine eigentliche Combination. Am sonderbarsten nimmt sich der 
dysentero-cholerische ProcCvSS neben dem cholero-dysenterischen , un<] 
andererseits neben dem diphtheritischen aus. Eines ist hier doch offen- 
bar zu viel; sonst bleibt nur ein todter Schematismus übrig. 

Ref. schilderte die diphtheritischen Zustände in seinem ersten 
Vortrage folgendermaassen : r.Sie beginnen mit intensiven Hvperäinien 
der Schleimhaut, denen bald Extravaaationen in das Parenchvm und 
in die Darmhöhle (blutige Stuhlgänge) folgen. Dann geschieht in «lie 
oberflächlichen Schichten der Schleimhaut ein anfangs geringes, gnui- 
weisses Exsudat, das bald zunimmt, weiss und undurchsichtig winl. 
sich mit Gallenfarbstoff tränkt und einen schmutzig-gelben Ueberzu:: 
bildet. In dieser Zeit zeigt eich unter dem Mikroskop eine amoqilie, 
körnige Einlagerung In das Bindegewebe. Sehr bald beginnt daini 
eine Nekrose der mit dem Exsudat gefüllten Theile, das Bindegewebe 
wird macerirt, fällt endlich ab und hinterlässt eine oberflächlichen* 
oder tiefere Erosion. Der Process gleicht also sehr dem dysenteri- 
schen, unterscheidet sich aber von ihm durch die Art seiner Verbrei- 
tung." Wollte man also neben diesem diphtheritischen Vorgani^e 
noch einen dysentero -cholerischen unterscheiden, so sieht Ref. nicht 
ein, wo hier das Unterscheidungsprincip eigentlich liegen soll. Sin<l 
die Processe im Wesen identisch, ist die Ruhr in ihren entwickelten 
Formen eine Diphtheritis, und bilden nur die Art der Verbreitunir, 
die Localität, die Stellen der Prädilection eine Differenz zwischen 
cholerischer und dysenterischer Diphtheritis, so ist doch nicht einzu- 
sehen, wie noch ein cholero-dysenterischer Process abzutrennen sein 
soll. Wollte man diejenige Form der cholerischen Diphtheritis, welche 
dieselben Stellen, wie die dysenterische, befällt, als cholero-dysenterisrlie 


Die Cholera. 163 

i)ezeichnen, so würde das wenigstens keine sehr klare und verständ- 
liche Bezeichnung sein; gäbe es in Beziehung auf die Art der Ver- 
breitung , auf das Fortschreiten der Processe keine Verschiedenheit 
zwischen Cholera und Dysenterie, so müsste man es aufgeben, Ober- 
haupt noch anatomisch Unterschiede zu suchen. 

Unserer Meinung nach giebt es nur einen, für die Cholera wesent- 
lichen, primären Zustand des Darms, und das ist der entzündliche, 
der sich je nach Umständen als seröser oder blutiger Katarrh mit 
oder ohne Follicularschwellung, oder als einfache oder hämorrhagische 
Diphtheritis darstellen kann. Dieser Zustand kann in einem Darm 
auftreten, der schon froher der Sitz eines katarrhalischen oder diph- 
theritischen Processes war, ohne dass deswegen die Cholera eine ge- 
mischte oder zusammengesetzte würde. Die Cholera verhält sich dann 
nur ähnlich, wie ein Croup, der sich auf einer schon katarrhalisch 
afficirten Respirationsschleimhaut, aus dem frühern Laryngeal-Katarrh 
durch eine graduelle Steigerung entwickelt. 

Sehen wir nun zu, ob sich diese offenbar mehr einheitliche An- 
schauung mit dem Atlas P.'s verträgt, oder ob sie dadurch wider- 
legt wird. 

Auf Taf. VI. Fig. 4 u. 6 sind Stücke des Dickdarms mit Diph- 
theritis abgebildet, und es heisst: ^die inselförmig verbreitete Exsu- 
dation bildet eine dOnne Schicht über die Schleimhautfiäche und zeigt 
zu gleicher Zeit locale Hyperämie (Fig. 4) und Anschwellung der 
Schleimhaut, wie im Ruhrprocess (Fig. G,).** Das wäre also die 
5. Species der einfachen Cholera. 

Auf Taf. n. Fig. 3 — 5 ist die 3. Species, die zwischen Katarrh 
und Croup stehen soll, dargestellt. ^Diese Species tritt bald in der 
als^den, bald in der typhoiden Periode der Krankheit auf, vereinigt 
mit der ersten Form. Die Schleimhaut ist bald mehr oder weniger 
hyperämisch (Fig. 4 u. 5), bald anämisch mit Blutsuffusionen (Fig. 3), 
bedeckt mit einer dicken und soliden Schicht von Schleim und losge- 
lösten Cylinderepithelien. Diese scheinbar der diphtheritischen 
Exsudation der Schleimhäute durchaus analoge Schicht ist 
den Zotten so adhärent (Fig. 4), dass man sie nicht ganz loslösen 
kann, selbst wenn man gewaltsam einen Wasserstrahl darauf fallen 
lässt; man kann sie nur in flockigen Fetzen aufheben (Fig. 5). Die 
Fig. 3. zeigt dieselbe Form im Beginn der typhoiden Periode. Die 
der Schleimhaut aufgelagerte Schicht ist an einzelnen Stellen abge- 
löst, an anderen Stellen stark adhärent, und mit gelbgrünen, durch 
gallige Entleerungen gefärbten Klümpchen versehen. Die Schleim- 
haut ist anämisch, ihres Epithels beraubt und mit mehreren dunkel- 
rothen Blutsuffusionen in Inselform besetzt. "" 

Der cholero-dysenterische Process (1. Species des gemischten 
Genus) ist dargestellt auf Taf. IV. u. VA. P. beobachtete sie in 
sehr acuten Fällen auf der Höhe der Epidemie und bei bis dahin 
i^nz gesunden Subjecten, die tm Stad. algid. gestorben waren. ^In 
der ersten Periode (IV. Fig. 2) war die Schleimhaut geschwollen 
und stellenweise geröthet, bedeckt mit einer leichten, hrriunlicheii 

II* 


i 


164 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Exsudation, zumal auf der Höhe der Yalvulae conniventes und auf 
den geschwollenen, hyperämischen Peyer'schen Plaques. In der zwei- 
ten Periode (Fig. 1) nehmen die Schwellung und Köthung der Schleim- 
haut zu, und ihre ganze Oberfläche wird von einer stark durch Galle 
ge&rbten, sandigen (sablonneuse) Exsudation überdeckt. Weiterhin 
(Fig. 4) zeigt sich die sehr geschwollene Schleimhaut überzogen mit 
einer stark adhärenten, dunkelbraunen Exsudation; die Spitzen der 
Valv. conniventes und der Peyer'schen Plaques, die aufgetrieben sind, 
werden von ebenso braunen, durch Blutsuffussion entstandenen Streifen 
überragt, und die Zotten zeigen den Beginn der Mortification in Folire 
der Blutstagnation. In der dritten Periode endlich (Fig. 3) bietet die 
ganze innere Oberfläche des Seum ungleiche und höckerige, dunkel- 
rothe Erhebungen dar, durch das in dem Gewebe der Schleimhaut 
und der Submucosa extravasirte oder stagnirende Blut veranla^-^t, 
welche schon in den Zustand von Schorfen übergehen. Die Peyer- 
schen Plaques sind geschwollen, hart und mit einer sehr fest anliaf- 
tenden Exsudatlage von einer braungelben Materie bedeckt.** — Auf 
Taf. VA. Fig. 2. findet sich eine Abbildung aus dem typhoiden Sta- 
dium vom Coecum und Beum: ,,Die Schleimhaut durchaus hyper- 
ämisch und dunkelroth, die Zotten geschwollen, mit einer gelbgrfni- 
lichen, dicken und adhärenten Ablagerung bekleidet, ihres Epithels 
beraubt und stellenweise vollständig mortificirt. Diese Lage (Exsudat?) 
wird gebildet durch eine amorphe Masse, durch einen Detritus au- 
zerstreuten (disperses) plastischen Kugeln und durch gallig geftirbte 
Epithelialzellen. Man kann diese Lage mit dem Scalpell nicht ab- 
schaben, ohne zugleich die Zotten hin wegzunehmen. "^ 

Die 4. Species des einfachen Processes, ausgezeichnet durch die 
Rapidität ihrer Entwicklung, durch den Ort ihres Auftretens uiul 
durch den Grad der Zerstörung der Gewebe, der sie begleitet, ist 
abgebildet auf Taf. V. Beim ersten Grade (Fig. 1) bilden sich Blut- 
suffusionen von blassrother Farbe, in kleinen hervorragenden Inseln 
über die Oberfläche des Dickdarms, namentlich des Colon desc^ndens, 
S iliacum und Kectum zerstreut. Zuweilen (Fig. 2) ist die Schleim- 
haut durch das extravasirte Blut abgehoben, livid, sehr dunkelroth 
und fast schwarz. Im zweiten Grade (Fig. 3) zeigen sich diese Inseln 
schon als Brandschorfe von braungelber Farbe in Form adhärenter, 
fungOser Auswüchse, nach deren Ablösung die Muskelhaut blossliei^- 
In diesen Schorfen sieht man die Oeffhungen der kleinen Liebe r- 
kühn'schen Säcke (Taf. VI, Fig. 5), so wie den Uebergang <ler 
Blutkörperchen in livide, amorphe, mit kleinen Krystallen und Gal- 
lenfarbstofF gemischte Massen (Taf. XVI. Fig. 10 und 11). Im dritten 
Grade (Fig. 4) findet man nach Ablösung der Schorfe Ulcerationen, 
namentlich im untern Theil des Dickdarms (Flexura iliaca und Rec- 
tum), während die inselförmigen Blutsuffusionen sich mehr im obeni 
finden. 

Endlich auf Taf. VIII. ist die Abbildung eines Rectum mit Flex. 
sigm. von einem Manne, der nach chronischer Diarrhöe und Dysen- 
terie von Cholera befallen wurde, also die zweite Species der geniiseli- 
ten Cholera. 


Die Cholera. 165 

Alle diese Abbildungen sind übrigens vortre£Sich und gehören 
unstreitig zu den gelungensten des ganzen Werkes. Wenn man sie 
mit den immerhin sehr anerkennenswerthen Figuren von Froriep 
(S\Tnptorae der asiatischen Cholera, Taf. VII, Fig. 4) und von Cru- 
veilhier (Anat. pathol. Livr. XIV. PI. 4 et 5), welche diesen 
Vorgängen entsprechen, vergleicht, so wird man das Verdienst des 
Herrn Terebenieff zu würdigen verstehen. Man wird sich aber 
(liu-ch diese Vergleichung auch von der Richtigkeit der von dem Refe- 
renten schon früher vertheidigten Ansicht (Med. Ref. S, 101) über- 
zeugen, dass die Choleraepidemie von 1848 nichts gebracht habe, was 
nicht auch schon in den früheren Epidemien vorhanden war, wenn es 
auch nicht genügend gewürdigt wurde. 

Wir haben die Erläuterungen des Herausgebers möglichst genau 
wiedergegeben, um zu zeigen, dass seine eigenen Worte fem davon 
sind, eine so grosse Differenz zwischen diesen Formen zu erheben, 
als die Aufstellung von Species vermuthen lässt. Natürlich bezweifeln 
wir nicht das auf Taf. VIII. dargestellte Auftreten der Cholera in 
einem schon mit Ruhr behafteten Darm, und erkennen hier gern die 
Duplicität der Processe an. Wenn femer der Autor versichert, dass 
in dem zweiten Falle (Taf. 11. Fig. 3 — 5) die, scheinbar dem diph- 
theritischen Exsudat der Schleimhäute durchaus analoge Schicht aus 
Schleim (mucosit^) und losgelösten Cylinderepithelien bestanden hat, 
so muss auch hier eine gewisse Verschiedenheit zugestanden werden. 
Allein Schleim und Cylinderepithelien machen noch keinen Croup . 
uud wir würden daher hier nicht einen specifischen Process (processus 
S{)öcial), der die Mitte zwischen Katarrh und Croup hält, annehmen, 
sondern nur einen schleimigen Katarrh. Die Angabe aber, dass diese 
Schicht den Zotten so fest anhaftete, dass man sie auch bei gewalt- 
samem Aufgiessen von Wasser nur in flockigen Fetzen ablösen konnte, 
und die weitere Anführung, dass die Schleimhaut darunter der Sitz 
von Blutsuffusionen war, nähert diesen Zustand schon sehr den übri- 
i?en, hier zusammengestellten. In manchen Fällen von wahrer Ruhr 
findet sich auch nichts Anderes, und wir tragen kein Bedenken, nach 
unseren Erfahrungen die Wahrscheinlichkeit auszusprechen, dass an 
diesen Stellen sehr bald eine weitere Entwicklung zu den grösseren 
Extravasationen und Schorfbildungen der 4. Species oder zu den 
diphtheritischen Exsudationen stattgefunden haben würde, mit anderen 
Worten, dass hier kein speciiischer, coordinirter Zustand, sondern die 
erste Entwicklung, der Anfang hämorrhagisch-diphtheritischer Processe 
gegeben war. 

Was nun aber die übrigen drei Formen anbetrifft, nämlich die 
einfach-diphtheritische, die hämorrhagisch-nekrotisirende und die dysen- 
terische, so suchen wir vergeblich nach durchgreifenden Scheidungen. 
Wenn man sich den Hergang einer diphtheritischen Scheidenentzün- 
dung bei Wöchnerinnen, bei Blasenscheidenfisteln u. s. w. ansieht, so 
wircf man sich leicht an demselben Erkrankungsheerde überzeugen, 
wie neben einander einfach-diphtheritische und hämorrhagisch-diphthe- 
ritische Nekrotisirungen zu Stände kommen, wie ein Punkt anämisch, 
hellgelb-weiss oder graugelblich, ein anderer hyperämisch, schwärzlich. 


166 Volkskrankheiten nnd Seuchen. 

dunkelbraunroth, braun, braungelb, grünlichbraun oder gelb erscheint. 
Es sind hier continuirliche Uebergänge, und der Process ist wesent- 
lich derselbe, graduell allein verschieden. 

Von seiner diphtheritischen Form gesteht P. selbst die üeber- 
stinimung mit dem Ruhrprocess zu. Für seinen cholero-dysenterischen 
Process schildert er dieselben Extravasationen und Suffusionen von 
Blut in das Gewebe der Schleimhaut, wie für seine vierte einfache 
Form, die ich als nekrotisirende oder hämorrhagische bezeichnen will, 
und ich sehe keine andere Verschiedenheit, als die Grösse des Extra- 
vasats und die Tiefe der Zerstörung. Man braucht nicht zu leugnen, 
dass die gewöhnlichere mildere Ruhr diese letzteren Formen nicht 
anzunehmen pflegt; wenn man aber z. B. die Tafeln von Annesley 
ober die nekrotisirenden und hämorrhagischen Formen der indischen 
Ruhr vergleicht, so wird man kein Bedenken haben können , die 
Uebereinstimmung mit der Cholera zu proklamiren. Ruhr und Cho- 
lera kommen darin überein, dass sie unter allen Flächenaffectionen 
des Darms die tiefsten Gewebszerstörungen, die eingreifendsten Alte- 
rationen der Häute erzeugen, Alterationen, bei denen bald die pa- 
renchymatöse Exsudation, bald die Extravasation überwiegt, und die 
daher bald mehr den einfach diphtheritischen, bald mehr den hämor- 
rhagischen Charakter annehmen, die aber in dem Resultat überein- 
stimmen, dass sie die von ihnen befallenen Gewebstheile nekrotisiren, 
und so zur ülceration, zur Verschwärung führen. Die dysenterische 
Cholera des Dünndarms (Taf. IV.) ist durch keinen wesentlichen 
Charakter von den Schorfen, der schorf bildenden Cholera des Dick- 
darms (Taf. V.) unterschieden, und die dysenterischen Brandschorfe 
(Taf. VA. Fig. 2) sind im Wesentlichen ganz das nehmliche, was 
als einfache Diphtheritis (Taf. VI. Fig. 4) abgebildet ist. Selbst die 
^Varietät der 2. Species des einfachen Genus" (Taf. IX. Fig. 3), wo 
eine hämorrhagische Exsudation in die Zotten geschieht, möchte von 
den angeführten Zuständen nicht zu trennen sein. Trotzdem ist e.s 
sehr erwünscht, dass das Alles abgebildet ist und so schön und wahr 
abgebildet ist, da man die verschiedenen NOancirungen dieser Zustände 
allerdings genau kennen muss; nur wäre es für die üebersicht ge- 
wiss günstiger gewesen, wenn diese Abbildungen mehr in eine ein- 
zige, fortlaufende Reihe vereinigt wären. 

Gegenüber dieser Reihe, welche aus der (dritten) vierten und 
fünften Species der einfachen und der ersten Species der gemischten 
Cholera besteht, und an welche sich anhangsweise die Varietät der 
zweiten einfachen Species, so wie die zweite Species der gemischten 
Gattung, die bei Dysenterischen vorkommende Cholera ausschliessen 
würde, möchten wir eine zweite grössere Reihe stellen, welche die 
einfacheren, mehr katarrhalischen Zustände des Darms umfa&st. 
Diese zeigen zunächst eine Differenz nach der Betheiligung oder 
Nichtbetheiligung der Darmfollikel, der Lenticulardrüsen, dem sogen. 
Binnenexanthem der naturhistorischen Schule, der Psorenterie von 
Serres. An diese psorenterische Form schliessen sich naturgemäß? 
die typhösen Veränderungen an. Auf diese Weise würden wir dem- 
nach eine grössere Gruppe bilden aus der ersten und zweiten Species 


Die Cholera. 167 

der einüachen Gattung und aus der dritten, vierten und fünften Species 
der gemischten, eine Gruppe, wesentlich charakterisirt dadurch, dass 
die Hauptveränderungen an der Oberfläche vor sich gehen, und dass 
von allen tieferen Gewebstheilen der Darmwand nur die solitären und 
Peyer'schen Follikel, die LenticulardrQsen auffällige Veränderungen 
darbieten. Diese Gruppe schliesst zugleich die ganze Reihe der ge- 
wöhnlicheren und constantesten Veränderungen des Cholera-Darms in 
sich. Zu ihr gehören denn auch die eigenthQmlichen Anschwellungen 
der MesenterialdrQsen, von denen wir gerade durch die Petersburger 
Beobachter die erste charakteristische Beschreibung erhalten haben, 
eine Beschreibung, welche wir einfacli zu bestätigen Gelegenheit ge- 
funden haben. 

Pirogoff bespricht die Abbildungen Taf. III. Fig. 1 — 2 als den 
Ausdruck seiner ersten Species, die durch Auftreibung der Schleim- 
haut^Zotten, der isolirten Follikel und der Peyer'schen Plaques cha- 
rakterisirt sei. Die Schleimhaut des Heum bietet ein eigenthümlich 
sammetartiges Aussehen, bedingt durch die Auftreibung der Zotten, 
welche in der cholerischen Flflssigkeit gebadet und von ihr imprägnirt 
sind; die Oberfläche ist bald weisslich- oder violett-grau (Fig. 1), 
b:ild roth, zuweilen in verschiedenen Nöancirungen röthlich (Fig. 2), 
je nach der ungleichmässigen Vertheilung des Blutes in den verschie- 
denen Darmgefiissnetzen. Zwischen den Zotten erscheinen die isolir- 
ten Follikel wie weisse Hirsekörner; die Peyer'schen Plaques sind 
stellenweise von einem lebhaft rothen, hyperämischen Hof umgeben. 

Auf Taf. XI. ist nach P. der katarrho-cholerische Zustand (5. Spe- 
cies der gemischten Gattung) dargestellt, und zwar in Fig. 2 eine 
acute, unter der Form hellrother Streifen auftretende Hyperämie um 
eine geschwollene Peyer'sche Plaque, und in Fig. 3 eine fast um 
das Doppelte gesteigerte Auftreibung einer solchen. Fig. 1 zeigt den 
chronisch-katarrfialischen Zustand des Dickdarms in der Periode der 
Ulceration: die ganze Schleimhaut geschwollen, gallertförmig, wie auf- 
ge<|uollene Pilzköpfe (totes de mousserons d^tremp^s). Um die noch 
oberflächlichen Ulcerationen sieht man die frische, acute Hyperämie 
der Cholera. 

Taf. HI. Fig. 3 — 4 zeigen die 2. Species der einfachen Cholera: 
die Peyer'schen Plaques und besonders die isolirten Follikel ge- 
schwollen, bei gleichzeitiger Anämie der Schleimhaut, die letzteren wie 
kleine, milchweisse oder gelbliche, zuweilen halbdurchscheinende Per- 
len. Die aufgetriebenen, und durch die Imprägnation mit cholerischer 
Emulsion milchigen Zotten überragen die Peyer'schen Plaques und 
.:^el)en ihnen, unter Wasser gesehen, ein hügelartiges (anfractueux) Aus- 
sehen. Die mesenterischen Drüsen sind angeschwollen. — In Fig. 5 
findet sich um eine vergrösserte Peyer'sche Plaque eine Blutsuflfusion 
und zur Seite mehrere andere, inselförmige Blutaustretungen, hervor- 
jxeb rächt gewöhnlich durch eine ganz locale Hyperämie der Schleim- 
haut, wie sie sich am häufigsten da findet, wo bloss die Peyer'schen 
Pla<)ues afficirt sind. — Taf. II. Fig. 1. zeigt Anschwellung der 
Peyer'schen Plaques und der isolirten Follikel mit Hyperämie des 


168 Volkskrankheiten nnd Seuchen. 

gubmusknlilren Geftssnetzes, die successiv alle Stadien bis zur Anämie 
durchgeht. Ein lebhaft gerotheter Hof umgibt die beträchtlich ge- 
schwollenen und sich bedeutend ober die Oberfläche der Schleimhaut 
erhebenden Peyer'schen Plaques. Fig. 2 enthält die zugehörigen, ge- 
schwollenen Mesenterialdrusen. 

Taf. IX. Fig. 3. EigenthOmliche Varietät der 2. Species mit An- 
schwellung der kleinen isolirten Krypten, so wie der durcb Blutimbi- 
bition gelblichrothen Zotten. Diess findet sich gleichzeitig mit einer 
beträchtlichen Exsudation sanguinolenter, cholerischer Flüssigkeit, die 
mit EpithelialtrOmmem und zersetzten Blutkörperchen gemischt ist. 

Taf. IX. Fig. 1. Dritte Species des mit Typhus combioirten 
Choleraprocesses: die Peyer'schen Plaques des Beum beträchtlich ge- 
schwollen und in Folge einer Exsudation granulöser Kugeln gelbL'ch- 
weiss, umgeben von einem sehr rothen, durch active Hyperämie der 
Schleimhaut hervorgebrachten Rand. Diese Veränderung der Peyer- 
schen Plaques unterscheidet sich von der in der einfachen Cholera 
(Taf. U. u. HI.) durch eine grössere Anschwellung, wodurch sie das 
hügelige Ansehen verlieren, durch eine an granulösen (Kömchen- 
kugeln) und pyoiden Kugeln reichere plastische Exsudation in die 
Kryj)ten der Plac^ues, wodurch diese das gelbliche Ansehen der 
typhösen erlangen, und durch eine viel stärkere Hyperämie des üm- 
fangcs. Diese Veränderungen finden sich auch im Stad. algidum der 
Krankheit, und gehören also nicht der typhoiden Periode allein an. 

Endlich Taf. X. Fig. 3. Vierte Species: das Vorkommen von 
Cholera bei einem wirklich Typhösen. Der Kranke kam mit den 
Erscheinungen des Abdominaltyphus in das Spital, und starb später 
unter den Erscheinungen der Cholera. Am Darm fanden sich keine 
deutlichen Spuren der typhösen Ablagerung, vielmehr ungleichmässige, 
schmutzig-graue, stellenweise mit harten Granulationen versehene An- 
schwellungen der Plaques, dann auf denselben zahlreiche, kleine, 
inselfömiige, wie von einem Vogel mit dem Schnabel ausgehackte 
UIcerationen, die bis auf die Muskelhaut reichten, endlich grössere, 
rundliche, sinuöse Geschwüre mit aufgetriebenen, aschfarbenen Rändern. 

Ref. ist, soweit er sich erinnert, ausser Stande, diese letzte Beob- 
achtung durch entsprechende, eigene Erfahrungen zu controliren. 
Während der Cholera -Epidemie von 1848 war in Berlin gleichzeitig 
Typhus in epidemischer Verbreitung vorhanden, und gerade damals 
zeigten sich die localen Affectionen des Typhus am Darm und dBn 
Gekrösdrüsen in ganz ungewöhnlicher Ausdehnung und Intensität 
(Med. Reform S. 263). Allein diese Typhen verliefen übrigens un- 
abhängig von der Cholera. Auch Pirogoff scheint dieses Zusam- 
menfallen in demselben Individuum nicht weiter beobachtet zu haben, 
und es möchte daher wohl überaus selten sein. Nach der vorliegen- 
den Abbildung zweifeln wir nicht an der Richtigkeit seiner Deutung: 
die Fonn und Lagerung dieser Geschwöre ist so charakteristisch, dass 
wir sie auf keinen andern Process, als den typhösen, zu beziehen ver- 
'ir^ögen. Es würde demnach hier ein ähnliches Verhältniss sein, wie 

es früher bei der Ruhr anerkannt haben: es kann jemand in den 


Die Cholera. 169 

späteren Stadien des Ileotyphus von Cholera befallen werden. Allein 
auch hier ist keine eigentliche Combination, denn P. fand keine frische 
Typhus-Infiltration, sondern nur Ausgangs- und Rückbildungsstadien. 
Die Schleimhaut war dünn und anämisch, die früher afficirten Stellen 
runzlig, hüglig, schmutzig-grau, und was die Geschwüre betrifft, so 
würden wir sie nicht, wie P., aus der grauen, ungleichmässigen An- 
schwellung der Plaques hervorgehen lassen, nicht besondere Stadien 
der vorliegenden Veränderungen unterscheiden, sondern annehmen, 
dasfl überall der eigentliche typhöse Process abgelaufen war, und dass, 
während er an einzelnen Plaques grosse Ulcerationen hervorgebracht 
hatte, er an anderen nur bis zu kleinen Geschwüren, an anderen end- 
lich nur bis zu Infiltrationen ohne Geschwürsbildung vorgeschritten 
und dann zur Resolution der Ablagerungen gelangt war. 

Weniger bestimmt möchten wir uns über die Taf. XI. Fig. 1 
aussprechen. Weder die Abbildung, noch die Beschreibung gewähren 
uns hier geeignete Auskunft. Der Abbildung nach würden wir an 
diphtheritische Infiltrationen und Ulcerationen gedacht haben, allein 
die Beschreibung erwähnt nichts davon, sondern spricht nur von 
katarrhalischen. Von diesen kennen wir aber nur im chronischen 
Katarrh die foUiculäre Form, welche in der Mehrzahl der Fälle als 
Follicular-Abscess auftritt. Damit würde die Angabe von der gallert- 
formigen Erweichung der Schleimhaut, die natürlich nicht deutlich 
wiedergegeben werden konnte, sehr wohl harmoniren. In diesem 
Falle würde also hier die früher berührte Prädisposition des chroni- 
schen Darmkatarrhs zu cholerischer Erkrankung acceptirt werden 
können. Ob diess auch für Fig. 2 u. 3. derselben Tafel gilt, muss 
dahin gestellt bleiben^ da P. nichts Genaueres über den Krankheits- 
verlauf angiebt, und daher auch die Möglichkeit übrig bleibt, dass 
die ganze Reihe der Veränderungen in diesen Fällen cholerischer 
Natur war. Jedenfalls würden wir uns auch hier gegen eine eigent- 
liche Combination erklären, da der chronisch-katarrhalische Process 
jedenfalls in dem acuten der Cholera aufgeht und keineswegs neben 
ihm fortbestehend gedacht werden kann. 

Lassen wir daher diese Fälle* bei Seite, so behalten wir folgende 
Formen übrig: 

1) Die erste Species der einfachen Form, welche hauptsächlich 
durch die Schwellung der Zotten und insbesondere der Follikel cha- 
rakterisirt ist, und welche wir als die eigentlich katarrhalische be- 
zeichnen. — Als Varietät wird die Taf. IX. Fig. 3 abgebildete gel- 
ten können, die wir als hämorrhagisch-katarrhalische auffassen, 
wenn sie überhaupt hierher und nicht vielmehr zu den diphtheritischen 
Formen gehört. 

2) Die zweite Species, mit vorwiegender Follikelschwellung, die 
wir der Kürze wegen als psorenterische benennen. 

3) Die von P. als cholero-typhöse aufgefasste. 

Indem wir für diese Formen oder Species bestimmte Namen auf- 
stellen, so wollen wir von vom herein den Gedanken zurückweisen, 
als erkennten wir damit eine specifische Scheidung an. Im Gegen- 


170 Volkskrankheiten und Seuchen. 

theil wird man sich f«chon aus den Abbilduns^ren selbst und ebenfo 
aus der Beschreibung von P. fiberzeugen, dass auch hier wieder nur 
graduelle Unterschiede vorliegen. Keinem der Fälle fehlt die Folli- 
cular-Erkrankung, der psorenterische Zustand. Die Figuren der ersten 
Species (Taf. III. Fig. 1 — 2) zeigen die miliaren Anschwellungen der 
Solitärdrüsen neben den mehr schiefergrauen, hügligen Peyer'schen 
Plaques, und die Abbildungen der zweiten Species (Taf. III. Fig. 8 
bis 4; II. Fig. 1; IX. Fig. 3) lassen ihrerseits die FoUicularanschwel- 
lungen neben mannichfachen Veränderungen der Schleimhaut selbst, 
namentlich neben verschiedenen Formen der Hyperämie und Hämor- 
rhagie erkennen. P. selbst stell! die Follicularanschwelluniren beider 
Species zusammen denen der typhösen Form gegenüber, und scheint 
daher ihre Identität zuzugestehen. Es kann daher in der blossen 
Existenz kein Unterschied gefunden werden, dieser muss vielmehr in 
der Ausdehnung und Grösse liegen, mit anderen Worten ein bloss 
gradueller sein. 

Was die Schleimhaut ihrerseits betrifft, so ist auch hier keine 
specifische und durchgreifende Verschiedenheit. Der Zustand der Ge- 
fässe ist bekanntlich kein constantes Merkmal anatomischer Art; so 
lange das Blut Oberhaupt noch circulirt und in den Geßlssen beweg- 
lich ist, kann es sich auch während und nach dem Tode verschieben: 
einzelne Theile können durch Senkung anämisch, andere hyperämisch 
werden; ganze Abschnitte können durch Compression, Transsudation 
u. 8. w. ihr Blut nach anderen Regionen hin zu entleeren gezwungen 
werden. Die hypostatische Hyperämie, die Röthung durch Senkung, 
so wie die durch Imbibition mit aufgelöstem Häinatin bedingte lassen 
sich bei einiger Uebung leichter abschätzen, allein für die Kritik «ler 
Anämie, ob sie präexistirt oder posthum entstanden ist, fehlen uns 
meist alle sicheren Anhaltspunkte. Ein in der Leiche anämischer 
Theil konnte vor dem Tode hyperämisch sein, ohne dass wir darüber 
etwas anderes, als Vermuthungen aussprechen könnten. Allein es er- 
hellt zum mindesten, dass Anämie und Hyperämie nicht als Kriterien 
der Unterscheidung aufgestellt werden dürfen. 

Das andere Moment, nehmlich die Schwellung der Zotten, ist 
durch P. selbst für beide Zustände in gleicher Weise dargestellt. In 
der ersten Species lässt er die Zotten von der cholerischen Flüssig- 
keit, in der sie gebadet sind, imprägnirt werden; in der zweiten 
spricht er von einer Imprägnation derselben mit der ^cholerischen 
Emulsion**. Die genauere Erklärung dieser Angaben findet sich aiif 
Taf. XVI. Fig. 13 — 21, wo die mikroskopischen Verhältnisse der 
Zotten abgebildet sind. Im Stad. algidum sah P. nicht selten die 
Zotten noch ganz von Epithel bedeckt, nur dass die Epithelialzellen 
aufgetrieben, mehr mit Flüssigkeit und kleinen Fettmolekülen gefüllt 
waren, allein in demselben Stadium fand sich, wenn die DannhöJile 
mit dem weiss-milchigen Cholerafluidum gebadet war, ein anderem Mnl 
eine Anschwellung der aufquellenden und wie macerirten Zotten, un«l 
ihr Epithelial Überzug zeigte eine Neigung zur Ablösung, zur Exfolia- 
tion. Die Gefässe der Zotten waren entweder hyperämisch oder an- 
ämisch, dann jedoch immer noch deutlicher zu erkennen, als im nor- 


Die Cholera. 171 

malen Zustande, woraus P. auf eine kurz vorausgegangene Hyperämie 
schllesst. In den Zotten lagen zuweilen zersetzte Blutkörperchen 
(Pigment) und Gallenfarbstoif; das Gewebe der Zotte, wo sie von 
Epithel entblösst war, erschien erweicht, macerirt, ihre Spitze zerfetzt 
(chiffonn^e), flockig, exulcerirt, mortificirt Diess letztere fand sich 
hauptsächlich in den Species der gemischten Gattung. 

Die Ablösung des Epithels ist abhängig von der Maceration in 
der cholerischen Emulsion. Es ist eine schwere AfFection, allein sie 
ist weder wesentlich, noch charakteristisch für die Cholera. Vielmehr 
findet sie sich nach P. auch in der chronischen Diarrhöe, dem Typhus, 
der Ruhr und anderen Krankheiten des Darmkanals; ferner findet 
man sie nicht immer im Stad. algid. der Cholera, wenigstens nicht in 
der Ausdehnung, dass diess als die Hauptveränderung betrachtet wer- 
den könnte; endlich ist sie offenbar die Folge der Maceration in der 
Cholera-Flüssigkeit. 

So weit die Angaben von P. Es erhellt daraus von selbst eine 
gewisse Ungenauigkeit. Bald spricht er von einer cholerischen Flüs- 
sigkeit, bald von einer cholerischen Emulsion. Nimmt man diese 
letztere in dem gewöhnlichen Sinne, dass eine mit fein vertheiltem 
Fett gemengte Flüssigkeit vorhanden sein soll, so könnte die chole- 
rische Emulsion nur eine Form des Chymus sein, der unverdaut im 
Darme fortgeht. Diess ist nun freilich oft genug der Fall, doch hat 
das nichts Specifisches für die Cholera und es wäre dann gewiss 
besser gewesen, Chyinus zu setzen, als cholerische Emulsion. Soll 
aber damit die emulsionsartige, namentlich in den oberen Ab- 
schnitten des Darms zuweilen dickliche, fast breiartige Masse be- 
zeichnet werden, die später durch eine weitere Verdünnung die reis- 
wasserarti^en Ausleerungen bildet, so könnte hier Emulsion nur eine 
mit zahlreichen Epithelialzellen des Darms gemischte Flüssigkeit be- 
zeichnen. Das eigentliche Cholera-Fluidum ist unserer Ansicht nach 
das seröse Exsudat, das häufig als fast reine Kochsalzlösung, manch- 
mal als eine leicht albuminöse Flüssigkeit auftritt. Dieses an sich 
formlose und nicht emulsive Fluidum ist es, das allerdings auch nach 
unserer Ansicht die Epithelien ablöst, abspült, abmacerirt, und dadurch 
dann ein emulsives Ansehen gewinnen kann. Wirkt diese Emulsion 
auf die Darmzotten zurück, werden diese von ihr getränkt, imbibirt, 
so kann natürlich nur das Fluidum, und nicht die darin suspendirten 
Zellen, imbibirt werden; die Zotten können davon nicht milchig, son- 
dern nur wassersüchtig, teigig werden. Sollte dagegen Chymus, fet- 
tige Emulsion in die Zotten gelangen und darin das milchige An- 
sehen hervorbringen, so kann es sich nicht um blosse Imbibition oder 
Maceration handeln, sondern es ist Absorption, es ist Digestion vor- 
handen. 

Die Häufigkeit des Vorkommens von Fett in den Darmzotten 
hat schon Böhm gezeigt und eine grosse Zahl von Abbildungen da- 
von geliefert. Referent hat diese Erscheinung oft gesehen und aller- 
dings in allen diesen Fällen die Deutung zulassen müssen, dass aus 
fettreichem Ch3rmus eine Absorption von Fett, das dann nicht weiter 
gebracht wurde, stattgefunden habe, da^s also der Digestionsvorgang 


172 Volkskrankheiten und Seuchen. 

durch den Choleraprocess unterbrochen sei. Auf Taf. VI. Fig. 3 ist 
bei schwacher. Vergrösserung in vortrefflicher Weise ein Stück Dünn- 
darm gezeichnet worden, das P. in die consecutive Periode der 
ersten einfachen Species versetzt, und das er so deutet, dass durch 
die beginnende Ablösung des Epithels und die Aufquellung der 
Zotten durch die Choleraflüssigkeit die Oberfläche verändert sei. 
Dieses Stück giebt aber ganz das Bild, welches Referent so oft als 
den Ausdruck einer solchen Retention absorbirten Fetts in den 
Zotten-Spitzen erkannt hat. Man sieht Oberall die weisslichen, feinen 
Punkte an der Spitze der Zotten, die übrigens geschwollen sind, und 
unter denen die Schleimhaut ein ziemlich dunkles, geröthetes Aus- 
sehen, häufig durch kleine Extravasatpunkte der Zotten unterbrochen, 
darbietet. 

So charakteristisch nun eine solche Retention des absorbirten 
Fettes in den Zotten sein mag, so ist sie doch nur ein Accidens der 
Cholera: sie gehört nicht zu ihrem Wesen, ist also auch nicht spe- 
cifisch. Es bleibt uns für die Deutung der Schleimhaut- und nament- 
lich der Zotten- Veränderung also mir die Imbibition der salz- oder 
eiweisshaltigen Exsudation in dieselben. Die Zotten werden dicker 
theils durch das Aufquellen und allmähliche Ablösen der Cylinder- 
epithelien, theils durch die Imbibition der Zotten selbst. Freilich 
darf man hier nicht übersehen, wie viel von diesen Erscheinungen 
Cadaver-Phänomen ist. Es verhält sich damit ähnlich, wie Referent 
es früher von dem Anschwellen und Platzen der Darmfollikel nach- 
gewiesen hat: die im Darm d©r Leiche enthaltene Flüssigkeit macht 
nach dem Tode häufig grössere Wirkungen, als vorher, weil sie auf 
ein Gewebe ohne Wechsel, ohne Circulation einwirkt. Allein Refe- 
rent will auch nicht in Abrede stellen, dass Vieles von diesen Vor- 
gängen bei Lebzeiten eingeleitet. Manches vollendet wird. Oft genug 
hat auch er in der bei Lebzeiten entleerten Masse zusammenhängende 
und noch die Form der Zotten und der Liebe rkühn'schen Krypten 
darbietende Fetzen von Cylinderepithel gefunden, so dass eine Ex- 
foliation des Epithels allerdings nicht zu bezweifeln ist. Doch ist es 
gut, sich auch hier zu erinnern, dass in der Leiche Manches hinzu- 
kommt, was bei Lebzeiten fehlte, und dass man nicht auf Kleinig- 
keiten, die sehr variabler Natur sind, ein zu grosses Gewicht bei der 
Classification der Zustände legen darf. 

Fragen wir nach allem dem, was nun eigentlich charakteristisch 
ist für Cholera, wo sie in dieser Form auftritt, so müssen wir sagen, 
es ist das eigenthümliche Exsudat mit den consecutiven Verän- 
derungen, welche es an den Epithelien und der Schleimhaut selKst 
hervorbringt. Die Schleimhaut kann dabei Zustände der Hyperämie 
darbieten, die bis zur äussersten Erweiterung und AnfüUung der 
Gefässe und selbst bis zur interstitiellen oder freien Extravasation sicli 
steigern, allein sie kann auch ganz blass und anämisch sein. Ihre 
Epithelien können abgelöst und ihre Zotten aufgequollen sein, allein 
das Epithel kann auch festhaften und die Zotten können relativ nor- 
Tial sein. Das Constanteste nächst dem Exsudate ist die psoren- 
rifiche Eruption, die Anschwellung der Follikelapparate. 


Die Cholera. 173 

Referent kann nach seinen Erfahrungen nicht so weit gehen, wie 
Andere gethan haben, die FoUikelveränderung als das ganz Constante 
zu betrachten, denn er sah Fälle von unzweifelhafter Cholera im 
Stad. algidum, wo die Follikel keine wesentlichen Veränderungen, 
keine Grössen- oder Farbenverschiedenheiten zeigten. 

Die nächste Frage wäre nun, ob in der Natur dieser FoUicular- 
schwellungen wesentliche Differenzen bestehen. Wir haben schon 
erwähnt, dass P. nur eine erhebliche Verschiedenheit zwischen der 
Schwellung in der einfachen und der in der gemischten, cholero-typhösen 
Form annimmt. Was die erstere, die einfache Form anbetrifft, so 
giebt er Taf XVI. Fig. 1 und 12 Abbildungen bei verschiedenen 
Vergrösserungen von Peyer'schen Follikeln. Er sah sie als helldurch- 
schimmemde Bläschen unter der Schleimhaut, welche Epithelialzellen, 
deren Kerne, sowie Kugeln (Zellen?) enthielten, die einige Aehnlich- 
keit mit den mikroskopischen Elementen frischer plastischer Exsuda- 
tionen darboten. Fig. 6 — 9 zeigt Solitärfollikel unter verschiedenen 
Verhältnissen; in den Bläschen sollen hier Elemente enthalten gewesen 
sein, die mehr Epithelialzellen und ihren Kernen, als pyoiden und 
plastischen Kugeln glichen. Diese Angaben sind ebenso wenig be- 
stimmt, als die Zeichnungen genügend. Namentlich ist es dem Refe- 
renten nicht einleuchtend, was unter den Kugeln der plastischen 
Exsudation verstanden sein soll. Epithelialzellen kommen als solche 
gewiss nicht in den Follikeln vor, und was Referent gesehen hat, 
beschränkt sich auf das Vorkommen von Elementen, die auch im 
normalen Follikel liegen, hauptsächlich kern- und zellenartigen Gebil- 
den, den sogenannten Enchymkömem der Xiymphdrüsen gleich, höch- 
stens gemischt mit feinkörnigem Fett. Es ist hier also keine Verän- 
derung zu sehen, welche über das Maass einer acuten Hypertrophie 
hinausliegt, keine, welche für die Cholera charakteristisch oder nur 
ihr eigenthümlich wäre. Es ist ein Verdienst der Wiener Schule, 
gezeigt zu haben, wie oft solche FoUikelschwellungen zu Stande kom- 
men, ohne dass besondere Darmerscheinungen vorausgegangen waren, 
wie oft sie sich namentlich bei acuten Todes&llen zeigen. Pirogoff 
selbst sagt bei der Erklärung der Taf. XVI. Fig. 6 — 9, wo vergrös- 
serte Solitärfollikel dargestellt sind, sie seien ein wenig geschwollen, 
wie man sie oft bei verschiedenen chronischen Krankheiten der Darm- 
schleimhaut treffe. Das, was sie für die Cholera besonders charak- 
teristisch erscheinen lässt, ist ihre Grösse und die Ausdehnung der 
Eruption, die zuweilen vom Munde bis zum After reicht. Die selt- 
same Erscheinung, dass zuweilen fast nur die solitären, isolirten, an- 
dermal fiist nur die agminirten, Peyer'schen Follikel afficirt waren, 
lä£i8t sich bis jetzt nicht genau deuten. Immerhin haben wir hier 
eine Erscheinung, welche mit Katarrhen der Darmschleimhaut, mögen 
sie schleimig oder serös oder blutig aein, oft genug zusammenfä^llt, und 
welche wir daher auch nur als ein Glied in der Gesammtreihe der 
katarrhalischen Vorgänge betrachten können. Die H3rperämie, welche 
sich im Umkreise der Follikel und der Peyer'schen Plaques nicht 
selten in so grosser Intensität zeigt, trägt, wie es schon früher von 
Gendrin, Phoebus u. A. gezeigt und auch von Pirogoff ange- 


174 Volkskrankheiten und Seuchen. 

deutet wird, gewöhnlich den acuten, activen, entzQndlichen Charakter, 
und wenn wir daher den ganzen Localvorgang als eine katarrhalische 
EntzQndung deuten, so würden wir auch die FoUikelsch wellung als 
das Resultat einer ähnlichen Reizung betrachten müssen, wie sie sich 
an den Lymphdrüsen so sehr oft beobachten lässt, und wie sie sich 
auch bei der Cholera in der eigenthümlichen Anschwellung der 
Mesenterialdrüsen zeigt. 

Von dieser einfachen FoUicularschwellung unterscheidet P. sorg- 
fältig die typhoide. Er meint damit nicht eine solche, die aus 
wirklichem Abdominaltyphus, Typhoidfieber, hervorgegangen ist, son- 
dern eine der Cholera eigenthOmliche, aber der typhösen ausserordent- 
lich ähnliche. Ausser der schon erwähnten Abbildung (Taf. IX, 
Fig. 1) finden wir noch ein Paar sich hier anschliessende. Zunächst 
Taf. X. Fig. 2 der Darm eines Hospitaliten , der seine Diarriiöe 
einige Tage verborgen gehalten hatte und dann im Zeitraum weniger 
Stunden an Cholera algida zu Grunde ging. Die Peyer'schen 
Plaques waren ungewöhnlich lang (8 — 10 Ctm.), von blasisgelber 
Farbe, geschwollen, von einem rothen Rande umgeben. Ihre beträcht- 
liche Anschwellung und die Veränderung ihrer Farbe hing von einer 
plastischen, aus Ki^eln, die den pyoiden Lebert's glichen, zusammen- 
gesetzten Exsudation ab, so wie von der Auftreibung der Zotten der 
betreflfenden Schleimhaut. — Etwas Aehnliches zeigt Taf, XTV. 
Fig. 1. Der Kranke war im typhoiden Stadium zu Grunde gegan- 
gen, und die Peyer'schen Plaques waren mehr ungleich, höckerig 
und wie durchlöchert (raboteuses et comme piquet^es); das Cylinder- 
epithel ist von den Zotten ganz abgelöst und es entsteht dadurch der 
Anschein einer ülceration, die doch nicht vorhanden ist. 

Pirogoff giebt drei Hauptunterschiede an, wodurch sich die 
cholero-typhöse FoUicularschwellung von der einfachen unterscheiden 
soll. Zunächst durch eine stärkere Anschwellung, so dass die Ober- 
fläche nicht mehr hügelig (anfractueuse) , also mehr gleichmässig er- 
scheint. Sodann durch ein mehr gelbliches Aussehen, was dem 
reichem Gehalt an granulösen und pyoiden Kugeln zugeschrieben 
wird. Endlich durch eine viel stärkere Hyperämie des Umfanges. 
Von allen diesen Angaben könnte nur die zweite entscheidend sein. 
Denn die stärkere, mehr gleichmässige Anschwellung und die stärkere 
Hyperämie ihrer Peripherie zeigen doch nur einen höheren Grad der 
Localaffection. Dagegen würden Kömchenkugeln und pyoide Körper, 
wenn sie in der einfachen Schwellung nicht vorkommen, allerdings 
einen specifischen Unterschied begründen; es würde hier nicht mehr 
eine blosse Hypertrophie, sondern eine wirkliche heterologe Neubil- 
dung, oder, mit Pirogoff zu reden, eine plastische Exsudadon vor- 
handen gewesen sein. Referent fühlt sich hier incompetent. Er er- 
innert sich dieser Besonderheit nicht, die gewiss sehr selten sein muss. 
Allein wenn er auch den Zweifel zu erheben unterlässt, ob nicht 
auch hier ein früherer Process diese Besonderheit der Erscheinung 
eingeleitet und bedingt habe, so kann er doch nicht sagen, dass ihm 
die Angabe von dem Vorkommen granulöser und pyoider Körper 
^ esondei*8 bestimmend erscheint. Die eigentlich typhöse Infiltration 


Die Cholera. 175 

besteht nicht wesentlich in einem solchen Zustande, vielmehr hat Re- 
ferent zu zeigen gesucht, dass auch beim Typhus die sogenannte 
markige Infiltration aus einer endogenen und vielleicht auch weiteren, 
äusserlichen Hypertrophie der vorhandenen Elemente hervorgeht, und 
nicht in einer besondem, specifischen Exsudation begründet ist (Verh. 
der phys.-med. Ges. zu Würzburg Bd. I, S. 86). Es ist schon 
möglich, dass dabei einzelne Elemente eine Fettmetamorphose ein- 
gehen und zu Kömchenzellen und Kömchenkugeln, granulösen Kör- 
pern werden. Es kommt auch bei der spätem, tuberkelartigen Meta- 
morphose vor, dass sich einzelne, pyoide Kugeln zeigen, und endlich 
bei der wirklichen Ablösung dieser Massen, der sogenannten Brand- 
sehörfe des Typhus, dass sich im Umfange wirklicher Eiter bildet. 
Allein das Primäre und Wesentliche bleibt doch immer die aus hyper- 
trophischer Ausbildung der präexistirenden Elemente sich entwickelnde 
markige Infiltration. 

Diese unterscheidet sich im Wesen ihres Vorganges von der 
einfachen Follicularschwellung nur durch ihre peripherische Ausbrei- 
tung, aber nicht durch den Ausgangspunkt. Noch weniger ist sie zu 
trennen von den Anfangsstadien der tuberkulösen Infiltration, welche 
in einzelnen Fällen eine so grosse Aehnlichkeit darbietet, dass nur 
die Vergleichung der weitem Entwicklung überhaupt eine Diagnose 
möglich macht. Dieses wichtigste Kriterium fehlt aber gerade in dem 
vorliegenden Falle. Nirgends sehen wir einen sichern Anhaltspunkt 
für die weitere Geschichte, denn der Fall Taf. XIV. Fig. 1, 
der möglicherweise hierher gehört, würde höchstens die Möglichkeit 
emer spontanen Resolution zeigen, die mit Resorption der umgebil- 
deten (fettig metamorphisirten?) Elemente endigte. Nirgends sehen 
wir aber die Schorfbildung des Typhus oder die käsige Masse des 
Tuberkels, und wir können also nur sagen, dass P. die Aufmerksam- 
keit auf eine seltenere Veränderung gelenkt hat, die graduell über die 
einfach katarrhalische Follicularschwellung hinausgeht, die aber weder 
dem Typhus, noch dem Tuberkel entschieden anzuschliessen ist. Vor- 
läufig ist es noch nicht nöthig zu glauben, dass die cholero-t3rphöse 
Fonn sich von der katarrhalischen mit FoUikelschwellung anders als 
^^raduell trennen lasse. Für eine einheitliche Anschauung des Cholera- 
processes ist es gewiss wünschenswerther, auch für die katarrhalische 
Darmaffection eine Reihe von Veränderungen festzuhalten, die sich 
allmählich zu den seltensten Formen steigern. Auch hier hätten 
wir es für sehr erwünscht gehalten, wenn die einander nahe stehenden 
Formen auch in den Abbildungen, übersichtlich geordnet, an einander 
gereiht worden wären. — 

Es bleibt jetzt noch die letzte der von P. au%estellten Species 
übrig, nehmlich die sechste Species der gemischten Gattung. P. giebt 
davon eine Form, die pneumonische, deren Abbildungen sich auf 
Tal XV. finden. Von den 3 Figuren dieser Tafel soll die erstere 
den gewönlichen Zustand der Lungen in der algiden Periode dar- 
stellen: das Gewebe zusammengezogen, compact, trocken, anämisch, 
auf Schnittflächen hellroth, das bald flüssige und helle, bald dicke 
und dunkle Blut in dicken Tropfen aus den Gefässen hervortretend. 


176 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Im Uebergange zur typhoiden Periode würde dazu ein acutes Oedem 
und Bronchialkatarrh von geringer Intensität treten. Diess wäre also 
das Gewöhnliche. Allein Fig. 2 zeigt eine andere, hauptsächlich im 
Uebergange zur typhoiden Periode auftretende Veränderung: das 
Lungengewebe weniger compact, weniger eingesunken; seine Farbe 
auf dem Durchschnitt von einem ungleichmässig vertheilten, dunkeln 
Braunroth, und nur stellenweise von dem gewöhnlichen hellen Roth. 
Hier und da finden sich rudimentäre Extravasatheerde , von dem 
Laennec'schen Infarkt durch ihre weniger scharfe Begrenzung und 
vielleicht durch die Veränderung des sie constituirenden Blutes ver- 
schieden; es sind braunschwarze, trockene, dichtere Flecke, mit 
sshwarzen Punkten durchsetzt, von der Grösse von Läppchen oder 
darüber, auf dem Schnitte dichter, wie hepatisirt. Rings umher ist 
gewöhnlich acutes Oedem. — Endlich in Fig. 3 giebt P. die rotlie 
und graue cholerische Hepatisation, die gewöhnlich während der 
typhoiden, höhstens während einer prolongirten algiden Periode vor- 
kommt. Diese Form unterecheidet sich von der gewöhnlichen ent- 
zündlichen Hepatisation nur dadurch, dass ihr die erwähnten Extra- 
vasatheerde vorausgehen. Seltener sieht man rothe und graue 
Lobularhepatisationen im Gewebe zerstreut, gleichfalls aus isolirt^^n 
Blutheerden hervorgehend. Diese Cholero-Pneumonie darf nicht ver- 
wechselt werden mit der cholerischen Pneumonie, der gewöhnlichen 
entzündlichen rothen und grauen Hepatisation, welche zuweilen mit 
dem cholerischen Process vereinigt ist. Während der cholerischen 
Hepatisation in der typhoiden Periode der Krankheit zeigt der Darm- 
kanal gewöhnlich keine andere besondere Veränderung, als die Ex- 
foliation des Epithels und die stellenweise auftretende Anschwellung 
der SolitärfoUikel. 

Alle drei Abbildungen sind brillant und gehören mit zu den 
besten des Atlas, wenn auch gerade hier die Farben etwas zu leb- 
haft gewählt sein möchten. Was ihre Deutung betrifft, so möchten 
wir freilich auch hier mit P. in der Auffassung der Besonderheit 
dieser Zustände nicht ganz übereinstimmen. P. construirt hier eine 
Art von Pneumo- Cholera, analog dem Pneumotyphus der Wiener 
Schule, den wir in der schulgerechten Weise auch nicht anerkennen 
können. Referent sah ausser den gewöhnlichen, trockenen und retra- 
hirten Lungen hauptsächlich zweierlei, was mehr dem Beginn und 
dem weiteren Verlaufe des typhoiden, als des algiden Stadiums ange- 
hörte. Einmal hämorrhagische, oft nekrotisirende Exsudate, die im 
letztem Falle eine consecutive Pleuresie brachten; sodann eine capil- 
läre Bronchitis, die auf das Parenchym, d. h. in die Alveolen fort- 
schritt, oder eine mit schwarzrother Hyperämie beginnende, schlaffe 
Pneumonie, die schnell in eitrige Infiltration überging (MecL Ref. 
S. 89). Diese letzteren Formen würden am meisten der cholerischen 
Pneumonie P.'s entsprechen, während die ersteren, die hämorrhagischen 
Fonnen dem cholero- pneumonischen Zustande angehören mOssten. 
Allein das, was Referent sah, entsprach ganz dem hämorrhagischen 
Infarkt von Laennec, dem, wa« Referent als hämorrhagische Pneu- 
monie zu bezeichnen pflegt. Allerdings fehlt hier meist die scharfe 


Die Cholera. 177 

Beii^renzung, welche nach der Theorie der Laennec'sche Infarkt be- 
sitzen soll, allein diese ist auch in anderen Fällen nicht so ganz 
<leiitlich. Referent fand mehr den Ausgang dieser Heerde in Brand, 
Nekrose und faulige Zersetzung, doch will er nicht in Abrede stellen, 
dass bei geringeren Graden dieses Zustandes auch der üebergang in 
graue Hepatisation (d. h. eitrige Infiltration?) eintrete. Nur scheint 
es ihm nicht gerathen, diesen Üebergang als specifisch für die Cholera 
in Anspruch zu nehmen, da die Lobularpneumonien ja oft genug aus 
Extravasatheerden, hämorrhagischen Entzündungsknoten , foyers apo- 
pleotiformes ihren Ursprung nehmen, gleichviel in welcher Krankheit 
sie vorkommen. 

Zu bedauern ist es aber, dass P. einen Zustand der Lungen nicht 
mit abgebildet hat, der, wenn auch nicht charakteristisch, doch relativ 
häufig in der Cholera und relativ selten in anderen Zuständen 
ist, nehmlich das Interlobular-Emphysem. Ref. hat dasselbe schon in 
seinem ersten Berichte (Med. Ref. S. 82) erwähnt und es ist seitdem 
von verschiedenen Beobachtern beschrieben worden. Es ist jedenfalls 
eines der wesentlichsten Zeichen der Athemnoth, welche bei Lebzeiten 
vorhanden gewesen ist, und für die Frage von dem Mechanismus der 
cholerischen Dyspnoß nicht ohne Wichtigkeit. — 

Von den Erscheinungen des algiden Stadiums bleibt uns noch eine 
Reihe zur Betrachtung übrig, nehmlich die Erscheinungen der venösen 
Hy])erämie, derCyanose, derjenigen also, welche der schlimmsten Form 
der Cholera, der cyanotischen oder blauen den Namen gegeben haben. 
P. handelt davon hauptsächlich auf der ersten Tafel, wo das äussere, 
peritonaeale Aussehen der Däi-me dargestellt ist. Er hat vier Dünn- 
därme abbilden lassen, an denen die verschiedenen Grade von der 
äussersten Hyperämie bis zur fast vollständigen Anämie wiedergegeben 
sind. P. schlägt die Bedeutung dieser Zustände so hoch an, hält ihren 
charakteristischen Werth ffir so wichtig, dass er geradezu ausspricht, man 
könne nach einer einzigen Oeffnung der Bauchhöhle einer 
Choleraleiche fast sicher die Todesart diagnosticiren, selbst 
in dem Falle, wo der Choleraprocess sich mit einer andern Aflfection 
in der letzten Zeit des Lebens verbunden hat. Diess Urtheil aus dem 
Munde eines so erfahrenen Anatomen, selbst wenn es etwas zu enthu- 
siastisch sein sollte, muss uns doch bestimmen, dabei etwas länger zu 
verweilen. 

Auch Ref. ist der' Meinung , dass nächst dem eigenthOmlichen 
Darminhalte, dem mit abgelösten Epithelialmassen gemischten chole- 
rischen Exsudat, dem berühmten Reiswasser, nichts so charakteristisch, 
so constant und so augenfällig ist, als die äussere Färbung der Därme. 
Ala er im Jahre 1848 den ersten in Berlin vorgekommenen Cholera- 
fall secirte, trug er nicht das geringste Bedenken, ihn sofort für einen 
ächten zu erklären, trotzdem dass die bedeutendsten Aerzte und Kli- 
niker darüber spöttelten. Er hatte früher keine Choleraleiche ge- 
sehen, allein das, was ihm hier entgegentrat, war so abweichend von 
dem, was er sonst gesehen hatte, dass diese Neuheit allein die Be- 
sonderheit des Falles zu beweisen schien (Med. Ref. S. 28). Leider 
mu88 er aber sofort hinzufügen, dass die Tafeln von P. nicht ganz 

K. Virchow, 0«ff«tttl. Uedicin. 12 


178 Volkskrankheiten und Seuchen. 

i^^enugen, diese Eigen thümlichkeit zu zeigen. Der Charakter dieser 
Zustände lässt sich nicht erschöpfen, wenn nuin eine einzelne Darni- 
schlinge abbildet; dazu gehört nothwendig die Ansicht der Gesaninit- 
heit der Darmwindungen, wo möglich die Ansicht der ganzen Bauoli- 
höhle. Froriep hat dieses Desiderat in einer für die damaliiren 
Anforderungen sehr genügenden Weise befriedigt; um so mehr wäre 
es zu wünschen gewesen, dass P. mit den vortrefflichen Mitteln, die 
ihm zu Gebote standen, es nicht versäumt hätte, auch hier den ge- 
steigerten Anforderungen der Zeit nachzukommen. 

^In Beziehung auf die Oertlichkeit des Blutes**, sagte Ref. (Med. 
Ref. S. 82), „bestätigte es sich immer, dass es in den Venen bis zu 
ihren Wurzeln hin aufgehäuft war, während die Arterien und Capil- 
laren (relativ) leer waren. Auffallend und mechanisch nicht recht zu 
deuten war die grosse venöse Hyperämie der Dünndärme bei 
der Blässe, welche gewöhnlich der Magen uud Dickdarm 
zeigten. An den hyperämischen Zotten Hess sich mikroskopisch <lie 
Injection fast immer nur an Venen nachweisen." Diese letztere An- 
gabe, welche vielleicht etwas zweifelhaft erscheinen könnte, wird e.< 
wohl etwas weniger, wenn wir an die neuen Beobachtungen von Frey 
und Ernst erinnern, wonach gerade am Darme die Venen sich gnnz 
oberflächlich aus den der Darmhöhle zunächst gelegenen Schleimhaut- 
gefässen zusammensetzen, während die Arterien sich schon in der 
Tiefe in ein Capillametz auflösen, das dann zu den superficiellen 
Venen aufsteigt. Allein das Auffä.lligste bleibt doch immer die in- 
tensive Hyperämie der dünnen Därme bei der relativen Blässe des 
Magens und Dickdarms. Während nicht selten noch die imtersten 
Theile des Dünndarms die dichtesten uud gefülltesten Gefilssnetze 
darboten, schnitt am Blinddann die Röthe plötzlich ab, und fast 
ebenso acut begann sie zuweilen am Zwölffingerdarm. Es war also 
keineswegs das ganze Pfortadersystem in demselben Zustande der 
Hyperämie und es war nicht gut möglich, aus bloss mechanischen 
Gründen der Stauung, etwa bedingt durch die Asphyxie, diese An- 
häufung von Blut zu erklären; es musste vielmehr noch ein locales 
Motiv zu Hülfe genommen werden, und diess darf wohl nicht davon 
getrennt werden, dass gewöhnlich der Dünndarm der zuerst und am 
intensivsten erkrankte Theil ist. Ref. hat einigemal die cholerische Ex- 
sudaticm in dem obem Theile des Dünndarms gefunden, während sell>st 
im tiefem Theile des Ileum und namentlich im Dickdarm noch die 
gewöhnlichen, fäcalen Inhaltsmassen zugegen waren. Man kann also 
auf eine Lähmung dieser Venen, man kann auf die durch die Exsu- 
dation selbst veränderte Mischung, die Eindickung und die dadurch 
gesetzte Schwerbeweglichkeit dieses Blutes provociren. Es sind dann 
nicht bloss die subserösen und submuscularen Gefässe, auf welche P. 
Gewicht legt, die man von aussen her deutlich in ihrem Verlauf er- 
kennen kann, sondern man sieht auch die Gefässe der inneren Schich- 
ten durchschimmern, und das gerade gibt diesen Därmen das charak- 
teristische rosige Aussehen, den gleichmässigeren Gnmd, auf dem dann 
die Starkeren venösen Stämme der äusseren Schichten um so deut- 
licher und schärfer hervortreten. Diese letzteren sind auf der ersten 


Die Cholera. 179 

Tafel von P. sehr ^ut wiedergegeben, und die vei'schiedenen Weisen 
ihrer AnfHlhmg wolil auseinander gehalten. Für Jemanden, der sich 
mit dieser Anschauung vertraut machen will, ist daher gerade das 
Studium dieser Tafel zu empfehlen, um so mehr, als sich selbst in 
der Erinnerung des Erfahrenen die EigenthOmlichkeit dieser Erschei- 
nimg etwas verwischt und es dem Ref. später passirt ist, dass er in 
Fallen, wo keine Cholera zugegen w.ar, ein ganz ähnliches Bild zu 
sehen glaubte und er immer wieder zu Abbildungen recurriren musste, 
um sich das Specifische dieses Anblicks wieder lebhaft zu vergegen- 
wärtiiijen. — 

Es bleiben jetzt zur Betrachtung noch übrig diejenigen Abbil- 
dungen, welche die hauptsächlichsten Folgezustände am Darm dar- 
stellen. Wir halten uns dabei an die von P. selbst in seiner Vor- 
rede aufgestellte und schon früher erwähnte Eintheilung: 

1) Die cholerischen Ulcerationen der Peyer'schen Plaques in 
Folge der Erweichung der in die Plaques abgelagerten Materie. 

Sie finden sich im Allgemeinen nicht häufig, unterscheiden sich 
aber durch ihre äussere Form auf eine ziemlich scharfe Weise von 
den anderen GeschwOrsformen des Darmkanals: typhösen, dysente- 
rischen u. 8. w. 

Taf. VI. Fig. 2. Cholerische Ulceration einer Peyer'schen Plaque. 
Die in der ersten Periode der Krankheit angeschwollene Plaque zeigt 
in der typhoiden Periode ein Loch mit hervorragenden und von ein- 
zelnen, zeretreuten, in ihrem Grunde von Ablagerung freien Zotten 
überdeckten Rändern. „Es ist schwer^, setzt P. hinzu, „zu bestim- 
men, ob diese kleine Aushöhlung immer von einem Substanzverlust 
herrührt** 

Taf. IX. Fig. 5 — 6. Cholerische Ulceration des Ileum. Es ist 
sehr selten, diese Ulcerationen so bestimmt ausgesprochen zu sehen, 
wie sie es in diesen beiden Figuren sind. Wir (P.) haben davon 
nur 3 Fälle beobachtet. Der Tod erfolgt gewöhnlich, bevor diese 
Ulcerationen sich ganz ausgebildet haben. Die Peyer'schen Plaques 
zeigen hier eine höckerige, ungleiche Oberfläche ohne specifische Ab- 
lagerung von Materie; die Zotten sind bald vollständig zerstört und 
abgelöst, bald ihres Epithels beraubt und über die erhabenen Punkte 
der Geschwüre verstreut; die ganze ulcerirte Oberfläche ist indurirt, 
mit leicht hyperämischen Rändern im Relief, von hellbrauner Farbe. 
In den 3 beobachteten Fällen hatte die tjrphoide Periode ziemlich 
lange gedauert. 

2) Die cholerischen Ulcerationen in Folge des Abfallens der 
hämorrhagischen Schorfe im Dickdarm. 

Taf. V. Fig. 4 (schon erwähnt). 

3) Erweichung, Mortification, reticulirter Zustand der Peyer'schen 
Plaques, Exfoliation und Abfallen der Zotten, Veränderungen 
der SolitärdrOsen, dysenterische Exsudationen. 

Erste Species der einfachen Cholera: Taf. VI. Fig. 3. Anschwel- 
lung der Dunndarm-Zotten. (Schon erwähnt.) — Taf. VII. Fig. 3. 

12* 


ISO VdlksKranklieiteu un<l ScucIkmi. 

Ileiim aus der ty})h(>i(l(Mi Periode, die mehrere Tage gedauert hat: 
an den j^cheinbar exuh'erirten Peyer'schen Phacjues findet man nur 
An-(*h\vellurig, Hyperämie der Zotten und selir kleine Exuh^erationen 
zwischen den Zotten ohne irgend einen Subst-Jinzverlust der Soldeim- 
liaut. Die mesaraischen Drüsen sind angeschwollen, wie im Typhus. 
Der Darm enthält eine sanguinolente Flüssigkeit. Fig. 4. Dickdarm 
in ähnlicher AV^eise, wie in anderen Aß'ectionen des Darmkanals, mit 
leicht anämischer Schleimhaut, welche mit kleinen, festen Punkten, 
die dunkle Ränder besitzen (a bord fonces), bedeckt ist. Es sind diess 
Solitärfollikel, welche von ihrer Hyperämie und frühern Anschwel- 
lung nur einen braunen Hof zurückbehalten haben und ihres Epithels 
beraubt sind. Dieselben sind auf Taf. XVI. Fiij:. 7 dreissi^- ^lal vor- 
grösscrt dargestellt, um namentlich den Gefässkranz und die aus Ex- 
tra viisat hervorgegangenen schwarzen Körner von Schwefeleisen zu 
zeigen, die den dunkeln Hof bilden. — Taf. VII. Fig. 5. Ileum mit 
Zotten, die geschwollen und erweicht sind, sich stellenweise loslösen 
und mit einer dunkelgelben, aus amoqiher Masse, abgelösten Epitlie- 
lialzellen, kleinen Krvstallen und Gallenfarbstoff bestehenden Lairt^ 
l)edeckt sind. Letztere ist Taf. XVI. Fitr. IQ u. 11 vericrössert <lar- 
gestellt, als Brandschorf (escharre) bezeichnet und in ihrer Zusammen- 
setzung als identisch mit der zuweilen den Choleraj)rocess begleiten- 
den dvsenterischen Exsudation bestimmt; zui^leich ist auf Taf. VI. 
Fig. 5 verwiesen, wo der einfach dij)ththeritische Process der Cholera 
sich findet. 

Taf. TX. Fig. "2 zeigt auf den reticulirten Peyer'schen Plaques un<l 
auf den Solitärfoljikeln Vertiefungen (enfoncements) in Form kleiner 
Punkte mit Al>lai'eruni»: eines dunkelicrauenFarbstofts, entstanden aus den 
in Folge der Stase zersetzten Blutkörperchen, bei gleichzeitiger Exf(dia- 
tion des Cylinderej)ithels der Zotten. Die Schleimhaut befindet sich in 
einem anämischen Zustande. Fiu". 4 stellt eine schwere Verletzunic des 
Ileum dal', w eiche man gewöhidich als den normalen oder fast normalen 
Zustand der Schleindiaut betrachtet. Die Membran ist glatt, voll- 
ständig anämisch, ohne irgend eine Ablagerung; betrachtet man sie 
unter Wasser genau mit der Loupe, so erkennt man, dass i^ie so zu 
sagen kahl, d. h. ihrer Zotten vollständig beraubt ist. Die ihrer Epi- 
thelialüberzüi>e entbehrenden Trümmer dieser Zotten sind hier und 
da zu Inseln gesanunelt; die Peyer'schen Phupies sind durch reti- 
culäre, mit blossem Anne kaum erkemd)are Vertiefuniren ersetzt, bei 
deren mikroskopischer Untersuchung sich findet, dass die Schleimhaut 
zum Theil zerstört und luiter ihr die Muskelhaut deutlich sichtbar 
geworden ist. Hier ist also Exfoliation des Epithels, Anschwellung, 
Erweichung und Al)lösung der Zotten vorausgegangen. 

Zweite Species der einfachen Form: Taf. VI. Fig. 1. Ileum mit 
einer braunröthlichen, klebriiren Flüssii^keit imbibirt: die Pever- 
sehen und solitären Follikel geschwollen, von einem hyperämischen, 
dunkelrothen Hofe inngeben und bereit, in den Zustand der Exulcera- 
tion überzugehen. Es ist diess die secumdäre oder consecutive Hyper- 
ämie der Plaques und Follikel. — Taf, VII. Fig. 1. Dickdarm mit 
dunklen BlutsuiVusiunen der Schleimliaut um die isoHrten Follikel, 


Die Cholera. 181 

welche die Spuren einer vorausgegangenen Hyperämie zeigen. AutJser- 
dem sieht man eine grosee Anzahl kleiner, oberflächliclier, ini«elför- 
miger Ulccrationen. — Tat X. Fig. 1. Die kleinen Säcke der So- 
litArfollikel sind hervorragend, hart anzufQhlen und mit dunklen 
Punkten überstreut. Die Plaques sind geschwollen, von einem liyper- 
ämischen Hofe umgeben und bereit, zu exulceriren. 

Cholero- dysenterische Form: Taf. VII. Fig. 2. Ileum, 15 Mal 
unter der Loupe vergrössert. An den exulcerirten Stellen der Schleim- 
haut, welche schon die Muskelhaut sehen lassen und sich dem blossen 
Auge unter einer ungleichen Form darstellen, zeigt das Mikroskop 
ini*elfümiige Erhebungen, aus kleinen rundlichen Kysten oder Blas 
chen bestehend, die mit einer trQben, milchigen Flüssigkeit gefüllt 
sind. Es sind diess Solitärfollikel, die bald mit Zotten bekleidet, bald 
nackt sind. Eines der Bläschen ist künstlich mit einer Nadel eröffnet 
und nach dem Ausfliessen seines Inhalts collabirt. Die Zotten sind 
geschwollen und mit einer zur Ablösung bereiten Epitheliallage 
bedeckt. — 

Wir haben die Erläuterungen dieser Zustände möglichst voll- 
ständig wiedergegeben, weil sich so am deutlichsten übersehen lässt, 
wie sehr P. hier einer leitenden Uebersicht entbehrt hat. Hätte er 
sich darauf beschränkt, die möglichen Ausgänge zusammenzustellen, 
je nachdem die Cholera die katarrhalische oder die diphtheritische 
Form der Enteritis annimmt, so würde es nicht schwer geworden 
sein, auch diese Folgezustände genau und klar zu ordnen. Allein 
die Gattungen und Species bringen hier Verwirrung hervor; P. selbst 
weiss zuweilen nicht recht, wo er die einzelnen Zustände unterbrin- 
gen soll, und mehrere Zustände, die wir der Kürze wegen zu der 
ersten Species der einfachen Cholera gestellt haben, hat er seinerseits 
ganz unrubricirt gelassen. Für manche Species hat er überhaupt gar 
nichts von ihren möglichen Ausgängen beigebracht. 

Es zeigt sich femer gerade hier, wie wenig ausreichend die Kri- 
terien sind, die P. bestimmt haben, Diphtheritis, Dysenterie und schorf- 
bildende Ilämorrhagie zu trennen. In der Erklärung der Taf. XVI. 
Fig. 10 u. 11, zusammengehalten mit Taf. VI. Fig. 5 u. Taf. VII. 
Fig. 5, werden diese drei, sonst so sorgsam getrennten Zustilnde in 
sehr nahe Verbindung gebracht und noch ausserdem der einfachen 
ersten Species angenähert. Neben der specifischen cholerischen Ulcc- 
ration und derjenigen, welche durch das Abfallen der hämorrhagi- 
schen Schorfe entsteht, werden noch die cholero-dysenterischen und 
eine Reihe von Zuständen erwähnt, welche die Tendenz und die Be- 
reitschaft zur Ulceration zeigen sollen, und dann wird wieder eine Reihe 
von Fällen berührt, wo nur der Anschein einer Ulceration bestand, 
oder wo es sich nicht genau bestimmen liess, ob Ulceration da war 
oder nicht. 

Ref. hat sich* nicht überzeugen können, dass es eine specifisch- 
cholerische Ulceration, oder eine Reihe verschiedener Ulcerationsweisen 
der cholerischen Darmschleimhaut gebe. Alle Formen, die er sah, 
Hessen sich mit Bestimmtheit auf einfach- oder hämorrhagisch-diph- 
theritische Versch wärung beziehen: der diphtheritische oder hämorrha- 


\H-2 VoIk'^kninKlieilPM und Sfiu'hfn. 

«rir^clie Schorf löste sich bald und hinterliese einen Subetanzverlu^t, 
(1<T je nach Umständen eehr gross oder t^ehr klein sein konnte, und 
demnach eine grossere oder kleinere Gesclnv ursfläche erzeugte. In 
der Mehrzahl, der grossen] Mehrzahl der Fälle bildeten sich diejfe 
Vei*schorfungen in der Oberfläche, und es konnte dann geschehen, dasr^ 
sie sich fiber mehrere Follikel hinweg ablösten, wie es von P. redit 
gut auf Taf. VII. Fig. 2 wiedergegeben ist. Andermal fanden sich 
ganz kleine, zerstreute Substanzverluste, wie es auf Taf. VII. Fig. 1. 
abgebildet ist. Der seltenste Fall ist jedenfalls der, wo sich diese 
Zerstörungen auf die Peyer'schen Plaques beschränken. 

Kef. erwähnte einen solchen Fall von einer am 1. October 1848 
gemachten Autopsie. Es fand sich hier ^.das merkwürdige Verhält- 
niss, dass die diphtheritische Entzöndung sich auf die Solitärdrüsen 
und die Peyer'schen Ilaufen beschränkte, w^ährend es sonst gerade 
umgekehrt ist. Es hatten sich auf den meisten, stark angeschwolle- 
nen und hyperämischen Drösen Erosionen der Schleimhaut ge- 
bildet, so dass eine gewisse Aehnlichkeit mit Typhus nicht zu ver- 
kennen war; diese stieg noch dadurch, dasa die Mesenterialdrusen, 
besonders am Cöcalstrang, bis zur Grösse von WalInQssen geschwol- 
len, sehr hyperämisch und brüchig waren^ (Med. Reform S. 105.). 
Dieses letztere Verhältniss der Mesenterialdrusen, welches gewir^s 
höchst merkwürdig ist, findet sich auch einmal in der feinen Anmer- 
kung P.'s zu Taf. VII. Fig. 3 berührt. Die Bedeutung dieser Beob- 
achtungen wird besonders sehr gross, wenn man damit eine, wie es 
scheint, immer übersehene Beobachtung von Cruveilhier zusammen- 
stelk, dass im Typhus sich zuweilen eine pseudomembranöse Enteritis 
finde, in der ein mehr oder weniger ausgedehntes Stück des Dünn- 
darms und des benachbarten Theiles vom Dickdarm mit einer kä^^e- 
artigen, sehr adhärenten, gelblichweissen, mehr oder weniger brökligen 
(morcelde) Materie überzogen ist, die für jede Zotte eine vollständige 
Scheide bildet und unter der die Schleimhaut dunkelroth ist (Anat. 
pathol. Livr. VII. p. 5). 

Diese Diphtheritis der Follikel und der Peyer'schen Plaques, zu 
der einige der als Cholero-Dysenterie bezeichneten Abbildungen auf 
Taf. IV. und VA. gehören .möchten, ist es, aus der unseres Erach- 
tens die specifischen cholerischen Ulcerationen P.'s hervorgegangen 
sind. Auch Reinhardt und Leubuscher sahen diese Form (t. 
ihren 16. Fall. Archiv f. path. Anat. und Phys. Bd. II, S. 564, vgl. 
S. 490), und glaubten daraus schliessen zu dürfen, dass die Angabe 
des Referenten, wonach die siebfömiige Beschaffenheit der Peyer'schen 
Plaques, das Platzen derselben als ein Leichenphänomen betrachtet 
werden müsse, nicht überall richtig sei. Allein es liegt hier ein Mins- 
verständniss vor, das durch die eben citirte Stelle leicht hätte ver- 
mieden werden können. Ref. unterscheidet darnach ein cachiveruses 
Platzen der Follikel und eine bei Lebzeiten geschehende, diphtheri- 
tische Erosion oder Ulceration derselben. Eine Aufgabe der weitereu 
Untersuchungen wird es bleiben müssen, festzustellen, ob überhaupt 
niemals bei Lebzeiten Follikel sich eröffnen, was Ref. nicht behauptet 
hat, was aber auch bis jetzt durch keine Thatsache entschieden ist. 


Die Cholera. 183 

Zum Theil wenigstens zu den Cadaver-Phänomenen möchte Ref. 
auch den Zustand rechnen, den P. auf Taf. IX. Fig. 4 dargestellt 
hat, jene Kahlheit der Schleimhaut, die man geradezu als Abrasion 
bezeichnen konnte. Ref. stimmt mit P. darin überein, diess als das 
Kesultat einer andauernden Maceration der Zotten zu betrachten, und 
es ist wohl möglich, dass eine solche Maceration schon eine Zeitlang 
vor dem Tode eingeleitet war. Allein es ist theoretisch schwer zu 
begreifen, wie eine solche Abrasion ohne grosse Blutungen oder be- 
sondere Erscheinungen reactiver Natur zu Stande kommen sollte, 
dagegen ist es leicht zu begreifen und auch in nicht cholerischen 
Fällen oft genug zu constatiren, wie sich eine solche Maceration, Er- 
weichung und Ablösung von Zotten ohne Mortification im todten Kör- 
]>er ausbildet. 

Die meisten übrigen Erscheinungen, welche P. hat darstellen 
lassen, die verschiedenen Stadien der Hyperämie und Extravasation, 
die Pigmentbildung, die Färbung und Auflockerung der Schleimhaut, 
die Schwellungen der Follikel u. s. w. entsprechen, wie der Heraus- 
geber selbst zugesteht, ähnlichen Zuständen anderer, namentlich katar- 
rhalischer Darmaffectiouen. Sie haben nichts Specifisches an sich und 
zeigen sich in der variabelsten Weise. 

Wir können daher nicht umhin, nachdem wir die einzelnen Ab- 
bildungen und ihre Deutungen durchgemustert haben, uns gegen die 
Grundanschauung von Pirogoff von der specifischen Natur der 
localen Cholera und ihrer verschiedenen Gattungen, Species und 
Varietäten zu erklären. Wir finden auch hier nur neue Thatsachen 
für die einfachere und daher freilich auch im Detail schwerere An- 
schauung von der Uebereinstimmung der cholerischen Zustände mit 
den übrigen bekannten katarrhalischen und diphtheritischen, einfachen 
oder hämorrhagischen Darmentzündungen. Wir sind desshalb nicht 
jirewillt, den Choleraprocess für eine einfache, katarrhalische oder diph- 
theritische Darmentzündung zu erklären, stimmen vielmehr mit P. 
ihirin überein, dass diess nur eine Local- Manifestation der krank- 
machenden Potenz ist. (Vgl. Med. Ref. S. 105.) Gerade desshalb 
halten wir aber sein Werk nicht für vollendet. So gut als er die 
Diphtheritis der Gallenblase, die hämorrhagische Entzündung der 
Lungen zeichnen Hess und sie als andere, zuweilen ganz unabhängige 
Local -Manifestationen desselben krankmachenden Princips erklärte, 
ebenso gut muss er auch die Diphtheritis der Scheide, die hämorrha- 
gischen Entzündungen des Uterus, der Milz, des Gehirns u. s. w. 
liefern. Bei seinen Hülfsmitteln und bei der Wahrscheinlichkeit der 
Wiederkehr neuer Epidemien wird es ihm nicht schwer fallen, in 
neuen Lieferungen diese Desiderate zu geben. Dann erst wird sein 
AtLas der pathologischen Anatomie der Cholera wirklich das sein, 
was der Titel beansprucht, aber er wird auch zugleich eines der 
schönsten und wichtigsten Werke sein, welches unsere Zeit der Me- 
dicin kommender Zeiten hinterlässt. 

Indem wir dem rastlosen Eifer des Herausgebers diesen Wunsch 
nahe legen, glauben wir zugleich die Hoffnung hegen zu dürfen, dass 
es ihm gelingen werde, sich über die künstliche und gewaltsame Ein- 


184 VolksKr.iiiKlicitrii nnd SeiiclMMi. 

iheiliiiii;, die er vorläiiii«^ <lcii aiiatoinisclieii Ei\^elieiiniiiireri der Clm- 
leru aiJi;e|)asst hat, zu erliehcn und diejenige Kiiüaeldieit und Kinlielt 
auch in den periplierisclien Voriiännen dieser \vun<lerharen Krankheit 
fe.^tzuhalten, die er für die alljLi:enieine JV\i:rnn(hnii;- densell>en aner- 
kennt. Mö^e er zugleich chirin eine besondere Auftorderun^c erken- 
nen, den versprochenen Text hahl nachzuliefern inid (his reiche ^I:i- 
terial seiner Be()])achlun^en nacli den Grundsätzen, die wir au.s einer 
sori» faltigen PriUnni:: unserer ei'a'nen Krfah runden uinl seiner schonen 
Ahbihlungen gewonnen und wiederholt Ijefestigt haben, nochmals zu 
mustern. 


5. Abdominaltyphus und Choleratyphoid. 

(Sit/.nn(,j der Wrir/Jnir^;'T pliyhikaliscli-inodicinisrli'-n (ifscINclinft vom '.'7. J>''((nil»<-r is.'i'J. Vfrhaii<l- 

lnn;;cn is'i:?. Ild. IV. S. 77.) 

Ich erhiube mir, der Gesellscliaft (h'e (beschichte eines khnisch 
und anatomisch selir merkwürdigen Falles vorzulegen, dessen theil- 
Aveise klinische J3eol)aclitung mir durch eine Autforderung des llenn 
llofraths v. Marcus im Jurmshosj)itale zugänglich wurde. Die Kran- 
kengeschichte, weU'he Herr v, Marcus unter seiner Controle durcl» 
seinen Assistenten Herrn Dr. l^iermer hat anfertigen lassen, uml 
welche in seinem Namen mitzutheilen er mich autorisirt hat, konnte 
durch die von mir angestellte Section so mannichfache Aufschliissr 
erfahren, dass sie der Aufmerksamkeit der Gesellschaft besonders wertli 
sein möchte: 

Eva Ehrbar, »i3 Jahre alt, Dienstmagd aus Eisingen, eingetre- 
ten den iM). Novend)er 1852. 

Anamnese. Nach Angabe der Kranken befand sich <]ieselhe 
innner wohl und litt nie an einer heftii-en, acuten Krankheit: ihre 
Menstruation war normal und zeigte sich das letzte Mal acht Taire 
vor ihrem Eintritt ins Juliussj)ital. Ohne irgend eine ihr bewnsste 
Veranlassung wurde die Patientin inmitten vollkonnnener Gesundheit 
am *23. November plötzlich von einem heftigen Fieljerfrost, begleitet 
mit Koj)fschmerz, überfallen. Bald darauf gesellten sich unter massigen 
kolikartigon Schmerzen profuse Durchfälle und häulig wiederkehrendes 
Erbrechen hinzu. Sowohl die Diarrhöen als das Erbrechen dauerten 
in einer HäuHgkeit fort, welche die Kranke nicht zu schätzen ver- 
mochte, so dass sie dieselben als continuirliche Erscheinungen bezeicli- 
nete. Die erbrochenen Massen waren grünlich gc^färbt, über die 
diarrhoischen Stühle wusste die Kranke nichts AVeiteres anzuheben. 
Ohne dass neue Erscheiinuigen hinzugetreten wären, ohne dass der 
Fieberfrost wiederkehrte und während die Kranke noch hin und 
wieder ihre Arbeiten zu verri(diten suchte, bliel) sich der Krankheits- 
zustand gleich bis zu ihi-em Eintritt ins Juliussjntal. 

Status praesens am 2(5. Novend)er Abends 5 Uhr. Die Patientin 
ist ein kräftig gebautes, r(d)ustes Individuum: das Gesicht ziendicli 
stark geröthet, die Augen etwas injicirt, das übrige Colorit des Kör- 


Die Cholera. 185 

l>ers normal, nicht icterisch, nirgends exanthematische Veränderungen 
auf der Haut wahrnehmbar, die Temperatur = 30" R., Puls massig 
fre<iuent, 95 Schläge zählend, verhältnissmässig klein, doch nicht weg- 
<lrrickbar, ziemlich weich, nicht doppelschlägig , überhaupt ohne be- 
sondere pathologische Beschaffenheit. Die Zunge ist feucht und weiss 
belegt, der Leib weich, nicht aufgetrieben, an keiner Stelle beim 
Druck schmerzhaft, bei der Palpation fühlt und hört man an verschie- 
denen Stellen des Unterleibes Kurren und Quatschen. Die Percussion 
ei^ebt überall einen tympanitischen, bald mehr hellen, bald mehr 
tiefen sonoren Percussionston. Die physicalische Untersuchung der 
Brustorgane ergiebt nichts Abnormes. Auf den Lungen hört man 
neben normaler Respiration einige trockene und feuchte Rasselgeräusche. 
— Die Milz nicht vergrössert. — Die Kranke ist bei vollkommenem 
Bewusstsein, aoitwortet auf die an sie gestellten Fragen deutlich, aber 
langsam, als wenn sie sich vorher besinnen müsste. Sie klagt über 
grosse Uubehaglichkeit, beständiges Ekelgefühl, Brechneigung und 
besonders über einen anhaltenden, drückenden, betäubenden Kopf- 
schmerz, als dessen Sitz sie die Supraorbitalgegend bezeichnet. Das 
Erbrechen und die Diarrhöen stehen gegenwärtig still. (Mixtur, oleos. 
Uno. V, stündl. 1 Essl.) 

Am 27. Morgens. Die Kranke war vergangene Nacht sehr un- 
ruhig und schlaflos, warf sich beständig im Bette umher, ohne jedoch 
zu deliriren. Sie erbrach dreimal grünlich gefärbte, flüssige, grieslich 
flockige Massen, der Quantität nach im Ganzen zwei Spuckschalen 
voll ; gegenwärtig ist sie ruhiger. Stuhlgang ist seit ihrem Eintritt 
noch keiner vorhanden. Das Aussehen der Kranken ebenso eigen- 
thümlich echauffirt wie gestern, der Puls zählt 90 Schläge, im Uebri- 
gen Stat. idem. (R. Emuls. amygdal. Unc. VI. Extr. Op. aquos. 
Gr. 1. Syr. sachar. Unc. L M. D. S. stündl. 1 Essl.). Abends: 
Exacerbation unbedeutend; im Verlaufe des Tages mehrmaliges Er- 
brechen, kein Stuhlgang, keine neue Erscheinungen. 

Am 28., '29. und 30. im Allgemeinen derselbe Zustand. Die 
Kranke erbricht innerhalb 24 Stunden 5 — 6 Mal, Stuhlgang ist keiner 
eingetreten, sie erhält dalier ein Klystier, worauf sie eine massige 
Quantität weichen, braungefärbten Kothes entleert. Der Puls wech- 
selt zwischen 90 — 100 Schlägen, Temperatur zwischen 30 — 31" R. 
(Ortlination am 30. Brausepulver; Abends 1 Dover'sches Pulver, 
Getränk aus Decoct. Salep. mit Syr. citr.) 

Am 30. Abends zeigte sich eine mehr fieberhafte Erregung; die 
Kranke hat viel Dui-st, der Kopf ist heiss, Temperatur bis 31' .^^ 
gestiegen; der Gesichtsausdruck verräth grosse Unruhe und Beklem- 
mung; sie wird desshalb Jiuf das klinische Zimmer verlegt. In der 
«larauflFolgenden Nacht steigert sich die Unruhe, mehrmalige Diarrhöen 
stellen sich ein, die Kranke erbricht unter fortwährendem Ekelgefühl 
sehr häufig, jedoch immer nur geringe grünlich gefärbte Massen. 
Die Stühle sind gallig gefärbt, grieslich; die Kranke delirirt mehr- 
mals, während ihr schlafloser Zustand von geringen Pausen leichten 
Halbschlafes unterbrochen wird. Unter den erbrochenen Massen be- 
findet sich auch ein Spulwurm. 


18(> VolK.skraiiKlii.'itrn uii<l Simii'Iuml 

Am 1. I)oc*einl)or Mortons ist iViv Kinnk<' l»ei vollkonninMiiin 
Bewusstsein , <lie Zuiii;o f'oiK'lit, Iriclit wristilicli ])ol<'^t, <Irr Ffitci-K'il) 
sc'liwjicli Jiiil'iU^otricbi'ii, nic'lit sclimei'zlinl't : die Temperatur weniger cr- 
liüht. Das Aiisselieii der Kranken imd die i'il)riu"eii Symptome \vie 
am vorii:;eii Ta^c. (Saiitonini Gr. II. Saecli. all>. iiv. X. M. f. Piilv. 
(1. t. d. Nr. (1. S. 'istundl. 1 Pulver zu nelunen, J)iät, säuerli<-!i»'< 
Getränk, Milchklystiere.) Al)ends i^eliude Kxaeerhatlou. 

'2. l)eeeml)er. Die Kranke hiaelite die Naelit scldaflos zu, olmi« 
zu deliriren. In i]vn letzten '24 Stunden Smnli-c Durelilälle, unl.«'] 
2 Spulwürmer entleert wunlen und noeli öfteres Krl)reelien: Pul> IMI; 
Strdile luid erhroeliene Massen sind wie früher heseliatVeii. Knpt- 
st'lunerzen, Uehelkeit, bitterer Geselunaek im Munde besteht f»>rt: 
das Fieber ist sehr i^erini»; im Uebi'iuen Status idem. (Rrause])ulver. 
dünne Mandelmilch uiul selilein)iue Nahrunu". Sinapisnnis siuf den 
Unterleib.) Abends: Zu den frühei'en Symptomen i^esellte sieh ein 
häufii^ wie<lerkehrender Sinu'ultus; die Puj)il!e der linken Seite er- 
seheint im Verhältniss zur rechten erweitei't: der Unterleil) et\N:i- 
mehr aufi^etrieben und beim Druck em])linillieh. (Ii. Tr. Oj). emc. 
Dr. 1 Aq. Cimiam. Une. ' ._,. M. D. S. stdi. IT) Tn)[»fen z. n.) 

»^. December Morgens. Der Siuiiultus «lauert fort, ebenso Diar- 
rhöen, Erbrechen ' und Kopfschmerz; Puls 100, Temperatur et\\;is 
über 31, Unterleib auf^xc^t rieben, beim tiefen Druck sehmerzh.Mtt, 
K(dlern und (Quatschen; Harn enthält etwas Ki^^eiss, al>er keine 
FaserstoUcylinder; auf den Lunten verbi-eitetc» Khonchi ohne Veräii- 
derun<^ des Percussionstous; Bewusstsein der Kranken unnestört. Der 
Zustand ist am Abend nicht verändert: die Xacht verläuft schlatln>: 
der Siu'ndtus dauert an und lässt erst ^'e^icn ^lori^en am 

4. Decend)er n:u'h. Patientin ist mehr eollabirt, eine autlallemU' 
Mattii^keit und Abueschlaixeuheit, sowie eine Art StuiJor entwiekeh 
sich. Das Bewusstsein ist jedoeh nicht bi'sonders gestört. Der Dur-l 
ist grrjss, die Zunge nicht mehr l)eh'^t, ti'oekrn und r<»th, die Spitzen 
und Känder der Zunue sind feucht. Die linke Pupille ist heute 
do|)pelt so ixross als die rechte: die Haut trocdcen: Temperatur 
31,5"; Puls 100; Milz nicht veriii-össert. (Theriakpfla^ter auf den 
Unterleib, ^Milchdiät. II. Kxtr. Belhid. (ir. 1. A<|. Lauroceras. 
Unc. 1. ]M. D. S. stündl. 10 Troj)leii z. n.) Al)ends Stat. ideci. 
Slnii:ultus ist wieder vorhanden: Durehlalle und Krl)rechen v\\\'<\^ 
seltener; Unterleib kurrt beim Drucdv und ist von Fb*is>iL;keiten und 
Gasen ausgedehnt: Harn nicht hoch gestellt, e»uhält Spuren von Ki- 
weiss, Quantität uu'issig. 

5. December. Keine wesentliche \'er;inderunu' eiuiLietrelen. Her 
Collapsus der Kranken wird deutlicher: die vernaniiene Nacht \\i\i' 
unruhig, nur hie inul da etwas Schlaf: der Harn hat ein w<dkiges 
Sediment, welches in einzelnen Flocken <lie ganze (Quantität durch- 
setzt, ohne vollständiu zu Boden zu fallen, die Flocken bestehen 
mikroskopisch untersucht aus zerfallenden Körnchenzelleu, vielen 
FettköriU'hen mit unzähligen Vibri(m(Mi: beim Kochen trübt sich der 
Harn iud)edeutend, auf Zusatz von Salpetersäure entsteht eine kanni 
wahrnehmbare Trübung: mit Essigsäure inul Ferrocvankalium bildet 


Die Cholera. 187 

äiich ein leichter Niederschlag; die Flocken lösen sich beim Kochen 
nicht auf, ebenso nicht auf Zusatz von Essig-, Salpeter- oder Salz- 
säure, dagegen verschwinden sie, wenn man den Harn mit Aether 
zusammenschnttelt und erwärmt. Nach einiger Zeit hat sich die auf 
der Oberfläche stehende Schicht in eine gelatinöse Masse verwandelt, 
die Elemente von Fett und jene zellenartigen Gebilde enthält, welche 
Panum aus Proteinsubstanzen und Aether dargestellt hat; der Harn 
reagirt sauer und zeigt eine grosse Neigung zur Zersetzung; kurze 
Zeit, nachdem er gelassen, wimmelt er von Vibrionen und hat einen 
ammoniakalischen , Schwefelammonium ähnlichen Geruch. (Carbon, 
trichlorat. Gr. 2. Sacch. alb. Scr. 1. M. f. pulv, d. t. dos. Nr. IV. S. 
'istdi. 1 Pulv. zu nehmen.) Abends: Status idem, auf dem Unter- 
leib sind einzelne T ach es bemerkbar; die DurchfUle, das Erbrechen 
waren im Verlauf des Tages seltener; in der Nacht wurde mit dem 
Stuhl wieder ein Spulwurm entleert. 

G. December Morgens. CoUapsus nimmt zu, jedoch nicht be- 
deutend; mehrmaliges Erbrechen geringer Massen; auf dem Unter- 
leib und der Brust kleine rosenrothe Taches. Die übrigen 
Symptome wie früher. Mittags 12 V 4 Uhr tritt plötzlich, ohne dass 
man es vermuthen kojinte, nachdem kurz vorher die Kranke bei 
voller Vernunft war und genug Kräfte besass, um sich frei aufzu- 
richten und ihre Suppe zu geniessen, unter asphyctischen Erscheinun- 
gen der Tod ein. — 

Autopsie am 7. December Morgens 11 Uhr: Gutgenährter 
Körper, ziemlich starke Todtenstarre, besonders an den stark flectirten 
oberen Extremitäten; ausgedehnte livide Flecke am Rücken, insbeson- 
dere stark am Nacken und den Oberschenkeln; ziemlich reichlicher 
Panuiculus adiposus, Muskeln verhältnissmässig dunkel. 

Bauchhöhle. Die Därme massig ausgedehnt, die dünnen haupt- 
sächlich in der rechten Fossa iliaca und im Becken gelagert; das 
stark durch Gas aufgeblähte Colon transversum stark geknickt und 
gewunden, so dass Coecum und Processus vermiform. bis gegen die 
Leber hinaufgezogen sind; der Uterus reclinirt und nach links dis- 
locirt. Der untere Theil der vorderen Bauch wand durch das An- 
liegen gashaltiger Därme ausgetrocknet. Die ziemlich schlaffen Dünn- 
därme mit einer sehr ausgebreiteten rosigen Hyperämie versehen, 
die mesaraischen Geßlsse, insbesondere die Venen, sehr stark mit 
Blut gefüllt, die Gekrösdrüsen angeschwollen, im obern Theile des 
Traktes die ChylusgeßUse sehr deutlich. Die Röthung nimmt von 
oben gegen die Mitte des Dünndaims hin nach und nach zu, ebenso 
die Anschwellung der Gekrösdrüsen, über welchen das Peritonaeum 
mesenteriale eine sehr dichte und feine Gefässinjection zeigt; 
i<tellen weise fühlt man auch am Darm einige angeschwollene Stellen 
durch. Am grössten ist die Anschwellung der Gekrösdrüsen am 
unteni Ende des Ileum und am Coecum. Die Drüsen selbst zeigen 
auf dem Durchschnitt markige Infiltration, welche an den meisten 
Stellen noch von hyperämischen Gefässen durchsetzt ist. 

Der Dünndarm bis etwa zur Mitte mit einer dickbreiigen, 
flockigen, röthlich- gelben Masse erfüllt, welche überwiegend aus 


188 Volk.skraiikIit*i!en mu\ Seuchen. 

Epithel hejjtelit; tiefer nach imten bis zur Coeealkhippe hin zeiijt ^i<•h 
die Oberfläche <les Darms l>e<leckt von einer (Ifinneren, obwohl ininier 
noch lireii^en, wei^sHclien M:i?ij?e, in der man neben reichlicher e[>i- 
thelialer Absonderuni^ geronnenem Eiwei^s alniliclie Flocken unter- 
scheiden kann. Das Coecum enthält nur eine spärliche, zum Tlieil 
weissliche, zum Theil \veiss«j:elbliclie dnruie Laii^e, weldie die Ober- 
fläche ril)erzieht, der übrige Theil des Dickdarms bis zum After hin 
dünnflüssige ^adbliche fäkale Substanz. Bei der mikroskopis(li»Mi 
Untersucliung findet eich in allen diesen Theilen, auch noch im Dirk- 
darm, eine grosse Masse von Cvlinderepithel, zum Theil in isolirten 
Zellen, sehr häufig aber in grossen zusannnenhängenden Fetzen, <lie 
nicht bloss eine flächenartige Ausbreitung, sondern auch die Gestnlt 
der Zottenftberzfige vollständig wiedergeben. • 

Die Schleimhaut hatte im oberen Theile des Jejunum diet^ellie 
rosige Röthung auf cyanotischem Grunde, welche man auf der sero.-en 
Oberfläche gesehen hatte. Ziemlich hoch begann darauf eine An- 
schwellung des Interfollikulargewebes; etwa 5 Fuss über der Cörnl- 
klappe erschienen die ersten Spuren markiger Infiltration, welche sich 
sehr bald über die ganze Ausdehnung der Plaques erstreckte, l n- 
mittelbar über der Klappe lag ein einziires ziemlich gereinigtes Ge- 
schwür, dessen Ränder jedoch noch gleichmässig infiltriil erschienen: 
ausserdem fanden sich im untersten Theile des Ileum einzelne geplatzte 
Follikel. Die solitären Follikel durchaus normal. 

Im Coecum, Colon adscenden« und bis in's Colon transverMini 
die Schleimhaut stark geröthet, stark ödematös; um die einzelnen 
Follikel eine linsenförmige, weissliche, nicht vollständig markig an>- 
sehende Infiltration; tiefer herunter im Dickdarm einzelne inselförniii:»* 
Hyperämien, leichte Schwellung <ler Schleimhaut und der Follikel. 

Der Magen schlaff und ziemlich weit, enthält eine massig reich- 
liche, dünne, röthlich graue Flüssigkeit, in welcher gleichfalls sclir 
zahlreiche epitheliale Elemente enthalten sind. Etwa 2" über dem 
Pyloiiis eine ausgedehnte längliche, querliegende, strahlige Narh»'. 
Die Schleimhaut längs der kleinen Curvatur stark hyperämisch, stol- 
lenweise ecchymotisch ; an der vorderen Wand einige oberflächliiiie 
Erosionen; im ganzen oberen Theile beginnende Erweichung. — Vrr 
obere Theil des Dünndarms mit einer reichlichen, dnnnbreiigen, ircH»- 
lichen Flüssigkeit gefüllt; die Schleimhaut blass mit sehr stark katar- 
rhalischer Absondeiung. Die ej)igastrischen Drüsen sehr vergröj^j^^Mt, 
blass und markig inHItrirt. 

Die Milz 5' ^," Par. lang, 8' 4" in der grössten Breite und 1'. 
in der grössten Dicke; an der Oberfläche mit einem Eindrucke v«ui 
der Leber. Die Milzvene sehr stark angefüllt uml die Lymphdrüsen 
am Hilus hyperämisch und markig angeschwollen. Das Gewelc 
der Milz ziemlich dicht und derb, die Pulpa stark kirschn>ili. 
fest und wenig brüchig, die weissen Körperchen zahlreich, jedoch 
nicht gross. 

Die Leber gross, namentlich der linke Lap[)en durch die ganze 
epigastrische Gegend bis über die Milz herüberreichend, so da.*> <'r 
fast die Oberfläche der linken Niere berührt. Das Gewebe ziemlich 


bie Cholera. 189 

fest, m&ssig blutrelcli, leicht udeniatus. Die Gallenblase fast leer, 
sflilaff und weisslich, enthält eine geringe Quantität einer graurothlichen, 
leit'ht blutigen Flüssigkeit, die mit kleinen bräunlichen Bröckeln un- 
termischt ist; die Schleimhaut ist stark geruthet und zum Theil 
ec'fhyniotisch. 

Das Pankreas sehr lang, derb und stark injicirt. Die Neben- 
Xieren ziemlich icross, Corticalsubstanz graugelb, die medulläre 
bläulich und zum Theil dunkel rotli. 

Die rechte Niere grösser und fester als normal; Kapsel leicht 
trennbar, Oberfläche glatt, geröthet, dunkel bräunlich. Auf dem 
Durchschnitte massige Injection der Malpighischen Körper und leichte 
Trflbung an den stärker gewundenen Harn kanälchen im Umfange 
der corticalen Keile. Der untere Theil der Pyramiden ganz weiss- 
lieh, die Schleimhaut des Nierenbeckens leicht injicirt, mit einzelnen 
Exti-avasatflecken und massiger katarrhalischer Absonderung. Die 
linke Niere eher noch etwas voluminöser, 4^4" lang, die einzelnen 
Pynimiden von den Papillen bis zur Rinde 1 \" im Durchmesser. 
Die Beschaflenheit im Allgemeinen dieselbe, nur noch etwas stärkere 
>iohwellung und grössere Blässe der Corticalsubstanz bei durchgängig 
starker Injection der Malpighischen Körper, am untem Umfange 
eine keilförmige, von der Oberfläche bis fast zur Pyramide durch- 
greifende weissliche Einlagerung. Bei der mikroskopischen Unter- 
suchung zeigte sich an den weisslichen Stellen der Corticalsubstanz 
Vergrösserung , TrObung und beginnende fettige Degeneration der 
Kpithelien; in den Markkegeln sehr reichliche epitheliale AnfQllung. 
— In der Harnblase eine ganz geringe Quantität von weisslichem 
flockigem Harn; die Schleimhaut mit derselben rosigen, venösen 
Kuthung wie die Darmschleimhaut. Die DrOschen am Blasenhalse 
leicht v«rgrös8ert, mit einem etwas gallertartigen Inhalt. 

Die Scheide bloss im untern Theile stark granulös; die Portio 
vaginalis spitz conisch und aus dem Cervicalkanal glasiger Schleim 
ausdruckbar. Der Uterus selbst fast cylindrisch, die Substanz des 
Halses leicht sehnig verdickt. Die Schleimhaut oberflächlich injicirt, 
auf dem Durchschnitt des Körpers starke venöse Hyperämie. Die 
Eierstöcke narbig, zum Theil cystoid, in dem rechten ein ziemlich 
grosses frisches Corpus luteum. 

Brusthöhle: Die Lungen collabiren nicht; die linke nach un- 
ten leicht adhärent, mit unbedeutendem Oedem, starker Hyperämie, 
leichtem Bronchialkatarrh; die rechte et^vas stärker oedematös, na- 
mentlich die Bronchien mit reichlichem Schaum geffdlt, im untem 
Lappen etwas stärker hyperämisch. Die Schleimhaut des Larynx 
und der Trachea anämisch; ebenso die des Oesophagus, welche fiber- 
diess im untern Theil mit einem leichten Soorbelag versehen ist. 
Die Schilddruse mit einzelnen kleinen CoIIoidknoten. Im Herzbeutel 
eine geringe Menge gelblicher Flüssigkeit; im linken Herzen nur 
flüssiges Blut; im rechten Vorhof ein ganz weiches, brüchiges, grau- 
weisses Gerinnsel mit sehr vielen farblosen Blutkörperchen; im Ven- 
trikel eine ganz geringe Quantität Cruor, in den Hohladern gar nichts. 


190 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Die Herzsubstaiiz, insbesondere im Verhältnisse zu den äusseren Mus- 
keln sehr blass; die innere Wand der Aorta mit zahlreichen fettigt-n 
Stellen. 

Die Kopfhöhle wurde erst nachträglich eröffnet. Hier fnn«! 
sich nichts, als eine ziemlich ausgedehnte venöse Hyperämie, nament- 
lich der Häute, mit etwas Oedem. 

Epikrise: Nach dem Ergebniss der Autopsie konnte es begreif- 
licher Weise nicht mehr zweifelhaft sein, was schon in den letzter» 
Lebenstagen wahrscheinlich geworden war, dass es sich um einen 
Fall von Abdominal-Typhus (Typhoidfieber) handelte. Die Kranke 
war 14 Tage nach dem Eintritt der ersten, von ihr zugestandent-n 
Ki^ankheitserscheinungen gestorben, nachdem noch am Abende voriu-r 
ein unbedeutendes Roseola-Exanthem auf der Brust ausgebrochen war, 
und es fanden sich die bekannten markigen Infiltrationen der Dnnn- 
follikel und Gekrösdrösen , sowie ein massiger, aber frischer Milz- 
tumor. Ulceration war nur an einer einzigen Stelle zu Stande ge- 
kommen. 

Nach einem so unzweifelhaften Resultate erscheint der Krank- 
heitsverlauf, auch im Zusammenhalt mit der Autopsie doppelt sonder- 
bar. Ich selbst hatte Gelegenheit, die Kranke zu sehen, zuer^t 
3 Tage vor dem Tode und verfolgte ihi-en Krankheitsverlauf von da 
an täglich. Die beruhigenden, narkotischen und Wurmmittel, welclie 
bis dahin gegen die ftberwiegend hervortretenden Unterleibserschei- 
nungen, namentlich gegen das hartnäckige, zuletzt von Singultus be- 
gleitete Erbrechen angewendet worden waren, hatten keinen Erfolge 
gehabt. Der erste Eindruck, den mir nach einer kurzen Schildenini!: 
des Herganges der Anblick der Kranken machte, rief mir lebhaft das 
Bild der Choleratyphoide in die Erinnerung, welche ich in den Ber- 
liner Epidemien von 1848 und 1849 so oft beobachtet hatte: die 
matte und stumpfe Haltung, das hochrothe, warme Gesicht, die glän- 
zenden Hornhäute bei starker Injection der Bindehaut, die Eingenom- 
menheit des Kopfes bei Fortdauer des Bewusstseins, die (namentlich 
gegen Mittag) auffallend geringe Pulsfrequenz bei massiger Tempe- 
ratursteigerung, die Hartnäckigkeit des Erbrechens bei dem Mangel 
erheblicher Schmerzhaftigkeit oder Auftreibung des Leibes, der ver- 
hältnissmässig nicht starke Verfall der Kräfte, der spärliche, blasse 
und trQbe Harn, im Ganzen also eine ungewöhnlich ausgebreitete 
Reihe von Störungen bei dem Fehlen einer für das Krankheits- 
bild entscheidenden Localaffection. Dazu kam die eigenthOmlicbe 
Anamnese: eine Krankheit, die kurze Zeit nach dem Aufhören der 
Menstruation, ohne bekannte Veranlassung bei einer jungen, kräftigen, 
bis dahin ganz gesunden Person mit einem heftigen Fieberfrost, Kopf- 
schmerz, Leibweh, von vorne herein profusen Durchfällen und Er- 
brechen begonnen hatte, bei der dann alsbald ein scheinbar grosser 
Nachlass der febrilen Erscheinungen erfolgte und neben allerdinü^ 
' blenden, aber immerhin nicht sehr bedeutenden Kopfsymptomen 
izbarkeit des Magens als das souveräne Phänomen hervortrat. 
cacerbation, welche gegen das Ende der ersten Woche der 
leit erschien, fiel gleichfalls wieder mit einer Steigerung des 


Die Cholera. l9l 

Erbrechens und der Durchfelle zusammen, ohne sonst irgend eine 
andere Andeutung über die Natur der primären Störung zu bringen. 

Unter diesen Verhältnissen und im Hinblick auf die neueren, 
das Choleratvphoid betreffenden Ansichten schien es mir insbesondere 
von Wichtigkeit, die Beschaffenheit des Harns und die Frage der 
Uraemie genau zu constatiren. Allein eine wiederholte, von mir selbst 
vorgenommene Untersuchung der exspirirten Luft auf Ammoniak- 
gehalt ergab kein Resultat, und in dem sauren Harn konnten weder 
Faserstoffcylinder, noch irgendwie nennenswerthe Quantitäten von 
Kiweiss nachgewiesen werden. Auffallend war allerdings das Ver- 
halten des Harns, der, wenn auch sauer gelassen, eine grosse Neigung 
zur Zersetzung zeigte und dann neben seinem an sich schon etwas 
opaken Aussehen starke Nubeculae bildete. Die Anwesenheit von 
zahlreichen Fettkörnchen, zum Theil einzeln, zum Theil gruppenweise 
von einem weichen, zerfallenden Material zusammengehalten, erklärte 
<las opake Ansehen nicht ganz und es schien namentlich die Eigen- 
sc.haft, mit Aether eine Gallerte zu bilden, aus welcher sich feine, 
zellenartige Häute ausschieden, auf die Anwesenheit eines in der Zer- 
setzung begriffenen Albuminats hinzudeuten, das jedoch weder durch 
Hitze, noch durch Salpetersäure, noch durch Essigsäure und Kalium- 
eisencyanür vollständig coagulirt werden konnte. Es erschien daher 
trotz des vollständigen Mangels hydropischer Erscheinungen allerdings 
sehr wahrscheinlich, dass eine ernstliche Erkrankung der Nieren vor- 
handen sei, welche fflr den eigenthflmlichen Verlauf des Falles eine 
wesentliche Bedeutung habe. 

Der plötzliche Eintritt des Todes konnte eine solche Auffassung 
wohl unterstutzen. Ich hatte die Kranke noch zwei Stunden vorher 
gesehen, und, obwohl sie schwächer und etwas mehr eingenommen war, 
«loch eine so wesentliche Veränderung nicht gefunden, dass die Nähe 
des Todes gemuthmaasst werden konnte. Insbesondere war nichts 
vorausgegangen, was speciell eine drohende Asphyxie irgendwie an- 
gezeigt hätte, und die Autopsie lehrte, dass in der That nur ein ganz 
acutes Lungenödem dieselbe herbeigeffihrt hatte. 

Auch an der Leiche fand sich eine Reihe von Erscheinungen, 
wie man sie bei der Cholera zu finden gewohnt ist. Abgesehen von 
der starken Todtenstarre der flectii-ten Glieder und dem cyanotischen 
Aussehen mancher peripherischen Theile, zeigte sich namentlich jene 
auffällige rosige Hyperämie des DQnndarms, welche ich schon bei 
verschiedenen Gelegenheiten besprochen habe, und jene ausgedehnte, 
des<[uamative Ablösung des Darmepithels, wie man sie gerade als 
Haupteonstituens der berühmten ReiswasserstQhle kennt. Was zu- 
nächst die rosige Hyperämie des Dünndarms betrifft, welche wesent- 
lich von einer Hyperämie der Mesenterialvenen abhängt, so hielt ich 
dieselbe früher für ganz specifisch der Cholera zugehörig (Med. Ke- 
form 1848, S. 28, 82), und Pirogoff erklärt dieselbe für so wichtig, 
dass man darnach allein die Todesart diagnosticiren könne, selbst 
wenn der Choleraprocess sidi in der letzten Zeit des Lebens mit einer 
andern Affection verbunden habe (Anat. path. du Chol^ra-Morbus, 
1849, PI. I. Vergl. meine Kritik darüber in Schmidt's Jahrb. 


11)'2 Volkskranklieiten und Scniclien. 

Bd. 73, lieft 3 S. H74). Jedenfalls ist diese Erscheininiü: ein Tlieil- 
i^lied der iillii;eniei!ieii venösen Staunni;, Cyanose, welche hei der 
immer mehr sich vermindernden Energie der Ilerzcontructionen und 
dem innner sch\vieri»:;er werdenden Durchströmen des Bhites durch 
die Lungen in der Cholera sich so auffallend hervorhildet, allein da 
sie sich gewöhnlich nicht auf den Dickdarm erstreckt, so schien es 
mir nicht unwahrscheinlich, dass man neben der Stauung noch eine 
soiienaimte active Coni^estion durch relaxirte Arterien annehmen 
müsse (Archiv f. path. Anat. J^d. V. S. '291. 81*2). In dem vor- 
lieuenden Falle, wo der Tod asphvktisch erfolgte, muss irewiss ehen- 
falls an einen Kückstau des venösen Blutes gedacht werden, allein 
autdi hier scheint diese Erkläruni^ nicht zu uern'Wen. Am Dickdanii 
fand sich nel)en der Hyperämie ein Oedem der Schleimhaut, was 
doch nicht in dem Moment des Todes zu Stande irekommen sein 
möchte, und die oberflächliche, sehr dichte Injection des Bauclifelles 
über den uesch wollenen Gekrösdrüsen zeigte li-leichfalls ein inten- 
siveres Leiden an. Andererseits erstreckte sich die Stauungsröthe 
auch über Theile, die dem Darm nicht zugehören, z. J^. über Harn- 
blase und Uterus. 

Der Zustand des Darms erwies sich, abgesehen von der markigen 
Infdtration der Beyer*schen Drüsen als ein hö<dist ausgedehnter, de- 
sfjuamativer Katarrh, der, wie in der Cholera, eine continuirliche Ab- 
lösung des E])ithels mit sich brachte. Fetzen, an denen die Zotten- 
überzüge wie IlandschuhHnger ansassen, fanden sich nicht bloss in 
der Nähe zottentra!>ender Stellen, sondern auch tief im Dickdarm, 
wohin sie oft'enl)ar noch während <les Lebens ij:elaniT:t sein niussten. 
Dieser Katarrh erstreckte sich nicht bloss über Dünn- und Dick- 
darm, sondern wie bei der Cholera über den Magen, die Gallen- 
blase und die Harnwege, An den meisten dieser Stellen war er so 
intensiv, dass kleine Ilämorrhagieen in die Schleindiäute und seihst 
Beimischunü:en von Blut zur Absonderunix eingetreten waren. Zeichen 
eines längeren und langsameren Verlaufes fanden sich dagegen in 
der Speiseröhre, wo Soorhäute mit Pilzen angeheftet w'aren, ein Be- 
fuinl, dessen ich bei Typhus schon in einer früheren Sitzvmg (Ver- 
handlungen Bd. HI. S. >U)4) gedacht habe. Jedenfalls hatten wir 
also seröse, zelliiie und blutit^e Absonderuni^en auf der 01)erflä.che der 
Schleimhäute, gerade die Formen, welche die Cholera am meisten 
charakterisiren. 

Dazu kommt noch die offenbar unterdrückte Thätii^keit der 
grösseren Drüsen. Von der Haut und den Nieren wusste man schon 
bei Lebzeiten, dass sie wenig leisteten. Von der Leber war diess 
weniger festixestellt, da die entleerten Massen meist mehr oder weniirer 
irefärbt zu Taire kamen; allein nach dem To<le fand sich nicht bloss 
die Gallenblase i^anz ohne frischen ixallij^en Inhalt, sondern somir mit 
katarrhalischem Secret, und der Darminhalt enthielt stellenweise 
(ar keine, stellenweise sehr geringe gallige, Beimengungen. — 
Die Nieren zeigten auch im Innern jene Reihe von parenchymatösen 
Veränderungen, wie ich sie als häufigen Vorgang bei dem Cholern- 
typhoid gefunden hatte (Med. Keform S. 8D), und es dürfte nament- 




Die Cholera. 193 

lieh von Gewicht sein, dass es gerade die secretorischen Stellen 
waren, welche die meisten Veränderungen darboten: die Malpighi'schen 
Korper waren stark injicirt, die ihnen zunächst liegenden Theile der 
Ilarnkanälchen in voller Degeneration begrilBfen. 

Nach den verschiedensten Richtungen hin, sowohl klinisch als 
anatomisch, zeigten sich daher grosse Aehnlichkeiten des Krankheits- 
verlaufes zwischen diesem Falle von Abdominal typhus und dem 
Choleratyphoid. Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich beson- 
ders hervorheben, dass mir eine nähere Beziehung beider Zustände 
sowohl, als der Gedanke an einen Zusammenhang des vorliegenden 
Falles mit epidemischer Cholera ganz fern liegt. WOrzburg hat die 
letztere noch nie in seinen Mauern gesehen, und die Jahreszeit war 
hinreichend weit vorgerückt, um die gewöhnlichen sporadischen Cho- 
leraformen auszuschliessen. Allein ich halte es für nützlich, solche 
Fälle zu sammeln, weil daraus allmählich bestimmtere Anhaltspunkte 
für die Deutung der Symptome gewonnen werden können, und die 
Möglichkeit einer genaueren Diagnose dadurch angebahnt wird. 

Der vorliegende Fall unterscheidet sich anatomisch von dem 
Choleratyphoid hauptsächlich durch die Anwesenheit der eigenthum- 
lichen markigen Anschwellungen, der Follikel und Lymphdrusen des 
Unterleibes, während er sich ihm durch die rosige, venöse Hyperämie 
der verschiedensten Baucheingeweide, durch den ausgedehnten serös- 
zellig-hämorrhagischen Katarrh der Gastrointestinalschleimhaut, der 
Harn- und Gallenwege, sowie durch die Leber- und Nierenstörungen 
anschloss. Es fragt sich nun: wie erklärt sich aus dem Sections- 
l>efund die klinische Verschiedenheit des Falles von dem gewöhnlichen 
Verlauf des Typhus und die Analogie mit dem Choleratyphoid? 

Gegenüber dem gewöhnlichen Typhus haben wir eine verhält- 
nissmässig geringe Höhe der nervösen und febrilen Erscheinungen 
vorgefunden. In dieser Beziehung dfirfte es vielleicht gerechtfertigt 
sein, zunächst an die auffällige Blässe des Herzens und die bei einer 
jungen Person ungewöhnliche Fettdegeneration der Aortenhaut zn 
erinneiTi, zwei Erscheinungen, die wohl in einem näheren Zusammen- 
hange stehen und auf erheblichere Nutritionsstörungen dieser Theile 
zu beziehen sind. Hieraus könnte zum Theil schon die geringere 
Pulsfrequenz erklärlich werden, da wir jedesmal, wo sich die Ent- 
färbungen des Muskelfleisches und daraus hervorgehend Atrophie und 
namentlich fettige Degeneration desselben zeigen, eine Abnahme der 
Muskelkraft und insbesondere beim Herzmuskel fast jedesmal eine 
grössere Langsamkeit des Rhythmus folgen sehen. Auf der andern 
Seite möchte ich der gleich vom ersten Beginn an mit so grosser 
Heftigkeit aufgetretenen Emetokatharse eine derivatorische , antago- 
nistische Wirkung auf die Störung der Nervencentren zuschreiben. 
Die abortiven, ju^ulirenden Methoden der Typhusbehandlung, deren 
zeitweiliges Gelingen doch wohl nicht bezweifelt werden kann, wenn 
auch ihre Gefahr offen liegt, stützen sich ja mehr oder weniger auf 
Mittel, welche am Digestionstract energische Einwirkungen hervor- 
bringen, und da sie gei*ade am wirksamsten zu sein pflegen, wenn sie 
gsinz frühzeitig angewendet werden können, so dürfte der gegenwär- 

B. Virchow, Oeffeiitl. Medicin. 13 


194 Volkskrankhciten und Seuchen. 

tige Fall, wo spontan diese fröhzeitige Erscheinung eintrat, allerdintr? 
in eine ähnliche Kategorie fallen. 

Die nächste Ursache für die Emetokatharse liegt jedenfalls in 
dem acuten, serösen Katarrh der Gastrointestinalschleimhaut. Ein 
solcher Katarrh findet sich sowohl im Gefolge der einfachen, als der 
complicirten Typhusformen sehr gewöhnlich, und ich habe schon wie- 
derholt hervorgehoben, dass er es ist, und nicht die Infiltration oder 
Ulceration der Follikel, dem die typhösen Entleerungen zugeschrieben 
werden müssen (Archiv f. path. Anat. L 249. IL 239). Allein ge- 
wöhnlich treten seine Symptome erst in späteren Tagen und mit viel 
geringerer Heftigkeit auf, und sie pflegen sich nicht mit solcher Ge- 
walt auf die oberen, sondern mehr auf die mittleren und unteren 
Theile des Intestinaltractes zu concentriren. Es entsteht demnach 
die weitere Frage, was diese aulBfällige Differenz bedingt haben mag? 
Hier muss ich an eine Bemerkung erinnern, welche ich schon 
bei der Cholera gemacht habe. Ich fand nehmlich ganz unverh&lt- 
nissraässig häufig das chronische, corrosive Magengeschwür oder seine 
Narben, sowie den chronischen Magenkatarrh in Choleraleichen, so 
dass durch eine solche vorausgegangene Erkrankung eine besondere 
Praedisposition, der Magen als locus minoris resistentiae gegeben zu 
sein schien (Med. Reform S. 82. Schmidt's Jahrb. Bd. 73 S. 305). 
Auch in unserem Falle fand ich eine sehr ausgedehnte strahlige Narbe 
im Magen, und obwohl die Person angab, immer gesund gew^esen zu 
sein, so folgt doch aus dem Befund mit Sicherheit, dass sie schon 
frfiher am Magen gelitten haben musste. Ja, es schien dadurch zu- 
gleich ein längerer Bestand einer Veränderung im Gefässsystem, wie 
wir sie schon am Herzen und der Aorta constatirt haben, angezeiirt 
zu sein, da das einfache chronische Geschwür, wie ich nachgewiesen 
habe (Archiv f. path, Anat. Bd. V. S. 363), meist aus Geftiserkran- 
kungen hervorgeht und insbesondere von der Verändeining einzelner 
arterieller Stromgebiete abhängig ist. Jedenfalls mochte in unserem 
Falle eine erhöhte Reizbarkeit und Empfindlichkeit des Magens 
durch die frühere Erkrankung bestehen und so das Erscheinen des 
Katarrhs, da er als Coßflfect der typhuserregenden Ursache betrachtet 
werden muss, gerade in dieser Gegend begründet sein. 

Eine andere EigenthOmUchkeit des Falles möchte sich hier an- 
schliessen. Ich fand nehmlich die markige Degeneration der Lymph- 
drüsen auffallend hoch hinauf. Nicht bloss dass die Gekrösdrusen 
fast durchgehends ergriffen waren, so zeigte sich dasselbe auch an 
den Lymphdrüsen, welche am Hilus der Milz liegen, sowie an den 
epigastrischen, sonach an Stellen, welche nicht in directer Verbin dunir 
mit markig entarteten Darmfollikeln standen. Es scheint daher, das? 
auch von Stellen des Digestionstractes aus, welche nur einfach katar- 
rhalisch ergriffen sind, die markige Degeneration in den benachbarten 
Lymphdrüsen erregt werden könne, dass also ein näherer Zusammen- 
hang zwischen der Flächen- und Drüsenaffection besteht, als man 
sonst anzunehmen geneigt s^in möchte. Seitdem ich nachgewiesen 
habe, dass die markige Degeneration nicht aus einem specifischen 
Exsudat, sondern aus einer wuchernden Zellenentwicklung der prä- 


Die Cholera. 195 

exißtirenden Theile hervorgeht (Wfirzb. Verh. Bd. I. S. 86) , hat eine 
solche Auffassung etwas weniger Auffälliges. Die dichte, wie man sagen 
wörde, entzündliche Hyperämie des Bauchfells über den geschwollenen 
Gekrosdrüsen zeigt ja auch, dass der l^eiz ein ungewöhnlich heftiger 
war und nicht sowohl mit der Intensität des Krankheits Verlaufes 
überhaupt, als vielmehr mit der Intensität des Darmkatarrhs im Ver- 
hältniss stand. 

Alle diese Erscheinungen hatten aber prognostisch keine so üble 
Bedeutung, dass man die Plötzlichkeit des Todes dai*aus erklären 
mochte. Sollte man hier auf die Nierenaffection zurückgehen? sollte 
man auch die Hartnäckigkeit des Erbrechens damit in Verbindung 
bringen? In der That fanden sich die Nieren stärker in der Verän- 
derung vorgeschritten, als man nach den relativ geringen Verän- 
derungen am Harn hätte erwarten sollen. Eiweiss war nie in irgend 
erheblicher Quantität entleert, Cylinder nie gefunden, und nur fettiger 
Detritus, der im Harn erschien, sowie die geringe Menge des letzteren 
wiesen auf eine schon bis zur fettigen Metamorphose gediehene Dege- 
neration des Nierenepithels hin. Diese konnte nicht mehr ganz frisch 
sein, obwohl gerade die Geschichte der Cholera lehrt, wie schnell 
sich solche Veränderungen ausbilden können. War also auch hier 
von Anfang an ein Katarrh der Hamkanälchen und grosseren Harn- 
wege neben dem Darmkatarrh? 

Manche andere Frage Hesse sich hier noch aufwerfen, die ich 
nicht zu beantworten wüsste. Möge daher das Mitgetheilte genügen, 
um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf Fälle dieser Art zu 
lenken, deren Studium gewiss praktisch von dem grössten Inter- 
esse ist. — 


6. Offenes Schreiben an Hrn. Geb. Ratb Scbönlein. 

(Deutsche Klinik vom 37. Janaar 1855. No. 4.) 

Wiirzburg, am 18. Januar 1855. 

Sie werden es mir verzeihen, Hr. Geh. Rath, wenn ich, dem 
Beispiele berühmterer Männer folgend, in dieser Zeit der Oeflfentlich- 
keit den Weg der Presse wähle, um Ihnen über einige Gegenstände 
Mittheilung zu machen, von denen ich hoffe, dass sie Ihr Interesse in 
doppelter Weise in Anspruch nehmen werden. Uebrigens ziehe ich 
gerade diesen Weg für diese Gegenstände vor, weil sie bisher fast 
nur in offenen Briefen verhandelt worden sind, und weil ein Brief, 
der an Sie adressirt ist, schon durch den Namen, an den er sich 
wendet, eine grosse Empfehlung geniesst. 

Wie glaubensvoll gerade in WOrzburg, dem Geburtsorte Ihres 
Ruhmes, die populäre Tradition ist, welche auf Sie zuröckgefuhrt 
wird, hätten Sie am besteit erfahren können, als während des ver- 
flossenen Sommers von München aus der Cholera-Schrecken durch 
das Land ging. Immer hiess es dann, Würzburg sei sicher vor der 

13* 


Die Cholera. 197 

chener Epidemie ähnliche Versuche anzustellen, und es fand sich, dsiss 
auch der Darniinhalt der Cholerakranken, sowie verschiedene Theile 
der Choleraleichen eine ähnliche Zersetzung, wie das Blut, hervorriefen. 
Es gelang femer Hrn. Thiersch bei einer Colonie weisser Mäuse, 
denen er getrocknete Darmentleerungen von Cholerakranken zu fres- 
sen gab, Störungen zu erzeugen, welche denen der Cholera sehr ähn- 
lich waren, und da er ausserdem beobachtete, dass auf den Cholera- 
Dejectionen sich leicht Pilze bilden, so schloss er, dass auch sonst 
Pilze die Träger des aus den Stuhlen stammenden Cholerastoffes sein 
mOssen. Diese Ansicht wurde noch wahrscheinlicher durch die Auf- 
stellungen des Hm. Pettenkofer, welcher der BeschaflFenheit der 
Abtritte und Cloaken einen entschiedenen Einfluss auf die Verbrei- 
tung der Seuche zuschrieb, und so konnte die Theorie entstehen, dass 
die an den Wänden 'der Abzugsröhren und Cloaken sich bildenden 
Pilze gleichfalls Träger des Ansteckungsstoflfes seien. Nachdem auf 
diese Weise Hr. Thiersch den Keim, Hr. Pettenkofer die ört- 
liche Disposition gezeigt hatte, wurde auch die individuelle Resistenz, 
deren Darstellung Hr. v. Pfeufer für sich in Anspruch nahm, als drit- 
tes Moment in das gehörige Licht gesetzt *2). 

Die Sicherheit, mit der diese so schön vertheilten Verdienste 
an das Licht traten, musste einen gewissen Erfolg verbürgen, und 
auch bei mir .würde dieser Erfolg gewiss ein vollständiger gewesen 
sein, wenn nicht die Erinnerung zu frisch gewesen wäre, dass an 
demselben Tage, wo hier das officielle Erlöschen der Munchener 
Epidemie durch ein feierliches Hochamt begangen wurde, auch schon 
die Nachricht von dem plötzlichen Tode der Königin-Mutter ange- 
langt wäre. Meine Zweifel wurden auch dadurch nicht geringer, djiss, 
wie Hr. Thiersch berichtet, das Blut von anderen Kranken, sogar 
das von einem Hingerichteten, sowie die Darmausleerungen von Ty- 
phösen, ebenfalls das Amygdalin zerlegen, und seine Erklärung, dass, 
alle diese Beobachtungen während der Herrschaft der Cholera-Epide- 
mie, also bei vielleicht Inficirten, gemacht seien, musste wenigstens 
als gewagt betrachtet werden. 

Jedenfalls bleibt aber diese Amygdalin -Angelegenheit der Kern 
der Mfmchener Entdeckungen. Die Frage nach der örtlichen und 
individuellen Gelegenheitsursache, zu der Hr. v. Pfeufer wohl, ohne 
den rationellen Standpunkt zu verlassen, auch noch die fast höher an- 
zuschlagende nach den zeitlichen Ursachen der Epidemie hätte hin- 
zufügen dürfen, wird vorläufig ganz in den Hintergrund gedrängt, 
wenn sich wirklich eine so ontologische Ureache der Cholera nach- 
weisen lässt, wenn insbesondere dieselbe Substanz, welche 
das Amygdalin zerlegt, auch die Krankheit erregt. Denn 
dann musste diese Substanz eine ganz speci fische sein, noch mehr 
specifisch, als das Emulsin. 

Es war nun, ganz abgesehen von dem Blute der nicht choleri- 
schen Leute und den Typhusstühlen, ein etwas bedenklicher Umstand, 
dass die Zerlegung des Amygdalins durch die Stoffe der Cholerischen 
nicht sofort eintrat, sondern erst, nachdem die Stoffe mit dem Ar«"«'- 
dalin stundenlang in Contact gewesen waren. Konnte damit b 


ll)S Vnlkskr;iiil\lit'il«'ii uinl .SiMirlicn. 

werden, <lass der V()r;uisi:;esetzte einulslTi-älinliclie Stof!' im Korper 
prilexlstlre? dass er wirklich, an Pilztlieilclieii iiebunden, in der Luft 
lieruinr^ehweljeV dai^e gerade er es sei, der die weissen Mäuse krank 
LCeniaeht lialje? 

In Würzburi^, wo überhaupt nur einzehie, meist eingesehleppte 
Fälle von Cholera und zwar schon vor läuiferer Zeit vorgekommen 
waren, wo nach Hrn. Pettenkofer an sieh ein für Cholera sehr un- 
irünstiües Terrain ist, musste sich die Amvi^dalin-An^eleic^^nheit am 
besten entscheiden lassen, und eine ziendich ausgedehnte Typhus- 
Epi<lemie, die zuerst in grosser Ausdehnung in dem benachbarten 
Dorfe Gerbrunn, dann in der Stadt und weiterhin sich ausbreitete, 
gab sehr bald Material. Mein Assistent, Ilr. Grobe, machte eine 
Keihe von Versuchen mit Blut, Darmiidialt und Milzextract verschie- 
dener Tv])hösen, und es zeigte sich durchwein, dass Amvi^chilin <lurch 
diese Flüssigkeiten sehr energisch zerspalten wurde. Ich wählte «hinn 
das Blut einer an Struma carcinomatosa gestorbenen Person, nahm 
das Blut einer in Folge chi'onischer Bronchitis hydroj)isch zu Grunde 
gegangenen Frau, endlich das nach (> wöchentlichem Bestände aus dem 
Cephalaematom eines zarten Kindes bei Lebzeiten entleerte Blut, und 
jedesmal fand die Sj)altung, und zwar in verhältnissmässig kurzen 
Zeiträumen (4, (> --l() Stunden), je nach der äussern Temperatur sehr 
wechselnd, statt. In den letzten beiden Fällen brachte ich das stark 
nach bitteren Mandeln riechende Blut iniler eiiie Glasglocke, unter 
welcher sich ausserdem ein Schälchen mit Schwefehnnmonium be- 
fand; nach kaum '24 Stunden gab Fisenchlorid in der im SchähJien 
belindlichen Flüssigkeit eine blutrothe Färl)ung, welche durch Zusatz 
von Salzsäure und Kochen mit Chlornatrium nicht verschwand. Ks 
war also sicher Blausäure entwickelt. 

Ich fürchte, dass diese Erfahrungen nicht gestatten, die Amyg- 
dalin-Zerspaltung noidi länger als etwas der Cholera oder dem Typhus 
Figenthinnliclies zu betrachten. AFan darf freilich nicht \\i^A\ Sehluss 
ziehen, dass jede sich zersetzende thierisclie Sul)stanz diese Zerspal- 
tunir herv(n'zul)rin!'en im Stande ist, denn eitriger BroncliialschK'ini 
und Macerationswasser von Nieren Neugel)orner erzeugten «lie Zerspal- 
tung nicht. Allein ein Körj)er, der so vielfach vorkonnnt, kann ge- 
wiss nicht der specnfische Mittelpunkt einer Krankheit sein. Und 
am Ende fragt es sich noch, ob überhauj>t ein bestinunter, dem Emul- 
sin vergleichbarer Körper hier existirt, ob nicht vielmehr eine che- 
mische I^ewegung stattfindet, welche frdiig ist, die moleculäre Anord- 
nung des Amygdalins zu erschüttern, wie sie andere zersetzungsfähii^e 
Substanzen spaltet. Letzteres wird sogar in ln)hem Maasse wahr- 
scheiidich, nachdem Kletzinsky (Wiener Med. Wochenschr. 1804, 
No. 41)) gefunden hat, dass die Albmninate der Cluderakranken Ilarn- 
st(WV, Zucker, Gerbsäure, äpfelsauren Kalk in gleicher Weise zer- 
leiten. 

Andererseits würde ich aus diesen Erfahrungen nicht den Schluss 
ziehen, dass iliese Riclitung der Untersuchungen ganz und gar werth- 
los sei. Seit der Zeit, wo man noch darüber stritt, ob die Imbibi- 
tionsröthe der Gefässe ein Zeichen ihrer Entzündung sei oder nicht, 


Die Cholera. 199 

weis« man ja, dass gewisse Ejrankheiten , welche schon die Alten als 
faulige bezeichneten, vor anderen in den Theilen, namentlich in den 
Säften des Körpers eine gewisse Neigung zur Zersetzung hervorbrin- 
gen, welche sich nach dem Tode durch schnelle Fäulniss äussert, 
welche aber auch bei Lebzeiten schon vielfach hervorträte; die inter- 
essanten Thatsachen über das Vorkommen von Leucin und Ty rosin 
bei der acuten gelben Lebererweichung, dem Typhus und den Blat- 
tern, welche Hr. Frerichs kürzlich geschildert hat, scheinen gerade 
ein neues Glied in der Reihe dieser Erfahrungen zu bilden. 

Leider kann ich auch hier die weitgreifenden Schlüsse, welche 
Hr. Frerichs in seinem offenen Schreiben an Hm. Oppolzer auf 
das Vorkommen dieser Zersetzungsstoflfe in der Leber gebaut hat, 
nicht ganz unterstützen. Erst neulich habe ich Gelegenheit gehabt, 
eine gelberweichte Leber zu untersuchen, welche die massenhaftesten 
Leucinabscheidungen machte, allein es zeigte sich das von den Beob- 
achtungen des Hm. Frerichs ganz abweichende Resultat, dass das 
Blut der Pfortader eben so reichliche Abscheidungen der Art machte, 
als das Blut der Lebervenen, während diess im Blute des rechten 
Herzens nicht, wohl aber (in geringerem Maasse) in der Niere ge- 
schah. Bei Typhösen ergab sich sehr bald, dass grössere, spontane 
Abscheidungen an der Leber nicht eintreten, wohl aber, und zwar in 
der umfänglichsten Weise, am Pancreas. 

Die mikroskopischen Kugeln, welche Hr. Frerichs aus der 
Leber beschrieb und, ich weiss nicht, ob mit vollem Rechte, als Leu- 
cin deutete *^), habe ich schon in der Sitzung unserer physiologisch- 
niedicinischen Gesellschaft am 21. Mai 1853 (Verhandlungen Bd. IV. 
S. 350) sowohl aus der Leber, als aus dem Chymus, den Darm- 
zotten und den Darmvenen beschrieben und darauf aufmerksam 
i^emacht, dass Vieles, was in der letzten Zeit als Chromatämie ge- 
schildert ist, sich auf diese Körper bezieht. Hr. Brücke hat, ohne 
meine Mittheilungen zu kennen, in dem April-Hefte der Sitzungs- 
berichte der Wiener Akademie vom vorigen Jahre über denselben 
Gegenstand gehandelt und ist schliesslich zu demselben Resultate ge- 
kommen, das ich aufgestellt hatte, dass nehmlich diese Körper als 
eadaveröse Abscheidungen zu betrachten seien. Auch jetzt finde ich 
z. B. bei Typhösen diese Kugeln im Chymus des obern Dünndarms 
und in den Darmvenen wieder. Was nun die nadeiförmigen, meist 
in Garben geordneten Krystalle der Leber und des Pancreas be- 
trifft, so muss ich dieselben gleichfalls für eadaveröse Bildungen 
halten, da ich in keinem Falle in den frischen Organen solche Kry- 
sUdle vorfand, sondern sie erst nach einiger Zeit darauf entstehen sali. 
Damit ist freilich durchaus nicht abgeleugnet, dass Leucin und Tyrosin 
in gelöster Form präexistiren, und ich möchte diess um so weniger 
zurückweisen, als Hr. Seh er er neuerlich gefunden hat, dass der von 
ihm als Lienin bezeichnete Körper der Milz mit Leucin identisch ist. 
In meinen Mittheilungen über den Markstoff (Arcliiv f. pathol. Anat. 
Bd. VI. S. 565) habe ich schon auf die Krystallähnlichkeit des Lienins 
mit dem Leucin hingedeutet, und da ich damals besonders hervor- 
gehoben habe, dass mir noch nie eine normale oder patholocriAAbp 


200 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Milz vorgekommen sei, in welcher ich das Lienin vennisst hätte, so 
erscheint die Angabe des Hm. Frerich?, clast^ er nur einmal in der 
Milz Leucin habe auffinden können, etwas bedenklich. Vorläufig dfirfie 
es vielmehr sehr natürlich sein, zu schliessen, dass im Typhus uinl 
den mit Milzschwellung verbundenen acuten Krankheiten das Leucin 
aus demjenigen Organe, in dem es normal so reichlich existirt, in (Vw 
Blutmasse übergehe. Ob damit der weitere Schluss des Hrn. Frc- 
richs vertnlglich sei, dass durch seine Untersuchung ein Beweis ffir 
die bis jetzt nur h}'pothetische Blutzersetzung im Typhus und den 
Blattern geliefert sei, weiss ich nicht. Mindestens könnte es sieh da- 
bei um nichts Specifisches handeln. Denn die Leucin-Abscheichinireii 
im Pancrejis finden sich nicht bloss bei diesen Krankheiten, sondern 
auch sonst sehr reichlich. So habe ich sie namentlich bei einer Ma^<l 
gesehen, die an perforirendem Magengeschwür gestorben, sowie bei 
der oben erwähnten Frau, welche hydropisch nach Bronchitis zu 
Grunde gegangen war. 

Ich könnte noch manche Bemerkung hier anknüpfen, z. B. über 
die in den Harn übergehenden Stoffe, indess versi)are ich mir diesejj 
auf eine andere Gelegenheit. Es schien mir nur nöthig zu sein, in 
Fragen von so grosser Bedeutung, wie die der Cholera, des Typhu^!, 
der Blattern sind, vor einer zu schnellen Einkehr in den sichern 
Hafen neuer Ontologien zu warnen. Noch immer hege ich die Hoff- 
nung, welche Sie, Herr Geh. Rath, seit so vielen Jahren Ihren Scbu- 
lern eingepflanzt haben, dass es gelingen werde, für diese Krank- 
heiten einmal einen specifischen Mittelpunkt der Wirkungen zu fiiHlen; 
noch jetzt scheint es mir gerechtfertigt, wie ich früher that, Analo- 
gien aufzusuchen zwischen der cholerischen und der putnden Infec- 
tion (Med. Reform 1848, S. lOG, 139, 150), sowie zwischen dem 
Typhus und der Vergiftung durch thierische Stoffe, die in chemischer 
Umsetzung begriffen sind (Archiv f. pathol. Anat. Bd. II. S. '2C)^). 
Allein immer bedarf es noch einen guten Schritt vorwärts, um diese 
Analogien zu bewiesenen Thatsachen zu machen. 


7. Ätiologie du Cholera '}. 

((JH/otte licl)doina(laire dr Mrderino et de Chirurgie. IHri«. T. HI. p. 2lM, 

Je n'ai exprime qu'une seule fois, de mon proi)re mouvenuMii, 
mon opinion sur les recherches de quehiues mcdecins de Munioh. 
Cet article, dirig(5 moins contre M. Pettenkofer que contre d'autics 
qui avaient exagere outre mesure le resultat des investigations fiiit«»? 
ä Munich, avait pour but de röfuter Topinion repandue par ceux-cl 
dans des cercles officiels, que les dcbats scieiitiHques sur la genc?e 
du cholera ötaient clos. Cette crlticjue n'avait jusqu'alors paru i\w 
dans les colonnes d'un Journal de mcdecine. M. Pfeufer, en pnr- 
tant la question devant le forum des lecteui-s de Y Allgemeine Zeitvwj, 


Die Cholera. 201 

in'obligea ainsi k le suivre sur ce terrain. Qu'il m'ait laissö le cler- 
iiier mot, parce qu'il trouvait inutilc de continuer la controverse, c'est 
ce qu'il ne ni'ai)i)artient pas de juger. Je n'ai point provoque non 
plus rarticie de M. Picard. En tous cas, je n'aurais point portc 
cette poleinicjue en pays dtranger, et, si j'ajoute ici quelques mots, ce 
n'est que pour eloigner de moi, devant le public fran^ais, le reproche 
(ravoir emis un jugement pr^cipitö. Mais je declare d'abord avoir, 
k plusieurs reprises, reconnu le m(5rite des recherches exactes et con- 
^ciencieuses de M. Pettenkofer. Je n'ai k lui reprocher que deux 
choses: premierement , de revendiquer le droit de prioritd pour des 
(lonnees ötablies ddjä par des faits tout aussi concluants, et ensuite de 
pri'tendre avoir par \k amen6 une conclusion qui, selon moi, n'est 
point encore permise. 

Je ferai remarquer, en ce qui conceme la ([uestion de l'impor- 
tance des Communications personnelles (contagion), que des observa- 
teurs ant(^rieur8 ont fourni des preuves tout aussi convaincantes que 
relles de M. Pettenkofer. Parmi les auteurs allemands qui, dans ces 
dernieres annees, se sont occupös de ce sujet, je citerai: Wachs- 
uiuth. Die (liolera in (iieboldshauHen^ Goettingue, 1851; Pagen - 
Stecher, Die aHiatifiche (liolera in Elberfeld^ 1851; Mecklenburg, 
\Vai< cermaff die tSfUfifnfftpolhei (legen die (lioleraf Berlin, 1854. 

La marclie de Tepideniie a ^t^ reconnue, la formation de foyers 
d'infection constatee, par presque tous les observateurs. M. Schßtz 
a beaucoup eclairci la question. (Voyez Archiven (Tanatomie pafho- 
l'nfitfue, t. II, p. 379, et surtout son travail: Tahlemi comparafif ef 
stnfixfiifue de c(tH de cholera ohserceH ä Berlin pendant len ep idemies de 
t'^'il^ tM2y 1M7 ef tH4Hy efabli (tapren len lotfemenis des malades ef 
/#f li^fes de Vefat cicd, Berlin, 1849.) Quant k la question de l'in- 
Hiience du sol, je citerai: Steifensand, Du cholera asiafique dan^ ses 
mpportH acec la cachexie paludeenne^ Crefeld, 1848. 

Le merite incontestable de M. Pettenkofer est d'avoir visite et 
cxplorö avec soin un plus grand nombre de foyers d'infection, d'avoir 
mieux etudi<5 l'importance etiologique du sol, et enfin d'avoir rassem- 
blc une plus grande quantit(5 de matdriaux que ses prtidecesseurs. 
Le point fälble de son argumenta tion consiste en ce qu'il a voulu 
trouver une connexion entre la nature du terrain, les Communications 
personnelles et les foyers d'infection. A cet endroit, M. Petten- 
kofer est, k ce (ju'il me semble, encore sous l'impression des conclu- 
sions tirees des recherches de M. Thiersch, conclusions dont on a 
depuis quelque temps reconnu la faussete k Munich möme. J'ajoute 
que ce fut moi ([ui atta([uai un des premiers les experiences de ce sa- 
vant. Aussi longtemps qu'elles passerent pour concluantes, le resultat 
des decouvertes faites k Munich, comme le fait observer M. Pfeuffer 
a plusieurs reprises, amenait la fin des debats. Les dejections des 
rholeficjues devaient, k une certaine periode de leur dccomposition, 
furnier le contagium, celui-ci traverser le sol et de \k se repamlre au 
dehors. Cela etant, le sol seraif non^seuJement la soitrce de la jtredis- 
jtofdfion^ nuiis encore de tinjecfion eile menie, Mais des que les preuves 


202 Volkskrankheiton und Seuchen. 

manquent pour constater que les dejections ne donnent naissance, 
qu'en se decomposant, au miasine cholcrique, les con^eqiiences tlroes 
de ce fait ne peuvent naturellement 6tre concluantes. C'est pourquoi 
M. Pettenkofer e'exprime peu clairement; car, en parlant dune 
simple prcjdisposition, qui döpendrait de la nature du sol, il a evidem- 
ment en vue l'infection möme. 

M. Pettenkofer a d^clard que Wurzbourg, par les conditions 
telluriques oü se trouve cette ville, jouit d'une complete immunite ä 
lYgard du chol^ra. Par consequent, aucun habitant de Wurzbouri: 
ne devrait 6tre prcdisposö k la maladie. Cej)endant plusieurs fait j)inu- 
vant le contraire sont arrives ä notre connaissance. Nous pourrions 
citer nombre d'habitants de Wurzbourg qui, s'etant rendus ä Muiiicli, 
lors de Tepidemie, furent bientot victiiues du fleau. De plus, il a 
ete constatd que plusieurs personnes, dcjä attaquees par la mala'lie 
et habitant, si ce n'est Wurzbourg, du moius les environs, sont re- 
venues chez elles et y sont niortes. Quelques-uns de ceux qui le- 
entouraient tomberent aussl malades, tandis que d'autres, qui pourtnat 
se trouvaient dans les memes conditions, furent epargnes. L'e])ideuile, 
toutefois, ne se propagea pas plus loin. Ainsi, on pouvait bien ] »al- 
ler, dans ce cas, d'une i)redi8po8ition, mais il serait difficile de Tai- 
tribuer k la nature seule du terrain. 

C'est, k mon avis, envisager la question d'une fa(;on trop exclu- 
sive que d'attribuer k un seul princijje la cause predisposante , et de 
ne tenir aucun compte de Tatmosphcre, de rhygifcne et de Tetat cor- 
porel des individus, ainsi que des autres conditions dans les([uelle^ >e 
trouve leur demeure. Avons-nous bien le droit du rek'guer complt'- 
tement le genim epidomlm parmi les chinieres des siecles passes? 

Si M. Pettenkofer eüt ete medecin praticien, il n'aurait vu la 
chose ni si simple d'un cöt(5, ni si compli([UCe de Tautre. II aurait 
reconnu qu'outre les immondices amassees dans le sol, il peut encon* 
exister bien d'autres soiirces de döveloppement jiour la mala<lie, et. 
d'un autre cöt(5, il se serait convaincu ([ue, dans bien des cas, l'in- 
fection a lieu Sans que le sol y soit pour rien, oonnne, par exemple, 
lorsqu'elle est transmise ])ar des piöces de vetements, ou du linge. 

Si les fovers d'infection etaient en effet dans une connexion dl- 
recte et constante avec le sol, ne devrait-on pas avoir egard aux 
mc^mes consid^rations dans les ficvres puerp(?rales, la variole, la scar- 
latine, en un mot dans toutes les maladies reconnues contiigieuj^e^':' 
Aucun fait n'a juscju^ä present prouve indubitablement que le miav-nie 
cholörique prit njiissance dans les lieux d'aisanoes ou dans le s<>l. 
Si, au contraire, la nature des terrains n'aniene (pi'une simple prv- 
disposition, il est pour le moins tout aussi probable <iu'il existe une 
foule d\autres sources d'insalubritc et d'infection, telles que Tenconi- 
brement, une mauvaise Ventilation, des cours remplies d'immon- 
dices, etc. 

Les resultats pratiques que M. Pettenkofer s'efforce d'obtenir 
diflfirent, par consequent, fort i)eu de ceux aux(|uels d'autres (»nt 
tach<5 d'arriver, sans etre aussi exclusifs dans leur recherclies snr la 
cause predisposante. II s'agit simplement de prendre des mesure? 


Die Cholera. 203 

(rhv^ene gen^rales, lesquelles ont ciejä souvent, dans de pr^cedentes 
rpidemies, obtenu le plus grand succes, comme par exemple k New- 
ca«tle, k Copenfaague. (Consultez & ce sujet: Panum, Om Cholera 
Kpidemien i Bamlhobn, 1850, Copenhagen.) 
Wurzbourg, 4 mara 1856. 


8. Choleraäbniicher Befund bei Arsenikvergiftung. 

(ArclÜT f. patboL Anatomie u. Physiologie u. f. klin. Uediciii 1869. Bd. XLVII. 8. 524.) 

Die Analogie mancher Fälle von Arsenikvergiftung in Beziehung 
aul Symptomatologie mit Cholera ist wiederholt besprochen und auf 
die Möglichkeit von Irrthümem und verbrecherischer Benutzung die- 
per Aehnlichkeit hingewiesen worden. Ein neuerlich von mir beob- 
achteter Fall hat zu meiner Ueberraschung auch eine ungewöhnliche 
Uebereinstimmung des anatomischen Befundes am Darm gezeigt, wes- 
halb ich ihn hier mittheile. 

Am 4. Juli d. J. Abends 6 Uhr wurde ein etwa 40jähriger 
Mann auf meine Krankenabtheilung in der Charit^ eingeliefert, der 
t<einer Aussage nach Mittags im Gefängnisse einen Esslöffel voll von 
trockenem gestossenem Arsenik zu sich genommen hatte. Obwohl 
er schon von dem dortigen Arzte Eisenoxy^hydrat erhalten und 
spontan stark erbrochen hatte, so war die Wirkung des Giftes doch 
eine sehr starke. Lebhafte Schmerzen im ganzen Leibe, der übrigens 
wenig gespannt war, starker Durst, beständiges Erbrechen und Durch- 
fall, kleiner, kaum fühlbarer Puls, sehr schwache Herztöne, starke 
Cvanose des Gesichts, der Lippen und der Conjunctiva bei ruhiger 
Respiration, namentlich an den Extremitäten sehr kalte Haut, Sehnen- 
hupfen und Wadenkrämpfe. Sowohl im Erbrochenen, als im Stuhl 
reichliche Mengen des Eisenmittels und im Stuhl weisse Bröckel, die 
sich als Arsenik erwiesen. Herr Stabsarzt Dr. Fuhrmann Hess 
noch Eisenoxydhydrat und Magnesia reichen, innerlich und äusserlich 
Eis gebrauchen, jedoch erfolgte schon um 8 Uhr Abends der Tod. 
Ich sah erst die Leiche. 

Die Autopsie konnte, da die gerichtliche Untersuchimg eingeleitet 
war, erst am 8. Juli Mittags gemacht werden, nachdem das Gericht 
wegen der Evidenz des Falles auf die weitere Verfolgung verzichtet 
hatte. Ich übergehe den Befund an den übrigen Theilen und erwähne 
nur, dass trotz ausgesprochener Fäulnisserscheinungen an der äussern 
Haut und den Brustorganen doch noch Todtenstarre der Extremitäten 
vorhanden war. Aetzungserscheinungen in Mund, Schlund und 
Speiseröhre nicht wahrzunehmen. Der sehr ausgedehnte Magen er- 
reicht den Nabel, ist 10 Zoll hoch, am Fundus 4\ 2 Zoll im Quer- 
<Iurchmes8er, aussen überall von verwaschener, schmutzig hellrother 
Färbung, innerhalb deren nur die stark gefüllten Venen an der 
trrossen Curvatur zu erkennen waren. Der obere Theil des Dünn- 
danns massig weit, trüb milchig aussehend, der untere zusammen* 


Die Cholera. 205 

vollkommen mit den von Kl ob und Anderen beschriebenen Cholera- 
pilzen Aereinetinimen. 

Die Schleimhaut durchweg blass, nur in der Cloake des Rectum 
verwaschen i>;eröthet. Die grösseren venösen Gefässe, namentlich am 
Jejunum, gefüllt. Im Dickdann die Drösen unkenntlich, dagegen 
von der Valvula ileocoecalis an aufwäi*ts starke markige Schwellung 
der 8olit&ren und Peyer'schen Follikel, jedoch ohne Betheiligung der 
Interfollicularsubstanz. Die Schwellung der Solitärdrüsen hört früher 
auf, die der Peyer'schen dagegen geht bi« oben fort. Dabei ist die 
Schleimhaut überall verdickt und schon sehr tief im Ileum erscheint 
eine Vermehrung der Valvulae conniventes, die nach oben stetig zu- 
nimmt. Das Gewebe der Schleimhaut ist durchweg etwas weiq^lich 
lietrubt, mikroskopisch mit feinkörnigem Fett gefüllt; nur im obersten 
Theile des Jejunum hie und da grünlich und stellenweise schwärzlich 
(durch Gallenimbibition). 

Es bedarf keiner weiteren Ausführung, um zu zeigen, wie sehr 
iler Befund am Darm demjenigen bei der Cholera gleicht. Nicht 
bloss <lie ausgedehnte Follicularaffection und die weissliche Schwel- 
hing der Schleimhaut bei venöser Füllung, sondern vor Allem die 
irallenlose, nicht fäculente, mehlsuppen- und reiswasserähnliche Be- 
selmfifenheit des Inhaltes sind zu betonen. Am meisten schien mir 
jedoch der Nachweis jener feinsten Organismen von Interesse, welche 
in einem Falle der reinsten Ai-senikvergiftung in ungeheurer Masse 
V(»rkamen. Mag man immerhin einwenden, dass die Autopsie erst 
etwa 90 Stunden nach dem Tode erfolgte und schon Fäulniss ein- 
getreten war; auch so wird es gewiss höchst überraschend sein, die 
«C'holerapilze** in solcher Entwickelung zu finden. 

Für die Lehre der Arsenik-Gastritis scheint es mir von Wich- 
tigkeit, hervorzuheben, dass auch bei der Einfuhr so grosser Mengen 
von Arsenik keine eigentliche Aetzung, Geschwürsbildung, Brand 
(Hier Perforation des Magens eingetreten ist. Allerdings sind früh 
Antidote, insbesondere Eisenoxydhydrat gereicht worden und sie mö- 
;ren etwas genutzt haben, aber bei der grossen Masse von Arsenik, 
der sich noch im Magen und zwar in unmittelbarer Berührung mit 
der Schleimhaut fand, hätte wohl eine stärkere Wirkung erwartet 
werden können, wenn überhaupt die corrosiven Erscheinungen so 
leicht auftreten, wie man öfter angegeben hat. Die Hauptsache war 
auch hier jene glanduläre Form der Magenentzündung, Gastroadenitis 
parenchymatosa, welche ich bei der Phosphorvergiftung kennen gelehrt 
habe. Dass daneben an der Oberfläche und stellenweise auch in der 
Tiefe eine rundzellige Infiltration des Interstitialgewebes vorhanden 
war, ist an sich nicht von entscheidender Bedeutung, wenngleich 
nicht ohne Interesse. 

Schon in meiner ersten Mittheilung über die Gastroadenitis phos- 
phorica (dieses Archiv Bd. XXXI. S. 399) hatte ich bemerkt , dass 
die Veränderung der Magendrüsen keine specifische sei. In der That 
Hndet sie sich bei Arsenik, wie bei Phosphor. Aber ausser der 
eigentlichen Gastroadenitis toxica gibt es auch in nicht wenigen 
In fection^-^k rankheiten demrtige Affectionen, und ich will hier beson- 


206 Volkskrankbeiten und Seocben. 

ders betonen, dass ansser dem Abdominaltyphus, dem Puerperalfiel)er, 
den malignen Wundfiebem u. s. w. gerade auch die Cholera sehr 
pchwere Formen der parenchymatösen Gastroadenitis mli 
pich bringt. In der Epidemie von 1866 habe ich vielfach Gelegt^n- 
heit gehabt, mich davon zu überzeugen. Damit verfällt denn aiuh 
dieser Befund dem gemeinsamen Erscheinungs-Complexe *^). 


9. Gitachtliche AMSsenmg der Ktaigl. WisseRschaftlicIiei Depatittoi für 
ias Meiicinalweseii, betraf eiii iie Aufstellveg eiees PragrasM fir die 
Ueberwacheeg des Schiffsverkehrs ie Bezug auf die Verbreitaag der Chsiera. 

(Erster Referent: Virchow.) 

(Vierteljahrsschrift f. gerichtl. Medicin u. off. Sanititaweseii. 1873. Kene Folge. Bd. XVIU. S. 74. 

Der KOnigl. Bayrische Gesandte hierselbst hat unter Ueber?en- 
dung einer Schrift des Ober-Medicinalraths Prof. Dr. von Petten- 
kofer zu München ^Ueber Cholera auf Schiffen und den Zweck (l»*r 
Quarantänen" dem Kaiserlichen Reichskanzler-Amt unter dem 10. Juni 
d. J. den in dieser Schrift ausgesprochenen Gedanken, 

eine Commission von einigen Sachverständigen zu berufen, 

um ein Programm zu entwerfen, welches der Ueberwachimi. 

des Schiffsverkehrs in Bezug auf die Verbreitung der Chü- 

lern zu Grunde gelegt werden könnte, 
zur Erwägung empfohlen. In Folge dessen hat das Reichskanzl fr- 
Amt eine Aeusserung Seiner Excellenz des Herrn Ministers der geist- 
lichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten erbeten. Der Herr 
Minister hat sodann unter dem 3. Juli die unterzeichnete Königliche 
Wissenschaftliche Deputation ftir das Medicinalwesen zu einer ^ui- 
achtlichen Aeusserung aufgefordert. Wir erstatten dieselbe, nachdem 
uns auf unsem Wunsch inzwischen unter dem 22. Juli auch die amt- 
lichen Berichte über die auf dem Stettiner AuswanderungsschifiV 
„Franklin" ausgebrochene Cholera-Epidemie vorgelegt worden sind. 
unter Zurückgabe der betreffenden Akten, ganz gehorsamst, wie folirt: 
Hr. von Pettenkofer geht davon aus, dass „die Praxis unse- 
rer Cordone und Quarantänen und Desinfectionen einstweilen nur 
ganz nutzlose Hemmungen des menschlichen Verkehrs und eine j^o 
grosse Verschwendung von Zeit und Geld erzielt habe, dass daniit 
jedesmal eine Anzahl Universitäten und Akademien hätte dotirt wer- 
den können" (S. 26). Er sucht den Grund dieses Misserfolges in 
dem Umstände, dass „die isolirenden Personen, aus welchen die Cor- 
done und Quarantänen bestehen, Geschöpfe ganz derselben Art siini, 
wie diejenigen, welche dem Verkehr dienen und isolirt werden sollen - 
(S. 32). Noch nie habe eine Seestadt durch Quarantäne-Anstalten 
geschützt werden können, sobald die Einschleppung der Cholera über- 
haupt möglich war. Als Beweis für diese Behauptung werden die 
Epidemien von Gibraltar und Malta im Jahre 1865 erwähnt Die 


Die Cholera. 207 

l^rwiche so geringer praktischer Ergebnisse Hege darin, dass man die 
}5pecifische Ursache der Cholera noch nicht genügend erkannt und 
<Inss man namentlich dieselbe in den von den Cholerakranken aus- 
gehenden Ausscheidungen gesucht habe. Hr. von Pettenkofer 
leugnet diese Annahme durchaus. Nach ihm wird der Infectionsstoff 
nur am Lande und zwar im lOrdboden erzeugt *®), und es muss daher 
dem Ausbruche der Cholera auf einem Schiffe stets ein unmittelbarer 
oder mittelbarer Verkehr mit dem Lande, auf dem die Cholera herrscht, 
vorangehen (S. 36). Von dem Lande wird der Infectionsstoff auf 
<Ias Schiff gebracht, theils indem die Menschen denselben schon in 
sich aufgenommen haben, theils indem dei'selbe an gewissen Gegen- 
}5tänden haftet. Im erstem Falle erkranken nur diejenigen, welche 
schon am Lande inficirt waren, und die Epidemie erlischt von selbst 
auf dem Schiffe, wenn dessen Fahrt so lange dauert, dass alle In- 
Hcirten Zeit haben, die Krankheit in sich zu entwickeln und durch- 
zumachen. Die Incubationszeit dauert gewöhnlich nur 14, höchstens 
•Jl Tage (S. 38). Allein es gibt Fälle, in welchen noch weit später 
nach der Abfahrt neue Erkrankungen auftreten. Die Fregatte „Apollo**, 
ein Segelschiff, hatte im Jahre 1849 ein englisches Regiment von Ir- 
land nach Hongkong zu bringen. Die Einschiffung gesah am 12. Mai, 
die Abfahrt am 17. Schon am 18. erfolgte ein Todesfall an Cho- 
lera; 17 weitere folgten und zwar der letzte erst am 12. August, als 
d:us Schiff die Estrella-Bay erreicht hatte (S. 12 und 13). Die Epi- 
demie dauerte also 76 Tage = 2^2 Monate und es ist nicht daran 
zu denken, sie in ihrer Gesammtheit auf Infectionen, die schon vor 
der Einschiffung stattgehabt hatten, zu beziehen. Was konnte nun 
hier die Ursache sein? ^Von den Cholerastühlen", sagt Hr. von 
Pettenkofer, „gehen unmittelbar keine weiteren Infectionen aus" 
(S, 42). Weder die Unreinlichkeit (S. 28), noch das Trinkwasser 
(S. 33) dfirfen nach ihm angeschuldigt werden. Das Einzige, was 
von einem thatsächlichen Einflüsse, wenigstens auf die individuelle 
Disposition zu sein scheine, sei schlechte Luft bei schlechtem Wetter, 
wo alle Oeffhungen der Schiffsräume längere Zeit geschlossen gehal- 
ten werden müssen. Aber auch dieses Moment dürfe man nicht über- 
schätzen (S. 29). Es müssten daher andere Gegenstände sein, an 
welchen der Infectionsstoff hafte, und Hr. von Pettenkofer schlägt 
vor, um diese Gegenstände zu ermitteln, die Quarantänen für die 
nächste Zeit dazu zu benutzen, sie zum Erwerb solcher jedenfalls 
nützlichen Kenntnisse einzurichten und zu gebrauchen (S. 41). Allerlei 
Vermuthungen , welche er aussprechen konnte, würden besser nicht 
eher ausgesprochen, als bis man sich entschliesse, ernstlich an die 
Arbeit zu gehen. Indess erwähnt er doch zwei solcher möglichen 
Transportmittel: die Wäsche und das Fleisch. In Bezug auf die 
Wäsche ist er jedoch der Meinung, dass ihr nicht eine ansteckende 
Ausscheidung des Cholerakranken anhafte, sondern dass sie nur ein 
pa.«»sendes Absorptions-, Verpackungs- und Transportmittel darstelle, 
auf welches sich der Infectionsstoff einer Cholera-Localität nieder- 
«ichlage (S. 42). In Beziehung auf das Fleisch werden zwei Fälle 
mitgetheilt, wo Kuhfüsse das Transportmittel dargestellt haben sollen 


208 Volkskraiiklieitcn nml Seuchen. 

(S. 4)5). Schliesslicli wird dann iiorli jiuf anderes, verdorhenes Fleisch, 
auf Iläute und andere älndiclie Artikel hingedeutet und betont, du.-s 
man nach ganz anderen Dingen fragen nu'lsse, aL< nacli welchen in.iu 
seitlier i^efrai^t hal)e. Um diese Fraiien festzusteHen, soll dann die 
oben erwähnte „Connnission von einiiren Saeliverständii^^en** zusam- 
mengerufen werden. 

Indem wir uns über diesen .Vntrai; ü^utaehtlicJi äussern, sind \vlr 
natürlich ausser Stande, dem (iedankengange des Herrn Antragstel- 
lers bis zu seinen Quellen zu folgen. Da er ausdrücklich erklärt, er 
hai)e noch allerlei Vennuthungen, die er erst dann aussprechen w«»!!«', 
wenn er sähe, dass mit dem Frairen Ernst ic^^macht würde, so foLt, 
dass gerade diese Vennuthungen es sind, welche Ilr. von Pt^tten- 
kofer vor einer (/ommission zu entwickeln wüns(!ht. Sie sind sein 
Geheinmiss und wir haben weder das Recht, noch die Fähigkeit, 
dieses Geheiinniss durch unsere Vernmthungen zu brechen. Ge\>Is> 
ist es denkbar, dass das Gholeragift an vielerlei Geuenständen hafte, 
und wir halten es für zulässig, dass mit gleicher Sicherheit, wlt* Kiih- 
füsse, auch noch andere Gegenstände als Vehikel für dasselbe ver- 
dächtiij^t und zum Geiienstande der Fra^estellun^i; laMnacht werch'ii. 
Wir müssen es daher ü;anz anheinii:"eben, ob auf die Anzeiire hin, 
dass llr. von Pettenkofer weitere Vermuthungen über sohdie Ve- 
hik(d des Ch(deraififtes ijesitzt, von Reichswe^en eine Commission von 
Sachvtjrständigen ziisanunengerufen werden soll. Uns würde es ein- 
facher erschienen sein, wx'nn der Herr Antragsteller seine Vennuthun- 
gen, wie es sonst bei wiss(;nscliaftlichen Untersu(!hungen gebräuchliih 
ist, ausgesprochen liätte. Die Fornudirung der Fragen würde keim^ 
Schwierii^keit daricei)oten haben. 

Anders lieut das Verhältniss in Reziehuni; auf die von dem 
Herrn Antragsteller gewünschte ^Vrt der Erhebung der Antworten. 
Fr verlangt geradezu, dass die Quarantänen „zum Erwerb nützlicher 
Kenntnisse eingerichtet und i'ei)rau(dit" werden sollen. Diesen An- 
Spruch i\n Ernst zu erheben, wenn man umnittelbar vorher beliauptet 
hat, es seien für die Quarantänen Millionen nutzlos hinausgeworfen 
und zugleich dem Verkehr die grössten Hennnungeii bereitet w«>rden, 
scheint uns fast umnöglich. Sind die Quarantänen in der That nutz 
los, dann haben Reisende und Kaufleute, Rheder und Seefahrer da< 
Recht, deren defniitive Beseitigung zu fordern, und sowohl die Wissen- 
schaft als die Regierungen müssen zusehen, wie sie ohne Quarantänen 
zur Beantwortuni'' ihrer Fragen konnnen. AVir sind indess der Mei- 
nuiii»', dass der Herr Antrairsteller hierin viel zu weit «reht. iSeln 
Urtheil über die Quarantänen ist berechtigt, so weit es sich um Sper- 
rung für den Verkehr auf dem Lande handelt. Diese sind allgemein 
verurtheilt und auch alli^emein aufn'Ci'eben. Anders ist es mit <ler 

• ' 'TT' * ^ 

Sperre des Schiffsverkehrs. Für diesen lässt si(di selbst auf den Flüs- 
sen eine wirksame Quarantäne einrichten, wie diess durch das Regu- 
lativ vom 8. August IH'lf) §§. 'JcS — :^() angeordnet und noch in <len 
letzten Jahren auf den nach Berlin führenden Kanälen für die Fluss- 
und Kanalschiffer durchii:eführt worden ist. Noch viel mehr ist die^s 
für die Seeschifffahrt ausführbar und daher haben bis jetzt alle see- 


Die Cholera. 209 

fahrenden Nationen und zum Theil mit zunehmender Strenge Quaran- 
tänen aufrecht erhalten. Der Verkehr der zur See ankommenden 
Personen mit dem Lande kann hier auf das geringste Maass be- 
schränkt, die Einfuhr der Handelsartikel, des Passagiergutes u. s. f. 
gänzlich gehindert werden. In der That scheint uns hier ein Wider- 
spruch zwischen den Aufstellungen des Hm. von Pettenkofer und 
seinen Schlussfolgerungen vorzuliegen. Denn wenn er auch die Per- 
sonen nicht mehr als Träger des Choleragiftes anerkennen will, so 
lässt er das letztere doch durch Wäsche, KuhfQsse und andere noch 
verborgene Artikel transportiren, und schon um dieser Gegenstände 
willen würde es nöthig sein, eine Sperre und eine damit verbundene 
Desinfection oder Zerstörung der infecten Stoffe eintreten zu lassen. 
Ja, die Voraussetzungen des Hm. von Pettenkofer schliessen es 
nicht aus, dass ein Mensch in den Kleidern, die er an sich trägt, das 
Choleragift vom Schiffe auf das Land bringt, wenn diese Kleider 
nicht vorher desinficirt worden sind. 

Wir meinen daher, dass die deutschen Regierungen vorläufig allen 
Grund haben, die verhältnissmässig so leicht zu handhabende Sperre 
in den Seehäfen, nicht um wissenschaftlicher Untersuchungen willen, 
sondern zu ganz unmittelbar praktischen Zwecken, beizubehalten. Ge- 
i>chieht diess, so wird die Gelegenheit, allerlei Fragen zu stellen und 
allerlei Vermuthungen zu verfolgen, sich von selbst ergeben. Indess 
niuss man sich auch in diesem JPunkte nicht täuschen. Das Deutsche 
Reich besitzt Seehäfen nur an der Nord- und Ostsee. Einschleppun- 
gen von Cholera durch Nordseehäfen sind so sehr ausserhalb der bis- 
herigen Erfahrung und der Wahrscheinlichkeit, dass man sie fast 
ausser Betracht lassen kann. Es handelt sich recht eigentlich um die 
Ostsee, und auch hier beschränkt sich die Gefahr hauptsächlich auf 
diejenigen Häfen, welche einen regelmässigen Verkehr mit Russland 
haben, also namentlich auf Memel, Danzig, Stettin, Rostock, Kiel und 
Lübeck. In früheren Zeiten war diese Gefahr in der That die grösste; 
mit der Einrichtung der Eisenbahnen hat sich ein anderer, ungleich 
bequemerer und schnellerer, jedoch für Sperrmaassregeln unzulässiger 
Weg ergeben, und die Hafensperre hat daher nur noch eine secun- 
däre Bedeutung. Für die wissenschaftliche Erforschung ist dieselbe 
aber noch mehr untergeordnet, da seit Einführung der Dampfischiff- 
fahrt die Reise von Russland bis zu unseren Häfen eine so kurz 
dauernde ist, dass eine Quarantäne, welche sich auch bei Schiffen, an 
deren Bord kein Cholerafall vorgekommen ist, bis auf 14 oder gar 21 Tage 
nach der Abfahrt von Russland erstrecken sollte, um allen Inficirten 
Zeit zur Manifestirung ihrer Ansteckung zu geben, von aller Welt 
zurückgewiesen werden würde. Die Beobachtungs- Quarantäne ist 
durch das Regulativ vom 8. August 1835 §.31 nur auf 4 Tage an- 
geordnet und später durch eine Allerhöchste Ordre vom 29. August 
1853 und durch eine Ministerial- Verfügung vom 21. November 1853 
in das jedesmalige Ermessen der Minister des Handels und der Me- 
dicinal- Angelegenheiten gestellt, ja durch eine Ministerial -Verfügung 
vom 28. September 1857 nur auf die von der Cholera inficirten Orte 
im Auslande beschränkt worden. Unter diesen Umständen werden 

iL Virchow, Oeffentl. Hcdicin. 14 


210 Volkskrankheiten und Seuchen. 

daher meistentheils nur diejenigen SchiflFe, auf denen sich schon wäh- 
rend der Fahrt Cholerafälle ergeben haben, überhaupt genauer unter- 
sucht werden. 

Die für die wissenschaftliche Erörterung wichtigen Fälle ergeben 
sich eigentlich nur auf längeren Seefahrten, und hier geschieht es er- 
fahrungsgen).'ls8 viel häufiger, dass die Krankheit auf Schiffen aus- 
bricht, die von Deutschland* ausgefahren sind, alsv auf solchen, die von 
auswärts in unsere Häfen einfahren. Geijenwärtiff sind es namentlich 
•die amerikanischen Linien, welche in Betracht kommen. Der im 
Herbst 1871 vorgekommene Ausbruch einer schweren Epidemie auf 
dem „Franklin** kann in der That als Typus dienen. In einem solchen 
Falle aber sind es nicht unsere Hilfen, wo die genauere wissen- 
schaftliche Erörterung vor sich zu gehen hat, sondern die fremden 
überseeischen Häfen, wie denn auch die Untersuchung fiber den 
„Franklin" unter eifriger Betheiligimg des Kaiserlich Deutschen 
General -Consulats von den Hafen -Behörden in New -York geführt 
worden ist. Wollte man mit der Untersuchung warten, bis das ScIiitV 
wieder in den heimischen Hafen zurückgekehrt ist, so wurde ein 
grosser Theil der wichtigsten Zeugen ganz unerreichbar werden. Es 
ergibt sich daraus die Nothwendigkeit, die Consuln des Deutschen 
Reichs und die fremden Hafen-Behörden mit genaueren Instructionen 
über das, was von hier aus verlangt wird, zu versehen. 

Uns würde in dieser Beziehung ein Punkt von höchster Wich- 
tigkeit erscheinen, der für Herrn von Pettenkofer freilich seit lani^er 
Zeit vollständig erledigt ist, nähmlich die Fortpflanzung der 
Krankheit am Bord des Schiffes. In früheren Jahren, als die 
Frage von der Contagiosität der Cholera hauptsächlich discutirt wurde, 
waren verhältnissmässig nur wenige Schiffsepidemieen bekannt, und 
gerade die Thatsache, dass die meisten derselben nach kürzerer oder 
längerer, jedoch nie sehr langer Zeit an Bord des Schiffes freiwilHir 
erloschen sind, hat sehr viel dazu beigetragen, die Lehre zu ent- 
wickeln und zu stützen, dass die Fortpflanzung des Choleragifte? 
wesentlich an den Erdboden und das in demselben enthaltene Gnmd- 
wasser geknüpft sei. Nach und nach, in dem Maasse als (üe Zalil 
der bekannten Schiffsepidemieen zugenommen hat, ist auch die Zahl 
der Fälle gewachsen, in denen länger als 21 Tage nach der Abfahrt 
des Schiffes immer neue Erkrankungen aufgetreten sind. Damit i>t 
natürlich auch die Fraise von der Virulenz der Cholerastühle wieder 
mehr in den Vordergrund getreten. Abgesehen von den von Herrn 
von Pettenkofer selbst erwähnten Beispielen hätte die sehr benier- 
kenswerthe, von Dr. Kupfer*'') beschriebene Epidemie an Bord de.-^ 
nach Brasilien (Rio) fahrenden deutschen Auswandererschiftes ^Fran- 
ziscji" im Jahre 1855 angeführt werden können, wo das Schiff am 
18. October Glückstadt verliess und erst am 9. December der letzte 
Todesfall eintrat. 

Ganz besonders wichtig ist aber auch für diese Betrachtung der 
«Franklin^. Derselbe fuhr am 10. October 1871 aus Stettin, am 
11. aus Swinemünde, nahm am 12. in Kopenhagen, am 14. in 
Christiansand neue Passagiere auf, ging am 15. in See und erreichte 


Die Cholera. 211 

Halifax am 8., New- York am 12. November. Während dieser Fahrt 
erkrankten von den 611 Zwischendeck-Passagieren, die Kinder ein- 
geschlossen, mehr als 200 ^an Diarrhöe und choleraartigen Sympto- 
men**, wie sich der an Bord befindliche Arzt ausdrückt, und es 
starben 40, die meisten an unzweifelhafter Cholera. Auch nach der 
Ankunft in New- York, wo das SchiflF sofort in Quarantäne gelegt, 
die Kranken in ein Hospital, die gesunden Passagiere und ein Theil 
der Mannschaft auf einen besonderen Dampfer gebracht wurden, 
traten neue Erkrankungen ein, im Ganzen 45, und es starben bis 
zum 15. November, bis wohin die uns vorliegenden Berichte reichen, 
wieder 3 Personen, so dass die Gesammtzahl der Todesfälle 43, also 
über 7 pCt. der Zwischendeck-Passagiere, betrug. Der erste Todes- 
fall (bei einem 2V2J*^'rigen Kinde) war am 23. October, also 8 Tage 
nach der Abfahrt von Christiansand und 12 Tage nach der Abfahrt 
von Stettin eingetreten. Die erste erwachsene Person, welche unter 
deutlichen Cholera-Symptomen erkrankte und nach kurzer Krankheit 
am 28. October, also 13 Tage nach der Abfahrt von Christiansand 
starb, war eine Schwedin; der erste erwachsene Deutsche starb 
am 31. October, also 20 Tage nach der Abfahrt von Stettin, 16 Tage 
nach der Abfahrt von Christiansand. 

Mit diesen Fällen, die sich schon an der oben bezeichneten 
Grenze der Incubationszeit befanden, beginnt aber eigentlich erst die 
Epidemie. Denn die uns vorliegende Todtenliste ergiebt folgende 
Zahlen : 

Es starben am 1. November 6 Personen, 


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2. 

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2 

3. 

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3 

4. 

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1 

9. 

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2 

10. 

vt 

1 

13. 

« 

1 


Es kann also darüber kein Zweifel sein, dass Infectionsstoff, 
Clioleragift auf dem Schiffe war. Aber war dieses Gift auf dem 
Schiffe neu entstanden? oder war es mit irgend einem Vehikel ein- 
geführt? Darüber hat die geführte Untersuchung nichts Entscheiden- 
des ergeben, und, was besonders lehrreich ist, sie konnte auch nichts 
Entscheidendes ergeben, weil die Untersuchung nicht geführt wurde, 
um den Grund der Epidemie zu erforschen, sondern nur um den 
Grad der Schuld zu ermitteln, den die Rheder oder Führer des 
Schifies an der Epidemie hatten. Was war das Resultat? Manche 
der Passagiere beklagten sich über faules Fleisch, aber das alte 
Fleisch war von der früheren Reise, also aus cholerafreier Gegend 
mitgebracht, und das in Stettin, Kopenhagen und Christiansand ein- 
genommene frische wird als gut bezeichnet. Andere beschuldigten 
das Trinkwasser; aber das, welches man anschuldigte, war destillirtes 

14* 


212 Volkskrankheitcn ond Seuchen. 

Seewasser, also sicherlich nicht infect. Der Kapitän war der Mei- 
nung, die Passagiere hatten die Krankheit «eingeschmuggelt'*, wahr- 
scheinlich durch mitgebrachte Kleidungsstücke. Er erwähnt speciell, 
dass „die Bagage theil weise unter dem Deck verstaut gewesen, auf 
welchem die dänischen Passagiere untergebracht waren, und dass sie 
von Zeit zu Zeit von den anderen Passagieren herausgesucht wurde." 
«In demselben Raum**, sagt er, «waren 19 Ballen Lumpen verstaut, 
welche, wie ich meine, aus Posen gekommen waren," Der Arzt da- 
gegen erklärte, die Krankheit müsse wohl eingeschleppt sein, jedoch 
schwerlich durch Zeug, sondern durch die am frühesten erkrankten 
Kinder, welche den Keim der Krankheit schon in sich getragen 
hätten, als sie an Bord kamen. Das Wetter war während der gan- 
zen Reise fürchterlich, der Sturm häufig orkanartig; hoher Seeganii 
und viel Regen, so dass alle Luken geschlossen werden mussten, 
sind im Schiffsjournal fast täglich notirt. Die Ventilatoren wurden 
von den Passagieren verstellt, weil es ihnen zu stark zog. Der 
Abtritt für Frauen wurde durch hineingeworfene Körper verstopft 
und dann durch den Matrosen, der die Reinigung besorgen sollte, 
durchstossen, so dass er undicht wurde und endlich geschlossen wer- 
den musste. Die Reinlichkeit im Zwischendeck war nicht aufrecht 
zu erhalten, weil die Passagiere dazu theils nicht helfen wollten, 
theils nicht helfen konnten. 

Es mag genügen, diesen kurzen Abriss über die bei der Unter- 
suchung gestellten Fragen und ihre Ergebnisse mitgetheilt zu haben, 
nur um zu zeigen, dass von umsichtigen Fragestellern alle möglichen 
Gesichtspunkte gewählt und von Beschwerde führenden Passagieren 
alle möglichen Klagen vorgebracht worden, ohne dass ein besonderer 
Fragebogen vorhanden war. Wir wollen trotz dieser Erfahrung 
jedoch nichts dagegen sagen, djvss ein offizieller Fragebogen aufge- 
stellt wird, damit man sicher sei, dass kein möglicher Gesichtspunkt 
vernachlässigt und dass die Untersuchung nicht bloss im Juristischen, 
sondern auch im naturwissenschaftlichen Sinne geführt werde. Vor 
Allem müsste man sicher sein, dass nicht von einem einseitigen wis- 
senschaftlichen Parteistandpunkte aus gewisse Fragen, z. B. die nach 
der Contagiosität der Cholera-Ausleeiningen , von vornherein ausge- 
schlossen und die Aufmerksamkeit absichtlich auf Nebenumstände 
gelenkt Averde. Im Allgemeinen möchten wir aber bemerken, das8, 
gleichwie bei der über die Vorgänge an Bord des «Franklin** ge- 
führten Untersuchung ein unmittelbares Ergebniss über die Ursachen 
der Epidemie nicht gewonnen ist, so in der Regel bei der wissen- 
schaftlichen Sichtung des so gewonnenen Materials sich in immer 
neuer Weise neue Fragen oder Fragestellungen ergeben, welche die 
fortschreitende Erkenntniss nothwendig macht. Was daher vor 
Allem nöthig ist, das ist die wissenschaftliche Verarbeitung und die 
volle Veröffentlichung des Materials. 

Das Bedürfniss danach hat sich mehr und mehr geltend gemacht. 
Nachdem auch in dieser Beziehung das englische Vorbild schon län- 
gere Zeit hindurch als Muster dasteht und die Berichte der englischen 
Armee und Marine die Grundlage einer umfassenden Kenntniss der 


Die Cholera. 213 

Schiifskrankheiten und der klimatischen Krankheiten geworden sind, 
hat eine der grossen Marinen nach der anderen sich zu ähnlichen 
Publicationen entschlossen. Wir erinnern nur an den vorzüglichen 
^Statistischen Sanitäts-Bericht" der österreichischen Marine, von dem 
kürzlich der Jahrgang 1870 ausgegeben worden ist. Es wäre gewiss 
höchst zweckmässig, dass, wenn auch die preussischen Marine-Aerzte 
das Material zu ähnlichen Berichten von ihren Reisen mitbrächten, 
dasselbe in gleicher Vollständigkeit veröflfentlicht würde. Wie leicht 
es nachher ist, solches Material zu ordnen und brauchbar zu machen, 
hat ein preussischer Marine-Arzt, Hr. Dr. Friedel, in seiner Bear- 
beitung der englischen Marine-Rapparte gezeigt. 

Fast alle diese Arbeiten bezogen sich mehr oder weniger aus- 
schliesslich auf die Kriegsmarine. Es war daher überaus zeitgemäss, 
dass die norddeutsche Seewarte in Hamburg seit dem Jahre 1870 
angefangen hat, aus den verschiedenen Hafenplätzen der Welt Nach- 
richten über den Gesundheitszustand einzuziehen, wobei natürlich 
auch der Handelsschiffe gedacht wird. Die eingehenden Berichte, 
welche sowohl europäische, als fremde Hafenplätze betreffen, werden 
von Hrn. Dr. Leudesdorf zusammengestellt, und schon jetzt liegt 
eine ganze Reihe derartiger Publicationen vor. Die letzte derselben 
enthält auch eine von dem Chef der Reichs-Admiralität eingesandte 
Vergleichung der Krankheits- und Sterblichkeits- Verhältnisse der 
Kaiserlich Deutschen Marine im Vergleiche mit denen der englischen. 

Diese Veröffentlichungen versprechen viel dazu beizutragen, 
manche Zweifel auszutragen, welche gegenwärtig über die Ureachen 
und das Wesen wichtiger Krankheitsprocesse und so auch der Cholera 
bestehen. Wir können daher nur dringend empfehlen, dass die 
Kaiserliche Reichsverwaltung dieselben in jeder Weise fördere und 
namentlich dass sie die Publicität des ihr zugänglichen Materials so 
vollständig als möglich werden lasse. Wäre es thunlich, auch die 
Consuln des Reiches zu veranlassen, regelmässige Berichte Ober den 
Gesundheitszustand ihrer Residenzen und der benachbarten Gebiete 
einzusenden, so würde die Unterlage für diese Publicationen wahr- 
scheinlich bald eine Sicherheit gewinnen, welche durch den Zufall 
«ler Privatthätigkeit nie erreicht werden kann. Die wissenschaftliche 
Kritik würde diesen Publicationen folgen und die Art der Frage- 
stellung würde durch sie so genau controlirt werden, dass jede Ein- 
sei ti*rkeit und Parteilichkeit ausgeschlossen würde. Nur wäre es 
nuthig, die Veröffentlichungen auch so schnell eintreten zu lassen, 
dass, wie in Amerika, Jedermann Kenntniss von der Untersuchung 
nehmen kann schon zu einer Zeit, wo überhaupt der Fall noch das 
öffentliche Interesse beschäftigt und ein Eindringen in die Einzel- 
heiten desselben aus psychologischen Gründen weit leichter ist. 

Sollte ein besonderes Reichs-Gesundheitsamt errichtet werden, so 
wäre dies eine Seite der Thätigkeit, mit welcher dasselbe zu beauf- 
tragen wäre. So lange dies nicht der Fall ist, wird es genügen, 
wenn die Reichs-Marine-Verwaltung und die Regierungen der Küsten- 
staat^n das von ihnen zu sammelnde Material rechtzeitig veröffentlichen 
lassen und dasselbe in ganzer Vollständigkeit den Einzelnen und den 


214 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Privat-Insti tuten zugänglich machen, welche, wie Hr. von Petten-, 
kofer und die Deutsche Seewarte, in der Bearbeitung solchen Stoffe? 
schon erprobt sind. Stellen sich bei dieser Bearbeitung neue Fragen 
heraus, so wären auch diese baldigst zu veröffentlichen und den 
Beamten der Marine, den Consuln des Reichs und den Kegierungen 
der Küstenstaaten zur weiteren Verfolgung mitzutheilen*). 

Berlin, den 6. August 1872. 

Die Konigl. Wissenschaftliche Deputation für das 

Medicinalwesen. 

(Unterschriften.) 


IV. Mittheilimgen über die in Oberschlesien herrschende 

Typhus-Epidemie. 

(AirhiT fnr patholog. Anatomie n. Physiologie n. für klin. Mediciii [ISIv*«]. I)d. U. Heft 1. u. 2. S. U.I.' 

Im Anfange dieses Jahres wurden die Zeitungsberichte über eine 
in Oberschlesien ausgebrochene verheerende Krankheit, welche bis 
dahin nur vereinzelt gekommen waren, immer zahlreicher und drin- 
gender. Das preussische Ministerium der geistlichen, Unterrichu«- 
und Medicinal-Angelegenheiten empfing nichtsdestoweniger von den 
Local-Medicinalbehörden nieht nur keinerlei Berichte über die Natur 
dieser Krankheit, sondern nicht einmal eine Anzeige ihres Bestehens. 
Als daher die Presse immer schrecklichere Detail-Nachrichten über 
diesen Hungertyphus publicirte, als schon ganz Deutschland von dem 
Hülferuf für die von Hunger und Seuche heimgesuchten Bewohner 
der Kreise Rvbnik und Pless wiederhallte, und als endlich selbst das 
^linisterium des Innern sich gezwungen gesehen hatte, aus der 
Indolenz, die es bis dahin den Forderungen der Civilbehörden ent- 
gegengesetzt hatte, herauszutreten, so beauftragte auch der Cultus- 
miiiister den Herrn Geheimen Ober-Medicinalrath Dr. Barez, „nach 
Oberschlesien abzugehen, um von der dort ausgebrochenen Typhus- 
Epidemie und den gegen dieselbe getmffenen Maassregeln nähere 
Kenntniss zu nehmen, auch den betreffenden anordnenden und aus- 
fuhrenden BehOnlen übeniU, wo es ihm erforderlieh zu sein schiene, 
mit Rath und That an die Hand zu gehen.** Der Minister des 
Innern weiirerte sich, Herrn Barez Volhnachten zum wirklichen 
Einirreifen mitzugeben. — Unter dem IS. Februar erhielt der Be- 
riohterstatter gleichfalls den Auftrag von dem Cultusminister, sich in 
die vom Tvi»hus heinii^esuchten Ge^x^nden zu bestehen. Herr Barez 


•' Auf itnind fino'i weiteren Antr,ii:os d- r Wiv«enNchaft liehen Deputation ist 
-z* Sr. K\'>?!Umii des Herrn Ministers die CireuUr-Vcrtüiruug vom 30. Octobcr 
^r.issen worden. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 215 

«wflrde zu sehr m Anspruch genommen werden , als dass er Müsse 
«^enug übrig behalten sollte, die Epidemie vorzugsweise im wissen- 
8chaftlichen Interesse einer näheren Untersuchung zu unterwerfen; 
•j^leichwohl sei es fftr den dem Cultusminister anvertrauten Theil der 
Medicinal-Verwaltung wichtig, dass die Natur der mit so grosser 
Gewalt aufgetretenen Epidemie auch in wissenschaftlicher Beziehung 
in einer möglichst gründlichen und Erfolg versprechenden Weise 
untersucht werde.** Diese Untersuchung wurde mir aufgetragen. 
DeragemÄss trat ich gemeinschaftlich mit Herrn Barez am 20. Fe- 
bruar die ßeisc an; am 22. kamen wir nach Ratibor, gingen am 23. 
nach Rybnik, besuchten von da am 24. Radiin und Loslau, am 25. 
Geikowitz und Smolliia, gingen am 26. über Sohrau nach Pless und 
machten am 28. einen Besuch in Lonkau. Herr Barez trat dann 
am 29. über Nicolai und Gleiwitz seinen Rückweg nach Berlin an, 
während ich nach Sohrau zurückkehrte und dort bis zum 7. März 
verweilte. An diesem Tage begab ich mich nach Rybnik zurück, 
ging am 8. nach Gleiwitz und traf am 10. wieder in Berlin ein. 

Die Resultate, welche mir diese Reise gewährte, mussten natür- 
lich in vielen Beziehungen unvollständig sein und der nachstehende 
Bericht macht in keiner Weise den Anspnich, eine umfassende oder 
auch nur ausreichende Beschreibung der Epidemie vorzustellen. Allein 
die ausserordentliche Gleichmässigkeit der oberschlesisischen Zustände, 
die grosse Uebereinstimmung in der Erscheinungsweise der Krank- 
heit, die grosse Zahl der gleichzeitig und an demselben Orte Er- 
krankten, endlich das überaus freundliche Entgegenkommen der ein- 
heimischen Aerzte und die bereitwillige Unterstützung der Local- 
behörden, denen beiden ich hiermit meinen herzlichsten Dank sage, 
machten es mir trotz der Kürze der Zeit möglich, die wesentlichsten 
Punkte ziemlich klar zu übei-sehen. Sehr gern hätte ich noch einige, 
besonders wichtige Fragen zur Entscheidung zu bringen gesucht, 
allein die mittlerweile ausgebrochene politische Erhebung machte es 
für mich wünschenswerth , an den Bewegungen der Hauptstadt Theil 
zu nehmen, und ich durfte mir ausserdem nicht verhehlen, dass, um 
jene Fragen zu entscheiden, ich eine günstige Gelegenheit abwarten 
müsse, von der ich nicht wissen konnte, ob sie überhaupt eintreten 
würde. Bei der grossen Zahl der seitdem nach Oberschlesien ge- 
schickten Aerzte werden sich gewiss solche finden, die meine An- 
gaben, wo sie lückenhaft sind, vervollständigen und wo sie etwa 
fehlerhaft sein sollten, berichtigen werden. Ihre Rückkehr abzuAvar- 
ten, scheint mir deshalb nicht gerathen, weil das Interesse, welches 
das ärztliche Publikum an dieser Frage nimmt, eine baldige Befrie- 
digung erheischt. Zum Theil habe ich meiner Pflicht in dieser Rich- 
tung schon in einem Vortrage genügt, den ich am 15. März in der 
Gesellschaft für wissenschaftliche Medicin gehalten habe und an dessen 
Gang ich mich auch hier anschliesse. 

1. Das Land und seine Bewohner. 

Oberschlesien (Regierungsbezirk Oppeln) umfasst den südlich 
von der Neisse und dem Stober gelegenen Theil von Schlesien. Die 


21 ß Volkskranklieiten und Seurh^'n. 

Krci.^e Kybiük und Plcss l/ilden das südlichste Stück davon, welches 
iinniitteli)ar an der Grenze von (lalizien und Oesterreicinsch Schlesien, 
zwischen 30'^ und 37^' östlicher Län^e, 4i)"!) und r)0"o nördlicher 
Breite, zwischen dem obersten Tlieil des Strondaufe^s der Oder iiikI 
Weichsel sich ausdehnt — - ein Flächenrauni von etwa 35 Quiulrat- 
ineilen. Das Land bildet hier ein vielfach durclischnittenes zerrissenes 
Hochplateau, dessen Elevation über der Ostsee durchschnittlich V)()() 
bis 1000' beträi!;t*). Die Wasserscheide zwischen Oder un«! Weichsel, 
welche dasselbe mitten durchzieht, tritt im Allgemeinen wenii^ hervor: 
in der C.ie*^end von Solu'au, wo sie nanz aus aufgeschwemmtem Land 
besteht, erreicht sie eine Höhe von nur 1)4 S'; nach beiden Seiten hin, 
besonders ostwärts i^ei^en das Weichsel thal (Plessner Kreis) dacht sie 
sich sanft ab, während sie westwärts einen Höhenzug; bildet, der bis 
Pschow (1008') ansteiij:t und sich südwärts mit einer EinsenlauijLC bis 
Gross Gorzitz (853') fortsetzt. Auf dem rechten Ufer der Oder, 
deren Spie^cel bei der Einmündung; der Olsa G73' hoch lie«j^t, 
fällt das Hochplateau ziemlich steil t^'e^en das breite und fruchtbare 
Oderthal ab. 

Die Ungleicheiten der Oberfläche sind theils durch Gebirgs- 
hebungen, theils durch spätere AuswaschunL!:en bedinj^t. Nördlich 
zwischen Kosel und Gross Strehlitz stösst man auf die mächtige und 
ziemlich iscdirte Basal thebunii; des Anna-Beri'cs: südlich zieht sich 
auf der (irenze zwischen Galizien und Ungarn gegen die BukoAvina 
hin in der KiehtuuLi: von West nach Ost die jüngere llebunic der 
Karpathen, deren scliöne l)laue Kup})cn (z. IV die Lissahora) man 
fast von jedem Punkt i)eider Kreise aus in unal)sehl)arer Keihe er- 
blickt. Geht man in der l^etrachtunij" der ideologischen Verhältnisse 
weiter, so stösst man westlich auf die Sudeten, östlich auf das Sen- 
domir-Gebirge, und die ganze Hochebene von Oljerschlesien erscheint 
dann als eine ungeheure Beckenausfülluni»*. Es ist daher sehr natur- 
lieh, dass man an vielen Punkten ältere Gel)irirsformationen bis an 
die Oberfläche oder doch bis auf eine i;erini:e Tiefe heraufsteiiren 
sieht. Grauwacke, Steinkohle, rother Sandstein und Muschelkalk, 
jiu'assisciu:; Bildungen, namentlich Thoneisenstcin, denen sich die eiiren- 
thümliche Tertiärbildung des Gy])s- und Mergelgebirges (dem auch 
das Steinsalz von Wieliczka angehört) anschliesst, bilden fast überall 
die Sohle des autgeschwemmten Landes, dessen mittlere Mächtii^keit 
sich auf 11- 13 Lachtern berechnet. Es besteht in den oberfläch- 
lichen Schichten abwechselnd aus Lehm und einem groben, wie es 
scheint, durch Auswaschung i]Q:^ Lehms entstandenen"^*), häuflg eisen- 
schüssigen Kies. Der ersteie Hnd(;t sieh namentlich austiedehnt in 
den südwestlichen Theilen, um Sohrau, Loslau un<l gegen die öster- 

*) Icli tV)|^i^ hioi' in mcinoii Aiiual^rn li.iuiit'^iirhlii^h <lfin Kalcnd«'r für «Ion OI.h't- 
schli-sisohen luT'jniaiin auf Mas Uichnuimsialir 1S4.'> (/weiter .laliruanLi), hcrausi:;..-- 
*:('h<'n Von II. V. Carnall, w<» S. '21 l'oli;. (las aiitLirM-liwrniinli' (ii.']»iri:'' von Olir-r- 
sfhh'^irn al>L:rhan<lt'lt ist. 

**) Diese Ansicht von^'arnall solnint mir nain<iiilirh <lur<'h d*.'n rnisian«! u;e- 
stützt zu w('i"(K;n, dass an den Ibditron Punkten }:*'\vt"dnilicli L'lun , an di.Mi tietcrii 
Grand die liodcndccko zu bilden ptlc^t. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 217 

reichische Grenze hin; der letztere ist vorwaltend in den östlichen 
und nördlichen. Beide kann man meist sehr leicht aus der Natur 
der Waldbäume beurtheilen, welche hier fast überall Coniferen sind, 
während gegen Radiin, Loslau u. s. w. schönes Laubholz (selbst 
Eichen) zu sehen sind. Fast nirgends ist indess die Bildung der 
Oberfläche eine für den Ackerbau vollkommen günstige, weil die 
thonige oder lettige Unterlage meist undurchlässig für das atmosphä- 
rische Wasser ist*). 

Der grösste Theil der Thäler, insbesondere im Rybniker Kreise, 
sind Auswachungsthäler, oft von ziemlich bedeutender Tiefe, so dass 
sie nicht bloss die Alluviallager durchschneiden, sondern zuweilen an 
iliren Rändern selbst noch Schichten der tertiären Gypsformation 
aufschliessen. Gewohnlich sind die Ränder ziemlich steil, die 
Thäler verhältnissmässig breit, von einem Bach durchflössen, der 
übrige Theil des Grundes von nassen Wiesen gebildet. Hie und da 
finden sich ausgedehnte Moorbildungen. Seen, auch grosse, sind 
nicht selten, ihre Ufer meist flach, so dass sie dem an Seen mit 
hohen Uferhügeln gewöhnten Auge des Norddeutschen mehr das 
Bild ephemerer Wasseransammlungen in seichten Einsenkungen des 
Bodens gewähren. Das Gefälle der Bäche und kleinen Flüsse, be- 
sonders zur Weichsel, ist nicht bedeutend, und da die letztere selbst 
in ihrem obern Laufe einen sehr geringen Fall hat, und sowohl sie, 
als die Oder bei der grossen Nähe der Karpathen oft sehr schnell 
ungeheure Wassermassen empfangen, so sind Rückstauungen bis in 
diesse Thäler hinauf mit ausgedehnten Ueberschwemmungen der um- 
liegenden Wiesen relativ häufige Ereignisse. 

Die bedeutende Elevation des Landes, die grosse Nähe und die 
Richtung eines so mächtigen Gebirgsstockes , wie die Karpathen, 
heben den Einfluss, welchen die südliche Lage dieses Bezirkes (Pless 
liegt fast unter der Breite von Mainz) auf die Temperatur der Luft 
ausüben sollte, ziemlich auf. Die Roggenernte föJlt gewöhnlich in 
dieselbe Zeit, wie in Gegenden von Pommern, die 4® nördlicher 
liegen, Ende Juli, Anfang August, und der Temperaturunterschied 
ij»t so bedeutend, dass schon im Oderthal bei Ratibor bei den Land- 
arbeiten ein Unterschied von 8 Tagen hervortritt. Besonders ungün- 
stig scheint in dieser Beziehung die Richtung der Vorkarpathen von 
West nach Ost zu sein. Während die warmen Aequatorial winde 
durch das Gebirge theils abgefangen, theils an den Schneemassen, 
welche bis tief in den Mai zu liegen pflegen, abgekühlt werden, 
fangen sich dagegen die niedriger wehenden Polarströme an dem 
Gebirge, welches sich fast unmittelbar aus der Ebene erhebt, werden 
von ihm zurückgeworfen und stauen sich vor demselben. Man er- 
zählte mir, dass Strichregen, die mit einem Nordwestwinde ankom- 
men, fast regelmässig in einen Landregen übergehen, der in kurzer 


*) Auf den Wegen bilden sich daher leicht unsichere Stellen, indem die zäh in 
t'inandei haftende Lohmdecke von einor vollkommen .aufgeweichten Unterlage getra- 
;;cn wird und bei geringen Lasten sich stark einbiegt. Man belegt diese Stellen 
mit dem ganz bezeichnenden Namen „Lederbrücken**. 


218 Volkskranl\hoiion iinrl Seurlion. 

Zeit sehr bedeutende Massen von Niedersolilau setzt. Wie sclnioll«^ 
und bedeutende Wechsel in dem Zustande des Luftmeers hier vnr- 
ij^ehen, hatte ieh sell>st (jeleironlieit zu beobachten. In den er>tt'ii 
l)eiden AVoclien, die icli in dt^v (jrci2:end zulira<dite, war (bis Wetter 
selir i^n'uistii^, die Luft meist kbir und wann, entschie^b^n frrddiiiir>- 
artiic. Phjtzlicli am Ende (Un* zweiten Wo<die Schneeicestöl)er, (];i> 
immer stärker wurde und den Roden in wenii^ Tai^a»n mit eiinT 
mehrere Fuss hohen Sclniee(h^.cke rib(M'Z()L!;. I)ai)ei so starker Fmst. 
dass während man eben erst so grundlose Wcire <j^chal)t hatte, d:i-< 
der Verkehr zu AVai;en fast unmö«^li(!h war, weni^ce Ta^e später schnii 
überall die Schlitten L!;inL(en. Am (S. fuhr icli in einem starken 
Schneeii^estöber bei einem pfeifenden XXW. zu Sclditten nach (Jlci- 
witz; am folgenden Ta^e, wo icli mit der Kis(*nbalni nach Hre-l:ui 
abgini^, sali ich, je weiter ich nördlich kam, die Schneedecke düinitM* 
werden; hinter Breslau fand ich nur noch in Vertiefuni^cn de."- Ba- 
dens etwas Schnee vor, luid in der Mark war endlich auch davon 
nichts mehr zu l)emerken. — 

Aus dem Mituetheilten .^eht hervor, dass alle Verhältnisse 
sich vereinigen, welche den Feuchtigkeitsgehidt des l^odens und 
der Luft vermehren. Während die Undurchlässii^keit des Lanilc-^ 
und der leichte Ri'udvstjiu der Hicssenden Wässer eine ot't Avieder- 
kehrende und dann gewöhnlich lang anhaltende Quelle für die (.)l>cr- 
flächen-Verdunstunic setzt, so bedini'en wiederum die häuHiren und 
anhaltenden Niederschläge aus der Atmosphäre l)ei der verhältni^s- 
mässig niedrigen Tem])eratur der Luft eine stete Erneuerung der 
durch Verdunstung verloren i^^'uanuenen Flüssiirkeiten. — 

Sehen wir uns mni die Bewohner dieses Landes an. Ganz 
Oberschlesien ist polnisch; sobald man (K'u Stober überschreitet, sn 
wird aller Verkehr mit dem Landvolke und dem ärmeren Theile der 
Sta<ltbewohner für diejenigen, wehdie der polnischen Zunge niclit 
mächtig sind, unmöglich, und nur l)olmets(djer gewähren eine s[»är- 
li(die Aushülfe. Anf dem recditen ()der-l"fer tritt diess Verbältni.-- 
am allgemeinsten hervcu': auf dem linken hal)en sich zahlreiche ^er- 
manische Elemente eingemisidit Diese I>evölkerung stellt den tnui- 
rii^en Rest des alten scddesiseben V(dkes dar, wie es sich in diesen 
peripherischen Landstrichen an den (irenzmarken deutscher Gesiituni: 
erhalten hat. Man erinnere si(di nur, dass schon vom Ende <les 
sechsten Jahrhunderts an die (ilieder der slavischen Völkerfamilio, 
ein bis dahin unirekaiujtes Geschh^cht, in die Geiieuilen einrückten, 
welche die nach ^^'esten und Süden auswjunlernden deutschen Stäinnie 
verlassen hatten, und dass, währeml links von der Oder und um die 
Elbe Czechen, AVenden, Lutizier, Obotriten sich ausbreiteten, lechitisclic 
Slaven die weite Ebene in Besitz ludnuen, welche das Flussi:el»i«'i 
der Weichsel umfasst und westlich von der Oder beixrenzt wird. 
Ihren Namen Polen leitet man nicht fdnu* Grund von ju)Ir her, wel- 
ches Ebene l)edeutet, denn was ist charakteristischer für ihr Land, 
als diese unendliche Ebene, wehdie sicdi von den Karpathen bis zu 
den Gestaden des baltischen Meeres erstreckt und über welche weit- 
hin zerstreut erratische Geschiebeldöcke, von den skandinavischen 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 219 

Gebirgsketten stammend, bis zu den Füssen der Kai*pathen geführt 
worden sind? Als am Ende des ersten Jahrtausends christlicher Zeit- 
rechnung Boleslav I. Chrobri das polnische Reich begründete, bildete 
Schlesien einen integrirenden Theil desselben, und erst 11G3 überliess 
es der vierte Boleslav seinen Neffen als ein getrenntes Reich. Durch 
fortwährende Theilungen zerfiel es freilich bis zum 14. Jahrhundert 
in 18 Herzogthümer, allein schon von den luxemburgischen Kaisem 
wurde ein Stück nach dem andern für die böhmische Krone erwor- 
ben, bis 1339 das ganze Land von Polen förmlich an Böhmen ab- 
getreten wurde, mit dem es später an die österreichischen Herrscher 
kam. Der letzte schlesische Herzog (von Liegnitz, Brieg und Wolau) 
aus dem Hause der Piasten starb indess ei*st 1675; aus seiner Erb- 
schaft entspann sich bekanntlich der schlesische Krieg, der den gröss- 
ten Theil des Landes unter preussische Herrschaft brachte, und mit 
dem jener unselige Streit zwischen den beiden deutschen Grossmäch- 
ten um die Hegemonie begann, der in unseren Tagen wieder aufge- 
nommen wird, und der durch die Einmischung fremder Nationali- 
täten in deutsches Staatsleben eine so verwickelte Gestalt erhält. 

Fast 700 Jahre sind also vergangen, seitdem Schlesien von 
Polen getrennt wurde; der grösste Theil des Landes ist durch deutsche 
Colonisation und durch die Macht deutscher Cultur vollkommen ger- 
manisirt worden. Nur für Oberschlesien haben 700 Jahre nicht ge- 
nügt, seinen Bewohnern das national-polnische Gepräge zu nehmen, 
welches ihre Stammesbrüder in Pommern und Preussen so vollstän- 
dig verloren haben. Freilich haben sie genügt, das Bewusstsein ihrer 
Nationalität zu zerstören, ihre Sprache zu cornimpiren und ihren 
Geist zu brechen, so dass das übrige Volk ihnen den verächtlichen 
Namen der Wasserpolacken beigelegt hat, aber ihre ganze Erschei- 
nung, die mir als ganz ähnlich derjenigen der polnischen Bevölkerung 
an der Niederweichsel geschildert wird, zeigt immer noch deutlich 
ihre Abstammung. Da sieht man nirgends jene eigen thümliche Ge- 
^ichtsbildung der Russen, die man so oft als die eigentlich slavische 
bezeichnen hört und die so sehr daran erinnert, dass diese Vertreter 
des Asiatismus die Nachbaren der Mongolen sind. Ueberall findet man 
schöne Gesichter mit lichter Haut, blauen Augen und blondem Haar*), 
freilich frühzeitig durch Sorgen und Schmutz verändert, aber bei den 
Kindern häufig in seltener Lieblichkeit vorhanden. Auch ihre Le- 
bensgewohnheiten erinnern überall an den eigentlichen Polen. Ihre 
Tracht, ihre Wohnungen, ihre geselligen Verhältnisse, endlich ihre 
Unreinlichkeit und Indolenz finden sich nirgends so ähnlich wieder, 
als bei den niedrigen Schichten des polnischen Volkes. Was ins- 
besondere die beiden letztgenannten Eigenschaften anbetrifft, so möchte 
es schwer halten,' sie übertroffen zu sehen. Der Oberschlesier wäscht 
i^ich im Allgemeinen gar nicht, sondern überlässt es der Fürsorge 


*) Ein alter (barbarischer) Schriftsteller erzählt von den Slaven: Sunt enim 
Sinei proceri omnes ac robustisiimi ; colorem nee summe candiäum habet cutis nee fla- 
rum coma, neque is plane in nigrum deficit, ac sufrrufua est (Procop, de beUo Go' 
thico 111. c. 4.), 


220 Volkskrankheiten und Seuchen. 

des Himmels, seinen Leib zuweilen durch einen tttchtigen Regengu?? 
von den darauf angehäuften Schmutzkrusten zu befreien. Ungeziefer 
aller Art, insbesondere Läuse, sind fast stehende Gäste auf seinem 
Körper. Eben so gross, als diese Unreinlichkeit, ist die Indolenz d^ r 
Leute, ihre Abneigung gegen geistige und körperliche Anstrengungen. 
eine vollkommen souveräne Neigung zum Müssiggang oder vielmehr 
zum Mftssigliegen , die in Verbindung mit einer vollkommen hün»li- 
schen Unterwürfigkeit einen so widerwärtigen Eindruck auf je^len 
freien, an Arbeit gewöhnten Menschen hervorbringt, dass man v^uh 
eher zum Ekel, als zum Mitleid getrieben fühlt. Die Vergleicluiui: 
des Oberschiesie rs mit dem neapoliümischen Lazzaroni hat manche?» 
Wahre, so lange man an der Oberfläche der Dinge stehen bleibt, 
allein sie verliert alles Gewicht, sobald man genauer zusieht. 

Die Niederschlesier schreiben diese Arbeitsscheu bald der Eiit- 
kräftung der Leute in Folge ihrer schlechten Ernährung, bald einem 
nationalen Hange zum Nicht^^tlmn zu. Das erstere ist zum Theil 
richtig, allein nicht in dem Maasse und in der Ausschliesslichkeit, 
dass man daraus allein die ganze Erscheinung begreifen könnte. 
Andererseits würde es ein schmähliches Unrecht sein, welches man 
der polnischen Nation, dieser so hochherzigen und jeder Aufopferunir 
fähigen Nation zufügen würde, wenn man in ihr den wahren Grund 
suchen wollte. Mag immerhin der deutsche Fleiss seltener unter den 
Polen gefunden werden, so darf man doch nicht vergessen, untir 
welchen Verhältnissen, unter einem wie langen und gewaltigen Druck 
dieses unglückliche Volk geseufzt hat. Betrachten wir diese Veidifdt- 
nisse einen Augenblick genauer, da sie für unsere spätere Darstelluni: 
von Bedeutung sind. 

Die polnische Sprache, deren sich der Oberschlesier aus- 
schliesslich bedient, ist gewiss nicht eine der geringsten Bedinguniren 
seiner Gesunkenheit gewesen. Seit 700 Jahren von dem Muttervolk 
abgelöst, hat diese Bevölkerung keinen Theil genommen an der Ent- 
wicklung, welche, wenn auch nur in geringerem Maasse, bei jenem zu 
Stande gekommen ist; sie hat nichts gewonnen von der deutsclien 
Cultur, da ihr jedes Verbindungsglied mit derselben fehlte. Er*t in 
späterer Zeit hat man von den Schulen aus Germanisirungsver- 
suche unternommen, allein die Mittel, welche die Regierung zu diesem 
Zwecke einschlug, trugen die Garantie ihrer Fruchtlosigkeit in >i<di 
Man schickte deutsche Schulmeister von mö'dichst beschränktem Wi^- 
sen in das polnische Land, und überliess es nun dem Lehrer nnd 
seinen Schülern, sich gegenseitig ihre Muttereprache beizubrinixen. 
Das Resultat davon war gewöhnlich, dass der Lehrer endlich polnis«li 
lernte, nicht aber die Schüler deutsch. Statt dass also die deut-ehe 
Sprache sich verbreitete, hat vielmehr die polnische die Oberhand l»e- 
halten, und man findet inmitten des Landes zahllose Geschlechter ni;t 
deutschen Namen vmd deutscher Physiognomie, die kein deutiJ(h(^> 
Wort verstehen. Kaum ein Buch, ausser dem Gebetbuch, war dem 
Volk zugänglich, und so ist es denn möglich geworden, dass mehr 
als eine halbe Million von Menschen hier existiren, denen jedes Be- 
wusstseiu der innem Entwicklung des Volkes, jede Spur einer Cnl- 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 221 

turgeschichte abgeht, weil sie schrecklicKer Weise keine Ent- 
wicklung, keine Cultur besitzen. 

Ein zweites Hinderniss ist die katholische Hierarchie ge- 
wesen. Nirgends, ausser in Irland und seiner Zeit in Spanien, hat 
der katholische Clerus eine absolutere Knechtung des Volkes zu 
Stande gebracht, als hier: der Geistliche ist der unumschränkte Herr 
diese? Volkes, das ihm wie eine Schaar Leibeigener zu Gebote steht. 
Die Geschichte seiner Bekehrung vom Branntwein bietet ein noch 
i^l.lnzenderes Beispiel dieser geistigen Hörigkeit dar, als es Pater 
Matthew an den Irländern geliefert hat. Die Oberechlesier waren 
dem Branntweingenuss in der extremsten Weise ergeben. An den 
Abenden, wo das V.olk von den städtischen Märkten zurückkehrte, 
waren die Landstrassen von Betrunkenen, Männern und Weibern, 
buchstäblich übersäet; das Kind an der Mutterbrust wurde schon mit 
Schnaps gefüttert. In einem einzigen Jahre gelang es dem Pater 
Stephan (Brzozowski), alle diese Säufer mit einem Schlage zu 
bekehren. Freilich wurden dabei alle Mittel, gesetzliche und unge- 
setzliche, kirchliche und weltliche, in Bewegung gesetzt, Kirchenstrafen 
und körperliche Züchtigungen wurden ungestraft angewendet, allein 
die Bekehrung gelang endlich, das Gelübde wurde allgemein abgelegt 
und gehalten. (Vgl. den Aufsatz des Prof. Kuh in der Med. Ver- 
einszeitung 1848, No. 8.) Wie gross das Vertrauen auf die Geist- 
lichkeit war, hat auch diese Epidemie in vollem Maasse gezeigt. Viele 
glaubwürdige Männer haben mich versichert, dass die Leute mit einer 
^.'ewissen Zuversicht dem Tode entgegengesehen hätten, der sie von 
einem so elenden Leben befreite und ihnen einen Ersatz in den himm- 
lischen Freuden zusicherte. Wurde jemand krank, so suchte er nicht 
«len Arzt, sondern den Priester; hülfen die heiligen Sacramente nichts, 
was sollte dann die armselige Arznei wirken? Diesen Zustand der 
(lemüther wusste die Hierarchie im Anfange der Epidemie wohl zu 
benutzen, und nach der allgemeinen Ansicht in den Kreisen hat der 
Kegierungs-Medicinalrath in Oppeln, Hr. Lorinser, Alles gethan, 
WiL«« geeignet war, diese Bestrebungen zu fördern. Ob es absichtlich 
iceschehen ist oder ob eine sträfliche Unkenntniss der localen Ver- 
hältnisse die Ursache war, lägst sich schwer entscheiden; eines von 
heiden aber musste der Fall sein, denn wie konnte man zu einer 
Zeit, wo jeder Gebildete in den Kreisen dringend und öffentlich nach 
Aerzten rief, erklären, sie seien nicht nöthig und das Volk wollte sie 
nicht? (Vgl. den Aufsatz des Prof. Kuh in der Wochenschrift für 
die ges. Heilkunde, 1848, No. 10.) Von der Regierung geschah fast 
Lrar nichts. Statt dessen erschienen die barmherzigen Brüder aus 
Breslau und Pilchowitz unter ihrem Spiritual Dr. Künzer, die Zei- 
tungen "waren ihres Ruhmes voll, und wohin sie kamen, brachten sie 
ihre Hülfe, ihre Gaben im Namen der Mutter Kirche. So anerken- 
nenswerth der Eifer dieser Männer gewesen ist, so war ihre Wirk- 
samkeit doch eine sehr beschränkte. Zwei von ihnen waren Wund- 
ärzte, die übrigen waren von verschiedenen Gewerken, vom Militär 
u. s. w. in die geistliche Corporation getreten und vollkommen un- 
fähig , ein ärztliches Urtheil zu haben. Da sie von Dorf zu Dorf 


222 Volkskrankheiten und Seuchen. 

zogen, 80 vergingen oft Wochen, ehe sie wieder an das erste Dorf 
kamen; oft kehrten sie gar nicht zurück, und ihre Erscheinung war 
dann die eines heilbringenden Engels gewesen. Von dem Augenblick 
an, wo das Breslauer Comit^, welches die Gaben von ganz Deutsch- 
land in Empfang nahm, eine geordnete Thätigkeit in den Kreisen 
auszuüben begann und seine Delegirten, der Prinz Biron von Kur- 
land und der Professor Kuh, selbst in den Kreisen erschienen, aL< 
von allen Seiten Aerzte requirirt wurden, Local-Comit^ sich bildeten, 
sah man sich genöthigt, den geistlichen Instituten seine Hülfe voll- 
kommen zu entziehen; damit hurte die Thätigkeit der geisüichen 
Brüder mehr und mehr auf und das Vertrauen des Volkes zu den 
Aerzten wurde immer lebendiger. Jetzt erst schickte auch Hr. Lo- 
rinser Aerzte, die sich bei ihm gemeldet hatten. Freilich hatte er 
sich schon vorher auf Umwegen, welche ihn leider davon abhielten, 
mit dem Hm. Minister Grafen Stolberg, den der Konig abge«in«lt 
hatte, dem Hm. Geh. Rath Barez u. s. w. zusammenzutreffen, selb>t 
in die Kreise begeben, allein als er hier auf einer Versammlung iler 
Aerzte zu Nicolai über die gegen die Seuche zu ergreifenden 
Maass regeln sprach, konnte ihm Prof. Kuh erwidern, dass i\as^ 
Breslauer Comit^ diese Maassregeln alle schon getroffen habe. Ab 
Hr. Lorinser dann nnch Sohrau kam und ihm der provisorische Ma- 
gistratsdirigent, Hr. von Woisky, die Verlegung des Earchhofs an':? 
Herz legte, der fast in der Stadt gelegen, auf einem Räume von 
einigen 40 Quadratfussen mehr als 600 zum grossen Theil oberfl&chlicli 
begrabene Leichen enthielt, so erklärte er diess für unnöthig, zumal 
da die Geistlichkeit, welche den Kirchhof in solcher Nähe zu behal- 
ten wünschen mOsste, dawider sein würde. Es sei von mir fem, das? 
ich einzelne Glieder dieser Geistlichkeit anschuldigen will, einen 
grausamen und unmenschlichen Gebrauch ihrer geistlichen Grewalt 
gemacht zu haben, allein es kann niemand ableugnen, dass eine ?o 
mächtige Hierarchie, der das Volk so blind gehorcht, das Volk zu 
einer gewissen geistigen Entwicklung hätte bringen können, wenn ?ie 
gewollt hätte. Allein es liegt in dem Interesse der Mutter Kirche, 
die Völker bigott, dumm und unfrei zu erhalten; Oberschlesien ist 
nur ein neues Beispiel in der grossen Reihe der alten, unter denen 
Spanien, Mexico und Irland obenan stehen. Die einheimische katho- 
lische Geistlichkeit hat in ihrem Eifer für das hungernde und kranke 
Volk grosse Opfer, selbst die der körperlichen Aufopferung, nicht ge- 
scheut, und sich dadurch wesentlich von der evangelischen unter- 
schieden, von der z. B. Hr. Pastor Wolf in Rybnik sich geweigert 
hat, zu Typhuskranken seiner Gemeinde in Sohrau zu kommen, inn 
ihnen geistlichen Trost zu bringen. Allein alle diese Aufopferung, 
deren persönliches Verdienst ich gern und rühmend anerkenne, kann 
die schwere Schuld nicht sühnen, da^s man ein grosses Volk so tief 
in Unwissenheit, Aberglauben und Faulheit hat versinken lassen. 

Die Nachtheile der Bureaukratie, welche Preussen sonst so 
tief hat empfinden müssen, sind in Oberschlesien wenig aktiv hervor- 
getreten; wo sie Schuld an dem Unglück trägt, da ist es mehr eine 
negative. Es ist ein Fluch des Menschengeschlechts, dass es durch 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 223 

Gewöhnung auch das Schrecklichste ertragen lernt, dass es an der 
alltäglichen Schändlichkeit das Schändliche vergisst, und dass es kaum 
ben^reifen kann, wenn Einzelne die Vernichtung desselben anstreben. 
Uie gebildete Bevölkerung in jenen Kreisen und mit ihnen die Be- 
hörden, deren Bereitwilligkeit und Thätigkeit ich ausserdem gern zu- 
i;e.«itehe, sind durch den täglichen Anblick dieses gesunkenen Volkes 
HO abgestumpft, gegen ihr Leiden so indolent geworden, dass, als nun 
endlich von allen Seiten Hülfe versprochen imd gebracht wurde, die 
allgemeine Klage entstand, man würde das Volk verwöhnen. Als 
man denen, die gar nichts, absolut nichts zu essen hatten, 1 Pfd. 
Mehl für den Tag bewilligte, fürchtete man, sie würden sich ver- 
wöhnen! Kann man sich etwas Schrecklicheres denken, als dass sich 
jemand an Mehl, an blossem, reinem Mehl verwöhnen wird und dass 
jemand diess befürchten kann? Diese Gewöhnung an das Elend, diese 
Abstumpfung des Gefühls gegen fremdes Leiden sind so allgemein in 
<]en Kreisen, dass ich am allerwenigsten die Localbehörden angreifen 
will, dass sie ihre zum Theil recht ernsthaften und dringenden Be- 
richte nicht noch ernsthafter und dringender gemacht haben. Wenn 
von Oppeln, von Breslau, von Berlin immer abschlägliche und zu- 
rückweisende Antworten einliefen, welcher preussische Beamte würde 
tladurch nicht endlich zur Ruhe gebracht sein? Das Volk aber hat 
(las Ministerium Bodelschwingh gestürzt, der Oberpräsident v. We- 
del 1 hat in feiger und schimpflicher Flucht Breslau verlassen müssen, 
tmd wenn die Regierung in Oppeln noch besteht, so hat sie es nur 
ihrer Unbedeutendheit und der oberschlesischen Indolenz zu verdan- 
ken. Der Herr Landrath v. Durant hat aus Rybnik wiederholte 
Aufforderungen bis direkt an den Minister, welches gegen den Ge- 
schäftsgang war (I), gelangen lassen, und die drohende Noth schon 
im Herbst 1847 bestimmt dargelegt. Was ist darauf erfolgt? Man 
sagte den schon ein Jahr vorher mit Schulden belasteten Kreisstän- 
ilen, sie sollten doch selber helfen, und in Rybnik begegneten sich auf 
iliren Geschäftsreisen 2 Delegirte der Regierung von Oppeln, von 
denen der eine beauftragt war, die Privatwohlthätigkeit zur Abhülfe 
der Noth aufzustacheln, während der andere die Steuersätze erhöhen 
sollte. Es war nehmlich auf dem ersten vereinigten Landtage bean- 
tragt worden, behufs einer gerechteren Vertheilung der Steuern die 
höheren Sätze der Klassensteuer zu erhöhen und die niederen zu er- 
nulssigen; die Regierung erhielt darauf die Anweisung, wie man mir 
erzählt, diesem Wunsche nachzukommen, nur mit der Beschränkung, 
ilass die niederen Sätze beibehalten würden. — Wenn dem- 
nach von der Verw.altung auch noch in den letzten Zeiten direkte 
Missgriffe begangen worden sind, so ist doch der Hauptvorwurf, den 
sie zu tragen hat, der, dass sie zur rechten Zeit nichts gethan hat 
und dass sie mit sehr unvollkommenen IVIitteln erst eingeschritten ist, 
als es für Viele zu spät war. Hie und da wurden mir Geschichten 
von exekutivischer Eintreibung der Steuern erzählt, welche die Jam- 
merscenen von Irland noch hinter sich Hessen, allein bei vielfacher 
Nachfrage ist mir die Ueberzeugung geworden, dass solche Fälle nur 
ausnahmsweise vorgekommen sind. Am grössten war die Noth auf 


224 VolkskranlvbeitcMi und Souchoii. 

den köniijflichen Domänen im Rybniker Kreise, und da gerade unsere 
Gesetzi^ebunic den Domnninlbeamten die i'rö.^ste direkte Gewalt rre- 
stattet, so nuisstcn sifli hier auch die VerhäUiiisse für die Bewohner 
am imirünstii'stcn irestalten. — (lewiss würde es ein sehr schwieriircj* 
Unternelunen ü;ewesen sein, ein seit Jalu*liunderten vernacliLl<«sigte> 
und von der Ilierarrhie darnieder gehaltenes Volk aus seiner Ver- 
sumi)funir in die Höhe zu hriniren: die Mittel hätten ij^rossarti^e sein 
müssen, aber der Erfolii; wür<le auch ein sehr befriedigender gewesen 
sein. Männer, welche die oberschlesische Bevölkerung sehr genau 
kennen und ihre Bildungsfähigkeit zu beurtheilen verstehen, wie die 
Herren Professoren Göppert und Purkinje in Breslau, der Hr. 
Oberbergrath v. Ca mall u. s. w. sprechen sich aufs bestimmteste 
für ihre Culturfähigkeit aus. Da aber die Schulen, die Comnmnica- 
tionsmittel, der Ackerbau, die Gewerl)thätigkeit darnieder lagen, so 
koiuite füglich keine von innen herauskonunende Entwicklung erwartet 
werden. Der Reichthum des Landes an Geicenständen des Bergbaus, 
namentlich an Steinkcdden, Thoneisenstein, Galmei und Gyps ist so 
bedeutend, dass das Verfahren dieser Produkte, oder, wie man sich 
in Oberscldesien alliiemein ausdruckt, die Vekturanz einen ijrosson 
Theil der Bevölkerung ernährt. Freilich kann der einzelne Fuhrmann 
bei der Kleiidieit luid Schwäche der Pferde und der Wagen nur sehr 
weniii" Fracht fortscliaffen und der Gewiini ist sehr unbedeutend: 
nichts dcstoweniger ernähren sich Viele davon. AVäre es nun nicht 
die erste Aufiial^e <ler Keirieruni!: gewesen, die Wei^e zu verbessern? 
Trotz der Dringlichkeit einer solchen Verbesserung ist nichts ge- 
schehen, und als ich in Oberschlesien war, bildeten die Weixe nur 
zusammenhängende Moräste. -- Die Gewerbthätigkeit in den Städten, 
besonders die Fal)rikation von Limienwaaren und Tuch, war früher 
ziendich bedeutend, und in Sohrau allein bestanden 150 Webstühle 
für Liiuien, welche (U)i) Menschen ernährten. Diese Produkte fanden 
ihren fast ausschliesslichen Absatz in dem Freistaat Krakau; mit der 
Einverleibung desselben in das österreichische Territorium hörte plötz- 
lich diese Industrie auf. (i leichzeitig damit wurde eine andere Er- 
werbsipielle abgeschnitten. Die Seen vuid Teiclie im Plessner und 
Bv])niker Kreise sind ausserordentlich tischreich. Von diesen Fiv^chen 
wurden ungeheure (Quantitäten auf der AVeichsel nach Warschau ge- 
führt, so dass einzelne llesitzer von Fischteichen jährlieh bis gegen 
.SOOO Thr. dafür einnahmen. Als Krakau österreichisch wurde, machte 
der ludie Zoll, den man auf die Fische legte, diesen Handel unmög- 
lich. — Diese kurzen Andeutungen werden genügen, zu zeigen, wie 
die Keiiieruni»* durch die uniceheuerste Vernacldässimnii2: dieses Lan- 
des, durch eine gleich saumselige innere und äussere Politik sowohl 
die geistige als die materielle Hebung des Volkes unmöglich ge- 
macht hat. — 

Es bleibt uns endlich noch das Verhältniss der ländlichen Be- 
völkerung zu den grösseren (i rund besitzern zu betrachten, wel- 
(dies sich haujitsächlich in der Robot-Angeh^geidieit concentrirt. Ich 
kann mich darüber kurz fassen, da es schon wiederholt und mit grosser 
Wahrlieit in den ötfentlichen Blättern besprochen worden ist. Mehr, 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 225 

als in irgend einem Theile der östlichen Provinzen Preussens, findet 
sich in Oberschlesien eine Aristokratie mit ungeheurem Grundbesitz, 
und mehr als in irgend einem Theile von Preussen Oberhaupt, hält 
?ich diese Aristokratie fern von ihren Besitzungen auf, dem Beispiel 
des irischen Adels folgend. In den Hauptstädten (Breslau, Wien, 
Berlin u. s. w.) oder ausserhalb Deutschlands verschwendet ein grosser 
Theil derselben ungeheure Geldsummen, die fort und fort dem Lande 
entzogen werden. Woher aber soll eine Entwicklung des Wohlstan- 
des in einem Lande kommen, welches immer nur den Ertrag seiner 
Thätigkeit nach aussen abgibt? Ein Theil des Landvolks war schon 
durch die frühere Gesetzgebung seiner drückendsten Lasten gegen die 
ijrossen Grundbesitzer enthoben und dieser befindet sich in der That 
in einer günstigeren materiellen Lage. Allein der grosste Theil der 
i^rnnz ^kleinen Leute ^, namentlich die grosse Zahl der sogenannten 
Häusler hatte bis vor wenigen Jahren noch alles Missgeschick der 
Roboten zu ertragen. Diese armen Leute waren 5, 6 Tage in der 
Woche verpflichtet, der Grundherrschaft Hausdienste zu thun, und 
kaum blieb ihnen ein Tag übrig, an dem sie ihr kleines Feld, ihre 
Familie besorgen konnten. (Vgl. Breslauer Zeitung 1848, No. 59, 
Beil. I.) Was sollten sie an einem Tage in der Woche, an 52 Tagen 
in einem Jahre Grosses erwerben? Was sie in der Woche, in dem 
Jahr gewannen, reichte nothdürftig aus, die ersten Lebensbedürfnisse 
der Woche, des Jahres zu befriedigen. Was soll man aber von einem 
Volk erwarten, das seit Jahrhunderten in so tiefem Elend um seine 
Existenz kämpft, das nie eine Zeit gesehen hat, wo seine Arbeit ihm 
zu Gute kam, nie die Freude des Besitzes, nie die Genugthuung des 
eigenen Erwerbes, des Lohns für mühselige Arbeit gekannt hat, das 
die Frucht seines Schweisses immer nur in den Säckel der Grund- 
herrschaft fallen sah? Es ist ganz natürlich, dass solch' ein unglück- 
liches Volk den Gedanken an bleibenden Besitz überhaupt aufgegeben 
hatte, dass es, nicht für den morgenden Tag, nein, nur für den heutigen 
zu sorgen gelernt hatte. Nach so vielen Tagen der Arbeit, welche 
nur für den Wohlstand Anderer geschehen war, was war natürlicher, 
als dass es da den Tag, den es frei hatte, zum Ausruhen, zum Müssig- 
^^ang, zum Schlummern auf dem geliebten Ofen benutzte? was natür- 
licher, als dass es die Arbeit für den Grundherrn, die ihm gar nichts 
einbrachte, lässig ausführte und nur durch besondere Anregung zu 
einer energischen Thätigkeit angefeuert werden konnte? Eine solche 
Anregung bildete namentlich der Schnaps, dem es mit Leidenschaft 
zugethan war, in dem es eine Quelle des Vergessens, der augenblick- 
lichen freudigen Erhebung fand. Alle Angaben der Einheimischen 
stimmen darin überein, dass, als mit dem Enthaltsamkeits-Gelübde 
auch dieses Mittel wegfiel, die Trägheit zunahm und alle Freude aus 
dem Volk hinschwand. Als nun endlich vor 2 Jahren durch eine 
neue Gesetzgebung die Ablösung der Handdienste gegen die Abtre- 
tung von Acker u. s. w. an die Grundherrschaft herbeigeführt wurde, 
als dieses getretene und niedergebeugte Volk seit Jahrhunderten, nein, 
seit Anfang seines Erscheinens in der Geschichte den Tag der per- 
sönlichen Freiheit über sich angebrochen sah, sollte es da etwa diesen 

IL Virchow, Oeffentl. lledicin. 15 


l?'2n Vollfskranklieiten und Seiichon. 

Tai^ houiTissen, wie der kräftige Mann, der im VoUgeffilil seiner Frei- 
heit (liireli feindliche Gewalt eingekerkert war, wenn er die Thüren 
seines Gefängnisses gesprengt sieht? Was konnte ein Volk, das seine freie 
Zeit nur dem Müssiggange zu wichnen gewohnt war, anders thun, als 
seine Tage, die nun alle frei waren, alle dem Müssiggange, der Faul- 
heit, der Indolenz widmen? Niemand war da, der als sein Freund, 
sein Lehrer, sein Vornumd es bei den ersten Schritten auf der neuen 
Bahn unterstützte, unterwies, leitete; Niemand, der ihm die Bedeutunir 
der Freiheit, der Selbständigkeit gezeigt, der es gelehrt hätte, dass 
Wohlstand und Bildung die Töchter der Arbeit, die Mütter des 
Wohlseins sind. Früher hatte es im Interesse der Grundherrschaft, 
die der Hände bedurfte und der die Kraft dieser Hände ein Aeijui- 
valent des Kapitals ausmachte, gelegen, die absolute Verarmung und 
den Hunger von den Trägern dieser Hände abzuhalten; als die Ab- 
lösung der Handdienste vollzogen war, lag kein materieller Grund 
mehr vor, <ler Verarmung: und dem Hunger vorzubeuijjen. Sor^e nun 
jeder für sichl Denn die Verbrüderung <ler Kraft setzt die Verbrüde- 
runi^ der Interessen voraus I — 

Treten wir mit diesen Erfahnmgen, mit denen man die von 
Johannes Ro nge, der lange in Oberschlessien gelebt hat, vergleichen 
mag (Deutscher Zuschauer, 1848 No. 10), an die früher aufgeworfene 
Frage, olj die Unreinlichkeit, die Faulheit und Indolenz der ober- 
schlesischen Bevölkerunic als national -polnische Eiirenthümlichkeiten 
aufzufassen sind, so köinien wir dieselbe nur verneinen. Es ist mög- 
lich, dass auch bei andern Gliedern dieser uni^lücklichen Nation die 
Last der Verhältnisse ähnliche, traurige Resultate hervorgebracht hat; 
es liciit nicht in meinen Erfahrun<j:en, darüber zu urtheilen. Aber 
ich halte mich durch eii>:ene Anschauunüf überzeugt und zu dieser 
Ueberzeugung berechtigt, dass es den Oberschlesiern weder an Ar- 
beitskraft, noch an Intelligenz fehlen würde, wenn man sich die 
Mühe nähme, ihre schlummernden Eigenschaften zu wecken. Das 
Volk, wie es jetzt ist, körperlich und geistig schwach, bedarf einer 
Anleitung, einer Art von vormundschaftlicher Leitung. Wohlstand, 
Bildung und Freiheit bedingen sich gegenseitig, und so umgekehrt 
Hunger, Unwissenheit und Knechtschaft, wie das Struve (im deut- 
schen Zuschauer) sehr richtig hervorgehoben hat. Man zeige diesem 
Volke <lurch Beispiel und eigene Erfahrung, wie der Wohlstand aus 
der Arbeit hervorgeht; man lehre es Bedürfnisse kennen, indem man 
ihm den Geiiuss leiblicher und geistiger Güter gewährt; man lasse 
es theilnehmen an <ler Cultur, an der grossen Bewegung der Völker, 
und es wird nicht zögern, aus diesem Zustande der Unfreiheit, der 
Knechtschaft, der Indolenz hervorzutreten und ein neues Beivspiel von 
der Kraft und Erhebung des Menschengeistes zu liefern. Die plötz- 
liche Bekehrung einer so grossen Bevölkerung von der ärgsten Völ- 
lerei zu der voUkoumiensten Enthaltsamkeit vom Branntweingenuss 
hat, wie Kuh sehr schön gesagt hat, gezeigt, „dass der ursprüngliche 
Adel der menschlichen Natur sich nie ganz verläugnet."* Und dennoch 
war di(\^or Sieg eine Entbehrung, eine Entäusserung der letzten Quelle 
des (jemisses, welche dem armen Volke noch geblieben war. Welche 


0berschle8ische Typhus-Epidemie von 1848. 227 

Garantie bietet ein solcher Sieg der Möglichkeit eines Kampfes um 
wirkliche Güter, um positive Mittel des Genusses, um die wahren 
Schätze des Menschengeschlechtes! Welch* erhebender Anblick muss 
es sein, wenn dieses Volk, nachdem es Jahrhunderte hindurch die 
pchwersten Fesseln getragen hat, zum ersten Male aufsteht, wie ein 
junger Riese, sein Haupt aufrichtet und die kräftigen Glieder röhrt! 
Gewiss, es ist der Möhe werth, dass ein wohlwollender und umsich- 
tijxer Staatsmann die Losung einer solchen Aufgabe versucht. Die 
Medicin , als eine sociale Wissenschaft, als die Wissenschaft vom 
Menschen, hat die Pflicht, solche Aufgaben zu stellen und ihre theo- 
retische Lösung zu versuchen; der Staatsmann, der praktische Anthro- 
polog, hat die Mittel zu ihrer Lösung zu finden. Wir werden 
späterhin noch einmal darauf zurückkommen. — 

Bevor wir nun an die Epidemie selbst gehen, bleiben uns noch 
einige Bemerkungen über die Wohnungen und die Nahrung der Ober- 
schlesier zu machen. 

Was zunächst die Wohnungen anbetrifft, so sind diese auf 
dem Lande und in den Vorstädten überall dem niedrigen Cultur- 
zustande des Volkes entsprechend. Es sind ohne Ausnahme Block- 
häuser; die Wände aus über einander gelegten Balken, die innen und 
zuweilen auch aussen mit Lehm bestrichen sind, die Dächer aus Stroh 
gemacht. Schornsteine finden sich fast überall vor; die Fenster sind 
meist klein und nur zum geringsten Theil zum Eröffnen eingerichtet. 
Ställe und Scheunen haben nur die Wohlhabenden; meist umfasst 
das Haus gleichzeitig Wohnung, Stall und Vorrathsräume. Das 
Wohnzimmer ist gewöhnlich klein, 6, 8 — 12 Fuss etwa im Geviert, 
meist 5 — 6 Fuss hoch; der Fussboden aus Lehm gemacht, die Decke 
aus Brettern mit nach unten vorspringenden Balken. Einen grossen 
Theil des Raumes nimmt der Ofen mit seinen vielen Anhängen ein; 
unter den letzteren ist namentlich ein sogenannter Zigeunerofen, auf 
dem gekocht wird, und eine platte, aus Backsteinen aufgemauerte 
Erhöhung, auf der ein Theil der Bewohner seine Feierstunden zu- 
bringt und schläft, zu erwähnen. Den besten Platz des übrig blei- 
benden Baumes pflegt, wo der Wohlstand noch so gross ist, eine 
Kuh oder eine Kuh mit einem Kalbe einzunehmen. Das Uebrige ist 
mit dem dürftigen Mobiliar, unter dem eine Handmühle besonders 
zu erwähnen ist, und den meist mit Federkissen versehenen Bettstellen 
besetzt. Die letzteren genügen indess fast nie für das Bedürfniss der 
Einwohner, deren Zahl für solche Wohnungen 6, 8, 10 — 14 zu be- 
tragen pflegt; die übrigen schlafen auf dem Ofen, auf den Ofenbänken 
oder auf Stroh an der Erde. Der einzige Schmuck dieser Zimmer 
besteht in einer grossen Schaar von Heiligenbildern, welche wohl- 
eingerahmt in langer Reihe über den Fenstern zu hängen pflegen. 
— Man wird aus dieser kurzen Schilderung das Elend und die 
Nachtheile solcher Wohnungen leicht abnehmen. Die Ausdünstungen 
60 vieler Menschen und des Viehes, die Wasserdämpfe, welche sich 
in einer wärend der Wintermonate meist auf 18 — 20*^ R. gehaltenen 
Temperatur der Luft beimischen, erzeugen Jedem, der daran nicht 
gewöhnt ist, in der kürzesten Zeit Kopfweh. Der Lehm, aus dem 

15* 


2-^ * Yolkskrankheiten und Seurhen. 

der Fupsboden besteht, und mit dem die Wände innen ül>erzoi:eii 
fjind, ii^t häußg 80 feucht, dass zahlreiche Pilze darauf wachsen. Ja, 
ich habe Wohnungen gesehen, in welche da^ schmelzende Schnee- 
wasser eingedrungen war und 1 ' hoch den Boden bedeckte , ohne 
dass die Bewohner daran dachten, es zu entfernen: sie hatten Bretter 
darüber gedecktl Unter dem Hauptbett befindet sich endlich l>ei 
vielen eine kellerartige Vertiefung zur Aufbewahrung ron Kartofieln 
u. s. w., welche das ihrige zur Luftverderbniss beiträgt. 

Der grösete Theil dieser üebelstände ist, wie sich sicher an- 
nehmen lässt, uralt; einzelne, namentlich die grosse UeberfuUun:: 
der Wohnungen mit Menschen (^enromh/rmenf^ haben aber in den 
letzten Jahren sehr zugenommen. Herr Landrath y. Darant hat 
die Gfite gehabt, mir ein amtliches Verzeiehniss der ländlichen Woh- 
nungen und der Einwohner des Rybniker Kreises für die Jahre 
1834 und 1847 zu Obergeben, aus denen sich diess sehr klar ergieht: 

1834 1847 

1) Kirchen und Schulen .... 30 76 

2) Staats- und Gemeindehäuser . . 100 22 

3) Wohnhäuser 5544 6396 

4) Fabriken und Magazine . . . 258 231 

5) Ställe, Scheunen und Schuppen 3454 4260 

■9386" 10985 
Bevölkerung (incl. der Städte) 42303. 59320. 

Nimmt man nun bloss die Wohnhäuser, so ergiebt sich in einem 
13jährigen Zeitraum eine Vermehrung derselben um 852, wärend «lie 
Bevölkerung um 17017 Menschen stieg. Es kamen 1834 etwas we- 
niger als 7^ 2 Menschen auf eine Wohnung, 1847 etwas mehr als 
9^ 2' ^^^ ^'® Vermehrung der Wohnungen steht zu der Vermehrun^^ 
der Volkszahl in dem ungünstigen Verhältniss von 1 : 20. Wollte 
man das Verhältniss von 1834 (1 : 7,5) als ein normales annehmen, 
was es nach den mitgetheilten Thatsachen nicht ist, so würde sich. 
um diess Verhältniss zu erhalten, die Zahl der Wohnungen l>i> 
1847 um 2268 haben steigern müssen, während sie £Eiktisch si'h 
nur um 852 vermehrt hat. Es liegt demnach auf der Hand, 
dass mit jedem Jahre die hygienischen Verhältnisse ungünstiger ge- 
worden sind. 

Während so die Häuser der niederen Bevölkeiiing überall noch 
dem primitiven Zustand der Blockhäuser entsprechen, so sieht man 
in den Städten unmittelbar daran gutgebaute steinerne Häuser. Die 
Zwischenstufe, welche die deutschen Städte charakterisirt , die Ver- 
bindung der Balkenlage mit Mauern, das Haus aus Fachwerk felilt 
hier ganz, zum Zeichen, wie überhaupt die Bevölkerung diese Zwischen- 
stufe der Cultur, die allmähliche Entwicklung der Bedürfnisse tle^ 
geselligen Lebens nicht gekannt hat, indem der ärmere Theil immer 
noch unter derselben steht, während der wohlhabendere, gennanisirte 
oder eingewanderte dieselbe direkt übersprungen hat. 

Endlich ist noch die Lage der Wohnungen zu besprechen. Fast 
Oberall sind die Dörfer und Städte in Thalniederungen angelegt, wie 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 22d 

in der ganzen norddeutschen Ebene und auch anderswo. Den höch- 
sten und günstigsten Punkt nimmt die Kirche ein; nftchstdem folgen 
die Häuser der Wohlhabenden, die eigentliche Stadt, oder auf dem 
Lande die BauerhOfe; am tiefsten, zuweilen mitten auf der Wiese, 
liegen die Wohnungen der Häusler, und von den Städten ziehen sich 
in den Thälem weithin die Vorstädte fort. Bei jeder Ueberschwem- 
mung, bei jeder Vermehrung des Wassers sind diese niedriggelegenen 
Wohnungen daher am meisten ausgesetzt. — Die Ausdehnung der 
Dörfer und Vorstädte ist dabei gewöhnlich eine relativ ungeheure; 
die einzelnen Wohnungen stehen so weit auseinander, dass ein Dorf 
von 1500 Einwohnern gewöhnlich eine halbe bis eine ganze Meile 
lang ist. — 

Ein anderer wesentlicher Punkt ist die Nahrung der Leute. 
Gewöhnlich heisst es von den Oberschlesierh, und das ist selbst in 
den Kreisen die gewöhnliche Phrase der Gebildeten, dass sie sich 
einzig und allein von Kartoffeln genährt hätten. Nach den Erkun- 
digungen, die ich zum Theil bei den Leuten selbst, zum Theil bei 
erfahrenen Beamten, von denen ich nur den Hm. Landrath von 
Hippel in Pless erwähnen will, eingezogen habe, ist das nicht ganz 
wahr. Allerdings haben die Kartoffeln seit Menschengedenken den 
Hauptbestandtheil der Nahrung ausgemacht, und die Beschreibungen 
von der Quantität von Kartoffeln, die der Einzelne zu sich genommen 
haben soll, grenzen an's Unglaubliche. Allein daneben sind noch 
zweierlei Dinge zu erwähnen: Milch und Sauerkraut. Bei Vielen 
And allerdings die Milch und die daraus gewonnenen Artikel (Butter 
und Käse) zum Verkauf gebracht worden, allein Viele haben doch 
auch Milch genossen. Alle haben die Buttermilch und die von der 
Käsebereitung übrig gebliebenen Molken gebraucht Daneben ist 
Sauerkraut ein sehr gesuchtes Nahrungsmittel gewesen, und ich selbst 
habe noch in den Zimmern der Wohlhabenden grosse Fässer, damit 
angefüllt, vorgefunden. Cerealien sind immer in sehr geringer Menge 
i^ebaut worden und eigentliches Brot hat nicht zu den gangbaren 
Lebensmitteln gehört. Wo man Amylaceen anwendete, da geschah 
es nur als Zusatz zu anderen Dingen oder man machte davon ziem- 
lich schlechte brodartige Gebäcke. Hie und da fand ich in den Häu- 
sern allerdings einen Backofen und gutes, obwohl grobes Brod, allein 
diess bildete in keiner Weise die Regel. Nach der allgemeinen An- 
gabe bestand die Lieblingsspeise der Oberschlesier in einem Gericht, 
(las aus allen den genannten Substanzen zusammengesetzt war, nehm- 
lich aus Sauerkraut, Buttermilch, Kartoffeln und Mehl, genannt zur 
(i^esprochen jour), Fleischgenuss gehörte zu den grössten Ausnahmen. 

In dem Maasse, als sich nun die Noth ausbreitete und drücken- 
«1er wurde, musste sich auch die Ernährung kümmerlicher gestalten. 
Die Kartoffeln fehlten den Meisten bald, das Mehl gleichfalls; nicht 
lange, so sahen sich die Armen genöthigt, ihre Kuh zu verkaufen, 
- kurz, es blieb endlich nur das Kraut übrig. Da indess der Vor- 
rath an Oleraceen bald ausging, so griff man zu Surrogaten und nahm 
grünen Klee, Quecken, kranke und faule Kartoffeln u. s. w. Viele 
verhungerten dab^i direkt, viele geriethen in einen Zustand der Atro- 


230 Volkskrankheiten und Seuchen. 

phie, der erbarmungswürdig war. Endlich schritt die Regierung ein. 
Ihre HOlfe bestand darin, dass sie Mehl und Salz lieferte, und zwar 
von dem ersteren im Rybniker Kreise 1 Pfd. für den Tag und die 
Person, im Plessner 1^2 Pfd., da die Ansichten der Behörden und 
Local-Comite's über das Quantum verschieden gewesen waren. Wx^ 
sollten nun die armen Leute mit diesem Mehl machen? Sie hatten 
weiter nichts, auch kein Geld, um sich etwas dazu kaufen. Ganz 
natürlich fabricirten sie Dinge, welche der bisherigen Richtung ihrer 
Kochkunst entsprechend waren. Sie machten daher zunächst eine Art 
zur, d. h. sie rührten Mehl und Wasser in einem grossen Topf zu- 
sammen, fügten dazu etwas Sauerteig oder Essig, stellten das Ganze 
auf den Ofen und genossen es im Laufe des folgenden Tages. Näcbs^t- 
dem bereiteten sie eine Art von Brot (placzki), indem sie einen lei<'lit 
aufgegangenen Teig in eine platte Form brachten und auf der Ofen- 
platte äusserlich betrocknen fiessen. Weder das eine, noch das andere 
war für unsere Zungen irgendwie geniessbar, wie sich jeder leiolit 
wird vorstellen können. Dabei betrug die Zahl der HOlfsbedürfti^^en, 
welche voraussichtlich gegen 6 Monate auf diese Weise zu em&hren 
waren, allein im Rybniker Kreise gegen 20,000, d. h. * 3 der gesanim- 
ten Bevölkerung! Denn es war nicht daran zu denken, dass diese IV- 
völkerung in sich selbst die Mittel zu ihrem Unterhalt finden sollte. 
Abgesehen von dem, immerhin doch nur geringen Theil, der im Beri(- 
bau und in der Vekturanz eine einigermaassen ausreichende Erwerbs- 
quelle hatte, konnte man nicht erwarten, dass Ackerbau und Vieh- 
zucht bis zum nächsten Herbst etwas Erhebliches liefern wönien. 
Ueberall fehlte es an der Aussaat, das Vieh war zum grossen Theil 
verkauft. Aber selbst wenn beides nicht der Fall gewesen wäre, so 
würde man darauf nur wenig haben rechnen können, da auch diese 
Culturzweige in dem erbärmlichsten Zustand von der Welt waren. 
Enthielt doch selbst die Viehzucht noch ein besonderes Moment zum 
MDssiggang, da jeder sein Vieh selbst hütete und es daher fast eben 
so viel Hirten, als Stücke Vieh gab. — 

Diese Bemerkungen glaubte ich vorauf schicken zu müssen, um 
mir späterhin das Verständniss zu sichern. Man wird sich daran fiber- 
zeugt haben, dass der Zustand der oberachlesischen Bevölkerung ?<► 
grauenhaft jammervoll ist, dass, wenn man nur wenige Worte dar- 
über sagen wollte, jeder Fremde eine solche Schilderung fast fiber- 
trieben halten mQsste. Man muss aber diesen Zustand kennen, wenn 
man die vorliegende Epidemie einigermaassen richtig beurtheilen vnüü ' ). 

2. Die endemischen Krankheiten und die Entwicklung 

der Epidemie. 

Nach der übereinstimmenden Angabe aller einheimischen Aerzte 
sind Typhen, Wechselfieber und Ruhren die endemischen Krankheiten, 
ohne welche kein einziges Jahr hingeht. Was zunächst die Wech- 
sel fieber anbetrifift, so sind sie so allgemein, dass man kaum jeman- 
den findet, der nicht daran gelitten hätte. Sie kamen zu allen Zeiten 
des Jahres vor^ besonders häufig aber nach Ueberschwemmungen in 


Oborschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 231 

den tiefer gelegenen Ortschaften. Die ge wohnlichen Formen gehen 
mit dem tertianen, seltner mit dem Quartan- Typus einher; letztere 
enden gewohnlich in Wassersucht; beide sind häufig mit Compycatio- 
nen verschiedener Art (gastrischen, nervösen u. s. w.) verbunden. 
Die gewöhnliche Behandlung, welche die Leute selbst vornehmen, ist 
der reichliche Genuss von Buttermilch, wonach, wie sie mich allge- 
mein versicherten, das Fieber sehr bald zurückträte. Fast alle indess, 
die ich genauer untersuchen konnte, hatten Vergrösserungen der Milz 
zurückbehalten und ein blasses kachektisches Aussehen. 

Die Ruhren treten gewöhnlich im Spätsommer auf, finden sich 
in grosser Zahl und häufig mit dem sogenannten inflammatorischen 
Charakter, so dass sie nicht selten tödtlich enden. 

Ueber die Typhen lauten die Angaben nicht so übereinstim- 
mend. Die Mehrzahl der Aerzte behauptet entschieden, es sei nicht 
der gewöhnliche, abdominale, Heo-Typhus (fifevre typhoide); vielmehr 
träten die Bauchsymptome fast ganz zurück und auch die Kopf- 
erscheinungen erreichten eine geringere Intensität. Leider ist in den 
Kreisen nie eine Section gemacht worden, so dass von dem eigent- 
lich anatomischen Stvndpunkt eine Entscheidung unmöglich ist. Hr. 
Dr. Lemonius, früher in Königshütte, jetzt in Beuthen (der Beuth- 
ner Kreis grenzt östlich an den Plessner), schreibt mir: ,,In den 
wenigen Sectionsf&llen, die mir geworden sind, fand ich in einen ein- 
zelnen allerdings den vollständigen Typhus-Process, in anderen gar 
nichts, als eine grosse Erschlaffung des Darms, namentlich grosse 
Blutleere, sowie in den Unterleibsorganen im Allgemeinen.** Hr. 
Dr. Polkow in Batibor erzählte mir, dass er früher bis zum No- 
vember 1847 den gewöhnlichen Tjrphus mit Darmgeschwüren gefun- 
den habe; spätere Sectionen dagegen hätten die Darmschleimhaut ganz 
frei gezeigt. Hr. Haber, ein sehr geschickter Wundarzt in Rybnik, 
vnll früher in Neisse bei Soldaten aus Oberschlesien dieselbe Form 
des Typhus gesehen haben, und hier habe die Section Geschwui-sbil- 
dung nachgewiesen. — Leider sind alle diese Mittheilungen nicht 
bestimmt genug, um daraus vollgültige Schlüsse machen zu können; 
die Wissenschaft wird von den oberschlesischen Aerzten noch sehr 
wesentliche Aufschlüsse und genauere Beobachtungen für die Zukunft 
fordern müssen. 

Selbst eine allgemein genaue Symptomatologie der endemischen 
Typhen habe ich nicht feststellen können. Ein masernartiges Exanthem 
wollten nur die Herren Haber, Willim aus Pilchowitz und Dr. 
Raschkow in Loslau gesehen haben, während alle Uebrigen es leug- 
neten. Heftiges Fieber mit ungeheurer Muskelschwäche und häufigem 
Bronchialkatarrh wäre das Gewöhnliche; Durchfälle und Meteorismus 
sehr selten, Exaltation der Nerven-, insbesondere der Gehirnthätig- 
keit nur ausnahmsweise vorhanden. — Diese Typhen kommen das 
^anze Jahr hindurch vor, besonders häufig aber im Frühjahr und 
Herbst. Nach der Erfahrung des Hrn. Haber entwickeln sie sich 
in nassen Jahren, wo es viel geregnet, fast gar nicht; dagegen brechen 
sie gewöhnlich sehr schnell in Familien aus, welche neue Wohnun- 
gen, in denen der Lehm an den Wänden und dem Fussboden noch 


232 VolkskrankluMlen und Seuclien. 

nicht ganz trocken ist, bezogen haben. Zuweilen erheben sie i?ich 
zu epifl emischer Ausbreitung, wie das z. B. nach der Angabe des 
Hm, Kreisphysikus Kunze in Rvbnik vor 15 Jahren der Fall ge- 
wesen ist. — 

Von exanthemischen Krankheiten zeigen sich namentlich Masern 
sehr häufig und in grosser Verbreitung. 

Von besonderm Interesse ist unter den eigentlich endemischen 
Affektionen noch der Weichselzopf, der namentlich in der Weichsel- 
Niederung, aber auch weiter hinauf am rechten Oder-Ufer vorkommt. 
Ich selbst habe in Lonkau und Sohrau die exquisitesten Fälle davon 
gesehen. 

Scrofulose und Tuberculose sind trotz der Kartoffelnah- 
rung und der schlechten Wohnungen sehr selten. Obwohl ich in den 
Städten und auf dem Lande, in Privat -Wohnungen und Kranken- 
häusern eine ausserordentlich grosse Zahl von Kranken aus den ärme- 
ren Ständen gesehen habe, so ist mir doch kein einziger Fall von 
Phthise vorgekommen, und die Angaben der Aerzte stimmen voll- 
kommen damit uberein. Genaue statistische Uebersichten sind leider 
weder fiber die Erkrankungen, noch über die Todesfälle zu erlangen. 
Bei den Kindern sind sehr dicke Bäuche keine Seltenheit, allein nie 
sind sie dabei atrophisch, nie fohlt man vergrosserte Drusen durch. 
(Ich spreche natürlich nicht von atrophischen Kindern nüt Ascite*, 
die ich freilich auch gesehen habe.) 

Uebersieht man diese, wie auch immer unvollkommenen Angaben, 
welche indess in dieser unvollkommenen Gestalt wenigstens als sicher 
betrachtet werden dürfen, so wird man sich nicht enthalten können» 
daran einige nahe liegende Betrachtungen über das Verhältniss der 
berührten Krankheiten unter einander und über ihre Beziehung zu 
den örtlichen Zuständen anzuknüpfen. 

Abgesehen von dem Weichselzopf, auf dessen dunkle Geschichte 
einzugehen w^r verzichten müssen, treten uns als endemische Zube- 
höre desselben Bodens Wechselfieber, Typhen und Ruhren entgegen, 
häufig neben einander, meist jedoch so, dass zu gewissen Zeiten die 
eine oder die andere derselben vorherrscht; scrofulose und tuber- 
culose Krankheiten sind in demselben Maasse selten. Jedermann 
wird in dieser einfachen Nebeneinanderstelluug gewiss sogleich an das 
hauptsächlich von der naturhistorischen und in der letzten Zeit von 
der jungen Wiener Schule vertretene, praktisch höchst wichtige Ge- 
setz von der Ausschliessungsfähigkeit zwischen Wechsel- 
fieber und Tuberculose erinnert werden. Ohne mich in das Ein- 
zelne dieser weitläuftigen Frage einzulassen, glaube ich doch soviel 
sagen zu müssen, um voreilige Schlüsse aus meinen Angaben fem zu 
halten. Bekanntlich (obwohl Viele diess nicht zu kennen scheinen) 
haben die genaueren Untersuchungen über die Richtigkeit des er- 
wähnten Gesetzes bis jetzt kein sehr günstiges Resultat ergeben. In 
Holland Und Belgien (dem Rheindelta der Naturhistoriker), in Frank- 
reich und Brasilien finden sich Wechselfieber und Tuberculose uiclit 
selten familienhaft neben einander. In Amsterdam habe ich mich 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 233 

jielbst durch die Güte meines Freundes Dr. Schneevogt in dem von 
ilim dirigirten Buiten-Gasthuys überzeugt, wie Leute mit florider Tu- 
herculose Wechselfieber bekamen, das dem Verlauf der ei-steren Krank- 
heit keinen Eintrag that, und wie andererseits während der Herrschaft 
einer fiirchtbai'en Wechselfieber-Epidemie (184G — 47) ih den eigentlichen 
Fiebemestern selbst Tuberculosen zur. Entwicklung kamen. In Roche- 
fort, einem der ärgsten Fiebemester, fand A. Leffevre (daz. den liop. 
/«S'W, Sept, So. W't) bei 605 Autopsien 105 Tuberculosen der Lun- 
i;en und 27 anderer Organe. Ausser Boudin, auf den ich zu- 
zück kommen werde, und einzelnen Anderen sind es fast nur die 
italienischen Aerzte, welche Bestätigungen des Ausschliessungsgesetzes 
f^eliefert haben. Namentlich auf dem Congress der italienischen Ge- 
lehrten von 1846 wurde die Frage vielfach ventilirt und Buffalini 
««teilte schliesslich den Satz auf, dass gegentheilige Angaben nur von 
Ländern hergenommen sein könnten, wo die Fieber sehr gutartig 
:?eien, dass dagegen überall, wo sich Wechselfieber mit Heftigkeit ent- 
wickelten, eine lange Dauer hätten und leicht perciniös würden, immer 
ein Antagonismus beobachtet werde. Das Beispiel von Holland wider- 
legt diese Behauptung hinlänglich; es fragt sich aber, ob nicht eine 
Vermittlung zwischen diesen widersprechenden, immerhin doch aus 
der Beobachtung hergeleiteten Angaben herzustellen ist. Mir scheint 
es, als ob diess bei einer genauem Betrachtung der Detail -Verhält- 
nisse allerdings möglich sei. Wenn man bei seinen Untersuchungen 
von den Kranken- und Todtenlisten der Armeen ausgeht, wie es 
Boudin gros?sentheils gethan hat, oder von statistischen üebersichten 
fiber grössere Landbezirke, wie es namentlich von den italienischen 
Aerzten geschehen ist, die sich besonders an die toskanische Provinz 
Grossetto gehalten haben, so wird es meines Erachtens nirgends schwer 
fallen, das Gesetz von der Ausschliessung zu bestätigen. Tuberculosen 
gehören aus leicht begreiflichen Gründen nicht zu den Krankheiten, 
von denen Armeen heimgesucht werden, und sie entspringen nirgends 
-Axx^ den naturlichen Verhältnissen eines Landes. Geht man aber 
in die Städte und namentlich die grossen Städte, die eigentlichen 
Heerde der tuberculösen Krankheiten, dann findet man nur zu oft, 
dass das Gesetz falsch ist. Ich sage falsch, denn Naturgesetze haben, 
wie ich schon früher einmal hervorgehoben habe, keine Ausnahmen, 
und wenn man irgendwo scheinbare Ausnahmen von einem Natur- 
ijesetz zu finden glaubt, so in-t man je<1esmal: dann ist nehmlich nicht 
die Ausnahme, sondern das Gesetz ein scheinbares. Im Frühjahr und 
Anfang Sommers 1847 hatten wir als Aequivalent für eine Typhus- 
Epidemie, welche um diese Zeit gewöhnlich aufzutreten pflegt, in 
Berlin eine ausserordentlich ausgedehnte Wechselfieber- E^pidemie; die 
Phthisiker, welche in grosser Zahl in der Charit^ lagen, wurden da- 
von nicht verschont, und ich hatte nicht selten Gelegenheit, bei den 
Autopsien den charakteristischen Milztumor des Wechselfiebers neben 
der frischen Tuberculose der Lunge zu sehen. Alle Erfahrungen, 
welche wir bis jetzt haben, berechtigen daher meines Erachtens nur 
zu dem Schlnss, dass es Gegenden gibt, welche Wechselfieber 
erzeugen, und Zustände, welche Tuberculosen hervorrufen, 


234 Volkskrankheiten und Seuchen. 

und das8 zuweilen diese Zustände in jenen Gegenden vor- 
kommen, zuweilen nicht. 

Boudin (Etwien de iiioJoijfe nu'il. Aur In phthtnie puimonaire f'f 
In ff h vre ff/pholtle, I^iö) ist noch über das erwähnte Ausschliessuni^s- 
^eeetz hinausgegangen und hat nach statistischen Tabellen den Satz 
aufgestellt, dass in Gegenden, wo die erzeugende Ursache der ende- 
mischen Wechselfieber dem menschlichen Organismus eine tiefe Mo- 
difikation aufdruckt, Phthise und Tvphus relativ selten seien, währen<l 
da, wo diese Krankheit häufig vorkämen, in loco erworbene Wechsel- 
fieber selten und milde seien; nach längerm Aufenthalt in entschieden 
sumpfigen Ländern zeigten die Menschen Immunität gegen Tj^phu? 
(Vergl. Ann, dlu/fjiene puhl. et de med, leg, ISiöy Janv.) Das, wxs 
früher nur von dem Wechselfieber behauptet wurde, wird hier alto 
auch auf Typhus ausgedehnt. Allein die Erfahrungen der oberschle- 
sischen Aerzte widersprechen dieser Aufstellung direct. Boudin 
8j)richt zwar hauptsächlich vom Leotvphus (nen-e typhoide) y allein er 
zieht auch das typliua fever der Engländer in die Argumentation, so 
dass er füglich auch den oberschlesischen Typhus nicht abweisen kann. 
Ich will noch besonders erwähnen, dass, wie ich in Holland von den 
besten Aerzten wiederholt von dem Uebergange der Wechselfieber in 
Typhen (Febris intermittens in Continua remittens) hörte, so auch in 
Oberschlesien allgemein beobachtet wird, dass vorhergeganges Wech- 
selfieber für TyphiLs prädisponire, was also gerade das Gegentheil von 
Boudin's Meinung ausdrücken würde. Endlich muss ich noch her- 
vorheben, dass die Erfahrung des Hm. Haber, wonach Typhen in 
sehr nassen Jahren seltener sind, ebenfalls eine Angabe von Boudin 
widerlegt, dass nehmlich die Austrocknung eines sumpfigen Bodens 
oder die Verwandlung desselben in einen Teich das Wechselfieber 
tilge und dafür Phthise oder Typhus hervorrufe. — 

Nachdem wir die Entstehung der Wechselfieber, Ruhren und Typhen 
auf endemische Verhältnisse zurückbezogen haben, so müssen wir auch 
noch die Frage aufwerfen, welche speciellen Ursachen für jede dieser 
Krankheiten angenommen und in welchem Causalitäts - Verhältnisse 
diese 3 Krankheiten unter einander gedacht werden dürfen. Ziemlich 
übereinstimmend ist man darin übereingekommen, die endemischen*) 
Wechselfieber von einem bestimmten Miasma,' Sumpfinaiasma herzulei- 
ten; ja man hat dieses letztere noch genauer als bestehend in gewis- 
sen vegetabilischen Fäulnissprodukten angenommen. Bei den Ruhren 
hat man gleichfalls verdorbene, besonders vegetabilische Substanzen 
als die Quelle der Krankheit aufgefasst, so jedoch, da^s währen«! 
bei dem Wechselfieber ein flüchtiges, durch die Respirationsschi eini- 
huut aufhehmbares Miasma gesetzt werden müsste, das Ruhrmiasiua 
ein fixes wäre, das hauptsächlich durch Getränke oder Speisen in den 


*) Irh bt^mrrkc ausdrücklich, dtoss ich im Fol£;«'nflen nur von ondcini«;ch li 
Wech-^tlfichrrn. Rühren und Typhen n-de. und dass ich nicht ohne Weiteres en- 
Uebtrira^ung dieser Angaben auf die Actiolugie aller sporadischen Fälle zugestehe. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 235 

Körper eingebracht würde*). Was endlich die Typhen anbetrifft, eo 
weisfl jedermann y wie oft man ihren Ursprung durch die Aufnahme 
thierircher Fäulnissprodukte, entstanden bei der Anhäufung vieler 
Alenschen in einem geschlossenen Räume, durch die Exhalationen 
thierischer Auswurfstoffe, endlich durch direkte Fäulniss des Fleisches 
verschiedenartiger Thiere zu erklären gesucht hat. Nehmen wir diese 
Sätze, auf deren nähere Discussion ich hier nicht eingehen will, vor- 
läufig an, und machen wir die Probe darauf mit den oberschlesischen 
Zuständen, so würde es sich also darum handeln, ob wir in den oben 
dargestellten Verhältnissen des Landes und seiner Bewohner Momente 
finden können, welche für die Möglichkeit solcher Zersetzungen und 
die Einwirkung ihrer Produkte auf den menschlichen Körper sprechen. 
Diess ist in der That der Fall. Fäulniss setzt nach der neuem che- 
mischen Anschauungsweise die Anwesenheit einer erregenden und 
einer erregungsfthigen Substanz voraus; ihr Zustandekommen ist be- 
dingt durch den Feuchtigkeitsgrad und die Temperatur. Fäulniss 
vegetabilischer Substanzen wird demnach überall vor sich gehen müs- 
sen, wo abgestorbene Pflanzenreste auf und in einem feuchten Boden 
e»icli vorfinden; thierische Zersetzungsprodukte müssen sich um so 
leichter und reichlicher entwickeln, je mehr thierische Substanz in 
einem feuchten und warmen Raum aufgehäuft ist, je mehr thierische 
Wesen in einem solchen Raum lange Zeit zusammen sind. Man sieht 
leicht, dass derartige Verhältnisse in Oberschlesien gang und gäbe 
i*ind. Ber Boden, fast überall zum Ackerbau dienend, ist der Un- 
durchlässigkeit seiner Grundlage wegen, zumal bei der Reichlichkeit 
der atmosphärischen Niederschläge, sehr feucht; die aus Wiesen undMoo- 
ren bestehenden Thäler werden von Ueberschwemmungen häufig heim- 
iresucht. Die Wohnungen sind eng und feucht, mit Menschen und 
Thieren überfüllt; die Menschen halten sich viel in den Zimmern auf, in 
denen die Temperatur zu jeder Zeit (denn auch im Sommer rauss 
die Anwesenheit des Kochheerdes in der Stube und die Unmöglich- 
keit, die Fenster ordentlich zu öfinen, die Luft der niedrigen Zimmer 
sehr heiss erhalten) hoch ist, endlich sind sie unreinlich und gemes- 
sen Speisen, welche z. B. der zur, eine unvollkommene Gährung 
durchgemacht haben. Darnach worden wir als die wesentliche Be- 
dingung der Wechselfieber die grosse Feuchtigkeit des Bodens, als 
die der Typhen den Zustand der Wohnungen und der Nahioing an- 
sehen dürfen. Was die Ruhren anbetrifft, so darf nicht geleugnet 
werden, dass der Genuss unreifer und unverdaulicher Vegetabilien im 
Sommer häufig sporadische Fälle erzeugt, allein es muss nach allge- 


*) Ich kann nicht umhin, hier einen Fall von Boudin (Gaz. med. 1845, Ovt. 
Xo. 4f>) zu erwähnen: In einem Quartier von Versailles, welches sein Wasser durch 
• ine Leitung aus dem Trou-Sale erhielt, brach eine schwere Ruhrendemie mit perio- 
dischen Paroxysmen aus, von welcher die Bewohner der anderen Quartiere, sowie 
die Wi'in- und Seinewasser-Trinker verschont blieben. Bei der Untersuchung fand 
man, dass Fischer in dem Trou-Sale mit ihren Netzen den Schlamm des Teiches 
au^:;»:wühlt hatten. Man verbot diess sogleich, liess Seinewasser in den Teich und 
die Ruhr hörte auft 


236 Volkskraiikheiten und Seuchen. 

meinen Quellen derselben gesucht werden, da die ungeheure, ende- 
mische Ausdehnung, welche die Ruhr zuweilen erreicht, nur gezwun- 
gen darauf zurückzuführen ist. In dieser Beziehung mHI ich noch 
besonders hervorheben, dass die Brunnen, aus denen die Leute ihr 
Trinkwasser hernehmen, häufig so oberflächlich, so sehr in den höch- 
sten Schichten des Sumpfbodens tiefgelegener Wiesenthäler einge- 
richtet sind, dass die Beimischung vegetabilischer Zersetzungsprodukie 
aus den letzteren sehr leicht geschelien kann. 

Wäre diese Anschauungsweise von den endemischen Kjunkheiten 
Oberschlesiens richtig, so wörde dadurch die von Brächet verthei- 
digte Ansicht gestützt werden, dass das Miasma der Weehselfieber 
durch in Fäulniss begriflfene vegetabilische Substanzen gebildet werde, 
das Miasma der Typhen dagegen animalischer Natur sei. (Vergl. 
Bouillaud, Traife den ßet^rcH difeH e^isenfielleff, tH26y p.' ^^iöL) Nach- 
dem wir die heri*schende Epidemie werden betrachtet haben, wenlen 
sich noch einige Bemerkungen Ober den Grad von Wahrscheinlich- 
keit, den die vorgetragene Ansicht hat, anknüpfen lassen; ich bemerke 
aber schon hier, dass eine definitive Entscheidung der aufgestellten 
Fragen nur durch lange, detaillirte Studien der Localverhältnisse ire- 
wonnen werden kann. Ich habe mich denselben nicht unterziehen 
können, da sie einen jahrelangen Aufenthalt in Oberschlesien noth- 
wendig machen würden. Es wird vielmehr eine der edelsten uinl 
der socialen Bedeutung der Medicin ganz würdige Aufgabe für un- 
sere Collegen in Oberschlesien sein, diese Punkte zu einer Entschei- 
dung zu bringen, welche der Gesetzgebung eine Abhülfe der die Ge- 
sundheit der Einwohner gefährdenden Mängel, soweit sie bei dem 
Zustande unserer Gesellschaft und gegenüber den natürlichen Ver- 
hältnissen des Landes möglich ist, unter bestimmt formulirten Ge- 
sichtspunkten vorlegte. — 

Das Jahr 1844, wo der Mässigkeits- Apostel Stephan Brzo- 
zowski, ein aus dem russischen Polen entflohener Kapuziner, in ganz 
Oberschlesien das Gelübde der Enthaltung vom Branntwein erlanirte, 
hatte die letzte gute Ernte gebracht. Schon 1845 kam eine Miss- 
ernte, besonders in Kartoffeln, so dass das Volk späterhin die Hv]>o- 
these aufstellte, der liebe Gott habe es dafür strafen wollen, dass es 
seine Gabe so verachtet hätte. In Folge dessen haben Einzelne schon 
wieder angefangen, Branntwein zu trinken; Andern hat die katho- 
lische Geistlichkeit selbst das Gelübde erlassen, damit sie nicht zum 
Deutschkatholicismus übergehen möchten, dessen Wiege bekanntliili 
in dieser Gegend selbst stand. Im Jahr 1846, wo die Ablösung der 
Roboten begann, war die Missernte so bedeutend, dass schon die 
öffentliche Hülfe für die Armen in Anspruch genommen werden 
musste und die Kreisinsassen sich genöthigt sahen, eine Schuld von 
30,000 Thlr. aufzunehmen; damals zuerst begannen die Mehlliefenm- 
gen. Monat nach Monat wurde die Noth grösser, da die Bestände 
der Nahnmgsmittel immer mehr abnahmen, und im Sommer 1847 
kamen namentlich die vielen Surrogate in Gebrauch, von denen ich 
oben ges])r(>chen habe (Klee, Gras, Pilze, Wurzeln u. s. w.). Mitt- 
lerweile hatte sich übriirens die Noth auch unter den armen Hand- 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 237 

werkem der Städte eingefunden, da die berüchtigte Abtretung von 
Krakau erfolgt war und das täglich mehr verarmende Landvolk im- 
mer weniger Geld zum Einkauf seiner Bedür&iisse in den St&dten 
verwenden konnte. (Vgl. die treffliche Schilderung von Kuh in der 
Med. Ztg. No. 8.) Jedermann erinnert sich der hohen Temperatur 
des Jahres 1847. Eine solche Temperatur ist aber, wie wir froher 
gesehen haben, für Oberschlesien günstig: trockene Jahre bringen 
i(rosse Ernten. Die Kartoffeln schienen in der That ausserordentlich 
zu gedeihen; sie hatten üppiges Kraut getrieben; Alles gab sich der 
schönsten Hoffnung hin. Allein sehr bald änderte sich Alles, massen- 
hafte Niederschläge aus der Atmosphäre erfolgten, Ueberschwemmun- 
^en traten ein, die Kartoffeln erkrankten und die Ernte war eine 
total verfehlte. Hr. v. Eisner in Gross-Strehlitz, im nördlichen Theil 
von Oberschlesien, hat nach 14jährigen Beobachtungen für seinen 
Wohnort als Mittel der jährlichen Regenmenge 25 Pariser Zoll ge- 
funden, was ungefähr dem Mittel von Heidelberg entspricht; vom 
10. Juni bis 16. September 1848 maass er 19,75 Pariser Zoll, etwas 
mehr als das jährliche Mittel von Berlin (19,6 Zoll). 

Während des ersten Theils des Sommers schon brach eine Ruhr- 
Epidemie aus, welche in ihrer Ausdehnung und Heftigkeit den 
schlimmsten Epidemien an die Seite gestellt werden kann. Bestimmte 
statistische Angaben darüber sind nicht möglich, da die Zahl der 
Erkrankungen auch nicht annähernd bestimmt werden kann, lieber 
die Todesfälle kann man indess ein ungefilhres Urtheil gewinnen, 
wenn man die absolute Zahl der Todten in diesem Jahre mit früheren 
vergleicht. So überstieg z. B. im Plessner Kreise die Zahl der To- 
desfälle 1847 diejenige der gewöhnlichen Jahre (gegen 2000) um 
etwa 5000, eine Zahl, die nahe an 10 pCt. der ganzen Bevölkerung 
ausdrückt. Die Epidemie verschonte auch die wohlhabenden Stände 
nicht. — Gleichzeitig herrschte unter den Wiederkäuern Milzbrand 
epidemisch. 

Damach begann allmählich die Typhus-Epidemie sich zu 
entwickeln. Nach verschiedenen Mittheilungen scheint es, als ob die- 
selbe in den angrenzenden österreichischen Provinzen ((xalizien, Oest. 
Schlesien, Mähren und Böhmen) schon früher bestanden habe, als in 
den preussischen Kreisen; da indess die österreichische Presse nichts 
darüber hat melden können, so entbehren wir genauer Nachrichten 
vollkommen. Es scheint aber, als ob namentlich in Galizien die 
Seuche ausserordentliche Verheerungen angerichtet habe. In dem 
Wadowiczer Comitat, welches an den Plessner Kreis stösst, soll die 
Zahl der Todten nach ziemlich übereinstimmenden Angaben 60,000 
bis 80,000 betragen haben; der Kreishauptmann (derselbe, der auf 
den Kopf polnischer Emissäre einen Preis von 10 Gulden Münz 
f^eizte) hat aber geäussert, daraus mache man sich nichts! Am frühe- 
i^ten breitete sich die Epidemie nun im Plessner Kreise aus, wo sie 
schon im Juli begann; im Rybniker und Ratiborer Kreise brachte 
erst der September und October die grössere Entwicklung, ja in 
Loslau und Rybnik dauerte es bis gegen den December und Januar, 
bevor man die ganze Intensität der Seuche zu empfinden begann. 


238 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Im Laufe des Januar, Februar und März d. J. erhob dieselbe ihr 
Haupt allmählich noch in 7 anderen Kreisen (Gleiwitz, Beuthen. 
Lublinitz, Gross-Strehlitz, Kosenberg, Kosel, Leobschütz), so dass ?ie 
mehr als zwei Drittheile von Oberschlesien beherrschte. 

Die Hungersnoth hatte sich natQrlich nach vollkommen mi??- 
rathener Ernte in schnellen und ungeheuren Proportionen vermehrt 
Der Hr. Landrath v. Durant hatte dem Minister des Innern, Herrn 
V. Bodelschwingh schon unter dem 3. August einen Bericht Oher 
den Zustand der Ernte und Ober die drohende Hunfi^ersnoth einiie- 
reicht (Schles. Ztg. 1848. No. 44, Beilage 2), allein es geschah nicht«, 
weil man solche Berichte für Uebertreibungen ängstlicher Gemuther 
hielt. Hatte doch derselbe Minister, als er 2 Jahre zuvor den Künii: 
auf einer Reise in Oberschlesien begleitete, auf der man die Eisen- 
bahnen und die Schlösser der grossen Grundbesitzer nicht verlie.««?. 
wohlunterrichteten und wohlmeinenden Männern aus der Gegen«!, 
welche ihm den dermaligen Nothstand schilderten, in Ratibor, Glei- 
witz u. s. w. achselzuckend erwidert, es sei nicht so schlimm, wie sie e? 
darstellen wollten; er wisse das besser, die Regienmg sei gut unter- 
richtet! Als er nun endlich einzusehen begann, dass es doch sehr 
schlimm sei, da wurde die Hftlfe durch die Unterbrechung der Wa^- 
sercommunication im Winter und durch die zeitraubende Correspon- 
denz der Bureaukraten so lange verzögert, dass Viele (wie viele, weis? 
Niemand) direkt verhungerten. Das Bi-eslauer Comit^, welches er?t 
aus ganz Deutschland Geld zusammenbetteln musste, war eher tiui 
dem Platz, als die Regierung!*) 


3. Die Krankheit. 
A. Erscheinungsweise. 

Die nachfolgenden Mittheilungen stützen sich zum grösseren 
Theile auf eigene Anschauungen, wie ich sie theils durch laufende 
Beobachtungen in dem zu Sohrau eingerichteten Lazarett, welcJies 
unter der Leitung des ebenso gebildeten als erfahrenen Dr. Sobeczko 
stand, theils bei einzelnen Krankenbesuchen in Rybnik, Sohrau, Pless. 
Ratibor, Loslau, Lonkau, Radiin, Geikowitz und SmoUna gewonnen 
habe. Die erste Grundlage dazu, sowie die spätere Controle bildeten 
die Angaben der einheimischen und der schon einige Zeit in der 


♦) Eben, da ich dieses in die Druckerei schicken will, erhalte ich eine mit 
jrrosser Sachkenntniss und bester Gesinnung abgefasste Schrift: Die Hungerjicst 
in Oberschlesien, Beleuchtung oberschlesischer und preussisch«'r 
Zustände. Mannheim 1848. So sehr ich bedaure, bei meiner bisheriiren I> Er- 
stellung auf manche darin mitgcthcille Thatsachen nicht Rücksicht nehmen nt- 
konnt zu haben, eben so sehr freue ich mich, in der üebfreinstimmung miin- > 
Berichts mit dieser Schrift eine Gewähr für die Richtigkeit desselben zu fin'lm. 
Wenn man beide mit einander vergleicht, so kann daraus höchstens ein Vorwjif 
gegen mich hergeleitet werden, der nehmlicb, dass ich zu milde in meinen Lr- 
theilen gewesen bin. Um diesen Fehler zu verbessern, empfehle ich das Lesen «l-.r 
Schrift st'lbst aufs angch-gentiichste. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 239 

Gebend sich aufhaltenden, fremden Aerzte. Ueberall, wo sich meine 
Bemerkungen nur auf solche Angaben stützen, werde ich es beson- 
ders hervorheben. Die grosse Zahl von Kranken, welche sich auf 
verhältnissmässig kleinen Räumen zusammen befand, gewährte in 
kurzer Zeit einen Ueberblick über die verschiedenen Stadien der 
Krankheit, so dass sich durch Combination der an verschiedenen 
Individuen vorgefundenen Zustände sehr bald auch ein Bild von dem 
Verlauf der Krankheit construiren liess. Die Richtigkeit dieses Bil- 
des habe ich späterhin durch die zusammenhängende Beobachtung 
einzelner Fälle im Lazarett zu constatiren gesucht. Die grosse Ueber- 
einstimmung, welche ausserdem in den Krankheitserscheinungen und 
dem Kranldieitsverlauf bei den verschiedensten Kranken sich vorfand, 
sicherte ebenfalls das Resultat. Nichts desto weniger ist es möglich, 
dass meine Darstellung auch hier an manchen Punkten unvollkom- 
men wird; ich befürchte diess desshalb hauptsächlich, weil meine Be- 
obachtungen in eine relativ günstige Jahreszeit fielen und leicht vor- 
her und nachher der Verlauf der Krankheit sich weniger günstig 
dargestellt haben mag. Auch die Correktion solcher Punkte muss 
daher den übrigen Beobachtern überlassen bleiben. 

In dem gewöhnlichen Verlaufe der Krankheit glaube ich am be- 
quemsten 4 Stadien unterscheiden zu können und zwar eines der 
Vorläufer, eines der Höhe, eines der Abnahme der Ej*ankheit, end- 
lich eines der Reconvalescenz. 

Die Erscheinungen, ja selbst die Existenz des ersten Stadiums, 
liessen sich bei dem Landvolk nur sehr selten erkennen. Wie die 
meisten Glieder dieser „Schicht der Gesellschaft**, achteten sie auf 
geringe Erscheinungen zu wenig, als dass sie darüber Auskunft hätten 
geben können. Einige dagegen gaben bestimmt an, dass sie schon 
vor der Zeit, wo die Krankheit entschieden hervortrat, sich unwohl 
gefühlt hätten, sehr schwach gewesen seien, Schmerzen in Hen Glie- 
dern, Frösteln, Kopfweh, Uebelkeit gehabt hätten u. s. w. Am ent- 
schiedensten aber zeigte sich dieses Stadium bei den Fremden, beson- 
ders Aerzten, die unter den endemischen Einflüssen erkrankten. Herr 
Dr. Biefel fühlte sich zuerst am 27. Februar so unwohl, dass er zu 
dem gewöhnlich von ihm im Anfange der Krankheit angewendeten 
Brechmittel griff; darnach besserte er sich soweit, dass er seine Kran- 
kenbesuche wieder aufnahm, allein am 5. März trat die Krankheit so 
bestimmt hervor, dass er zur Rückkehr nach Breslau veranlasst wurde. 
Bei Hm. Prof. Kuh, dessen bestimmte Erkrankung vom 19. Februar 
zu datiren scheint, waren vorher Erscheinungen da, welche er selbst 
als den Ausdruck eines katarrhalisch-rheumatischen Fiebers betrach- 
tete. Bei einigen waren die Erscheinungen zwischen der ersten Er- 
krankung und der definitiven Erscheinung der Krankheit so unvoll- 
kommen, dass alle darüber getäuscht wurden. Prinz Biron von 
Curland hatte am 24. Februar nach einer unruhigen Nacht heftiges 
Kopfweh und fühlte sich so unwohl, dass sein Leibarzt, Herr Dr. 
Altmann, auf seine Rückkehr drang. Allein diese Erscheinungen 
ermässigten sich so, dass er am nächsten Tage nach Pless reiste. 
Dort sab ich ihn noch am 27. in einer Sitzung des Local-Comit^'s 


240 Volkskraiikhciton und Sourlioii. 

mit (lein Eifer und der Umsieht, welelie seine Anwesenheit in den 
Kreisen zu einer so ;iusserord(Mitlieh seirensreichen ^eniaclit hal)t*n, 
für (his Wohl der Kranken thätii^: später hei dem Diner nss er mit 
Appetit und unterhielt si(di ;uifs Lehhnfteste. Am näelisten Moriren 
ij^inis, er nach Breslau zuri'iek, wo er im Interesse der OherschlesitT 
noch viel i)eschäfti^t war. Als ich jim iK März nach Breslau kam, 
fand ich ihn schon auf dem KrankenlnLier, welches wenige T:\i:e. 
später sein Todtenhett sein sollte. - Mein Freund, Dr. v. Fran tzius ''^), 
der auf der Ri'ickreise von Wien nach Berlin heirnffen war, suclite 
mich in Pless auf und hei^leitete mich nach Solirau. Dort klaicte er 
zum erstenmale am 5. März rd)er Unwohlsein; nach einer unruhiiren 
Nacht erwachte er mit Kopfweh und Ahi^escldai/enheit, er tiel^crte 
leicht und liatte Frösteln hei trockener, hrennend heisser Haut, 
(le^en Mittag stellte sich ein ausserordentlich reichlicher SchNvei>'j 
ein, der ihn sehr erleichterte. In den foli:enden Tairen war er ziem- 
li(di wohl, sein Aj)petit soi^ar sehr ^ait, mir fühlte er sich etwas an- 
ireirriften, klagte zuweilen üher leichte Schmerzhaftigkeit der Glieder 
und war etwas still und apathisch. Am 10. traf er mit mir in Ber- 
lin ein, besorgte alle seine (ieschäfte vollkommen hesorinen, half noch 
am IS. am Barrikadenhau, und erst am Ahend des *21. entwickelte 
sich die Krankheit zu icrosserer Intensität. 

Man begreift sehr leicht, dass so !/erini:e und vorüber« '^ehen^le 
pjrscheinungen, denen ein fast vollkommener Nachlass aller Besch\\ er- 
den fcdgt, von dem grösseren Theile der Erkrankten gar nicht be- 
achtet werden, und dass man die Invasion der Krankheit auf einen 
ungleich späteren Termin zu verlegen geneigt ist, als die Thatsachen 
verlauL^en. Ich mache auf diesen Punkt besonders aufmerksam, da 
ich sj>äterhin noch wied(M*holt darauf zurückkommen muss, um An- 
gaben, die sich auf einen solchen späteren Termin beziehen, aN 
zweifelhaft nachzuweisen. Die Kranken aller Stände zählten in der 
Mehrzahl nur von dem Augenblicke an, wo die Krankheit einen so 
hohen (rrad erreicht hatte, (lass sie sich leij:en mussten. Nach den 
angeführten Fällen wird man aber sehen, da-^s die Krankheit dann 
schon mindestens 14 Tage gedauert haben kann, wenn auch ihre 
Erscheinungen so milde und unbestimmt gewesen sein mögen, da-^s 
kein Arzt im Stande gewesen sein würde, die Anwesenheit der 
Krankheit mit Sicherheit zu behaupten. 

Nachdem diess Stadium der Vorläufer, dessen Erscheinungen 
und Dauer nicht constant zu sein scheinen, einige Zeit bestanden hat, 
tritt das zweite S t a d i u m ein , welches die Krankheit ire wohn- 
lieh sehr bald zu ihrer Akme führt. Man könnte dasselbe nach <ler 
Analogie der älteren Schriftsteller, z. B. Hildenbrand 's, als ent- 
zündliches bezeichnen, weil es eine steigende Reihe von P^xaltations- 
Erscheinungen darstellt, allein neben diesen l)lickt doch überall der 
depressive Charakter der Kraidvheit, der sehr bald ganz in den Vor- 
dergrund tritt, deutlich hindurch. — Der Eintritt dieses Stadiums 
zeigt sich häuHi;: durch einen Schüttelfrost, den die Kranken als 
vollkommen dem Frost <les WechseUiebers, den sie so gut kennen, 
gleich darzustellen j>tlegten. Seine Dauer war sehr unbeständig; 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 241 

zuweilen bestand er 1 — 2 Stunden und wurde dann von Hitze und 
Fieber oline Schweiss gefolgt, oder er dauerte kurze Zeit und wieder- 
holte sich nach einigen Stunden oder in 1 — 2 Tagen. Manche Kran- 
ken sprachen nur von einem längere Zeit dauernden Frösteln; andere 
leugneten das Kältegefühl ab. 

Die Steigerung der Hauttemperatur war von nun an 
bleibend. Im Allgemeinen war die Haut trocken und die Hitze 
wurde sehr bald brennend (Calor mordaa:), und zwar in einem so 
hohen Grade, wie ich sie sonst selten gefCihlt habe. Wenn ich die 
Fingerspitzen eine halbe Minute zum Zählen der Pulsschläge an dem 
Vorderarm eines solchen Kranken gehalten hatte, so hielt das unan- 
irenehme prickelnde Gefühl zuweilen noch 10 — 15 Minuten an; am 
längsten hielt es sich, als ich eines Tages einen Kranken mit dem 
blossen Ohr am Rücken auskultirt hatte, an der Ohrmuschel. Manch- 
mal bedeckte sich die Haut mit leichten Schweissen, die nicht immer 
klebrig waren; dann aber wurde das stechende Gefühl des Calor 
monlax noch widerwärtiger. Immer war dabei der Hautturgor ver- 
mehrt, das Gesicht gewöhnlich geröthet, die Augen etwas injicirt 
und glänzend. 

Die Intensität des Fiebers, soweit es sich direkt am Blut- 
«^efäjisapparat äusserte, war nach dem Ernährungszustande der Indi- 
viduen verschieden. Bei kräftii^en, besser ernährten Leuten näherte 
es sich in den ereten Tagen etwas dem entzündlichen Charakter. 
Die Herzcontraktionen waren häufig und energisch; man zählte sehr 
bald 96, 100, 104 und mehr, ziemlich grosse und volle Pulsschläge, 
allein die Spannung der Arterienwand war selten so bedeutend, dass 
sie dem Fingerdruck einen bemerklichen Widerstand geleistet hätte. 
Bei einigen erreichte die Zahl der Herzcontraktionen in den ersten 
Tagen kaum das angeführte Maass; bei allen schlecht ernährten war 
aber clie Beschaifenheit des Pulses anders, die Arterie leicht zu com- 
[)rimiren, der Impuls der Blutwelle kraftlos, die Zahl der Herzcon- 
traktionen häufig 110 — 120 in der Minute. 

Gleichzeitig waren die Bewegungen des Darms verlangsamt, die 
Stuhlausleerungen selten, und wenn sie geschahen, so lieferten sie ge- 
formte, feste Fäcalmassen. Der Urin in dieser Zeit war sparsam, 
sauer, klar, dunkelgelb und flammig. Die Zunge war Anfangs 
feucht, die feineren Papillen mit einem weisslichen Epidermoidalbelag, 
so dass die gröberen ( Pap illae fung {formen) häufig noch roth durch- 
sahen und die Oberfläche der Zunge ein buntes, fleckiges Ansehen 
bekam. Durst hatten die Kranken verhältnissmässig wenig; der 
Appetit war massig, mehr auf säuerliche Speisen gerichtet. In sel- 
tenen Fällen war die Zunge stärker belegt, pappig anzufühlen, weiss- 
lich oder gelblich, der Appetit ganz verschwunden, Uebelkeit, Nei- 
gung zum Erbrechen oder Durchfall vorhanden. Der Leib war 
immer weich, meist voll, aber nicht aufgetrieben; grössere Gas- 
anhäufungen, Meteorismus nicht gewöhnlich. Besondere Schmerz- 
haftigkeit einer besondem Stelle konnte ich als constante Erscheinung 
nicht finden. Anfangs schien es mir, als ob Schmerz in den Hypo- 
chondrien, besonders dem rechten, zu den Eigenthümlichkeiten der 

R Virebow, Oeffeiitl. Mediciii. 16 


'24'2 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Krankheit gehörte, allein es zeigte sich bald, da^s dieser Schmerz 
nur in den Muskeln seinen Sitz hatte und seine scheinbar grossen? 
Intensität an den erwähnten Stellen nur durch die genauere Unter- 
suchung derselben bedingt war. Vergrösserungen der JVIilz lies^eu 
sich durch Palpation und Perkussion häufig und zuweilen in sehr 
grossem Umfange nachweisen, allein alle diese Kranken hatten fnlher 
an Wechselfieber gelitten, das sie selbst behandelt hatten. Bei den- 
jenigen, welche vom Fieber freigeblieben waren, fand sich auch keni 
Milztumor. 

Fast allgemein war in diesem Zeitraum ein massiger Bronchial- 
katarrh. Häufiger Hustenreiz; der Husten quälend, etwas zähen, 
schaumigen, glasigen Schleim, zuweilen leicht mit Blut gemischt, 
ffinlemd, manchmal etwas schmerzhaft; die Respirationsbewegunizen 
etwaj5 beschleunigt, die Athemgeräusche von Schnurren und PfeitVn 
be;rleitet. Schnupfen habe ich fiist nie gesehen, dagegen mehrmals 
Katarrh der Conjunctiva in massigem Grade. 

Die Abgeschlagenheit der Kranken war extrem. Nicht, 
djLss sie nicht im Stande gewesen wären, sich zu bewegen, aufzu- 
stellen, selbst zu gehen, aber sie fühlten eich so matt und entkräftet, 
da«« sie gewöhnlich apathisch auf dem Rücken lagen. Es war also 
nicht eine eigentliche, wahre Schwäche, sondern vielmehr ein Schwäche- 
geffihl, eine Hemmung der Erregung zu Bewegungen; nicht die 
Muskeln an sich, nicht die Leitungsapparate des erregenden Strome* 
(die Nerven) konnten als leidend bezeichnet werden, sondern die Er- 
regungscentren (die Ganglienkugeln). — Gleichzeitig fanden sich bei 
vielen Kranken sogenannte Muskelschmerzen. Am häufigsten 
hatten diese ihren Sitz in den Muskeln der Unterextremitäten, den 
Fusssohlen, Waden, auch wohl Oberschenkeln; nicht selten fanden 
sie sich am Rumpf, besonders an den Bauch- und Rfickenmuskeln: 
am seltensten sah ich sie in den oberen Extremitäten. Zuweilen 
waren sie ausserordentlich heftig, spannend, reissend oder ziehend, 
bei äusserem Druck und Bewegungen zunehmend. Eigenthumlich 
war die Wirkung, welche die gleichzeitige Abgeschlagenheit und 
Schmerzhaftigkeit an den Schlundmuskeln hervorbrachte: diese 
Kranken sagten gewöhnlich, sie könnten nicht schlucken, trieb man 
sie dazu, so klagten sie Ober Schmerzen. Man sah aber im Schlund 
und Rachen höchstens eine massige venöse Hyperämie der Schleim- 
haut. 

Was die Gehirnerscheinungen anbetrifft, so waren sie in 

dieser Zeit meist unbedeutend. Wenige klagten über Kopfweh oder 

Benommenheit, alle referirten über ihren Zustand gut, verständig, ja 

sogar ihrem Nationalcharakter gemäss lebhaft. Die meisten aber 

waren unruhig, insbesondere Nachts, und sprachen dann leise vor 

sich hin. Fast alle, und diess war eines der constantesten Symptome. 

klagten von vornherein über Summen und Sausen (hiwzy) vor den 

'^hren, welches sie mit dem Schäumen von fliessendem Wasser ver- 

hen; später, wenn es zunahm, was gewöhnlich geschah, beschrie- 

sie ein Klopfen, wie das Klappern eines Mühlrades. In dem- 

en Maasse, als diese subjektiven Erscheinungen sich steigerten« 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 243 

nahm das Gehör ab, und bei den meisten bildete sich bald eine ex- 
quisite Schwerhörigkeit aus. Es scheint mir nicht wahrscheinlich, 
den Grund dieser Erscheinungen in einer Affektion der Nerven centren 
oder von Nerven überhaupt zu suchen; vielmehr spricht der ganze 
EntT^icklungsgang dieser Schwerhörigkeit, sowie die vollkommene 
Freiheit der übrigen Sinnesorgane und des Kopfes überhaupt für 
einen Katarrh der Schleimhaut, der sich, analog dem Elatarrh der 
Luftwege im Respirationsapparat, von der Rachenhöhle aus auf die 
Tuba Eustachii und die Paukenhöhle fortsetzte. (Vgl. Pappenheim 
in der Zeitschr. f. rat. Med. 1844 Bd. I. S. 335.) Leider habe ich 
es versäumt, bei den Leichenöffnungen auf diesen Punkt Rücksicht 
zu nehmen, so dass ich ihn als einen bloss wahrscheinlichen bezeich- 
nen muBS. — 

In flolcher Weise, bald mehr, bald weniger heftig, pflegten sich 
die Erscheinungen in den ersten 3 — 4 Tagen dieses Stadiums darzu- 
stellen. Die hauptsächlichsten derselben beziehen sich, wie man sieht, 
auf das Nervensystem, und zwar ist es nicht sowohl das Gehirn, 
welches leidet, als der spinale und S3niipathische Apparat. Gewöhn- 
lich nach einem heftigen Frost sehen wir jene eigenthümliche , bren- 
nende Hitze der Haut auftreten, welche, wenn wir sie auch nicht 
mit Sicherheit von Veränderungen des Nervensystems ableiten können, 
doch nie ohne gleichzeitige, wesentliche Veränderungen dieser Art 
zu Stande komm. Zugleich haben wir die bedeutendste Hemmung 
in der Erregung (d. h. wahrscheinlich Veränderungen in den Gang- 
lienkugeln), charakterisirt durch die tiefe Abgeschlagenheit der Glie- 
der, die Verminderung der peristaltischen Bewegungen, der Secretion 
u. s. w.; vermehrte Erregung sehen wir nur an den Gefäss- und 
Muskelnerven. — Die zweite wesentliche Symptomengruppe stellt die 
katarrhalische Erkrankung der Schleimhäute dar, namentlich der- 
jenigen, welche die Luft führenden Kanäle auskleiden. — 

Am 3. oder 4. Tage, zuweilen etwas später, pflegt dann eine 
neue Veränderung aufzutreten; es erscheint nehmlich Exanthem 
<iuf der Haut. Da man auf dasselbe einen besonderen Werth gelegt 
hat, so werden wir dabei etwas genauer verweilen müssen. Das 
Exanthem erscheint vorzugsweise unter den beiden Formen, welche 
in der Geschichte der typhösen Krankheiten seit langer Zeit be- 
kannt sind. 

Die erste Form pflegte man gewöhnlich als masernartig zu 
bezeichnen (Exanthema morbilUfomie y rubeolous eruption). Es bildet 
Flecke, durchschnittlich 2 — 3'" im Durchmesser, doch auch kleiner, 
meist flach, selten leicht erhaben, von blassblaurother, an den Rän- 
dern verschwimmender Farbe; unter dem Fingerdruck verschwinden 
sie vollständig, um sehr schnell wiederzukehren; sie gehen nicht von 
dem Gefässapparat der Haarbälge allein oder zuerst aus, denn häufig 
sieht man sie gleichzeitig über mehrere Haarbälge ausgedehnt, manch- 
mal liegt der Haarbalg vollkommen excentrisch oder es ist gar keiner 
betheiligt. Ihre Form ist selten vollkommen rund, sondern* mehr 
verschoben, unregelmässig, selbst leicht zackig. Dieses Exanthem 
erscheint fast ohne Ausnahme zuerst beiderseits an den unteren 

16» 


244 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Theilen der Brust, in der Geilend der falschen Rippen und im 
p]f)ii^astriuin; von da breitet es sich schnell über Brust, Bauch un«l 
Rucken aus, zeigt sich auf den Armen und Händen, erreicht die un- 
teren Extremitäten, sehr selten das Gesicht; am Halse sieht man e-^ 
noch öfters. Es steht gewöhnlich sehr kurze Zeit: bei einigen fän^ 
es schon am Tage nach dem Erscheinen zu erblassen an, bei anderen 
vergehen 3, 4 und mehr Tage darüber. Die Flecke werden dann 
einfach blasser, so dass das Aussehen der Haut, w^enn man grossere 
Partien gleichzeitig in's Auge fasst, ein einfach fleckiges ist und (la<^ 
man die Anwesenheit einer so unscheinbaren Veränderung leichter 
aus einiger Entfernung wahrnimmt, als wenn man das Auge dem 
Körper sehr nähert. P^ine Abschuppung habe ich danach nie be- 
merkt, denn wo wirklich einige Epidermisschuppen sich ablösten, da 
sah man diess auch an Theilen, die kein Exanthem gezeigt hatten. 
Au(;h da, wo die Flecke schon^ verschwunden sind, sieht man sie in 
der Wärme oder bei gelinder Reizung der Haut, z. B. nach 
Waschungen mit Essig, wieder hervortreten. — Fasst man diese 
Thatsachen zusammen, so wird man leicht ersehen, dass man es mit 
einfachen, multipeln Capillarhyperämien der Haut zu 
thun hatte. 

Die Eintrittszeit dieses Exanthems auf bestimmte Zahlen zurück- 
zuführen, ist mir namentlich deshalb nicht möglich, weil es, ^ide wir 
früher gesehen'^haben, zu schwierig war, in jedem einzelnen Falle den 
Eintrittspunkt der Krankheit oder des 2. Stadiums festzustellen. Am 
sichersten kann ich diess wieder durch das Beispiel der erkrankten 
Aerzte thun. Hr. v. Frantzius hatte seit dem 5. März Prodrome 
der Krankheit, am 21. begann das Akme-Stadium , am Abend de^ 
23. wurden die ersten Exanthemflecke bemerkt. Hr. Biefel erkrankte 
am 27. Februar, am 5. März trat die Krankheit in ihr 2. Stadiun), 
und als ich ihn am Abend des 9. in Breslau besuchte, fand ich <ia> 
Exanthem an der Oberbauchgegend, der Brust und den Vorderarmen 
entwickelt; vorher hatte man nichts bemerkt. Hr. Kuh hatte sieh 
am 19. Februar ernstlich unwohl gefühlt; am Morgen des 24. be- 
merkte man die ei-sten Exanthemflecke. Diese Fälle, welche tlen 
Ausbruch des Exanthems auf den 3. bis 5. Tag des Akme-Stadium« 
verlegen würden, könnte ich noch durch zahlreiche andere, deren 
Gültigkeit freilich nur in den Aussagen der Kranken eine ire- 
wisse Gewähr fand, unterstützen. Andere Fälle dagegen schienen 
auf einen ungleich späteren Termin des Ausbruchs hinzudeuten. St) 
fand ich das Exanthem bei einer Frau in der Klischtuwka bei Schmu, 
welche ihrer Aussage nach 7 Tage krank war und bei der Hr. Dr. 
Wachsmann, der mich zu ihr gefiihrt hatte, am Tage zuvor nicht« 
bemerkt hatte. Nicht alle solche Fälle waren indess von vom herein 
der ärztlichen Beobachtung zugänglich gewesen; die Kranken waren 
in den ersten Tagen abgeschlagen, matt und eingenommen gewesen, 
hatten aber erst ärztliche Hülfe gesucht, da die Krankheit an Inten- 
sität zunahm. Es wäre daher wold möglich, dass auch in diesen 
Fällen die angeführte Zeitrechnung (3.-5. Tag) passt, allein ich kann 
es niclit mit Siclierheit behaupten. 


Oborschlosischo Typhus-Epidemie von 1848. "245 

Eine ebenso schwer zu entscheidende Frage ist die nach der 
Co ns tanz des Exanthems. Ueberall, wo ich Gelegenheit hatte, die 
Entwicklung der Krankheit von den ersten Tagen an unter einiger- 
inaassen gunstigen Verhaltnissen zu verfolgen, habe ich das Exanthem 
wahrgenommen. In den Hütten der Armen war diess freilich nicht 
immer möglich, da sie so dunkel waren, die Betten in einem so ent- 
fernten Winkel der Stube standen, dass man überhaupt nur das 
Gröbste erkennen konnte. Häufig war auch die Haut so mit Schmutz 
überzogen, dass man über die Anwesenheit eines Exanthems nicht 
in's Reine kommen konnte. Einige einheimische Aerzte behaupteten 
entschieden, dass sie Fftl)e gesehen hätten, welche ohne Exanthem 
verlaufen seien; andere wollten kein bestimmtes Urtheil abgeben, da 
sie bei der unvollkommenen Art, mit der sie bei der übergrossen 
Zahl ihrer Kranken ihre Besuche machen mussten, eine zusammen- 
hängende Beobachtung nicht bei allen anstellen könnten. In der 
That ist es leicht begreiflich, dass, wenn man nur alle 2 — 3 Tage 
einen Kranken auf dem Lande zu sehen im Stande ist und auch djis 
nur unter den ungünstigsten Bedingungen, wenn man femer über die 
Anamnese ilie allerunsichersten Angaben erhält, ein bestimmtes Ur- 
theil kaum möglich ist. 

Endlich kommt noch der Unterschied dieses Exanthems von an- 
deren, ähnlichen in Frage. Unter den Ratiborer Aerzten war schon 
ein Streit in dieser Beziehung entstanden, der durch die periodische 
]K)litische Presse Publicität erlangt hatte. Hr. Dr. van Decken 
hielt die Krankheit nach dem Exanthem geradezu für Masern, während 
Hr. Dr. Polkow diess ebenso bestimmt in Abrede stellte. Nun war 
gleichzeitig mit der Typhus-Epidemie auch eine Masern-Epidemie in 
den Kreisen, die besonders in den Waisenhäusern ziemlich rasch um 
sich griflF, Allein gerade diese Gleichzeitigkeit zeigte aufs Eviden- 
teste, dass das Masern -Exanthem und das masemartige Exanthem 
sehr wohl zu unterscheiden waren. Während jenes constant von dem 
(iesicht ausging oder doch dasselbe vorzugsweise befiel, erschien diess 
an den mittleren Theilen des Rumpfes zuerst und verschonte das 
Gesicht in der grossen Mehr^sahl der Fälle; jenes bildete viel inten- 
siver gefärbte, mehr runde, leicht erhabene, dicht stehende Flecke, 
welche ziemlich constant von den Haarbälgen ausgingen; dieses blieb 
bljisser, war ungleichmässiger gestaltet, flach und meist sehr zerstreut. 
Nahm man noch die übrigen Erscheinungen der Krankheit hinzu, so 
war eine Verwechselung kaum möglich. — Dagegen muss ich die 
vollkommene Identität dieses Exanthems mit der gewöhn- 
lidien Typhus-Roseola behaupten. Schon die älteren Beschrei- 
bimc^en aus dem Kriegstyphus beweisen diess. Ign. Rud. Bisch off 
(Beobachtungen über den Typhus und die Nei-venfieber, Prag 1814, 
S. 8) beschreibt das Exanfhemd morhilliforme fijphonitm^ das zwischen 
dem 3. und 5. Tage auf der Brust und den Vorderarmen, selbst zu- 
weilen im Gesicht ausbrach, als Fleckchen von der Grösse eines 
Weizenkoms, schön rosaroth, verschieden gestaltet, tfft oval und gleich 
einem Flämmchen in eine Spitze ausgeschweift; bei dem Druck des 
Fingers veränderte es sich nicht, unterschied sich aber von rothen 


246 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Petechien, welche weit dunkler geröthet, rund, gleich Flohstichen 
ohne Pünktchen waren. Das Einzige, was in dieser Beschreibung^ 
zu widersprechen scheint, ist der Umstand, dass die Flecke sich 
unter dem Fingerdrucke nicht veränderten. Diess scheint mir aber 
seine Erklärung in einer Angabe von Wedemeyer (Ueber die Er- 
kenntniss und Behandlung des Typhus, Halberstadt 1814. S. 69) zu 
finden. Derselbe sagt nehmlich, dass die primären Petechien, unter 
welchem Namen eben die Roseola zu verstehen ist, sich im Anfange 
der Krankheit fast sämmtlich wegdrücken Hessen und nach aufge- 
hobenem Druck wieder erschienen, späterhin sich aber nicht weg- 
drücken Hessen. In Beziehung auf diese Eigenthümlichkeit nähert 
sich also der Kriegstyphus dem typhtis fever der Engländer (vgl. 
Valleix Arch. genh\ 18S9. Septbr.^ Novbr,), während das Exanthem 
des oberschlesischen Typhus den bekannten iacheH roses /enticula/W^ 
der ßevre typhoide^ der Roseola des deutschen Deotyphus sowohl im 
Aussehen, als den Eruptionsstellen nach ganz gleich ist. Die einzige 
Differenz von dem BerHner Ueotyphus besteht in der Zahl der 
Eruptionsstellen, indem diese bei uns gewöhnlich eine ganz beschränkte 
ist; von dem Pariser Typhoidfieber könnte es auch durch die Zeit 
des Ausbruchs verschieden sein, die vom 4. — 35. Tage der Krank- 
heit beobachtet ist (Louis Recherchen nur la ßccre typhoide Ibiil. 
T, IL paff. 96.), In Beziehung auf den ersten Punkt muss ich inde^-j 
bemerken, dass ich in Oberschlesien nicht wenige Fälle gesehen habe, 
wo die Eruption nicht reichlicher war, als in unserm Ueotyphus. - 

Die zweite Form des Exjinthems ist die purpuraartige oder 
petechiale. Die Petechien stellen bei ihrem ersten Erscheinen f:i>t 
immer kleine, höchstens stecknadelknopfgrosse, fast vollkommen runde, 
gleichmässig hochrothe, flache Flecke dar, welche sich unter dem 
Fingerdruck nicht verändern, also nicht mit Blutkörperchen über- 
füllte CapiUaren, sondern Extravasate von Blut darstellen. Sie traten 
an sehr verschieeenen Punkten auf, bald am Rumpf, bald an den 
Extremitäten, ohne dass ich ein bestimmtes Gesetz darin hätte ent- 
decken können; nie sah ich deren im Gesichte, dagegen wohl am 
Halse. Von diesem petechialen Exanthem kann ich mit Sicherlielt 
behaupten, dass der Zeitpunkt seiner Eruption ein sehr wechselnder 
ist. Li Lonkau zeigte mir Hr. Dr. Babel zwei Leute, Mann und 
Frau, die in einem Bette lagen und zu gleicher Zeit vor 4 Tagen 
erkrankt sein wollten; beide hatten Petechien an den verschiedenen 
Theilen ihres Körpers. Bei Hrn. v. Frantzius zeigten sich die 
ersten Petechien gegen das Ende der ersten Woche nach dem Be- 
ginn des Akme- Stadiums. Diese Zeit möchte überhaupt als thr 
Durchschnittspunkt für den Beginn der Petechien gelten können. 
Eine constante Erscheinung für alle Fälle bildete diese Eruptit»n 
ebenfalls nicht; ich habe verschiedene Kranke bis zum unzweifelhaften 
Eintritt der Reconvalescenz verfolgt, ohne dass zu irgend einer Zeit 
Petechien zu sehen gewesen wären. Als ich in die Kreise kanj, 
hatten die meisten Aerzte das petechiale Exantliem nicht bemerkt: 
als Ich darauf mehrere Fälle in Rybnik gefunden hatte, sagten ujir 
mehrere, dass sie die Petechien jetzt auch gesehen hätten, und da?? 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 247 

sich also der Charakter der Epidemie etwas verändert haben müsse. 
Eine solche Aenderung würde nicht ohne Analogie sein. So sah 
Kennedy (Medical Report qf the Feuer Hospital ^ Cork-Street, Dublin 
/K'J9y pag, 17) bei dem Dubliner Typhus in den letzten Monaten von 
1836 das purpuraartige Exanthem vorwalten, wahrend 1837 das rubeola- 
artige h&ufiger war. — Ein bestimmtes Verhältniss der Petechien zu 
der Roseola in Beziehung auf die Localität oder Zeit der Eruption 
habe ich nicht auffinden können. A. Anderson (Ohnervations on 
ti/phm. (limgow ISiO, p, 20) erwähnt von dem schottischen Typhus, 
dass die gewöhnliche Eruption (die Roseola) zuweilen in die petechiale 
flbergegangen sei, indem Anfangs die Röthe unter dem Fingerdruck 
geschwunden sei, später nicht mehr. Ich will dagegen zuerst be- 
merken, dass aus dem Nichtverschwinden unter dem Fingerdruck 
noch nicht die petechiale Natur, die Anwesenheit eines wirklichen 
Extravasats folgt. Schon Wedemeyer (a. a. O. S. 71) erklärt sich 
mit Recht gegen eine solche Identität der nicht wegdrückbaren Roseola 
und der Petechien, oder wie er sagt, der primären und secundären 
Petechien, indem die ersteren nur durch eine Stockung des Blutes in 
den Geftssen und eine Art von Blutausschwitzung bedingt sei. Ich 
habe in Rybnik die Section eines Falles gemacht, wo bei Lebzeiten 
die zahlreichsten Extravasate in der Haut zugegen zu sein schienen, 
und wo sich bei der Autopsie an den immer noch gerötheten Stellen 
nur eine venöse Hyperämie mit Imbibition des Hämatins in die Um- 
gegend (vgl. d. Archiv I. S. 442) vorfand. Einen wirklichen Ueber- 
gang der Roseola in Petechien habe ich dagegen nie gesehen. Wo 
sich die Petechien ausbildeten, während die Roseola noch stand, da 
erschienen ihre Flecke stets zwischen den Roseola-Flecken: wo die 
letzteren schon verschwunden waren, da liess sich natürlich das Ver- 
hältniss nicht mehr ermitteln, allein dagegen spricht wenigstens der 
Umstand, dass die Petechien gewönlich da am reichlichsten sich ent- 
wickelten, wo das Roseola-Exanthem am spärlichsten oder gar nicht 
vorhanden gewesen war, z. B. an den Füssen und Waden. In der 
Mehrzahl der Fälle sah ich die Petechien auftreten, wenn die Roseola 
i<chon verschwunden oder im Erblassen begriflfen war, allein ich habe 
auch beide wiederholt nebeneinander gesehen, und in einem Falle im 
Lazarett zu Sohrau fand sich die Roseola erst am 2. Tage nach der 
Aufnahme in's Spital, während Petechien schon am ersten dagewesen 
waren. O'Reardon (Medical Report of the Feuer Honp.y Cork- Street^ 
Duhlin W40y p. 6) beobachtete endlich die Petechien häufiger unter 
den ärmeren Typhus-Kranken, als unter den mittleren und wohl- 
habenderen Klassen. Auch diesa fand in Oberschlesien nicht statt. 
Die obenerwähnten Eheleute in Lonkau gehörten zu dem wohlhaben- 
deren Bauerstand, sie belassen noch Kartoffeln und sagten selbst aus, 
dass sie bis jetzt noch nicht Noth gelitten hätten. Unter etwa 40 
anderen Kranken, die ich in diesem Dorfe sah, fand ich nur noch 
2mal Petechien, und doch war der grossere Theil der Kranken unter 
den allerarmseligsten Verhältnissen, da selbst die Mehlvertheilung erst 
vor Kurzem ordentlich organisirt war. — 

Soweit von den Exanthemen. Ich habe sie hier sogleich aus- 


248 Volkskrankhciten und Seuchen. 

fOhrlich neben einander besprochen, da sich die einzelnen Fragen so 
am übersichtlichsten abhandeln Hessen. Kehren wir jetzt zu dem 
Krankheits verlauf zurück. 

Von der Zeit an, wo das Exanthem ausbrach, gestaltete sich der 
Krankheitsverlauf bei verschiedenen Kranken verschieden. Im All- 
gemeinen kann man sich darauf beschränken, eine leichtere und eine 
schwerere Foi-m zu unterscheiden, da ein Eingehen auf zu viele Ein- 
zelfälle die allgemeine Anscliauung zu sehr verwirren würde. 

In den leichteren Fällen pflegten sich, während sich die 
Roseola entwickelte, die übrigen Ei-scheinungen zu steigern. Da* 
Ohrensausen und die Schwerhörigkeit, die Congestionen ziun Kojjfe 
nahmen zu, das Gesicht war mehr geröthet, der Kopf etwas mehr 
eingenommen und blande Delirien stellten sich ein, wenigstens bei 
nächtlicher Weile. In wenigen Fällen wurde auch Nasenbluten be- 
obachtet. Die Haut war brennend heiss, meist trocken und überall 
etwas geröthet; die Zunge fing an trocken zu werden, ohne sich aber 
mehr zu belegen, so dass eben nur das Athmen bei offenem Mun<le 
und grosser Hitze als die Ursache angesehen werden durfte. Weder 
die Zunge noch die Zähne bekamen den bekannten russigen Anfluji: 
des Abdominaltyphus; die Zunge bekam nur ein gelbliches, gelb- 
bräunliches, mehr plattes, zusammengetrocknetes Aussehen. Gleich- 
zeitig wurde die Respiration häufiger, mehr obei-flächlich, der Husten 
seltener und trockener. Bei manchen traten in dieser Zeit durcli 
einige Tage leichte Durchfälle ein, die dann gewöhnlich so schnell 
kamen, dass die Ausleerungen in's Bett gingen. Der Puls erreichte 
jetzt eine grössere Frequenz, so dass er bei den meisten Oer 100, ja 
häufig über 110 Schläge in der Minute machte; seine Qualität wurde 
ungünstiger, indem der Stoss der Blutwelle wohl heftig war, allein 
die Spannung der Arterienwand täglich geringer wurde. Die Mus- 
kelschmerzen traten in den Hintergrund, während die Abgeschlagen- 
heit der Glieder eine erhebliche Steigerung erfuhr. 

In den schwereren Fällen dagegen stieg die Pulsfrequenz 
sehr bald auf 120' ja 140 Schläge in der Minute; der Puls war 
gross, aber leicht zu comprimiren; die Blutwelle setzte sich niclit 
scharf ab, sondern hatte etwas Schwankendes und die Respiration 
wurde häufiger und ängstlicher. Die Zunge, nachdem ihre Obei-fläche 
ganz trocken, gelbbraun und rissig geworden war, wurde schwer l)e- 
weglich und starr. In einigen Fällen fand sich (z. B. bei Hm. 
V. Frantzius und bei einem städtischen Beamten in Sohrau im An- 
fange der 2. Woche) auch ein fuHginöser Belag der Zähne, ein mehr 
bräunlicher, dicker Belag der Zunge ein. Bei Allen behielt die Haut 
den Calor mordax, bei Einigen trotz ziemlich ausgedehnter, klebriger 
und stinkender Schweisse; die Petechien vermehrten sicli allmählich 
und die ganze Körperobei-fläche bekam ein fleckiges, hvjjerämischeji, 
raschartiges Ansehen. Die Schwerhörigkeit stieg bei Einzelnen zu 
siner wahren Taubheit. Die Schwäche wurde extrem, der Unterkielor 
hing schlaff herunter, das Ergreifen der Getränke mit den Lippen 
und das Herunterschlucken war sehr beschwerlich, die Ringmuskeln 
der Augenlider wurden nicht ganz im Schlaf geschlossen und da-* 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 249 

Auge war meist nach oben und innen gerollt; strengten sie dasselbe 
zu Bewegungen an, so hatte der Blick etwas Stieres und gleichzeitig 
Unsicheres. Bei Einigen kamen Zuckungen von verschiedener Hef- 
tigkeit, bald als eine Art von Sehnenhüpfen, bald als ausgedehnte 
krampfartige Zufälle. In Sohrau sah ich aus der Praxis des Dr. 
Wachsmann eine Frau in diesem Stadium, welche nach der sehr 
ausdrucksvollen, plastischen Darstellung ihrer Tochter einen allgemei- 
nen convulsivischen Anfall gehabt hatte; sie wurde dennoch herge- 
stellt. Das Gesicht war meist stark geröthet, der Kopf heiss. Manche 
sprangen in diesem Zustande aus dem Bett auf und liefen eine Strecke 
fort; bei den Meisten fanden sich leichte Delirien bei Tage und bei 
Nacht. Zuweilen hatten diese entschieden den Charakter der Exal- 
tation, selbst der furibunden; gewöhnlich waren sie depressiver Natur, 
abwechselnd mit einem soporusen Zustande. So sagte ein Mann sehr 
bezeichnend in einem fort, er sähe in allen vier Ecken des Zimmers 
UnglQck. — Bei Einzelnen trat auch eine lebhaftere katarrhalische 
Diarrhoe auf, ohne jedoch die Erscheinungen zu steigern oder 
eine grosse Heftigkeit zu erreichen; Meteorismus darnach war sehr 
selten. — 

Je nach der Intensität war auch die Dauer dieser Erscheinungen, 
die Dauer des Akme-Stadiums {überhaupt sehr verschieden. In den 
leichteren Fällen ging es schnell vorüber: das Exanthem kam am 3., 
4., 5. Tage der Krankheit, die Symptome hielten sich in einiger In- 
tensität bis zum Ende der Woche oder doch nur bis wenige Tage in 
die nächste Woche hinein, um in die des 3. Stadiums überzugehen. 
Die meisten Kranken, welche ieh gesehen habe, gehörten dieser Form 
zu, und da ich sie insbesondere im Lazarett zu Sohrau genauer zu 
verfolgen Gelegenheit hatte, so werde ich später einige dieser Fälle 
im Detail mittheilen. — In den schwereren Fällen dagegen pflegte 
ilie höchste Steigerung der Erscheinungen gegen den 9. — 10. Tag, 
bei wenigen später, z. B. erst gegen den 14., einzutreten. Immer 
aber setzte sich hier das Akme-Stadium über den Anfang der ersten 
Woche hinaus fort und fast immer umfasste es die zweite Woche 
noch ganz. Die meisten Kranken, welche diese Form der Krankheit 
zeigten, waren kräftige, gut genährte Leute, so dass man an ein be- 
stimmtes Verhältniss der Intensität der Krankheit zu dem Kräftezu- 
tfitande des Individuums zu denken gezwungen war, eine Combination, 
die in der grossen Prädisposition junger und kräftiger Personen zum 
Typhus überhaupt eine gewisse Bestätigung findet. Dagegen bestand 
kein bemerkbares Verhältniss zwischen dem Auftreten des Roseola- 
Exanthems und der Heftigkeit der Krankheit; freilich stand es bei 
manchen Kranken der schwereren Art etwas länger als gewöhnlich, 
allein bei anderen erblasste es auch, wie bei leichteren Fällen. In 
Fällen der ersten Art aber kam es doch vor, dass es noch bis zum 
10., ja 14. Tage zu sehen war. Auch die Ausdehnung der Petechien 
entsprach nicht der Gefährlichkeit des ^rankheitsverlaufes. Ich habe 
leichte Fälle mit sehr reichlichen Petechien und schwere mit sehr 
wenigen gesehen; andere Aerzte haben tödtlich verlaufene Fälle ohne 
Petechien gesehen. Ich kann daher nur die Meinung aussprechen, 


"250 VolkskraiikhrilPiJ und Sciichon. 

djiss weder die Roseola, noch die Petechien eine bestimmte progno- 
stische Bedeutung hatten. — 

Bei denjenigen Kranken, welche nicht in dieser Zeit als OpiVr 
der Krankheit fielen (auf die anderen werde ich in dem nächsten Ab- 
schnitt zuri'ickkommen), brach sich nun die Gewalt der Krankheit und 
es begann das dritte Stadium, welches wir als das der Abnahme 
der Krankheit bezeichnet haben. Es entspricht zum Theil dem ner- 
vösen Stadium anderer Autoren, insofern darin die Erscheinungen der 
Schwäche, der Erschöpfung, der l)ci)ression am ausgei)rägtesten und 
reinsten hervortraten. In den leichteren Fällen begann dieses Sta- 
dium, wie aus den obigen Angaben folgt, schon mit der 2. Woche 
der Krankheit, in den schwereren konnte man es von der 3. an 
rechnen, so also, dass der Eintritt desselben zwischen dem 7. — 14. Tag 
gesetzt werden kann, oime dass ich jedoch einem bestimmten Tage 
den Vorzug geben möchte. 

Für gewöhnlich bezeichneten sogenannte kritische P^rscheinun- 
gen den Uebergang. Bei Allen verlor die Haut das brennen<le, 
stechende Gefühl des Galor mordax, bei Vielen stellten sich leichte 
Schweisse ein oder wurde doch die Körperoberfiäche weich und feucht. 
In wenigen Fällen fanden sich Frieselbläschen, namentlich am Rumpf. 
Die Meisten liessen einen veränderten Harn. In der Mehrzahl war 
derselbe zwar noch sauer, aber er machte starke Sedimente von harn- 
saurem Anniioniak, welche jedoch nicht von der reichlichen F:ir}>stoll*- 
Abscheidung, wie bei Wechselfiebern, in der Reconvalescenz von Ent- 
zündungen mit grossen Exsudaten u. s. w., begleitet waren (Seclimen- 
tum latericium, roseum), sondern eine mehr lehmige, schmutzig icrau- 
braune oder weisslich braune Farbe hatten. Bei Einigen wurde der 
Harn aber entschieden alkalisch und machte schnelle und reich liehe 
Abscheidungen von Ammoniakmagnesiaphosphat (Tripelphosphat) in 
iirossen Krvstallen. Diese Veränderunuen im Harn dauerten mehrere 
Tage hintereinander an; dann wurde der Harn klar, orange oder 
strohgelb. — Auch die Zunge fing von den Rändern her an, feucht 
zu werden, die trockenen Stellen in der Mitte erweichten sich odrr 
lösten sich in braunen Borken ab. Der Husten wurde wieder reicli- 
licher und löste leichter einen schaumigen, bald weiv^slich, schleiniii;- 
eiteri^ aussehenden Auswurf. 

Wie die Erscheiiuniuen der Ilautcongestion sich minderten, j^ali 
man auch das Gesicht schnell blass werden, und die Kranken l>e- 
kamen oft im Laufe eines einzigen Tages ein collabirtes, erschöpfte^ 
Aussehen, während sie noch bis dahin das Bild einer ungesclnvachten 
Ernährung dargeboten hatten. (Diess gilt natürlich von den durch 
Hunger schon vorher Erschö])ften nicht.) Auch trat die ungeheure 
Schwäche der Muskeln jetzt erst so recht in das subjektive Getulil 
der Kranken, denn jetzt handelte es sich nicht mehr bloss um eine 
falsche Schwäche, um eine Trägheit der Bewegung, um eine gehin- 
derte Beweicunii- aus Heunnuni;" der Errcicunii:, sondern um eine wahre 
Schwäche, um die Hinderung der Bewegung trotz vollständig ige- 
schehener Erreuunir. Gleichzritii^ bcjjannen auch die Muskelschuier- 
zen bei vielen Kranken wieder mehr hervorzutreten, mit dem Unter- 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 251 

schiede jedoch, dass mehr einzelne Muskelpartien in wechselnder Art 
al8 schmerzhaft bezeichnet wurden. 

Die Zahl der Herzcontractionen blieb bei Allen noch vermehrt. 
In den leichteren Fällen sank sie allerdings ziemlich schnell, so' dass 
in einigen Tagen die Frequenz von 100 — 96 auf 84 — 76 herunter- 
ging, allein in den schwereren bestand eine grössere Zahl noch fort 
und ich habe Fälle gesehen, wo 110 — 120 Sohläge gezählt wurden. 
Bei Allen war der Puls im höchsten Grade elend, der Anschlag der 
Blutwelle sehr schwach, die Spannung der Arterienwand unbedeutend, 
der Puls mit der grössten Leichtigkeit zu comprimiren. — Gehirn- 
erscheinungen, ausser einer massigen Schwäche des Gedächtnisses und 
einer Neigung zu unruhigen Träumen in den schwereren Fällen, 
habe ich nicht gesehen. 

Die Petechien verschwanden bei den meisten Kranken während 
dieses Stadiums, indem sie allmählich vom Rande her blasser wurden, 
sich veinvischten, zuweilen einen leichten Stich in's Gelbliche be- 
kamen, und endlich ohne Rückstand resorbirt wurden. Bei Einzelnen 
dagegen vermehrten sie sich noch während dieses Stadiums, wurden 
besonders an den peripherischen Theilen, den Enden der oberen und 
unteren Gliedmaassen dichter, confluirten zum Theil zu grösseren, 
unregelmässigeren Flecken, die jedoch, so viel ich gesehen, nie den 
Umfang einer Linse überstiegen. Auch in diesen Fällen geschah die 
Rückbildung ganz in der angegebenen Weise, setzte sich aber dann 
bis in die Reconvalescenz hin fort. 

Die Dauer des Stadiums war sehr unbeständig und eine be- 
stimmte Abgrenzung desselben ist überhaupt nicht möglich. Der 
Uebergang in das vierte Stadium, das der vollkommenen Recon- 
valescenz, geschah so allmählich, so ohne Absätze oder bestimmt cha- 
rakterisirende Erscheinungen, dass es vollkommen willkürlich sein 
würde, einen fixen Termin angeben zu wollen. Im Allgemeinen kann 
man sagen, dass die leichteren Kranken mit dem Ende der 2., -die 
schwereren mit dem Anfang der 4. Woche in die entschiedene Re- 
convalescenz eingetreten zu sein pflegten. Es konnte aber die Re- 
convalescenz als eingetreten angesehen werden von dem Zeitpunkt an, 
wo der Puls auf seine normale Frequenz zurückgekommen war. Hr. 
Prof. Kuh, der am 19. Febr. erkrankt war, befand sich am 9. März, 
wo ich ihn in Breslau wiedersah*), also nach 4 Wochen, eigentlich 
noch im 3. Stadium der Kmnkheit, allerdings gegen das Ende des- 
selben, allein er hatte dasselbe auch unter den ungünstigsten Ver- 
hältnissen erreicht. Hr. Dr. Neumann erkrankte in Radiin am Abend 
des 23. Febr. und liess sich nach einer unruhigen Nacht schon am 
folgenden Morgen nach Loslau bringen, wo ich ihn sah. (Er hatte 
massiges Fieber, den Kopf subjektiv etwas eingenommen, Calor mor- 
dax bei feuchter Haut, leichten Belag der Zunge.) Er ging dann 
sogleich nach Breslau, und als ich ihn dort am 9. März, also im Be- 
ginn der 3. Woche nach der Erkrankung, aufsuchte, hatte ich die 


*) Vor seiner Wohnung hatten die lireslauer Aerzte eine schwarze Tafel mit 
der Inschrift ^T^-phus" aufgestellt. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 253 

Kälte eingetreten war. Hr. Regimentsarzt Zillmer in Gleiwitz theilte 
mir einen andern Fall mit, wo der Unterschenkel bis zum Ende des 
obem Drittheils brandig geworden und eine spontane Amputation (durch 
Brechen der Knochen beim Aufstehen aus dem Bett) erfolgt war. 

Einzelne Aerzte wollten Parotiden gesehen haben, doch waren 
solche Fälle sehr vereinzelt. — Atrophien und Oedeme waren, 
wie sich von selbst versteht, bei schlecht ernährten und vernachlässig- 
ten Personen sehr häufig, zumal da die voraufgegangenen Wechsel- 
tieber an sich schon dazu disponirten. Ich werde einen solchen Fall 
noch mittheilen. Bei den kräftigeren Personen, wo die Krankheit 
keine hohe Intensität erreicht hatte, war die Abmagerung sehr unbe- 
deutend, und ihre Reconvalescenz pflegte sogar in dieser Beziehung 
den entschiedensten Contrast zu unserm Abdominaltyphus darzubieten. 
War die Form der Krankheit aber sehr schwer, so kam auch hier 
eine ganze extreme Abmagerung zu Stande. 

Endlich muss ich diejenigen Störungen der Reconvalescenz er- 
wähnen, welche durch grobe Diät fehler bedingt wurden. Diese 
Störungen waren, wo ich auch davon gehört habe, immer von der 
allerbedenklichsten Art. Ich sah den ersten Fall dieser Beschaffen- 
heit in Loslau in der Praxis des Dr. Türk. Ein Mann, der sich in 
der 6. Woche der Krankheit vollkommen in der Reconvalescenz be- 
funden hatte, war plötzlich nach dem Genuss von Leber, die er sich 
mit einer sauren Sauce hatte zubereiten lassen, aufs Heftigste er- 
krankt. Als ich ihn sah, musste man an seinen baldigen Tod den- 
ken: ganz collabirtes Gesicht, sehr abgemagerter Körper, Puls von 
130, sehr elenden Schlägen, die Respiration häufig, oberflächlich, ster- 
torös, Durchfälle, Erbrechen, heftige Schmerzhaftigkeit im rechten 
Ilypochondrium , das im grossen Umfange einen matten Ton zeigte. 
— Der zweite Fall war Hr. Wundarzt Preiss in Rybnik, der in 
der 5. Woche der Krankheit gleichfalls in der vollständigsten Recon- 
valescenz gewesen war. Nachdem er am 23. Febr. etwas viel But- 
termilch (die um diese Jahreszeit immer nicht besonders gut ist) ge- 
nossen hatte, fühlte er plötzlich eine grosse Aufregung, bekam einen 
heftigen Schüttelfrost, dem Hitze mit sehr heftigem Fieber (Puls von 
IGO Schlägen) und reichlichem, galligem Erbrechen folgte. So dauerte 
der Zustand an bis zum Morgen des 24., wo ein neuer heftiger 
Schüttelfrost eintrat, um in ein neues Stadium der Hitze, des Fiebers 
und Erbrechens überzugehen. Am Abend dieses Tages, wo ich den 
Kranken sah, war keinerlei Lokalaffection zu entdecken; das Er- 
brechen stark gallig. Am Morgen des 25. ein neuer Schüttelfrost. 
Hr. Kreisphysikus Kunze gab nun Chinin, die Frostanfälle blieben 
aus, allein das Erbrechen wurde um so hartnäckiger. Champagner 
schien es Anfangs zu unterdrücken, allein bald kehrte es wieder, ging 
in Schluchzen über und der Kranke starb am 5. März. Eine ana- 
tomische Untersuchung ist leider nicht gemacht worden, da ich um 
einen Tag zu spät in Rybnik eintraf, und es kann die in den letzten 
Tagen aufgekommene Vermuthung, dass sich hier, wie in dem zuerst 
erwähnten Fall, eine Leberaffektion ausgebildet habe, nicht weiter be- 
sprochen werden. 


254 Volkskranlihciten und Sourlien. 

Eine ausgedehnte, eigentliche Al)sclui|>piing habe ich nicht 
gesehen. — 

Ich schliesse diesen Ai)schnitt mit der Mittheiluiiü: einiij:er Kran- 
kengeschicliten aus dem Lazarett zu Solirau, welche im Allgemeinen 
die herrschende, leichtere Form der Krankheit wiedericeben. Ich lialie 
sie so ausgewählt , dass jede derselben etwas C-harakteristisches dar- 
bietet, werde mich aber der weiteren Bemerkungen darüber enthalten, 
da die voranstehenden Angaben meine Ansichten weitläuftig genu^ 
wiedericeben. 

Fall I. Alois Waliüura. ein jun^^er krältii'vr Mensch von etwa 20 Jalirfii. 
Ijefand sich gleiohzeiti<z: mit seinem Vater (vül. Fall VI.) und seiner iSchwester im 
Lazarett. Zuerst war die Scliwester. dann der Vater, zuletzt der Sühn erkrankt, tilnie 
(jinen ei^rentlichen Frost y:chal*t zu luihen. fülilie er sich vor 4 Tagen abircsclil.'i- 
^en. leicht einirenonunen, lVüst«dnd. so dass er sich leyto. Als ich ihn am '2iK Fe- 
bruar im Lazarett sah. «i:ah er ^anz verständii^c lU-lationen', klagte über l»MclUe> 
Koptweh und Sunnnen vor den Ohren, war miissit^- ^chwerhörii^". das iJesicht leicht 
^^eröthet. Er iTihlte sich sehr matt und hatte lieft iue Schmerzen in <len umert^u 
Extremitäten, die si(*h von den Fii>sen bis zum untern Paule der (Oberschenkel er- 
streckten und bei Bewei^uniren und beim Druck zunahmen, ohne dass man ein»' 
Veräiulerun^ der l'heile wahrnehmen konnte. Die Haut war weich, etwas dufi»Mni. 
intensiver Calor mordax: am untern Theil der ßru.st. am (Jberbauch und Kücken 
mässiji: verbreitete ]\(»se(»la, die einzelnen Flecke leicht erhaben, in der Mitte 
etwas dunkler, beim Fin^erdruck auf eiiuMi Au;j;enblick verschwindend. Der VuU 
machte IMj, ziemlich «i:russe und volle Schliiire; der Harn etwas saturirl. sauer. 
Auch jetzt fröstelte ihn noch fortwähreml. llilurmer Hustenreiz, beim Husten etwa> 
Schmerzen in der Brust; bei de,r Auscultatitm luu-te man besonders hinten in der 
Gej^end «1er grösseren Bronchialstämme l^lViten bei der Inspiration, hinten um! un- 
ten zum Theil unbestimmtes Athmen. Die Zunne roth. nur in der MittP leicht 
weiss belegt; der Leib weich, in beiden Hyjiochnndrien etwas schmerzhaft, allein 
keinerlei Veränderung der Leber oder Milz durch Palpation oder Fercussi(ui zu er- 
mitteln. Der Stuhlgang normal, fest. — Die Nacht verging ziemlich rulii;:: am 
nächsten Tage hat das Sausen in den Ohren zuii'enommen, das Exanthem sich über 
die Brust weiter ausgedehnt. Die Fiis.se sind immer noch sehr schmerzhalt; er 
fühlt sich sehr schwach. Puls \)'2. gross, ziemlich kräftig. Zunge feucht, leicht 
weisslich; es ist noch Appeiit v(jrhaiiden. — - Am 2. März ist das Exanthem fas' 
ganz verblasst, die Haut weich , nicht sehr heiss. weniger brennend; Puls ^.Hi, 
massig gross, leicht zu com])rimiren. Das Gesiclit blasser, etwas collabirt. Zuniie 
feucht, leicht weisslich belegt. Leib weich, nicht schmerzhaft. Starkes Summen. 
Zunahme der Schwerhörigkeit. Husten häuJig. feucht, löst leicht ein geformtes. 
weisses Sputum ; man hört hinten rechts unbe^tinJmtes Athmen mit starkem PftitVn. 
links unbestimmtes Athmen, vorn auf beiden Seiten oben starkes Pfeifen, unten 
unbestimmtes Athmen mit Schruirren. Hel'tiue Schmerzen in den Fusssohlen und 
l'nterschenkeln bis zu den Knieen. — Am l^. ist das Exanthem ganz verschwun- 
den, der Kranke fühlt sich wohler, nur klaüt er über Schwindel, Schmerzen in den 
Füssen und l'nterschenkeln und üriv^se S<'hwäche. Hie Zunge ist feucht und rein. 
«ler Puls macht 80, etwas matte SchlÜLre. der Harn klar, strohgelb, neutral. IHo 
Kesj)iralionsgeräuhche sind reiner, die Bruslsehmerzen ganz verschwun<ien, die h\- 
pecloration massig, leicht schleimig-eiteriii'. — Am 4. der Ku])f etwas freier, die 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 255 

Schwerhörigkeit lässt nach. Die Respiration wird freier, der Auswurf ist ziemlich 
reichlich, man hört nur noch rechts unten auf der Höhe der Inspiration Pfeifen. 
Das Fieber lässt immer mehr nach. — Am 5. 6. und 7. ging es so ruhig fort, 
die Schwerhörigkeit liess fast ganz nach, der Kopf blieb vollkommen frei, der 
Husten ermässigte sich, der Appetit wurde lebhaft und die Schmerzen in den 
Füssen verminderten sich. Nur die Schwäche blieb noch. 

Fall II. Halbhauss, Schreiber aus Loslau, 20 Jahre alt, ein kräftiger, gut 
ernährter Mann aus einem nicht durchseuchten Hause, ist nach einer Mittheilung 
des Hrn. Dr. Sobeczko, der ihn schon dort gesehen hat, am 26. Februar er- 
krankt (wahrscheinlich ist die Krankheit damals nur sehr intensiv geworden, hat 
aber länger bestanden). Als ich ihn am 29. im Lazarett sah, war der Kopf sehr 
eingenommen, die Wangen stark bläulich geröthet (venöse Hyperämie), heiss, die 
Augen stier und glänzend, sehr starke Schwerhörigkeit. Wenn der Kranke, ohne 
von aussen her angeregt zu werden, dalag, so begannen sehr bald mussitirende 
Delirien. Die Haut war weich, etwas feucht, heftiger Calor mordax ; auf der Brust 
sparsames Exanthem. Der Puls machte 132, massig grosse, ziemlich kraftige 
Schläge in der Minute. Die Zunge war feucht, leicht weisslich belegt; der Leib 
weich, nirgends schmerzhaft, allein es waren einige dünne, unwillkiirliche Stuhl- 
ausleerungen erfolgt. Seltener, mehr trockener Husten. — Die folgende Nacht 
unruhig, der Kranke spricht viel vor sich hin. Am Morgen des 2. ist der Kranke 
von einer grossen Unruhe heimgesucht, er stöhnt viel, will aus dem Bett. Sein 
Aussehen ist wesentlich verändert, er sieht viel klarer aus. Die Haut ist warm, 
aber nicht brennend, sondern von ziemlich reichlichen Schweissen bedeckt; die 
Zunge feucht, dick gelblich belegt, der Belag sich pflasterförmig ablösend. 
Der Puls macht in den Morgenstunden 100, ungleich kräftigere, nicht ganz zu un- 
terdrückende Schläge. Das Exanthem steht noch. Die Stuhlausleerungen sind frei- 
willig erfolgt, breiig; der Leib weich. — Am Abende fand nach einer Mittheilnng 
des Dr. Sobeczko eine starke Exacerbation des Fiebers statt, die Pulsfrequenz 
mehrte sich« die Haut wurde trockener und heisser. — In der Nacht etwas ruhiger 
Schlaf. Am Morgen des 3. grosse Mattigkeit, heftige Schmerzen in den Füssen, 
lebhafte Unruhe, sehr bedeutende Schwerhörigkeit. Die Haut ist weich und warm, 
das Exanthem verschwunden. Die Zunge feucht, mit einem leicht weisslichen Be- 
lag. Der Puls macht 104, kleine, leicht zu comprimirende Schläge. Der Harn ist 
klar.» saturirt und sauer. Einige breiige Stuhlausleerungen. Wenig Husten. — 
In der Nacht wieder etwas Schlaf. Am Morgen des 4. grosse Schwäche, das Ge- 
sicht blass und erchöpft aussehend; viel Sausen in den Ohren, grosse Schwerhörig- 
keit; die Füsse schmerzhaft. Die Haut feucht, etwas schwitzend; der Harn dunkel, 
sauer, mit einem starken, flockigen, schmutzig bräunlichen, meist aus hamsauren 
Salzen und Schleim bestehenden Sediment. Der Puls macht 100, leicht zu com- 
primirende Schläge in den Morgenstunden, später steigt seine Frequenz etwas. 
— Auch in der folgenden Nacht wieder Schlaf. Am Morgen des 5. die Schwer- 
hörigkeit etwas geringer, doch noch viel Sausen in den Ohren; grosse Unruhe. 
Die Haut weich, aber nicht feucht; der Harn flammig, dunkelbräunlich, alkalisch, 
mit einem starken Sediment und einem Häutchen, beide aus grossen Tripelphos- 
phatkrytallen bestehend. Der Puls macht 116, kleine und schwache Schläge. Auf 
dem Kreuzbein eine leichte Erosion, die viel Schmerz erzeugt. Die Zunge feucht 
, und rein, der Leib weich, nicht schmerzhaft, kein Durchfall. — Am 6. nach einer 
ruhigen , im Schlaf verbrachten Nacht subjektiv besseres Befinden ; die Schmerzen 


256 Volkskrankheiten und Seuchen. 

in den Gliedern und der Husten haben ganz nachgelassen ; das Sausen bestellt ncn-h 
fort, die Zunge ist feucht, es findet sirh Appetit ein. Der Harn macht fortwährend 
reichliche Abscheidungen des Tripelphosphats; der Puls erreicht noch die Zahl von 
112 Schlägen. — Am 7. ist das subjective Befinden sehr gut, der Puls ruhiger; 
der Harn ist trübe, hat ein grosses, flockiges, schleimig aussehendes Sediment 
gemacht. 

Fall HI. Johann Klimczar, 34. Jahre alt, ein Goralle aus Ungarn*), ein sehr 
kräftiger, schon gebauter Mann, war zuerst vor 10 Tagen in Tarnowitz erkranki 
und hatte schon in Beuthen 4 Tage zu Bett gelegen. Er hatte damals namenilioh 
über grosse Schwäche zu klagen; der Arzt gab ihm ein Brechmittel, worauf sich 
Durchfall einstellte. Am 29. Februar wurde er in das Lazarett zu Sohrau aufire- 
nommen. Er klagte über Schlaflosigkeit, Kopfschmerz, besonders im Vorderko|.f. 
und starkes Summen vor den Ohren (huczy)\ das Gesicht war stark geröthet. die 
Stirn heiss, die Augen glänzen. Die Haut war gleichfalls überall stark turgescirend, 
brennend heiss, obwohl etwas schwitzend; das Exanthem über Brust und Bauch 
ziemlich stark ausgebreitet, aber bei der allgemeinen Röthung der Haut ziemlich 
blass. Der Puls machte 104, ziemlich grosse, volle und kräftige Schläge. Di? 
Zunge war roth und feucht, der Durst massig, der Leib weich und nicht schmen- 
haft, seit 2 Tagen Durchfall vorhanden. Husten hatte er Anfangs gehabt, jetzt 
nicht. Die Füsse schmerzten ihn heftig, waren aber weder geschwollen, noch 
überhaupt verändert. — Die Nacht verging etwas unruhig, jedoch ohne Delirien. 
Am Morgen des 1. März kein Kopfschmerz mehr, die Gedanken vollkommen klar. 
aber ein Sausen, als wenn eine Mühle im Kopfe arbeitete. Die Füsse gleichfalls 
nicht mehr schmerzhaft. Die Haut massig heiss, das Exanthem biass; der Puls 
104, massig kräftige, etwas kleinere und weichere Schläge machend. Die Zunire 
trocken, in der Mitte bräunlich und rissig; ein dünner Stuhlgang. Nachdem 
Essen wurde die Zunge sehr bald feucht und zeigte dann einen weisslichen Bt-la^'. 
Nachmittags bemerkte ich zuerst einige Petechien am Bauch. — Die Nacht etwa^s 
unruhig, er hat hie und da vor sich hingesprochen. Am Morgen des 2. sehr 
schwach, viel Summen im Kopf, grosse Schwerhörigkeit. Er hustet viel, wirft 
zähe, schaumige, glasige Sputa aus, hat beim Husten nur Schmerzen im Kopf, nicht 
in der Brust; man hört hinten zu beiden Seiten der Wirbelsäule grossblasiges Ras- 
seln. Die Haut ist feucht und w^eich; der Puls macht 128, ziemlich schwache und 
elende Schläge. Die Zunge ist feucht, leicht weisslich; Harn und Stuhlgang, der 
dünn ist, werden in's Bett gelassen. Die Roseola ist verschwunden ; die Petechien 
besonders auf dem Bauch vermehren sich. Die Schmerzhaftigkeit der Füsse hat 
ganz aufgehört. — Nacht etwas ruhiger. Am 3. Schwerhörigkeit sehr stark. 
Schwindel und grosse Schwäche. Die Haut ist weich , nicht mehr brennend; die 
Congestionen zum Kopf haben nachgelassen, das Gesicht ist blass; die Petechien 
ziemlich reichlich. Der Puls macht 92, ziemlich kloine und schwache Schläge; der 
Harn ist klar, strohgelb, stark sauer. Die Zunge feucht, leicht weiss belegt; kein 
Durchfall mehr. Der Husten ziemlich häufig, der Auswurf leicht, grosse, geballie. 
schleimige, aber schon weissliche Klumpen bildend. — Am 4. Befinden besser. 
Stuhlgang angehalten; der Appetit kehrt zurück. Die Petechien fangen an sich 


*) Die Gorallen sind Bergbewohner {gora Berg), die mit getrocknetem Obst u. a. 
in die Fremde ziehen und handeln. Sie zeichnen sich durch ihre eigcnthümliche 
Tracht (enge Beinkleider, grosse platte Hüte, braune Regenmäntel) und ihren sch-i- 
ncn Wuchs aus. 


Oberschi esische Typhus-Epidemie von 1848. 257 

zanickzubiiden. Der Puls macht 100, etwas kleine Schläge. — Am 5. Ausschei- 
dungen von harnsaurem Ammoniak im Harn, die einige Tage anhalten, worauf der 
Harn wieder klar und strohgelb wird. Das Befinden des Kranken gut, die Puls- 
frequenz nimmt dauernd ab , die Schwerhörigkeit verliert sich , nur die Schwäche 
bleibt dauernd. 

Fall IV. Trautvetter, 27 Jahr alt, Schmied, von Tepliwoda bei Münster- 
berg gebürtig, ein sehr kräftiger und gut genährter Mann, erkrankte am 25. Febr. 
in einem Hause , wo sonst niemand krank war. Nach einem heftigen Frost kam 
Hitze, Kopfweh und Mattigkeit. Diese Erscheinungen steigerten sich sehr bald so, 
(lass er seine Arbeit aufgeben und sich am 27. zu Bett legen musste. Als ich ihn 
am 2. März im Lazarett sah, klagte er hauptsächlich über Schwäche und Abge- 
srhlagenheit; der Kopf war frei, das Gehör fast gar nicht alterirt. Die Haut war 
feucht und warm , an der Oberbauchgegend und in den Hypochondrien einzelne, 
blassblanrothe RQseolaflecke ; der Urin dunkel, trüb, wie schlechtes Braunbier, 
sauer; der Puls 96, unkräftige Schläge machend. Die Zunge feucht, leicht weiss 
belegt, der Leib weich, die Stuhlgänge selten, aber dünn. Massiger Husten. — 
In der !Nacht etwas Schlaf. Am 3. Morgens leichtes Kopfweh, grosse Mattigkeit. 
Die Haat massig heiss , weich ; einzelne , isolirte Exanthemflecke am Rumpf. Der 
Harn dankel, sauer, mit einem starken, flockigen, weisslichen Sediment aus ham- 
sauren Salzen. Der Puls 76, ziemlich kräftige und volle Schläge machend. Die 
Zunge feucht, mit einzelnen, pflasterartig angeordneten Epithelialmassen belegt; 
Leib weich; Stuhl angehalten. Katarrh der Gonjunctiva. Husten etwas häufiger 
und feuchter. — Die Nacht wurde viel durch Husten gestört. Am 4. Klage über 
ungeheure Muskelschwäche, Kopfschmerzen, aber kein Ohrensummen. Haut massig 
warm und weich; das Exanthem ist verschwunden. Der Puls macht 96, etwas 
kleine, aber kräftige Schläge. Häufiger, feuchter Husten; die Sputa weissUch, ge- 
ballt, schleimig. Die Zunge unverändert, mit weisslichen Bröckeln belegt; 3 dünne, 
sehr reichliche Stuhlausleerungen ; Leib weich, schmerzlos. — Am 5. Haut warm 
und trocken; Harn gelbbraun, etwas trüb, sauer. Puls 88, klein, leicht zu compri- 
miren. Grosse Schwäche, viel Unruhe und Stöhnen; massige Schwerhörigkeit. 
Katarrh der Gonjunctiva stärker, die Augenlider sehr verklebt. Zunge feucht, mit 
einem weissen, bröckligen Belag, wie zerrissen; kein Stuhlgang. Husten feucht; 
Auswurf reichlich, die Sputa gross und weissHch, mehr eiterartig. — Am 6. 
Husten seltener; Zunge noch etwas streifig belegt; Harn dunkel, trüb bräunlich, 
sauer; Puls 80, ziemlich grosse und kräftige Schläge machend. Grösserer Turgor 
der Haut. — Am 7. Zustand 'ganz ähnUch; der Bronchialkatarrh nimmt ab, der 
der Gonjunctiva ist fast verschwunden; es bleibt noch grosse Schwäche. 

Fall V. Marianna Kubiczkowa, 50 Jahr alt, eine sehr schwächliche, abge- 
magerte Person , kommt aus einem Hause, wo vor 1 4 Tagen ein Mann am Typhus 
erkrankte. Sie fühlte sich zuerst vor 4 Tagen unwohl, hatte Frost, Eingenommen- 
heit des Kopfes, Schmerzhaftigkeit und Abgeschlagenheit der Glieder. Am 1 . März 
wurde sie in's Lazarett aufgenommen, hatte noch immer Schmerz in den Füssen, 
Schwindel und Ohrensausen. Ihr Aussehen war verhaltnissmässig gut. Die Haut 
warm, etwas feucht ; am Rumpf, Hals und den Extremitäten zahlreiche, stecknadel- 
knopfgrosse, in den obersten Hautschichten gelegene, hochrothe Petechien ; Roseola 
nicht wahrzunehmen. Der Puls macht 80, massig grosse, aber nicht kräftige 
Schläge. Die Zunge weisslich belegt, in der Mitte trocken, glatt und bräunlich, 

B. Virehow, OeffsnU. l^diein. 17 


258 Volkskrankheiten und Seuchen. 

aber nach dem Essen, Trinken u. s. w. eine Zeit lang feucht bleibend; Lippen and 
Zähne normal ; Stuhlgang seit 2 Tagen angehalten ; Leib weich , nur im linken 
Hypochondrium etwas schmerzhaft. Die Percussion zeigt über den falschen Rippen 
links im grossen Umfange matten Ton. (Zuletzt vor 5 Jahren Wechselfieber 
gehabt.) Husten selten und feucht. — Am 2. zeigt sich auf der trockenen, nicht 
heissen Haut auf Brust und Bauch Roseola in blassrothen, nicht erhabenen, 2'" 
im Durchmesser haltenden Flecken. Das Sausen vor den Ohren hat sich vermehrt. 
massige Schwerhörigkeit. Lebhafte Schmerzen in den Füssen. Katarrh der Con- 
junctiva. Puls 72, -massig gross, weich. — Am 3., nachdem sie in der Nacht 
etwas geschlafen, grosse Mattigkeit. Kopf frei, Gehör ziemlich frei, aber Brausen. 
Haut trocken, etwas brennend; die Roseola ist wieder verschwunden; die Petechien 
sind noch eben so roth. Harn sparsam, bräunlich, sauer. Puls 92, klein und 
schwach. Husten massig, etwas feucht. Zunge trocken, bräunlich und rissig; 
2 dünne Stuhlgänge. Füsse sehr schmerzhaft. — Am 4. Schwerhörigkeit grösser; 
Husten reichlicher, feuchter. Zunge in der Mitte rauh, etwas weisslich belegt. 
Puls 116, leicht wegdrückbar. Grosse Schwäche. — Am 5. Puls 116. gross und 
leer; enorme Schwäche. Husten lässt etwas nach. Haut trocken, aber nicht heiss; 
die Petechien etwas mehr blauroth. Der Durchfall ist nicht wiedergekehrt. Reich- 
licher, klebriger, zäher Schleim im Rachen und an der Zungenwurzel abgesondert. 

— Am 6. Puls 140 kleine Schläge machend; die Zunge braun, trocken, in der 
Mitte etwas borkig. Seltener Husten ; massige Schwerhörigkeit; ungeheure Prostra- 
tion der Kräfte. Die Petechien stehen noch. 

Fall VI. Bernhard Waligura, 53 Jahr alt, Bäcker, Vater des Alois W. 
(Fall L), ein ziemlich abgemagerter und schlecht genährter Mann. Nachdem er 
sich schon 7 Wochen lang sehr matt und Schmerzen in den Beinen gefühlt hatte. 
erkrankte er vor 10 Tagen mit Frost, bekam dann sehr bald heftiges Kopfwek 
Summen, Appetitlosigkeit, grosse Schwäche und einen quälenden Husten. In's 
Lazarett aufgenommen , steigerte sich seine Krankheit schnell , so sehr, dass er am 
26. Febr. die Sterbesacramente erhielt. Allein schon am 29. fand ich ihn in folgen- 
dem Zustande: grosse Schwerhörigkeit, Stirnschmerz und Schwäche, allein voll- 
kommen klare Relation. Die Haut massig heiss, am Bauch, der Brust und den 
Armen Roseolaflecke, ziemlich klein, blassblanroth , mit etwas dunklerem Centrum. 
nach dem Druck sehr schnell wiederkehrend. Der Puls 88, massig grosse , leicht 
zu comprimirende Schläge machend. Respiration etwas beschleunigt; seltener, 
trockener Husten. Zunge feucht, leicht weisslich belegt; Leib weich, Milzge^end 
nicht verändert; Stuhl angehalten. — Am 1. war der Zustand nicht wesentlich 
verändert; das Exanthem stand noch, einzelne Flecke waren sogar etwas erhaben. 
Das Fieber massig; der Husten etwas häufiger und zuweilen etwas schleimiger 
Auswurf. Katarrh der Coiyunctiva. — Am 2. Befinden besser, aber noch grosse 
Schwerhörigkeit. Das Exanthem steht am Bauche noch, nur sind die Flecke sehr 
klein geworden und man sieht fast nur noch den blassen Mittelpunkt. — Am 3. 
treten einige Petechien, zerstreut an verschiedenen Punkten, auf; das Exanthem 
ist fast verschwunden. Der Puls ganz ruhig. Haut weich, Ohrensausen, Schlaf- 
losigkeit, etwas Eingenommenheit des Kopfes. Der Harn klar, sauer, orangegelb. 

— In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden fortwährend, der Appetit 
stellte sich wieder ein, die Petechien wurden nicht sehr zahlreich, verschwanden 
bald, so dass gegen den 6. die Reconvalescenz als erklärt angesehen werden 
(utinte. 


Oberschlosische Typhus-Epidemie von 1848. 259 

Fall VII. Eduard Gettler, 18 Jahr alt, Schuhmacher, war aus einem schwer 
darrhseuchten Hause. In demselben waren nehmlich aus der Familie Gettler 4 Per- 
sonen, aus der Familie Kotrimba G, Wyusna 2, Wilczek 1, zusammen 13 Personen 
gestorben. Aus der Familie Gettler starb der Vater, die Mutter, eine Schwester 
und ein Bruder; die übrig gebliebenen 4 Geschw^ister erkrankten gleichfalls alle; 
2 davon befinden sich noch in einem Krankenhause, 2 (der in Rede stehende 
Kranke und seine Schwester) in dem Lazarett. Vater und Mutler starben schon 
vor Neujahr; der letzte der Insassen war Wyusna, der vor 8 Wochen starb. Gleich 
nach dessen Tode zog der Bauer Wilczek in die Wohnung des Wyusna, erkrankte 
und starb nach 14 Tagen. Die noch lebende Schwester Marianna Gettler pflegte 
ihn und erkrankte dann gleichfalls. 

Eduard G. will sich in der 3. Woche der Krankheit befinden. Im Winter 
1846 — 47 hat er 4 Wochen lang Quartanfieber gehabt und sich durch Milch 
kiirirt. Im Anfange dieser Krankheit, wo er schon geschwollene Füsse hatte, lag 
er 4 Tage lang auf einem kalten Boden. 

Er hat jetzt (29. Febr.) ein blasses, gedunsenes Aussehen. Man sieht nicht 
mehr deutlich Exanthem, auch ist er nicht schwerliörig. Der Puls macht 100, 
massig kräftige , obwohl kleine Schläge. Die Haut ist trocken , aber nicht heiss. 
Die Zunge feucht, leicht weisslich. Er klagt über Eingenommenheit des Kopfes 
und Unruhe. Die rechte Gesichtshälfte, besonders die Augenlider sind stark öde- 
matös aufgeschwollen; er klagt über heftige Schmerzhaftigkeit an der rechten 
Seite des Halses und über Unmöglichkeit, den Hals zu bewegen. Die Gegend von 
dem Stemal-Ansatz des Sternocleidomastoideus bis zum Winkel des Unterkiefers 
ist sehr schmerzhaft, sowohl spontan, als beim Druck; sie ist angeschwollen und 
man fühlt in der Richtung der Vena jugularis interna unter dem Stemocleido- 
mastoidens bis gegen das Foramen jugnlare hin einen harten Strang von der Dicke 
des kleinen Fin;,ers, den man deutlich hin und her schieben kann. (Obtura- 
tion der Vene.) Die Schmerzhaftigkeit besteht seit 2 Tagen, die einseitige Ge- 
schwulst des Gesichtes seit 1 Tage. — Der Bauch ist überall schmerzhaft, nament- 
lich im linken Hypochondrium ; über den falschen Rippen erhält man in einer Aus- 
dehnung von ^, 4' in der Länge und V 2' ^^ ^^^ Breite einen matten Percussions- 
ton. — Am 1. März besteht die Schmerzhaftigkeit am Halse fort, das einseitige 
Oedem des Gesichts hat zugenommen, der harte Strang ist immer noch deutlich zu 
fühlen. Ausserdem klagt er über Schmerzen an verschiedenen anderen Theilen; 
es zeigt sich, dass alle Muskeln (Extremitäten. Rücken, Brust) im höchsten Grad 
empfindlich sind. Sonst ist sein Befinden passabel. — Am 2. hat sich das Oedem, 
sowie die Schmerzhaftigkeit etwas verloren, der Strang aber ist noch immer und 
nur deutlicher zu fühlen. (Collateralkreislauf hergestellt.) Auch die Schmerzhaf- 
tigkeit der Muskeln geringer. Etwas Nasenbluten. — Am 3. Das Oedem ist noch 
mehr gefallen; der Harn klar, strohgelb, neutral. Von da ab war die Besserung 
dauernd. 

Fall VlII. Marianne Gettler, 20 Jahr alt, Schwester des vorigen, in der 
5. Woche krank. Ein kräftig gebautes, gut gebildetes Mädchen, nicht sehr abge- 
magert. Nachdem sie schon am 29. Febr. über Schmerzen in der rechten Brust 
und quälenden Husten geklagt hatte, geschah diess am 1. März noch mehr. Sie 
bezeichnete namentlich die rechte untere Seite der Brust als leidend. Die Percus- 
sion ergab hier einen massig gedämpften Ton bis l*' unter der Achsel, und man 

17* 


2G0 Volkskraiikheiten und Seuchen. 

hörte in dem ganzen unlern Lappen bei der Inspiration feinhlasicres Knisu^rn. 
Der Husten war sehr häufig, quiilend und anhaltend; die Sputa schauuiiir, ziihf 
und weisslich; Inspirationen geschahen in der Minute 44. Der Puls machte 1-0 
Ideine, verhäimissniiissig kräftige Schläge. Das Gesiclii war etwas gedunsen, auf 
den Wangen livide Köthe (venöse Stauung). Zunge rein und feucht, Appetit. 
Heftiger Schmerz in den Füssen. — Am 2. dieselbe Klage über die Brust. Percib- 
sion unverändert, die Kespirationsgeräusche aber mehr grossblasig, hinten niehr un- 
bestimmt mit Schnurren bei der Exspiration. Heftige Schmerzen in den Fusssohlen 
und von da bis in die Kniee. Haut trocken, niclit heiss. ]\ils 80. kaum zu fühlen. 
— Am 3. Ungeheure Schmerzliaftigkeit der Muskeln, sowohl spontan, als bei Be- 
wegungen, an den Extremitäten sowohl, als an dem Runi]if. Husten häufig. Sput.i 
zähe und weisslich, Kespirationsgeräusch rechts unten immer noch rasselnd, das 
(lesicht ganz blass und collabirt. Puls 80. fast vevschwinden<l. Harn klar, struli- 
g>db, leicht alkalisch. — Am 4. besonders Reissen in den Händen. Schmerzen am 
Kumpf geringer. Husten reicidich, immer noch quälend. Puls hO. sehr schwach. 
In dieser Weise ging es fort, die BrusteVscheinungen ermässigten sich sehr iauir- 
sam ; das Uebrige blieb noch. 

Fall IX. Johann Victor, 11 Jahr alt, hatte gegen Weihnachten letzten Jah- 
res, da er in Baranowitz als Kuhhirt diente, Wechseltieber bekommen, das zuerst 
die Tertian-, dann die Quartanform darstellte und nachdem es 4 Wochen gedauert 
hatte, ohne ärztliche Hülfe verschwand. Jetzt will der sehr blasse, magere unü 
schwächlich aussehende Knabe l^ Wochen krank sein, [»er Kopf ist frei, leichtes 
Ohrensummen, die Augen klar und frisch, die Lippen blass, sonst normal, die 
Zunge trocken, aber nicht borkig. Die Haut ist warm und trocken, auf der Brust 
leicht lleckig und desquamirend. Der Puls macht 100. kleine, aber ziemlich kräf- 
tige Schläge. Die Hespirationen sind kurz, oberflächlich und wegen der grossen 
Kör[)erschwäclie laboriös; mau zäidt 50 lns})irationen in der Minute, Er hustet 
häufig, wirft aber wenig aus; der Percussionston ist überall normal, die Ausculta- 
tion ergibt links hinten leichtes Basseigeräusch . rechts im ganzen Umfange d^s 
untern Lappens iheils gross-, theils kleinblasiges Rasseln. — Kr klagt überdie^s 
über Schmerzen im Bauch, der gross und voll ist, etwas durch Gas aufgetrieben, 
fast überall einen tympanitischen Ton ergibt, nur in der Cöcalgegend matt. 
Ausserdem ist die Milz deutlich durchzufühlen und die Percussion gibt in dem Um- 
fange von ' .,' matten und leeren Ton. — Das Befinden des Kranken änderte sich 
im Laufe der folgenden Tage nicht sehr wesentlich, weshalb ich mich auf das An- 
geführte beschränke. — 

Tu den vorstehenden Krankengescliiciiten habe icli tlieils frij^elie, 
tiieils altere und in der Reconvaleseenz be«^rlffene FäHe, wie sie ilif 
Melir/ald der oberschlesiselien Kranken ausniaehten, zusammengestellt. 
Man wird daraus leicliter, als aus langen Beschreibungen, ein BiM 
di^i^ Krankheitsverlaui's gewinnen; der Verlauf ist so einfach, «lass e-^ 
sich nicht der Miiiie verloluit, darülier weiter zu reden. Manches 
liätte ich L!;ern ic^nauer beii-ebraclit; allein die ünnio^Iichkeit. ein 
Krankenexanien anders als durch Dolmetscher zu fuhren, mit denen 
man sich zuweilen selbst nicht verständigen konnte, die UnvollstÄn- 
digkeiten eines eben erst eingerichteten luid zum Theil noch in der 
Einrichtung begritl'enen Lazaretts, endliidi die Kürze der Zeit werden 
mich entschiddigen. — 


Ohersrhlesische T}7)hus- Epidemie von 1848. 261 

B. Der Tod und die Zustände an der Leiche. 

Der Tod trat entweder auf der Höhe der Krankheit, im 2. Sta- 
dium ein, oder er erfolgte in einer ungleich späteren Zeit durch 
Nachkrankheiten oder die schon erwähnten Störungen der Recon- 
valescenz durch grobe Diätfehler. Ich beschränke mich hier zunächst 
auf eine genauere Darstellung der ersteren Fälle, da diese von den 
letzteren zum Theil schon gegeben ist, zum Theil sich von selbst 
versteht. 

Wenn der Tod im Akme-Stadium erfolgte , so geschah es fast 
immer zwischen dem 9. und 14. Tage unter fortwährender Steigerung 
tleijenigen Erscheinungen, welche ich bei den schwereren Kranken 
beschrieben habe. Die Pulsfrequenz stieg mehr und mehr, bis zum 
Unzählbaren, die einzelnen Schläge waren meist gross, aber sehr 
leicht zu comprimiren und häufig nicht deutlich von einander ab- 
i^esetzt; zuletzt fühlte man nur ein undeutliches Unduliren. Der 
Kopf, der gewöhnlich stark nach hinten überhing, blieb fortwährend 
heiss, die Wangen stark geröthet, die Augenlider und Lippen standen 
fast immer offen, die Augäpfel waren nach oben und innen gewälzt; 
redete man die Kranken stark an, so dass man die Schwerhörigkeit 
flberwand, so machten sie immer noch den Versuch zu antworten, 
allein Zunge und Lippen versagten den Dienst. Ueberlieas man sie 
Hich selbst, so verfielen sie bald in Delirien, die in der Mehrzahl 
mussitirende waren. Die Haut behielt ihre brennende Beschaffenheit, 
obwohl klebrige Schweisee nicht zu den Seltenheiten gehörten; bei 
den Meisten vermehrten sich die Petechien oder die ganze Haut be- 
ka:n ein fleckiges, rothgesprenkeltes Ansehen, oder sah aus, wie 
Rasch, als wäre sie mit Blut unterlaufen, und doch waren diese Fär- 
bungen nur abhängig von Hyperämien des venösen Apparats. Die 
Respiration war sehr häufig, oberflächlich und keuchend. Partielle 
Muskelcontractionen, Sehnenhüpfen, weniger Flockenlesen traten ein. 

In dieser Weise hielten die Erscheinungen an, um in einer mehr 
und mehr steigenden Heftigkeit den Tod des Kranken herbeizuführen. 
Hielt man die Erscheinungen der letzten Lebensstunden mit den £r- 
irebnissen der Autopsie zusammen, wie ich sogleich einen dahin ge- 
hörigen Fall mittheilen werde, so konnte man bestimmt aussagen, 
da^s zuletzt eine venöse Hyperämie des Gehirns zugegen gewesen 
pei, abhängig von der Stauung des Blutes in den Halsgef^sen durch 
die UnvoUkommenheit der Inspirationen und der Herzbewegungen. 
Als die eigentliche Ursache des Todes musste aber dieselbe Ursache 
an^^esehen werden, welche das Fieber bedingte und die eben er- 
wähnten Störungen in den Respirations- und Cirkulationsorganen 
hervorbrachte. 

Wie gesagt, die meisten Todesfälle dieser Art kamen zwischen 
dem 1>. und 14. Tage der Krankheit vor. Ich selbst habe keinen 
Fall gesehen, wo der Tod früher eingetreten wäre, und darin stimm- 
ten mir die meisten Aerzte in den Kreisen bei. Von Laien hörte 
man ganz gewöhnlich ungleich frühere Termine, z. B. den 3. Tag, 
und diese Fälle wurden gerade am meisten mit Ansteckung in Ver- 


2fi'2 Volkskrankheiten und Seurh#^n. 

binclung gebracht. Da ich darauf doch noch zuröckkommen muss. 
RO will ich hier nur bemerken, da^s überall, wo ich eine ge- 
nauere Nachforschung anstellen konnte, wenn auch die ersten An- 
gaben noch 80 überzeugend ausgesehen hatten, eich herausstellte, das» 
die betreffenden Personen schon vor dieser Zeit krank gewesen waren, 
«ich aber vielleicht nicht früher niedergelegt hatten, oder damak 
erat den Arzt gerufen hatten. — 

Anatoraische Untersuchungen von Leichen waren bis zu 
meiner Ankunft in den beiden Kreisen überhaupt 4 gemacht worden: 
eine von Um. Prof. Kuh in Sohrau mit den dortigen Collegen, eine 
in Rybnik von den Herren Doctoren Altmann und Biefel, eine in 
Loslau von den Herren Doctoren Raschkow und Türck, eine in 
Pilchowitz von Hm. Willi m. Alle stimmten darin überein, (la>s 
keine wesentliche Veränderung, namentlich keine Geschwürsbildun^ 
am Darm gewesen sei, höchstens wurde auch hier Anämie erwähnt: 
die Milz sollte meist vergrössert und weich sein; bei einzelnen hatte 
sich eine Verminderung in der Consistenz des Gehirns gezeigt, bei 
einem Oedem des Glottis. — Ich selbst hatte Gelegenheit, vier 
Autopsien anzustellen und theile des Genaueren wegen die Berichte 
in Substanz mit: 

Fall X. Johann Soyka, ein junger kräftiger Mann, starb am Abende ^ies 
7. März in dem Lazarett zu Rybnik gegen den 14. Tag der Krankheit unter Er- 
scheinungen, wie sie oben angegeben sind. Das Fieber war ausserordenilicb hef- 
tig, die Haut brennend heiss. überall stark geröthot, und dabei so fleckig anzu- 
sehen, als wäre sie mit Petechien über und über besprengt. — Die Autopsie ire- 
schah nach 12 Stunden, am 7. März, Vormittags gegen 10 Uhr, in Gegenwart der 
Herren Doktoren Heinke und Samostz von Breslau und v. Frantzius. 

Kräftig gebauter, massig genährter Körper. Bedeutende Todtenstarre. Die 
Haut überall leicht gelblich gefärbt, am Unterleib, den Oberarmen und Händen. 
den Ober- und Unterschenkeln stark blauroth gefleckt, die einzelnen Flecke un- 
regelmässig, ziemlich gross, wie Ecchymosen erscheinend. Beim Durchscbniii 
zeigte sich aber die Cutis ganz frei und nur die Gefässo, namentlich der oberen 
Schichten stark mit Blut gefüllt. Beide Füsse waren bis über die Knöchel blau- 
roth, indem nur einzelne weissliche Hautstellen wie Inseln übrig blieben; beim 
Durchschnitt zeigte sich nur eine starke venöse Hyperämie bis auf die Fascia su- 
perf. ohne Extravasation. Die Muskeln waren überall, wo man sie einj^chnitt. x> 
dunkelroth, wie Rauchfleisch. 

Srhädeldecke ziemlich blutreich, die Knochen normal. In den HirnsiM:> 
sehr reichliches, speckhäutiges Blut, Starke venöse Hyperämie der Häute, aus^ie- 
dehntcs Oedem der Pia mater. Die Hirnsubstanz von guter Consistenz, die wels^' 
sehr blutreich. In den Ventrikeln eine massige Quantität von Flüssigkeit. 

Schilddrüse normal. Larvnx und Trachea normal, im untern Theil der letz- 
tern zäher, weisslicher Schleim. Im Mediastinum anticum die Venengetle'ht«^ 
stark mit Blut gefüllt, Lungen nicht retrahirt. — Herzbeutel bis auf etwas roih- 
liche Flüssijjkeii frei. Herz von normaler Grösse; der linke Ventrikel stark zusam- 
mengezogen, mit einem spockhäutigen, ziemlich grossen Gerinnsel gefüllt, das sich 
weit in die Aorta fortsetzte; der Faserstoflf der Speck haut von massiger Cobä>i''n 
trüb, weis-^gelblich; das Endocardium normal. Im rechten Herzen war die Speck- 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 263 

haut noch grösser, gleichzeitig stark granulirt durch Anhäufung farbloser Blutkör- 
perchen; Endocardium auch hier normal. Das Herzfleisch etwas blass, sonst nor- 
mal. — Einige alte Bindegewebs- Adhäsionen der linken Lunge; starke venöse 
Hyporamie der Costalpleura; strahlige Bindegewebsnarbe auf der Lungenober- 
fläche. Die Lunge überall lufthaltig, im untern Lappen starke, im obern massige 
venöse Hyperämie; die Bronchialschleimhaut stark hjrperämisch , dunkelroth, mit 
zähem, sehr reichlichem, die Bronchien fast ganz verstopfendem, weisslichem 
Schleim bedeckt. — Die rechte Lunge hatte noch zahlreichere Bindegewebsadhä- 
sionen; sie war überall lufthaltig, stark hyperämisch, auf dem Durchschnitt dun- 
kelroth; die Bronchialschleimhaut weniger geröthet und mit geringerem Schleim- 
belag. Das Zwerchfell war ganz mit dicken, venösen Gefässnetzen überzogen. 

Die Venen des Netzes mit schwarzrothem Blut überfüllt. Beide Leberlappen 
überragen weit den Rand der falschen Rippen; auch die Milz sieht darunter hervor. 
Die Leber, namentlich der linke Lappen etwas vergrössert, Struktur und Gonsistenz 
normal; die Venen stark mit schmierigem, dunklem Blut gefüllt. Die Gallenblase 
mit einer ziemlich reichlichen, dunkelgelben, schleimigen und fadenziehenden Galle 
gefüllt. — Die Milz stark vergrössert, am obern Ende dem Zwerchfell durch alte 
Bindegewebs- Massen adhärent; etwa 1 Fuss lang, V2' ™ Querdnrchmesser, 2^' 
dick, sehr fest, aber etwas schlaff anzufühlen. Auf dem Durchschnitt dunkel roth, 
fest, homogen, wie geräuchertes Gänsefleisch; das Parenchym, beim Bruch körnig, 
zeigte die weissen Körperchen nicht mehr deutlich, dagegen sah man an einer 
Stelle einen festeren, hyperämischen Keil. 

Der Magen stark zusammenzogen , etwas gallig gefärbte Flüssigkeit enthal- 
tend; Schleimhaut etwas verdickt, hie und da etwas verändertes Extravasat in den 
oberen Schichten enthaltend. Duodenum ganz normal, ziemlich starke Schleim- 
absonderung. Die Dünndärme massig von Gas und Flüssigkeit ausgedehnt, im 
Kecium fester Koth. Bei der Eröffnung findet sich im obern Theil des Dünndarms 
ziemlich viel gallig gefärbter Schleim, in den tieferen Theilen gelbgrünliche, 
mit zahlreichen Schleimflocken untermischte Flüssigkeit; im Coecum ein mehr 
trockener und fester, an der Darmfläche haftender Kothbelag, der sich im Dick- 
darm vermehrt und dem schliesslich bräunliche, fäculente Massen folgen. Die 
Si*hleimhaut des Jejunum blass, stark mit Schleim bedeckt, an einigen Stellen die 
Zotten mit schiefergrauen Punkten besetzt. Vom Anfange des lleum an beginnt 
eine Schwellung der Solitärdrüsen bis zur Grösse kleiner Stecknadelknöpfe, die am 
ausgedehntesten über der lÜappe sich findet, wo auch die Follikel der Peyer'schen 
Plaques etwas vergrössert sind. Im Coecum und obern Theil des Colon die ganze 
Schleimhaut dunkelblauroth , die Venennetze stark mit Blut gefüllt; die Drüsen 
normal. Weiter hinunter im Colon finden sich die Solitärdrüsen wieder etwas ver- 
grössert, indem sie ganz kleine, weissliche Punkte darstellen; dazwischen flecken- 
weise venöse Hyperämie. Im Rectum die Drüsen leicht vergrössert, mit einem 
schiefergrauen Punkt an der Spitze; dazwischen verwaschene Flecke mit venöser 
Hyperämie. — Die Gekrösdrüsen nicht vergrössert, etwas blutreicher als normal. 

Nieren normal; leichter Katarrh der Nierenbecken. Harnblase stark zusammen- 
gezogen, ihre Schleimhaut etwas hyperämisch; der darin angesammelte Harn flockig; 
trüb weisslich. — In der V. cava inf. und den Cruralvenen das Blut reichlich, 
nicht speckhäutig, dunkel, klumpig geronnen, fast theerartig. — 

Fall XL Am 26. Febr. Nachmittags i^/2 Uhr machte ich in der Vorstadt 
von Sohrau die Autopsie eines Mannes, der in der Praxis des Dr. Sobeczko ge- 


264 VolkskrankhHten und Searhen. 

storbcn war. Der letztere hatte ihn nur einmal gesehen, wo er schon bewusstlosdalajr. 
Indess sprach sein ganzer Zustand für Typhus, wie denn auch eine Tochter ron ihm 
noch jetzt sehr schwer in dem Akme-Stadium der Krankheit darniederlag. Der Mann 
war am Morgen desselben Tages gestorben. Die Sektion geschah etwas eilig and un- 
ter sehr ungünstigen Verhältnissen auf dem Deckel des Sarges. Zugegen waren 
Hr. Dr. Wachsmann von Sohrau und Hr. Oberarzt Dr. Eichholtz von Potsdam. 

Massige Todtenstarre. Körper abgemagert. Mann in den mittleren Lebens- 
jahren. Körper noch etwas warm. Fettgewebe geschwunden, Muskeln dunkel, 
saturirt gefärbt. 

Därme stark durch Gas aufgetrieben. Bauchhöhle frei. Mesentcrialdrü>»^n 
normal. Das Coecum mit etwas gelblicliem Kolh und Trichocephalus dispar; sein«» 
Schleimhaut leicht schiefergrau. Vom Dünndarm etwa 2' untersucht, vollkomm»^n 
normal, etwas anämisch, die Drüsen kaum zu sehen. — Milz stark vergrös«?eri. 
1' lang, in der Mitte V^' breit, nach unten hin sich zuspitzend; blauroth, schlatT 
und welk, einzelne festere, dunkler blaue Knoten zeigend; auf dem Durchschniil 
weisse Körperchen normal, Pulpe von massiger Consistenz, grauroth; die festeren 
Knoten dunkelroth, trocken. — Leber vergrössert, blassbräunlich, etwas schmutziji. 
schlaff, welk, aber nicht brüchig; Galle reichlich, hellgelb. Nieren normal, in den 
Kelchen trübe, dicke, schleimige Masse. Harnblase leer, normal. 

Rippenknorpel verknöchert. Zahlreiche Adhäsionen der Pleuren, besonders 
an den unteren Lappen. Der Herzbe^itel normal. Das Herz normal gross, der 
linke Ventrikel fest zusammengezogen, der rechte schlaff; Klappen, Endocardium, 
Muskelfleisch normal. Links fast gar kein Blut, leicht speckhäutiges Gerinnsel 
von grosser Brüchigkeit; rechts viel Blut, meist klumpig, dunkelroth, doch aurh 
speck häutige Gerinnsel, die in die Lungenarterien reichten. — Lungen ohne Tu- 
berkel; beide ödematös, die hinteren und unteren Theile hyperämisch. Die Bron- 
chialschleimhaut stark geröthet, blutiger Schleim. Bronchialdrüsen schwarz, nicht 
vergrössert. 

Larynx und Trachea verknöchert. Schleimhaut stark geröthet; sehr blutiger 
Schleim darin. 

Grosser Gestank, der lange an den Fingern klebt und selbst durch Essig nicht 
zu tilgen ist. EmpL de Cerussa, das ich an dem Finger habe, ist nicht schwarz 
gefärbt. 

Fall XIL Am 25. Febr. Morgens 9* 3 Uhr secirte ich in dem Knappschafis- 
spital zu Rybnik einen Mann, den Hr. Dr. Gold mann (der eben mit Prof. Kuh 
nach Breslau gereist war und auf der Reise selbst erkrankte) bis dahin behandelt 
hatte. Derselbe war bei der Aufnahme in's Spital schon besinnungslos gewesen. 
Man wusste nur. dass er schon vorher einige Wochen krank gewesen w^ar, consta- 
tirte heftiges Fieber, viel Husten und Durchfall. Der Tod war am Abend vorher 
erfolgt. Bei der Autopsie waren zugegen die Herren: Dr. Altmanr, Leibarzt des 
Prinzen Biron von Kurland, aus Poln. W'artenberg, Wehowsk) . Bataillonsarz'. 
bei den Invaliden in Rybnik, Dr. Eichholtz, Oberarzt in Potsdam und Dr. Bio- 
fei, Oberarzt in Breslau. 

Kräftig gebauter Mann in den mittleren Lebensjahren, massig abgemagert, 
am Rumpf Frieselbläschen, an den Extremitäten zahlreiche dunkelrothe Todien- 
flecke. Starke Todtenstarre. Muskeln überall fest, dunkelroth, wie Rauchfleisch. 
Fettgewebe sehr gering. 

Schädeldecke sehr klein, rund, ziemlich dick, massig blutreich, der Dura 
mater ziemlich adhärent. Dura mater massig blutreich, sonst unverändert, Pia 


0berschlesisch6 Typhas-Epidemie von 1848. 265 

mater an der Oberfläche hie und da etwas verdickt, besonders längs des Sin. long.; 
ziemlich starkes Oedem, besonders an der Basis. Die Sinus überall sehr voll von 
dunklem , flüssigem Blut ohne Gerinnsel ; die Venen der Pia mater und der Him- 
substanz ziemlich gefüllt. Die Hirnsubstanz normal, überall von guter Consistenz; 
die graue Substanz überall (corticale Schicht, Corp. str. und Thalamus, Pons) sehr 
roth gefärbt. Die Oberfläche des Hirns von der Pia mater nicht abzulösen; die 
Ventrikel mit etwas gelblichem Serum gefüllt. Hypophysis normal. 

Zunge mit stark verlängerten Papillen, besonders in der Mitte ; die einzelnen 
schmutzig gelbgrau, anämisch, trocken. Die Wurzel der Zunge mit blutreichen 
Venen, starke Schleimabsonderung. Oesophagus im obem Theil stark mit Schleim 
frefullt, sonst normal. — Schilddrüse sehr gross, blass, in den erweiterten Folli- 
keln viel colloide Substanz. — Kehlkopf und Luftröhre normal, einen schmalen, 
schmutzig grauen Schleimstreif enthaltend. — 

Herzbeutel an seinem parietalen Blatt mit einzelnen , hanfkorngrossen Binde- 
irewebsknoten (Sehnenknoten) besetzt. In seiner Höhle etwas gelbliche Flüssig- 
keit. Das Herz von normaler Grösse, das rechte, dessen Conus arter. pulm. etwas 
erweitert ist, collabirt, das linke straff zusammengezogen und seine Venen mit 
dunklem Blut strotzend gefüllt. Die Klappen normal, das Muskelfleisch etwas dun- 
kel und hyperämisch, das Endocardiuni normal, die subendocardialen Gefässe am 
linken Ventrikel sehr mit Blut gefüllt. — Das Blut in beiden Herzhälften flüssig, 
ungeronnen, dunkelroth, sehr dünnflüssig, rechts mit einigen, unzusammenhängen- 
den, gallertartigen Faserstoffklümpchen , denen zahlreiche weissliche, leicht 
zerdrückbare Knötchen anhafteten; links mit kleinen, in der rothen Flüssigkeit 
schwimmenden, weissen Klümpchen. Die mikroskopische Untersuchung zeigte 
die rothen Körper unverändert, aber in jedem Bluttropfen, der untersucht wurde, 
kleine Inseln farbloser Körperchen; die weissen Massen bestanden fast ganz aus 
farblosen Korperchen. meist von ziemlich bedeutender Grösse, granulirt, bei Essig- 
säure-Zusatz meist einen runden oder einen kleeblatt-, hufeisen- u. s. w. förmigen 
Kern zeigend. 

Die Pleuren g«anz normal. Die Lungen etwas retrahirt, ohne Adhäsionen oder 
Narben , mit zahlreichen schwarzen Pigmentflecken , an den hinteren Theilen dich- 
ter, weniger lufthaltig, blauroth, auf dem Durchschnitt dunkelroth (Hyperämie). 
Die Bronchialschleimhaut besonders an den Theilungsstellen der Bronchen, am 
meisten rechts, hyperämisch. etwas geschwollen, mit dickem, zähem, blutigem 
Schleim bedeckt. Links verlor sich dieser Zustand nach unten hin; rechts dagegen 
wurde die Hyperämie nach den tieferen Stellen hin intensiver, schwarzroth, der In- 
halt der Bronchen mehr rahmartig, weiss, undurchsichtig, eiterig, und man sah dann 
auf Darschnitten zu innerst die weisse Eitermasse, dann einen dunkelrothen Hof, 
der der hyperämi sehen Bronchialschleimhaut und dem ebenso hyperämischon um- 
liegenden Lungenparenchym angehörte (beginnenden Bronchopneumonie). Die 
Rronchialdrüsen ziemlich gross, intensiv schwarz gefärbt, ohne Zeichen frischer 
Veränderung. Beide Lungenartenen dicht hinter der Theilungsstelle fast vollkom- 
men obstruirt: zunächst fanden sich ganz grosse, das ganze Lumen ausfüllende, 
relativ trockene, schwarzrothe . hie und da etwas graurothe Gerinnsel, welche der 
Gefässwand locker adhärirten; später kamen trockene, gelbrolhe. zuweilen fleisch- 
farbene Massen, die auf den Theilungsstellen ritten, der Wand fest adhärirten, 
sehr brüchig waren, und sich gewöhnlich in einen trockenen, aber rothen Propf 
fortsetzten, der sich ziemlich weit in den abgehenden Ast erstreckte. Die Wand 
der Lungenarterien normal. 


266 Volkskrankheiten und Seuchen, 

Bauchhöhle normal. Lage der Eingeweide normal, nur die Flex. sigm. sehr 
weit nach rechts , das Netz fast ganz nach links gelagert. Die Leber kleiner als 
normal, von normaler Consistenz, von glatter, braunrother, hie uud da etwas ^elb 
gefleckter Oberfläche, auf dem Durchschnitt gleichmässig hellbraunroth, aas den 
Gefässen dunkelrothes Blut ausfliessend. Die Gallenblase relativ gross, die Gall? 
reichlich, dünnflüssig, hellgelb, — Milz von normaler Grösse, Consistenz grösser 
als normal, die weissen Körper nicht verändert, das Parenchym (Pulpe) feskr als 
normal, trocken, blass fleischfarben. — Nieren etwas blutreich, sonst normal. In 
den Nierenbecken stark schleimige, weissliclie Flüssigkeit. Harnblase normal. 
Harn reichlich, klar, dunkelgelb. — Pancreas normal. 

Die Gekrösdrüsen etwas vergrössert, in der Cöcalgegend gleichzeitig stark 
hyperämisch, aber weder in der Consistenz. noch im Feuchtigkeitsgehalt des Paren- 
chyms verändert. — Der Magen von normaler Grösse; galliger, dünnflüssiger In- 
halt; Fundus und Cardiatheil normal; der Pylorustheil mit starkem, weisslichem 
Schleimbelag, die Schleimhaut verdickt, etwas gewulstct, fein hyperämisch, an vie- 
len Stellen schiefergrau; an einzelnen Punkten linsengrosse schiefergraue StelWn. 
— Duodenum stark mit Galle gefüllt, die Mündungen der Brunner'schen Drüsen 
nahe dem Pylorus mit schiefergrauen Punkton besetzt. Im ganzen Dünndarm \i^\ 
Flüssigkeit, kothig riechend, gelblich gefärbt, sehr dünn, mit zahlreichen jrell- 
lichen Schleimflocken, von saurer Reaciion, beim Kochen keine wesentliche Trüliuiir 
zeigend; unter dem Mikroskop nur Darmepitheüen und flockige Körner von nieder- 
geschlagenem Gallenfarbstoff zeigend. Der Dünndarm anämisch, die ZoUtn 
nur im obern Theil etwas dicker als normal, sonst die Schleimhaut sehr (irinn. 
die Solitärdrüsen fast überall leicht vergrössert, die Peyer'schen Haufen stark 
schiefergrau gefleckt und von wellenförmigen Ansehen. Im Dickdarm festere, gelle 
Kothmassen, der Schleimhaut fest adhärirend. Die Schleimhaut des Coecum stark 
hyperämisch; in den tieferen Theilen bis zum Anus nur die Höhe der Falten i^e- 
röthet. Ueberall die Solitärdrüsen vergrössert, leicht prominent, mit einem schie- 
fergrauen Fleck und Kranz bezeichnet. 

Die V. Cava inf., iliacae und cruralis mit dickflüssigem, kirschrothera, fi^; 
theerartigem Blute gefüllt, ohne alle Gerinnsel. Die V. cruralis sin. von dem I.ii:. 
Poup. an bis in die Venen des Unterschenkels obstruirt durch grosse, das Gefliss- 
lumen ganz ausfüllende, trockene, im Umfange oft perlartig gefleckte Gerinne ;. 
die sioh in den etwas varicösen Venen des Unterschenkels am trockensten zeigten. 
Aus einigen Muskelästen in der Mitte des Oberschenkels sahen fortgesetzte, den 
Gefässwänden fest adhärirende, trockene, gelbröthliche Gerinnsel von geringem Um- 
fange hervor. — Die inneren Häute der Gefä^^^se nirgends geröthet. Die innere 
Haut der Aorta mit einzelnen kleinen, fettigen Stellen. — 

Fall XIII. Josepha Malcha, 50 J. alt, starb am 5. März im Lazarett zi; 
Sohrau, nachdem sie in der Reconvaloscenz des Typhus eine chronische Pneumnni^^ 
bekommen hatte, in deren Verlauf sie plötzlich eine sehr stinkende Masse au^s:? - 
hustet hatte, der nichts Aehnliches weiter gefolgt war. Zuletzt hatte sich nodi n'! 
erschöpfender Durchfall eingestellt. Die Autopsie geschah am G.Nachmittags geL^<^n 
3 Uhr, in Gegenwart des Hrn. v. Frantzius. 

Sehr abgemagerter Körper. Todtenstarre. Stark ikterische Hautfarhnni:. 
Bedeutendes Oedem der linken unteren Extremität. Das Fett überall stark ü** 
schwunden. 

Schädeldecke auffallend rund und tief; die innere Fläche ganz normal, in 
Sinus longit. wenig speckhäutiges Blut. Dura und Pia mater anämisch auf der 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 267 

Conyexität, Pia mater stark ödematös. Das Gehirn klein, aber ziemlich schwer, 
Consistenz bedeutend, fast zähe, dabei die Schnittflächen überall sehr feucht; die 
^raue Substanz sehr blass, aber von normaler Cohäsion. In den Ventrikeln eine 
geringe Quantität von Flüssigkeit; das rechte Hinterhom obliterirt. Beide Sinus 
transversi und cavernosi mit den daraus entspringenden, zur Pia mater tretenden 
Venen total obstruirt, grosse, den Wandungen adhärente, meist entfärbte Gerinnsel 
enthaltend. 

Schilddrüse etwas vergrössert, blass, gelblich. Die Respirationsschleimhaut 
in den primären Luftwegen anämisch. — Das Herz mit starkem Fettpolster und 
grossen Sehnenflecken. Im rechten Ventrikel stark speckhäutige Gerinnsel, die 
«Speckhaut aber etwas welk und brüchig. Im linken Herzen gleichfalls speckhäuti- 
ges Gerinnsel mit ziemlich vielen Klümpchen farbloser Blutkörperchen. Das Endo- 
cardium normal. — Die linke Lunge im oberen Lappen stark adhärent, nach unten 
durch etwas trübes, mit Faserstoffflocken gemischtes Exsudat von der Costalwand 
getrennt. Das Parenchym wenig lufthaltig, fast überall stark Ödematös, der obere 
Lappen fester, die Schnittfläche luftleer, compakt, grau, bleifarben, glatt, beim 
Druck etwas weissliche Flüssigkeit entleerend. Alte oder junge Miliartuberkel nir- 
gend zu bemerken. Auf der rechten Seite ist die obere Hälfte des oberen Lappens 
der Lunge von einer grossen Höhle eingenommen, die mit einer ziemlich dünnen, 
stinkenden, grauweissen Flüssigkeit gefüllt ist; die innere Wand überall glatt, zum 
Theil von der verdickten Pleura, zum Theil vou verdichtetem, mit zahlreichen jungen 
Ge fassen durchzogenem Lungenparenchym gebildet. Der übrige Theil des oberen 
Lappens zum Theil ödematös, zum Theil compakt. Diese letztere Masse ist auf der 
Schnittfläche glatt, ihre Farbe an einzelnen Stellen weisslich, an anderen schiefer- 
grau, an wenigen Punkten weiss und undurchsichtig, wie tuberkulöse Infiltration. 
Heim Druck entleert sich überall weissliche Flüssigkeit. — Die Bronchien auf 
beiden Seiten mit zähem, leicht eiterigem Schleim gefüllt. 

Auf den ersten Blick konnte man diese Veränderungen als tuberkulöse be- 
trachten: tuberkulöse Infiltration des Parenchyms, tuberkulöse Caverne. Dagegen 
sprach ausser der Abwesenheit aller isolirten Tuberkel (Tuberkelgranulationen) 
der Umstand, dass das compakte Exsudat nirgends die brüchige, trockene, granu- 
lirte Beschaffenheit des infiltrirten Tuberkels hatte und dass sich überall eine trübe, 
weissliche Flüssigkeit ausdrücken Hess. Die mikroskopische Untersuchung hob die 
Zweifel sogleich. Ueberall bestand die Masse aus Zellen, mochte man nun die 
ausgedrückte Flüssigkeit oder die Durchschnitte betrachten; Zellen, welche an 
manchen Punkten ganz den im Eiter vorkommenden glichen, an anderen dagegen 
in grossem Maassstabe die Fettmetaraorphose eingegangen waren. Es Hess sich 
daher das Ganze nur als graue Hepatisation in Folge von chronischer Pneumonie 
ansehen: ein altes Exsudat in den Lungenbläschen, welches sehr langsam seine 
Entwicklung zu einem vergängHchen, aus Zellen bestehenden Gewebe durchmachte. 
Die plötzliche Entleerung einer grösserer Menge stinkenden Auswurfs deutete be- 
stimmt auf eine Entstehung der Höhle durch eine Nekrose en bloc, Mortifikation 
von Exsudat und Gewebe gleichzeitig mit Verwesung des Mortificirten ; also circum- 
scripter Lungenbrand. Dass danach Höhlen mit vollkommen glatter Wand zurück- 
bleiben können, ist bekannt genug. 

Die Leber von normaler Grösse, sehr feinlappig, etwas mit Cholepyrrhin in- 
filtrirt, leicht fettig entartet. Die GaHe sehr schleimig, dunkelbraun, etwas flockig, 
mit einzelnen kleinen, braunen Pigmentsteinen. Die Milz vergrössert, stark lappig, 
mit einzelnen , frischen, faserstoffigen Exsudaten belegt, blauroth, sehr fest anzu- 


268 Volkskrankheiten und Seuchen. 

fühlen, auf dem Durchschnitt grrauroih. trocken, dem Druck beträchtlichen \Vi<i»*r- 
stand leistend, und keine Flüssigkeit ergiessend; die weissen Körperchen nich; 
ru sehen. !Nieren anämisch, sonst nicht verändert. Pankreas normal. Uterus 
gleichfalls. 

Der Mareen von normaler Grösse, mit stark tjalliirem Inhalt, die Schleimhaut 
etwas verdickt und mamelonnirt, die Muskularis etwas dick. Die Därme etwa5 c«»l- 
laltirt. In den dünnen Därmen starke Schhnmanhäufunj^en. mit Galle gemischt: «ii-? 
Solilärdrüsen in den unteren Theilen dersoü»en etwas geschwollen, die Peyersch^n 
Plaques ji^anz unverändert, auch keine Narben zu sehen; die Schleimhaut an nuin- 
chen Stellen etwas hyperämisch. Im Dickdarm von der Klappe bis zum Afi'*r 
pysenterische Veränderuny:en : die Schleimliaut , den Liin^js- und Querfalieu »ent- 
sprechend, hyperämisch, in den tieferen Theilen des Darms auf der Höhe der Falten 
erodirt, das snbmucöse Gewebe ödematös; frische Exsudate nicht vorhanden. — 
Die Mesenterialdrüsen wenige ver^rössert, leicht hyperämisch. 

Die V, cruralis sin. bildet einen harten Strang, enthält ein grosses, schwärz- 
liches, trockenes, den Wandunjren adhiirentes Gerinnsel, das sich bis zur V, cuva 
inf. fortsetzt, in seinem oberen Theile stark entfärbt, in der Mitte enÄeichi und ini: 
einer weisslichen, eiterartigen, breiigen Masse gefüllt ist. — 

Vergleicht man die vorsteheiulen Sectionsberichte mit ilen oben 
angeriebenen Reenltaten der vor meiner Ankunft angestellten Autopsien, 
80wie mit den schon früher erwähnten Erfahrungen der Doctoren 
Lemoniue und Polkow, so kann man es als ein sicher consiatirtes 
Faktum betrachten, dass in dieser Epidemie die charakteristi- 
schen anatomischen Veränderungen des Abdominaltyphu!^ 
(ßeore typholde) nicht vorhanden gewesen seien. Diese Verän- 
derungen zeigen sich bekanntlich an dem Follikelapparat der Dann- 
schleimhaut, an den Mesenterialdrüsen und der Milz, und bestehen 
wesentlich darin, djiss im ersten Stadium (ich beziehe hier die Stadien 
nicht auf die Krankheit, sondern auf den localen Prozess) unter Er- 
scheinungen der Hyperämie ein leicht wässeriges Exsudat gesetzt wini, 
welches den Organen das Aussehen des Geschwollenseins beibriiii^t: 
dass im zweiten Stadium die Hyperämie zurücktritt, das wässcrii^e 
Exsudat sich mehrt und durch die Vermischung mit den vorhandenen 
Elementen, durch die Beimischung festerer Exsudattheile das eigen- 
thfkmliche, sogenannte markartige Aussehen entsteht; dass endlich im 
dritten Stadium die festen Bestandtheile des Exsudats sich mehren 
und an einzelnen Stellen trockene, tuberkelartige, gelbweisse, nekn»- 
tisirende Heerde entstehen. Was haben wir aber in dieser Epidemie 
gehabt? Sehen wir die einzelnen Organe an: 

1. Die Gekrösdrfisen waren in einzelnen Fällen etwas ver- 
grössert und hyperämisch. Allein sie waren in den Fällen, wo die 
Kranken im Akme-Stadium gestorben \^aren, nicht schlaff, nicht stark 
vergrössert, nicht markig infiltrirt, was erst charakteristisch gewe^Mi 
wäre, und sie fanden sich im 13. Fall, wo der Typhus als solcher 
längst abgelaufen war, nicht in dein Zustande der Rückbildung, 
wie man sie nach typhöser Schwellung im Reconvalescenz- Stadium 
findet: welk und schiefergrau, sondern sie waren auch hier roth. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1 848. 269 

2. Die Milz war in 3 Fällen vergrOBsert. Allein in einem 
Falle (XII.) war sie nicht bloss nicht vergrössert, sondern sie zeigte 
auch keine Spuren voraufgegangener Tumescenz. In den anderen 
3 Fällen hatte man es evident mit den Residuen von Wechselfieber- 
Tumoren zu thun, wie die einfache Beschreibung hinlänglich dar- 
thut. Nirgend war der pralle, feste, dunkelrothe Typhus-Tumor, der 
auf dem Durchschnitt die vergrusserten weissen Körperchen. (Mal- 
|>ighischen Bläschen) in einem dunkel kirschrothen , stark brüchigen 
Parenchym zeigt. 

3. Die Peyer'schen Drftsengruppen waren ganz unverändert. 
In einem Falle (X.) waren die dazu gehurigen Follikel oberhalb der 
Klappe etwas vergrössert; in einem anderen (XIL) waren sie schiefer- 
i^^rau gefleckt und die ganzen Plexus hatten durch die Erhebung des 
Interfollicular-Bindegewebes über das Niveau der Follikel eine wellen- 
förmige Oberfläche. — Die Solitärdrösen waren in 3 Fällen etwas 
geschwollen, und zwar nicht bloss im Dünndarm, sondern auch (Fall X. 
und XII.) im Dickdarm und Mastdarm. Alle diese Veränderungen 
deuten nur auf die Anwesenheit einer katarrhalischen Affektion. In 
einem Falle (XII.) war diese sicherlich chronisch, wie die schiefer- 
graue Färbung des Magens, der Darmzotten, der Follikel selbst be- 
weist; in den anderen beiden zeigte die grosse Menge schleimiger 
Absonderung, die sich im Laufe des Darmrohres vorfand, hinlänglich 
den katarrhalischen Zustand. Darmkatarrhe bringen, wie das jetzt 
ja hinlänglich anerkannt ist, fast immer Veränderungen am DrQsen- 
apparat mit sich, und auch die oben angeführten Veränderungen der 
Mesenterialdrüsen können darauf bezogen werden. Es genügt aber 
nicht eine einfache Drüsenschwellung, um daraus einen Typhus auf- 
zubauen, wie es z. B. William Davidson versucht hat. Schwel- 
hnigen der Solitärdrüsen, wie die beschriebenen, sieht man im Ver- 
lauf der mannichfaltigsten akuten Krankheiten, z. B. der Pneumonien , 
des Scharlachs, der Rheumatismen; Niemand wird und kann daraus 
etwas für Typhus folgern. 

Nächstdem will ich aus den anatomischen Ergebnissen die Be- 
schaffenheit des Blutes hervorheben. Gelegenheit zu Blutentziehungen 
bei Lel>zeiten kamen nicht vor; vielleicht dass einer (hir späteren 
Beobachter der Epidemie sie findet. In den Leichen haben wir aber« 
selbst in den akutesten Fällen, nicht ein dissolutes, zersetztes, fauliges 
Blut gefunden, sondern im Gegen theil ein speckhäutiges, sehr gut 
ireronnenes, und man hat daran ein neues Beispiel, dass nicht der 
Fa-serstoff es ist, dessen Mangel die Typhen hervorbringt (vgl. dies. 
Archiv I. S. 572). Neben dem Faserstoff trat ferner in verschiede- 
nen Fällen die Vermehrung der farblosen Blutkörperchen so sehr 
hervor, dass die untere Fläche der Speckhaut ein granulöses Ansehen 
hatte. (Vergl. Med. Vereinsztg. 1847. Nr. 4.) Ich mache auf diesen 
Umstand um so mehr aufmerksam, als Allen Thomson in dem 
nahe verwandten remittirenden Fieber, das 1843 in Edinburgh 
herrschte, dasselbe beobachtete. (John Rose Cormack Natural 
hintory oj the epklemic fever af preaent prevaUing in Kdinhurgh, p. HJ.) 


270 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Ausserdem haben wir akute und chronische AflPektionen der 
Bronchialschleimhaut , der Schleimhaut der Nierenbecken u. s. w. ge- 
funden; venöse Hyperämien verschiedener Organe, besonders in dem 
akutesten Fall (X.); spontane Gerinnungen des Blutes in den ver- 
schiedensten Venen in den mehr chronischen Fällen (XII. XHL). 
Ich gehe darauf weiter nicht ein, da es für unsere Darstellung nichts 
wesentlich Neues mehr beiträgt.*) — 

Es wäre endlich das Mortalitäts-Verhältniss darzustellen. 
Bei der EigenthOmlichkeit der oberschlesischen Zustände kann ich in- 
dess darüber kaum die allerspärlichsten Notizen beibringen. Als die 
Epidemie auf ihrer Höhe war, sind nicht einmal alle Todten bei den 
Geistlichen, denen die Kirchhofs-Register zu führen obliegt, ange- 
meldet worden, und man hat häufig mehrere Leichen in dasselbe 
Grab gelegt. Der Oberschlesier, bei dem die Familienbande über- 
haupt sehr locker zusammenhalten, bei dem jedes Gefühl der Bluts- 
verwandtschaft ober die allernächsten Kreise hinaus sich verwischt, 
kümmert sich auch um seine Todten sehr wenig, und es möchte 
wenige Gegenden auf der Erde geben, wo die Begräbnissplätze so 
schmucklos, die einzelnen Grabstätten so unkenntlich sind, wie hier. 
Nur so lange die Erde noch frisch aufgeworfen oder umgegraben ist, 
erkennt man die Gräber; nach wenigen Jahren überzieht Alles ein 
gleicher, ebener Rasen. — Wie demnach nicht einmal die Zahl der 
Gestorbenen aus den amtlichen Registern hervorgeht, so ist die To- 
desart, die letzte Krankheit noch weniger sicher, und man kann 
höchstens aus der Vergleichung der Zahlen mit früheren Durch- 
schnittszahlen eine ungefähre Anschauung gewinnen, welche freilich 
wieder dadurch gestört w^ird, dass die voraufgegangene Ruhr, der 
gleichzeitige Hunger das Ihrige zu der Steigerung der Zahlen bei- 
getragen haben. Zahlen für das Verhältniss der Erkrankungen 
sind bis auf die neueste Zeit gar nicht, auch nicht annähernd 
richtig zu erlangen, denn Niemand hat sich bis zu dem Augen- 
blicke, wo die Distriktsärzte überall vorhanden waren, um solche 
Tabellen kümmern können; die Zahlen aber, welche dann gewon- 
nen worden sind, lassen keine Rückschlüsse auf die frühere Zeit 
zu, wo der Hunger in seiner scheusslichsten Gestalt, eine bis 
— 23® R. gestiegene Winterkälte und die Krankheit gleichzeitig auf 
die Bevölkerung einwirkten. In Sohrau, einer Stadt, die vor der 


•) Eine ebon erschienene Nummer der Mcflicinischen Vereinszeitung (Xo. lt>) 
bringet einen Hricf des Herrn Dr. Adloff aus Pless, worin es über die Resultate 
der Autopsien heisst: ^In allen Fällen fand sich blutige Infiltration durch d**n 
ganzen Darm, namentlich aber in der Ileocöcal-(re2:ond. Geschwüre fand ich nur 
einmal, aber nicht so j;ross, als ich sie in anderen Füllen oft tresehen habe.* Diese 
von allen früheren Erfahrungen abweichende Mittheihinsc ist j;o dunkel und in ihrer 
Kürze so zweifelhaft, dass ich sie nicht weiter berücksichtigten kann. «Blutiire In- 
filtration** kann nichts anderes, als eine durch den Eintritt der Fäulniss bedingte 
Infiltration von Humatin in die Gewebe bedeuten, denn Extravasate durch deniran- 
zen Darm hat noch nie jemand gesehen und Capillarhypenimie wird niemand In- 
filtration nennen. „Geschwüre" an sich sind nichts Wesentliches, denn es gibt be- 
kanntlich auch katarrhalische Geschwüre. Mittheilungen der Art haben nur einen 
Wertb, wenn sie naturwissenschaftlich genau sind. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 271 

Xoth eine Beyulkerung von 4000 Menschen hatte, betrug am Ende 
der Woche vom 20. — 27. Februar nach den ärztlichen Listen der 
Bestand der Kranken 109, am Schluss der nächsten Woche (27. Fe- 
bruar bis 5. März) 161 , nachdem 6 gestorben waren. Trotzdem 
also, dass die Epidemie räumlich im Steigen war und die Zahl der 
Erkrankuifgen sich um die Hälfte vermehrt hatte, war die Intensität 
der Epidemie so gering, dass nur 5,5 pCt. Mortalität bestand. Da 
indess, wie ich schon früher anföhrte, auf dem Kirchhofe in der Zeit, 
wo die Epidemie am stärksten wüthete, 6 — 700 Todte begraben 
sind, so folgt noth wendig, dass damals ein ungleich stärkeres Mor- 
talitätsverhältniss stattgefunden haben muss, denn sonst wäre schon 
damals kein Einwohner von der Epidemie verschont geblieben. Im 
Monat Januar wurden allein 106 Leichen angemeldet. — In einem 
Bericht des Canonikus Heide in Ratibor (vgl. die Hungerpest, S. 52) 
heisst es: nin der Pfarrei Benkowitz, Ratiborer Kreises, wo 2100 
Seelen in mehreren Dörfern wohnen, hat der dasige Pfarrer vom 6. 
bis 18. Januar 170 an Typhus schwer Erkrankte mit den heiligen 
Sterbesacramenten versehen, davon starben innerhalb dieser Zeit 
nur 42. Der Kapellan Bienacki, den ich von hier aus dem be- 
drängten und fast unterliegenden Pfarrer zu Hülfe schickte, hat vom 
19. Januar bis 1. Februar 60 Typhuskranke, vom 2. Februar bis 
9. Februar 55 derselben besucht und zum Tode vorbereitet, von 
diesen starben 33.** Obwohl hier natürlich nur von den schwereren 
Kranken die Rede ist, so bekommt man doch einige Anhaltspunkte. 
In 5 Wochen fanden sich also unter 2100 Menschen 185 schwere 
Erkrankungs- und 75 Todesfälle am Typhus; das macht 8,8 pCt. 
Kranke unter der Bevölkerung und 40,5 pCt. Todte unter den Er- 
krankten. — Bei einer Versammlung der Aerzte des Rybniker Krei- 
ses, welche Hr. Barez am 26. Februar in Rybnik zusammenberufen 
hatte, gab der Hr. Kreisphysikus Dr. Kunze die unge&hre Zahl der 
Erkrankungen in dem Kreise auf 5 — 6000, der Hr. Landrath von 
Durant auf 6 — 7000, die Zahl der Gestorbenen auf 1718 an. 
(Vgl. die Angaben des Dr. Künzer, Spiritual der barmherzigen 
Brüder. Die Hungerpest, S. 57 und 58.) Damach würde fast der 
dritte Kranke gestorben sein. Damit stimmten die Angaben der 
Aerzte über die Mortalität freilich nicht überein. Die Herren Doc- 
toren Türk in Loslau und Wachsmann in Sohrau concedirten 
ein Verhältniss von 10 pCt. , Dr. Chwisteck von Sohrau dagegen 
20 pCt. Man sieht daraus sehr leicht die Unsicherheit der Angaben 
überhaupt. 

Schliessen wir noch einige Specialangaben an: In der Pfarrei 
Lubom (Ratiborer Kreis) mit 3000 Seelen starben 1847 an Hunger, 
Ruhr und anderen Krankheiten 276, gegen 9 pCt. der Bevölkerung; 
im Januar 1848 an Typhus 83, gegen 2,7 pCt. der Bevölkerung 
in einem Monat (Die Hungerpest S. 52.). In Staude starben sonst im 
Jahre 28, im Januar 1848 allein 46 (ebend. S. 42.). In der Parochie 
Pless starben bei 7083 Seelen vom 1, Januar bis zum 11. Februar 
1848 161 (ebend. S. 64.). In Lonkau ergab das Sterbebuch im 
Durchschnitt von 5 Jahren einige 60 Todesfälle jährlich, 1847 gegen 


272 Volkskrankheiten und Seuchen. 

230, 1848 im Januar und Februar 86; die Geburten nehmen eben-^o 
beständig ab, denn in früheren Jahren waren einige 70, 1847 einiiie 
20, in den beiden Monaten des Jahres 1848 nur 4. Der Bestand 
der Kranken betrug Ende Februar einige 60; die Bevölkerung des 
Dorfes 1400. — In Geikowitz, wo 450 Einwohner in 38 H&usern 
wohnten, betrug die Zahl der Todten am 25. Februar 1848 26. 

Was die eigentliche Hunger-Mortalitat betrifft, so finden 
sich vollständigere Angaben darüber, soweit sie den Plessner Krei? 
angehen, in einer kleinen BrochQre: ^Die oberschlesische Hunger- 
pest. Mit amtlichen Zahlen. Eine Frage an die preussische Regie- 
rung. Leipzig 1848.** Der Kreis Pless umfasstl9*, , Quadratmeilen 
und hatte 69,000 Einwohnern, besass also eine sehr dichte Bevölke- 
rung (3538 Menschen auf die Quadratmeile). Es starben 1846 23i»i» 
Menschen, 1847 6877. Bei 97 darunter gaben die Aerzte nach der 
gerichtlichen Besichtigung die Erklärung ab, dass sie verhungert 
seien; nach einer im Anhang der BrochQre mitgetheilten Tabelle, 
welche auf Grund der Mittheilungen der Geistlichen in den 25 Paro- 
chien des Kreises im landräthlichen Amte gefertigt worden, starben 
vor Hunger 907, d. h. 1,3 pCt. der Bevölkerung. Ueberhaupi 
starb der zehnte Theil der Einwohner aus; an Hunger und Seuchen 
6,48 pCt. 

C. Die Erkrankten. 

Die Seuche verschonte keine Nationalität: Slaven, Deutfclie, 
Magyaren wurden befallen, und die Immunität der Juden ge^tn 
Typhus, welche Boudin bis auf Fracastorius zurQckverfolgt, be- 
stätigte sich hier keineswegs. Von denjenigen, welche der Seuche 
entgingen, konnte man in keiner Weise sagen, daas ihre nationale 
Abstammung, ihr früherer Aufenthaltsort als ein Erklärungsmoment 
hätte betrachtet werden dürfen. Einige hatten die Ansicht, dieser 
Typhus sei geradezu ein slavischer, müsse als eine EigenthQmlichkelt 
der slavischen Stämme aufgefiisst werden, allein ihr eigenes Beispiel 
hat sie zum Theil widerlegt, die tägliche Erfahrung hat dawider i^e- 
stritten. Wenn in Mittel- und Niederschlesien die abdominale Form 
des Typhus erscheint, so beweist diess nichts dafür, denn man darf 
nicht vergessen, dass die ganzen Lebensverhältnisse der Einwohner 
andere sind. 

Was das Alter der Erkrankten anbetrifft, so befand sich die 
grössere Zahl derselben in den Blüthenjahren , welche ja überall die 
Prädisposition zu Typhus darbieten. Allein es fehlte keineswegs an 
zahlreichen Beispielen von Erkrankungen in höheren Lebensjahren 
(vgl. Fall V. und VI.), und ich bin nicht im Stande, eine Grenze 
nach dieser Seite hin anzugeben. Anders war es bei den Kin- 
dern: Oberhaupt habe ich sehr wenige typhös erkrankt gesehen; die 
äusserste Grenze, welche mir bekannt geworden ist, waren nach einer 
Angabe des Herrn Regiments- Arzt Zillmer in Gleiwitz iV, Jahre. 

Einen Unterschied in den Erkrankungen nach dem Geschlecht 
habe ich nicht auffinden können. Unter den erkrankten Weibern 
befanden sich mehrere Schwangere, ohne dass bei ihnen die Fonu 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 273 

des Typhus Abweichungen gezeigt hätte. Es widerspricht diese Er- 
fahrung also der prätendirten ^Ausschliessungsßlhigkeit der typhOsen 
und puerperalen Krase gegen einander"". Freilich hat schon Hamernjk 
(Präger Vierteljahrsschr. 1846, Heft 2.) dem ,,anomalen Typhus mit nicht 
wahrnehmbarer Veränderung der Blutmasse"" die CombinationsfUiig- 
keit zugestanden, allein ich kann seiner ganzen Argumentation über 
Normalität und Anomalität des Typhus und über typhöses Blut des- 
halb keine Gültigkeit zugestehen, weil sie aller naturwissenschaftlichen 
Methode entbehrt. 

lieber den Einfluss der Lebensart und der Beschäftigung 
auf die Erkrankimgen habe ich keine genaueren Erfahrungen. Im 
Allgemeinen scheint allerdings zwischen dem platten Lande und den 
ganz ähnlich beschaffenen Vorstädten einerseits und den inneren, 
besser gebauten und gelegenen Stadttheilen andrerseits ein gewisser 
Unterschied bestanden zu haben, so dass die letzteren weniger stark 
ergriffen wurden. Die armen Leute, welche in ärmlichen Wohnungen 
dicht gedrängt lebten, also namentlich der ländliche und der arbei- 
tende Theil der Bevölkerung, litten am stärksten. 

Endlich wäre noch die Individualität, oder wenn man lieber 
will, die Constitution der Erkrankten zu betrachten. Im AUgemeitien 
kann ich nicht behaupten, dass eine besondere Korperbeschaffenheit 
mehr zur Erkrankung prädisponirt habe. Es ist schon erwähnt wor- 
den, dass Leute, welche durch frühere Krankheiten (z. B. Wechselfieber) 
erschupft waren, besonders leicht erkrankten; ebenso scheint es mit 
den durch Hunger in hohem Grade angegriffenen im Anfange der 
Epidemie der Fall gewesen zu sein. Später fand sich aber auch 
hier die Erfahrung bestätigt, dass gerade kräftige und jugendliche 
Personen und zwar verhältnissmässig schwer ergriffen wurden. Die 
frohere Durchseuchung des Körpers schützte nicht absolut gegen 
Kecidive. Ich selbst habe freilich bei der Kürze meines Aufent- 
halts keine unmittelbare Beobachtung über die zweimalige Erkrankung 
anstellen können, allein ich habe von Aerzten, in deren Zuverlässig- 
keit ich keinen Zweifel setze, die bestimmtesten Angaben darüber 
gehört. So führte mich Hr. Dr. Wachsmann in Sohrau in eine 
Mühle der Vorstadt Klischtuwka, wo eben der Mann, die Tochter, 
ein Knecht und ein kleines Mädchen krank lagen. Der Mann hatte 
um Weihnachten Typhus mit sehr reichlichem Exanthem gehabt, war 
dann vollkommen genesen, Anfang März von Neuem erkrankt und 
hatte jetzt wieder Roseola. Er starb wenige Tage nach unserm Be« 
t^uche. — Ein sehr eklatantes Beispiel bot femer Hr. Dr. Dümmler 
von Berlin dar. Derselbe hatte vor einigen Jahren in Prag Typhus 
bekommen, hatte sich noch nach Berlin geschleppt und hier die 
Krankheit unter einer sehr ausgedehnten Eruption durchgemacht. 
Jetzt erkrankte er wieder in Chelm, Plessner Kreis, und hatte eine 
sehr schwere und späte Reconvalescenz ^^). 

D. Natur and Ursachen der Krankheit. 

Alle Aerzte, welche die Krankheit selbst beobachtet haben (mit 
einziger Ausnahme des früher erwähnten Hm. Dr. van Decken) 

K. Vir«hov, Oeff«DtL ll«dicln. 18 


274 Volkskrankheiien und Seuchen. 

gind, soviel ich weiss, darin einer Meinung, dass dieselbe ein Typhus 
sei. lieber die nähere Bezeichnung desselben vai-iirten die Ansichten 
einigermaassen. Ursprunglich bezeichnete man die Krankheit al< 
Hungertyphus; Hr. Neumann erklärte sie zuerst Ifir exan- 
thematischen (Petechial-) Typhus (vgl. die Hungerpest S. Ti^): 
Hr. Kuh vsprach sich gleichfalls für Typhus exanthematicus au^ 
(Med. Vereinsztg. 1848. Nr. 8.); Hr. Barez endlich urgirte be><m- 
ders auf der Versammlung der Aerzte zu Bybnik die Identität iler- 
s<ilben mit dem von Hildenbrand beschriebenen contagiösen 
Typhus. 

Was die Ursachen der Krankheit anbetraf, so glaubten diejeni- 
gen, welche dieselbe für Hungertyj)hus ausgaben, entweder, cln-> 
sie aus dem Hunger hervorgegangen sei, oder, wie die meisten 
Aerzte thaten, sie erklärten sie für den gewöhnlichen, endemi- 
schen Typhus, der nur durch den NotLstand eine so gro.sse Aus- 
breitung erlangt habe. Alle ohne Ausnahme, Aerzte und Laien, 
hielten die Krankheit für contagiös (vgl. Kuh); einige meinten 
demgemäss auch, dass sie aus Galizien und Oesterr. Schlesien ein- 
geschleppt sei. 

Ich kann auf diese Ansichten mit den Worten von Huxhani 
antworten: Panim fortasse infere^ty mtm iUavi (febrem) pniridow, 
malüpiani auf ])(*fiftle?itialem ajrpeUare velis; — quiindo pefechiae erinn- 
punt, quilibef ilUnn exanthematicaTvi aut petechial e?n voraty — et qvfiit'i» 
a contagio exorta efft, contagiosmn, — E(jo qnülem de verbis conteiuhnn 
cum neminej id tivnien necesse esty vi aliqui'd habeamtifi, quo no-<fr<i^ 
idena cum (diiff cotnmtinicare queamus^ quae ubi bene ftunt dejifii^ot\ 
tnsif/nift quaedam rixae cmim relinquitnr nefnini (Opera jjhi/MicO'medir". 
[jipHiae 111 fL T. IL p, 100.), Es ist auch nicht zu übersehen, wie 
schwierig eine wissenschaftliche Entscheidung über jene verschiedenen 
Ansichten ist, da überhaupt die einzelnen Momente, welche bei einer 
solchen Entscheidung bestimmend sind, nur sehr unvollkommen t(e- 
kannt sind, und da die Wissenschaft selbst noch nicht zu einer be- 
stimmten Entscheidung über die Wesenheit und den Ursprung die>er 
Art von Krankheiten gelangt ist. Was ist Typhus? und wie entsteht 
und verbreitet sich Typhus? Das sind Fragen, welche noch Niemau«! 
ausreichend beantw^ortet hat und welche bei dem jetzigen Standpunkte 
der Wissenschaft vollkommen scharf nicht beantwortet werden können. 
Wollen wir aber zu irgend einer Klarheit, zu einem auch nur an- 
näherungsweise richtigen Kesultat kommen, so müssen wir einen 
kurzen Ueberblick über die historische Entwickelung des Begritl^ 
Typhus versuchen. 

Der Name findet sich bekanntlich schon in der koischen Ter- 
minologie, allein nur als generelle Bezeichnung für eine Reibe von 
Krankheiten, deren Gemeinschaftliches ich wenigstens nicht zu erken- 
nen vermag. Ilippokrates (Opera, ed. Kühn. T. H. p. 49(> — 50(>.) 
beschreibt in dem Buche von den inneren Krankheiten hinter ein- 
ander 4 Krankheitsformen, von denen er jede 7090^ nennt, von 
denen aber die dritte z. B, meiner Ansicht nach als akuter Gelenk- 
rheumatismus aufgefasst werden kann. Die Beschreibung der ersten 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 275 

Form passt allerdings ungefähr zu der späteren Auffassung des Tjrphus; 
sie wird dargestellt als eine akute Krankheit des hohen Sommers, 
welche mit heftigem Fieber, scharfer Hitze, Schwere, Abgeschlagen- 
heit und Schwäche der Glieder, Magenbeschwerden, Meteorismus und 
Abgang stinkender Kothmassen, Gesichtsstörungen, Unbesinnlichkeit 
u. s. w. einhei^eht. Man sieht aber leicht ein, dass, da noch 3 an- 
dere Krankheiten, welche mit diesem Bilde gar keine Aehnlichkeit 
haben, gleichfalls unter dem Namen Typhos eingereiht wurden, damit 
von vom herein eine grosse Unsicherheit des Ausdrucks gegeben 
war. Wir finden daher im Allgemeinen bei den nachfolgenden 
Schriftstellern bis auf dieses Jahrhundert den Namen überhaupt sehr 
selten gebraucht, erkennen vielmehr imsere Krankheit unter ganz 
anderen Bezeichnungen, wie febris ardens^ maligna^ putrida^ Synochus 
u. s. w., denn in demselben Maasse, als sich die Fieberlehre vom 
ontologischen Standpunkte, vom Gesichtspunkte der Essentialität der 
Fieber aus vollständiger upd consequenter gestaltete, in demselben 
zersplitterte sich die eine Krankheit in die verschiedenen Kubriken 
der nosologischen Systeme. Wie weit diese Zersplitterung gegangen 
ist, kann man am evidentesten an dem lange Zeit in Frankreich so 
verbreiteten Werk von Boisseau (^Pyretdogie physiologtque ou Tratte 
des ßkvres. Paris 183 L Ed. 4nie.) ersehen. 

Als die gangbarsten Bezeichnungen, unter denen die jetzt unter 
dem Namen Typhus zusammengefasste Krankheits-Entität in den letzten 
Jahren vor der Begründung der pathologischen Anatomie und Phy- 
siologie angeführt wurde, kann man im Allgemeinen drei bezeichnen: 
febris nervosa (Willis), febris mucosa (Ruderer und Wag 1er), und 
typhwi (Sau vages, CuUen). Je nachdem nun hier oder dort die 
eine oder die andere Schule dominirte, befestigte sich auch der eine 
oder der andere Name, und wir haben es noch in der jüngsten 
Zeit erlebt, dass in Süddeutschland weitläufige Erörterungen über 
Schleimfieber gepflogen wurden, als man in Norddeutschland nicht 
mehr wusste, was man sich bei einem solchen Namen eigentlich den- 
ken sollte. Darüber aber war man seit Cullen ziemlich einig, dass 
bei dem eigentlichen Typhus die Contagiosität als nothwendige Eigen- 
schaft vorausgesetzt werden müsse, und die englischen Aerzte haben 
daher bis in die neueste Zeit zwischen Typhusfieber und anhaltenden 
remittirenden Fiebern, welche die deutschen Aerzte seit der Herr- 
schaft der naturhistorischen Schule geradezu Typhus genannt haben 
würden, unterschieden. Wenn man die Beschreibungen der west^ 
afrikanischen remittirenden Fieber liest, z. B. das von M' Willi am 
so genau untersuchte Fieber, welches die bekannte Niger-Expedition 
scheitern machte, so kann man dieselben nach deutscher Anschauungs- 
weise nur als Typhen auffassen. 

Man wird daraus leicht ersehen, wie schwankend die Bedeutung 
des Ausdrucks Typhus ist und wie sehr der Umfang des Begriffs in 
den verschiedenen Schulen wechselt. Sehr charakteristisch in dieser 
Beziehung ist die officielle königlich preussische Erklärung über den 
Gegenstand. In der Beilage B, zu dem Kegulativ vom 28. October 
1835 über das bei ansteckenden Krankheiten zu beobachtende sani- 

18* 


'27(> VulKskraiiklieiteii uikI Seur'lieii. 

tätsj)oli7X'ilIclie Verfaliren heisst es § 2\): „Sclion seit ij^eraunier Zelt 
pflegt man jedes, mit vorlieirselieiuler AfVektion des Gehirns und 
Nervensystems nnd grosser Ilinlalligkeit verbundene Fie])er ein Xer- 
venHel)er, nnd einen liülieren Grad (lessell)en auch wuld Tvpluis zu 
neiuien. Unter Typhus im engeren Sinne verstellt man je<h>cli nur 
jene Art des Nervenfiebers, welclie, ursprünghell dureh eine eigen- 
thümliehe Luftverderbniss entstanden, sieh sodann, auch ohne die-e. 
auf dem AVege der Ansteckung mittheilt und weiter verbreitet, uud 
dieses zwiefachen Verluältnisscs wegen immer mehr oder wenigr-r 
einen ej)idemischen Charakter zu gewinnen })flegt.** Hier winl also 
zwischen Nervenfieber und Tvj)hus, zwischen Ty])hus im engeren und 
im weiteren Sinne unterschieden; als das Kriterium des eigentlichen 
Ty])hus wird nur die Contagiosität an;:eiidirt,(lenn die j)rin»äre Ent- 
stehung aus einer ,,eigenthrimliclien Luftverderbniss^- kann unmöglich 
irirend einem Arzte, der sich nach den Vorschriften ienes Kei^ulativs 
ZU richten hat, als Norm dienen. 

Eine genauere Anschauung iiber diese Verhältnisse begann er>t 
von dem Augenblicke, wo die anatomischen Untersuchungen neue 
AnkTn"ij)fungspunkte für dieselben hinstellten. Nachdem schon Koderer 
und Wagler die Aufmerksamkeit der Aerzte auf Verämlcrungen an 
der Darmschleimhaut, namentlich des Drüsenapparates gelenkt hatten, 
zeigten Serres und Petit durch genaue Forschungen die Constanz 
der Erkrankung der Darmschleimhaut und der GekrOsdrüsen hei 
gewissen, bis dahin als essentielle Ijcschriebenen Fiebern. Mit dieser 
Erfahrung beiriinn eine neue Verwirruni^. Serres und Petit hatten 
das Fiel)er der localen AfCektion Avegen /ih're i'fffuo-nn'-^enfirit/ue ^e- 
naimt, indem sie immer noch das Fieber als die Hauptsache fest- 
hielten: Broussais, der solche Entitäten ül)erhaupt bekämj)fte, gitig 
einen Schritt weiter, erklarte die Localaftektion für die Hauj)tsache, 
das Fieber für die Folge davon, inid schuf daher für die Krankheit 
den Namen aaslro-cnferlfe. Bretonneau, Cruveilhier und Bouil- 
laud haben diese Anschauung nur schärfer umgrenzt, indem der 
erste die Krankheit (Infhiencnten'c nannte, der zweite die Bezeichnunir 
cnti'rift' follimlairc einführte und der dritte von einer intcro-mcscntt^riU 
fifphoiih' sprach. 

Während man die Fieber-Entitäten zurückwies, schuf man so 
Entzündungs-Entitäten. Es konnte sich daher auch diese Anschauungs- 
welse auf die Länge nicht halten. In dem Maasse, als unter den 
Händen der Experimentatoren <he humorale Anschauung in der Me- 
dicin wieder Platz zu greifen begann, als namentlich durch die Ex- 
perimente über putride Lifektion des Blutes der Gesichtskreis sich 
erweiterte, trat auch die Nothwendigkeit, von <ler localen AÖektion 
auf einen allgemeinen Grund zurückzugehen, wieder in den Vorder- 
grund. Schon H. Boerhaave hatte die Aehnlichkeit der hitzigen 
Nervenkrankheiten mit Vergiftungen, z. B. mit der Belladtmna- 
Intoxlkation hervorgehoben, und deutsche Aerzte, wie Hörn, sprachen 
schon bei dem Kriegstyphus von 181^^ geradezu von einer „animali- 
schen Vergiftung des Hirns und Ner\ ensystems'^ (Hörn, Erfahrungen 
über die Heilung des ansteckenden Nerven- und Lazarettiiebers. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 277 

Berlin 1814. S. 14.) In Frankreich gewann die Anschauung von 
einer Veränderung /les Blutes durch Aufnahme schädlicher StoflFe 
nach den allerdings sehr vorsichtig ausgesprochenen Ansichten von 
Andral, Louis, Littrd mehr und mehr Platz, bis in der neuesten 
Zeit Rayer geradezu die locale Aflfektion von einer allgemeinen 
putriden Infektion ableitete und Piorry die Krankheit als enterife 
tepficeniü/ue bezeichnete. 

In Deutschland, wo eine Zeit lang durch den Einfluss des altern 
Marcus, von Wedemeyer u. A. die Ansicht, dass der Typhus in 
einer HimentzQndung bestehe, aufrecht gehalten war, — eine An- 
sticht, die übrigens auch in Hildenbrand's Angaben eine theil weise 
Bestätigung gefunden hatte, war mittlerweile durch die naturhistorische 
Schule die Meinung, dass der Typhus auf einer primären Blutver- 
änderung beruhe und die Dannaffektion als eine secundäre Local- 
afFektion zu betrachten sei, mehr und mehr geltend geworden; die 
Anhänger von Cullen, Brown, Broussais wurden immer mehr in 
den Hintergrund gedrängt, insbesondere, seitdem die junge Wiener 
Schule als ein etwas ungeduldiger Erbe die Hinterlassenschaft der 
Xaturhistoriker in entschieden kraseologischem Sinne auszubeuten be- 
i^ann; und es ist endlich dahin gekommen, dass man eine grosse 
Familie von Krankheits-Entitäten geschaffen hat, welche alle Typhus 
heissen. Eine Zeit lang schienen auch die chemisch-physikalischen 
Blutuntersuchungen fflr eine solche Familie bestimmte Veränderungen 
des Blutes (Verminderung des Faserstoffes, Anwesenheit von Ammo- 
niak u. 8. w.) darzuthun und man sprach geradezu von einer typhösen 
Blutmischung. Leider haben die Untersuchungen der letzten Zeit 
aber die Unhaltbarkeit einer solchen Anschauung gezeigt, und wir 
sind in Beziehung auf das Blut wieder eben so weit vom Ziel zu- 
nlckgedrängt, als wir es je gewesen sind. (Vgl. Dies. Archiv I. 
S. 572, 56'3.)*) 

Wenn wir uns daher unserer Stellung gegenüber der Typhus- 
lehre aufrichtig klar werden wollen, so müssen wir eingestehen, dass 
wir über den eigentlichen Cardinalpunkt noch immer nichts Bestimm- 
tes wissen, und dass unsere Argumentationen über diesen Gegenstand 
nichts weiter, als mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen sind. 
Um indess nicht ungerecht zu sein, müssen wir hervorheben, dass in 
einer so schwierigen Lehre unsere Kenntnisse immerhin um ein Be- 
deutendes vorgerückt sind, und dass wir namentlich 3 sehr wesent- 
liche Punkte, welche in die ältere Doctrin eine grosse Verwirrung 
u^ebracht haben, genauer ergründet haben. Es sind diess folgende: 

1. Der Unterschied zwischen typhösen Krankheiten 
und typhösen Zuständen. Bevor die Diagnose durch die anato- 
inisschen Forschungen und die Verbesserung: der technischen Hülfsmit- 
tcl denjenigen Grad von Genauigkeit erreichte, auf dem sie sich ge- 


*) Tofdü ifs aufrurtt t/ui ont trnitr de In jirrrn ti/p//"hh\ (nit parli' , plus ou moins 
tftufut-ftirnt, des nlti rdtitnm du H'iug ; ni>/''s t/n s'arrori^t' </''n>'rnft'infnt a revonnnttre quc^ 
dnnn V>t>tt nrtut'l de la inienrt'^ tmus .sn/nuiftt peu fir(tur>'s dnns cette etude (Jacquot, 
0(12. med. Ifiiö. Aoüt. No. 33 J, 


278 Volkskrankheiten und Seuchen. 

genwftrtig befindet, identificirte mkn sehr häufig fieberhafte Krankhei- 
ten mit einander, deren Phänomenologie darin fibereinetimmte , da^s 
eine eigenthümliche Affektion des Nervensystems , meist mit dem Cha- 
rakter der Depression (Asthenie, Adynamie, Schwäche) vorhanden 
war. Man liess jede beliebige fieberhafte Krankheit nervös oder ty- 
phös werden, wenn die Affektion des Nervensystems jenen Charak- 
ter annahm. So kam es z. B., dass man ein gastrisches Fieber zu- 
erst nervös werden und zuletzt einen Typhus daraus entstehen hess 
(Vgl. das oben citirte Begulativ). Man bezeichnete hier also mit dem 
Namen Typhus nur eine £j*ankheit, bei der die Depression der Ner- 
venerscheinungen eine gewisse Ausdehnung erreicht hatte. Diese 
Anschauung fiel mit dem Augenblick zusammen, wo man zu erken- 
nen anfing, dass das Fieber selbst nur der Ausdruck der allgememen 
Betheiligung des Nervenapparats an der Krankheit, der Ausdruck der 
allgemein gewordenen Krankheit sei, und dass diese Betheiligung un- 
ter den verschiedenartigsten Verhältnissen den Charakter der Depres- 
sion annehmen könne. Umfasst man nun diejenige Veränderung am 
Nervenapparat, welche gleichzeitig Fieber und andere Nervenerschei- 
nungen mit dem Charakter der Depression bedingt, unter der Col- 
lektivbezeichnung des typbösen Zustandes, so leuchtet ein, da^s 
eine grosse Reihe von Krankheiten denselben hervorzubringen im 
Stande sein muss. Als Beispiele mögen die akute Miliartuberku- 
lose, die grossen Pneumonien, die putride Lifektion des Blutes die- 
nen. Diesen Krankheiten mit typhösen Zuständen gegenüber stellten 
sich dann die eigentlich typhösen Krankheiten, bei denen die Er- 
scheinungen der Depression am Nervenapparat nothwendig zu den 
Krankheitserscheinungen gehören und nicht bloss zufi9,Ilig sind, wie 
bei den typhös oder nervös gewordenen Pneumonien, bei denen gros^^e 
Erschütterungen des Nervensystems, wie sie sich namentlich in den 
Schüttelfrösten darstellen,' die Krankheit einzuleiten pflegen, um ihr 
dann einen gesetzmässigen, wenn auch nicht an scharf bestimmte, kri- 
tische Tage gebundenen Verlauf zu gestatten, während bei der ge- 
nuinen putriden Infektion in regelloser Weise, immer wieder von 
Neuem, stürmische Erregungen hervorbrechen, bei der akuten Miliar- 
tuberkulose dagegen das Nervensystem nicht mit einem Schlage, son- 
dern allmählich in Mitleidenschaft gezogen wird. Wir besclfiränken 
demnach den Namen Typhus auf einen Krankheitsvorgang, der im- 
mer und wesentlich mit dem typhösen Zustande verbunden ist, auf 
einen fieberhaften Prozess, der bei einem gesetzmässigen Verlauf mit 
depressiven Erscheinungen am Nervenapparat einhergeht. Aus diesem 
Unterschiede folgt zum Theil schon ein anderer, nehmlich: 

2. Der Unterschied zwischen akuten Katarrhen, die 
mit dem typhösen Zustand auftreten, und Typhen, die mit 
akuten Katarrhen verbunden sind. Alle Typhen haben die Ei- 
genthümlichkeit , dass dabei ein oder mehrere Systeme von Schleim- 
häuten befallen werden, wobei akute Hyperämien mit Veränderung <ler 
Ernährung und Absonderung in denselben sich ausbilden. Bekannt- 
lich sind es insbesondere die Respirations- und Intestinalschleimhaut, 
welche die Sitze solcher Katarrhe werden, und ich habe schon (Dies, 


Oberschlesische Typhus-Epidomie von 1848. 279 

Archiv I. S. 249) hervorgehoben, wie die Diarrhöen bei üeotyphus 
nicht von der Erkrankung des Follikelapparats oder der Geschwürs- 
bildung, sondern von dem gleichzeitigen Darmkatarrh abhängig sind. 
Die oberschlesische Epidemie hat dazu die schönsten Beläge geliefert. 
Diese Katarrhe sind aber nicht typhöse, ein Tjrphus mit Katarrh der 
Bronchialschleimhaut ist nicht ein Bronchotyphus , sondern der Ka- 
tarrh ist nur Coeffekt derselben Ursache, welche die eigentlich typhö- 
sen Erscheinungen hervorbringt; der Umstand, dass er zum Typhus 
gehört, dass er ein Glied in der Phänomenologie des typhösen Pro- 
zesses ist, hindert keineswegs, ihn in seiner eigenthümlichen Bedeu- 
tung aufzufassen. — Andrerseits wissen wir, dass die katarrhalischen 
Schleimhautentzündungen mehr, als irgend eine andere Localaffektion, 
von vornherein mit tiefen Veränderungen der Nerventhätigkeit ein- 
hergehen*). Diese Veränderungen treten besonders in den Katarrhen 
der oberen Theile des Digestionskanals, bei der Entzündung der 
Schleimhaut des Magens, des Zwölffingerdarms und der Gallen wege, 
den sog. febreB gantricae und gasirico-büiosae, gastroduodenitis (Sto- 
kes) zuweilen so stark hervor, dass sie den typhösen Zustand dar- 
stellen und Formen herauskommen, welche den alten Begriffen der 
jehreH gastnco-nervosae und biliosae-putridae entsprechen. Berücksich- 
tigt man indess den Krankheitsverlauf, so ist in der Mehrzahl der 
Fälle allerdings eine Unterscheidung vom Typhus möglich. 

3. Die exanthematische Natur des Typhus. Ich weiss 
nicht genau, wie weit sich die Kenntniss dieses Satzes in der Lite- 
ratur zuruckverfolgen lässt; dass er aber bei dem E[riegstyphus schon 
mit Bestimmtheit ausgesprochen worden ist, wird man aus Bischoff 
(a. a. O. S. 3) klar ersehen. Die naturhistorische Schule hat nach- 
her bekanntlich eines ihrer glänzendsten Paradoxen darin gefunden, 
dass sie 2 Hauptformen des Typhus unterschied: den exanthematischen 
und den enanthematischen, den petechialen und den abdominalen; dass 
^ie also die typhösen Veränderungen am Follikelapparat des Darms 
<lem Hautexanthem gleichstellte. Vielleicht gibt es keinen Satz, der 
die Oberflächlichkeit, mit der diese Schule ihre ontologischen Ana- 
logien vortrug, und die Selbstgefälligkeit, mit der sie solche Einfälle 
in monographischer Foiin der Welt vorlegte, mehr anschaulich macht, 
als dieser. Man mag den Petechialtyj)hus bei so vielen Schriftstel- 
lern und an so vielen Kranken studiren, als man immer will, man 
wird in der Art des Exanthems keinen Unterschied von dem Exanthem 
<les Abdominaltyphus finden; dort ist Roseola und hier ist sie, und 
wenn dort zuweilen, oder in manchen Epidemien häufig, wirkliche 
Petechien, Purpuraflecke u. s. w. erscheinen, so kommen doch auch 
Abdominaltyj)hen mit wirklichen Petechien vor, wie ich selbst ge- 
sehen habe. Die einzige Differenz besteht in der Ausdehnung des 


•) ZcUer in Winncnthal (Zeitschr. f. 1^'schiatrie 1844, I. 1. S. 61) sagt: „Es 
wird immer wahrscheinlicher, dass der Zustand der Schleimhaut des Darmkanals 
auf das Gesammt^efühl des Wohlseins oder Unwohlseins, die Lebensspannung und 
Abspannung weit mehr F^Iinfluss hat, als der irgend eines anderen Gewebes, dass 
aber auch anderweitige krankhafte Zustände im Gehirn und Rückenmark sich in ihr 
besonders leicht reflcktiren.** 


•J80 Volkskrankheiten und Seuchen. 

Exanthems, in der Zahl der Flecke; sie ist also nur quantitativ, und 
man muss desshalb den abdominalen Typhus ebenso gut als den pe- 
techialen zu den exanthematischen Krankheiten zählen. Da.<s man 
aber nun gar die Veränderungen des Follikelapparat« am Darm al.- 
Binnen-Exanthem dem Haut-Exanthera gegenübergestellt hat, ist eine 
reine Spielerei. Die Vorgänge, welche am Darm zu beobachten sin<l, 
haben auch nicht die geringste Aehnlichkeit mit denjenigen, welche 
an der Haut geschehen, während sie vollkommen identisch sind mit 
denjenigen, welche sich an den Gekrösdrusen finden. Die Roseola 
ist eine umschriebene Capillarhyperämie, die Petechien sind umschrie- 
bene Extravasate in der Haut; die Veränderungen am Darm uml 
den Gekrusdrfisen bestehen in einem Vorgange, der allerdings auch 
mit Hyperämie anfängt, aber mit reichlichen und oft nekrotisirenden 
Exsudaten endigt. Ich weise daher jenes Analogien - Spiel ernstlich 
zurOck, während ich bestimmt der Ansicht von der exanthematischen 
Natur der Typhen beitrete, wie sie in der neueren Zeit von Roupell 
(Treafi^e on typhua fever, Land, 18*W)y Andrew Anderson (Oh^err. 
on typhvJi, (rUwrj, /HiO), Eustace (Meiliml report of ihe Ferr-r 
Hospital, Cork'Sfreef, Dublin IHil), William Davidson (Ueber den 
Typhus in Grossbritannien und Irland, fibersetzt von Rosenkranz, 
Kassel 1843) und Dagincourt ((iaz, nied, IHI^H^ Ft'vr. No. fS.) ver- 
theidigt worden ist. Mit Recht hat namentlich Eustace hervorge- 
hoben, wie aus einer solchen Anerkennung als unmittelbare Con- 
sequenz die Anschauung von einem gesetzmäJ5sigen periodischen Ver- 
lauf der Krankheit als eines in sich zusammenhängenden Processe:^ 
hervorgehe. 

Nachdem wir diese 3 Punkte hervorgehoben haben, können wir 
mit einiger Sicherheit an die Beantwortung der augenblicklich so ver- 
wirrten Frage nach der Natur des Typhus gehen. Ich definire Ty- 
phus als eine akute Krankheit, welche von Anfang an mit 
einer bedeutenden Erschütterung des Nervensystems und 
heftigem Fieber aufzutreten pflegt, sehr bald Roseola- 
Exanthem entwickelt*), die Erscheinungen der Depresssion 
am Nervenapparat hervortreten lässt, sich mit akuten 
katarrhalischen SchleimhautentzQndungen verbindet, und 
einen gesetzmässigen, obwohl nicht scharf typischen Ver- 
lauf macht. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Grundbedin- 
gung des Typhus in einer Veränderung des Blutes, in einer Vergif- 
tung desselben durch schädliche Stoflfe besteht, allein ich leugne, dass 
die bisherigen Blutuntersuchungen für diese Ansicht irgend welche 
Stütze geliefert haben. Es ist eine einfache Consequenz dieser An- 


•) Anderson (1. C. p. 20) sag^t: The eruption is nfcestiary tu constitute th" 
disease: ntfier nymptoins mny he ahsent. Er fand das Exanthem in Glast^ow uni^fr 
2852 Fällen 18.^5 Mal = 80 pCt. Roupell t^Mbl das Verhiiltniss in Lond.wi 
= 70 pCt., Cowan in Glas^'ow = 73,1)1) pCt, Chomcl in Paris = 77 pCt. (Vd. 
Davidson a. a. 0. S. 32 fliid.) Wenn m.in das Exantht*m so häufiir nicht zu seh^'n 
bekommt, so muss man sich daran erinnern, dass die Kranken sehr häufig zu einer 
Zeit in die Beobachtung des Arztes kommen, wo das Exanthem schon wieder er* 
blasst ist. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 281 

sieht, oder genauer gesagt, diese Ansicht ist die einfache Consequenz von 
der Erfahrung, dass die bisher nachgewiesenen Veränderungen in dem 
quantit;itiven Verhältniss der Blutbestandtheile zu einander keine primä- 
ren, sondern erst durch die Entwickelung der Krankheit bedingte sind. 
Wer immer eine miasmatische oder contagiöse Entstehung der Typhen 
annimmt und nicht etwa fOr die botanische oder zoologische Para- 
sitentheorie (Henle oder Holland) schwärmt, der darf nicht zwei- 
feln, dass, wenn Veränderungen an dem Blute als Ursache der Krank- 
heit angesehen werden sollen, diese qualitative sein müssen. Dass 
dergleichen bisher nicht gefunden worden sind, das beweist aber so 
wenig gegen die Sache, als dass man in dem Blute der Pocken- und 
\[asernkranken noch keine specifischen, qualitativ anders gearteten 
Stoffe gefunden hat, als bei Gesunden vorkommen. Es wäre auch 
absolut willkOriich, zu verlangen, dass diese Stoffe während des gan- 
zen Krankheitsverlauüs im Blute nachweisbar bleiben sollten. Wird 
denn jemand verlangen, dass bei einer Metallvergiftung das einge- 
brachte Metall so lange im Blute nachweisbar sein soll, als die durch 
dasselbe hervorgerufenen Erscheinungen am Nervenapparat andauern? 
Es ist unnuthig, qualitative Veränderungen an dem Faserstoff, Ei- 
weiss, den Blutkörperchen hypothetisch zu schaffen, wie die Wiener 
Kraseologie gethan hat; ja, es ist mehr als unwissenschaftlich, das zu 
thun, da, wie ich schon frOher gezeigt habe, solche Veränderungen 
bestimmter chemischer Stoffe unter keine bekannte Gruppe .chemischer 
Körper, weder unter die der isomeren, noch unter die der isomor- 
phen Körper passen wQrden. Es ist möglich, dass der qualitativ von 
den normalen Blutbestandtheilen abweichende Stoff, der den Typhus 
bedingt, das T3rphus-Miasma, längere Zeit im Blute verweilt, aber es 
ist eben so möglich, dass er frühzeitig verschwindet, während die 
durch ihn am Nervenapparat und in der Ernährung hervorgerufenen 
Veränderungen ihren Gang fortgehen. 

Die letzte Schwierigkeit, fiber welche wir uns auszusprechen 
haben, betrifft die Bedeutung der localen specifischen Ty- 
phusprodukte, oder, unserer Sprechweise gemäss, der Produkte 
der local und specifisch gestörten Emährungsvorgänge. Ich erwähnte 
s(!hon, dass die französische Medicin zwischen Typhoidfieber und 
Typhus so sehr unterscheidet, dass sie beide als bestimmt verschie- 
dene Krankheiten auffasst, während die deutsche Petechial- und Ab- 
dominaltyphus als zwei verschiedene Erscheinungsweisen derselben 
Grunderkrankung hinstellt. Das Unterscheidende zwischen beiden 
Krankheitsformen ist die specifische Veränderung der Darmfell ikel, 
der Gekrösdrüsen und zum Theil der Milz in der abdominalen, 
typhoiden Form. Davidson (a. a. O. S. 124), der die vollkommene 
Identität des Typhus und des typhoiden Fiebers behauptet, meint, 
es wQrde zu einer endlosen und sehr unphilosophischen Eintheilung 
verleiten, wenn man einfache Anschwellungen der Darmdrösen, wie 
er sie beim schottischen Typhus sehr häufig gesehen hat, von der im 
typhoiden Fieber des Continents vorkommenden Veränderung unter- 
scheiden wollte. Diess ist aber nicht der Fall. Die Anschwellungen, 
die Davidson beschreibt, kommen bei Pneumonien ebenso gut vor, 


282 • Volkskrankheiten and Seuchen. 

wie bei Typhen; sie sind in der grossen Mehrzahl der FäJe nur iler 
Ausdruck einer katarrhalischen Erkrankung, und die pathologische 
Anatomie unterscheidet sie auf das bestimmteste von der «pecitischen 
tjrphusen Veränderung. Erkennen wir die letztere an uad berück- 
sichtigen wir ihr Fehlen in dem britischen Typhus, so wird es sich 
wesentlich darum handeln, welchen Rang wir dieser Verändeninir 
zuerkennen wollen. Schon oben habe ich die Meinung der jfranzö^i- 
schen Schriftsteller (Broussais, Cruveilhier, Bouillaud) erwälmt, 
welche eine Entzündung des Danns oder seiner Drüsen annehmen 
und dieselbe als die eigentliche Wesenheit des ganzen Prozesses be- 
trachten. fSnzelne deutsche Schriftsteller sind noch weiter gef^anir^^n 
und haben Versch wärung der Follikel, Darmgeschwüre als die 
Hauptsache hingestellt. Diess ist deshalb ganz falsch, weil das Ge- 
schwür gar nicht mehr zum Typhusprozess gehört, sondern unter dh- 
Ausgänge desselben fällt, so wie der Abscess oder das Geschwür der 
Haut zu dem Entzündungsprozess der Haut nicht gehören. Es kommt 
ja häufig beim Typhus gar nicht zur Geschwürsbildung, da eine 
Resorption des Exsudats im Stadium der markigen Infiltration mOglich 
ist und die Geschwürsbildung nur von dem Zustandekonunen nekro- 
tisirender (diphtheritischer) Exsudate abhängig ist. Wenn ich mich 
demnach nicht dahin entscheiden kann, dass die Darmaffection die 
Wesenheit des Prozesses selbst ausmache, so muss ich mich gegen die 
Ansicht, dass diese eigenthümliche Art der Ernährungsstörung zu der 
Wesenheit des Prozesses mitgehOre, ebenso bestimmt erklären. Der 
T)q)hus mit Veränderungen der Darm- und Gekrösdrüsen und iler 
Alilz, der entero-mesenterische , abdominale oder Ueotyphus unifas:>t 
die ganze Phänomenologie des ohne specifische anatomische Verän- 
derung verlaufenden, petechialen oder exanthematischen Typhus, wie 
das Davidson sehr gut gezeigt hat, aber ausserdem noch einiire 
Erscheinungen, welche dem letzteren fehlen; betrachten wir den 
petechialen Typhus als den einfachen, so ist zu diesem noch etwa-^ 
hinzugekommen, der abdominale Typhus ist eben ein complicirter. 
Worin aber besteht diese Complication? Anderson (l. c. p. 54) macht 
sich die Sache sehr bequem. Er betrachtet den Abdominal typhus, 
das Typhoid fieber als eine rein örtliche Krankheit der DarmfoUikel, 
die, wie andere LocalafiFectionen , häufig von einem fieberhaften Zu- 
stande begleitet sei und sich zuweilen mit Typhus zu einer com- 
ponirten Krankheit verbinde, welche die Symptome von beiden ent- 
halte. In ganz ähnlicher Weise spricht Stokes von einer Verbindung 
des (irischen) Typhus mit Ileitis. Diese Anschauung kann ich um t^o 
weniger theilen, als noch Niemand eine solche Ileitis ohne Tyi>hii> 
gesehen hat und dieselben Gründe, welche sich gegen <lie französL^clie 
Ansicht von der Bedeutung der Localaflektion beibringen lassen, auch 
hier zutreifen. Betrachten wir die im Abdominaltyphus erkrankten 
Theile, so finden wir, dass sie alle in mehr oder weniger inniger 
Beziehung zur Blutbildung stehen. Die DarmfoUikel und Gekro>- 
drüsen sind Hauptorgane der Aufnahme und Bildung der Chylus- 
flussigkeit, und diese wiederum ist das Bildungsmaterial des Blute.<: 
die Milz hat eine Verbindung mit der Gewebsbildung des Blute-. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 283 

(Vgl. Med. Ztg. 1847. No. 4. Dies. Archiv I. S. 571.) Es treten also 
bei dem Abdominaltjphus zu den Erscheinungen des einfachen Typhus 
noch Erkrankungen gewisser mit der Blutbildung zusammenhängender 
Organe hinzu. 

Soll man nun diese Erkrankungen als abhängig von dem schon 
veränderten Blut, Nervensystem u. s. w. oder vielmehr die Verän- 
derung des Blutes als abhängig von diesen Erkrankungen betrachten? 
sind also diese Erkrankungen primäre oder secundäre? Nimmt man 
dasjenige als begründet an, was ich oben als die Wesenheit des 
Typhus ausmachend geschildert habe, so darf darüber kein Zweifel 
erhoben werden, dass man auch die Erkrankungen der DarmfoUikel, 
der Gekrösdrüsen, der Milz als secundäre, als abhängig von der 
primären Veränderuog des Blutes oder Nervensystems oder was man 
sonst als Erstes setzt, auffassen muss. Ein Beispiel wird diess am 
bestimmtesten erläutern: 

Niemand kann daran zweifeln, dass die Pest eine allgemeine 
(nicht locale) Krankheit sei, mag man sie nun nach der humoralen 
oder solidaren Theorie deuten; Niemand kann femer in Abrede 
stellen, dass die Erkrankungen der Lymphdrüsen (Bubonen) eine 
secundäre, von der allgemeinen Ursache abhängige Erscheinung dar- 
stellen. Manche Schriftsteller, z. B. Jos. Frank und die ganze 
naturhistorische Schule, haben durch Analogien -Beweis die Pest 
geradezu als Typhus darzustellen gesucht, wobei man das peripherische 
Drüsenleiden der Pest den Erkrankungen der inneren Drüsen beim 
Typhus gleichsetzte. Wenn man nun auch die Aehnlichkeit von Pest 
und Typhus nicht in Abrede stellen kann, so folgt daraus noch nicht, 
dass beide zu derselben ^Krankheitsfamilie'' gehören und zu den 
oben genannten beiden Typhusformen ein Pesttyphus als dritte hin- 
zugefügt werden müsse. Ich würde sonst die von mir aufgestellte 
Definition des Typhus ohne Weiteres als zu eng zugestehen, da die 
Petechien in der Pest nur in ganz späten Stadien erscheinen und 
ich weder sie, noch die Karbunkel als Aequivalent der Roseola be- 
trachten kann. Pruner (Die Krankheiten des Orients. Erlangen 
1845. S. 380) beschreibt sehr weitläufig den ägyptischen Typhus und 
erwähnt sein Vorkommen während der Herrschaft von Pestepidemien. 
Es wäre möglich, dass spätere Untersuchungen, welche auf die eigent- 
liche Natur und Ursache dieser Krankheiten genauer eindringen, uns 
eine nähere Verwandschaft derselben zeigen; gehen wir jetzt aber 
nicht weiter, als es die naturwissenschaftliche Methode erlaubt. Die 
Pest darf nur als das Beispiel einer akuten Krankheit, wo die allge- 
meine Krankheit locale DrOsenaffektionen hervorruft, als ein Beweis 
für die Abhängigkeit der Drüsenaffektion beim Typhus von dem all- 
iXemeinen Leiden dienen, — mehr nicht.*) — Wir unterscheiden 

•) Ich möchte hier noch einen Ausdruck rü|:(en, den die Kraseo-Ontologic bis 
zum Ueberdruss abs^etreten hat. Man sagt von einer Reihe von Krankheiten, die 
man willkürlich auf humorale Grundlagen zurückführt: wenn keine Loc-alaficktion da 
ist, sie Terliefen im Klut, und wenn eine da ist, sie hätten sich localisirt. Wenn 
j'^mand also Blausäure nimmt und daran stirbt, so würde nach dieser Aasicht die 
Krankheit (Vergiftung) im Blut verlaufen sein. Was verläuft nun aber im Blut, 


284 Volk.sk rank heilen und Seuchen. 

demnach einen einfachen und einen abdominalen Typhu*^, 
indem wir dem letzteren eine secundäre Erkrankunir von 
Organen, die mit der Blutbildun«^ in direkter Beziehiinir 
stehen, als charakteristische Eigenthrimlichkeit zugestehen. 
Andere Schriftsteller haben schon die Frage aufgeworfen, wo- 
durch diese Complication des Typhus bedingt sei? Davidson führt 
in etwas unbestimmter Weise Ort, Jahreszeit, epidemische und an- 
dere noch unbekannte Einflüsse an, und erwähnt noch besonder*, 
dass der abdominale Typhus in Glasgow * 3 der T_\T)hu8-Erkrankun- 
gen bilde, in Dublin viel seltener sei, in London * ^ ausmache, alter 
zu verschiedenen Jahreszeiten sehr variire. Sei tz (Bemerkungen uher 
epidemische und endemische Krankheitsverhältnisse. 1848. S. 8r),) 
spricht sich dahin aus, dass, wenn der Aufenthaltsort und die Lebens- 
verhältnisse der Menschen auf die Entstehung und Erscheinungsweise 
der Fieber von Einfluss seien, doch die Gestalt denselben, insofern sie 
der Ausdruck der vorwaltenden örtlichen Läsionen ist, vorzüglich von 
Witterungs Verhältnissen abzuhängen scheine. Er motivirt diesen Satz 
insbesondere durch die Erfahrung, dass im Jahre 1846 gleichzeitig 
in Paris, London und München der Typhus mit sehr geringen Ver- 
änderungen am Darm aufgetreten sei. Allein diese Erfahrung, weicht* 
sich Qberdiess auf zu kleine Summen von Beobachtungen stiltzt, ir«'- 
nDgt nicht. Trotzdem, dass der allgemeine Charakter der Witteruni^- 
verhältnisse im Sommer 1846 auch in Berlin keine Abweichungen von 
dem von Seitz entworfenen Bilde zeigte, so hatten wir fortwährend 
die ausgebreitetsten Veränderungen am Darm der Typhösen zu be- 
obachten. Und wenn es femer auch richtig ist, dass in England Ah- 
dominaltyphus genug vorkommt (man vergleiche nur die Abbildun- 
gen von Bright Reports of mediral cnj^es. London 1827. liate l'i — /-Ä , 
80 darf man doch nicht übersehen, dass er durchschnittlich im Ver- 
gleich zum einfachen Typhus sehr selten und in Irland insbesondere 
der letztere fast stationär ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind e? 
die localen Verhältnisse der Gesellschaft, welche die Form der Krank- 
heit bestimmen, und wir können bis jetzt als ein ziemlich allgemeinei^ 


wenn jemand auf den Koj)f fällt und (durch eine Commotion des Gehirns) zu Gruii'!»^ 
peht? Vergesse man doch ja nicht, dass die ganze Erscheinun^sroihe, z. B. ein'> 
Typhus, eingeleitet werden kann durch eine Blutvergiftung, djiss aber alle spätcni; 
Vorgänge von dem durch den eingebrachten StolT veränderten Nervenapparat aiiv 
gehen können, nachdem dieser Stoff selbst längst wieder aiLS dem Körper au^i'> 
schieden, das Blut gt-reinigt ist. Dann verläuft die Kiankheit aber wesentlich am 
Nervenapparat und nicht im Blut. W.'is soll nun aber gar die LocalisationV Wiil 
man sich dabei etwas denken, so darf man nur kritische Locaiisationen statuirn, 
denn das, was sich localisirt, wird dadurch noth wendig aus dem Blute entf^'rnt 
Indem man von dieser einfach logischen Folgerung absieht, verliert der Aui>«lrurk 
allen Sinn. Ein Sturm, der durch die oberen Luftschichten dahinbraust un^ 'ii-' 
Wolken vor sich herjagt, ist gleich der Krankheit, die im Blut vorlaufen soll, gl-.<'h 
der innern Bewegung, welche die Blutbestandtheile zu neuen Stoffen und Verhm- 
dungen auseinander und zusammen zwingt Wenn aber der Sturm sich der Kr-I- 
oberfläche nähert. Bäume entwurzelt, Häuser zusammenbricht und Schiffe zerseh» Il<n 
macht, dann — locAlisirt er sich? — nein, er pfeift über die Fläche hin, All'-« 
verwüstend, was seiner Kraft nicht gleichen Widerstand entL;egenstcUt, und er?t 
nach langer Zeit und in weiter Feme bricht sich seine Gewalt. 


Oberschlesische Typhas-Bpidemie von 1848. 285 

Kesultat hinstellen, dass die einfache Form um so häufiger ist, je 
armseliger und einseitiger die Nahnmgsmittel und je schlechter die 
Wohnungen sind. Alb er s (Die Darmgeschwüre. 1831. S. 101. 
folg. 302.) urgirt die Skrofulöse als ein begünstigendes Moment der 
Darmaffektion, und wenn ich auch seinen zum Theil etwas seltsamen 
Gründen nicht beistimmen kann, so scheint es mir doch richtig zu 
sein, dass der abdominale Typhus da häufiger vorkommt, wo Skro- 
fulöse und Tuberkulose sich besonders reichlich entwickeln, wo also 
durch die Lebensverhältnisse eine gewisse Disposition zur Erkrankung 
gewisser drüsiger Organe gegeben ist. Eine genaue Entscheidung 
<lieser Frage hängt aber von der weiteren Entwicklung der medicini- 
schen Statistik, welche eines der dringendsten Erfordernisse der Zeit 
ist, ab. 

Nach diesen etwas weitläuftigen Vorfragen können wir uns schon 
über mehrere der Ansichten, welche wir im Anfange dieses Abschnit- 
tes aufjgestellt haben, aussprechen. Jedenfalls ist die in Oberschlesien 
epidemisch aufgetretene Krankheit als Typhus aufzufassen, denn es 
war, wie aus unseren früheren Mittheilungen hervorgeht, eine akute, 
an einen gesetzmässigen Verlauf gebundene, exanthematische Krank- 
heit, welche von Anfang an mit heftigen, fieberhaften Erschütterungen 
des Nervenapparats auftrat, sehr bald Nervenerscheinungen mit dem 
Charakter des Depression, insbesondere an dem Muskelapparat ent- 
wickelte, Katarrhe der die Luftwege auskleidenden Schleimhäute mit 
sich brachte, und deren Exanthem als Roseola erschien. Wir kOnnen 
uns ferner dahin entscheiden, dass wir einen einfachen, nicht mit 
Erkrankungen der zur Blutbildung gehurigen Organe ver- 
bundenen Typhus vor uns hatten. Es muss aus der bisherigen 
Darstellung von selbst folgen, dass wir den Namen ^exan thematischer 
Typhus** zurückweisen, weil wir jedem T3rphu8 die exanthematische 
Natur gewahrt haben; wir halten die Bezeichnung für ebenso pleo- 
nastisch, als wenn man von exanthemaüschen Masern oder von exan- 
thematischem Rotz sprechen wollte. Den Namen Petechialtyphus kön- 
nen wir seiner historischen Bedeutung wegen concediren, allein wir 
ziehen es vor, seine Streichung aus der medicinischen Nomenklatur 
überhaupt zu beantragen, weil er den heutigen Anschauungen nicht 
mehr entspricht. Der Name Petechien bedeutet in der heutigen 
Sprache der Aerzte nicht mehr dasselbe, wie früher. Fracastorius, 
von dem wir bekanntlich die erste genaue Beschreibung dieser Krank- 
heit haben, (Opera. Lugd. 1591. Pars I. De morhis contagiosis Lib. 
IL cap. 6.) gebraucht die Worte lenticulae, punctictday peticulae als 
Synonyme, und von der Zeit an hat sich lange Jahre Mndurch der 
Name Petechien als allgemeine Bezeichnung aller flachen, maculösen 
Exantheme, mochten sie nun durch einfache Capillarh3rperämie oder 
durch Blutextravasate bedingt sein, erhalten. Noch Wedemeyer« 
wie ich schon berührte, spricht von primären und secundären Pete- 
chien, und versteht unter den ersteren die einfach hyperämischen, un- 
ter den zweiten die Extravasatflecke der Haut. Ueber die Beziehung 
dieser Flecke zu der Elrankheit, namentlich ob die Petechien eine 
eigene Krankheit ausmachten oder nur als ein Symptom einer Krank- 


286 Volkskrankheiten und Seuchen. 

heit und als der Ausdruck gewisser im Körper eingetrener Verände- 
rungen betrachtet werden durften, hat man lange hin und her gestrit- 
ten, wie man sich bei Sarcone (Geschichte der Krankheiten, <llf* 
17G4 in Neapel sind beobachtet worden. Zflrich 1772. Bd. EIL S. 
140.) des Weitläuftigen überzeugen kann, und man war mehr und 
mehr darin übereingekommen, dass man die dunkelrothen, in's Blei- 
farbene oder Schwärzliche ziehenden Flecke, also die eigentlichen 
Extravasatflecke, auf eine Zersetzung, eine faulige Verderbniss des Bhite.> 
bezog. Die Krankheit, welche man Petechialtyphus nannte, geht häuti:: 
mit dieser Art von Flecken einher, wie wir es ja auch bei der ober- 
schlesischen Epidemie gesehen haben, allein sie bilden nur eine Nebensache 
dabei, da fast alle Schriftsteller darin übereinstimmen, ihnen die ge- 
setzmässige Beziehung zu dem Kran kheits verlauf abzusprechen. Man 
darf nicht Krankheiten benennen nach einer Erscheinung, die nur 
die zufällige, wenn auch häufige Folge gewisser Bedingungen ist, die 
sich im Laufe der Krankheit gestalten. Die Petechien, nach denen 
der Petechialtyphus ursprünglich den Namen bekommen hat, waren 
aber nicht Extravasatflecke, sondern evident Reseolaflecke, taehea ro- 
ses lenticulaires, lentiadaey und es war ganz der allgemeinen Auschau- 
ungsweise des Volkes angemessen, dass man die ganze Krankheit ein- 
fach durch den Namen des Exanthems bezeichnete. Masern, Schar- 
lach, Pocken sind Ausdrücke für den ganzen Krankheitsprozess und 
für das Exanthem gleichzeitig, obwohl sie ursprünglich nur für d.i^ 
letztere gelten. So sagt auch Fracastorius ganz bezeichnend: ^7r- 
hres illaff) vulgu-s lenficulas aut punrfirula appellaty quod maculas pro- 
fervnt lenticulü aut puncfuris pulimm J^t'mi/eft; quulam mufati^ Uteri -^ 
'peticulas dicunf. Das Volk nannte also die ganze Krankheit einfach 
Petechien (Fleckfieber). Hätte man diesen Namen beibehalten, so 
würde die ganze spätere Nosologie eine geringere Verwirrung erfaliren 
haben und es würde namentlich die exanthematische Natur der Krank- 
heit festgehalten sein. Jetzt stellt sich die Sache einfach so, dass 
nach meiner Definition Typhus dasselbe bedeutet, was man im 
16. Jahrhundert durch Petechien bezeichnete. Eine Restitution dieses 
alten Begriffs halte ich nicht für möglich, weil sonst eine allgemeine 
Confusion ausbrechen würde, aber es scheint mir wichtig, sich dar- 
über klar zu sein, dass wir durch das Ueberstürzen der nosoloici- 
schen Systeme, deren jedes aus sich heraus Dutzende von neuen er- 
zeugte, allmählich dahin gekommen sind, unter dem Namen Petechien, 
der ursprünglich die akute exanthematische Krankheit, welche wir 
jetzt Typhus nennen, bezeichnete, locale Extravasatflecke der Haut 
zu verstehen. Nachdem wir also früher gezeigt hatten, dass exan the- 
matischer Typhus ein Pleonasmus sei, glauben wir jetzt nachgewiesen 
zu haben, dass Petechialtyphus nichts mehr und nichts weni- 
ger, als eine Tautologie ausdrückt. 

Die nächste Frage, welche wir jetzt angreifen können, ist die 
nach der Identität des oberachlesischen Typhus mit dem von Hilden- 
brand beschriebenen contaglösen Typhus. Im Allgemeinnn hat die- 
selbe freilich keinen grossen Werth, denn mit demselben ReoJite 
könnte man die Identität des ersteren mit vielen anderen in der Lite- 


Oberschlesiscbe Typhus-Epidemie von 1848. 287 

ratur der Epidemien vertretenen Typhen besprechen; ich erwähne sie 
nur, weil man gerade darauf ein besonderes Gewicht gelegt hat. 
Lassen wir vorläufig die Contagiosität aus dem Spiel, auf welche wir 
sehr bald zurückkommen müssen, und halten wir uns an die Phäno- 
menologie der Hildenbr and 'sehen Epidemie, so glaube ich die 
Frage von der Identität entschieden verneinen zu müssen. Freilich 
mu88 ich hinzufügen, dass ich auch die Ansicht nicht theile, als sei 
der Hildenbrand 'sehe Typhus ein einfacher, oder wie wir sagen, 
ein petechialer gewesen. Nach Hildenbrand (lieber den an- 
steckenden Typhus, Wien 1810) traten nehmlich im 5. Stadium der 
Krankheit, welches nach seiner Eintheilung die zweite Woche nach 
dem Eintritt des Schüttelfrostes umfasste, Schmerzen in den Gedärnftn 
auf, die er als entzündliche betrachtet, immer mit Geneigtheit zu 
öfteren, flüssigen, sehr übelriechenden Stuhlausleerungen; Meteorismus 
war eine „unwandelbare" Erscheinung in diesem Zeitraum. Diese 
Angaben deuten entschieden aut eine Darmaffektion hin, und wenn 
man wirklich zugestehen wollte, dass es vielleicht eine einfach katar- 
rhalische gewesen sei, so dürfen wir doch nicht übersehen, dass unsere 
Epidemie Darmkatarrhe nur ausnahmsweise brachte und Meteorismus 
i;anz fehlte. Allein es wäre. auch nicht gerechtfertigt, wenn man bei 
dem unvollkommenen Zustande der pathologischen Anatomie zur Zeit 
Hildenbrand 's die Möglichkeit, dass wirkliche typhose Erkrankun- 
jren (die ja nicht nothwendig Geschwürsbildung zu setzen brauchen) 
der Darmfollikel, Mesenterialdrüsen u. s. w. vorhanden gewesen seien, 
i^^eradezu zurückweisen wollte; erinnern wir uns nur daran, dass 
ei<rentlich erst durch die Schrift von v. Po mm er (Beiträge zur 
näheren Kenntniss des sporadischen Typhus, Tübingen 1821) die 
Kenntniss der anatomischen Veränderungen, welche der Typhus an 
jenen Organen hervorbringt, in Deutschland angebahnt ist. — Hil- 
denbrand sagt femer (S. 72), dass „Betäubung, welche vollkommen 
der Trunkenheit glich, in verschiedenem Grade durch alle Zeiträume 
der Krankheit die vorzüglichste, hervorstechendste und beständigste 
Erscheinung" gewesen sei. In Oberschlesien gehörte diese Erschei- 
nung zu den grössten Ausnahmen; gerade der geringe Grad der 
Himaffektion, die vollkommene Freiheit der Denkthätigkeit war für 
die Epidemie charakteristisch. Typhomanie, ein Zustand der Gleich- 
gültigkeit gegen die Umgebungen, ein Träumen im halbwachen Zu- 
stande, ein Denken nach bloss innerer Erregung, so jedoch, dass auf 
i^tarke äussere Erregungen die Art der Aeusserung der eines aus dem 
Schlaf gestörten und halb erwachten Menschen gleicht, fehlten fast 
überall in Oberschlesien, wenn sie auch zuweilen vorkamen; bei Hil- 
denbrand gehörten sie zu denjenigen Erscheinungen, die er zu den 
wesentlichsten und beständigsten rechnet. — Diese Anführungen wer- 
den genügen, um die grosse Differenz zwischen dem oberschlesischen 
Typhus und der von Hildenbrand beschriebenen Epidemie zu zeigen. 
Es würden demnach von den im Anfang citirten Ansichten über 
ilie Wesenheit des oberschlesischen Typhus nur noch die beiden zu 
besprechen sein, ob es ein contagiöser oder ein Hungertyphus ge- 
wesen sei. Die Entscheidung darüber fällt zusammen mit den ätio- 


288 Volkskrankheiten und Seuchen. 

logischen Fragen, die gleichfalls im Eingange dieses Abscfanttes j^chon 
berührt worden sind, und wir wenden uns daher sogleich zu ihn*r 
Besprechung. 


Alle einheimischen Aerzte waren, wie ich erwähnt habe, darüber 
einig, dass die jetzige Epidemie sich der Form der Krank- 
heit nach von dem endemischen Typhus Oberschlesien? 
nicht unterschiede. Wir können uns auf eine genaue Debatit 
dieser Behauptung nicht einlassen, da uns alle Mittel dazu fehlen, 
inriess scheint mir bei einer im Allgemeinen so einfachen Vergleichunii 
die allgemeine und einmQthige Angabe einen hohen Grad von Glauh- 
wQrdigkeit zu haben. Nichtsdestoweniger werde ich auch die anderen 
Ansichten discutiren, zumal da der Mangel pathologisch-anatomischer 
Untersuchungen eine sehr grosse Lücke bildet. Diejenige Meinuru:, 
welche den Typhus aus der Ilungersnoth ableitete, sowie die, weh.he 
ihn durch Contagion von aussen her einschleppen liess, müssen natur- 
lich, wenn man die Identität des epidemischen und endemischen 
Typhus zugesteht, dahin abgeändert werden, die eine, dass der en- 
demische Typhus durch die Hungersnoth die epidemische Entwicke- 
lung gewonnen habe, die andere, dass diess durch gegenseitige An- 
steckung geschehen sei. Man muss dabei festhalten, dass die eine 
Ansicht die andere nicht ausschliesst. Die einheimischen Aerzte 
hielten auch den endemischen Typhus für ansteckend, und man konnte 
also daran denken, dass der Hunger die Epidemicität der Krankheit 
nur durch die Steigerung der Contagiosität bedingt hätte, oder im 
Gegentheil, dass der Hunger und das Contagium gleichzeitig die Zahl 
der Erkrankungen gesteigert hätten. 

Fangen wir mit der Contagion an. Als ich in die Kreise 
kam und einen der Aerzte nach dem andern erkranken sah, während 
alle Beobachter, Aerzte sowohl als Laien, die Ansteckung als eint 
bekannte und alltägliche Erfahrung hinstellten, dachte ich einen 
Augenblick kaum daran, nach Beweisen zu forschen. Allein ich 
erinnerte mich an die Discussionen, welche im Schoosse der Aaahmö 
de Medecitie zu Paris in den letzten Jahren über die Contagiositiit 
des gelben Fiebers und der Pest geführt worden waren, Discussionen. 
welche die durch Jahrhunderte alte Erfahrung scheinbar unwandelhar 
festgestellte Ansicht von der Ansteckungsfähigkeit dieser seuchen- 
haften Krankheiten bis in den Grund erschütterten und eine vollkom- 
mene Umwälzung in der Quarantäne- Gesetzgebung anbahnten; ich 
erinnerte mich an die Streitigkeiten über die Contagiosität der Cholenu 
— und ich erlaubte mir, den in Rybnik zu einer Conferenz versam- 
melten Aerzten die Frage vorzulegen und sie um nähere Beweise zu 
ersuchen. Es ergab sich, dass zwei Thatsachen als besonders be- 
weisende hingestellt wurden. Hr. Landrath v. Du ran t hat später 
die Güte gehabt, mir dieselben im Detail mitzutheilen, und ich wenle 
sie später so wiedergeben. Vorher muss ich aber noch einige Be- 
merkungen voraufschicken. 


Oherschlesische Typhus-Epidemie von 1848. 289 

Wenn es richtig ist, clasp der einfache Typhus in den ober- 
sihlesischen Kreisen endemisch ist, so müssen, wie sich das von selbst 
versteht, auch die Ursachen, die Bedingungen desselben örtliche, 
endemische sein. Jedermann, der sich unter diese Bedingungen ver- 
setzt, wird sich damit in die Lage bringen, die Krankheit zu bekom- 
men. Alle unter diesen Bedingungen lebenden Menschen, also ein 
mehr oder weniger grosser Bruchtheil der Bevölkerung befindet sich 
von vorn lierein in dieser Lage; jeder, der von ausserhalb hinzu- 
kommt, jeder Fremde, der unter die endemischen Bedingungen ge- 
bradit wird, gferäth in die Lage zu erkranken. Nehmen wir einige 
Beispiele. In Rom sind Wechselfieber endemisch, die Einwohner 
leitlen viel daran, jeder Fremde, der insbesondere Nachts die nöthigen 
X'orsichtsmaassregeln versäumt, kann Wechseltieber bekommen. In 
New Orleans entwickelt sich in gewissen Jahreszeiten das gelbe Fie- 
ber; jedermann, der zur rechten Zeit nördlichere Gegenden aufsucht, 
bleibt frei; jeder, der in die Stadt kommt, kann erkranken. Ebenso 
Ut es mit der Cholera in Indien, der Pest in Aegyten, den Tropen- 
riehern an der Guinea-Küste. 

Nun ist es eine Thatsache, dass insbesondere viele Aerzte, Geist- 
üclie und barmherzige Bruder in der Ausübung ihrer Berufspflicht 
in Oberschlesien erkrankt sind. Ich setze die Liste der mir bis jetzt 
bekannt gewordenen, in Oberschlesien erkrankten Aerzte hierher, in 
d(*r L\*borzeugung, dav«JS die medicinische Presse die Pflicht hat, die 
^^rossen Opfer, welche der ärztliche Stand der Gesellschaft mit den 
unschätzbarsten Gütern, seiner Gesundheit und seinem Leben bringt, 
ohne die Lorbeeren des Kriegers oder die Ordenszeichen der Diplo- 
in:iten erwarten zu dürfen, der öffentlichen Erinnerung zu erhalten: 

A. Einheimische Aerzte: 

1. Dr. Kries in Rybnik f« "2. Dr. Raschkow in Loslau. 3. 
Dr. Babel in Pless. 4. Dr. Chwisteck in Sohrau. 5. Dr. Boss 
in Sohrau. G. Wundarzt Preiss in Rybnik f. 7. Wundarzt Haber 
in Rybnik. 8. Dr. Goldmann in Rybnik. 9. Dr. Krieger in Ra- 
lihor t» 10. Dr. Lemonius in Beuthen. (IL Dr. Türk in Los- 
lau im Sommer 1847.) 

B. Fremde Aerzte: 

L Dr. Kuh, Prof. der Chirurgie zu Breslau, in Rybnik. 2. Dr. 
N<'Uinann, Secund;irarzt an der Pro vlncial- Irrenanstalt zu Leubus, 
in Radiin. 3. Dr. Biefel, Militär-Oberarzt zu Breslau, in Rybnik. 
4. Dr. Borchardt aus Breslau in Pless. 5. Dr. v. Frantzius aus 
DanziiT in Sohrau. G. Dr. Steinberg, Militär-Oberarzt zu Potsdam, 
in Rybnik. 7. Dr. Gl um, Pensionärarzt am medicinisch -chirurgisch. 
Friedrich-Wilhelms-Institut zu Berlin, in Rybnik. 8. Dr. Scholler, 
Pensionärarzt an derselben Anstalt, in Loslau. y. Dr. Dflmmler von 
J^«'rlin in Chelm. 10) Dr. Stich, Stadtarmenarzt zu Berlin, in Pless. 
11. Dr. Tichv von Berlin in Pless. 12. Dr. Mittmann, Militär- 
Oberarzt zu Olilau, in Rosenberg t 1»^- Dr. Ruhle von Berlin in 
Rybnik. — Dazu 14. Prinz Biron von Kurland, Delegirter des 
Breslauer Comit^s, in Rybnik f. 

R. Virchow, O'-ffontl. M -lirin. PJ 


•J90 V(ilk^;ki-M!ikli('iton iukI SiMirlicii. 

So nrnss diese trniiriii;e Liste ist, so 1)e\veist sie doch niclits fnr 
die (■(nUMi;iosität der Knudvheit. Und weim jeder einzelne der eiii- 
lieimisclieii und fremden Aerzte erkrankt wäre, so würde daraus allein 
noeli niehts lullen. Kann sieh nieht ieder, indem er die Kranken in 
iliren A\ ohinnii:eii aufsnelit, densell)en KrkrankuniXs-BediniinnLTen aus- 
«^a^setzt haljen, denen die Kranken erleiden waren? Wie, wenn eine 
Gesellschatt die AuiV)i)reruni^' hätte, dass jeder einzelne <laraus soim' 
Ilaiul in ein Feuer steekte, wüi'de man daim aus dem Umstände, 
dass je(ler eine Verhrenimnu' davon trüire, den Sehluss ziehen, dns> 
der zuerst verhrainite die fil)ri^en ani^esteekt liahe? Gewiss nirlit. 
Das Feuer wäre ansteckend, aber nieht. die Menschen. So laniif 
man dalier im Stande ist, die Krkj-aidcun^en der Aerzte aus der i)n- 
mäi'en, endemischen Ursache zu erklären, so lani:;c kann diese Tliat- 
saclie nicht als ein l^eweis für die Ansteckuniistahiiikeit der Krank- 
heit auiiescheu wer<len. 

Khenso verhält es sich mit den Geistlichen und hannherziiren 
]>rüdern. Alles, was man mir darül)er erzählt hat, ist nicht stich- 
haltiu". Ich ITdjre einige Beispiele an, wie sie mir mitüctheilt wur- 
den: Der l^t'arrer von Deutsch -AVeiidistd war am Typhus irestorhen, 
sein Airitshruder Franz Grossek von Staude üheruahm die Ord- 
imni:" seiner Hinterlassenschaft und die l>esori;unü" seiner Amts^e- 
schäl'te. Die dadurch hediniiten täirlichen und nächtlichen Anstren- 
.L;urii;en erschöpften ihn l)ald aufs Aeusserste und er fühlte sich seinen 
sehr krank, als er sich noch auf den Schlitten trafen liess, um den 
Erkrankten die Tröstunu'en der Keli^rion zu l)rin^(Mi. Am Taire da- 
nach h\üte er sich und starh nach /^ Taiien. (Viil. die lluni^erjiest 
S. 75.) Zwei harmherzii;"e Brüder, die ihn i;"cptlei;t, und der Pfarnn* 
von Czwiklitz, der ihn nochmals besucht hatte und ihm sehr be- 
freundet war, erkrankten bald darnach. — Ein jNIann aus der Pfarrei 
J^oi^uschowitz. der im Teschcnschen l)ei Freistadt, wo die Kranklieit 
schon epidemisch heri'schte, zur Arbeit ue^vesen war, erkrankte nacli 
seiiHM* lAÜckk(;hr und starb sehr schnell, nachdem er „ounz schwärz 
im Gesicht" geworden Avar. Der Pfarrer von Ji., der ihm die Sa- 
kramente i^creicht hatte, wurde i^lelch darauf befallen und starh in 
weniiieii Tai-en mit Petetschen. Der Winidarzt Preiss aus Kvbnik, 
der ihn behandelte, erkrankte darauf und erla^ der Krankheit: der 
Erzpriester Kuska von Kvbnik, der ihm religiösen Trost ii;espend<'t 
hatte, wurde nach einander von zwei Anfällen eines gastrischen Fie- 
bers befallen. - Der Erzj>riester von S(du*au, der vielen Kranken 
die Sakramente ^e^•eben hatte, erkrankte un<l starb nach 4 Taigen. 
Bei seiner Beerdii^uni;' strömte viel AOlks zusanmien. Einer von de- 
nen, die ihn i^etrai^en hatten, starb 3 Tage später. Unter denen, die 
ihm folgten, befand sich der Schmied von l^aranowitz mit seiner Frau. 
Letztere, die bis dahin gaii' \ )M gewesen war, erkrankte und starb 
in o Tagen, nachdem sie be.-uunnt ausgesagt, das habe sie von (h'r 
Leiche des Erzpi'iesters: der Mann erkrankte gleichfalls und hatte 
(^ine schwere Keconvalescenz. 

So (*rzählt(ui mir glaubwürdige, aber nicht ske])tische Mensclien. 
Uel)erall noch eine «»enaue Controle der einzelnen Thatsiichen aiizu- 


Oberschlesisrhe Typhus-Epidemie Yon 1848. 291 

stellen, war nicht mehr möglich; wo es indess geschehen konnte, da fan- 
den sich bald Ungenauigkeiten. So war es mir z. B. sehr aufEallend, 
da.«s in dem letzten Beispiel die Todesfälle so frühzeitige gewesen sein 
.sollten, da ich doch die Ueberzeugung gewonnen hatte, dass der Tod 
erst zwischen dem 9ten — 14ten Tage einzutreten pflege. Zufälliger- 
weise erinnerte sich Hr. Dr. Sobeczko, der den Erzpriester behan- 
delt hatte, dass derselbe schon am Mittwoch krank gewesen sei, sich 
jedoch erst am Sonntag gelegt habe und am Diensttage gestorben 
sei. Solche constatirte Ungenauigkeiten schmälerten die Sicherheit 
auch der übrigen Punkte bedeutend. Ueberdiess, wie konnte man 
es auch nur entfernt als sicher annehmen, dass die Ansteckung der 
Aerzte, Priester und barmherzigen Brüder gerade an diesem oder 
jenem bestimmten Kranken geschehen sei, da sie ja mit so vielen 
Kranken zu thun hatten? Es ist freilich nicht bloss bei Epidemio- 
ijjraphen, sondern auch bei den einzelnen Praktikern, die in Epidemien 
erkrankt sind, herkömmlich, davon zu erzählen, wie durch eine eigen- 
thümliche Erschütterung des Nervensystems, durch einen plötzlichen 
Schauder oder Ekel bei der Untersuchung eines bestimmten Kranken 
plötzlich das Gefühl, angesteckt zu sein, in ihnen klar geworden sei; 
allein ich kann dieses Gefühl nicht als einen naturwissenschaftlichen 
Beweis anerkennen. Ich bin mir keiner kleinlichen Furcht bewusst, 
wenn ich ansteckenden Kranken gegenüber trete, nur dass ich die 
Möi^lichkeit einer Ansteckung nie verlacht habe, allein ich erinnere 
mich sehr wohl und gerade aus der ersten Zeit, wo ich die ober- 
schlesische Epidemie studirte, mehrmals bei der unmittelbaren und 
nahen Untersuchung und Betastung der Kranken von einem solchen 
Schauder oder Ekel überfallen zu sein. Da ich ausserdem mehrere 
Tage lebhafte gastrische Beschwerden, Kopfweh u. s. w. hatte, so 
dachte ich geradezu an eine Erkrankung; wäre sie wirklich erfolgt, 
so wäre ich wahrscheinlich geneigt gewesen, sie von dem Augenblick 
des Schauders zu datiren. — Kann man nun also die Ansteckung 
von Aerzten und Geistlichen kaum je von einem bestimmten Kran- 
ken ableiten, so würde wieder nur die allgemeine Möglichkeit der 
Ansteckung überhaupt anzunehmen sein, und gegen diese gilt der 
Einwand der Endemicität der Ursache in der grössten Ausdehnung. 

In Sohrau sprach man geradezu von einer Einschleppung der 
Ki-imkheit aus. dem Wadowiczer Comitat in Galizien durch einen Han- 
dels] uden, Namens Prai^er. Die Krankheit desselben sei verheimlicht 
worden, sie habe sich durch Ansteckung auf andere jüdische Fami- 
lien fortgepfianzt, und ihre Existenz sei erst bekannt geworden, als sie 
sich von da auf andere Einwohner ausbreitete. Hr. Kreisphysikus 
Kunze hatte diesem Gerücht sogleich trenauer nachgeforscht und es 
hatte sich herausgestellt, dass zu der Zeit, wo der Jude erkrankte, 
schon ganze Häuser in Sohrau ausgestorben waren. So kann man 
sioli auf solche Erzählungen verlassen. 

Sehen wir uns jetzt die beiden als besonders beweiskräftig be- 
trachteten Beispiele an. Ich führe sie wörtlich ans dem Schreiben 
des Hrn. v. Du ran t an: 

19* 


2^)2 Volkskraiildiciten und Seiicheii. 

^Am 8. Decbr. 1847, nachdem der Typhus schon in den Dörfern Brodek un-i 
Ivuy in vielen Iläuserh, namentlich des letzteren Dorfes, grassirte, wurde in dem 
Porfe rarusrhüwilz eine Kuh gestohlen, deren Spur nach jenen Dörfern führte uii'l 
den Verdacht er<j^ab. die Diebe daselbst zu finden. Der Gensdarm Dolezych \^r- 
foli^to die Sjiur bis Brodek und arretirte daselbst den polizeilichen CVbservakn 
Job. Machel und alsdann in dem Dorfe Roy den polizeilichen Observaten Franz 
Chylla (die \Veiber und Kinder beider Männer lagen am Typhus krank) ui. i 
brachte diese beiden Arreslanlen in die Wachtstube des Rybniker Magistrats. \u 
der folgenden Nacht wiederholte er die Nachsuchung in dem Dorfe Roy und arrt- 
lirle die in voriger Nacht flüchtig gewordenen Martin Machel, Franz Moizka 
und Joseph Strongek, und lieferte sie in dasselbe Geflingniss ab. Drei dieMf 
Gefangenen wurden in das Gefängniss des Königl. Land- und Stadtgerichts zu 
llybnik gebracht, erkrankten am Typhus und steckten alle Inkulpaten daselbst an, 
von denen G hintereinander starben. In dem städtischen Gefängniss war der Ty- 
phus ebenfalls ausgebrochen und am 19. Decbr. erkrankte der Gensdarm Dole- 
zych daran, einige Tage sj)äter die Marktsoldaten Paczek und Swientek url 
der Stadtsergeant Walter, welche sämmtlich in der Wachtstube sich aufhielton: 
ausser ihnen erkrankten die Nachtwächter Franz SoUonz, CjttI Le sehn ig, Roeli 
und Jacob Rarz ellik, von denen der letztere starb. Alle hatten sich in «ier 
Wachtstube aufgehalten. Ich veranlasste die Desinfection und Reinigung dtr 
Wachtstube, nachdem die Gefangenen herausgebracht worden waren; von <len 
2 Frauen, welche die Reinigung vorgenommen hatten, erkrankte die Antonie Köoh 
am 2. Tage und die Marianne SoUonz am 4. Tage, wobei ich bemerke, d:i>> 
dieses die Frauen der Nachtwächter waren, welche schon am Typhus krank ge- 
wesen waren.** — 

„Auf der Colonie Paulsdorf wohnt der Schmied Pozimorski. Derselbe haii^^ 
eine Tante in Sohrau, welche am Typhus starb, und deren nächster Erbe er war. 
Das Erbtheil bestand aus einem Gebett Betten, in welchem die Verstorbene gestor- 
ben war. Pozimorsky nahm die Betten nach Paulsdorf und hing sie auf lieii 
Boden; nach einigen Tagon nahm er sie aus Besorgniss, sie möchten ihm dort t:^- 
stöhlen werden, herunter und legte sie in seiner Stube hinter den Ofen. In il«^: 
einen Nacht benutzte der Sohn des Pozimorki diese Betten als Lager, erkrankt*- 
bald darauf am Typhus und binnen H Tagen wurden 7 Häuser der bis dahin voll- 
kommen gesunden Colonie angesteckt". — 

Diese auf den ersten Blick sehr beweiskräftig aussehenden Fälle 
ertra|>en doch eine strengere Kritik nicht. In der ersten Gruj)pe 
sehen wir, dass 5 Leute aus Dörfern, in denen Typhus herrschte, 
und von iliren selbst erkrankten Familien weg nach ßybnik gebracht 
und theils in die städtische Wachtstube, theils in das Gerichts-Ge- 
fän^niiss gesetzt werden. Dort kommen sie mit Nachtwächtern, Stadt- 
soldaten u. 8. w., hier mit anderen Gefangenen in Berührung. Sie 
sowohl, als diese anderen erkranken. Nachher wird das Gefangnl>> 
von Frauen der erkrankten Naclit Wächter gereinigt und diese erkran- 
ken wie<lerum. Das ist die Tluitsache; der Schluss daraus ist, das^ 
jene 5 Leute schon zu Hause sich angesteckt oder von da ein Con- 
tagium mitgebacht haben, dass sie diess auf alle mit ihnen in Berfili- 
•ung gekonimnen Personen Hbertragen haben und dass das Conta- 
^um sich in dem Gefängniss so festgesetzt habe, dass noch die mit 


Oberschlesischo Typhus-Epidemio von 1848. '2^3 

der Reinigung depselben beschäftigten Fmiien von demselben ergrif- 
fen wurden. Dieser Schluss ist vollkommen willkOrlich. Es ist nicht 
bewiesen, dass jene 5 Leute ihre Krankheit schon mitgebracht haben, 
sondern es ist sehr gut möglich, dass sie dieselbe, ebenso wie die 
nbrigen Inkulpaten, erst in dem Gefengniss contrahirt haben. Wäre 
tiainals in Rvbnik noch kein Typhus gewesen, so könnte man von 
«lieser Möglichkeit eher absehen. Allein nach den ICrkundigungen, 
<lie ich darüber eingezogen habe, war z. B. schon bei einem Schorn- 
steinfeger und bei einem Buchdrucker das ganze Haus erkrankt; in 
<ler letzteren Familie war zuerst Frau und Tochter krank gewesen, 
später hatte sich der Vater, der sie gepflegt, gelegt und war gestor- 
ben. Ebenso wenig sieht man ein, warum die Nachtwächterfrauen 
irerade in dem Gefängniss sich angesteckt haben sollen, da sie ja zu 
I lause bei ihren kranken Männern die beste Gelegenheit dazu hatten. 
Die Sclinelligkeit, mit der sich hier Ansteckung und Krankheit ge- 
folgt sein sollen, widerspricht fiberdiess allen übrigen Erfahrungen. 
Dass endlich die Nachtwächter und Stadtsoldaten gerade in dem Ge- 
ffingniss und von den Gefangenen ihre Krankheit empfangen haben, 
ist sehr zweifelhaft, da sie ja ebenso gut ohne eine solche Berührung 
erkranken konnten, als es anderen Einwohnern von Rvbnik wirklich 
begegnet ist. — Der zweite Fall ist noch weniger überzeugend. Der 
Schmied hatte nicht den Typhus bekommen, obwohl er die Betten 
von Sohrau geholt hatte; seine Familie war frei davon geblieben, ob- 
wohl die Betten hinter dem Ofen in der Stube laij:en. Dass der 
Sohn erkrankte, bald nachdem er auf den Betten eine Nacht ge- 
schlafen hatte, und dass dann in 3 Tagen 7 Häuser inficirt wurden, 
daraus folgt doch nicht, dass nun der Sohn von den Betten und die 
übrigen Bewohner der Colonie in einer so kurzen Incubationszeit von 
<lem Sohne angesteckt worden sind. Beweisen lässt sich das doch 
auf keine Art. 

Wenden wir uns daher zu einem anderen Kriterium der Conta- 
ifiosität. Fast bei allen Contagien, insbesondere aber bei den exan- 
thematischen Krankheiten, besteht ein Incubationsstadium von im 
Allgemeinen constanter Dauer. Es entstand also die Frage, ob ein 
solches Stadium der Latenz der Krankheit bei dem oljerschlesischen 
Typhus nachzuweisen sei. Meine Nachfragen bei den Aerzten schie- 
nen Anfcmgs darauf hinzudeuten, dass diess wirklich der Fall sei und 
dass die Incubation etwa 14 Tage bis 3 Wochen betragen habe. 
War diess richtig, so hätten sich ähnliche Verhältnisse herausstellen 
müssen, wie sie von Panum (Dies. Archiv I. S. 49'2) mit so vielem 
Glücke für die Masemepidemie auf den Färoern nachgewiesen sind, 
wenn es sich auch nicht erwarten Hess, dass sie in einer solchen 
Reinheit hervortreten würden, da die Verkehrszustände viel mannich- 
faltiger und eine Kreuzung der Ansteckungen nicht abzuleugnen war. 
Im Allgemeinen hätte man aber erwarten können, dass bei einer 
I4tägigen Incubation die Erkrankungen in den einzelnen Familien 
oder Häusern immer mit einem Zwischenraum von 14 Tagen hätten 
geschehen müssen, vorausgesetzt, dass man nicht die Krankheit wäh- 
rend ihres ganzen Verlaufs für ansteckend hätte halten wollen, in 


294 Volkskrankheiten und Seuchen. 

welchem Falle eine Entscheidung gar nicht zu erwarten, eine Üntor- 
suchung überhaupt unmöglich war. Die orstere Yoraussetzunii v(»ii 
einem Htägigen Zwischenraum zwischen den Erkrankungen konnte- 
ich in den Häusern nicht bestätigen; die Erfahrungen über die Er- 
krankung der fremden Aerzte widersprachen ihr direkt, denn z ll. 
Hr. Biefel war Oberhaupt nur 9 Tage (vom 19. bis 27. Febr.) in 
dem Kreise gewesen, als er erkrankte. 

Es sind endlich die Thatsachen zu erwähnen, welche gegen die 
Contagiosität direkt sprechen. Wie ich schon sagte, so erklärten die 
einheimischen Aerzte den oberschlesischen Typhus auch der früheren 
Jahre für contagiös. Hr. Haber, der seit 11 Jahren die Kranktn 
der Knappschaftsbezirke von Rybnik im Lazarett und zu Hause Im - 
handelte, leugnete die Möglichkeit einer Ansteckung an der Lei(*ii»\ 
einer Verschleppung der Krankheit durch Kleidungsstücke u. 5. w. 
durchaus, und erklärte sich nur für eine Uebertragung der Krankheit 
von Mensch zu Mensch in den Wohnungen der Leute, da er es mv 
erlebt habe, dass in dem Lazarett, wo die verschiedenartigsten Kran- 
ken mit Typhösen aller Stadien in gemeinschaftlichen Räumen la^rcn, 
eine Ansteckung erfolgt sei. Bis zu meiner Abreise von Sohrau \\;\y 
die letztere Thatsache auch für das dort eingerichtete Lazarett gulii::: 
zwischen den Typhösen lagen auch einige andere Kranke, z. B. einer 
mit erfrorenen Füssen, allein keiner von ihnen wurde von der Krank- 
heit befallen.*) Nun ist es aber leicht ersichtlich, dass die Annahme 
einer Contagiosität bloss innerhalb der Wohnungen ganz willkürlieh 
ist. Es ist das bloss die ontologische Formel für die Thatsache, ihu-> 
eine Uebertragung von Mensch zu Mensch nicht beobachtet ist, .<< wi- 
dern dass der Aufenthalt in einer Wohnung, wo Menschen erkrankt 
sind, die Krankheit hervorrief. Diese Thatsache ist aber vielmehr 
ein Beweis gegen die Contagion und für die Endemicität der Ur- 
sache. — Mehrere der erkrankten Aerzte haben sich frnhzeitiir nach 
anderen Orten begeben und ihre Krankheit in Breslau, Liegnirz, 
Berlin durchgemacht. Bis jetzt weiss ich nichts davon, dass sich von 
ihnen die Krankheit irgendwie an diesen Orten ausgebreitet hätte. 

Fassen wir Alles zusammen, so können wir also nur sagen, (h-- 
bis jetzt keine Thatsachen vorliegen, welche die Con- 
tagion beweisen, dass vielmehr bestimmte Erfahruniren 
dagegen sprechen und fast alle darauf bezogenen Vorgänire 
sich durch die Endemicität der Krankheitsursache erklären. 
Leider sind die Aerzte immer noch zu wenii' an die naturwi?5en- 
schaftliche Methode gewöhnt, dem Autoritätenglauben und einer 
zweifelhaften Wahrscheinlichkeitsrechnung zu sehr ergeben, als da.^^ 
sie an eine genaue Analyse der Beweise gingen. In den Natur- 
wissenschaften ist es Gebrauch, und das ist der einzig logische Wej. 

*) Hr. Dr. Stich, d«'r lAn-n von Ph'ss zurüekki'hii , erzählt mir, da^s in -i-: 
Lazart'tt in der Uechh^wska l)ei Pless eine Elisabethinerin am Typhus »Mkninki ^' 
die nur mit den Kranken umi^^eiran^^'n sei. Das värc die erste, mit b- stim!"i- •* 
für Contatrion sprechende Thatsache, wenn sie sich in ihrem letztern Theil durch; .-^ 
bestätigt. 


Oberschlesische Typhus-Epidemie von 184 8. 295 

<la88 Alles, was nicht bewiesen ist, unberücksichtigt bleibt; in der 
Medicin stellt man sich an, als ob Alles, was nicht widerlegt ist, 
richtig sei und Berücksichtigung verdiene. Nirgends macht sich dieser 
Grundsatz breiter, als in der Lehre von den contagiösen Krankheiten, 
und es kostet die härtesten Kämpfe, die Gegner Schritt vor Schritt 
von ihrem angestammten Terrain zu vertreiben. Gehen doch die 
nie<licinischen Geschichtsforscher in dieser Vertheidigung der Alten 
so weit, dass sie die willkürlichen Annahmen von Schriftstellern, die 
vor 3 oder mehr Jahrhunderten schrieben, über die mühevollen Er- 
fuhrungen neuer Beobachter stellen, als ob die Autorität von Aerzten, 
welche die Schwin